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Gib dem Glück eine Chance, Melanie

1. KAPITEL

Würden ihre Finger nicht gerade in cremigem Schokoteig stecken, hätte Melanie Weaver sich auf jeden Fall die Hand vor den Mund gehalten, um es nicht schon wieder zu tun: Ja zu sagen, obwohl sie Nein meinte.

Doch selbst, wenn die Gründe für eine Absage geradezu zwingend waren, entschlüpfte ihr immer wieder dieses fatale Wort mit den zwei Buchstaben.

Möchtest du noch ein Stück von Großmutters Früchtekuchen? Kannst du die Tombola auf dem Wohltätigkeitsball übernehmen? Gefällt dir dieser orangefarbene Pullover?

Sie hasste Früchtekuchen, erstickte fast an den schalen Witzen, mit denen sie den Losverkauf puschen musste, und trug niemals Orange. Trotzdem bedachte ihre Großmutter sie jedes Jahr im Advent mit dem obligatorischen, steinharten Weihnachtsgebäck, von dem sie dann pflichtschuldigst ein Stückchen herunterwürgte und in höchsten Tönen die runzeligen Datteln und trockenen Cherry-Kirschen lobte.

Auf jedem karitativen Event rannte sie den halben Abend mit der Lostrommel unter dem Arm herum, und in ihrem Schrank hingen drei ungetragene orangefarbene Pullover – Geburtstagsgeschenke ihrer Tante Cornelia, die sie irgendwann gründlich missverstanden haben musste.

Es war also zu befürchten, dass Melanie an diesem sonnigen Freitagmorgen durchaus Gefahr lief, sich eine Zusage zum zwanzigjährigen Klassentreffen abringen zu lassen, obwohl ihr Leben ein riesiger Scherbenhaufen war, über den sie mit niemandem diskutieren wollte. Schon gar nicht mit ihren ehemaligen Mitschülern, die Cade und sie noch als „Traumpaar“ in Erinnerung hatten.

Und so kam es dann auch.

„Wie toll, dass wir auf dich zählen können!“, frohlockte Jeannie, eine ehemalige Cheerleaderin so ekstatisch, dass Melanie instinktiv das Handy ein Stück vom Ohr weghielt. „Alle freuen sich wahnsinnig darauf, euch endlich wiederzusehen. Als ich deinen Namen ohne Haken auf der Liste stehen sah, wusste ich gleich, dass deine Anmeldung irgendwie abhanden gekommen sein musste!“

„Wahrscheinlich irgendetwas in der Art …“, murmelte Melanie ergeben.

Sie hatte die Anmeldekarte weder ausgefüllt noch zurückgeschickt, weil sie nicht Gefahr laufen wollte, mit Fragen gelöchert zu werden, warum Cade nicht an ihrer Seite war. Oder, noch schlimmer, Cade dort womöglich mit einer fremden Frau am Arm zu sehen!

Ihre Ehe war am Ende, das hatte Melanie schon lange akzeptiert. Aber hinzunehmen, dass eine andere den Platz ausfüllte, der einmal ihr gehört hatte?

„In einer Woche ist es schon so weit!“, freute sich Jeannie am anderen Ende der Leitung. „Dann sind wir alle endlich wieder vereint. Ist das nicht aufregend?“

„Und wie!“ Melanie bemühte sich, wenigstens eine Spur Enthusiasmus in ihre Stimme zu legen. Natürlich wollte sie ihre alten Freunde wiedersehen und von den Veränderungen in deren Leben hören. Aber der Gedanke, inmitten ehemaliger gemeinsamer Klassenkameraden und dem damit verbundenen Austausch von sehnsüchtigen Erinnerungen an bessere Tage, womöglich auf Cade zu treffen, war unerträglich.

Ihr mühsam aufrechterhaltener Widerstand würde zusammenbrechen, und alle Skrupel wegen der Trennung und ihre uneingestandenen Hoffnungen auf eine zweite Chance würden wieder aufflackern und es ihr unmöglich machen, einen klaren Schlussstrich zu ziehen.

Doch es gab kein Zurück. Sie hatte sich verändert. Inzwischen führte sie erfolgreich einen eigenen Laden und damit auch ein neues Leben. Eines, das Cade nicht länger mit einschloss.

Während Jeannie unverdrossen weiterschwatzte, rollte Melanie mit den Augen, zog die Hände aus dem Teig und drückte mit einem Ellenbogen die Schwingtür zwischen Küche und Café auf.

So früh am Nachmittag war noch nicht viel Betrieb im Cuppa Life. Das wusste auch Cooter Reynolds zu schätzen, der hier täglich in aller Ruhe seinen Caffè Latte genoss, während er sich in die Lawford News vertiefte und mit dem Fuß den Takt der sanften Jazzrhythmen, die im Hintergrund erklangen, auf den Boden klopfte.

Melanie warf einen Blick auf die Uhr über dem Tresen. Eine knappe Stunde blieb ihr, bis die Meute der Collegestudenten das Cuppa Life heimsuchen würde. Hauptsache, Emmie tauchte innerhalb der nächsten fünf Sekunden zu ihrer Dienstagsschicht auf!

Den Teig für die Schoko-Doughnuts hatte Melanie vorsorglich angerührt, in der Hoffnung, ihre Tochter würde jeden Moment auf der Schwelle stehen, um das Backen zu übernehmen. Immerhin war sie seit exakt zwanzig Minuten überfällig. Also, zurück in die Küche, um die klebrige Angelegenheit endlich zu beenden.

„Bist du damals eigentlich gern aufs College gegangen?“, forderte Jeannie, die von ihrem Dauermonolog offenbar genug hatte, erneut Melanies Aufmerksamkeit ein. „Für mich war das jedenfalls nichts. Ich hatte die Schule so satt, als sie endlich vorbei war! Das Letzte, was ich wollte, war, auch noch ein Studium anzuhängen.“ Sie ließ einen dramatischen Seufzer hören, als wäre die Westvale High ein schlimmeres Los gewesen, als im Staatsgefängnis San Quentin einzusitzen.

Während Jeannie sich, ohne auf eine Antwort zu warten, in einem neuen Monolog verlor, spürte Melanie einen feinen Stich im Herzen, als sie an das Ende ihrer Schulzeit zurückdachte.

Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie davon geträumt, sich eines Tages mit einem eigenen Geschäft selbstständig zu machen. Ihre Sommerferien verbrachte sie damals stets hier in Indiana, um ihren Großeltern in deren kleinem, aber florierenden Antiquitätenladen zu helfen.

Ihr Großvater, dem der wache Unternehmergeist seiner Enkelin nicht verborgen blieb, ermutigte sie von Anfang an, so viel wie möglich aus der Schule mitzunehmen und auf jeden Fall ein Studium anzustreben. Und Melanie, die eine eifrige und gute Schülerin war, errang eines der begehrten Notre-Dame-Stipendien, verbunden mit freier Collegewahl …

Doch dann brachten Heirat und Schwangerschaft sie von ihrem gesteckten Ziel ab. Dabei hatte Cade hoch und heilig versprochen, sie bei einem neuerlichen Anlauf zu unterstützen, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Doch als es so weit war, konnte er sich an ein derartiges Versprechen leider nicht mehr erinnern.

Aber sie wollte sich nicht so einfach kaltstellen lassen. Sobald Emmie aus dem Gröbsten heraus war, belegte Melanie Abendkurse für Betriebswirtschaft und nahm einen Teilzeitjob in der Cafeteria der Universität von Indianapolis an.

Dort fand sie, wonach sie so lange gesucht hatte … ihre Berufung.

Umgeben von Kaffee- und Kuchenduft und im kameradschaftlichen Umgang mit Kollegen und Gästen, lernte sie wieder zu lachen und sich auf den nächsten Tag zu freuen. Und langsam stellte sich das Gefühl ein, das Leben könne doch noch etwas Lohnenswertes für sie bereithalten.

Trotzdem bedurfte es eines schmerzlichen Einschnittes in ihrem Leben, um von dieser Einsicht zu dem Entschluss zu gelangen, ihre Zukunft endlich in die eigenen Hände zu nehmen. Und plötzlich ging dann alles sehr schnell …

Melanie verließ Cade und zog nach Lawford, um im belebtesten Geschäftsviertel der Stadt ihren eigenen Coffee Shop zu eröffnen. Als eine Oase der Ruhe und Entspannung, mit genau der Atmosphäre, die sie in der Universitäts-Cafeteria so sehr geschätzt und genossen hatte.

Ihr Zertifikat als Barista erwarb sie auf einem Kongress für Cafébesitzer. Was bedeutete, dass sie jetzt mit allen Finessen der Kaffeezubreitung vertraut und damit bestens für ihren Job gerüstet war.

Der hatte natürlich wenig bis nichts mit der akademischen Laufbahn zu tun, von der sie während der Highschool geträumt hatte, aber das störte sie nicht. Denn die Zeit, in der sie ihre Tochter bekommen und hatte aufwachsen sehen, hätte Melanie niemals gegen ein Universitätsdiplom eintauschen wollen.

Emmie war jede Anstrengung und jeden Verzicht wert gewesen. Ihr fröhliches Gebrabbel, die ersten unsicheren Schritte und die aufgeschürften Knie von ihren verwegenen Radfahrkünsten …

Selbst die ersten Ehejahre mit Cade waren wunderschön gewesen. Erfüllt von Lachen und improvisierten Mahlzeiten auf dem Fußboden ihres spärlich eingerichteten, winzigen Apartments, in dem anfangs noch dicke Kissen als Sitzgelegenheit dienen mussten. Was an Geld fehlte, wurde mit stimmungsvollem Kerzenlicht, ausgeprägtem Improvisationstalent und viel Liebe wettgemacht.

Melanie seufzte, schüttelte die unwillkommenen Erinnerungen ab und konzentrierte sich lieber darauf, die bereitstehenden Schokochips mit dem fertigen Doughnut-Teig zu vermengen. Unterdessen tönte Jeannies schrille Stimme immer noch aus ihrem Handy, das Melanie – ganz Profi– zwischen rechtem Ohr und rechter Schulter festgeklemmt hielt, um beide Hände für die Arbeit freizuhaben.

„Also, was hast du in all den Jahren gemacht, in denen wir uns nicht gesehen haben?“, wollte ihre ehemalige Klassenkameradin wissen, nachdem sie endlich einmal Luft geholt hatte. „Oh, verflixt! Kannst du einen Moment dran bleiben? Ich bekomme gerade ein Gespräch auf der anderen Leitung …“

Melanie war dankbar für die Pause, in der sie ein schnelles Resümee ihres Lebens ziehen konnte, falls ihre sprunghafte Gesprächspartnerin überhaupt noch an einer Antwort interessiert sein würde.

Also … mit ihren siebenunddreißig Jahren war sie eine fast geschiedene Frau mit eigenem Coffee Shop, der vor drei Monaten endlich den ersten Profit abgeworfen hatte. Gab es sonst noch etwas Interessantes über sie zu berichten? Ah ja … sie verfügte über eine neunzehnjährige Erfahrung in Haushaltsführung, wozu das perfekte Bedienen von Geschirrspülmaschine, Waschmaschine und Trockner gehörte.

Beklagen durfte sie sich darüber nicht, immerhin war es ihre persönliche Entscheidung gewesen. Die einzige, die sie hatte treffen können, nachdem sich die beiden pinkfarbenen Streifen im Schwangerschaftstest gezeigt hatten … knapp drei Wochen nach dem Highschool-Abschlussball.

Aber Cade versprach hoch und heilig, zu ihr zu halten und erklärte, alles würde gut werden.

Himmel! Wie schmerzlich vermisste sie ab und zu diesen alten Cade, mit dem das Leben noch ein Abenteuer war – zumindest am Anfang.

So hatte sie ihn geheiratet, Emmie zur Welt gebracht und war zu Hause geblieben, während er Jura studierte und nebenbei noch jobbte, um ihre kleine Familie zu unterhalten. Später begleitete Melanie ihn pflichtschuldig zu wichtigen Dinner-Partys, verfasste hübsche Dankeskarten und hielt weiter daheim die Stellung. Und Cade arbeitete sich kontinuierlich die Fitzsimmons, Matthews & Lloyd – Leiter empor.

„Melanie?“, schreckte Jeannies Stimme sie auf. „Bist du noch dran?“

„Ja.“ Der Teig war jetzt fertig. Melanie nahm das Handy ans andere Ohr, trat einen Schritt nach rechts, schaute über die halbhohe Schwingtür hinweg um die Ecke und lachte leise. Cooter war auf dem gemütlichen Sofa eingeschlafen. Die Zeitung quer über der Brust, schnarchte er jetzt leise zu den Rhythmen, die er eben noch mitgeklopft hatte.

„Erinnerst du dich an Susan Jagger, unser Mauerblümchen …“ Jeannie ließ sich das Wort genussvoll auf der Zunge zergehen. „Du errätst nicht, womit sie heute ihr Geld verdient! Mit Hundebekleidung! Sie soll in diesem Jahr die Zwei-Millionen-Dollar-Grenze überschritten haben! Oh, und Matt Phillips, der Junge aus der letzten Reihe, der nie ein Wort gesprochen hat? Er ist inzwischen ein langweiliger Software-Freak, so ein Bill-Gates-Typ. Ich habe gar nicht richtig zugehört, als er es mir erzählt hat. Und was ist mit dir?“

Melanie wartete einen Moment und wurde nicht enttäuscht, da Jeannie tatsächlich gleich weitersprach.

„Ich wette, du hast inzwischen irgendeine wichtige Erfindung in der Krebsforschung gemacht oder so was …“

„Nicht ganz.“ Inzwischen sollte es ihr doch egal sein, wenn andere Menschen mehr in ihr vermuteten, als sie zu bieten hatte. Doch so war es nicht.

Zugeben zu müssen, dass sie fast zwei Jahrzehnte allein damit verbracht hatte, ihren Gatten auf seinem Karriereweg zu unterstützen, fiel ihr ungeheuer schwer. Hauptsächlich deshalb, weil sie nicht nur eine der zehn Besten ihres Jahrgangs gewesen war, sondern damals auch jedermann behauptet hatte, sie habe das Format, erster weiblicher Präsident der USA zu werden.

„Also, was machst du denn nun wirklich?“

Melanie atmete tief durch und schloss kurz die Augen. Na und? Was machte es schon, dass sie keinen riesigen Konzern leitete. Das Cuppa Life war schließlich auch etwas, worauf sie stolz sein konnte.

Es gehörte ihr … ihr ganz allein, und jeder Erfolg, der zu verzeichnen war, beruhte auf ihrem Geschick und ihrer Professionalität. Sie hatte es geschafft, ein eigenes Geschäft aufzumachen und das erste harte Jahr zu überstehen. Gut, statt eines multinationalen Konzerns betrieb sie eine Espressomaschine, aber sie war glücklich. Und das allein zählte!

„Ich besitze einen Coffee Shop in Lawford“, erklärte sie ruhig. „Und er läuft gar nicht mal so schlecht.“

„Na … das ist ja ziemlich cool …“ Jeannie schien plötzlich jedes ihrer Worte sorgfältig abzuwägen. „Ich meine … jeder trinkt Kaffee, oder?“

Melanie versuchte, sich nicht zu ärgern oder verletzt zu fühlen, klemmte das Handy wieder zwischen Ohr und Schulter fest und goss die zähe Schokoladenteigmasse in die Doughnut-Backformen.

„Na, wie auch immer … Ich hatte übrigens neulich einen Termin bei Gericht, da mir ein kleines Missgeschick mit der Unterwäsche meiner Nachbarin passiert ist. Aber das ist eine lange Geschichte …“

„Darauf könnte ich wetten“, murmelte Melanie, während sie das erste Kuchenblech in den Ofen schob, und verbiss sich ein Schmunzeln. Dann beugte sie sich noch einmal über die Schwingtür, um nach Emmie Ausschau zu halten, die jetzt schon über eine halbe Stunde zu spät dran war.

„Und dort bin ich zufällig mit Cade zusammengestoßen“, fuhr Jeannie fort. „Er hatte auch irgendetwas Gerichtliches zu erledigen. Wir kamen ins Schwatzen, und ich erzählte ihm, dass ich eure Telefonnummer verbummelt hätte, worauf er mir diese gab. So gesehen verdanken wir unsere Wiedervereinigung allein deinem Mann!“

Erst jetzt merkte Melanie, dass sie die ganze Zeit über den Atem angehalten hatte und ihn erst jetzt möglichst geräuschlos wieder ausstieß. Wann würde es endlich vorbei sein, dass allein die Nennung von Cades Namen diesen Effekt auf sie hatte?

Sie liebte ihn nicht mehr, schon seit langer Zeit, und deshalb sollte sie sich weder durch seine Stimme noch durch seinen Anblick oder die Erwähnung seines Namens aus der Fassung bringen lassen. Immerhin stand ihre Scheidung kurz bevor.

Doch irgendein Teil von ihr – wahrscheinlich ihre romantische Kleinmädchenseele, die so lange an die große Liebe und ein glückliches gemeinsames Leben geglaubt hatte – reagierte immer noch darauf und verlor sich während der langen, einsamen Nächte in sehnsüchtige Träume …

„Cade erzählte mir, dass ihr immer noch zusammen seid. Also, ich finde das ungeheuer süß und regelrecht faszinierend!“

Die Ofenklappe entglitt ihren kraftlosen Fingern und fiel mit einem lauten Knall zu. „Immer noch zusammen …“, echote Melanie fassungslos.

Wie konnte Cade so etwas behaupten? Er hatte sie vor einem Jahr selbst aus der Tür gehen sehen und die Scheidungspapiere längst zugestellt bekommen! Außer ab und zu ein paar Worten, ihre gemeinsame Tochter betreffend, oder noch seltener, einer gewissen räumlichen Nähe am Spielfeldrand von Emmies Highschool-Fußballturnieren, gab es keinen Kontakt mehr zwischen ihnen.

Melanie hatte wirklich alles getan, um Cade klarzumachen, dass es endgültig aus und vorbei war mit ihrer Ehe. Doch offenbar hatte er nicht richtig hingehört.

„Also, ich bringe es ja nicht mal fertig, einen Mann auch nur eine Woche zu halten. Ich weiß wirklich nicht, wie dir das gelungen ist“, plapperte Jeannie weiter. „Ihr beiden habt so schnell nach dem Abschluss geheiratet und seid gleich weggezogen. Wohin noch mal? Ach ja, Indianapolis! Kann ich euch nicht verdenken, so weit ab vom Schuss, wie unser gutes altes Westvale lag. Hat unser Traumpaar denn auch Kinder?“

„Ja, eine Tochter. Aber, hör zu, Jeannie …“

„Wow! Ihr seid wirklich meine Idole! Ich bin schon zwei Mal geschieden! Bald zum dritten Mal, aber das macht nichts, die Unterhaltszahlungen sind mindestens so lukrativ wie ein Vollzeitjob.“ Jeannie lachte schrill. „Auf jeden Fall musst du den coolsten Ehemann der Welt erwischt haben, meine Liebe! Kaum vorstellbar, dass er immer noch bei dir ist und sogar eine kleine Rotznase gezeugt hat!“

Wie auf ein Stichwort bimmelte die Glocke über der Eingangstür zum Cuppa Life, und kurz darauf bog die eben zitierte Rotznase, beziehungsweise Melanies geliebte neunzehnjährige Tochter, um die Ecke und stieß die Schwingtür zur Küche auf.

„Hi, Mom …“

„Du verdienst es, Melanie“, behauptete Jeannie im Brustton der Überzeugung. „Ich meine, wenigstens irgendjemand sollte doch ein Happy End erleben, wie es in den Märchen so vollmundig angepriesen wird, oder?“

„Jeannie, Cade und ich …“

„Oh, ich habe gar nicht auf die Uhr geschaut! Verzeih, meine Liebe, aber die Maniküre wartet. Ich muss wirklich los.“

Melanie schaute auf ihre von Butter glänzenden Hände, unter deren Nägeln noch immer Teigreste steckten. Sie musste Jeannie unbedingt die Wahrheit sagen. Dass ihr „Traumpaar“ aus den Highschoolzeiten demnächst ebenfalls in der Statistik der gescheiterten Ehen auftauchen würde. Dass sie bereits hatte Windeln wechseln müssen, ehe sie überhaupt alt genug war, um Alkohol trinken zu dürfen.

Und dass Cade, dank der Großzügigkeit seines Vaters, der nicht nur die Studiengebühren übernommen, sondern seinem Sohn auch noch einen Teilzeitjob in der Familienkanzlei angeboten hatte, Karriere machen durfte, während sie sich nur eine imaginäre Medaille dafür anheften konnte, einen besonders guten Caffè Latte kreieren zu können.

Nicht zu vergessen, mein größter Verdienst, dachte Melanie mit einem liebevollen Blick auf ihre Tochter, als Emmie zu ihr in die Küchenecke trat und sie auf die Wange küsste. Ohne weiter nachzufragen, übernahm sie die restliche Bäckerei.

Emmie war ein hübsches, hochgewachsenes Mädchen mit heller Haut und demselben lichtblonden Haar wie ihre Mutter. Die großen dunkelblauen Augen waren die ihres Vaters. Von ihm hatte sie auch den athletischen Körperbau, von Melanie den Humor und Mutterwitz, der, gepaart mit einer liebevollen, sozialen Ader, auch die schlimmste Zeit der Pubertät für alle etwas erträglicher gemacht hatte.

Emmie war Melanies ganzer Stolz und größte Freude, obwohl sie sich seit der Trennung ziemlich distanziert und manchmal geradezu rebellisch verhielt. Das kurze, struppige Haar wies plötzlich pinkfarbene Spitzen auf, die Ohrringe schienen Junge bekommen zu haben, und das ganze Verhalten ihrer Tochter war jetzt weniger freundlich und zugewandt. Eher gelangweilt und eine Spur arrogant.

Jeannie seufzte noch einmal ekstatisch in den Hörer. „Ach, ich wünschte wirklich, mir wäre ein ähnliches Happy End vergönnt gewesen wie dir …“

Als Melanie entschlossen den Mund öffnete, um sie eines Besseren zu belehren, schien ihre Kehle plötzlich wie zugeschnürt. Vielleicht war es falscher Stolz, der sie daran hinderte, andere Menschen über den aktuellen Stand ihrer Ehe aufzuklären. Und in diesem Fall möglicherweise auch die Angst vor der Häme oder dem Mitleid ihrer Klassenkameraden, wenn die erst erfuhren, wie wenig ihre hochgesteckten Erwartungen der Wirklichkeit entsprachen.

Oder lag es einfach daran, dass es ihr bisher nicht gelungen war, den festsitzenden Ehering vom Finger zu ziehen?

„Grundgütiger! Das hätte ich fast vergessen!“, pfuschte Jeannie ihr schon wieder dazwischen, ehe Melanie sich zu einer Antwort durchringen konnte. „Das Festkomitee und ich haben gestern Abend ein Brainstorming veranstaltet und uns überlegt, dass ihr beide, Cade und du, als unser Vorzeigepärchen der Westvale High, die Begrüßungsansprache halten sollt.“

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, flüsterte Emmie in Melanies anderes Ohr. „Mein Auto ist nicht angesprungen, also musste ich jemand finden, der mich herbringt.“

Melanie nickte und hob den Finger als Zeichen, dass ihr Gespräch in einer Minute beendet sein würde.

„Melanie? Hast du mich gehört?“, wollte Jeannie wissen.

„Ja, habe ich, aber ich muss dich enttäuschen, Jeannie“, sagte sie so gelassen wie möglich. „Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich überhaupt kommen kann.“ Sie trat ans Spülbecken und hielt ihre Hände unter den Wasserhahn, den ihre aufmerksame Tochter rasch aufdrehte.

Melanie stutzte und runzelte die Stirn. Eine Emmie, die trotz ärgerlicher Verspätung verdächtig guter Laune war, ihrer Mutter ohne Aufforderung beim Backen half und um sie herumwuselte wie ein aufgeregtes Kaninchen? Das stimmte misstrauisch!

„Nichts da! Du musst einfach kommen!“, beharrte Jeannie. „Ich meine, ihr beide wart das Königspaar auf dem Abschlussball. Es wird wie ein Märchen sein, aber im richtigen Leben …“ Sie seufzte hingerissen.

Melanie erinnerte sich noch sehr gut an die Nacht des Abschlussballs. An den wundervollen Sternenhimmel, wie aufregend männlich Cade in dem geliehenen Smoking aussah, und besonders daran, wie er sie angeschaut hatte. Als ihre Wahl zum Königspaar des Abends bekannt gegeben wurde, standen sie Hand in Hand auf der Bühne und lächelten sich an, überzeugt, dass nichts und niemand auf der Welt sie je würde trennen können.

Sie hatten sich geirrt.

„Ach … Mom?“ Emmies Stimme war nicht mehr als ein drängendes Wispern, als sie die ersten fertigen Doughnuts neben Melanie auf einer Marmorplatte arrangierte, wo sie langsam auskühlen sollten. „Als ich eben so dringend eine Mitfahrgelegenheit brauchte, da war niemand anderer zu erreichen als …“

In diesem Moment schwang die halbhohe Küchentür zum zweiten Mal in fünf Minuten auf, und wer trat herein?

Cade!

Durch seine Anwesenheit schien der ohnehin nicht große Raum plötzlich auf die halbe Größe zusammenzuschrumpfen. Melanie schluckte und legte instinktiv eine Hand auf ihr wild hämmerndes Herz, frustriert darüber, wie heftig sie nach wie vor auf ihren Noch-Ehemann reagierte. Offensichtlich hinkten ihre Hormone ihrem Verstand weit hinterher!

Aber wie sollte es auch anders sein? Cade hatte sich, zumindest äußerlich, in dem Jahr seit ihrer Trennung kein bisschen verändert. Vielleicht ein paar winzige Fältchen mehr in den Winkeln der intensiv blauen Augen. Möglicherweise war auch die steile Falte über den dunklen Brauen ein wenig tiefer geworden, aber ansonsten sah er noch genauso umwerfend attraktiv aus wie zu der Zeit, als sie ihn geliebt hatte. Und sexy.

Verteufelt sexy sogar, wie sie widerwillig zugeben musste.

Vertrautes Begehren brandete in ihrem Innern auf, und der Drang, sein markantes Gesicht zu berühren, über die klassisch geschwungenen Lippen zu streichen und das Grübchen in dem festen Kinn mit dem Zwölf-Stunden-Bart zu küssen, wurde fast übermächtig.

Wenn sie sich nicht augenblicklich zusammenriss, würde sie in der nächsten Sekunde an seiner breiten Brust liegen und sich an Cades starken Körper schmiegen, der ihr einst so viel Sicherheit, Geborgenheit und Lust vermittelt hatte.

Die Hitze in der winzigen Küche erschien ihr plötzlich unerträglich. Melanie lockerte mit einem Finger ihren T-Shirt-Ausschnitt und schaute prüfend zur Klimaanlage hinüber, die offensichtlich einwandfrei funktionierte.

Neben seinem anziehenden Gesicht verfügte Cade auch immer noch über den sportlich-athletischen Körperbau von damals. Gerade Schultern, schmale feste Hüften und eine breite Brust, bepackt mit wohldefinierten harten Muskeln. Doch es war nicht in erster Linie sein maskuliner Körper gewesen, der Melanie angezogen hatte, obwohl sie zugeben musste, immer viel Freude an der attraktiven Verpackung gefunden zu haben.

Es waren seine Augen gewesen. Und sein Lächeln.

Das vermisste sie, wenn sie ihn jetzt ansah.

Aber diese unergründlichen, leuchtend blauen Augen, in deren eindringlichem Blick sie sich verlor, als sie Cade zum ersten Mal vor der Tür zu Mrs. Owens Klasse begegnet war …

Melanie brauchte einen Moment, um in die Realität zurückzukehren, in der Cade nicht der umwerfende Adonis mit ...

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