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Girl Parts – Auf Liebe programmiert

JOHN M. CUSICK

GIRL PARTS -
AUF LIEBE    
PROGRAMMIERT

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Küper

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Wanda
und
für Sarah

The way your smile just beams,
The way you sing off key,
The way you haunt my dreams –
No, no! They can’t take that away from me!
Ira Gershwin

Always let your conscience be your guide.
The Blue Fairy

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0.

Der Raum war leer und schwarz bis auf das blaue Auge des Computers und den gelben Spalt unter der Tür. Im Dunkel zeichneten sich Umrisse ab – die Kommode, ein Tisch, ein Bett mit Nachttisch daneben. Das Bett sah benutzt aus, die faltigen Laken waren voller Krümel und Flecken von Tinte, Cola, Kaffee. Die Kuscheldecke mit Mond-und-Sterne-Muster lag zerwühlt am Kopfende, zusammen mit einem abgewetzten Teddybär und einem Mary-Poppins-Kopfkissen, von dem sich die Glitzerapplikationen gelöst hatten. Bücher und Zeitschriften steckten in der Ritze an der Wand, dazu zahllose Socken, zusammengeknüllte Unterwäsche, verlorene Stifte, Papierfetzen und geheime Tagebücher, deren mit Ticketabschnitten und Fotos beklebte Seiten auseinanderklafften.

Es war still. Die analoge Uhr machte Tick.

Wie auf ein Stichwort öffnete sich die Tür, Licht fiel auf die Poster an der Wand – Monroe, Dean, Bogart und die tragisch gestorbene Entwistle1. Ein Mädchen in zerknittertem Schlafanzug schlurfte herein, die Hände voll beladen. Sie schloss die Tür, sperrte das grellgelbe Licht aus, und lud ihre Last auf dem Tisch ab. Sie drückte auf die Taste des Flachbildschirms. Der Computer summte. Das blaue Auge sah zu.

Sie stellte den mit Eiswürfeln gefüllten Mixer und die Literflasche Cola beiseite. Den dritten Gegenstand, klein und kompakt, platzierte sie vor sich wie eine Opfergabe.

»Ich möchte mich bei euch allen bedanken«, sagte sie zu dem Auge. »Ich kann euch gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, dass ihr heute Abend gekommen seid.«

Das Mädchen war schmächtig, schmales Gesicht, blasse Haut und schwere Augenlider. Ihre Haare waren schlaff, mit schockroten Strähnchen eingefärbt, nass jetzt und von einem Haargummi hinten zusammengehalten. Eine Strähne hing ihr über die Wange. Ihre Fingernägel, unlackiert und abgekaut, waren noch weich und weiß vom Duschen.

Sie griff unter den Tisch, um den Mixer an die Steckdose anzuschließen, und ihre Schlafanzugjacke schob sich am Rücken nach oben. Draußen erwachte ein kleiner Vogel in einem Baum und entdeckte das himmelblaue Leuchten im Raum. Flügelschlagend flog er los, prallte mit einem verhängnisvollen Knacken gegen das Fenster und fiel tot in die Dunkelheit. Das Mädchen setzte sich aufrecht hin – sie hatte nichts bemerkt –, zog ihre Schlafanzugjacke zurecht und öffnete das kompakte Fläschchen. Sie kippte zweihundert dunkelrote Tabletten in den Mixer und goss die Cola dazu. Die Messer rotierten und verquirlten die Mixtur zu einer süßen, breiigen Masse. Sie schüttete das Gebräu in ein großes Trinkglas und nahm einen Schluck. Es schmeckte wie Cola-Slush.

Sie klickte mit der Maus. Ein beliebter alter Film begann. Sie sah zu und trank schluckweise, die Knie an die Brust gezogen. Der Name des Stars erschien in großen Lettern auf dem Bildschirm, und zugleich öffneten sich wie träge Augen die Läden eines Fensters, das auf die Straße einer Stadt schaute. Während sich jene Augen öffneten, fielen die des Mädchens zu, und sie spürte, wie ein warmes Gefühl der Schwere sie durchdrang. Ein letzter großer Schluck, und sie kletterte in ihr geliebtes Bett und zog sich die Kuscheldecke bis unters Kinn. Sie schlief, bevor der Vorspann zu Ende war, und zu dem Zeitpunkt, als ein halbwacher Jimmy Stewart auftauchte, stand ihr Herz still.

Das blaue Auge glotzte. Nach zehn Minuten beendete es die Aufnahme. Einer nach dem andern loggten sich die 750 Zuschauer aus. Die Show war vorbei. Es war der bisher meistbesuchte Videoblog des Mädchens.

An dem Abend, als Nora Vogel starb, fiel in Westtown, Massachusetts, der Strom aus. Überall von der Route 290 südwärts bis zum Lake Olive wurde es finster. Fernseher blinkten, und Computer hielten den Atem an. Die große Übersichtskarte im Elektrizitätswerk schaltete ab. Die Stromversorgung war unterbrochen, und Punkt um Punkt erloschen die bunten Birnchen, die die Häuser von Westtown zeigten, wie Weihnachtslichter.

David Sun lebte in einem der großen Häuser an der Westküste des Horizon Lake. Er hatte Ausgehverbot, weil er geraucht hatte. Seine Mutter hatte das Geheimversteck hinter dem Wäschekorb im Gang entdeckt, deshalb war David allein zu Hause und schaute sich Narbengesicht auf Retrovid.com an.

Davids Computer war ein Sony Triptych, eines der Geräte mit Dreifach-Monitor und eingebauter Spiraltechnologie. Davids Vater hatte den Triptych erfunden, und seine Firma, Sun Enterprises, verkaufte sie. Jeder Monitor tastete die beiden jeweils anderen ab und reagierte auf sie. Wenn David also auf Monitor 1 eine Bildsuche nach dem neuen Cadillac Pinnacle startete, erschienen auf Mon2 die jüngsten Statistiken der Fachzeitschrift Gearhead’s. Mon3 antwortete mit einem Video von Gearhead’s Topmodel, Cynthia Sundae, in dem sie im Bikini einen Caddy wusch, worauf Mon1 mit Kondomwerbung antwortete. So ging es reihum, immer und immer weiter.

Link für Link brachte der Triptych David von Narbengesicht zu Al Capone, James Cagney, James Dean und zuletzt zu StarryEyedStranger.blogspot.com. Nora starb auf Monitor 2. Das Bild war so scharf, dass David das Flattern ihrer Augenlider erkennen konnte.

Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte (die Monitore sehr wohl: Mon1 blendete eine Internetseite von Schnelle-Ärzte-für-kleines-Geld ein). Er beschloss seinen Freunden zu mailen, um zu erfahren, ob sie es auch gesehen hatten, und um zu hören, was sie davon hielten. Aber genau in diesem Moment brach die Stromversorgung zusammen, die gelbe Schreibtischlampe erlosch und gab den Geist auf. David war allein im Dunklen.

Auf der anderen Seite des Sees stand Charlie Nuvola am Strand und starrte auf das blendend helle Licht von David Suns Haus am gegenüberliegenden Ufer. Charlie hielt eine Wildlederjacke in den Armen. Das gediegene Leder roch unbestimmt nach Sojasoße und dem fruchtigen Parfüm einer Person, von der er aufrichtig hoffte, sie nie wiederzusehen. Er wusste nichts von Nora Vogels Selbstmord. Er besaß nicht mal einen Computer. Er wollte einfach nur allein sein.

Und während er hinüberblickte, wurde es dunkel in den Häusern am Westufer. Ein Stromausfall. Charlie sah etwas Prophetisches darin. Sein Haus war von der Energieversorgung abgeschnitten. Der Generator summte weiter, und Charlie verspürte eine enge Verbundenheit mit der einsamen Verandaleuchte, die in seinem Rücken selbstgenügsam vor sich hin brannte.

Plötzlich gab es einen Schlag. Der Generator röchelte, die Verandaleuchte ging aus, und der Garten verdunkelte sich. Er blieb im Finstern stehen, bis sich seine Augen angepasst hatten, und er die blauen Sterne sehen konnte. Sie blinzelten.

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1. Charlie und David

Noch bevor Nora und die Stromleitungen tot waren, vermengten sich Charlies und Davids Leben miteinander wie Pigmente auf einer Farbpalette.

Charlie und David lebten an zwei Seiten desselben Sees, Horizon Lake, der kein echter See, sondern ein künstliches Staubecken war. Horizon Lake war fünf Kilometer lang und knapp zwei Kilometer breit und markierte das Zentrum von Westtown. Am Westufer standen Villen, am Ostufer Bäume. Die größte Villa gehörte den Suns. Es war ein viergeschossiger Glaspalast, wie eine Puppenstube in der Mitte aufgeschnitten, sodass die Familie im Inneren des Hauses stets sichtbar war. Bei Nacht löschte das Haus der Familie Sun, getreu deren Namen, die Sterne aus, indem es seinen weißen Schatten übers Wasser warf.

Die Westufer-Bewohner hatten schon vor langer Zeit das Land am Ostufer aufgekauft, damit ihnen keine hässlichen Häuser den Ausblick verschandelten. Das einzige Grundstück, das sie nicht kaufen konnten, gehörte einem Botaniker und seiner Frau – Charlies Eltern. Das Stück Land war seit Jahren in Familienbesitz, und sie waren um keinen Preis bereit, es aufzugeben. Die Nuvolas hatten einen alten Stadtplan von Westtown an der Wand ihrer Bude hängen lassen. Charlie hatte einmal berechnet, dass, wenn er den Plan in der Mitte zusammenfaltete, Egg Lake im Süden und Olive Lake im Norden aufeinander zu liegen kamen, und ihm gefiel die natürliche Symmetrie. Wenn er den Plan in die andere Richtung faltete, kamen Charlies und Davids Haus zusammen wie Ober- und Unterteil eines Druckknopfs.

David und Charlie besuchten beide die katholische Jungenschule jenseits der Route 290. Saint Sebastian ging vom sechsten bis zum zwölften Jahrgang. Charlie gehörte zu den seltenen Fällen, die in der neunten Klasse dazustießen und so einen Klassenverband aufbrachen, der seit drei Jahren gleich geblieben war. Saint Seb rühmte sich alternativer Erziehungsmethoden. Anstatt im Laufe des Tages von einem Unterrichtsraum zum nächsten zu wandern, blieben die Schüler jeweils an einem festen Tisch sitzen, wo sie via Computer an webbasierten Kursen teilnahmen und jeder seinem individuellen Tempo gemäß voranschritt. Das Ganze entsprach der Richtlinie des Direktors, »junge Menschen auf den modernen virtuellen Arbeitsplatz vorzubereiten«.

Die Schule war nach dem heiligen Sebastian benannt, der angeblich einen Beschuss mit tausend Pfeilen überlebt hatte. Manchmal fühlte sich Charlie ihm seelenverwandt.

»Charlie Freak im Anmarsch.«

»Hey, da ist ja Mr Magoo! Hallo, Magoo!«

»Spasti-Charlie. Hast du die Brille da ’ner alten Dame abgeknöpft oder was?«

Charlie Nuvola war seltsam. Er sah seltsam aus; er benahm sich seltsam; er interessierte sich für seltsame Dinge. Und am schlimmsten war, dass er anscheinend nicht merkte oder sich nicht darum scherte, wie seltsam ihn alle anderen fanden.

Charlie war ein Frühzünder. Im Sommer nach der achten Klasse machten sich stachlige, fettige Haare auf seiner Oberlippe breit, und zu Beginn der neunten Klasse überragte er als langer Schlacks seine Klassenkameraden. Von seiner Mutter hatte Charlie eine krause Masse dunkler Haare geerbt, die sich wie eine Sturmwolke auftürmten, wenn er sich vorbeugte und mit seinem Brummbass eine faszinierende Artischockensorte beschrieb, die soeben in Guam entdeckt worden war.

Beim Mittagessen saß Charlie allein und las die neueste Ausgabe von Botanica oder einen seiner abgegriffenen Danny-Houston-Romane (eine Serie aus den Sechzigern über einen verwegenen Jungen, der von einem Hubschrauber aus Verbrechen löste). Die Jungs vom Nachbartisch wetteiferten darin, wer es schaffte, die meisten Pommes in Charlies Haaren zu landen, bevor er sie geistesabwesend wegwischte. David Sun war amtierender Meister.

Der Einzige, der Charlie freundlich entgegentrat, war Trainer Brackage, der das armselige Basketballteam der Schule leitete. Charlie wurde für eine Saison angeworben, allerdings waren seine Würfe, auch wenn er groß war, unkontrolliert und halbherzig.

»Konzentrier dich, Junge!«, brüllte der Trainer. »Lass die Augen oben! Und lauf nicht, als würdest du Schwimmflossen tragen, Himmel, Arsch und Wolkenbruch!«

Als die Basketballsaison vorüber war, freute sich Charlie, dass er seine Nachmittage wieder für sich hatte. Er lief gerne den von Brombeergestrüpp flankierten Weg hinter der Schule entlang, weg von dem grellen Parkplatz, wo David Sun und seine Freunde halb aus ihren Autos heraushingen und Musik aus den protzigen Kugellautsprechern dröhnte. Der Weg führte in den Wald. Dorthin passte Charlie. Er setzte seine großen Füße mühelos zwischen Felsen und knorrige Baumwurzeln, und das Geäst fing gerade so hoch an, dass er darunter hindurchgehen konnte, ohne sich zu bücken. Die schwerfällige Biene, unter der sich die Lilie beugte, das träge Glitzern einer sonnenbeschienenen Stelle, wenn eine Wolke darüber hinwegzog, das ferne Summen von Libellenflügeln – jeder Zweig, jeder Käfer und Kieselstein, alles war in einem großen Plan miteinander verbunden. Das war Charlies Utopie: eine Welt ohne Menschen.

David Sun folgte seinem Instinkt, wenn es um soziale Anpassung ging. Er hatte zwei beste Freunde, John Pigeon (genannt Clay) und Artie Stubb. Clay, Artie und David hatten seit dem sechsten Schuljahr zusammengesessen. Die Reihe wechselte zwar von Semester zu Semester, aber die Pigeon-Stubb-Sun-Phalanx selbst wurde nie gebrochen. Die Ankunft von Charlie Nuvola und einem weiteren Jungen, Paul Lampwick, im neunten Schuljahr drohte Clay allein hinter der zweiten Reihe stranden zu lassen, aber ein Umsetzen in letzter Minute stellte die natürliche Ordnung wieder her. Trotzdem mochte das Trio Nuvola und Lampwick nicht, denn beide waren keine Stammschüler, sondern mit einem Stipendium für Bedürftige auf die Saint Seb gekommen. David, dessen Vaters Bildschirme auf jedem Arbeitstisch im Gebäude thronten, verachtete Stipendiaten ganz besonders.

Die Mädchen mochten David. Er hatte eine Freundin gehabt – eine bildhübsche Blondine, ein Jahr älter als er, Star jeder Theateraufführung an der Schule –, bis sie ihm am Labor Day den Laufpass gab. Er war fremdgegangen. Es war auf Nantucket passiert, das nach Davids Vorstellung außerhalb der Staatsgrenzen lag, weshalb er dort auch Narrenfreiheit hatte. Es war unbefriedigend gewesen. Die Mädels von Nantucket tanzten wild, aber sie waren zu wie Austern, sobald David sie alleine vor sich hatte. Zwei ließen sich mit den Dampfschwaden von Marihuana knacken, das er beim örtlichen Hippie erstanden hatte, aber er kehrte immer noch als Jungfrau nach Hause zurück. Sie ließen ihn nicht mal über die dritte Dating-Stufe hinauskommen. Später prahlte er vor Clay und Artie, nur um festzustellen, dass das Stufensystem von Region zu Region variierte, und im westlichen Massachusetts hatte David demnach mit Ach und Krach die zweite Stufe geschafft.

»Ah, mach dir nichts draus, Little Dog«, sagte Clay und legte David einen Arm um die Schulter. Trotz seines Übergewichts hatte Clay irgendwie immer eine Freundin an der Hand und gefiel sich darin, Ratschläge zu erteilen. »Du musst sie dazu bringen, dass sie will, verstehst du? Du musst mit der Hand an ihrer Seite rauf- und runterfahren, verstehst du, und dann streifst du so mit dem Daumen …«

»Himmel noch mal, Clay«, sagte Artie und drückte seine Zigarette aus. »Willst du mich zum Kotzen bringen?«

»Ich versuche unserm Jungen zu erklären, wie er eine anständige Portion Titten zu fassen kriegt …«

»Eine Portion Titten?« Artie hielt seine Hände so, als formte er eine Schüssel. »Titten sind nichts, was man in Portionen aufteilen kann. Titten kannst du nicht in Mengenangaben messen.«

David lachte, aber Clay schüttelte lediglich den Kopf. »Und was ist mit Melonen? Schönen, saftigen Warzenmelonen

Das haute alle drei um, und sie wälzten sich tatsächlich auf dem Gehweg vor dem Pavillon wie ein Haufen Penner. Es war ein guter Abend.

Dann kam der Nachmittag im September, zwei Wochen vor dem Stromausfall. Charlie fuhr mit dem Zehngang-Fahrrad von der Schule nach Hause, stellte das rostige Teil neben dem seines Vaters ab und zog die quietschende Fliegengittertür auf.

Charlie lebte alleine mit seinem Vater, Thaddeus, der als Professor der Clark University einen Forschungsurlaub von unbestimmter Dauer genommen hatte. Thaddeus’ Leidenschaft war die Pflanzenwelt von New England, und er verbrachte Stunden im Garten, wo er über Pflanzen brütete. Wie Charlie war auch Thaddeus groß gewachsen. Er hatte einen langen Bart und buschige Augenbrauen, was manche Leute an jene kitschigen Kerzen erinnerte, die Waldgeister darstellen sollen. Von Natur aus zerstreut, konnte er stundenlang mit seinem Feldbuch in einer von Giftefeu bewachsenen Stelle hocken, um dann ins Haus zu kommen und vor sich hin zu murmeln: »Wo habe ich die Salbe gegen Ausschlag hingeräumt?«

Charlie ließ seine Tasche an der Tür fallen. Im Spülbecken klebte Kaffeesatz, auf dem Tisch lagen Bleistiftspäne. Daraus schloss Charlie, dass sein Vater zu Hause war und sich wahrscheinlich mit dem Kreuzworträtsel beschäftigt hatte. Er legte die Hand ans Kinn (genau wie Danny Houston) und überlegte, was ihn davon weggelockt haben mochte.

Die rauschende Klospülung löste das Rätsel.

»Hallo, Kumpel, was gibt’s Neues?«, sagte Thaddeus und tauchte mit der Klorolle unterm Arm aus dem Bad auf.

»Nichts.«

Charlie leerte sein nachmittägliches Glas Milch in drei Zügen, dann machte er es sich auf dem Sofa bequem. Benommenheit legte sich auf ihn, als wäre sie eines der muffigen Sofakissen. Egal, wie hellwach er beim letzten Klingeln in der Schule war, das behagliche Zuhause wirkte wie Äther und machte ihn bewusstlos bis zum Abendessen. Wenn der Wald sein natürlicher Lebensraum war, dann war das Nuvola-Haus mit seiner Holzverkleidung und den Stapeln von Taschenbüchern und Zeitschriften sein sicherer Bau. Hier, unerreichbar für alle, konnte ihm nichts etwas anhaben.

»Jetzt bin ich mit meinem Latein am Ende«, sagte Thaddeus; er meinte das Kreuzworträtsel. »Was ist ein Wort mit sechs Buchstaben für wahrer Freund? Fängt mit K an?«

Charlie murmelte eine Antwort. Er taugte nicht für Wortspielereien.

Durch seine wachsende Schläfrigkeit hindurch spürte er, dass sein Vater ihn musterte. Er öffnete die Augen. Thaddeus saß im Lehnsessel und beugte sich mit gefalteten Händen vor. Auf solche Weise hatte Charlie seinen Vater nicht klassifizierte Blütengewächse anstarren sehen. Charlie fühlte sich unwohl.

»Also, ich hatte heute meinen Termin mit eurer Schulpsychologin.«

»Aha?«

»Die Testergebnisse sind reingekommen.«

Am ersten Schultag gab Saint Seb »Profilbögen zur Persönlichkeitserfassung« aus. Zehn Seiten mit Fragen wie: »Wenn Sie ein Löffel wären, was für einen Griff hätten Sie?«

»Die Psychologin, Dr. Lightly, sie hat mir gesagt, deine Testergebnisse legten eine Persönlichkeitsstörung nahe.« Thaddeus rieb sich die Hände, seine Stimme klang beiläufig, als unterhielten sie sich über den jüngsten Artikel in Botanica. »Man glaubt, du hast Depressionen.«

»Halt mal, was? Was willst du damit sagen?«

»Sie hat Fixol ins Gespräch gebracht.« Thaddeus kratzte sich an der unbehaarten Hautpartie unter seinem rechten Auge. Fixol war ein gängiges Antidepressivum.

Depressionen. Das Wort setzte sich wie ein Deckel auf Charlies Gehirn. Und die Art, wie sein Vater es ihm unterschmuggelte, es in ihre sichere Höhle trug und mit bestenfalls milder wissenschaftlicher Neugier fallen ließ. Charlie wurde übel. Thaddeus legte ihm eine Hand aufs Knie. Sein kleiner Finger war mit Druckerschwärze und Graphit verschmiert.

»Das … kann nicht stimmen.« Charlie schluckte. Er hatte das Gefühl, als wäre ihm eine Walnuss im Hals stecken geblieben.

»Fühlst du dich deprimiert?«

»Ich … weiß nicht.«

Thaddeus atmete aus, sein Oberlippenbart flatterte. »Gut, denk drüber nach. In Ordnung, Kumpel?« Er gab Charlie einen Klaps aufs Knie und erhob sich aus seinem Lehnsessel.

Charlies Mutter hatte immer gesagt: »Normalität folgt dem Weg des geringsten Widerstands.« Charlie war der Meinung, er selbst hätte sich – auf einer bestimmten Ebene – entschieden, anders zu sein, aber was, wenn er damit falschlag? War er denn nicht glücklich? Manchmal zumindest? Im Wald? Allein? Ein Test konnte das doch nicht bestimmen, oder?

Plötzlich bekam er keine Luft mehr. Schwärze drang auf ihn ein, erfüllte seine Nase und seine Ohren. Es war, als würde er ertrinken. Er drehte sich auf den Bauch und erbrach auf den Fußboden.

»Alles in Ordnung?« Thaddeus kam eilig zu ihm. Charlie war grün im Gesicht. »Tut mir leid, mein Lieber. Die Milch hätte ich schon vor einer Woche wegwerfen sollen.«

In dieser Nacht wälzte sich Charlie bis drei hin und her. Er ging an seinen Schreibtisch, knipste das Licht an und schrieb eine Liste der Augenblicke, in denen er im Lauf eines Tages glücklich war. Dann verfasste er eine Liste der Augenblicke, in denen er traurig war. Die Spalten waren gleich lang, aber sie zeigten eine eindeutige Tendenz: Charlie war glücklich, wenn er allein war. Es ging ihm schlecht, wenn er mit anderen zusammen war.

Dann bewertete er auf einer Skala von eins bis zehn, wie er sich im Durchschnitt fühlte. Er erinnerte sich, wie er als Kind mit seinen Eltern im Olive Lake schwimmen gegangen war, wie sein Vater ihn auf seine Schultern gehoben und seine Mutter lachend ein Foto geschossen hatte. Dieser Tag war eine Zehn gewesen.

Er blickte auf die Zahl, die er aufgeschrieben hatte. Drei.

Charlie legte den Kopf in die Hände und dachte nach. Später erwachte er, immer noch an seinem Schreibtisch sitzend, mit einer ovalen Speichelpfütze auf der Schreibunterlage und einseitig plattgedrückter Afro-Mähne. Er löschte das Licht und kroch ins Bett. Ein paar Minuten lang lag er wach in der Dunkelheit, dann flüsterte er: »Okay.« Eine Sekunde später war er eingeschlafen.

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2. Das Date

Was Charlie an Frauen attraktiv fand, waren Grips und Persönlichkeit – Schönheit optional, Beliebtheit ein absolutes Nein. Nach nochmaliger Überlegung beschloss er, notfalls auch jemand Beliebten ertragen zu können. Seine Auswahlmöglichkeiten waren beschränkt. Saint Seb war von seiner Schwesterschule durch einen kleinen Abgrund getrennt, eine Grenze, die Saint Marys Mädchen selten überschritten, außer wenn sie zur Leichtathletikbahn hinter der alten Sporthalle wollten – und Leichtathletinnen waren groß, humorfrei und dem Vernehmen nach blasiert.

Charlie entschied sich für ein Mädchen aus der Theatergruppe. Zweimal im Jahr brachten die beiden Schulen gemeinsam ein Stück auf die Bühne, und Anfang September blieben die Mitwirkenden bis spätabends zum Proben in Saint Sebs Aula. Rebecca Lampwick war Mrs Higgins in der diesjährigen Inszenierung von My Fair Lady. Sie hatte große Titten, die sie als »die Zwillinge« bezeichnete, und ein Lachen, das hoch begann und lawinenartig in ihre tieferen Stimmlagen hinabstürzte. Charlie hatte sie erstmals im vorigen Jahr gesehen, als er nach dem Basketballtraining auf dem Weg zum Cola-Automaten die Aula durchquert hatte. Damals hatte sie die Mrs Lovett in Sweeney Todd gespielt, und ihr sattes Lachen und die schwarzen Augen schienen ihn von der Bühne aus zu verfolgen.

Nach zweitägigen Erkundungen unternahm er den ersten Schritt. Die Probe begann um vier, und von Viertel nach drei bis halb vier hingen die Mitwirkenden auf Klappstühlen vor der Bühne herum. Charlie betrat den Raum durch den Notausgang und durchquerte ihn bis zum hinteren Ende. Sie waren laut und unbekümmert und beachteten ihn nicht, bis er auf ihren lose gebildeten Kreis zusteuerte. Die Unterhaltung brach ab. Charlie stand da wie ein Mammutbaum im Unterholz. Er räusperte sich. Rebecca, die in spaßhafter Bariton-Stimmlage etwas zu Eliza Doolittle gesagt hatte, drehte sich zu dem Neuankömmling um und lächelte.

»Alles roger in Kambodscha?« (Dies in ihrer normalen hellen Stimmlage.)

»Hi.« Drei intensiv überarbeitete Lernkarten waren zu Charlies Beruhigung in seiner Tasche verstaut. Er konzentrierte sich und trug seinen Text vor. »Ich wollte nur mal fragen …, ob du womöglich Lust hast …, mit mir am Freitagabend … chinesisch essen zu gehen.«

»Jambischer Tetrameter?«, fragte Colonel Pickering. Professor Higgins kicherte.

An diesem Tag trug Rebecca ein wallendes Piratenhemd und Zigeunerinnenohrringe, eine Aufmachung, die Charlie albern fand. Aber aus der Nähe war sie sehr hübsch, und ihre Haut war so weiß und makellos wie eine Schneewehe. Die anderen warteten stumm ab. Sie waren eine inzestuöse Gruppe, misstrauisch gegenüber Außenstehenden, vor allem solchen wie Charlie, der seinem Status als Spinner zum Trotz in bestimmten Kreisen als Aufschneider galt. Charlie schluckte und studierte die Kratzer auf dem Fußboden. Er schaute erst wieder auf, als Rebecca etwas sagte.

Es gab vieles, was Charlie nicht über Rebecca wusste. Ihr zur Schau getragenes Selbstbewusstsein war gespielt. Sie fühlte sich fett und abstoßend, weil Jungs ihres Alters grundsätzlich nicht mit ihr redeten. Nur erwachsene Männer schienen sie zu mögen. Sie grölten ihr vom Auto aus hinterher, was dazu führte, dass sie sich wie eine Missgeburt fühlte. Im vergangenen Jahr hatte ihr der Geschichtslehrer an den Busen gegrapscht, während er sie von einer Modell-UN-Konferenz nach Hause fuhr, ein Geheimnis, das sich wie eine Schlinge um ihren Hals zusammenzog, sobald sie daran dachte.

Als Charlie seine Einladung stammelte, schien sich diese Schlinge so weit zu lockern, dass Rebecca sich herauswinden konnte. Ein normales Date mit einem Jungen ihres Alters kam ihr vor wie eine Begnadigung in letzter Minute.

»Yep. Ja. Fände ich echt gut. Danke.«

Die nächste Woche zog sich endlos hin. Als es am Freitag zum Schulschluss klingelte, war Charlie als Erster von seinem Platz verschwunden. Seine Vorbereitungen waren auf die Minute genau geplant und ließen keine Zeit zum Trödeln. Da er weder Auto noch Führerschein besaß, bestellte er ein Taxi für halb sieben. Ihre Reservierung war für sieben Uhr. Das ließ ihm kurze dreieinhalb Stunden, seine Verwandlung vollkommen zu machen.

Das Date erforderte, was Charlies Äußeres anging, eine private Generalüberholung. Charlie gedachte sein achtloses schulisches Erscheinungsbild abzustreifen und den schöneren, cooleren Typ zum Vorschein zu bringen, der, wie er wusste, darunter verborgen lag. »Zeig dich ihr von deiner besten Seite«, sagte das Männermagazin, das er erworben hatte. Für Rebecca würde er den Charlie enthüllen, den keiner kannte, den Charlie, den er aufgespart hatte.

Er stellte sich vor, er sei eine Larve, die sich im sanften Kokon der Duschkabine entpuppte. Er schrubbte seine Haut bis aufs Blut und widmete dem Bereich im Schritt (durchaus optimistisch) besondere Aufmerksamkeit. Er rieb sich mit nach Holz duftendem Eau de Cologne und fruchtiger Feuchtigkeitscreme ein. Da er sich selten rasierte, glich der Vorgang dem Abkratzen von Farbe. Sein neuer Rasierapparat unternahm mehrere Annäherungsversuche, bis alle rot gesprenkelten Strecken geräumt waren. Er hatte Jeans ausgewählt, ein weißes T-Shirt und die Wildlederjacke seines Vaters mit den Fransen am Revers – nicht, weil sie cool war, sondern gerade im Gegenteil. Sie war rebellenhaft, anders, und sie hatte einen ironisch-intellektuellen Charme – genau wie er selbst.

Um 18:27 tauchte Charlie auf, ein lederumhüllter, wuscheliger Falter, der (dank der Kombination von Eau de Cologne und Feuchtigkeitscreme) nach gebratenen Bananen roch.

Das Taxi hatte zwanzig Minuten Verspätung, und Charlie musste die Adresse dreimal wiederholen. Um 19:03 fuhren sie auf einen Parkplatz gegenüber von Denny’s.

Rebecca lebte in einem tristen Wohnblock an der Cay Street, gleich neben dem Highway. Als Charlie durch die Tür trat, entdeckte er sie in der hellen Eingangshalle, wo sie saß und eine Zeitschrift las. Sie trug ein tief dekolletiertes, aquamarinfarbenes Cocktailkleid aus einem festen, glänzenden, schuppenartigen Material – ein knalliges, ausdrucksstarkes Outfit, dessen Anblick Charlie etwas entspannte. Er rief ihren Namen, aber sie schaute nicht hoch. Er rief ihn noch einmal, dachte, er hätte eigentlich Blumen mitbringen sollen, und lief gegen die unsichtbare Glastrennwand, die die Eingangshalle in zwei Hälften teilte. Die Trennwand schepperte wie ein Gong, und Rebecca blickte auf, nur um zu sehen, wie Charlie sich die Nase hielt und unhörbare Flüche ausstieß. Sie rannte zur Tür am anderen Ende, und als diese sich öffnete, hörte Charlie ein Radio brummen.

»Oh Himmel, das tut mir ja so leid. Hast du dir wehgetan? Sie haben die Glaswand letztes Jahr eingebaut, wegen Einbrüchen. Du weißt schon, zur Sicherheit. Lass mich mal deine Nase anschauen.«

»Alles in Ordnung«, sagte Charlie, während sich seine Ohren feuerrot färbten. »Ehrlich.«

»Die sollten ein Schild aufstellen.« Rebecca lächelte. »Du siehst echt gut aus.«

»Du auch. Sollen wir in deine Wohnung raufgehen? Soll ich mich deinen Eltern jetzt vorstellen oder …?«

Rebecca lachte leise, das Lachen einer Schickeria-Lady. »Oh, jetzt ist gerade keine gute Zeit. Da oben herrscht das reinste Chaos, und mein Vater hatte einen langen Arbeitstag, deswegen …«

»Ach so. Okay.«

»Ist das unsere Karosse?«

»Genau. Ich hab noch keinen Führerschein, deshalb …«

»Nein, nein. Das ist genau richtig so.«

Sie lächelte wieder, und ein warmes Gefühl durchströmte Charlie, auch wenn genau in diesem Moment seine Nase zu pochen begann.

Das Abendessen fand im Pfingstrosenpavillon statt, einem pan-asiatischen Restaurant mit Tanz ab neun Uhr. Das Essen war preiswert und die Ausweiskontrollen lax, deshalb war es ein beliebter Ort für Dates.

Als sie ankamen, standen ein paar Mädchen von der öffentlichen Schule draußen im steinernen Pavillon und rauchten. Bei ihrem Anblick fiel Charlie sein Männermagazin Nice! ein und dessen »Zehn todsichere Dating-Tipps von echten Frauen«. Er erinnerte sich nur an einen, beigesteuert von Melinda, 21, aus Brooklyn: »Wenn wir das Lokal verlassen, finde ich es immer toll, wenn er mir seine Hand hinten auf die Taille legt. Es ist sexy und beruhigend. Ich hab dann irgendwie das Gefühl, dass er von mir Besitz ergreift – aber auf eine gute Art!«

Das war Charlies Ass im Ärmel, und der Gedanke daran ließ ihn ein wenig schneller auf das goldene Eingangstor zugehen.

Eine Bedienung in blütenbedrucktem Gewand führte die beiden zu einem Glastisch ziemlich weit hinten im Raum. Pavillon und Mehrwertsteuer inbegriffen waren die einzigen Worte in lesbarer Schrift auf der Speisekarte.

»Hier muss man wohl nach Nummern bestellen, was?«, sagte Rebecca. »Na, bei meinem Glück werde ich gekochte Ziegenfüße erwischen.«

»Die haben sie nicht auf der Karte, glaube ich.«

»Gut.«

»Magst du Yude Tamago?«

»Was ist denn das?«

»Gekochte Eier.«

Rebecca kicherte. »Ach, Charlie, ich find das gut, wie du redest.«

Charlie trank einen kleinen Schluck von seinem Wasser. Er war sich nicht sicher, ob sie über ihn lachte oder nicht. Was war komisch an …? Oh.

»Also, dann gefällt dir bestimmt die Nummer vier«, sagte er. Nummer vier war Chicken Dong.

»Hm?«

»Nummer vier. Auf der Speisekarte.«

»Ach so! Warum?«

»Äh, weil.« Charlie hustete in seine vorgehaltene Hand. »Weil das Chicken Dong ist.«

»Dong?«

»Das müsste gut zu Eiern passen.«

Rebecca blinzelte. »Oh. Okay, jetzt hab ich’s gerafft. Ha, ha.« Sie sprach es wie zwei Worte aus. Ha. Ha.

Charlie versteckte sich hinter der Speisekarte. Zu dem Zeitpunkt, als die Bedienung die Eier brachte, war er kurz davor zu gehen. Rebecca erzählte von ihren Interessen, Theater und romantische Literatur. »Ich meine damit die Literatur aus der Romantik«, sagte sie. Sie mochte Shaw lieber als Beckett, Lerner und Loewe lieber als Rodgers und Hammerstein, und sie hatte keine Zeit für Stanislavski. Sie spuckte diese Namen ganz selbstverständlich aus, aber für Charlie waren sie so fremd wie die verschnörkelten Zeichen auf der Speisekarte. Kauderwelsch.

Als die Reihe an ihm war, erzählte er ihr von der Epigaea repens, die er letzte Woche gesichtet hatte, eine Seltenheit zu dieser Jahreszeit.

»Ist das ein Vogel?«

»

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