Logo weiterlesen.de
Gib dem Glück eine Chance

PROLOG

„Molly, gib’s endlich auf. Kyle wird nicht kommen.“

Molly Walker funkelte ihren Halbbruder trotzig an. „Ich will nur noch ein einziges Mal versuchen, ihn zu überzeugen.“

Shane nahm den Stetson vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Selbst Ende September war es in Texas noch sengend heiß, und er hatte den ganzen Tag auf der Ranch gearbeitet, die ihm und ihrem Vater Jared Walker gehörte.

Molly hatte ihn abgefangen, als er gerade seine Ausrüstung forträumen wollte. Sie wusste, dass er in Eile war, weil er mit seiner Frau Kelly und den beiden kleinen Töchtern zu Abend essen wollte, aber wie immer nahm er sich für seine Schwester Zeit.

„Seit wir ihn Ende Juli aufgespürt haben, hast du ihm zwei Leute geschickt, die ihn überreden sollten. Beide sind mit der unmissverständlichen Antwort zurückgekehrt, dass er in Ruhe gelassen werden will. Es war zwar noch nie deine Stärke, solche diskreten Hinweise zu verstehen, aber in diesem Fall wirst selbst du die Botschaft richtig deuten, Molly.“

„Ich bin nur nicht sicher, dass er wirklich begreift, worum es mir bei dieser Überraschungsparty geht. Ich tue das alles doch nur für Mom und Dad. Sie würden sich riesig freuen, wenn ihre ehemaligen Pflegesöhne zur Silberhochzeit kämen. Und mit Kyle wäre die Party fast vollkommen.“

„Nicht, wenn er gar nicht dabei sein will“, knurrte Shane.

„Warum sollte er es denn nicht wollen? Ich weiß, dass er in Übersee verwundet wurde, aber in allen Berichten stand, dass er fast wieder ganz gesund ist. Er stand Mom und Dad so nahe, vor allem Mom. Die beiden hatten ihn richtig lieb gewonnen. Als er mit der High School fertig war, sind sie zu seiner Abschlussfeier gegangen. Mom hat ihm sogar ihre selbst gebackenen Kekse geschickt, als er in der Grundausbildung war. Er gehörte praktisch zur Familie.“

„Nein“, widersprach Mollys Bruder. „Er hat als Jugendlicher ein reichliches Jahr bei uns gelebt, das ist alles. Die Dinge ändern sich. Kyle hat sich verändert. Vielleicht lag es am Krieg oder am Abstand, aber er rief nicht mehr an, beantwortete keine Briefe mehr und unternahm nicht den geringsten Versuch, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Cassie war sehr enttäuscht, aber sie wusste, dass sie ihn loslassen musste. Genau wie du jetzt.“

„Ich kann nicht glauben, dass Kyle uns niemals wiedersehen will. Ich werde ihn noch ein einziges Mal einladen.“

„Dann schreib ihm einen Brief.“

„Ich bin nicht sicher, ob das reicht. Aber dich hat er immer bewundert, Shane. Vielleicht könntest du …“

„Ich habe im Moment keine Zeit, um in den Osten von Tennessee zu fahren und Kyle unter Druck zu setzen, bis er nachgibt“, sagte Shane mit sanfter, aber fester Stimme. Sein gebräuntes Gesicht wirkte dabei so streng wie das ihres Vaters. „Dad und Cassie reisen am Freitag zu ihrer Kreuzfahrt ab und werden drei Wochen fort sein. Ich habe hier mehr als genug zu tun.“

Molly nickte seufzend. Shane würde in der Zeit jede Menge um die Ohren haben. Es war schwer genug gewesen, Jared dazu zu überreden, den ersten längeren Urlaub mit seiner Frau zu machen. Er war nur dazu bereit gewesen, weil er wusste, dass Shane sich in seiner Abwesenheit um die Ranch kümmern würde.

„Schick Kyle einen Brief, Molly.“ Shane strich ihr über die Schulter. „Sag ihm, wie viel es dir bedeuten würde – und auch Mom und Dad. Aber wenn er sich trotzdem weigert, herzukommen und mit ihnen zu feiern, wirst du dich eben mit seiner Entscheidung abfinden müssen. Lass dir dadurch nicht die Vorfreude auf die Party verderben. Es wird für Dad und Cassie eine tolle Überraschung sein, und die beiden werden sich riesig freuen, all diejenigen wiederzusehen, die du zusammengetrommelt hast.“

Molly wünschte, sie könnte mit dem zufrieden sein, was sie in den letzten paar Monaten erreicht hatte. Aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass es noch etwas Unerledigtes gab. Etwas, was sie ganz offensichtlich persönlich erledigen musste – wovon sie ihrem überfürsorglichen und leider viel zu oft herrischen Bruder natürlich kein Wort sagen würde.

1. KAPITEL

„Sechzehn … au … siebzehn … verdammt … achtzehn … verflucht.“

Die Gewichte knallten nach unten, als Kyle Reeves die Füße auf den Boden stellte und die Hantel losließ. Er hatte heute mehr Scheiben als sonst aufgelegt, und der Schmerz war unerträglich. Daher kam seine miserable Laune – nicht, dass daran etwas neu war. Diese finstere Stimmung dauerte jetzt schon acht Monate, drei Wochen und vier Tage.

Ein Donnerschlag ließ die Fensterscheiben klirren. Das Wetter passte zu Kyles seelischer Verfassung. Es regnete, nicht stark, aber unaufhörlich.

Für den Abend war ein Gewitter angekündigt. Obwohl es hier oben in den Bergen wie immer dramatisch ausfallen würde, freute er sich darauf.

Er stemmte sich von der Bank und humpelte durch den weiß gestrichenen Raum und in den kurzen Flur, dessen Wände ebenfalls nackt und weiß waren. Sein Blockhaus in den Smoky Mountains von Tennessee war nicht groß – zwei Schlafzimmer, von denen eines als Kraftraum diente, ein Bad, ein kleines Wohnzimmer und eine Küche mit einem Essplatz. Alles war karg eingerichtet und spartanisch gestaltet. Ohne jeden Luxus.

Das Haus musste renoviert werden – auf der vorderen Veranda waren einige Dielen verrottet, und durch unzählige Risse an den Türen und Fenstern pfiff der kalte Wind. Aber das Dach war dicht, und die rückwärtige Terrasse bot einen spektakulären Ausblick. Am besten fand Kyle allerdings, dass es weit und breit keine Nachbarn gab.

In der Küche griff er nach den Schmerztabletten, die der Arzt ihm verschrieben hatte, und spülte sie mit ein paar hastigen Schlucken aus der Mineralwasserflasche hinunter.

Er fuhr sich durch das verschwitzte braune Haar, bis es ihm vom Kopf abstand. Als er das Wasser wegstellte, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild in der Kühlschranktür.

Seit vier Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert, aber der dichte Bartwuchs verbarg die Narbe am Kinn nicht ganz. Er trug ein graues T-Shirt, schwarze Shorts, die an seiner viel zu schmalen Gestalt hingen, keine Socken, aber gute Sportschuhe, die ihm Halt gaben. Was er sah, gefiel ihm nicht, aber was machte das schon? Er war allein.

Wie aufs Stichwort klopfte es an der Haustür.

Seine Augenbrauen zuckten hoch. Er erwartete keinen Besuch und bezweifelte, dass Mack McDooley, sein einziger wahrer Freund in der Gegend, sich an diesem Donnerstagnachmittag ausgerechnet bei einem Gewitter in die Berge trauen würde. Noch mehr erstaunte Kyle, dass er keinen Wagen gehört hatte, aber das lag vermutlich am heulenden Wind.

Es klopfte wieder. Seufzend humpelte er ins Wohnzimmer und riss die Tür auf, ohne vorher nachzusehen, wer sich auf der anderen Seite befand. „Was ist?“

Kyle war nicht ganz sicher, wer verblüffter wirkte – er selbst oder die Frau, die, Erscheinung oder Realität?, auf seiner Schwelle stand.

Selbst im Halbdunkel konnte er erkennen, dass sie atemberaubend aussah. Die rötliche, mit glitzernden Tropfen durchsetzte Haarpracht fiel ihr bis auf den Rücken. Dunkle Wimpern umgaben große grüne Augen, die vom leicht verwischten Eyeliner noch betont wurden. Goldbraune Sommersprossen zierten die hinreißende Nase, der Mund war voll, die Lippen glänzend. Sie war nicht zu groß, nicht zu klein, schlank und trug zu einem engen grünen Pullover dunkle Jeans, in denen die Beine endlos wirkten.

Kyle konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was eine solche Frau an seiner Tür wollte. „Haben Sie sich verirrt?“, fragte er mürrisch.

Sie musterte ihn kritisch, und er hatte das beunruhigende Gefühl, dass ihr nichts von seiner wenig einladenden Erscheinung entging. Und wenn schon, dachte er. Sie würde ihres Weges ziehen, sobald er ihr die Richtung beschrieben hatte – wohin sie auch immer wollte.

Doch sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Sind Sie Kyle Reeves?“

Als er seinen Namen in ihrem unverkennbar texanischen Akzent hörte, vertiefte sich sein Stirnrunzeln. „Ich habe mir wirklich die größte Mühe gegeben, zu Leuten wie Ihnen höflich zu sein, aber jetzt übertreiben Sie. Sagen Sie Shane und Molly, dass es nett von ihnen ist, an mich zu denken, dass ich aber nicht zu ihrem Treffen kommen werde. Und machen Sie ihnen dieses Mal klar, dass ich es mir auch nicht anders überlegen werde – und ich möchte mich nicht noch mal wiederholen müssen.“

Er hatte zwar scharf gesprochen, hätte jedoch weitaus unfreundlicher sein können – und würde es auch sein, wenn sie ihn bedrängte. Selbst ihre hinreißenden Augen und der verführerische Mund stimmten ihn nicht milder. Nur die Tatsache, dass er die Walkers mochte und Molly nicht verletzen wollte, hinderte ihn daran, die Beherrschung zu verlieren – wenigstens für den Moment.

Die Frau stützte die Hände auf die Hüften, legte den Kopf schräg und musterte Kyle ausgiebig. Irgendetwas an ihrer Haltung kam ihm bekannt vor. Doch bevor ihm einfiel, wo er ihr schon mal begegnet sein könnte, sprach sie weiter. „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich für ein paar Minuten reinkomme? Ich habe nicht damit gerechnet, dass es hier oben so kühl ist, und ich friere.“

Für Dallas war sie in dem Shirt mit langen Ärmeln und den Blue Jeans sicher warm genug angezogen, aber an einem Regentag in dieser Höhe wäre eine leichte Jacke nicht schlecht gewesen. Trotzdem … „Sie brauchen nicht reinzukommen. Fahren Sie einfach nach Texas zurück, wo es warm ist, und sagen Sie Shane und Molly, dass es mir leidtut. So einfach ist das.“

Hinter den Gipfeln in der Ferne zuckte ein Blitz über den violetten Himmel und erhellte ihr feuchtes Haar. Dann wurde es dunkel, und ihr anmutiges Gesicht lag wieder im Schatten. „Alles, was ich von Ihnen will, sind fünf Minuten Ihrer Zeit. Die werden Sie doch sicher erübrigen können, Mr. Reeves.“

Wäre er wirklich so hartherzig, wie er wirken wollte, hätte er das leichte Zittern in ihrer Stimme wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Doch das war er nicht, und auch wenn er nicht wusste, ob ihre Nervosität oder die Kälte dafür verantwortlich war, ging es ihm sofort unter die Haut. Er zögerte einige Sekunden, verfluchte sich für seine Nachgiebigkeit und gab den Weg in seine Blockhütte frei.

„Sie haben fünf Minuten. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, aber verlassen Sie sich darauf, dass ich mich nicht anders entscheiden werde. Und wenn Sie Ihre Nachricht überbracht haben, sorgen Sie dafür, dass ich ab jetzt in Ruhe gelassen werde.“

„Danke.“

Ihm fiel auf, dass ihr nichts in seinem ordentlichen, aber nicht gerade gemütlichen Wohnzimmer zu entgehen schien. Weder der Staub auf den wenigen Möbeln noch die Tatsache, dass der große Kamin kalt und dunkel war.

In den Augen dieses attraktiven Großstadtgeschöpfs wirkte seine Behausung vermutlich kahl und primitiv. Er hoffte es jedenfalls, denn dann würde sie wenigstens nicht in Versuchung kommen, länger als die zugestandenen fünf Minuten zu bleiben.

Obwohl er sie nicht dazu einlud, setzte sie sich auf die braune, gebraucht gekaufte Ledercouch, die ihre besten Tage längst hinter sich hatte. Er spürte ihren neugierigen Blick und versuchte, nicht zu sehr zu humpeln, als er zu einem der beiden braun-gelb karierten Sessel ging und sich hineinsinken ließ.

„Ich werde Ihnen helfen, ein bisschen Zeit zu sparen“, begann er. „Sie wollen mich zur Überraschungsparty für Jared und Cassie Walker in der nächsten Woche einladen. Alle ihre anderen ehemaligen Pflegesöhne werden kommen. Shane und Molly organisieren das Ganze, und die kleine Molly wird sehr enttäuscht sein, wenn ich nicht erscheine. Ist es im Wesentlichen das, was Sie mir sagen wollen?“

Sie legte einen Arm auf die Rückenlehne der Couch und sah plötzlich aus, als wäre sie eine regelmäßige Besucherin in seinem bescheidenen Zuhause. „Ja, Sie haben mein Anliegen sehr gut zusammengefasst.“

„Inzwischen habe ich das so oft gehört, dass ich es auswendig kann.“

„Ich weiß.“

„Molly und Shane sind ziemlich beharrlich, das muss ich ihnen lassen. Auf so aggressive Weise bin ich noch nie zu einer Party ‚eingeladen‘ worden“, sagte er.

„Sie waren für die Familie ein ganz besonderer Mensch, und alle vermissen Sie. Es würde ihnen viel bedeuten, wenn Sie kämen.“

„Die Walkers haben eine ganze Reihe von Pflegesöhnen auf ihrer Ranch aufgenommen. Einer weniger wird nicht auffallen.“

„Natürlich wird die Party nicht ausfallen, wenn Sie wegbleiben“, gab sie zu. „Aber sie wäre noch schöner, wenn Sie dabei wären.“

„Tut mir leid. Es geht nicht.“

Sie betrachtete sein Gesicht einen Moment lang und seufzte leise. „Dann haben Sie wohl recht, und wir sollten Sie nicht länger behelligen.“

Endlich, dachte Kyle erleichtert. Er nickte. „Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

„Soll ich der Familie etwas ausrichten? Abgesehen davon, dass sie Sie in Ruhe lassen soll?“

Er ertappte sich dabei, wie er auf ihren Mund starrte. Falls sie über seine Absage betrübt war, ließ sie es sich nicht anmerken. Ihre verlockenden Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln, unter den dichten dunklen Wimpern erwärmte sich ihr Blick, und Kyle spürte, wie sein Körper ebenso heftig auf ihren Anblick reagierte wie eben gerade an der Haustür.

Er presste die Lippen zusammen. Wie lange war er schon nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen? „Eine Nachricht? Dass ich ihnen ein schönes Fest wünsche. Und Sie können Molly sagen, wie leid es mir tut, dass sie sich meinetwegen solche Mühe gemacht hat.“

Sie zog eine schmale Augenbraue hoch, und ihr Lächeln wurde etwas breiter. „Warum sagen Sie es Molly nicht selbst?“

„Ich …“ Er sah genauer hin. „Oh, verdammt. Du bist doch nicht etwa …“

„Du hast mich nicht nach meinem Namen gefragt“, erinnerte sie ihn. „Habe ich mich wirklich so verändert?“

Plötzlich hatte er das Bedürfnis, sich in seinem Sessel zu verkriechen. Er fühlte, wie eine ungewohnte Wärme an seinem Hals hinaufkroch und sein Gesicht erfasste. Es passierte Kyle nicht oft, dass jemand ihn überraschte oder ihn gar in Verlegenheit brachte. Doch diese Frau hatte beides geschafft. „Du bist Molly?“

Sie strich mit den Fingern durch ihr Haar, ohne den Blick von ihm zu nehmen. „Ich glaube, du hast mich vorhin die ‚kleine Molly‘ genannt. Hast du gedacht, dass die Zeit stehen geblieben ist, seit du vor zwölf Jahren die Ranch verlassen hast, Kyle?“

„Wie alt bist du?“

Die Frage schien sie eher zu belustigen als zu kränken. „Ich werde in ein paar Wochen vierundzwanzig.“

Ungläubig schüttelte Kyle den Kopf. Vielleicht hatte er tatsächlich geglaubt, dass die Zeit stehen geblieben war. Er hatte nur selten an Molly gedacht, aber wenn, dann hatte er sich an einen quirligen Rotschopf mit Sommersprossen, Zahnlücken und Erde im Gesicht erinnert.

Sie war ein unaufhörlich schnatterndes Energiebündel gewesen, war ihrem Vater auf Schritt und Tritt über die Ranch gefolgt, wenn er es erlaubte, und hatte Kyle immer etwas verunsichert. Er gestand sich ein, dass sie es auch jetzt noch tat.

„Du bist neunundzwanzig“, murmelte sie. „Du warst fast siebzehn, als du auf die Ranch kamst, und bliebst nur ein paar Monate bis zu deinem achtzehnten Geburtstag, um die High School abzuschließen. Danach bist du gleich zu den Marines gegangen. Ich war zwölf, als du weggingst. Es hat mir das Herz gebrochen. Wie jedes Mal, wenn jemand uns verlassen hat.“

„Ich erinnere mich, dass du dir die Augen ausgeweint hast, als der Junge vor mir ging. Sein Name war Daniel, stimmt’s?“

„Daniel Castillo – auch wenn er sich jetzt mit Nachnamen Andreas nennt.“ Ihr Lächeln wurde strahlend. „Er lebt wieder bei uns und hat kürzlich meine Cousine B. J. geheiratet.“

„Im Ernst?“ Es fiel ihm schwer, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren, denn sobald sie lächelte, bildeten sich an den Mundwinkeln hinreißende Grübchen. „Ich erinnere mich an sie. Sie hieß Brittany, wollte aber, dass jeder sie nur B. J. nennt.“

„Das tun jetzt praktisch alle – bis auf ihre Mutter..“

„Sie hat also Daniel geheiratet.“

Molly nickte. „Es ging ganz schnell, und ich bin begeistert. Die beiden sind wie füreinander geschaffen – das waren sie immer, sogar schon als Teenager.“

Plötzlich runzelte Kyle die Stirn. Was fiel ihm ein, sich diese Familiengeschichten anzuhören, noch dazu aus dem Mund von Molly Walker, die längst nicht mehr die „kleine“ Molly war? Wenn sie beide so weitermachten, würde er auf einer Silberhochzeit erscheinen, die ihn nichts mehr anging.

Er setzte sich anders hin, und ein stechender Schmerz durchzuckte sein Bein und schoss ihm in den Rücken. Das Gefühl war so vertraut, dass er sich nichts anmerken ließ. Oder täuschte er sich? Waren ihre wachsamen grünen Augen gerade etwas schmaler geworden?

„Deine fünf Minuten sind vorbei“, sagte er und stellte fast erleichtert fest, dass seine Laune sich wieder verschlechtert hatte.

Molly konnte nur hoffen, dass Kyle ihr nicht angemerkt hatte, wie entsetzt sie über sein Aussehen war. Unwillkürlich verglich sie den Mann vor ihr mit dem Jungen auf dem Foto, das im Wohnzimmer ihrer Eltern einen Ehrenplatz einnahm, zusammen mit denen der anderen Pflegesöhne, um die Jared und Cassie sich im Laufe ihrer Ehe liebevoll gekümmert hatten.

Kyles Porträt war auf der Abschlussfeier der High School aufgenommen worden. Er trug Barett und Talar, neben dem gebräunten Gesicht baumelte eine goldfarbene Troddel, und er sah jung und kerngesund aus. Das dichte braune Haar war kurz geschnitten, die bernsteinfarbenen Augen leuchteten vor Stolz.

Als Teenager hatte Molly das Foto hin und wieder betrachtet und sich gefragt, wie es ihm wohl ging. Von all den gut aussehenden Jungen, die zeitweilig zu ihrer Familie gehört hatten, war er ihr immer als der faszinierendste erschienen.

Hätte Molly nicht gewusst, wer er war, als er ihr an diesem Nachmittag die Haustür öffnete, hätte sie Kyle nicht wiedererkannt. Verglichen mit dem kräftigen High-School-Absolventen war er erschreckend schmal, und wenn er ging, war das Hinken nicht zu übersehen. Das Gesicht war nicht mehr gebräunt, sondern blass, das dunkelbraune Haar zu lang, und selbst die dichten Bartstoppeln verbargen nicht die gezackte Narbe an der linken Seite des Kinns.

Einige Minuten lang hatte sie das Gefühl gehabt, dass seine Anspannung sich legte, und sogar zu hoffen gewagt, dass er doch noch zur Silberhochzeit ihrer Eltern nach Texas kommen würde. Aber dann hatte sie gesehen, wie er zusammenzuckte, als hätte er Schmerzen, und seine Miene war wieder verschlossen gewesen.

„Ich hatte gehofft, du würdest die Fünf-Minuten-Frist verlängern, wenn du weißt, wer ich bin“, gestand sie mit einem matten Lächeln.

Kyle erwiderte es nicht. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber du solltest lieber fahren, bevor …“

Ein heftiger Donnerschlag übertönte seine Stimme, gefolgt von einem sintflutartigen Regenschauer, der aufs Dach hämmerte und die Fensterscheiben erzittern ließ.

„… bevor das Gewitter schlimmer wird“, beendete er den Satz mit einem dramatischen Seufzer.

Molly stand auf und ging ans Fenster. Überrascht starrte sie auf das Unwetter hinaus. „Wow. Das ist ja eine richtige Überschwemmung da draußen, was?“

„Nicht nur das. Es ist ein Ausläufer des Tropensturms, der vor ein paar Tagen die Küste von South Carolina erreicht hat. Hörst du denn keine Wettervorhersage?“

Sie drehte sich zu ihm um. „Nein. Mein Autoradio ist kaputt, daher habe ich auf der Fahrt hierher CDs gehört.“

Sie hätte es nicht für möglich gehalten, aber sein Stirnrunzeln vertiefte sich. „Du bist doch nicht etwa den ganzen Weg von Dallas gefahren?“

„Doch“, gab sie zu. „In etwa sechzehn Stunden. Ich bin gestern Nachmittag losgefahren, habe in Memphis übernachtet und bin heute Morgen weitergefahren.“

„Allein?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Es war eine angenehme Fahrt. Das Wetter war gut, jedenfalls bis Gatlinburg, und ich komme nicht oft dazu, allein zu sein, meine Lieblingsmusik zu hören und in Ruhe nachzudenken. Und die Landschaft hier ist atemberaubend.“

„Kaum zu glauben, dass deine Eltern dir erlaubt haben, ganz allein eine so weite Strecke zu fahren.“

Jetzt war sie es, die die Stirn in Falten legte. „Erstens bin ich fast vierundzwanzig Jahre alt und brauche meine Eltern nicht mehr um Erlaubnis zu fragen, wenn ich mal für einige Tage von zu Hause wegwill. Zweitens hätte ich sie sowieso nicht gefragt, weil die Party eine Überraschung sein soll und sie nicht wissen dürfen, dass ich hier bin. Drittens sind sie vor fast vierzehn Tagen zu einer dreiwöchigen Kreuzfahrt im Mittelmeer aufgebrochen, um ihren Hochzeitstag zu feiern.“

„Und dein Bruder hatte kein Problem damit, dass du herfährst?“

„Shane glaubt, ich verbringe ein paar Tage in Houston, um mit einer alten Freundin vom College shoppen zu gehen. Er wollte nicht, dass ich dich noch weiter mit meiner Einladung zur Überraschungsparty belästige, nachdem du schon mehrfach abgelehnt hattest. Und nein, es würde ihm nicht gefallen, dass ich die weite Fahrt unternommen habe – aber Shane ist nun mal sehr fürsorglich.“

„Das war er dir gegenüber immer. Verglichen mit deinem Vater war er allerdings harmlos. Jared wird wahrscheinlich explodieren, wenn er erfährt, was du dir geleistet hast.“

Molly atmete tief durch. Kyle hatte einen wunden Punkt getroffen. Seit Jahren versuchte sie, ihre Familie davon zu überzeugen, dass sie kein kleines Mädchen mehr war, das dauernd betreut werden musste – sondern eine junge Frau, die in der Lage war, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie hatte nicht erwartet, ausgerechnet mit Kyle Reeves darüber diskutieren zu müssen.

„Das lass ruhig meine Sorge sein.“ Sie klang dabei trotziger, als ihr lieb war. „Meine Familie wird mir Vorwürfe machen, aber das ist es mir wert. Ich wollte mit dir über das Fest reden.“

„Tut mir leid, dass du den weiten Weg umsonst gemacht hast. Warum hast du dich nicht mit der Antwort abgefunden, die deine Boten dir von mir ausgerichtet haben?“

„So einfach wollte ich mich von dir nicht abspeisen lassen.“

Seine Mundwinkel zuckten. War das etwa die Andeutung eines Lächelns? Er klang nicht so. „Wenn ich mich recht erinnere, warst du auch früher schon ziemlich widerspenstig.“

Sie wartete, bis ein Donnergrollen verklungen war. Dass Kyle in ihr noch immer das kleine Mädchen sah, ärgerte sie. Inzwischen waren über elf Jahre vergangen, und nicht nur er hatte sich verändert. „Meine Eltern haben dich sehr gerngehabt, Kyle. Dein Abschlussfoto steht noch immer im Wohnzimmer, und wenn Mom dich erwähnt, klingt sie wehmütig. Es würden ihnen viel bedeuten, dich wiederzusehen.“

„Ich bin einfach kein Mensch für solche Partys.“

Das bezweifelte sie nicht. Zumal sie gesehen hatte, wie isoliert er hier oben lebte. Nicht mal ein Telefon gab es. Die Außenwelt schien ihn nicht mehr zu interessieren. „Ich kann verstehen, dass du keine Menschenmengen magst, aber es soll ein ganz ungezwungenes Fest werden, auf dem jeder willkommen ist. Ich bin sicher, du würdest dich amüsieren, wenn du wolltest. Aber wenn du es nicht zur Party schaffst, besuch doch Mom und Dad hin und wieder, ja? Für sie ist es wichtig, zu wissen, dass aus ihren Jungen anständige Männer geworden sind.“

Minutenlang sagte keiner von ihnen etwas, und die Stille im Zimmer ließ das Krachen der Donnerschläge noch bedrohlicher erscheinen.

Molly war klar, dass sie nicht zu Kyle durchgedrungen war. Er hatte deutlich gemacht, dass er in Ruhe gelassen werden wollte, um ungestört grübeln zu können – worüber auch immer. Wie war es ihm ergangen, seit er die Ranch verlassen hatte? Gegen ihren Willen meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Vielleicht war es doch falsch gewesen, ihn hier oben in seiner selbst gewählten Einsamkeit zu stören. „Ich sollte lieber aufbrechen. Es sieht nicht so aus, als würde der Regen demnächst aufhören.“

„Du kannst noch nicht fahren“, widersprach er mit finsterem Gesicht und resignierter Stimme. „Die Straßen hier oben sind gefährlich, wenn es so stark regnet. Das Wasser in den Gräben neben der Straße steigt an und überspült die Fahrbahn. Die Strömung kann reißend werden.“

Molly sah wieder zum Fenster. Der Regen prasselte so heftig gegen die Scheibe, dass es den Anschein hatte, als würden die dicken Tropfen waagerecht kommen. Ihr Wagen war schon gar nicht mehr zu erkennen. „Meinst du, es wird länger dauern?“

Sein Schweigen war Antwort genug.

Sie biss sich auf die Lippe und fragte sich, wie lange sie noch bei einem Mann ausharren musste, der sie an jeden anderen Ort der Welt wünschte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Gib dem Glück eine Chance" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen