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Gilde der Diebe

Über den Autor

Paul S. Kemp ist New-York-Times-Bestsellerautor und hat bereits diverse Fantasyromane geschrieben. Großen Erfolg hatte er mit seinen Star-Wars-Romanen, die sehr positiv besprochen wurden. Kemp lebt mit seiner Familie in Michigan. Besuchen Sie den Autor auch auf seiner Website: www.paulskemp.com

PAUL S. KEMP

Gilde der Diebe

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Michael Neuhaus

BASTEI ENTERTAINMENT

1. Kapitel

Ools Uhr erklang zwei Mal. Die tiefen Gongschläge vom Turm des verrückten Magiers erfüllten die Stille der frühen Morgenstunden. Die Straßen lagen verlassen, und die Stadt mutete wie eine Grabstätte an, in der Erinnerungen an Laster und Gewalt herumgeisterten. Vom Himmel prasselte ein kalter Regen, dessen schwere Tropfen wie Schleudergeschosse auf Nix’ tief ins Gesicht gezogene Kapuze niedergingen. Durch die schmalen, nachtumwobenen Gassen heulte der Wind, zwang den Regen in die Horizontale und peitschte ihn vor sich her. Nix hüllte sich noch enger in seinen Umhang. Wie immer, wenn er durch den Kaninchenbau ging, ließ er hier und dort eine Kupfermünze oder einen Silberling fallen, damit irgendjemand sie fand und einstecken mochte. Kleine Samenkörnchen der Hoffnung und der Linderung für die leidgeprüften Menschen, die hier lebten.

Er hielt sein gezücktes Falchion in der Hand und Egil, der neben ihm ging, in jeder Faust einen Hammer, obschon diese Vorsichtsmaßnahme unnötig erschien. Nur Idioten trieben sich in einer solchen Nacht und zu dieser Stunde in diesem Viertel herum, und die Bewohner des Kaninchenbaus waren vielleicht verzweifelt, doch mitnichten Idioten.

Wenn des Nachts Ools Uhr schlägt drei

Und Minnear leuchtet unheilvoll rund,
Nicht auf den Straßen der stillen Stadt sei,
wo Hölle und Tod walten in jener Stund’.
Fliehe die Gasse, so finster im Keim.
Verirrt sich die Seel’, kehrt sie nimmermehr heim.

Nix erinnerte sich an den Reim aus seiner Kindheit, wie wohl jeder in Dur Follin es tat. Er war sich sicher, er hatte die Gasse, von der hier die Rede war, die Dunkelgasse, tatsächlich einmal gesehen. Vor langer Zeit, als er noch ein Junge gewesen war.

Es war tief in der Nacht gewesen, kurz nach der dritten vollen Stunde, und er hatte sich gerade an die Fersen eines fetten Fuhrmanns geheftet, den er um seinen Geldbeutel erleichtern wollte. Ein trauriges Klagelied vor sich hin lallend war der Mann durch die düsteren Straßen getorkelt. Nix war ihm gefolgt, hatte auf den richtigen Augenblick gewartet, und dann … hatte er etwas gespürt, ein Absinken der Lufttemperatur, wie es ihm später im Rückblick vorkommen wollte, und eine Woge unsäglichen Kummers. Das Lied des Fuhrmanns war verstummt, und Nix hatte gesehen, wie der Mann vor der Einmündung einer engen Gasse gestanden hatte, die so finster war, dass Nix nicht mal einen Schritt weit hineinblicken konnte. Der Fuhrmann hatte irgendetwas gemurmelt – vielleicht auch geweint – und war dann in die Gasse eingebogen. Nix hatte geblinzelt, nur ein einziges Mal, und danach waren die Kälte, die Traurigkeit, der Fuhrmann und die Finsternis verschwunden. Wie von Teufeln gehetzt war er zurück zu Muhme Mamas Haus gerannt und hatte sich seitdem niemals wieder zu jener Stunde in die Straßen gewagt.

Bis heute.

Er schüttelte den Kopf und verbannte die Erinnerung aus seinem Kopf.

»Wir sollten bei Muhme Mama vorbeischauen«, meinte Egil.

Muhme Mama, übergewichtig, steinalt und eine Seele von Mensch, nahm seit Jahrzehnten Gassenkinder bei sich auf, gab ihnen zu essen, Unterkunft und Herzenswärme. Sie hatte Nix vor einem kurzen, harten Leben auf der Straße bewahrt, und er liebte sie wie eine Mutter. Genau wie Egil es tat. Wie alle es taten.

»Morgen«, erwiderte Nix und ließ unausgesprochen, was sie, wie er wusste, beide dachten.

Wenn es ein Morgen für uns gibt.

Der Regen und der Dunst ließen den Gestank des Kaninchenbaus emporsteigen, und der Wind half nicht, ihn zu vertreiben. Die kalte Luft trug den widerwärtigen Fäulnisgeruch vom Totenbruch, dem großen Sumpf südlich von hier, in diesen Teil der Stadt und vermengte ihn mit dem penetranten, trostlosen Aroma von Moder, Abfall, Fäkalien und Hoffnungslosigkeit, das den Kaninchenbau beständig durchzog. Nix war diese Mischung seit seiner Jugend, die er im Kaninchenbau verbracht hatte, nur allzu vertraut.

»Hier stinkt’s wie nasser Köter«, bemerkte er, nur um etwas zu sagen.

»Bah!« Egil hob seine Hämmer, als könnte er den beleidigenden Geruch mit ihnen zermalmen. »Wohl eher nach ’nem kranken Hund, der im Totenbruch gebadet und sich anschließend in seiner eigenen Scheiße gewälzt hat. Von den Ausdünstungen eines lediglich nassen Hundes würd ich mit Freuden ’nen tiefen Atemzug nehmen.«

»Kann ich mir denken«, stichelte Nix. »Es heißt ja, dein Volk hätte ohnehin eine … na ja, sagen wir mal besondere Zuneigung zu seinen Hütehunden.«

Egil stampfte seinen Stiefel in den Schmutz und bespritzte Nix mit Matsch.

»Hey!«, protestierte Nix. »Die Hosen sind neu!«

»Es heißt auch, dass mein Volk wenig übrig hat für freche Bemerkungen von unterentwickelten Männern mit beschränktem Verstand.«

»Beschränkter Verstand?«, empörte sich Nix, in seinem Stolz verletzt. »Ich?«

Egil zuckte unter dem nassen Umhang, der seine hünenhafte Gestalt verhüllte, die Schultern. »Nun, wenn du denkst, dass es genügt. Und mit unterentwickelt meinte ich natürlich deine körperlichen Maße.«

»Wie bitte?« Nix blieb abrupt stehen und deutete mit dem Zeigefinger auf Egils von der Kapuze halb verdecktes breitnasiges Gesicht. »Unterentwickelt, sagst du? Ich?«

»Deine körperlichen Maße, sagte ich. Und das war nur ’ne ganz generelle Feststellung.« Als könnte er kein Wässerchen trüben, schwang der Priester einen Hammer und setzte sich wieder in Bewegung. Vernehmlich schmatzte der Straßenschlamm unter seinen Stiefeln, während er über die Schulter hinweg hinzusetzte: »Und noch mal: Wenn du denkst, dass es genügt …«

Nix rannte hinter ihm her, wobei er seine Hosen noch mehr mit Matsch bespritzte. »Einen Teufel tue ich.«

»Ah«, erwiderte Egil listig. »Dann sind wir uns ja einig.«

»Einig worüber?«

»Dass es damit nicht weit her ist. Hast du ja gerade eben bestätigt.«

»Hab ich? Es gibt nicht eine Frau in Dur Follin, die deine Behauptung von wegen mangelnder körperlicher Ausstattung unterschreiben würde. Kiir ist nur das jüngste Beispiel von ihnen. Und was die Sache mit dem Grips betrifft: Ich war bereits an der Akademie immatrikuliert, bevor ich meinen zwanzigsten Winter erlebte. Das hätte jemand mit beschränktem Verstand wohl kaum geschafft. Und, möchte ich hinzufügen, nur ein Hügelmensch mit gegen Null tendierendem Intellekt würde was anderes denken.«

»Oha! Immatrikuliert. Gegen Null tendierender Intellekt«, entgegnete Egil, und Nix konnte förmlich hören, wie er dabei grinste. »Netter Versuch. Aber du hast die Akademie geschmissen, Nix.«

»Damit hast du dich jetzt entlarvt! Du willst mich nur zur Weißglut bringen. Du weißt ganz genau, dass ich dort ausgeschlossen wurde.«

»Das sagst du.«

»Das sage ich?« In dem Versuch, Egil zu bespritzen, stampfte Nix nun seinerseits mit dem Stiefel in den Matsch, was indes dazu führte, dass er sich seine neuen Hosen nur noch mehr besudelte. Er fluchte, während der Priester ihn ignorierte. »Das sage ich? Das fällt dir dazu ein?«

»Das. sagst. Du. Das fällt mir dazu ein.«

Sie blieben abrupt stehen, wandten sich einander zu und starrten sich für einen langen Augenblick an. Der Regen prasselte hernieder. Donner grollte. Dann fingen sie gleichzeitig an zu grinsen.

»Du hast meine Leute Hundeficker genannt«, maulte Egil.

»War nicht so gemeint.« Nix senkte reumütig den Kopf. »Hab nur versucht, mir die Zeit zu vertreiben. Und ich gebe zu, dass das nach einer Erwiderung verlangte. Aber ein kleiner Schwanz und ein beschränkter Verstand? Eins davon wäre ja noch in Ordnung gegangen, aber gleich beides? Da könnte ein ganzer Kerl schon mal handgreiflich werden.«

Egil nickte. »Stimmt. Also Entschuldigung. Ich hab’s natürlich auch nicht so gemeint.«

»Ebenfalls Entschuldigung«, entgegnete Nix. Sein Blick wanderte prüfend zum Himmel und dann weiter über die nähere Umgebung. »Sehen wir einfach zu, dass wir das hier hinter uns bringen.«

Er setzte sich entschlossen wieder in Bewegung, und Egil schloss sich ihm an.

»Ja«, sagte der Priester. »Wonach suchen wir genau?«

»Nach einer guten Stelle.«

»Uns bleibt nur noch ’ne knappe Stunde.«

»Eben.« Nix war sich der verstreichenden Augenblicke durchaus bewusst, während er nach einer geeigneten Kreuzung suchte und nach vielversprechenden Gassen Ausschau hielt. Egil hängte einen seiner Hämmer in die Schlaufe an seinem Gürtel und holte aus der Gurttasche ein paar Würfel hervor, die er im Weitergehen in der Hand klackern ließ. Über dem Trommeln des Regens war das Geräusch kaum zu hören.

Kulven stand schon tief über dem Horizont, deutlich sichtbar, wenngleich die Wolkendecke seinen Schein in einen formlosen, silbrigen Fleck verwandelte. Minnear, der kleinere, grüne Magiermond, würde in weniger als einer Stunde aufgehen. Bis dahin musste Nix alles vorbereitet haben.

»Scheiß Regen«, schimpfte Egil aus den Tiefen seines Umhangs. »In einer Nacht wie dieser sollte man im Tunnel sitzen, Gadds Bier trinken und Fischeintopf essen.«

»Stimmt«, pflichtete Nix ihm bei, während er weiter die Umgebung prüfte. »Aber dass ich jetzt gerade nicht betrunken bin und einen leeren Magen hab, ist deine Schuld.«

»Meine?«

»Selbstverständlich deine«, erwiderte Nix. »Du hast ja bei einer Frau noch nie nein sagen können.«

Egil blieb abrupt stehen und starrte ihn an. »Moment mal, nun …«

»Hier«, sagte Nix und schaute an dem Priester vorbei. »Genau hier.«

Sie standen auf einer schmalen und schlammigen Straße, ein kleines Stück vor einer schummrigen Kreuzung. Hinter den durchhängenden Dächern der umstehenden Gebäude konnte Nix die dunklen Hänge der ansteigenden Halde erkennen. Und dahinter die sich vor Kulvens mattem Schein erhebende Spitze von Ools Uhr.

Heruntergekommene Häuser säumten die Straße, ächzend und knarrend im Wind und schief aneinandergelehnt wie Betrunkene, die sich gegenseitig stützten. Irgendwo schlug ein Fensterladen auf und zu. In den engen Lücken zwischen den Häusern öffneten sich Gassen, vier Stück an der Zahl. Genau die Stelle, die Nix gesucht hatte.

Egil schlug seine Kapuze zurück, blickte sich um und spähte blinzelnd in den Regen. Er strich sich mit der Hand über die Tätowierung, die seinen Kahlkopf bedeckte – das in einem Strahlenkranz flammende Auge Ebenors, des Augenblicksgotts, einer Gottheit, die nur einen Moment lang existiert hatte und dann wieder erloschen war. Nix’ Kenntnis nach war Egil Ebenors einziger Anbeter. Und Anbetung war vielleicht auch nicht unbedingt das richtige Wort dafür.

»Nervös?«, fragte Nix.

Egil schüttelte langsam den Kopf, so, wie er es immer tat, wenn er nachdenklich war. »Nein, aber das hier fühlt sich irgendwie anders an als unsere üblichen Eseleien.«

»Kommt mir auch so vor. Noch ist es nicht zu spät umzukehren«, bot Nix an, doch er kannte die Antwort des Freundes bereits.

»Wir haben unser Wort gegeben«, sagte Egil.

Nix nickte, schlug ebenfalls die Kapuze zurück und nahm seinen Ranzen mit allerlei nützlichen Dingen ab, sowohl magischer wie eher alltäglicher Art.

»Zumindest hast du dein Wort gegeben«, fuhr Nix fort. »Schlimmer noch, du wolltest nicht mal was von Bezahlung wissen.«

Egil steckte die Würfel weg und griff sich wieder seinen zweiten Hammer. »Manchmal muss man das Richtige tun, Nix.«

»Aber es ist doch nicht verkehrt, etwas dafür zu nehmen«, erwiderte Nix. Er schaute Egil an und zwinkerte. »Warst völlig hin und weg von der hübschen Professorin, oder täusch ich mich da?«

Egil vermied es, ihn anzusehen. »Bah! Ich finde bloß, dass einer von uns mal ein wenig Pflichtgefühl in diese Partnerschaft einbringen sollte.«

Nix lächelte und bohrte nicht weiter. »Und das bist am besten du, nehm ich an.«

»Am besten ich, allerdings«, entgegnete Egil. Er räusperte sich. »Obwohl sie wirklich hübsch war.«

Eine ehemalige Akademielehrerin von Nix, Professor Enora Fenstin, hatte Nix vor Kurzem im Schlüpfrigen Tunnel aufgesucht. Als Professor Fenstin – schlank und wohlproportioniert, das lange schwarze Haar akzentuiert durch ein einzelnes, apartes graues Band – die Kaschemme betrat, hatte sie sämtliche Blicke auf sich gezogen, einschließlich der Egils. Im Nachhinein hatte Nix realisiert, dass es um den Priester im gleichen Moment, da er sie erblickt hatte, geschehen gewesen war.

Enora, die sich merklich unwohl gefühlt hatte inmitten des Qualms, der Zecherei und des Lasters, hatte erklärt, dass ihr Kollege, Professor Reen Drugal, verschwunden sei, und zwar im Verlaufe seiner jüngsten Forschungen, die sich mit einem mysteriösen Phänomen befasst hatten, das allgemein als Dunkelgasse bekannt war.

Nix und Egil hatten wie aus einem Munde geflucht.

»Ich dachte, der Hohe Magister hätte weitere Forschungen hinsichtlich der Dunkelgasse verboten«, sagte Nix.

Enora vermied jeden Augenkontakt, studierte stattdessen die Tischplatte, als hätte sie dort etwas Interessantes entdeckt. »Das hat er.«

Nix begriff. »Drugals Arbeit war demnach von der Akademie nicht abgesegnet?«

Enora nickte einmal kurz. Sie strich sich das gewellte Haar aus dem Gesicht. »Der Magister hat ihm eine Ausnahmegenehmigung verweigert. Aber Reen hat trotzdem weitergemacht.«

Nix schüttelte den Kopf. Drugal hatte Portale und Translokation unterrichtet, und Nix war von ihm sehr angetan gewesen. »Das sind ja schöne Neuigkeiten. Ich hab Drugal gemocht. Während meiner Ausbildung an der Akademie ist er immer gut zu mir gewesen. Was man von anderen nicht behaupten kann.«

Enora fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und beugte sich nach vorn. »Deshalb bin ich hier, Nix. Niemand weiß von meinem Vorhaben. Es weiß noch nicht einmal jemand, dass Drugal überhaupt vermisst wird.«

»Noch nicht«, entgegnete Nix. »Das wird aber nicht lange so bleiben.«

»Ich weiß.« Seufzend lehnte sich Enora auf ihrem Stuhl wieder zurück.

Mit einem Mal erfasste Nix die Lage. »Ihr habt ihm geholfen, hab ich recht? Und wenn die Sache rauskommt und sich zu einem Skandal auswächst, kostet Euch das unter Umständen Euren Lehrstuhl an der Akademie.«

Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, irgendetwas abzustreiten oder Widerspruch zu erheben. »Ja.«

Nix nahm einen Schluck von seinem Bier. »Ihr könntet einfach nichts sagen. In Dur Follin verschwinden alle Nase lang Leute. Es gibt keinen Anlass für einen Skandal. Wer sagt denn, dass Drugal sich nicht eine Geliebte zugelegt hat und auf und davon gezogen ist.«

»Nix …«, setzte Egil an, doch Nix brachte ihn mit einer erhobenen Hand zum Schweigen. Er musste herausbekommen, welche Motive Enora trieben.

»Ich kann ihn nicht in der Dunkelgasse lassen«, sagte sie, offenbar erstaunt über ihren eigenen Ernst. »Er ist ein Freund, Nix. Ich kann ihn einfach nicht dort lassen.«

Das ließ Nix gelten. »Gut möglich, dass es kein ›dort‹ gibt. Niemand weiß, was die Dunkelgasse ist. Und niemand kam, einmal darin, je wieder heraus.«

Sie schluckte, und für einen Moment sah sie vollkommen verloren aus. »Ich weiß. Aber Reen hat so oft von Euch gesprochen, eure … Abenteuer verfolgt. Eurer beider Abenteuer. Er hielt wirklich große Stücke auf euch. Und da dachte ich, vielleicht …« Sie verstummte und überließ es der Stille, die Frage zu stellen.

»Da dachtet Ihr, wir könnten die Dunkelgasse suchen, hineinspazieren, Professor Drugal finden und mit ihm wieder zurückkehren?«

Sie nickte, sichtlich angespannt in Erwartung einer abschlägigen Antwort.

Nix versenkte sein Gesicht im Bierkrug und schüttelte kichernd den Kopf. Im Geiste legte er sich bereits die richtigen Worte für eine höfliche Ablehnung zurecht, doch bevor er etwas sagen konnte, kam Egil ihm zuvor.

»Wir machen’s«, sagte der Priester. »Wir holen ihn da raus.«

Perplex stellte Nix seinen Bierkrug auf dem Tisch ab. »Was? Nun, ich glaube, was mein Freund meint …«

Egil sah Nix mit festem Blick an. »Ich meine exakt, was ich gesagt hab. Wir werden ihn suchen und rausholen.«

»Ach ja?«, fragte Nix.

»Ja«, erwiderte Egil mit einem energischen Nicken, Ebenors Auge wie ein Zwinkern auf seinem haarlosen Kopf.

»Wie viele Biere hattest du?«

»Wir kriegen das hin«, sagte Egil.

»Tatsächlich? Und wie?«

Ein langer Augenblick verstrich, bevor Egil die Schultern zuckte und antwortete: »Wir lassen uns was einfallen.«

»Wir sprechen von der Dunkelgasse, Egil.«

»Wir lassen uns was einfallen«, wiederholte der Priester langsam und bedeutungsvoll, den Blick dabei unverwandt auf Enora gerichtet.

Nix schluckte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, schüttelte alsdann den Kopf und rief nach einer weiteren Runde von Gadds Bier. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute über den Tisch hinweg Enora an. »Wie’s scheint, werden wir den Auftrag übernehmen.«

Erleichterung weichte ihre angespannten Gesichtszüge auf, und Tränen der Dankbarkeit sammelten sich in ihren Augen, was sie nur noch hinreißender aussehen ließ. Sie beugte sich vor und ergriff Egils Hand. »Ich danke euch, euch beiden. Ich werde tief in eurer Schuld stehen.«

»Wo wir gerade davon reden«, erwiderte Nix. »Ich würde mal sagen, als Entlohnung hierfür …«

Egil hob die Hand und schüttelte seinen Kübelkopf. »Eine Entlohnung ist nicht nötig.«

Nix versuchte, nicht allzu entsetzt auszusehen. »Ach nein?«

»Nein«, bestätigte Egil. Er legte seine riesige Pranke auf Enoras zierliche Hand. Sie errötete.

»Du bist stockbesoffen, stimmt’s?«, fragte ihn Nix.

Egil lächelte. »Ganz und gar nicht. Wie oft hast du herumgetönt, man solle mal die Dunkelgasse untersuchen. Jetzt hätten wir dafür einen triftigen Grund.«

»Grundgütige Götter, hast du gerade ›untersuchen‹ gesagt?«

Egil sah den Freund einfach nur unbewegt an.

Nix kannte diesen Ausdruck im Gesicht des Priesters und diesen Ton in seiner Stimme; jeder Einwand würde einfach an ihm abprallen. Für den Augenblick gab er es daher auf und hob stattdessen seinen Krug zu einem halbherzigen Trinkspruch.

»Dann also auf die triftigen Gründe.« Er tippte sich an die Schläfe. »Obwohl ich fürchte, dass wir den Verstand verloren haben. Wie auch immer, ich bräuchte irgendetwas, das Drugal gehört.«

»Ich kann Euch eins seiner Tagebücher geben«, schlug Enora vor.

»Das wäre perfekt«, erwiderte Nix enthusiastisch.

Egil klopfte ihm auf die Schulter, wobei er ihn um ein Haar vom Stuhl gestoßen hätte. »Alles wird gutgehen, Nix. Wirst schon sehen.«

Nix starrte in seinen Bierkrug, in Gedanken bereits mit dem Problem beschäftigt. Seit Jahren schon war er von der Dunkelgasse fasziniert. Sie war in Dur Follin eine Legende, ein geheimnisvoller Eingang in eine Unterwelt, der unvorhersehbar an allen möglichen Orten in der Stadt auftauchen konnte, doch immer zur gleichen Stunde. In einer finsteren Nacht vermochte eine Person sie nicht einmal zu sehen, bevor es dann zu spät war. Und jedermann behauptete, jemanden zu kennen, der jemanden kannte, der einen entfernten Verwandten hatte, welcher auf dem Nachhauseweg nach feuchtfröhlicher Zecherei auf immer in der Dunkelgasse abhandengekommen war.

Einige hielten sie gar für das offene Maul irgendeines unbegreiflich jenseitigen Wesens. Doch Nix war ein Jahr lang an der Akademie gewesen, wo er gelernt hatte, dass es sich bei der Dunkelgasse aller Wahrscheinlichkeit nach um ein wanderndes Portal handelte, vermutlich eine Art magisches Strandgut, das von der Zivilisation, die die Bogenbrücke erbaut hatte, hinterlassen worden war.

»Wir glauben, dass es ein Portal ist«, sagte Enora, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

»Gut möglich«, entgegnete Nix und schlürfte weiter sein Bier.

Viele hatten die Dunkelgasse über die Jahrzehnte hinweg gesucht: Forscher, die von den Vertretern einer verzweifelten Stadt angeheuert worden waren, die das Ding einfach bloß los sein wollten; Magier von der Akademie auf der Suche nach Ruhm, bevor das Verbot durch den Hohen Magister derlei Ehrgeiz einen Riegel vorschob; Abenteurer, die es in den Fingern juckte, das Rätsel zu lösen und welche Schätze auch immer aus der Dunkelgasse zu bergen. Die meisten hatten aufgegeben, ohne ihrer jemals ansichtig geworden zu sein. Einige hatten sie wahrscheinlich erblickt, aber das konnte niemand mit Sicherheit sagen, alldieweil sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren.

»Woher rührt Euer Interesse an der Dunkelgasse«, fragte Enora Nix.

»Interesse wäre vielleicht zu viel gesagt«, antwortete Nix. »Ich hab sie, als ich noch ein Junge war, einmal gesehen.«

»Sie ist schrecklich«, sagte Enora.

»Ja.« Nix hob seinen Blick und lächelte. »Ich hab mir nur ab und an so meine Gedanken gemacht, mehr nicht. Außerdem ist noch nie jemand, der hineingegangen ist, je wieder herausgekommen.«

»Und genau das macht ihre Anziehungskraft aus«, sagte Egil nickend.

Enora schaute vom einen zum anderen; fragend hoben sich ihre zierlichen Brauen. »Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, meine Herren.« Sie lächelte Egil an, und nun war es an dem Priester, zu erröten.

Nix versuchte ihr zu erklären, was Egil meinte: »Meine Dame, manche Männer wandeln auf Ellerth, um Gedichte zu schreiben oder um untergegangene Kulturen zu entdecken, oder neue Religionen zu begründen, oder das zu tun, wozu immer sie sich berufen fühlen. Nicht so Egil und ich. Wir sind einfach hier, um uns an Orte und in Situationen zu begeben, von denen die Leute behaupten, dass es kein Hinein- und Hinauskommen gibt.«

Egil nickte erneut, während die beiden Freunde ihre Krüge aneinanderstießen und jeweils einen ordentlichen Schluck in sich hineinkippten.

»Und das ist eure Berufung? Euer Daseinszweck?« Sie lächelte. »Ich muss zugeben, das gefällt mir.«

»Berufung, Daseinszweck, scheint mir beides ein bisschen hochgegriffen zu sein, meint Ihr nicht auch? Ich weiß nur, dass wir es geschafft haben, die Dinge spannend zu halten.«

»Das glaub ich gern«, erwiderte sie. »Kann ich vielleicht auch so ein Bier haben?«

Während Nix lautstark noch ein Bier orderte, räusperte sich Egil nervös und schaute Enora mit seltsamem Blick an. »Darf ich fragen, in welcher Beziehung Ihr zu Drugal steht? Ihr sagtet, er sei ein lieber Freund, und da hab ich mich gefragt …«

»Da wir gerade vom Finden interessanter Orte reden«, murmelte Nix, doch der Priester und die Professorin achteten gar nicht auf ihn.

In dem Lächeln, das Enora Egil nun schenkte, war nicht das kleinste Anzeichen von Befangenheit zu erkennen. »Nur ein Freund und Kollege. Mehr nicht.«

Egil atmete tief aus und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück; unter ihm ächzte vernehmlich das Holz. Dabei vermochte er sich nicht von Enoras Anblick zu lösen. »In dem Fall wäre es mir eine Freude, Euch heute Abend meinen Gast nennen zu dürfen.«

»Nun hör sich einer den an«, frotzelte Nix. »Auf einmal so artig und fein.«

»Das klingt wunderbar, Egil«, erwiderte Enora.

Nix knallte seinen Krug zurück auf den Tisch, entschuldigte sich und überließ die beiden sich selbst.

Der Regen prasselte so heftig herab, als wollte er Nix in den Matsch hineintreiben. Er kauerte sich nieder, schützte seinen Ranzen mit dem Körper und durchstöberte ihn.

»Verirrt sich die Seel’, kehrt sie nimmermehr heim«, sagte er.

»Was soll das jetzt wieder?”, fragte Egil.

»Ach nichts … Meinte nur, ich hoffe, wir geh’n nicht verschütt«, entgegnete Nix.

»Jau.«

»Sieh dich doch bitte mal um, ja? Nur um sicherzugehen, dass sich niemand hier rumtreibt. Ich möchte nicht, dass irgendjemand versehentlich in die Sache mit hineingerät.«

»Wo doch jeder weiß, dass deine Zaubersprüche niemals misslingen«, zog Egil ihn auf.

»Du mich auch«, gab Nix lächelnd zurück.

Während Nix ein paar Dinge aus dem Ranzen hervorholte und in Gedanken schrittweise seinen Plan durchging, pirschte Egil einmal um die Kreuzung herum und steckte seine Nase in jede Gasse hinein, um sich zu vergewissern, dass in der Nähe nicht irgendwelche Trunkenbolde aus den Latschen gekippt waren.

»Niemand hier«, verkündete Egil, als er zurückkehrte.

Inzwischen war der Regenguss zu einem hartnäckigen Nieseln geworden. Auch der Wind flaute ab, und die plötzliche Stille fühlte sich unheilvoll an. Ein leichter Nebel stieg von dem schlammigen Erdboden auf. Der Gestank freilich blieb. Minnear war aufgegangen.

Nix nahm sechs der fingerlangen Stängel aus magisch behandeltem Pech und Talg aus dem Ranzen und gab drei davon Egil.

»Kerzen?«, fragte der Priester.

»Nein, keine Kerzen. Und riech nicht daran.«

Natürlich schnüffelte der Priester an einem und zuckte augenblicklich zurück. »Gütige Götter! Was ist das?«

»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht dran riechen? Die sind aus etwas ganz Scheußlichem gemacht. Woraus genau, willst du nicht wissen.«

»Wenn ich es nicht wissen wollte, hätt’ ich nicht gefragt.«

»Na schön, wie du meinst. Sie bestehen aus Pech, einem Bindemittel und dem ausgelassenen Fett eines toten Mannes, der bei seinem Ableben von Reue gequält wurde.«

Egil starrte Nix einen langen Moment mit undurchdringlicher Miene an. »Von Reue?«

Nix nickte und erwiderte nichts, wohl wissend, dass man mit dem Thema »Reue« bei Egil einen wunden Punkt traf.

Der Priester spuckte in den Schlamm. »Du und dein scheiß Schnickschnack.«

»Genau, und wo wir gerade davon sprechen«, entgegnete Nix und kramte aus dem Ranzen einen Elfenbeinstab und ein faustgroßes Ei aus poliertem Vulkanglas hervor, in das ein einzelnes geschlossenes Auge hineingeätzt war. Die latente Magie, die dem einen wie dem anderen Gegenstand innewohnte, war stark genug, dass sich an seinen Armen die Härchen aufrichteten. Er stöberte weiter nach den besonderen Zündhölzern, die er benötigte, und hatte sie bald schon gefunden.

»Mit Reue im Herzen aus dem Leben zu scheiden, scheint mir eine schlechte Art zu sterben«, sagte Egil nachdenklich.

»Auch nicht schlechter als andere«, entgegnete Nix. Er schloss seinen Ranzen, stand auf und schlang ihn sich über die Schulter. »Lassen wir das Thema für den Augenblick, einverstanden?«

Egils Blick fiel auf die Utensilien in Nix’ Hand: das glänzende Auge, die Zündhölzer, die Talgstängel, den Stab, in dessen eines Ende mit minutiöser Sorgfalt das Maul einer Bestie geschnitzt worden war.

Ein mächtiger Donner erklang und brachte den Kaninchenbau zum Erzittern.

»Bitte keinen Regen mehr«, sagte Nix zum Himmel.

»Los, machen wir weiter«, drängte Egil.

»Zu Befehl.«

Egil folgte Nix zu einer Stelle, an der sich zwei Gassen kreuzten.

»Nimm die Talgstängel und zeichne damit auf beiden Seiten der Gasse an den ersten Hauswänden Linien an«, sagte Nix. »Warte, ich zeig’s dir. So.«

Er setzte seinen Talgstängel an der Ecke des ersten Hauses an, ungefähr in Höhe eines Türsturzes, und zog ihn senkrecht von oben nach unten. Zurück blieb eine dicke schwarze Linie aus klumpigem, am Holz klebendem Talg.

»Einfach bloß Linien? Müssen sie gerade sein oder …«

»Einfach bloß Linien. Sie müssen nicht perfekt sein, nur durchgehend von etwa Türhöhe bis zum Boden. Und mach sie dick. Sie müssen eine Weile brennen. Und Sigillen brauchen wir auch, aber dafür haben wir ja den magischen Schreibstab.«

»Moment mal, wir wollen die Linien anzünden?«

»Jepp.«

»Du wirst den ganzen Kaninchenbau niederbrennen, Nix.«

»Keine Sorge, ich hab alles im Griff.« Er hob die Zündhölzer. »Die machen kein normales Feuer. Die Flammen werden lediglich die Linien verzehren. Holz kann sich nicht entzünden, selbst wenn ich das wollte.«

Argwöhnisch schaute Egil auf die Zündhölzer, dann auf die Linien, dann wieder auf Nix. »Und du glaubst, das wird sie herbeirufen? Die Dunkelgasse?«

»Wir werden sehen.«

Sie gingen von Gasse zu Gasse und garnierten die Hauswände an den Einmündungen mit langen Strichen aus Leichenfett und Pech. Dann brachte Nix den Zauberschreibstab ins Spiel. Er sprach ein Wort in der Sprache der Erschaffung, um dessen schlummernde Kräfte zu wecken, und spürte, wie er wärmer wurde in seiner Hand. Alsdann stellte er sich in die Mitte der ersten Gasse, richtete den Stab auf den nassen Erdboden und sprach ein weiteres Wort der Macht.

In dem geschnitzten Bestienmaul bildete sich eine grünliche Flammenzunge. Mit ihr beschrieb Nix leuchtend grüne, in der Luft schwebende Sigillen. Die magischen Zeichen zogen sich zwischen den von ihnen gezogenen Talglinien über die gesamte Breite der Gasse. Eine Reihe Herbeirufungssigillen ritzte er in Höhe der oberen Linienenden ins Nichts, eine zweite ganz unten in unmittelbarer Nähe des Bodens. Als er fertig war, formten die Linien und Sigillen ein Viereck, einen Durchgang. Nix trat ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Werk. »Gar nicht mal übel, würde ich sagen.«

Egil grunzte.

»Grübelst du immer noch über Tod und Reue nach?«, fragte Nix seinen Freund. Es war als Frotzelei gemeint, aber Egil gab keine Antwort.

Prüfend schaute Nix in den Himmel. Kulvens Schein war durch die Wolkendecke nicht mehr zu sehen, dafür tauchte Minnear sie nun in ein mattblaugrünes Licht. Es musste kurz vor der dritten Stunde sein.

»Stecken wir jetzt die Linien an?«, fragte Egil.

»Noch nicht«, sagte Nix, während er den Stab und die übrig gebliebenen Talgstängel in seinem Ranzen verstaute. »Jetzt warten wir.«

»Worauf?«

»Darauf, dass Ools Uhr dreimal schlägt. Dann stecken wir sie an.«

»Dreimal«, wiederholte Egil abwesend. »Nicht auf den Straßen der stillen Stadt sei, wo Hölle und Tod walten in jener Stund’«.

»Ja«, sagte Nix. In einer Hand hielt er seine Klinge, in der anderen die Zündhölzer und das glatte Oval des glänzend schimmernden Auges. Ein paar der Zündhölzer gab er Egil.

Nach einer Weile räusperte sich der Priester und fragte: »Woher willst du wissen, dass er bei seinem Tod Reue empfunden hat?«

Nix war ganz auf das bald fällige Schlagen von Ools Uhr konzentriert und wusste zuerst nicht, was Egil meinte. »Wer?«

Egil hielt den Stummel von dem Talgstängel in die Höhe. »Der Mann, dessen Fett hier drin ist. Woher willst du wissen, dass er bei seinem Tod von Reuegefühlen heimgesucht wurde?«

»Himmelnocheins, Egil«, entfuhr es Nix. »Wer bereut in der Stunde seines Todes nicht irgendwas?«

»Stimmt«, erwiderte Egil leise. »Aber einige mehr als andere, nehme ich an.«

Nix glaubte zu wissen, welche Gedanken den Freund umtrieben – Egils Frau, seine Tochter, ihrer beider Tod –, doch er sagte nichts. Allein davon zu sprechen würde die Wunde wieder aufreißen. Also stand Nix einfach nur schweigend an seiner Seite.

Die Herbeirufungssigillen warfen ein gespenstisches Licht auf die Kreuzung. Die Zeit schien sich ins Endlose zu dehnen. Nix wischte sich die nassen Haare aus der Stirn und ging hinüber zur nächstgelegenen Gasse.

»Sobald die Uhr schlägt, zünden wir sie an. Der Rauch dürfte ebenso dazu beitragen, sie anzulocken, wie es die Sigillen tun sollten.« Er dachte an die Nacht zurück, als er die Dunkelgasse gesehen hatte, an den plötzlichen, unerklärbaren Kummer, den er damals empfunden hatte, daran, wie der traurige Fuhrmann geweint hatte. »Ich glaube, sie wird auf irgendeine Weise von Leid und Hoffnungslosigkeit angezogen.«

»Daher die Talgstäbe der Reue«, sagte Egil.

»Ja. Und deshalb denke ich auch, dass die Gasse im Kaninchenbau häufiger erscheint als irgendwo sonst.«

Egil schaute sich um. »Hoffnungslosigkeit und Reue in Hülle und Fülle. Ein dreckiges Geschäft, diese Dunkelgasse.«

»So ist es.«

Prüfend wog Egil das Gewicht seiner Hämmer. »Irgendeine Idee, was uns in ihr erwartet?«

»Nein. Aber wann hat uns das jemals an irgendwas gehindert?«

Egil strich sich mit der Hand über die Tätowierung auf seinem Schädel. »Noch nie.«

»Genau. Abgesehen davon mache ich mir weniger Sorgen darüber, wie wir hineinkommen oder was wir in ihr finden, sondern vielmehr darum, wie wir wieder herauskommen.«

»Du meintest doch, du hättest da eine Theorie.«

»Stimmt.« Nix zuckte die Achseln. »Aber es ist eben nur eine Theorie.«

»Eine Theorie ist mehr, als wir normalerweise haben.«

»Auch wieder wahr.« Nix blickte misstrauisch in den Himmel. »Obwohl, wenn es wieder anfängt zu regnen, wäre das nicht so gut. Die brennenden Linien sollen uns den Weg zurück weisen. Wär blöd, wenn der Regen sie auslöschen würde.«

Egil hob ebenfalls den Blick gen Himmel. »Schätze, den schlimmsten Guss haben wir hinter uns.«

»Das sagst du«, erwiderte Nix. »Wir könnten aber auch noch eine Nacht warten, oder?«

»Könnten wir, aber wie lange kann der Professor da drin überleben?«

Nix zuckte abermals die Achseln. »Bis jetzt ist noch nie jemand wieder rausgekommen. Er könnte genauso gut schon tot sein. Wir wissen nicht mal, ob es da drin ein da drin gibt. Nicht auszuschließen, dass wir in dem Moment, wo wir hinüberschreiten, ganz einfach … sterben.«

»Aber das glaubst du nicht.«

»Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube, es ist ein Portal.«

»Dann glaub ich das auch.«

Nix hoffte, dass das Vertrauen seines Freundes nicht unangebracht war. »Du übernimmst die zwei Gassen und ich die beiden anderen. Zünde die linken Linien oben an und die rechten unten. Alles klar?«

»Alles klar.«

Nix verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Weißt du, je mehr wir darüber reden, umso dümmer erscheint mir die ganze Idee.«

»Ja«, erwiderte Egil.

In dem Moment schlug Ools Uhr zur dritten Stunde. Weithin hallte der Gong des gewaltigen Turms über die Stadt.

»Denk dran«, mahnte Nix. »Linke Linien oben. Rechte Linien unten. Und pass auf, dass du die Sigillen nicht berührst.«

»Scheiß Schnickschnack!«, rief Egil über die Schulter, während er auf die nächstgelegene Gasse zustakste.

Nix tat es ihm gleich und entfachte alsdann mit dem Daumen sein Zündholz; eine grüne Flamme erwachte tanzend zum Leben. In der vorgeschriebenen Weise hielt er die magische Flamme an die Linien. Sie gerieten nicht sofort zur Gänze in Brand. Stattdessen züngelten an den Enden einer jeden zunächst nur lauter kleine Lichtlein vor sich hin. Sie produzierten allerdings in einem fort stinkende schwarze Rauchsäulen, die in die Gasse abzogen.

Während Nix zuschaute, dehnten sich die Flammen allmählich entlang der linken Linien nach unten und entlang der rechten nach oben hin aus, als handelte es sich um eine nette Feuerwerksspielerei. Zufrieden mit dem, was er sah, rannte er zur nächsten Gasse und wiederholte den Prozess. Bald waren alle acht Linien entzündet, die Klänge von Ools Uhr nur mehr ein Echo in gewittriger Luft.

Die beiden Gefährten traten in die Mitte der Kreuzung zurück.

»Bei der Geschwindigkeit brennen die Linien über den Daumen gepeilt eine Stunde«, stellte Egil fest.

»Könnte hinkommen«, stimmte Nix zu.

Im Rahmen dieser ungefähren Zeitspanne mussten sie die Dunkelgasse betreten und auch wieder verlassen haben.

Nix strich mit dem Zeigefinger über das in Vulkanglas geätzte glänzende Auge in seiner Hand. Dann holte er das dünne Tagebüchlein Drugals hervor, das Enora ihm gegeben hatte, und bestreute es mit einer Mischung aus verzaubertem Schwefelkies. Er sprach ein Wort der Macht, und das Pulver flammte auf und wurde verzehrt. Daraufhin schob er das Journal wieder in seine Jacke, dicht an seine Brust.

»Jetzt können wir nur noch beobachten und warten.«

Rücken an Rücken standen die beiden Männer im unheimlichen Schein von grünem zaubrischen Feuer, spukhaften Sigillen und des Magiermonds, schauten auf die Gassen und warteten darauf, durch eine obskure Pforte zu treten, die jeder außer ihnen tunlichst versuchte zu meiden.

Nix sah zu, wie die grünen Flammen die Talglinien hinabwanderten, nicht ganz sicher, ob er erleichtert oder enttäuscht darüber war, dass die Dunkelgasse bis jetzt noch nicht aufgetaucht war.

Der Regen wurde wieder stärker. Das Magierfeuer zischte und zuckte unter den Tropfen, während es sich durch den Talg fraß.

»Scheiß Regen«, fluchte Nix.

»Nix«, sagte Egil.

»Was?«

»Sieh doch mal.«

Der Tonfall in Egils Stimme ließ Nix herumfahren, und da war sie: die Dunkelgasse. Sie sah genauso aus, wie Nix sie in Erinnerung hatte. Finsternis, wie verschüttete Tinte so dick, erfüllte eine der Gassen, eine sich zwischen den gezogenen Linien erstreckende pechschwarze Wand. Davor schwebten Nix’ Sigillen in der Luft, doch ihr Licht erleuchtete nichts. Das Heft in seiner Jacke wurde warm, was bedeutete, dass sie sich Drugal tatsächlich genähert hatten.

Nix hatte das Gefühl, als würde er in ein unendliches Loch hineinzublicken, und er spürte einen merkwürdigen Taumel, so als würde er fallen, in das Loch, in die Finsternis, für immer verloren. Dann nahmen seine Gedanken eine abrupte Wende. Er sah sich als Junge, der mit einem Messer auf einen alten Mann einstach, während sie kämpften um ein Stück Brot. Die Schande dieses Mordes bäumte sich in ihm auf, überwältigte ihn. Er merkte, dass er weinte, genau wie der Fuhrmann. Genau wie der Fuhrmann. Der Fuhrmann.

»Scheiße.«

Nix riss sich zusammen, packte Egil bei den Schultern und schüttelte ihn. »Egil!«

Egil starrte in die Dunkelgasse. In seinem Gesicht spiegelten sich nichts als Entsetzen und Leid.

Nix riss ihn zu sich herum. »Egil! Bleib bei mir! Egil!«

Der Blick des Priesters klärte sich. Er schüttelte den Kopf, konzentrierte sich auf Nix. »Verdammt, verdammt. Das war … fies.«

»Jau.« Nix schaute prüfend in Egils vierschrötiges Gesicht. »Wollen wir immer noch rein?«

»Nix, wenn er da drin noch immer am Leben ist …«

Der Freund nickte und klopfte auf das Heft unter seinem Umhang. »Wir können ihn nicht der Gasse überlassen. Schön. In Ordnung. Na gut.«

Mit einem Wort der Macht initiierte Nix die Kräfte des glänzenden Eis in seiner Hand. Ein Funkeln entsprang in seinen Tiefen. Leicht tippte er mit dem Finger auf das in die Oberfläche geätzte Auge.

»Erwache. Und leuchte hell.«

Das Auge öffnete sich und sandte einen weißen Lichtstrahl hinaus. Für den Moment richtete Nix ihn auf den Boden. »Bereit?«, fragte er den Priester.

»Jepp.« Egil nickte.

»Ist das hier nicht einer von diesen Augenblicken, von denen du andauernd sprichst?«, sagte Nix. »Solltest du jetzt nicht beten oder irgendwas intonieren oder so?«

»Mein ganzes Leben ist ein Gebet. Also legen wir los.«

»Wohlan denn«, erwiderte Nix, während sie sich wie ein Mann umdrehten, um der Dunkelgasse ins finstre Antlitz zu schauen.

Die schwarze Wand flimmerte. Nix richtete das Licht seines Kristalls auf sie, und der Strahl verlor sich im Nichts, wurde von der Schwärze einfach verschluckt.

»Kacke«, sagte Nix. »Sie wird dich niederdrücken. Lass es nicht zu.«

»In Ordnung«, entgegnete Egil. »Los, hak dich bei mir ein.«

Mit ineinanderverschlungenen Armen marschierten sie los.

Durch das gefärbte Leinen drang der Lärm des Unteren Basars ins Zelt hinein: das Dröhnen der Trommeln, das Tönen eines Gongs in der Ferne, Stimmengewirr, lautes Gelächter, ein gelegentlicher Ruf, die Weisen der Straßenmusikanten und dann und wann ein Ausbruch von Applaus.

Merelda lächelte. Die ersten zweiundzwanzig Jahre ihres Lebens hatte sie als Gefangene verbracht, eingesperrt von ihrem eigenen Bruder. Ihr Dasein war künstlich auf eine winzig kleine Welt zusammengeschrumpft worden, ihre Erfahrungen auf praktisch ein Nichts. Sie liebte den Unteren Basar deshalb so sehr, weil er sich so wild anfühlte, so unberechenbar, so groß. Wahrscheinlich, nahm sie an, erinnerte er sie deswegen auch ein bisschen an Egil. Auch er brachte sie zum Lächeln, obschon sie die Traurigkeit in ihm spürte.

Sie und Rose hatten sich rasch an ihr neues Leben gewöhnt. Egil und Nix waren sehr hilfsbereit, um nicht zu sagen fürsorglich gewesen – wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten die Schwestern solange wie nötig im Schlüpfrigen Tunnel wohnen können, und auch wenn es an Münze fehlte, waren die beiden Abenteurer stets zur Stelle –, aber Rusilla hatte darauf bestanden, dass sie sich nicht zu abhängig von anderen Menschen machten.

»Wir werden unser eigenes Glück schmieden«, wie Rusilla immer sagte.

Und das taten sie. Sie hatten am äußeren Rand des Unteren Basars einen Stand gemietet, zwischen einem Tabakblattverkäufer auf der einen und einem Wollhändler auf der anderen Seite. Sodann hatten sie sich mit prunkvollem, aber billigem Schmuck, wallenden Gewändern und entsprechender Kopfbekleidung ausstaffiert und betätigten sich seither als Wahrsagerinnen.

Das war nicht schwer, denn schon ein oberflächliches Lesen der Gedanken verriet Rusilla und Merelda, was ihre Kundschaft hören wollte. Die Ratsuchenden gingen zufrieden nach Hause, und Rose und Mere verleibten ihrem Schatzkistchen, in dem sie ihre Einnahmen verwahrten, ein oder zwei oder auch mal drei weitere Silberlinge ein.

»Für ein Zuhause irgendwann«, sagte Rose dann immer.

Zu Anfang hatten sie, um an zahlende Kundschaft zu kommen, die Klientel vom Tabak- und Wollstand ansprechen müssen. Aber ihr Können hatte sich rasch herumgesprochen – rasch genug, dass sie schon bald zwanzig oder mehr Besucher am Tag begrüßen konnten, dazu zahlreiche Stammkunden, die allwöchentlich wiederkamen. Tatsächlich waren die »Sehenden Schwestern« mittlerweile so bekannt, dass sie schon den vier naraszenischen Hellseherinnen auf dem Basar die Kundschaft abspenstig machten; die älteste und runzligste von ihnen bedachte Merelda und Rose stets mit dem »Hexenblick«, wann immer sich ihre Wege kreuzten. Bislang war es weiter nicht gegangen, aber Merelda hatte Sorge, dass es vielleicht nicht so blieb.

Sie stieß ihren Stuhl nach hinten und trat einen Schritt von dem mit Tüchern bedeckten Tisch zurück. Die Kopfschmerzen, die sich hinter ihren Schläfen eingenistet hatten, ließen sie zusammenzucken. Sie drehte den Kopf von Seite zu Seite und strich sich mit dem Finger unter der Nase entlang, um zu sehen, ob sie blutete.

Zum Glück war dem nicht so.

Sie streckte sich, wobei sie von dem duftigen, mehrschichtigen Kleid, das sie trug, eingeengt wurde. Sie stieß mit ihrer Kopfbedeckung an einen der Lüster und fluchte. Den größten Teil des Tages brachte sie mit Perlen und billigen Kristallen behängt und von fettiger Schminke und unbequemen Stoffen bedeckt zu, und sie war es wirklich, wirklich leid. Ein bisschen – nur ein bisschen – kam sie sich wie eines der Mädchen, die für Tesha im Tunnel arbeiteten, vor. Auch sie versteckten sich hinter Stoffschichten, Schminke und unechten Gefühlen und gaben bei der Arbeit vor, jemand anderer zu sein.

Sie griff hinaus nach dem Geist ihrer Schwester. Hast du mit Tesha noch mal wegen des Kaufs der Hälfte ihrer Anteile am Tunnel gesprochen?

Die mentale Anstrengung verstärkte ihre Kopfschmerzen.

Von jenseits des Holzwandschirms, der ein Drittel des Zelts vom Rest separierte, drang Roses Geiststimme zu ihr hinüber. Dahinter standen ein Tisch und ein mottenzerfressenes Sofa, und dort bewahrten die Schwestern auch ihr Münzkistchen auf. Vor allem aber diente ihnen der abgetrennte Bereich dazu, durch die hintere Zeltklappe unbemerkt zu kommen und zu gehen. Merelda stellte sich Rose vor, wie sie auf dem Sofa ausgestreckt ruhte.

Benutz nicht so leichtfertig Geistmagie, Mere, übermittelte Rusilla, dann sagte sie laut: »Du solltest es besser wissen. Und außerdem versuch ich zu schlafen.«

Merelda massierte ihre Schläfen. »Trotzdem, hast du?«

»Nicht in letzter Zeit. Wir haben nicht das nötige Geld, und ich bin mir nicht sicher, ob sie einen Teil ihres Geschäfts verkaufen will. Ich kann sie nicht bedrängen, Mere. Und ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob das wirklich das Richtige für uns ist.«

Merelda nickte. Tesha war niemand, der sich herumschubsen ließ. »Ich denke, schon, und ich wette, wir könnten von den Jungs kaufen.«

Langes Schweigen. »Schau’n wir mal, wie die Dinge sich entwickeln, Mere.«

»›Schau’n wir mal‹ heißt nein.«

»Warten wir’s einfach mal ab, in Ordnung? Ich würde Egil und Nix nur ungern noch mehr schulden, als wir es ohnehin schon tun.«

Merelda blieb auf ihrer Seite des Wandschirms. Sie mochte nicht den ungehaltenen Ausdruck in Roses Gesicht sehen. »Sie sind nett zu uns, Rose. Und sie erwarten nichts.«

Tatsächlich schienen sowohl Egil als auch Nix so ängstlich besorgt um die Schwestern, dass Merelda sie manchmal scherzhaft daran erinnern musste, dass sie und Rose nicht aus Glas waren.

»Noch nicht«, erwiderte Rose. »Aber sie werden. So sind Männer nun mal.«

»So hat vielleicht unser Bruder gedacht«, entgegnete Merelda. »Aber er war nicht alle Männer.« Sie sah förmlich vor sich, wie Rose die Augen verdrehte.

»Wir werden sehen, Mere«, sagte Rose.

Nun verdrehte Merelda die Augen. Sie nahm ihre Kopfbedeckung ab und legte sie neben die Weihrauchgefäße, den kleinen Gong und die diversen Kristalle, die den Tisch, den sie zum Wahrsagen benutzten, dekorierten. Der Duft von gekochtem Fleisch mischte sich in den Weihrauchgeruch, von dem das Zelt beständig erfüllt war. Merelda bemerkte, dass sie hungrig war.

Sie lugte um den Wandschirm herum und fand Rose genau so vor, wie sie es sich vorgestellt hatte – dahingestreckt auf dem Sofa, das lange rote Haar sich über ihre Arme ergießend, die blasse Haut nur noch blasser wirkend durch die Schminke, die sie trug.

»Ich hab Kopfschmerzen«, sagte Merelda. »Kannst du den Nächsten übernehmen?«

»Kopfschmerzen?«, fragte Rose. In ihr blasses Gesicht trat ein Ausdruck von Sorge. Sie setzte sich auf. »Bist du in Ordnung?«

»Bloß erschöpft, denke ich.«

Rose stand auf, kam zu ihr hinüber und legte ihr eine Hand auf die Stirn.

»Ich bin nicht krank, Rose«, sagte Merelda. »Nur ausgelaugt.«

Rose senkte ihre Hand und nahm ihre Schwester in den Arm. »Ich weiß. Diese Gedankenleserei ist anstrengend, mag sie noch so oberflächlich sein. Aber die Idee hat funktioniert, und es kommt jetzt stetig Geld herein.« Sie hielt Merelda auf Armlänge von sich. »Wir werden das hier nicht bis in alle Ewigkeit tun. Nur solange wir genug zusammengespart haben, um was Reelles aufzuziehen.«

»Rede noch mal mit Tesha«, sagte Merelda. »Und wenn sie nicht interessiert ist, dann sprich mit den Jungs. Besitzanteile am Tunnel wären ’ne prima Sache.« Sie lachte. »Menschenskind, wir könnten ihn sogar umbenennen.«

»Zugegeben, der Name ist wirklich geschmacklos«, erwiderte Rose. »Also schön, ich rede mit ihnen. Und ich übernehme auch die nächsten paar Sitzungen, aber dann holst du was zu essen, abgemacht? Wie wär’s mit Orguls Kalbsbries? Ich kann es bis hierher riechen.«

»Ich auch.«

Während Rose ihr Kostüm anzog, zog Merelda ihres aus. Sie legte die Oberkleider ab und befreite sich von dem grellbunten Schmuck. Anschließend nahm sie sich fünf Kupfermünzen aus dem unter dem Sofa versteckten Schatzkistchen und zwinkerte Rose zu. »Bin gleich wieder da.«

Gerade, als sie durch die rückseitige Zeltklappe ins Freie treten wollte, verkündeten die kleinen Glöckchen am Vordereingang, dass jemand eingetreten war. Rose lächelte ihr schiefes Lächeln, schlüpfte in ihre Rolle und trat hinter dem Wandschirm hervor.

»Ihr seid wegen einer Vertrauenssache gekommen«, empfing Rose den Kunden. »Setzt Euch hierher, mir gegenüber …«

Lächelnd huschte Merelda in den schmalen Durchgang zwischen ihrem Zelt und den dünnen Lattenwänden von Veraals Tabakstand neben ihnen. Alsdann trat sie hinaus in das Gewimmel und Getöse des Unteren Basars, wandte sich in Richtung Orguls Stand und stieß prompt mit einem dürren, kahl werdenden Mann in einem braunen Umhang zusammen.

»Verzeihung, meine Dame, Verzeihung«, nuschelte der Mann, ohne sie anzusehen. Er klang betrunken.

Merelda packte den Mann an seinem Umhang und vergewisserte sich mit ihrer anderen Hand, dass die Kupfermünzen noch in ihrer Tasche waren. Sie waren, also löste sie ihren Griff.

»Nichts passiert«, sagte sie und ließ den Mann gehen.

Der Wollstand wurde von einer drängelnden und laut feilschenden Menge umlagert. Eine kleinere Menschenschar lungerte vor Veraals Tabakstand herum und begutachtete fachkundig seine zu Bündeln geschnürte Ware. Veraal, dessen schütteres graues Haar ein Gesicht krönte, das aussah, als wäre es aus altem Leder, nahm die Pfeife aus seinen vergilbten Zähnen, stieß eine Rauchwolke aus und sah Merelda lächelnd an.

»Ich bring dir auch einen Happen mit!«, rief sie ihm zu.

Billigend hob er seine Pfeife.

Sie schwamm durch ein Meer aus Farben, Geräuschen und Düften, folgte ihrer Nase zu Orguls Stand eine Reihe weiter, wo in vier großen Kohlenpfannen ein Ragout aus Innereien brutzelte.

2. Kapitel

Unheilvoll hing die Dunkelgasse vor ihnen in der Luft. Während sie auf sie zugingen, spürte Nix, wie die Finsternis an dem Vorrat an Reue und Kummer zerrte, welche die einsamen, spätnächtlichen Orte in ihm erfüllten, aber er zwang sich, an schönere Dinge zu denken: an Muhme Mama, an die Freude der Gassenkinder, wenn sie eine von seinen im Kaninchenbau verstreuten Münzen gefunden hatten; er dachte an die Schwestern, Rusilla und Merelda Norristru, die er und Egil vor einem düsteren Schicksal bewahrt hatten.

In dem Moment, da sie in den Wirbel hineintraten, wurde schlagartig alles dunkel und still. Nix konnte nichts sehen. Er fühlte sich in die Länge gezogen, wie ein Stück Pergament kurz vorm Zerreißen. Die Schwärze war erdrückend, schwer, und schien an ihm zu kleben wie schmieriges Lampenöl. Es fiel ihm schwer zu atmen. Er verlor seinen Richtungssinn. Übelkeit verdrehte ihm das Gedärm. Längst vergessene Ereignisse brodelten aus dem morastigen Bodensatz seiner Erinnerungen empor. Kleine und große Sünden, Gemeinheiten und Boshaftigkeiten, all die Dinge, die er wünschte, niemals gesagt und getan zu haben, die er wünschte, ungeschehen machen zu können. Er wollte sich nur noch auf dem Boden zusammenrollen und alles vergessen, nur noch einschlafen und vergessen.

Sie wird dich niederdrücken. Lass es nicht zu.

Das Bild von Muhme Mama blitzte in seinem Kopf auf. Er lächelte und kam wieder zu sich. »Alles klar? Egil, bist du in Ordnung?«

»Was?« Egils Stimme klang seltsam gedämpft. »Ja.«

»Geh weiter und denk an was Schönes«, sagte Nix. Er hatte so eine Ahnung, welch finstere Erinnerungen die Dunkelgasse in Egil wachrufen würde. »An nichts anderes, Priester, nur an was Schönes.«

»Ist gut«, erwiderte Egil, doch es klang nicht sehr überzeugend.

Nix wandte sich um, konnte das mattgrüne Licht seines Magierfeuers erkennen; es schenkte ihm Hoffnung. Er dachte an die vielen Augenblicke, in denen er und Egil Tränen gelacht hatten, an Kiirs langes Haar, das ihren Rücken herabfloss, ihr Lächeln. Und wieder an Muhme Mama, ihr Lachen, ihren Eintopf, ihre Umarmungen. Muhme Mama. Muhme Mama …

Die Dunkelheit um ihn herum lichtete sich, und die Stille wich einem Weinen und Wimmern, nicht ihrem, sondern dem eines anderen. Das Geräusch war so kummervoll, so bar jeder Hoffnung, dass Nix sich fragte, ob das Portal sie vielleicht in eine der Elf Höllen befördert hatte, wo die Frevelhaften nur wiedergeboren wurden, um zu leiden.

Er bemerkte, dass das Licht seines Kristalls schwach die Schwärze vor ihnen durchdrang. Der dunkle Boden unter seinen Füßen fühlte sich schwammig an, beinahe organisch; es war, als gingen sie über Fleisch.

Unter seinem Umhang wurde es wärmer. Das Journal! Sie näherten sich Drugal.

»Wir sind nicht mehr weit entfernt«, sagte er, doch Egil schien ihn gar nicht mehr zu hören.

»Wer ist da draußen?«, rief er stattdessen.

Bei Nix läuteten sämtliche Alarmglocken auf. »Bei den Göttern, Prie…«

»Hulda? Asa?«

Seit Jahren hatte Nix seinen Freund nicht mehr die Namen seiner Frau und seiner Tochter aussprechen hören. Er fluchte, richtete den Kristall auf Egil. Die Augen in dem schattendurchfurchten Gesicht des Priesters waren weit aufgerissen und blickten ins Leere.

»Egil?« Nix schüttelte ihn. »Egil?«

Der Priester schaute an ihm vorbei, schob ihn beinahe beiseite. »Asa, wo bist du? Hulda? Ich hätte niemals fortgehen sollen. Es tut mir leid.«

Die letzten Worte des Priester waren nur undeutlich artikuliert, so als würde er im Schlaf sprechen. Er setzte sich in die Finsternis hinein in Bewegung, versuchte Nix abzuschütteln.

Von allen Seiten her brach ein Klagen und Jammern über sie herein, verzweifelt, jeden Fünkchens von Hoffnung beraubt. Nix verlor die Richtung, in die sie gegangen waren. Das Heft unter seinem Umhang wurde kalt.

»Egil! Verflixt und zugenäht, Egil!«

Er versuchte den Freund festzuhalten, doch der Priester war das reinste Muskelpaket, und Nix schaffte es nicht, ihn auch nur zu verlangsamen.

»Hulda! Hulda!«

»Verdammt noch mal, Egil! Deine Frau und deine Tochter sind nicht hier! Egil!«

Nix blickte über seine Schulter und sah die schwächer werdenden doppelten Punkte seines Magierfeuers, wie ferne, erlöschende Sterne.

»Wir werden hier nicht mehr rauskommen«, sagte er, während er sich ächzend gegen Egil stemmte.

Doch Egil hörte ihn nicht und zog ihn weiter und weiter; bald schon hatte die Finsternis das Magierfeuer vollkommen verschluckt.

»Mist«, fluchte Nix und versuchte seine Füße auf der Stelle zu halten. »Bleib stehn, Egil! Bleib stehn!«

»Asa!«, stieß der Priester mit brüchiger Stimme hervor. »Asa, es tut mir leid. Es tut mir so leid.«

Das Journal an Nix’ Brust wurde immer wärmer.

Weinend sank Egil auf den schwammartigen Boden. »Asa. Asa …«

Die Dunkelheit ringsum nahm noch zu, vielleicht genährt von Egils Gedanken. Nix hielt mit Gedanken an die Sonne und an Lachen und Liebe dagegen. Da manifestierte sich aus der Schwärze heraus eine Präsenz. Es fühlte sich für Nix so an, als hätte sich eine Tür geöffnet und etwas Riesiges und Finstres und Schreckliches linste heraus. Er konnte die fremden Blicke förmlich wie ein Gewicht auf sich spüren. Seine Zähne begannen zu klappern. Ein Windböe erhob sich, warm und feucht, wie der Atem von etwas unvorstellbar Großem.

Nix’ Gedanken wirbelten um und herum, Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Verabscheuungswürdige Dinge. Dinge, die er von Herzen bereute, Dinge, die ihn sich selbst hassen ließen. Die Finsternis wurde noch schwärzer. Er konnte kaum etwas sehen. Das Licht seines Kristalls schwand zunehmend dahin. Er wollte schreien, sich zusammenrollen und schreien. Er fuhr mit dem Finger über die Schneide seines Falchions; Blut quoll hervor, und er spürte einen brennenden Schmerz.

»Bleib bei dir, bleib bei dir, bleib bei dir …«, stöhnte er in einem fort. Er grub einen Fingernagel in den Schnitt an seinem Daumen, und der jähe Schmerz brachte ihn wieder zur Besinnung. Die Finsternis gab etwas nach. Doch irgendetwas kam auf sie zu, etwas Dunkles und Böses, und weit, weit jenseits von Nix’ Begreifen.

»Asa«, flehte Egil schluchzend. »Oh, Asa.«

Nix kniete sich über den Priester und schlug ihn mit der flachen Hand hart ins Gesicht, ein Mal, zwei Mal, ein drittes Mal. »Egil! Egil!«

Der Priester blutete aus der Nase, doch Nix schlug ihn wieder und wieder.

»Egil! Hier drin haust irgendwas! Etwas, das sich von Leid und Hass und Reue ernährt. Und jetzt kommt es uns holen und wir müssen hier raus! Steh auf! Steh auf!«

»Was?« Der Blick des Priesters fokussierte sich wieder. Mit dem Handrücken wischte er sich über die geschundene Nase. »Was? Ach du dicke Scheiße.«

Nachdem der Priester dergestalt aus dem Käfig seiner Gedanken befreit war, lichtete sich die Finsternis noch ein Stückchen mehr. Nix vermeinte von irgendwoher ein Glitschen zu vernehmen, etwas Großes und Schlangenartiges glitt über den schwammigen Boden.

»Los jetzt«, drängte Nix, und gemeinsam stolperten sie durch die Dunkelheit, nahezu blind, erfüllt von Entsetzen, während sich etwas Grauenhaftes hinter ihnen herschlängelte.

Plötzlich veränderte sich die Temperatur des Journals an Nix’ Brust von warm zu heiß. Er wollte es ignorieren, doch er konnte es nicht.

»Warte, warte, Egil! Er ist ganz nah.«

»Ich weiß, verdammt!«

»Nein, ich meine Drugal! Professor Drugal! Still!«

Sie verstummten und versuchten über das Klopfen ihrer eigenen Herzen und ihr Keuchen hinweg in die Finsternis zu lauschen.

Da! Ein Schluchzen von links.

»Dort«, sagte Nix und zog Egil hinter sich her. Er hielt den nur mehr schwachen und zerstreuten Lichtstrahl seiner magischen Lampe in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, und sah Drugal. Der Professor lag seitlich auf dem Boden, halb eingesunken in den dunklen, nachgiebigen Grund. Wie schwarze Adern, wie Wurzeln, schlängelten sich aus dem Untergrund Tentakel an seinen Armen und seinem Gesicht empor. Es war, als würde er von dem Boden langsam absorbiert. Er hatte seine Augen mit den Händen bedeckt, und sein Körper erbebte unter heftigen Schluchzern. Aus seinem Mund drang ein unverständliches Murmeln.

»Gütige Götter«, sagte Nix. Er kniete sich neben ihn und legte dem Professor eine Hand auf die Schulter. »Professor Drugal!«

Die Präsenz kam näher, wurde stärker, finsterer.

»Nix!«, warnte Egil.

»Ich weiß.« Nix schüttelte Drugal. »Drugal!«

Er versuchte den Professor herumzuwälzen, aber der steckte fest. Er versuchte es unter Einsatz von mehr Kraft, hörte ein nasses, reißendes Geräusch, und der Professor schrie vor Schmerz auf. Nix hielt das kristallene Auge ganz nah an den Körper des Professors und hätte sich fast übergeben.

Der Boden – oder was immer es sein mochte – war mit dem Fleisch des Mannes verschmolzen, die schwammartige, dunkle Substanz wuchs in seine Haut und seinen Leib. Nix hob eine Hand des Professors von dessen Gesicht. Seine Augen waren verschwunden und durch eine Ansammlung von schwarzen, schuppigen Tentakeln ersetzt, die sich wahrscheinlich bis hinauf in sein Gehirn erstreckten. Ein Großteil seines Körpers musste bereits angefüllt sein von den sich windenden und krümmenden Dingern.

Die Vorstellung, dass er und Egil ebenso enden mochten, ließ Nix beinahe die Nerven verlieren, doch er schob sie entschlossen beiseite.

»Nix, es kommt«, sagte Egil.

»Ich kann ihn nicht so hier liegenlassen«, entgegnete Nix.

»Dann tu’s nicht«, sagte Egil mit eindringlicher Stimme. »Tu’s nicht.«

Nix verstand.

»Es tut mir leid«, sagte er zu seinem alten Professor. Er stand auf und stieß Drugal seine Klinge durch die Brust. Der ganze Körper des Professors verkrampfte sich, und anstelle von Blut sickerte ein schwarzes Sekret aus der Wunde. Doch wenigstens hatte das Schluchzen ein Ende.

Nix hoffte, dass Professor Drugal Frieden gefunden hatte.

Er spähte in die Dunkelheit zurück, wo das Grauen lauerte. Er sah nichts, aber er konnte es spüren, fürchterlich und mächtig und finster.

»Los, weiter«, sagte er zu Egil.

Sie eilten davon, doch Nix wurde rasch klar, dass er nicht den geringsten Schimmer hatte, wo sich die als Leuchtsignale dienenden Magierfeuer befanden. Gut möglich, dass sie im Kreis gelaufen waren.

»Nix«, sagte Egil. Die Anspannung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Ich weiß.«

»Wir müssen hier weg.«

»Ich weiß.«

»Aber wohin?«, drängte Egil. »Welche Richtung?«

»Keine Ahnung! Ich kann die verdammten Lichter nicht sehen! Ich muss nachdenken!«

Die Präsenz kam näher und näher. Eine neuerliche warme Brise wehte über sie hinweg, der Atem verdinglichten Grauens. Nix kämpfte die Gedanken nieder, die aus den dunklen Regionen seines Ichs emporbrodelten.

»Dann denk auf der Flucht nach!«, fuhr Egil ihn an, packte ihn und zog ihn hinter sich her. Wie neugeborene Mäuse stolperten sie weiter durch das Dunkel, während in ihren Gedanken der Schleicher ins Unermessliche wuchs.

»Ich seh keine Lichter!«, sagte Egil.

»Wir brauchen die Lichter nicht«, erwiderte Nix und blieb jäh stehen.

»Was?«

»Es nährt sich von Kummer, Selbstverachtung und Reue. Geben wir ihm einfach das Gegenteil davon.«

»Was? Das ist doch völliger Unsinn.«

»Ist es nicht. Dreh dich um. Tritt ihm entgegen. Und klatsch ihm alles, was schön und freudvoll ist, zurück an den Latz.«

»Und damit erreichen wir was?«

»Wir bringen es dazu, dass es uns ausspuckt, Egil.«

»Schwachsinn!«

»Tu es.«

Und so blieben sie, wo sie waren, drehten sich um und stellten sich der Leere, boten der Tatsache die Stirn, dass sie Dinge getan und Dinge gedacht hatten, für die sie sich bis in alle Ewigkeit schämten.

Die Dunkelheit war vollkommen, ein schwarzer Vorhang, und kalt. Und sie kam über sie. Und das Etwas, das in ihr lauerte, war furchtbar und alt und abscheulich, die Verkörperung und Summe der Reue und Bosheit und Schande von wer weiß wie vielen armen Seelen, die darin gefangen waren.

All das erfasste Nix, und auch die Macht der Kreatur, der er zu trotzen gedachte. Doch er stand nur lächelnd da und wich nicht von der Stelle. Größtenteils richtete er seine Gedanken auf Muhme Mama, doch er dachte auch an Freunde, die er gekannt und geliebt und mit denen er zusammen gelacht hatte; dachte an Kiirs Lächeln, an Teshas wohlmeinenden Zorn, an den streunenden Hund, der vor langer Zeit sein bester Kumpan gewesen war, an die Leben, die er über die Jahre hinweg gerettet hatte. Und er dachte an Egil, an eine Freundschaft, die mit das Schlimmste hatte aushalten müssen, das die Welt aufzubieten vermochte, und dennoch von Bestand geblieben war.

Die Dunkelheit brüllte auf, ein tiefes Grollen, dessen Subschwingungen eine Bosheit in sich bargen, die einer ganzen Stadt würdig war. Sie kam näher, näher, wurde schneller. Nix stellte sich ein riesiges Maul vor, strotzend vor Zähnen und triefend vor Hass und Wut.

»Nicht bewegen, Egil. Denk an den Tag, an dem deine Tochter geboren wurde, an ihr erstes Lächeln, denk an deine erste große Liebe, deinen ersten Kuss, an den Tag, an dem du deine Frau geheiratet hast, an die Zeit, als wir diesem einäugigen Zauberer und seinem Vertrauten eins ausgewischt haben, an Lis, als sie im Tunnel deinen Arm berührte …«

Die Dunkelheit kam über sie, ein heulender und kreischender schwarzer Wind, der sie einhüllte in Kälte und Nacht. In Erwiderung schrien sie sie an, stemmten sich gegen ihren Ansturm, beschirmten ihre Gesichter und blinzelten in die Tinte. Unter ihrem Kreischen konnte Nix etwas hören, ein klägliches Wimmern, das klang wie …

Der Gong von Ools Uhr.

Ein kalter Nieselregen fiel auf sie herab. Verblüfft schaute Nix sich um, das Echo des Geheuls der Dunkelgasse noch in den Ohren. Er stand an der Mündung einer Gasse, doch nicht an jener im Kaninchenbau.

Er packte Egil am Arm. »Wir sind draußen! Du hast es geschafft! Bist du in Ordnung?«

Benommen schüttelte Egil seinen riesigen Kopf und blickte sich langsam um. »Ja.

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