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Evelyn Holst | Uschi Von Grudzinski

Gipfelglück

Roman

Atlantik

Die Autorinnen bedanken sich bei Martha Schultz und der Schultz Gruppe für ihre Unterstützung bei der Recherche im Gradonna Mountain Resort und für angenehme, fröhliche, inspirierende Gespräche mit Hoteldirektor Florian Partel, seiner Stellvertreterin Brigitte Berger, Gesundheitspädagogin Irmgard Wibmer, Rezeptionistin Christina Oberlohr, Restaurantchef Gregor Ryszkiewicz, Küchenchef Michael Karl sowie bei Katharina und Walter Hartweger von der Adlerlounge.

Alle anderen Personen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden.

Es gibt Momente, da fühlt sich auch die glücklichste Ehe wie ein kratziger, zu heiß gewaschener Pullover an. Einer, den man sich am liebsten vom Leibe reißen und in die Mülltonne stopfen würde. So ein Kratzepullimoment war jetzt. An einem heißen Julitag in einem noch heißeren, feuerroten Twingo Baujahr 2004, mitten in einer kilometerlangen Autoschlange auf der A7, die sich bereits seit über einer halben Stunde nicht mehr bewegte. Ein dampfendes Meer aus Blechkisten, in denen Familien kurz vor einem kollektiven Stressinfarkt saßen.

Im feuerroten Twingo des Ehepaares Hans Peter und Monika Landmann dampfte es besonders heftig.

»Warum hast du den Verkehrsfunk nicht rechtzeitig abgehört, Hans Peter?« Normalerweise war Monikas Stimme ein angenehmer Alt, jetzt ein hoher, gereizter Sopran. »Und warum ist die Klimaanlage noch immer kaputt? Du bist doch Frührentner und hattest wirklich genug Zeit. Aber nein, der feine Herr beschäftigt sich lieber mit Mord und Totschlag als mit einem Termin in einer Autowerkstatt …«

»Schätzelchen …«

»Bitte nenn mich nicht so, du weißt, dass ich das nicht leiden kann. Besonders nicht, wenn ich mich gerade so ärgern muss. Sorry, aber ich muss jetzt einfach mal hupen. Der Frust muss raus.«

Sie drückte auf die Hupe. TUUUUUUT! Hans Peter rutschte etwas tiefer in den Sitz. Monika dagegen lächelte zufrieden und drückte gleich noch einmal. TUUUT.

Seit seiner Frühpensionierung mit 60 als Abteilungsleiter der örtlichen Sparkasse beschäftigte sich Hans Peter Landmann mit Kriminologie, weil er, als ein Mann, der sein ganzes bisheriges Leben als gesetzestreuer Bürger verbracht hatte, eine tiefe Sehnsucht nach einem radikalen Kontrastprogramm hatte. Nach dem Verbotenen, dem Verbrechen, dem Bösen. Er las Krimis, sammelte Zeitungsausschnitte, recherchierte im Internet. Ein perfekter Tag begann mit einem Milchkaffee und der Überschrift: »Brutaler Mörder zerstückelte seine Opfer und warf sie in den Müllcontainer« in seiner Morgenzeitung. »Oma in Salzsäure aufgelöst, nur ein Ohrläppchen blieb übrig.« Das war vor zwei Jahren seine Lieblingsüberschrift, leider eine in ihrer Originalität seltene.

»Weißt du, was ein einseitig fehlgeschlagener Doppelselbstmord ist, Schät… Schatz?«, fragte er jetzt, um seine gereizte Gattin von den permanenten Staumeldungen im Radio abzulenken.

»Nein, aber ich würde gern wissen, warum du dir kein anderes Hobby suchst. Etwas mit körperlicher Bewegung zum Beispiel. Seit deiner viel zu frühen Pensionierung wirst du immer schwangerer. Auf dem Sofa liegen und Krimis gucken verbrennt ja leider keine Kalorien.«

Drei Gründe, warum du diese Frau geheiratet hast, Hans Peter. Los, schnell! Er überlegte.

Lange. Dann besann er sich.

»Also – ein einseitig fehlgeschlagener Doppelselbstmord ist der juristische Ausdruck für den Versuch, seinen Ehepartner dadurch loszuwerden, dass man einen gemeinsam geplanten Selbstmord als Einziger überlebt.«

»Wie soll das denn gehen?« Jetzt war Moni doch abgelenkt, obwohl die Temperatur im Wageninneren inzwischen 32 Grad anzeigte.

»Wenn du jetzt zu mir sagen würdest: lass uns beide Gift in unseren Tee tun, dann würde ich ihn doch nicht als Erste trinken.«

»Oder wir würden beide zusammen trinken und einer von uns den Tee dann heimlich wieder ausspucken«, überlegte er.

»Würdest du?«, fragte sie und sah ihn aufmerksam an.

Er wusste, welche Antwort jetzt von ihm erwartet wurde. Deshalb schwieg er.

»Du würdest mich also verrecken lassen, damit du dann als fröhlicher Witwer eine 25-jährige Ukrainerin …«

Er schwieg weiter. Sollte sie ruhig ein bisschen schmoren.

»Soll ich gleich weiterfahren, Monilein? Du wirkst etwas …«

»Wie wirke ich? Erschöpft? Genervt? Das bin ich auch. Und von fahren kann ja sowieso nicht die Rede sein. Oder siehst du das anders? Weißt du es mal wieder besser als der Rest der Menschheit?«

Hans Peter wusste, dass er in solchen Momenten nichts richtig machen, dass die Art und Weise, wie er ein- oder ausatmete, zu einer kleinen Explosion führen konnte. Der Spruch seiner Mutter fiel ihm ein: »Als Monika den Mund öffnete, wollte sie meckern, als sie ihn wieder schloss, hatte sie gemeckert.«

Leider hatten sich die beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben nie besonders gemocht. Oft hatte er sich zwischen ihnen gefühlt wie ein angestochener Luftballon, zerfetzt zwischen zwei streitsüchtigen Powerfrauen. Vermutlich weil er ein verhätscheltes Einzelkind einer früh verwitweten Mutter war und keine Frau vor Trudi Landmanns Augen Gnade gefunden hätte.

»Schön für dich, dass deine Freundin so schlank ist«, hatte sie ihm zugeraunt, als er Moni zum ersten Kennenlern-Kaffeetrinken mitbrachte. »Ich hoffe nur, ihr schmales Becken ist kräftig genug für meine Enkelkinder.«

Den Blick, den seine zukünftige Ehefrau, die leider mitgehört hatte, ihrer zukünftigen Schwiegermutter zuwarf, hatte er nie vergessen und war deshalb meist allein zum sonntäglichen Kaffeeklatsch zu seiner Mutter gefahren.

»Ahh, gnädige Frau haben mal wieder etwas Besseres vor«, hatte Trudi dann gern geseufzt. Und wenn Hans Peter etwas resigniert die Schultern hob, meinte sie nur: »Tja, seine Schwiegertöchter kann man sich leider nicht aussuchen. Ist denn wenigstens endlich ein Enkelkind in Sicht?«

Hans Peter hätte diese Frage sehr gern solidarisch und optimistisch beantwortet, aber alles, was ihm einfiel, war ein mutloses: »Noch nicht, aber wir arbeiten dran.« Bei diesen Worten hatte Trudi ihre Augenbrauen so weit hochgezogen, dass diese fast hinter ihrem Haaransatz verschwanden: »Ihr arbeitet daran? Herzlichen Glückwunsch, mein Junge, da hast du dir ja die Richtige ausgesucht.«

Als Trudi vor drei Jahren, im gesegneten Alter von 91 Jahren, während einer fröhlichen Doppelkopfrunde mit ihren Nachbarn, die zwei Kreuz-Damen fest in der Hand, friedlich einschlief, mischte sich in die ehrliche Trauer ihres einzigen Sohnes auch eine kleine Prise Erleichterung. Eine wartungsintensive Frau im Leben reichte eigentlich.

 

»Na endlich«, sagte Monika jetzt. Der Wagen vor ihnen setzte sich in Bewegung. Fünf Meter. Dann stoppte er.

»Tu etwas, Hans Peter!« Ihre Stimme klang jetzt hysterisch. »Ich fahr sonst auf dem Standstreifen, mir egal, dass das verboten ist. Ich raste aus!«

Er schwieg. Da musste er jetzt einfach durch, wie durch eine Magen-Darm-Virusinfektion, deren Dauer und Stärke man ja auch nicht selbst bestimmen konnte. Man konnte nur leise ein- und wieder ausatmen und hoffen, dass es besser wurde. Im letzten Stau vor ein paar Monaten war sie wütend ausgestiegen, hatte ganz laut »Scheiße, Scheiße und noch mal Scheiße!« geschrien und war, begleitet von einem zustimmenden Hupkonzert, wieder eingestiegen. Dass ihr Mann in solchen Situationen immer den kleinen Tod der Fremdscham starb, war ihr egal.

»Vor München ist um diese Jahreszeit doch immer Stau«. sagte Hans Peter. Besänftigend legte er seiner Frau eine Hand auf die Schulter.

»Heute Abend sitzen wir beide im Gradonna, im schönsten Hotel von Osttirol, trinken einen Grünen Veltliner …«

»Wenn wir dann nicht im Stau erstickt sind. Entweder in diesem oder im nächsten. Mit dir stecke ich irgendwie immer fest. Du ziehst diese Staus ja geradezu an.«

In guten wie in schlechten Zeiten. Das hatten sie sich vor dem Standesbeamten versprochen – und das hatte er bis jetzt auch gehalten. Hans Peter Landmann war ein treuer Mann, dem Treue nicht schwerfiel. Denn immer, wenn die Stimmung gereizt war, oder, was auch vorkam, Langeweile durch den Raum kroch wie ein dickes, fettes Faultier, dachte er einfach an sein allererstes Date mit Monika zurück. An die süße Moni mit dem lockigen Pferdeschwanz und den grünen Kulleraugen, die er vor 29 Jahren in der Eisdiele Venezia kennengelernt und drei Monate später geheiratet hatte.

»Drei Kugeln mit Sahne und Eierlikör«, hatte sie bestellt und dann auf der Straße die tropfende Waffel energisch mit ihrer rosa Zungenspitze bearbeitet. Er hatte sie vom Eisladen Il Gelato aus beobachtet, und noch bevor sie die zweite Kugel aufgeschleckt hatte, wusste er mit untrüglicher Sicherheit: das ist sie!

Und sie war es. Noch immer.

Und weil sie es noch immer war, saßen sie jetzt beide im Stau auf dem Weg nach Osttirol. Nach Kals am Großglockner, ein Dorf, von dem er zuvor noch nie gehört hatte.

Warum ausgerechnet Kals, hatte er gefragt und tief geseufzt, als Moni ihm die Lesemappe in die Hand drückte und auf eine Story tippte, die Der Berg ruft hieß. Ihn hatten die Berge noch nie gerufen, und sie riefen ihn auch jetzt nicht, obwohl die Fotos fantastisch waren. Aber hohes Gebirge mit Eiskuppen und dunkle Schluchten flößten ihm einfach Unbehagen ein, er liebte die weite Sicht, den Horizont, das Wasser.

»Wer rastet, setzt Speck an und kann, wenn er den Rücken durchdrückt, sein Geschlechtsteil nicht mehr sehen, deshalb fahren wir in die Berge«, hatte Moni mit ihrer »Widerspruch ist zwecklos«-Stimme erwidert. »Außerdem habe ich ein Hotel im Internet gefunden, das erstens Luxus pur ist und das wir uns zweitens sogar leisten können.«

Und so hatte er resigniert wieder zur Lesemappe gegriffen. Immerhin sprach ihn das Aufmacherfoto durchaus an – es zeigte eine sehr attraktive Frau mit »Holz vor der Hüttn« im Dirndl an einem Gipfelkreuz. Dass er allerdings nicht mehr der Mann war, der seinerseits bei jungen Frauen irgendwelche Sehnsüchte auslöste, war ihm bewusst. Aber er hatte sich damit abgefunden, zumal er auch zu knackigeren Zeiten kein Mann gewesen war, der Frauen in Schnappatmung versetzte. Mit seinem 1,70 cm großen, gut gepolsterten Körper und seinem wuscheligen, grauen Haarkranz schwankte sein Sexappeal zwischen Weihnachtsmann und Teddybär. Hans Peter fand, es gäbe Schlimmeres. Und da er sich seit drei Wochen nicht mehr rasierte, sah zumindest sein Kinn sehr männlich behaart aus. Moni hatte sich nach anfänglichen Versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen, resigniert damit abgefunden. Er fand sich cool.

 

»Geht doch«, sagte Hans Peter jetzt erleichtert, als sie endlich den Stauverursacher, dessen Beifahrerin hilflos mit einem leeren Benzinkanister wedelte, laut hupend passiert hatten und Monika stumm in den dritten Gang schaltete. Sein Fahrangebot hatte sie abgelehnt, und er hatte nicht weiter insistiert, weil sie eine sauschlechte Beifahrerin war, die nicht davor zurückschreckte, ins Lenkrad zu greifen. Trotzdem: er liebte diese Frau, ganz besonders ihre Lachfältchen um die Augen, die aussahen wie Sonnenstrahlen. Oder, wie er heimlich fand, wie kleine Schweineschwänzchen. Nur leider lachte sie in letzter Zeit immer weniger. Was nicht daran liegen konnte, dass er seit einem Jahr Rentner war, aber, darauf legte er Wert, kein »Pappa ante portas«, ein Pottkieker, wie man die Männer in Hamburg nannte, die den ganzen Tag hinter ihrer entnervten Ehefrau herschlichen und ihr gute Haushaltstipps gaben. »Der Staubsaugerbeutel müsste gewechselt werden, Schatz. Hast du auch hinter dem Klo gewischt? Du weißt, ich mag nicht im Sitzen pinkeln.«

Nein, so ein Mann war er nicht und würde er hoffentlich auch nie werden.

»Ich werde einen Krimi schreiben«, verkündete er stattdessen an seinem ersten Tag als Rentner.

Monika, die gerade in die obere Brötchenhälfte biss, die untere aß immer Hans Peter, obwohl er eigentlich die obere auch lieber mochte, verschluckte sich und sprühte einen Krümelschwall auf die Tischdecke.

»Du hast schriftstellerische Ambitionen in dir entdeckt?« Ihre Stimme klang ungläubig, eigentlich sogar ein bisschen spöttisch.

»Auf jeden Fall eine Leidenschaft für das Kriminelle«, erwiderte Hans Peter.

»Man darf gespannt sein«, hatte Monika gemurmelt. »Aber Hauptsache, du bist irgendwie beschäftigt.«

War es das Älterwerden, das seine einst so sonnige Moni so verdüsterte? Sie immer freudloser, leider auch ein bisschen lustfeindlicher werden ließ?

»Eine Frau muss sich irgendwann entscheiden: Kuh oder Ziege«, hatte sie vor ein paar Jahren verkündet, und als er sie bat: »Bleib Kuh, Liebling, ich mag keine Ziegen«, hatte sie nur geschnaubt und die Küche verlassen. Schade, dachte er oft, wir haben doch wirklich ein schönes Leben. Wir sind beide gesund, haben genug Geld, und gar nicht so selten fand in ihrem Ehebett auch mehr statt als synchrones Schnarchen. Es gab eigentlich nur einen, leider nur seinen Kummer: ihre Kinderlosigkeit. Und deswegen auch keine Enkel.

 

Die nächsten Stunden bis zur österreichischen Grenze waren entspannt. Sie hatten jetzt doch die Plätze getauscht, Monika hatte zwei Müsliriegel ausgewickelt, und selbst rund um München gab es ausnahmsweise keine Staus.

»Wenn weiter alles so gut klappt, sind wir noch im Hellen da«, frohlockte Hans Peter, der es hasste, in der Dunkelheit Auto zu fahren. Wenn Monika eine Ziege ist, was bin ich dann, sinnierte er, während das Alpenpanorama sich immer mehr verdichtete, was in einem Flachlandtiroler wie ihm jedes Mal eine gewisse Ehrfurcht auslöste.

»Wenn ich ein Tier wäre, Moni, was wäre ich dann? Ein fetter Maulwurf?«

Schweigen. Er sah zur Seite. Er hatte auf Widerspruch gehofft, auf ein Gespräch, das ihn wachhielt, aber sie war eingeschlafen. Er lächelte. Schlafend mochte er Moni besonders gern. Alle Ziegenfalten waren dann wie weggebügelt. Wie ein zufriedenes, großes Baby sah sie aus.

 

Hans Peter bewegte sich seit über drei Jahrzehnten auf der ehelichen Langstrecke, deshalb wusste er, wann Reden Silber und wann Schweigen Gold war. Die nächste Woche war Goldzeit. Wellness im Gradonna Mountain Resort. Nicht sein Ding, irgendwie fand er es unmännlich, im weißen Bademantel und Schlappen in diversen Feuchtgebieten herumzulungern und sich von meist jungen Masseurinnen betätscheln zu lassen, die sicher lieber jüngeres Männerfleisch unter den Händen gehabt hätten. Aber er hoffte auf gemütliche Stunden im Liegestuhl, auf leckeres Essen, in dem Fleisch nicht nur in homöopathischer Dosis enthalten war, viele Gläser Wein, angenehme Leute und genug Zeit für seine zehn Krimis, die er in den Koffer gepackt hatte. Zur Unterhaltung und zur Inspiration, denn für seinen eigenen Roman war ihm noch nicht die richtige Geschichte eingefallen. Vor allem nicht der richtige Protagonist. Nur der erste Satz stand:

Als er nach dem Frühstück sein Hotelzimmer betrat, lag eine tote Frau in seinem Bett.

Doch wie weiter? Wie kam sie dahin? Und war es seine Ehefrau, eine Geliebte oder gar ein One-Night-Stand?

Den Gedanken an einen einseitig fehlgeschlagenen Doppelselbstmord hatte er wieder verworfen. Zu abwegig. Ach, aber es machte Spaß, dass in der Fantasie alles möglich war!

 

Als er mit dem Auto um die letzte Kurve bog, schlug die Wirklichkeit wieder zu.

»Um Himmels willen, was sind denn das für Atompilze«, rief er entsetzt, als sein Blick bei der Einfahrt ins Bergdorf Kals zum Berghang auf der linken Seite wanderte.

»Das ist unser Hotel, das Gradonna Mountain Resort«, antwortete Moni, die durch das gemäßigtere Tempo wieder aufgewacht war. »Man nennt es auch moderne Architektur.«

Wenn das Essen so futuristisch war wie das Hoteläußere, dann Halleluja Baby. Auf alles gefasst, mit steifen Gliedern und knurrendem Magen schraubte Hans Peter sich drei Minuten später aus dem Twingo und stand vor dem Hotel. Ein imposanter Bau, viel Holz, viel Glas. Links und rechts Chalets. Sah aus der Nähe zum Glück viel besser aus.

Wäre nicht »Meuchelmord im Luxushotel« ein guter Titel für seinen zukünftigen Weltbestseller? Oder vielleicht »Das Grauen lag im Swimming Pool«?

Als Hans Peter Landmann die Hotellobby betrat, musste er erst einmal tief Luft holen, um dieses Kleine-Würmchen-Gefühl wegzuatmen, das ihn trotz seines höheren Alters immer dann beschlich, wenn eine Umgebung ihn irgendwie einschüchterte. Und das tat die Lobby des Gradonna Mountain Resort. Himmelhohe Fenster, großzügige, stufenförmig angeordnete und sehr bequem wirkende Sitzecken, erlesene Materialien und außergewöhnliche, mannshohe Holzkunstwerke. Ist das Kunst, oder kann das verheizt werden?, dachte Hans Peter, als er sie betrachtete.

»Hier gefällt es mir, hier bleibe ich«, rief Monika Landmann und ging strahlend auf die Rezeption zu. Nicht ein Sekündchen daran denkend, wie sie und er, zerrupft, verschwitzt, unelegant, in diesem Luxushotel auf die zwei bildhübschen jungen Frauen hinter dem Empfangstresen vielleicht wirken könnten. Oder auf die attraktive Brünette, die gerade ins Telefon lächelte: »Ja, ich weiß, wer Victor Gold ist. Und es ist uns eine große Freude, ihn bei uns begrüßen zu dürfen. Nein, ich habe sein Buch noch nicht gelesen, mir ist er vor allem als Sänger bekannt. Auf der Bestsellerliste? Ein Büchertisch? Selbstverständlich. Servus.«

Kopfschüttelnd legte sie auf.

»Entschuldigen Sie, aber sind Sie nicht die Frau Schultz, der dieses Resort gehört?«, fragte Moni, die noch nie in ihrem Leben ein Würmchen-Gefühl hatte und die attraktive Brünette vom Foto der Internetseite wiederzuerkennen glaubte.

»Ja, das Resort gehört meiner Familie«, sagte Martha Schultz. »Willkommen im Gradonna.« Ein freundliches Lächeln, dann war sie verschwunden.

»Tolle Frau!« Moni sah ihr bewundernd nach, während Hans Peter sich wünschte, sie würde gelegentlich und besonders in diesem Moment etwas über ihre Außenwahrnehmung nachdenken. Dass sie es nie tat, bewunderte er allerdings auch ein bisschen. Victor Gold, überlegte er weiter, war das nicht der singende »Dosenöffner«, der zu seiner Banklehrzeit deshalb so genannt wurde, weil seine Hits wie »Nimm mich, küss mich, lieb mich« oder »Mein Herz kennt nur die Sehnsucht nach dir« die meisten Mädchen weich und willig machten? Auch er hatte ihm so einiges zu verdanken. Zu witzig, dass er hier auch Gast war.

Das Zimmermädchen schrie auf, weil es ihn erkannte. »Das ist doch der berühmte Victor Gold«, flüsterte sie atemlos. »Gestern hat er doch noch so schön gesungen. Und jetzt liegt er hier in seinem Blut. War es eine Verehrerin, die sich aus unerwiderter Liebe so an ihm versündigt hat?«

Nein, das klang zu kitschig. Das war literarisch unter seinem Niveau.

 

»Willkommen im Gradonna, mein Name ist Christina«, sagte jetzt die hübsche Blonde an der Rezeption und schob ihnen den Anmeldezettel hin. »Ich rufe gleich mal jemanden, der Ihnen beim Gepäck zur Hand geht.«

In diesem Moment knurrte in Hans Peters Magen ein ganzes Rudel hungriger Wölfe. So laut, dass alle zusammenzuckten.

»Tut mir leid«, entschuldigte er sich sofort, »aber ich habe einen Bärenhunger.« Jetzt knurrte das Rudel noch lauter.

»Hans Peter, ich bitte dich«, zischte Moni und dachte ihrerseits kurz an einen einseitig fehlgeschlagenen Doppelselbstmord. Noch besser – an diskrete Lynchjustiz.

»Unser Restaurant ist heute leider schon geschlossen«, bedauerte Christina, und genau jetzt wäre Hans Peter gern ein anderer gewesen. Einer aus seinem zukünftigen Bestsellerkrimi. Der würde mit der Faust auf den Tresen schlagen und: »Wenn nicht in fünf Minuten ein saftiges Schnitzel mit einem leckeren Kartoffelgurkensalat auf dem Tisch steht, nehme ich den ganzen Laden auseinander.«

Aber so einer war er leider nicht. Musste er auch nicht sein. Denn Christina beruhigte ihn lächelnd: »Aber auf Ihrem Zimmer wartet ein großer Obstteller auf Sie. Außerdem können Sie sich selbstverständlich noch etwas zu essen bringen lassen.«

»Na bitte!« Triumphierend sah er sich nach Moni um, die anscheinend gar nicht zugehört hatte. Sie deutete mit dem Kinn nach rechts und sang leise: »So ein Mann, so ein Mann, zieht mich unwahrscheinlich an.«

Noch bevor er ihrem Blick folgte, wusste er, wie sich spontane, durch nichts begründete, tiefe Abneigung anfühlte. Denn diesen Mann lehnte er ab. Kategorisch. Schon aus Prinzip. Als er das Subjekt von Monis Begierde dann musterte, wurde diese Ablehnung deutlich größer. Ein Silberfuchs, höchstens Mitte, Ende vierzig, federte auf sie zu. Und dass optisch nichts, aber auch wirklich gar nichts an ihm auszusetzen war, Körper durchtrainiert, Haare voll, Haut leicht gebräunt und faltenfrei, war mehr, als Hans Peter nach diesem stressigen Anreisetag ertragen wollte.

»Schatz, warte«, rief eine Frau, deutlich älter, von einer leicht arroganten Cashmere-Eleganz, die gut zu ihrem Begleiter passte. Seine Schwester? Seine junge Mutter? Eine Geschäftspartnerin?

Als sie an ihm vorbei zur Treppe gingen, die in die erste Etage führte, blieb eine Wolke aus Shalimar zurück. Und ein kurzer Dialog, den Hans Peter sehr aufschlussreich fand.

»Noch einen Nightcup an der Bar?« Auch seine Stimme, süffig wie schwerer Rotwein, war ekelhaft perfekt.

»Wollen wir uns nicht zurückziehen, Schatz?« So klang weibliche Sehnsucht.

Reiche Geschäftsfrau, skrupelloser Gigolo? Die Traumkombi für seinen Krimi!

Er warf sie aufs Bett und liebte sie, wie er noch nie eine Frau geliebt hatte. Mit mörderischer Leidenschaft. Sie seufzte leise in seinen Armen, dann war sie still. Totenstill. Er beugte sich über sie und fühlte ihren Puls. Nichts.

Reizvoll, aber vielleicht doch etwas zu morbide.

 

»Nun mach bitte nicht so ein Gesicht«, sagte Moni streng, als sie dem Portier folgten, der ihre Koffer auf einen Rollwagen geladen hatte und sie zu ihrem Zimmer führte. »Das nette Mädchen von der Rezeption hat doch gesagt, dass es auf dem Zimmer noch einen Obstteller gibt. Da müssen wir auch nichts mehr bestellen. So spät abends sollte man sich sowieso nicht mehr den Magen vollschlagen.«

Hans Peter sagte gar nichts mehr. Er war müde, sein Bauch knurrte, er wollte jetzt in ein knuspriges Schnitzel beißen und nicht in einen gesunden Apfel. Doch als der Portier mit einem »Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei uns« die Zimmertür aufschloss, wussten beide, dass dieser Tag sie mit einem Highlight belohnte: hinter dem Panoramafenster beleuchtete der zunehmende Mond eine eindrucksvolle Bergkulisse. Über allem ein Sternenzelt, wie man es sonst nur irgendwo im Wüstenmeer erwartet. Ein Wow-Moment der Extraklasse, selbst für einen Berghasser wie ihn.

Einen kleinen Moment standen sie wortlos da, fassten sich an den Händen wie zwei Kinder und staunten diesen wahnsinnigen Nachthimmel an. Dann schaute sich Moni um und jubelte: »Zwei Zimmer, Putzi! Für jeden eins. Dann kannst du ganz in Ruhe so laut schnarchen, wie du willst, und ich hab meine Ruhe.«

Und puff, schon war der Ballon wieder zerstochen und schrumpfte zum Gummifetzen. Nicht weil sie ihn Putzi nannte. Viel schlimmer war, dass sie sich offensichtlich über die getrennten Schlafzimmer freute. Er nicht. Er überhaupt nicht. Er schlief nicht gern allein. Er fand es ungerecht und ungemütlich, zumal SIE es war, die ihre gemeinsamen Nächte durchröchelte wie ein gereiztes Rhinozeros, sein Schnarchen, wenn man es überhaupt so nennen mochte, hörte sich eher wie das zufriedene Schnurren eines Kätzchens an. Das jedenfalls hatte sein Freund Schorse behauptet, mit dem er einmal im Jahr eine Segeltour machte.

»Du bestehst auf getrennten Schlafzimmern?«, fragte er entsetzt. »Ausgerechnet in unserem Urlaub?«

Moni sah ihn an wie eine Lehrerin ihren begriffsstutzigen Schüler. »Putzi, Urlaub hat doch auch etwas mit Erholung zu tun. Und dazu gehört für mich ein möglichst ungestörter Nachtschlaf. Du weißt doch, dass du im Schlaf bereits den gesamten Regenwald abgeholzt hast, oder?«

Was soll’s, dachte Hans Peter, außerdem hatte das Ganz-allein-im-Doppelbett, Lesen oder Fernsehen ohne ein knurriges »Mach mal das Licht aus, ich kann so hell nicht einschlafen« aus dem Nachbarbett ja auch sein Gutes.

»Du siehst bezaubernd aus, mein Engel«, raunte Kai Lauterbach ins Ohr seiner cashmereumwickelten Begleitung, trank seinen doppelten Whisky mit zwei Schlucken aus, schob das Glas über den Bartresen und nickte dem Barkeeper ein »Noch mal dasselbe« zu.

»Mein Begleiter möchte lieber ein Glas stilles Wasser.« Waltraud van Hoge lächelte und schob das Whiskyglas wieder zurück. »Nein, dein Begleiter möchte lieber noch einen Whisky.« Er ärgerte sich, dass seine Stimme nach Kleinejungentrotz klang, aber ihre gern auch öffentlich demonstrierte »Denk an deine Leberwerte«-Besorgtheit fand er überflüssig. Er zeigte schließlich seit Jahrzehnten seiner Leber, wer Herr im Hause war. Außerdem hatten sie beide den Tag sehr entspannt im Wellnessbereich verbracht und dort literweise Kräutertee getrunken, seine Leber musste sich in geradezu jungfräulichem Zustand befinden.

»Tu mir die Liebe«, sagte Waltraud. »Ich mag keine Männer mit Alkoholfahne im Bett. Ihre Performance leidet dann, besonders bei Männern ab 45

 

Kai Lauterbach liebte Frauen, er liebte sie wirklich, nicht umsonst hatte er sie zu seinem Lebensmittelpunkt und Berufsalltag erkoren. Nicht oft, aber definitiv an diesem Abend hätte er allerdings gern allein oder unter Männern an dieser Bar gesessen. Sich gemütlich, aber gepflegt einen leichten Dusel angezwitschert, ein paar frauenfeindliche Witze à la »Warum sitzt eine Blondine so gern auf einer kaputten Heizung? Weil sie leckt!« gerissen, alles auf wunderbar flachem Niveau. Das Kontrastprogramm also zu dieser eleganten, schwerreichen Dame, die neben ihm auf dem Barhocker saß, ihre langen Beine in den hohen Stilettos makellos parallel drapiert. Alles an ihr war Perfektion und Kultiviertheit. Dass sie im Bett alles andere war, fand er zwar äußerst reizvoll, aber mitunter auch etwas anstrengend. Schließlich war er auch nicht mehr der Allerjüngste. Dass er seit kurzem regelmäßig Kürbiskernkapseln wegen leichter Prostatabeschwerden einnahm, war etwas, das er nur mit seinem Urologen besprach.

 

»Meine liebe Waltraud …« Er musste aufpassen, da sie momentan seine einzige Klientin war, wollte er sie schließlich nicht verärgern, »… du hast die Wahl. Entweder ich trinke jetzt noch einen Whisky und dann verspreche ich dir, dass der kleine Kai dich später nicht enttäuschen wird. Oder ich trinke ein stilles Wasser, und dann ist auch der Rest von mir still.«

Sie sahen sich an. Ein kleiner Machtkampf.

»Darf ich dich daran erinnern, wer hier die Rechnung bezahlt?«, fragte sie leise, aber er hatte trotzdem das Gefühl, die ganze Bar hätte mitgehört. Ich verdiene mein Geld auch nicht leicht, hätte er gern gesagt, wenn er diese befremdeten Blicke spürte. Ich muss immer in Form, immer gut gelaunt, immer höflich sein. Ich darf nicht langweilen, muss wissen, welche Gabel zu welcher Vorspeise passt, und wenn die Dame, die ich beglücke, Wagnerfan ist, fragt keiner, ob ich mich beim Ring 16 Stunden zu Tode langweile. Ja, tue ich, aber ich halte durch. Ich bringe Leistung, ich stehe in der Regel meinen Mann. Ich bin mein Geld wert.

»Ich bezahle meinen Whisky auch gern selbst«, sagte Kai und nickte dem Barkeeper zu: »Ich nehme noch einen.«

Waltraud registrierte seinen kleinen Trotzanfall mit gemischten Gefühlen. Er ärgerte sie ein wenig, aber er gefiel ihr auch. Sie mochte ihre Männer gern ein wenig rebellisch. Horizontal waren ihr die Ergebenen und Gehorsamen immer zu langweilig. Sie wollte genommen und nicht »Wie hast du es gern?« gefragt werden. Mehrere Millionen auf dem Konto machten sie ja nicht zu einer Frau ohne erotische Bedürfnisse.

Im Gegenteil.

»In Ordnung«, sagte sie deshalb, »trink aus, und dann aber husch, husch ins Körbchen.«

Verbalerotik geht anders, dachte Kai, aber er war Profi. Ein Schauspieler musste ja auch auf die Bühne, wenn der Vorhang aufgeht, ein Lehrer konnte sich nicht vor seine Klasse stellen und »Leute, ich hab heute echt keinen Bock auf euch« sagen. Und so stand er nach dem Whisky gehorsam auf und folgte Waltrauds langen, wohlgeformten Beinen in die Suite.

 

Resi, die Köchin, liebte es, wenn alle schon gegangen waren und sie als Schlusslicht noch einmal in Ruhe durchs Restaurant und die Küche gehen und nachsehen konnte, ob auch alles sauber, aufgeräumt und für den nächsten Tag vorbereitet war. Ob noch etwas von dem wunderbaren Zitronenparfait …? Sie öffnete den großen Kühlschrank und fand noch einen kleinen Rest. Hmmm, lecker. Mit geschlossenen Augen lehnte sie an der Kühlschranktür und leckte den Löffel ab. Und schrie auf, als sich plötzlich zwei Arme um ihre Taille legten.

»Na, du Schöne? Hast du mich vermisst? Und noch was Leckeres übrig für einen hungrigen Mann?«

Resi spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Wie ihr Atem schwer wurde. Sie hielt so viel Nähe zu diesem Mann ganz schlecht aus. Er sah einfach zu gut aus, selbst für einen Skilehrer und Bergsteiger. Zu viele Muskeln, zu viele blonde Locken, zu blitzblaue Augen. Alles zu viel für eine junge Frau wie Resi, hübsch, patent, beliebt, aber eher bescheiden. Keine Frau, die das rote Meer teilte. Eher Selters als Sekt. Im Gegensatz zu Sepp. Der teilte. Der war Champagner. Wo immer er auftrat, lud sich die Luft auf. Lachten die Frauen etwas lauter, wurde die Stimmung fröhlicher.

»Ein Stück Schinken, ein Würschtel?« Sepp küsste ihre Halsbeuge, doch Resi machte sich energisch los und hoffte, dass er die Gänsehaut auf ihren Armen nicht bemerkte.

»Vielleicht hast du Glück«, murmelte sie.

»Ich hab immer Glück«, sagte Sepp, »und mit dir besonders. Deswegen bist du ja auch die Königin meines Herzens.«

Das war oberkitschig. Aber sein Grübchenlächeln machte Resi wehrlos. Zumal zeitgleich diese verdammte Hitze im Gesicht anfing und langsam nach unten stieg.

»Setz dich«, sagte sie, »ich guck mal, ob ich noch ein paar Reste finde.«

Sie beobachtete ihn, wie er kaute, wie er leicht schmatzend die Bierflasche an den Mund setzte, zufrieden mit sich und der Welt. Wie glücklich ich wäre, wenn er einmal nur meinetwegen in die Küche käme und nicht nur, weil es bei mir den leckersten Räucherspeck in Osttirol gibt. Nur ein einziges Mal.

Als er aufsah und ihren prüfenden Blick spürte, grinste er:

»Noch Lust auf ein kleines, horizontales Betthupferl?«

Die Versuchung war groß. Weil sie wusste, was sie erwartete.

»Komm schon, Resi, du hast doch Lust, oder?«

»Ich hab morgen einen anstrengenden Tag, Sepp!« Sie merkte selbst, wie wenig überzeugt sie klang. »Du doch sicher auch, oder?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nur eine kleine Wanderung, eine ältere Dame aus Deutschland. Also – zu dir oder zu mir?«

 

Kai Lauterbach brauchte an diesem Abend ziemlich lange im Bad. Nicht aus kosmetischen Gründen. Seine Silberlocken hatten von Natur aus einen eleganten Schwung, seine stets leicht gebräunte Haut bedurfte keiner besonderen Pflege, und der Dreitagebart war wartungsfreundlich und verlieh ihm genau den Hauch von Verwegenheit, den langjährig verheiratete Frauen mit glatt rasierten Ehemännern besonders zu schätzen wussten. Nein, er blieb einfach auf dem Klo sitzen, genoss die angenehme, leicht benebelnde Wirkung des Whiskys in seinem Kopf und träumte vor sich hin. Nichts, aber auch rein gar nichts – außer seinem Pflichtgefühl und ein durch den Impulsivkauf eines Porsche 911 strapaziertes Bankkonto – zog ihn jetzt in Richtung Schlafzimmer. Was, wenn er einfach hier sitzen bliebe? Sich verweigerte? Es war doch gar nicht viel, was er sich für diese Nacht wünschte: einfach nur ausstrecken, einschlafen. Alleine sein.

»Kaili, ich bin bereit, wo bleibst du denn?« Oh, wie er diesen Namen hasste. Und diesen Befehlston in ihrer Stimme. Waltraud hatte ja, wie gesagt, durchaus ihre Reize. Gerade im Bett, wo sie manchmal Dinge sagte, die man eher einer Professionellen von der Reeperbahn als ihrer eleganten Erscheinung zugetraut hätte. Und ihr Körper war zwar nicht mehr der jüngste, aber sehr gepflegt und durch regelmäßiges Pilates gut in Form gehalten. Nein, was ihn nervte, war ihr Kommandoton, der ihn immer wieder spüren ließ, dass sie, und nur sie, ansagte, wohin es ging. Aber sei’s drum. Resigniert zog er den dunkelroten Seidenpyjama an, ein Geschenk von Waltraud zum 25-Tage-Jubiläum ihrer ersten gemeinsamen Nacht, obwohl er ihn in spätestens drei Minuten ja wieder ausziehen würde. Aber er stand lieber angezogen vor ihrem Bett, nicht splitterfasernackt, ein Hauch von Restwürde, den er sich gönnte. Kurz gurgelte er den Whisky-Geschmack mit Odol-Wasser weg und atmete einmal tief durch. Auf ins Gefecht!

 

Was für ein Mann, dachte Waltraud, als er vor ihr stand. Zu jung für sie, zu attraktiv, um treu zu sein, zu selbstverliebt und auf sein eigenes, vor allem auch finanzielles Wohl bedacht. Aber immer wieder eine Sünde wert. Und zu irgendwas mussten die Millionen, die ihre zwei hochbetagten Ehemänner, beide von ihr liebevoll, wenn zum Ende hin auch etwas ungeduldig, zu Tode gepflegt, ihr hinterlassen hatten, schließlich gut sein. Ich habe Jahre, wenn nicht Jahrzehnte als Frau ohne Lust und Leidenschaft gelebt, dachte sie, damit ist endgültig Schluss! Jetzt ist Spaß angesagt und zwar bis mein Sargdeckel klappert.

»Bist du bereit, Kaili?«

Er seufzte und blickte nach unten. Still ruhte der See, totenstill.

»Also wenn ich ganz ehrlich bin, Schatz, dann wäre mir ein etwas, sagen wir, weniger eindringliches Programm jetzt lieber.«

Sie seufzte, weil sie nach einem harten, schnörkellosen Quickie immer wunderbar schnell in einen tiefen Schönheitsschlaf fiel. Aber wenn die Sache mühsam zu werden drohte, dann eben das Kontrastprogramm.

»Meine Füße warten«, schnurrte sie, ließ sich in die Kissen sinken und streckte ihm die sorgfältig pedikürten Zehen entgegen.

 

Kurz darauf glaubte Hans Peter, der auf dem Balkon noch ein heimliches Zigarettchen rauchte, seinen Ohren nicht zu trauen. Durch die geöffnete Balkontür der Nachbarn klangen enthusiastische weibliche Geräusche. Der federnde Lackaffe schien ja äußerst geschickt auf der Lust-Klaviatur der älteren Dame zu spielen. Doch plötzlich war es still. Totenstill. Hatte die Lady das Gipfelglück schon erreicht? Oder würde sie es etwa nie mehr erreichen? Herzinfarkt? Hans Peter hörte, wie jemand die Balkontür schloss. Seine Fantasie schlug Purzelbäume.

Hatte seine Liebeskraft sie überstrapaziert, war sie der Kraft seiner Lenden nicht gewachsen, hatte er sie, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Tode geliebt? Gerade noch hatte sie ›ich liebe dich‹ geseufzt, ihr allerletzter Seufzer, bevor das ewige Dunkel sie umfing?

 

Ja, das könnte das Geheimnis seiner Krimi-Toten sein. Wieder hellwach setzte er sich an den Schreibtisch, klappte seinen Laptop auf und tippte sich in einen wunderbaren Schreibrausch.

Lionel von Wiedenbrück war ein Mann, der keine Skrupel kannte, zu übel hatte ihm das Leben bisher mitgespielt. Vater einbeiniger Alkoholiker, Mutter heroinsüchtige Prostituierte, zu viele Schläge, zu wenig Liebe, das war seine Kindheit gewesen. Sie war hart, aber sie hatte den Mann aus ihm gemacht, nach dem die Frauen süchtig waren. Klar, dass er das ausnutzte.

Hans Peter hielt inne, weil er müde war und ihm im Moment nicht mehr einfiel. Er lauschte. Es war totenstill. Kein Geräusch aus dem anderen Zimmer. Kurz überlegte er, ob er anklopfen sollte.

Dann ging er ins Bett.

Trotz des anstrengenden Tages fiel er nur in einen leichten Schlaf. Um drei Uhr war er plötzlich hellwach und konnte nicht wieder einschlafen. Etwas fehlte. Er stand auf und ging in Monis Zimmer. Da war es, das Geräusch, das ihn seit vielen Jahren in den Schlaf begleitete. Er ging zurück, aber ließ die Tür weit offen. Kurz überlegte er, ob er das rasselnde, schnorchelnde Geräusch aus ihrem Rachen mit seinem Smartphone aufnehmen und ihr morgen vorspielen sollte, dann ließ er es. Frauen brauchten Illusionen, und seine Moni ganz besonders.

Zu Tode geliebt werden, dachte er im Einschlafen, so möchte ich eigentlich auch sterben. Aber wer soll meine Mörderin sein? Ehefrau war zu langweilig, die schöne Nachbarin? Muss ich mir noch eine ausdenken. Unsere ist leider eine garstige, alte Warzenhexe …

Mit einem Lächeln schlief er ein.

Am nächsten Morgen stand Hans Peter Landmann vor dem Frühstücksbüffet und seufzte tief. Was nicht an den frischen Eiergerichten, dem leckeren Käse- und Wurstsortiment und dem knusprigen Bauernbrot lag. Ganz im Gegenteil. Nur allzu gern hätte er sich eine bunte Auswahl all der Herrlichkeiten auf den Teller gehäuft, ein leckeres Müsli zusammengestellt, frische, goldgelbe Mangowürfel darübergestreut und mit einem Gläschen Sekt, eine Flasche stand in einem silbernen Kühler voller Eiswürfel, das atemberaubende Bergpanorama vor den großen Fenstern bewundert. Den Spruch »Die Seele baumeln lassen« hatte er immer kitschig gefunden, aber jetzt ahnte er, wie es sich anfühlen würde, wenn … ja, wenn ihn nicht genau in diesem Augenblick die Stimme seiner Ehefrau aus seinen Tagträumen gerissen hätte: »Schatz, auf Eier und Käse wollten wir doch verzichten. Denk an deine Cholesterinwerte, die müssen deutlich runter. Deshalb sind wir hier. Ich hab dir einen leckeren Obstteller fertiggemacht.« Und schon hatte sich seine Seele wieder ausgebaumelt.

»Ist das Blut?«, fragte er, als Moni ihm ein Glas mit einer dunkelroten Flüssigkeit reichte. Er fragte es auch aus Recherchegründen, denn wenn sein Lionel tatsächlich der harte Bursche war, der ihm schriftstellerisch jetzt schon in den Fingern juckte, dann trank er ja vielleicht auch nach seinen Morden das Blut seiner Opfer?

Er beugte sich über sie und lächelte befriedigt. Wie schön sie war, so still und weiß, nur aus der klaffenden Wunde in ihrem Herzen, in der noch das Messer steckte, mit dem er zugestochen hatte, rann dunkelrotes Blut. Er legte seine warmen Lippen auf ihr noch warmes Herz und benetzte sie damit.

Er schüttelte sich leicht. Es erstaunte ihn selbst, wie grausam er als Dichter denken konnte. Aber es begeisterte ihn auch.

»Das ist kein Blut«, sagte Monika streng, »das ist Rotebeetesaft mit Ingwer, den trinken wir von jetzt an jeden Morgen. Also, sei kein Frosch, runter damit.«

Er nippte vorsichtig, plötzlich zuckte er zusammen. Sein Liebesmörder kam lächelnd auf sie zu, im Arm die Frau, die er letzte Nacht dann wohl doch nicht in die ewigen Jagdgründe geliebt hatte. Ein bisschen war Hans Peter jetzt enttäuscht.

»Einen wunderschönen guten Morgen«, grüßte Kai lächelnd die Nachbartische, schob seiner Begleitung, die auch zum Frühstück auf teuerstes Rundumcashmere nicht verzichtet hatte und bereits perfekt geschminkt war, den Stuhl zurück und wartete, bis sie sich gesetzt hatte. Monika hatte die kleine Szene verträumt beobachtet.

 

»Ich mag es, wenn ein Mann Manieren hat«, sagte sie, »und dieser Mann hat sie, guck dir das ruhig mal an. Von dem kannst du noch lernen, Putzi.«

Hans Peter ersparte sich eine Antwort. Wenn sie wüsste, dass die ganze Höflichkeit und Freundlichkeit dieses Mannes nur Fassade war. Davon jedenfalls war er überzeugt, egal, wie geradezu aristokratisch-höflich sich dieser Kasper auch zu benehmen versuchte. Er kannte diese Art Mann aus seiner Zeit als Filialleiter – der Anzug wie eine zweite Haut, die fette Rolex ums linke Handgelenk, den »Ich bin das Steak, du bist das Würstchen«-Blick, mit dem solche Männer durch ihn hindurchsahen. Nur hatten diese Männer ihr Geld selbst verdient und ließen sich nicht als alternde Lustknaben von reichen, erotisch zu lange am Trockendeck dümpelnden Frauen aushalten.

»Träum nicht, Putzi«, sagte Moni jetzt, »iss deinen Obstsalat. Der ist lecker.« Gehorsam löffelte er Bananen, Apfelstückchen und Kirschen. »Schmeckt wirklich«, musste er zugeben. »Aber so ein Rührei mit Speck wäre mir jetzt lieber gewesen. Und bitte nenn mich in der Öffentlichkeit nicht mehr Putzi. Ich bin nicht putzig. Ich bin dein Mann.«

Monis Blick sprach Bände. Sein Blick zurück genauso. Schließlich hatte er sie mehrfach darauf hingewiesen, dass es ein Eulenspiegel-Streich war, ausgerechnet hier eine Entschlackungswoche zu verbringen, in einem Hotel, das nicht nur für seinen luxuriösen Wellnessbereich und den hohen Wohlfühlfaktor berühmt war, sondern besonders auch für die hervorragende Küche. Aber sie wollte, so charmant hatte sie es ausgedrückt, wenigstens in Bruchstücken wieder den Mann regenerieren, den sie vor 29 Jahren geheiratet hatte. Okay, auf sein damals volles, lockiges Haar konnte sie verzichten. Bruce Willis hatte ja auch eine Glatze. Für Haarschwund konnte ein Mann nichts. »Aber den schlanken, muskulösen Körper, Schatz, deinen Body von früher, den vermisse ich schon ein bisschen.«

Er konnte es nicht mehr hören. Keiner wurde schließlich schöner und schlanker im Älterwerden, auch sie nicht.

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