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Gibt es Bielefeld oder gibt es Bielefeld nicht?

Über den Autor

Karl-Heinz von Halle ist ein Pseudonym. Der Autor ist Juraprofessor an einer deutschen Universität. Mit seiner Satire nimmt er die Eitelkeiten von Professoren aufs Korn, wofür ihm die Exzellenzinitiative der Bundesregierung zur Förderung der Wissenschaft und die Bielefeld-Verschwörung als Aufhänger dienen. Der Autor lebt in Berlin.

Inhalt

  1. Über den Autor
  2. Abschlussbericht der Exzellenzinitiative zur Erforschung des Phänomens Bielefeld – Vorwort von Karl-Heinz von Halle
  3. A.  Gemeinsame Einleitung vernetzter Exzellenz
  4. I.  Die Existenz des Virtuellen und Bielefeld
  5. II.  Die politische Dimension Bielefelds
  6. B.  Wissenschaftlicher Teil
  7. I.  Gemeinsame Begriffsbestimmung vernetzter Exzellenz
  8. 1.  Was sind Bielefelder?
  9. 2.  Können Menschen kraft ihrer Geburt als Bielefelder gelten?
  10. 3.  Bielefelder kraft Erinnerung?
  11. 4.  Borderline-Bielefelder
  12. 5.  Mischformen
  13. II.  Erkenntnisse einzelner Wissenschaften
  14. 1.  Forschungsbericht der Geographie
  15. 2.  Forschungsbericht der Sprachwissenschaften
  16. 3.  Forschungsbericht der Geschichtswissenschaften
  17. 4.  Forschungsbericht der Psychologie
  18. 5.  Exkurs: Interdisziplinäre Ad-hoc-Tagung unter Beteiligung geographischer, psychologischer und sprachwissenschaftlicher Exzellenz an der Mosel
  19. 6.  Forschungsbericht der Rechtswissenschaften
  20. 7.  Forschungsbericht der Sportwissenschaften
  21. 8.  Forschungsbericht der Sexualwissenschaften
  22. 9.  Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften
  23. 10.  Forschungsbericht der Medien- und Kommunikationswissenschaften
  24. C.  Manifest und Appell des Exzellenzclusters Bielefeld
  25.  
  26. Nachwort der Verlagsleitung

Abschlussbericht der Exzellenzinitiative zur Erforschung des Phänomens Bielefeld – Vorwort von Karl-Heinz von Halle

Wer hat nicht schon etwas von der Exzellenzinitiative gehört? Es geht dabei um die Förderung herausragender Forschung einzelner Wissenschaftszweige, aber auch um Forschung in Exzellenzclustern. Darunter ist die Förderung wissenschaftlicher Forschung zu einem etwas weiter gefassten Thema zu verstehen. In einem solchen Cluster finden sich als exzellent ausgewiesene Experten aus unterschiedlichen Wissenschaftszweigen zusammen. Es geht um Forschungsthemen, die aus Anlass einer besonderen Problematik nach wissenschaftlicher Analyse rufen oder allgemein von gesellschaftlichem Interesse sind.

Unser Exzellenzcluster blieb zunächst streng vertraulich, denn wir hatten es mit einem heiklen Thema zu tun, das unsere Gesellschaft seit 1994 und bis in die Gegenwart beschäftigt. Es lautet: Bielefeld!

Genauer gesagt ging es um die Frage, was es mit der seit 1994 im Raum stehenden Bielefeldverschwörung auf sich hat. Immer mehr Menschen gehen davon aus, dass es ein gewisses Bielefeld überhaupt nicht gibt. Was uns über oder aus dem vermeintlichen Bielefeld berichtet wird, ist im Verständnis dieser Theorie nur Teil einer systematischen Verschwörung, die uns die Existenz Bielefelds vorgaukelt. Die nach dieser Auffassung hinter der Verschwörung stehenden Drahtzieher, die nicht müde werden, eine Existenz Bielefelds unter Einsatz beträchtlicher Mittel zu inszenieren, werden als SIE bezeichnet. Wer SIE genau sind, gilt als ungeklärt. Vermutet werden Außerirdische, aber auch Geheimdienste oder andere interessierte Kreise.

IHNEN soll es gelungen sein, Bielefeld in unser Leben einsickern zu lassen. Das geschieht eher beiläufig, indem etwa Fahrzeuge mit dem angeblichen Kfz-Kennzeichen »BI« für Bielefeld durch ganz Deutschland fahren. Auch Berichte über Fußballspiele eines Vereins namens Arminia Bielefeld sollen Teil der Strategie dieser Kreise sein.

Exzellenzcluster sind gut geeignet, Licht in ein solches Dunkel zu bringen. Nichts ist besser, als zahlreiche Wissenschaftler um ein Thema zu versammeln, mit dem sie sich bis dahin nicht beschäftigt haben. Denn dieser Umstand unterlegt das Forschungsvorhaben mit dem, was für eine objektive Forschung und Meinungsbildung besonders wichtig ist: Unbefangenheit.

Die Kernfrage nach der Existenz Bielefelds ist keine Glaubensfrage, andererseits aber auch nicht naturwissenschaftlich zu beantworten. Sie erinnert vielmehr an die Arbeit eines Richters, dem Anwälte zu ein und demselben Fall unterschiedliche Sachverhalte vortragen oder Zeugen Unterschiedliches bekunden. Dahinter muss nicht immer ein Plan, eine Lüge oder Verschwörung stehen. Unterschiedliche Wahrnehmungen eines Geschehens und das Gefühl, im Recht zu sein, kann es durchaus geben. So liegt auch der Fall Bielefeld.

Wenn sich die ausgewählten Wissenschaftler dieses Exzellenzclusters des Falles Bielefeld annahmen, dann waren sie dabei an die Grundsätze der Logik und daran gebunden, was nicht zuletzt aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnis als an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit gelten kann. Wie bei vielen Fragen des Lebens kann kein naturwissenschaftlich sicherer Nachweis verlangt werden. Letztlich geht es um Indizien, die für oder gegen eine Existenz Bielefelds sprechen. Dabei muss jeder Forscher bereit sein, den greifbaren Zweifel zuzulassen und nichts zu übersehen. Andererseits genügt ein hinreichender Grad an Gewissheit, der den letzten Zweifel nicht ausschließen muss. Denn der nicht vernünftige Zweifel muss schweigen. Wer viermal in seine Wohnung zurückgegangen ist, um nachzugucken, ob er das Bügeleisen auch wirklich abgestellt hat, sollte es dabei belassen, denn der zum fünften Mal vor der Haustür aufsteigende Zweifel ist zwar da, aber nicht mehr vernünftig.

Als Leiter des Exzellenzclusters und Herausgeber dieses Buches lade ich den Leser herzlich ein, an diesem spannenden Weg der Überzeugungsbildung teilzuhaben. Wir werden uns in die Kompetenzzentren deutscher Wissenschaft begeben und sehen, wie moderne Forschung mühevoll alle Indizien zusammenträgt, um zahlreiche Details zu einem großen Bild der Erkenntnis zusammenzufügen. Dazu gehörten im Fall Bielefelds auch Interviews und andere Gespräche mit Menschen, die meinen, Bielefelder zu sein oder über Bielefeld etwas berichten zu können.

Dem Leser sei empfohlen, den Abschlussbericht chronologisch im Sinne von sequenziell zu lesen. Wir Wissenschaftler meinen damit, einen Text nicht nur irgendwie zu lesen, sondern am Anfang zu beginnen und durch sogenanntes Umblättern immer weiter vorzudringen. Leser, die das bei diesem Buch beherzigen, bewegen sich auf den Pfaden exzellenter Forschung. Sie werden zum Zeugen eines fließend fortschreitenden Erkenntnisprozesses, der sich immer weiter verdickt und am Ende zu einem geronnenen Ganzen stockt. Exzellenz kann man in diesem Buch also über die Schulter schauen.

Nach der von allen Forschungsgruppen gemeinsam formulierten Einleitung, die dem Leser auch die politische Dimension unseres Forschungsauftrags vor Augen führt, folgt eine interdisziplinäre Bestimmung dessen, was unter einem Bielefelder zu verstehen ist. Das war geboten, denn wissenschaftliche Neutralität verbietet es, die These von der Bielefeldverschwörung gedankenlos zu übernehmen und einfach nur von SIE oder IHNEN zu sprechen, die daran interessiert sein sollen, dass es scheinbare oder vermeintliche Bielefelder gibt. Das wäre manipulativ, weil dann von Anfang an davon auszugehen wäre, dass es Bielefeld mit seinen Einwohnern, also den Bielefeldern, nicht gibt. Man muss schon wissenschaftlich korrekt vorgehen und die Frage nach der Existenz Bielefelds Schritt für Schritt anhand anerkannter Methoden beantworten. Das haben diejenigen, die uns mahnend und immer wieder auf die Bielefeldverschwörung hinweisen, trotz ihrer Schwarmintelligenz bisher nicht geleistet. Exzellente Wissenschaftler sehen das natürlich nach, denn zur Schließung solcher Lücken sind sie geradezu berufen.

Der Fall Bielefeld und die sich darum rankende Bielefeldverschwörung decken auf, wie breit und gähnend tief solche Lücken aufreißen können, wenn man nicht rechtzeitig Exzellenz bemüht. Das zeigt sich bereits an dem nahe liegenden Gedanken, dass SIE, die nach den Thesen der Bielefeldverschwörung hinter allem stecken sollen, durchaus selbst Bielefelder sein können oder das zumindest von sich meinen. Die Theorie von der Bielefeldverschwörung erliegt mit ihrer Schlussfolgerung, dass es mangels Bielefeld auch keine Bielefelder geben kann, nichts anderem als einem klassischen Zirkelschluss.

Besonders wichtig war es uns jedenfalls, den im Mittelpunkt des Ganzen stehenden Bielefelder sorgfältig zu definieren, um eine methodisch einwandfreie Ausgangsbasis zu schaffen.

Auf der so gewonnenen Grundlage einer gemeinsamen Sprache bauen die einzelnen Beiträge der unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen auf, die an diesem Exzellenzcluster mitgewirkt haben. Wie bei einem Blick durch ein Mikroskop kann der Leser in diesem Buch nicht nur die unübersichtliche und mitunter schon wimmelnde Faktenlage betrachten, sondern gedanklich klar nachvollziehen, wie sich exzellente Wissenschaft interdisziplinär befruchtet und zu fundierten Ergebnissen gelangt. Am Ende eines jeden Beitrags findet der Leser jeweils eine knapp formulierte Zusammenfassung der Forschungsergebnisse.

Gemeinsame Forschung heißt auch wissenschaftliche Meinungsvielfalt und in diesem Fall sogar Pluralität von Exzellenz. Jede Forschungsgruppe hatte Gelegenheit, die Beiträge der anderen Wissenschaftszweige im Wege einer interdisziplinären Schlussredaktion zu lesen. Wo es aus der Sicht einer Forschungsgruppe notwendig war, konnten die Darlegungen einer anderen Wissenschaft um einen Hinweis ergänzt oder mit einem Vorbehalt versehen werden.

Karl-Heinz von Halle, im August 2013

A.  Gemeinsame Einleitung vernetzter Exzellenz

Mit unserer Einleitung möchten wir die Bereitschaft zur Anerkennung des Virtuellen wecken. Deutschland ist seit jeher ein Land der Denker, wir müssen das und uns nur neu entdecken. »Die Gedanken sind frei«, diese großartige Botschaft übermittelt uns ein Volkslied schon seit Jahrhunderten. Gedachtes ist da und zwar auch dann, wenn es um Bielefeld geht.

Der zweite Teil dieser kurzen Einleitung deckt die politische Dimension unseres Exzellenzclusters auf und zeigt, welche große Aufgabe deutsche Wissenschaftler gemeistert haben.

I.  Die Existenz des Virtuellen und Bielefeld

Immer wieder lesen wir, dass es Bielefeld nicht geben soll. Ohne den Ergebnissen der einzelnen Forschungsgruppen vorgreifen zu wollen, muss diese These nach den Erkenntnissen dieses Exzellenzclusters als richtig und hinreichend belegt gelten. Allerdings verunsichert und desillusioniert diese Aussage alle Bielefelder. Sie lesen in der Zeitung, im Internet und nun auch noch in dieser Dokumentation exzellenter Forschung von den Zweifeln an der Existenz ihrer Stadt und der angeblichen Bielefeldverschwörung. Das ist bedauerlich und im Sinne eines modernen Wissenschaftsverständnisses auch nicht haltbar, denn es gibt Bielefeld. Jedenfalls für alle Bielefelder.

Das mag nun überraschen und widersprüchlich erscheinen, aber es gibt Bielefeld in gewisser Weise eben doch. Wer das abstreitet, bewegt sich in den Bahnen eines überholten Wissenschaftsverständnisses. Unsere Gesellschaft muss akzeptieren, dass es eine gedanklich vermittelte Existenz von Personen und Sachen geben kann.

Man sieht das sehr gut anhand des Internets. Die virtuelle Welt ist real geworden. Ein 70-jähriger Mann kann im Internet eine Existenz als »YoungBoyXXL« führen. Das ist dann eben so und fühlt sich gut an. Er kann in dieser Welt eine bildhübsche junge Frau kennenlernen und mit ihr in Bielefeld eine Familie gründen. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, ob es Bielefeld real gibt oder nicht. Es geht um die gedanklich vermittelte Existenz Bielefelds. Ausschlaggebend ist auch keineswegs, ob ein virtuelles Bielefeld eine tatsächliche Berechtigung hat. Berücksichtigung und Akzeptanz des Virtuellen erübrigen derart näselnd überhebliche Fragestellungen. Virtuelles ist längst Realität. Wir fragen ja auch nicht, ob die Realität ihre Berechtigung hat. Warum sollte umgekehrt anderes gelten?

Für unsere Gesellschaft ist nur wichtig, ob von dem virtuell Gedachten Gefahren ausgehen. Dann müssten wir reale Zugangssperren zum virtuellen Bielefeld einrichten. Das war ein neuralgischer Punkt dieses Exzellenzclusters. Ihm spürte die deutsche Topwissenschaft nach, indem sie sich immer wieder die Frage stellte, ob von Bielefeld für unser Land systemische Gefahren ausgehen.

Die von uns zu beantwortende Forschungsfrage lautete also, ob es Bielefeld real gibt oder nicht. Für den Fall, dass es Bielefeld real nicht geben sollte, war zu erforschen, ob Gefahren entstehen, wenn Menschen meinen, Bielefelder zu sein oder einen Sozialkontakt zu pflegen, der in irgendeinem Zusammenhang mit Bielefeld steht.

II.  Die politische Dimension Bielefelds

Manchem Leser könnte die Suche nach systemischen Gefahren im Fall Bielefeld als übertrieben erscheinen. Die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in Deutschland können schließlich als so stabil gelten, dass uns die Frage, ob es Bielefeld nun gibt oder nicht, eigentlich egal sein könnte. Im Grunde genommen läuft doch alles, auch wenn wir ab und zu auf die Politik schimpfen. Selbst derjenige, der meint, dass nicht alles gut läuft, hat das Thema Bielefeld in den letzten Jahren nicht gerade vermisst. Soll man sich darüber jetzt auch noch aufregen?

Vielleicht war es diese Mischung aus Gleich- und Langmut, die dazu geführt hat, dass uns das Thema Bielefeld nun doch mit voller Wucht trifft. Es war wie mit den Griechen und dem Euro. Auch da haben wir viel zu lange nicht richtig hingeguckt.

Nachdem Bielefeld über viele Jahre einfach so mitgelaufen war, entpuppte es sich in letzter Zeit zusehends als ein gesamtgesellschaftliches Problem, das die Medien, Politik und Sicherheitskräfte bis in die Gegenwart gleichermaßen beschäftigt und fordert. Den Wendepunkt bildete das Jahr 2010, denn damals entstand unter Bielefeldern die Idee, ein Stadtjubiläum feiern zu wollen. Wurde das anfangs noch belächelt, so änderte sich das, als Bielefelder im Januar des Jahres 2011 ernst machten und ein »Projektbüro 800 Jahre Bielefeld« einrichteten. Im Internet wurde über Nacht und ohne Abstimmung mit der Bundesregierung oder den Sicherheitsbehörden eine Homepage unter www.Bielefeld800.de freigeschaltet, auf der über Einzelheiten des Jubiläumsjahres berichtet wird. Die Feierlichkeiten wurden auf das Jahr 2014 gelegt und stehen unter der Überschrift:

»800 Jahre Bielefeld – Das gibt’s doch gar nicht!«

Damit spitzte sich die Lage zu, denn das Thema Bielefeld wurde nun sehr viel konkreter. Für die Bundesregierung ergab sich eine schwierige Situation. Es stellte sich die Frage, ob man gegen die Feierlichkeiten einschreiten oder das Vorhaben hinnehmen sollte. Dazu war zunächst zu klären, ob das Jubiläum auf deutschem Hoheitsgebiet begangen wird. Wenn es Bielefeld überhaupt nicht geben sollte, wäre es sehr schwierig, dagegen vorzugehen. Zudem ergab sich das Folgeproblem, wie man sich verhalten solle, wenn die Bielefelder an die Bundeskanzlerin oder einen ihrer Minister eine Einladung aussprechen würden.

Auch die deutsche Medienlandschaft zeigte erste Anzeichen von Nervosität. Der Deutsche Presserat trat zusammen und diskutierte die Frage, ob man es ethisch überhaupt verantworten könne, Pressemeldungen zum Thema »800 Jahre Bielefeld« zu verbreiten.

Es ist auch kein Geheimnis mehr und kann heute offen angesprochen werden, dass sich die Berliner Ministerialbürokratie mit dem Thema Bielefeld anfangs schwer tat. Allein die Klärung der Zuständigkeit innerhalb der Bundesregierung erwies sich als einziger Kraftakt. Niemand wollte etwas mit Bielefeld zu tun haben. Das Innenministerium erklärte sich für unzuständig, weil Bielefeld auf deutschem Staatsgebiet jedenfalls nicht definitiv nachzuweisen sei. Innere Angelegenheiten seien daher nicht betroffen.

Das Bundesinnenministerium verwies auf das Auswärtige Amt. Dort fiel man aus allen Wolken. In Zeiten der Eurokrise sei es unverantwortlich, irgendeinen Teil Europas zu isolieren – und sei es auch nur Bielefeld. Außerdem sei es über 20 Jahre nach der deutschen Einheit unvertretbar, eine Gruppe von Menschen, die sich Deutschland zugehörig fühlt, derart auszugrenzen und damit zu stigmatisieren.

Es kam zu einem Spitzentreffen von hochrangigen Ministerialbeamten, die heute das Wort Krisenstab in diesem Zusammenhang aber nicht mehr gebraucht wissen wollen. Anlass des Spitzentreffens war aber immerhin eine Weisung der Bundeskanzlerin Merkel, die Frage zu klären, ob es Bielefeld nun gibt oder nicht. Das müsse geklärt werden, bevor ein Mitglied der Regierung zu den Feierlichkeiten eingeladen werden und dort auch noch eine Rede halten würde.

Wie stark das Thema »800 Jahre Bielefeld« zu dieser Zeit auf der Bundespolitik lastete, zeigt sich schon daran, dass bereits geraume Zeit vor den Feierlichkeiten gleich zwei kerngesunde und im Leben stehende Bundespräsidenten namens Köhler und Wulff in historisch alarmierend kurzer Abfolge von ihren Ämtern zurückgetreten waren. Als Anlass für die Rücktritte diskutierten Öffentlichkeit und Medien zwar andere Gründe. Insider berichten jedoch, dass beide Bundespräsidenten mit Voranfragen aus Bielefeld konfrontiert worden waren. Darin wurden sie gebeten, anlässlich der Feierlichkeiten in die Stadt zu kommen und zu den Menschen zu sprechen. Allerdings war beiden Bundespräsidenten eine Fahrt nach Bielefeld nicht geheuer, weil sie über die Stadt nichts wussten. Daher baten sie ihre Mitarbeiter, interessante Einzelheiten in Erfahrung zu bringen und schon einmal eine Rede zu entwerfen.

Beides schlug fehl. Die professionellen Redenschreiber aus dem Bundespräsidialamt stießen an ihre Grenzen. Diesen Menschen, denen ansonsten jeder Text gut von der Hand geht, fiel zum Thema Bielefeld absolut nichts ein. Auch ihre Recherchen zum Thema Bielefeld verliefen im Sande. Alle saßen tagelang an ihren Schreibtischen und wurden trübsinnig.

Das war der Grund, warum die Bundeskanzlerin Bielefeld schließlich zur Chefsache machte und an sich zog. Sie trat in einem Hosenanzug vor ihr Kabinett und formte mit den Fingern ihrer Hände etwas, das an einen Drachen erinnerte. So könne es nicht weitergehen. 2014 feiere Deutschland schließlich auch ein gesamtdeutsches Ereignis: 25 Jahre Mauerfall. In einem solchen Jahr dürfe an keiner Stelle die Frage auftauchen, ob es in Deutschland Landesteile gibt, die dazu gehören oder nicht. Das müsse vor dem Jahr 2014 geklärt sein, weshalb die Frage nach der Existenz Bielefelds von einer unabhängigen Expertenkommission rechtzeitig aufgearbeitet werden müsse. Das sei die Stunde der deutschen Wissenschaft.

Wir Wissenschaftler haben natürlich sofort begriffen, was die Uhr geschlagen hatte. Vor uns lag eine exzellente Zeit mit gut gefüllten Töpfen. Der sogleich unter B. folgende wissenschaftliche Teil dieses Buches gibt den Forschungsverlauf sehr anschaulich wieder und dokumentiert, mit welchem ungeheuren Einsatz die uns gestellte Forschungsfrage beantwortet wurde.

B.  Wissenschaftlicher Teil

Der wissenschaftliche Teil besteht aus den Forschungsergebnissen folgender Disziplinen des Wissens: Geographie, Geschichte, Psychologie, Rechtswissenschaft, Sexualwissenschaft, Sportwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften. Hinzu kommt ein gemeinsamer Exkurs der Fächer Geographie, Geschichte und Psychologie an gebotener Stelle.

I.  Gemeinsame Begriffsbestimmung vernetzter Exzellenz

Am Anfang stand jedoch gemeinsame Forschung zur Fixierung dessen, was unter einem Bielefelder zu verstehen ist. Vernetzte Exzellenz muss auf eine gemeinsame Basis in der Begriffsbildung zurückgreifen können, um eine gemeinsame Sprache zu sprechen und dasselbe zu meinen.

Wie kann man Bielefelder definieren? Die Antwort auf diese Frage bildete den Knotenpunkt im Netzwerk aller Untersuchungen, denn ohne eine scharfe Begriffsbildung bleibt jede Forschung im Unverbindlichen.

1.  Was sind Bielefelder?

Wie schwierig die genaue Definition des Bielefelders ist, zeigt sich bereits in den bisherigen Versuchen, des Phänomens Bielefeld Herr zu werden. Wer im Internet zur Bielefeldverschwörung nachliest, der stößt auf Passagen, in denen von IHNEN die Rede ist oder SIE beschuldigt werden, hinter allem zu stecken. Ohne die Verfechter der Bielefeldverschwörung damit kritisieren oder ihren guten Willen in Frage stellen zu wollen, müssen wir dazu eine klare Position beziehen: Von SIE oder IHNEN zu sprechen, das führt nicht weiter. Das ist nämlich kein wissenschaftlicher Ansatz, denn so bleiben die Akteure unbenannt. Wer sind SIE denn, die alles lenken sollen, was auf eine Existenz Bielefelds hindeutet? Es wird vielmehr Zeit, in dieser Sache endlich Klartext zu sprechen und alles wissenschaftlich zu ordnen. Das muss mit der Begriffsbildung beginnen.

Unter Bielefeldern versteht die moderne Soziologie unter den ca. 81 Millionen Einwohnern Deutschlands eine Gruppe von etwa 325000 Menschen. Das sind 0,4 Prozent der Bevölkerung Deutschlands. Diese Zahl gibt allein noch nicht zur Sorge Anlass. Denn die einschlägige Vergleichsgruppe der Menschen, die täglich und immer wieder Schlafmittel zu sich nehmen, ist mit über 600000 Menschen wesentlich größer, denn das sind immerhin fast 0,75 Prozent der Bevölkerung.

Die wissenschaftlich exakte Definition der Bielefelder fällt schwer. Man kann jedoch einen harten Kern isolieren. Danach rekrutieren sich Bielefelder aus Menschen, die der Auffassung sind, in Bielefeld ihren Wohnsitz genommen zu haben und dort zu leben. Aus diesen Personen besteht die hier wiedergegebene Zahl von 325000 Bielefeldern.

Der Status dieser 325000 Menschen als Bielefelder hängt also von ihrer eigenen Gedankenwelt ab. Wissenschaftlich liegt ein Fall innerer Akzessorietät vor, weil sich die Einordnung als Bielefelder streng an einem Kriterium des Ichs ausrichtet. Da dieses Kriterium von der Gedankenwelt einer Person determiniert wird, kann man auch vom akzessorisch virtuellen Bielefelder sprechen.

2.  Können Menschen kraft ihrer Geburt als Bielefelder gelten?

Wissenschaftlich vertretbar wäre es auch, diejenigen als Bielefelder zu erfassen, die der Ansicht sind, in Bielefeld zur Welt gekommen zu sein. Es war also zu fragen, ob Menschen, wenn man ihre eigenen Angaben als wahr unterstellt, kraft Herkunft oder Geburt als Bielefelder gelten können.

Wahr meint hier objektiv wahr im Sinne von richtig. Subjektiv, also aus der Sicht der Personen, die solche Angaben machen, ist es ohnehin wahr. Es entspricht schließlich ihrem Kenntnisstand. Stichproben haben dazu ergeben, dass es in ganz Deutschland Menschen gibt, die angeben, in Bielefeld geboren worden zu sein. Eine solche Sichtweise auf das eigene Leben und seine Wurzeln ist immer von subjektiver Wahrheit unterlegt.

Einige dieser Geschöpfe stützen ihre Überzeugung, in Bielefeld geboren zu sein, auf ihre Geburtsurkunde. Einem solchen Dokument kann in diesem Zusammenhang aber schon deshalb keine Beweiskraft zukommen, weil es jeweils in Bielefeld ausgestellt wurde. Auch alle anderen Personalpapiere gehen immer auf diese Urkunde zurück. Will man aber gerade die Existenz Bielefelds überprüfen, kann man schwerlich Dokumente als Beweis heranziehen, die von demjenigen stammen, dessen Existenz ungewiss ist. Sonst könnte ja jeder kommen und seine eigene Herkunft selbst bescheinigen.

Wissenschaftlich ist die Angabe, in Bielefeld geboren zu sein, bei genauer Betrachtung selbstverständlich belanglos. Sie ist schon deshalb unbeachtlich, weil Menschen sich an ihre eigene Geburt nicht erinnern können. Diese Gruppe von Menschen gibt mithin etwas vom Hörensagen wieder, das mit ihrer Lebenserfahrung und sozialen Realität nichts zu tun hat.

Allerdings war zu klären, ob diese Gruppe der »geborenen Bielefelder« nicht doch in einem weiteren Sinne zu den Bielefeldern bzw. virtuellen Bielefeldern zu zählen ist. Diesen Ansatz haben alle beteiligten Wissenschaftler im Wege eines von Exzellenz unterlegten Erkenntnisprozesses jedoch aus mehreren Gründen verworfen.

Menschen, die meinen, in Bielefeld zur Welt gekommen zu sein, führen regelmäßig ein im Übrigen sozial unauffälliges Leben. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Auch ihr sozialer Status spielt keine Rolle. Es gibt über ganz Deutschland verstreut Ärzte, Bankkaufleute, Gas- und Wasserinstallateure, Lektoren, Mechaniker, Juristen oder Schornsteinfeger, die sozial integriert sind und ein intaktes Leben führen, aber meinen, in Bielefeld geboren zu sein.

In diesem Sinne geben diese Personen zwar nach außen kund, ihrer Herkunft nach Bielefelder zu sein. Allerdings sehen sie das in der Gegenwart anders. Sie erleben sich nicht mehr als Bielefelder.

Wir haben diese Frage geklärt, indem wir wie folgt vorgegangen sind: Soweit eine Person, die in Köln, München oder anderswo lebt, angab, Bielefelder zu sein, haben wir nachgehakt. Die Antwort war von hoher wissenschaftlicher Stringenz und Aussagekraft. Wir fragten die nach eigener Auffassung »geborenen Bielefelder« nämlich, was sie heute sind. Wer in Köln lebt, gab an, Kölner zu sein. Die Meinung, Bielefelder zu sein, spielt für diese Menschen also im Jetzt keine Rolle mehr. Das ist ein beruhigender Befund.

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