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Gezeitenflüstern

Zum Buch

Die junge Assistenzärztin Linnette McAfee kann ihr Glück kaum fassen: Schon bald wird sie ihre neue Stelle im Gesundheitszentrum von Cedar Cove antreten – und zwar als Kollegin von Dr. Chad Timmons. Seit sie den attraktiven Arzt während ihrer Ausbildung kennenlernte, ist sie ihm Herz über Kopf verfallen. Nun möchte sie alles daransetzen, Chad endlich für sich zu gewinnen – würde nur ihre Mutter Corrie nicht ständig dazwischenfunken. Auf der Hunde- und Junggesellenversteigerung hat sie ihrer Tochter doch glatt ein Date mit dem Pferdetrainer Cal Washburn erstanden. Wohl oder übel muss Linnette dieses Treffen hinter sich bringen, obwohl der raue Cowboy so gar nicht ihr Fall ist. Dann findet sie zu allem Überfluss heraus, dass ihre Eltern seit geraumer Zeit mysteriöse Postkarten mit kryptischen Botschaften erhalten. Linnette sorgt sich, und mehr und mehr beschleicht sie das Gefühl, dass ihre Eltern etwas verschweigen …

Zur Autorin

Regelmäßig finden sich die Werke dieser beliebten Autorin auf der Bestsellerliste der New York Times, und sie hat eine weltweite Fangemeinde. In Port Orchard in Washington führt sie erfolgreich das »Grey House Café«, in dem sie ihren Gästen leckeres Frühstück, köstliche Kuchen und ganz besondere Nachmittagstees serviert.

Lieferbare Titel

Leuchtturmnächte
Rosenträume
Winterglühen
Frühlingsmagie

Für Mary Lou Carney, deren Freundschaft und Weisheit ein wahrer Segen für mich sind.

Liebe Leser,

vor euch liegt der fünfte Band der Cedar-Cove-Reihe. Inzwischen habt ihr euch sicher längst in dieser Stadt eingelebt und kennt jeden einzelnen Bewohner, der bisher eine Rolle gespielt hat. Gezeitenflüstern hält wieder ein paar unerwartete Wendungen und Überraschungen für euch bereit und natürlich auch eine neue Liebesgeschichte.

Wenn ihr mir etwas mitteilen wollt, könnt ihr mich über P.O. Box 1458, Port Orchard, WA 98366 erreichen oder über meine Webseite unter www.debbiemacomber.com. Ich freue mich immer, von meinen Lesern zu hören. Und jetzt macht es euch bequem in der Gesellschaft eurer Freunde aus Cedar Cove. Sie freuen sich alle, dass ihr hier seid, genau wie ich.

Herzliche Grüße

Debbie Macomber

Die Hauptpersonen

Olivia Lockhart Griffin: Familienrichterin in Cedar Cove, Mutter von Justine und James. Verheiratet mit Jack Griffin. Wohnt in der Lighthouse Road Nummer 16.

Jack Griffin: Zeitungsreporter und Chefredakteur des Cedar Cove Chronicle.

Charlotte Jefferson Rhodes: Verwitwete Mutter von Olivia, wohnt schon ihr ganzes Leben lang in Cedar Cove. Verheiratet mit dem Witwer und pensionierten Marineoffizier Ben Rhodes.

Justine Lockhart Gunderson: Olivias Tochter. Verheiratet mit Seth Gunderson, Mutter von Leif. Die Familie Gunderson wohnt im Rainier Drive Nummer 6.

Seth Gunderson: Verheiratet mit Justine. Dem Paar gehört das Lighthouse Restaurant.

James Lockhart: Olivias Sohn, Justines jüngerer Bruder. Dient in der US-Marine und lebt mit Frau und Tochter in San Diego.

Stanley Lockhart: Von Olivia geschieden, Vater von James und Justine. Lebt in Seattle.

Will Jefferson: Olivias Bruder, Charlottes Sohn. Verheiratet, lebt in Atlanta.

Grace Sherman: Olivias beste Freundin, Bibliothekarin, Mutter von Maryellen Bowman und Kelly Jordan. Verwitwet, lebt in der Rosewood Lane Nummer 204.

Cliff Harding: Ingenieur im Ruhestand und Pferdezüchter, geschiedener Vater von Lisa, die in Maryland lebt.

Cal Washburn: Pferdetrainer, angestellt bei Cliff Harding.

Maryellen Bowman: Älteste Tochter von Grace Sherman, Geschäftsführerin der Kunstgalerie in der Harbor Street, Mutter von Katie. Verheiratet mit Jon Bowman.

Jon Bowman: Kunstfotograf. Verheiratet mit Maryellen, Vater von Katie.

Kelly Jordan: Maryellens jüngere Schwester, verheiratet mit Paul, Mutter von Tyler.

Zachary Cox: Steuerberater, Vater von Allison und Eddie Cox, geschieden von und wiederverheiratet mit Rosie Cox, die als Lehrerin arbeitet. Der Wohnsitz der Familie befindet sich im Pelican Court 311.

Anson Butler: Freund von Allison Cox.

Cecilia Randall: Ehefrau des Marinesoldaten Ian Randall, Buchhalterin, angestellt bei Zachary Cox. Hat ihre Tochter Allison kurz nach der Geburt verloren.

Rachel Pendergast: Arbeitet im Haar- und Nagelstudio Get Nailed. Befreundet mit Bruce Peyton und seiner Tochter Jolene. In einer Liebesbeziehung mit dem Marinesoldaten Nate Olsen.

Bob und Peggy Beldon: Beide im Ruhestand. Sie haben zwei erwachsene Kinder. Dem Ehepaar gehört das Thyme and Tide, eine Pension im Cranberry Point Nummer 44.

Roy McAfee: Pensionierter Polizist aus Seattle, jetzt Privatdetektiv, verheiratet mit Corrie McAfee, die als Assistentin sein Büro führt. Sie haben zwei erwachsene Kinder. Er lebt in der Harbor Street Nummer 50.

Linnette McAfee: Tochter von Roy und Corrie. Kürzlich nach Cedar Cove gezogen, um als Assistenzärztin im neuen Gesundheitszentrum zu arbeiten.

Gloria Ashton: Polizistin in Bremerton. Freundin und Nachbarin von Linnette.

Troy Davis: Sheriff von Cedar Cove. Wohnt am Pacific Boulevard Nummer 92.

Louie Benson: Bürgermeister von Cedar Cove und Bruder des Rechtsanwalts Otto Benson.

Warren Saget: Bauunternehmer, ehemals mit Justine Gunderson liiert.

Dave Flemming: Methodistenpfarrer, verheiratet mit Emily. Sie haben zwei Söhne. Das Ehepaar wohnt im Sandpiper Way Nummer 8.

1. Kapitel

Corrie McAfee machte sich Sorgen, und sie wusste, dass es ihrem Mann Roy genauso ging.

Wie sollten sie sich unter den gegebenen Umständen auch keine Sorgen machen? Seit Juli hatte Roy, der pensionierter Polizist und nun Privatdetektiv war, eine Reihe anonymer Postkarten erhalten. Die Nachrichten darauf klangen zwar nicht offen bedrohlich, aber auf jeden Fall beunruhigend.

Auf der ersten Karte, die ans Büro geschickt worden war, stand etwas von Dingen, die er möglicherweise bereuen würde. In den folgenden Wochen waren weitere Karten eingetroffen. Corrie hatte sie so oft gelesen, dass sie jede einzelne auswendig kannte. Auf der ersten stand:

JEDER HAT ETWAS ZU BEREUEN. GIBT ES ETWAS, VON DEM SIE SICH WÜNSCHEN WÜRDEN, SIE KÖNNTEN DIE ZEIT ZURÜCKDREHEN UND ALLES ANDERS MACHEN? DENKEN SIE DARÜBER NACH.

Keine Unterschrift, weder auf dieser noch auf den anderen Karten. Eingetrudelt waren sie in unregelmäßigen Abständen, abgeschickt von verschiedenen Orten. Die kryptischen Botschaften gingen Corrie immer wieder durch den Kopf. Sie war heute, im Oktober, genauso schlau wie zu der Zeit, als sie die erste Postkarte gelesen hatte.

Die Kaffeemaschine gab ein letztes keuchendes Gurgeln von sich und verkündete damit, dass der Kaffee fertig war. Für einen Moment lenkte das Geräusch sie von ihrer Grübelei ab – lange genug, um aus dem großen Bürofenster zu schauen und den Ausblick auf die Innenstadt von Cedar Cove zu genießen. Es hatte Vorteile, als Roys Sekretärin und Assistentin zu arbeiten, manchmal und gerade jetzt aber auch Nachteile. Mitunter war Unwissenheit wirklich ein Segen, und die jetzige Situation gehörte auf jeden Fall in diese Kategorie. Sie könnte erheblich ruhiger schlafen, wenn sie nie von den geheimnisvollen Postkarten erfahren hätte.

Und dennoch – selbst wenn es Roy gelungen wäre, sie ihr zu verheimlichen, hätte sie doch davon erfahren, denn die letzte Nachricht war persönlich überbracht worden, direkt an ihre Haustür. Nicht ans Büro wie alle anderen, sondern an ihre Privatadresse. Spätabends war jemand vorbeigekommen und hatte die Veranda ihres Hauses betreten. An diesem Abend hatten sie zufällig Gäste zum Essen eingeladen. Als sie ihre Gäste verabschieden wollten, stellten sie fest, dass ein Unbekannter ihnen einen Korb mit Obst und einer schriftlichen Nachricht vor die Haustür gestellt hatte. Corrie überlief es eiskalt, wenn sie daran dachte, dass dieser Unbekannte ihre Privatadresse kannte.

»Ist der Kaffee endlich fertig?«, rief Roy aus seinem Büro zu ihr hinüber. Anscheinend wartete er bereits ungeduldig.

»Immer langsam mit den jungen Pferden – ich komme ja schon!« Corrie hatte gar nicht so schroff reagieren wollen. Normalerweise sah es ihr gar nicht ähnlich, so aufbrausend zu sein. Diese untypisch heftige Reaktion verriet, wie sehr sie die Ereignisse der letzten Monate mitnahmen. Seufzend schenkte sie den Kaffee in einen sauberen Becher und trug das dampfende Getränk in das Büro ihres Mannes.

»Na schön, jetzt reicht’s«, sagte sie und stellte den Kaffee auf seinen Schreibtisch. »Wir müssen reden.«

Völlig unbekümmert und entspannt lehnte Roy sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sie waren jetzt seit fast dreißig Jahren verheiratet, und Corrie fand ihn immer noch genauso attraktiv wie damals auf dem College. Roy hatte Football für die University of Washington gespielt und war damals eine große Nummer auf dem Campus gewesen: hochgewachsen, breitschultrig, immer noch muskulös, hielt er sich gerade wie eh und je. Anscheinend, ohne etwas dafür tun zu müssen, blieb er auch heute noch fit, und Corrie beneidete ihn ein klein wenig darum, dass er nie an Gewicht zugelegt hatte. Seine dunklen Haare waren dünner geworden und wiesen graue Strähnen auf, aber das ließ ihn nur würdevoller und reifer erscheinen.

Auf dem College war er mit vielen Frauen ausgegangen, aber verliebt hatte er sich in sie. Dennoch hatte es in ihrer Beziehung auch Probleme gegeben. Damals trennten sie sich sogar, und es dauerte über ein Jahr, bis sie wieder zueinanderfanden. Letztendlich erkannten sie, wie sehr sie einander liebten, und alle Unsicherheiten und Zweifel an ihren Gefühlen waren wie weggeblasen. Kurz nach ihrem Collegeabschluss heirateten sie, und ihre Liebe hielt allen Prüfungen und Beschwernissen stand, in guten wie in schlechten Zeiten, und von beiden hatten sie reichlich erlebt.

»Worüber reden?«, fragte Roy lässig.

Seine scheinbare Gelassenheit konnte Corrie nicht täuschen. Ihr Mann wusste genau, was ihr durch den Kopf ging. »Sagt dir ›Irgendwie holt die Vergangenheit die Gegenwart immer ein‹ irgendetwas?«, murmelte sie und setzte sich auf den Stuhl, der normalerweise Klienten vorbehalten war. Roy sollte verstehen, dass sie nicht so leicht lockerlassen würde. Denn sie befürchtete, dass er mehr über diese Postkarten wusste, als er zugab. Womöglich versuchte er, sie zu schützen – das wäre nur zu typisch für ihn.

Er runzelte die Stirn. »Diese Postkarten haben nichts mit dir zu tun, also zerbrich dir nicht den Kopf darüber.«

Seine Antwort machte sie wütend. »Wie kannst du so etwas sagen? Alles, was dir zustößt, betrifft auch mich.«

Für einen Moment sah es so aus, als wollte er widersprechen, aber nach so vielen Jahren erkannte er doch, dass sie sich nicht mit wortgewandten Beschwichtigungen abspeisen lassen würde. »Ich weiß wirklich nicht, was ich dir sagen soll. Ja, ich habe mir Feinde gemacht, und ja, es gibt Dinge, die ich bereue, aber wem geht das nicht so?«

Während seiner Zeit bei der Polizei von Seattle war Roy bis zum Detective aufgestiegen. Aufgrund einer Rückenverletzung hatte er allerdings frühzeitig in den Ruhestand gehen müssen. Zunächst freute Corrie sich, ihren Mann zu Hause zu haben. Sie hoffte, dass sie nun gemeinsam reisen und einiges von dem unternehmen würden, was sie schon immer hatten tun wollen, aber es kam anders. Obwohl Roy nun jede Menge Zeit hatte, waren ihre finanziellen Möglichkeiten durch seine Frühpensionierung erheblich beschnitten worden: Ihnen blieben zwanzig Prozent weniger Geld zur Verfügung als vorher. Um Geld zu sparen, zogen sie aus Seattle fort auf die andere Seite des Puget Sound nach Cedar Cove. Die Immobilienpreise lagen im Kitsap County deutlich niedriger, und das Leben verlief hier obendrein geruhsamer. Als ihnen der Makler das Haus in der Harbor Street zeigte, mit seiner breiten Vorderveranda und der fantastischen Aussicht auf die Bucht und den Leuchtturm, hatte Corrie sofort gewusst, dass dieser Ort ihr neues Zuhause werden würde.

Also kehrten sie der großen Stadt den Rücken, und die Umstellung verlief sehr viel einfacher, als Corrie zunächst befürchtete. Die Leute hier waren freundlich, und sie gewannen schnell ein paar gute Freunde – zu denen vor allem die Beldons zählten –, mieden aber dennoch weitestgehend die Gesellschaft. Sie kannten die Namen der Nachbarn, und man grüßte einander, aber damit hatte es sich auch schon.

Zu Corries Enttäuschung hielt Roy es nicht lange im Ruhestand aus. Er langweilte sich sichtlich und war oft schlecht gelaunt. All das änderte sich, als er beschloss, ein Büro zu mieten und sich als Privatdetektiv selbstständig zu machen. Corrie unterstützte ihn bei diesem Entschluss. Schon bald hatte ihr Mann gut zu tun und freute sich auf jeden neuen Tag. Er nahm nur Fälle an, die ihn interessierten. Sie war stolz auf Roys Fähigkeiten, stolz auf seinen Erfolg und darauf, wie wichtig er seine Klienten nahm. Niemals wäre es ihr – oder Roy – in den Sinn gekommen, dass er eines Tages in eigener Sache würde ermitteln müssen.

»Du könntest in Gefahr sein«, murmelte sie ängstlich. Sie weigerte sich, ihre Gefühle zu verbergen und so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung, wenn dem nicht so war.

Roy zuckte mit den Schultern. »Das bezweifle ich. Wenn mir jemand etwas antun wollte, dann hätte er das längst getan.«

»Wie kannst du das wissen?«, fragte sie ärgerlich. »Jemand ist Bob gefolgt, und wir wissen beide, dass derjenige sich nicht für Bob interessiert hat. Bob fuhr deinen Wagen. Wer immer ihn verfolgt hat, war der Meinung, dir auf den Fersen zu sein.«

Ihren Freunden Bob und Peggy Beldon gehörte die örtliche Pension Thyme and Tide. Bob hatte sich an besagtem Tag Roys Auto geliehen und von unterwegs beinahe panisch angerufen, weil er sicher war, dass ihm jemand folgte. Daraufhin gab Roy ihm den Rat, sofort zur Polizeiwache zu fahren. Sowie Bob dort anhielt, machte sich der mysteriöse Verfolger aus dem Staub. Erst später war Roy und Corrie ein Licht aufgegangen: Wer immer Bob verfolgt hatte, muss der Meinung gewesen sein, Roy säße am Steuer.

»Im Brief steht, wir sind nicht in Gefahr«, erinnerte Roy sie.

»Natürlich! Genau das sollen wir doch glauben«, ereiferte sich Corrie. »Wer immer dahintersteckt, will, dass wir unvorsichtig werden.«

»Corrie, bitte –«

Sie fiel ihm ins Wort, wollte keine weiteren Beschwichtigungsversuche hören. »Der Präsentkorb auf unserer Veranda – dieser … Fremde ist direkt zu uns nach Hause gekommen und hat ihn dort abgestellt, und du willst mir weismachen, wir hätten nichts zu befürchten?« Ihre Stimme zitterte, und ihr wurde bewusst, dass sie kurz davorstand, die Beherrschung zu verlieren. Sie war es leid, sich zu fürchten. Leid, auf die nächste Nachricht – oder Schlimmeres – zu warten. Jeden Morgen beim Aufwachen erfasste sie sofort wieder die Angst vor dem, was an diesem Tag passieren könnte.

»Der Präsentkorb wurde vor über einer Woche abgestellt, und seitdem haben wir nichts mehr gehört.« Roy sagte das so, als müsste sie diese Tatsache beruhigen. Das tat sie aber nicht.

»Heute ist doch keine neue Postkarte gekommen, oder?«, fragte er, und die Anspannung in seiner Stimme war unüberhörbar.

»Nein.« Sie hatte die Post schon hereingeholt, durchgeschaut und den Stapel Rechnungen und Rundschreiben auf ihren Schreibtisch gepackt.

Ihr Mann nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.

»Roy«, fuhr sie in trügerischer Ruhe fort, »ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Nacht durchgeschlafen habe. Und du schläfst auch nicht gut.«

Dazu sagte er nichts.

»Wir können doch nicht weiter so tun, als wäre alles in Ordnung.«

Seine Züge verhärteten sich. »Ich gebe mein Bestes«, erwiderte er knapp.

»Ich weiß, aber es reicht nicht.«

»Das muss es.«

Corrie war keine Expertin in Sachen Ermittlungen, aber sie wusste, wann es an der Zeit war, sich Hilfe zu holen, und über diesen Punkt waren sie längst hinaus. »Du musst mit jemandem darüber reden.«

»Mit wem?«

Der Einzige, der ihr einfiel, war der Sheriff der Stadt. »Troy Davis.«

»Keine gute Idee«, widersprach Roy. »Worum es auch immer gehen mag, es ist geschehen, lange bevor wir nach Cedar Cove gezogen sind.«

»Wie kannst du dir dessen so sicher sein?«

»Jede Postkarte erwähnt Dinge, die ich bereue. Es gibt keinen Polizisten, der nichts bereut – Dinge, die wir getan haben oder nicht getan haben oder anders hätten handhaben sollen.«

Ihr ging durch den Kopf, dass jeder Mensch Dinge bereute – nicht nur Polizisten. Aber das sprach sie nicht aus.

»Die letzte Nachricht lautete: Ich möchte nur, dass Sie darüber nachdenken, was Sie getan haben. Bereuen Sie nichts? Anscheinend habe ich etwas getan – jemanden verhaftet, gegen jemanden ausgesagt –, als ich Detective in Seattle war.«

Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Du warst sehr viele Jahre bei der Polizei. Bestimmt hast du einen oder zwei Fälle vor Augen?«

Roy schüttelte den Kopf. »Glaubst du, ich hätte nicht darüber nachgedacht? Du hast doch gesehen, dass ich meine Akten und Notizen durchgegangen bin, von meinem ersten Jahr bei der Polizei bis zum letzten. Ich habe nichts gefunden.«

»Ich weiß nicht … Du hast nicht mit mir darüber geredet. Du schließt mich aus.«

»Ich schütze dich.«

»Das sollst du nicht!«, rief sie, und es gelang ihr nicht, die Wut zu unterdrücken, die in ihr aufstieg. »Ich muss Bescheid wissen – unbedingt. Siehst du denn nicht, was diese Sache mit mir macht?«

Roy beugte sich vor, stützte sich mit beiden Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab. »Es tut mir leid«, flüsterte er. »Ich habe mir den Kopf zermartert, aber mir fällt einfach niemand ein, der es mir auf diese Weise heimzahlen könnte.«

»Es muss aber doch einen Fall geben … Einen, den du vielleicht vergessen hast.«

Offenkundig ratlos schüttelte Roy den Kopf. »Ganz ehrlich, nein. Ich habe Mörder hinter Gitter gebracht und im Laufe der Jahre eine Menge Drohungen erhalten, aber mir fällt absolut niemand ein, der so vorgehen würde. Und doch, wer sonst käme infrage?«, setzte er leise, mehr zu sich selbst gesprochen, hinzu.

»Wie meinst du das?« Inzwischen hatte Corrie sich wieder besser im Griff. Ein Taschentuch in der Hand knetend, atmete sie tief ein, um sich zu beruhigen.

»Die Art Leute, mit denen ich zu tun hatte, gingen nicht subtil vor. Wenn sie sich rächen wollten, würden sie sich nicht damit abgeben, Postkarten zu schicken.«

»Vielleicht ein Angehöriger von einem Verbrecher, den du ins Gefängnis gebracht hast? Oder … ein Opfer?« Über letztere Möglichkeit hatte sie schon häufiger nachgedacht.

Er zuckte leicht mit den Schultern. »Könnte sein.«

»Was sollen wir denn jetzt tun?« Dieses ständige Auf-der-Hut-Sein und die Ungewissheit, was sie zu erwarten hatten, brachten Corrie einem Nervenzusammenbruch nahe.

»Wir tun gar nichts.«

»Gar nichts?« Das hatte sie nicht hören wollen. »Das können wir nicht!«

»Das müssen wir – vorerst –, bis derjenige einen Fehler macht. Das wird geschehen, Schatz, das schwöre ich dir, und wenn das geschieht, dann ist dieser Albtraum überstanden.«

»Versprochen?«

Roys Züge wurden weicher, er nickte. Um sie zu trösten, streckte er ihr über den Schreibtisch hinweg die Hand entgegen. Corrie ergriff sie, verschränkte ihre Finger mit seinen. Ihr Mann schaute ihr tief in die Augen. Sie spürte seine Liebe, seinen Trost, und für den Augenblick reichte ihr das. Für heute, zumindest für diesen Morgen, ging es ihr besser. Vermutlich lag ein Großteil ihres Problems darin begründet, dass sie so entsetzlich müde war. Alles würde weniger furchterregend wirken, wenn sie wenigstens eine Nacht durchschlafen könnte.

Die Eingangstür zum Büro wurde geöffnet. Roy ließ abrupt ihre Hand los und stand auf. Durch seine Arbeit bei der Polizei war er immer auf der Hut, jetzt mehr denn je.

»Mom, Dad?« Ihre Tochter hatte das Vorzimmer betreten, in dem Corries Schreibtisch stand.

»Linnette!«, rief Corrie erfreut, auch wenn ihre angespannte Stimmung die Freude noch etwas gezwungen erscheinen ließ. »Wir sind hier hinten.«

Ihre Tochter betrat das Zimmer und blieb leicht verunsichert stehen. Sie war zierlich gebaut, so wie Corrie, und hatte dunkle Haare und dunkle Augen. Wie ihre Mutter war auch Linnette in der Schule immer die Jahrgangsbeste gewesen und als Tochter eines Polizisten rundum behütet aufgewachsen. Ihr Studium hatte sie in den letzten Jahren daran gehindert, ein geselliges Leben zu führen, aber Corrie hegte die Hoffnung, dass sich das jetzt ändern würde. Immerhin war Linnette noch nie ernstlich mit einem Mann ausgegangen.

»Ich störe doch hoffentlich nicht?« Misstrauisch ließ sie ihren Blick zwischen Corrie und Roy hin- und herwandern. »Alles in Ordnung?«

»Aber ja doch«, versicherte Corrie ihr eilig. »Was sollte denn nicht in Ordnung sein?«

Ihre Tochter hatte eine viel zu gute Intuition, um sich so leicht täuschen zu lassen, aber zum Glück ließ sie ihr das durchgehen. »Ich habe eine Wohnung gefunden«, verkündete Linnette und tanzte fröhlich durchs Büro.

»Wo?«, fragte Corrie in der Hoffnung, dass sich die Wohnung irgendwo in der Stadt befand. Linnette hatte eine Stelle als Assistenzärztin im neuen Gesundheitszentrum von Cedar Cove erhalten, und Corrie war überglücklich, sie endlich wieder in ihrer Nähe zu haben.

»An der Bucht, nicht weit vom Park am Wasser«, erklärte Linnette. »Der Wohnkomplex neben dem Holiday Inn Express.«

Corrie kannte das Gebäude, da sie fast jeden Tag bei ihrem Nachmittagsspaziergang daran vorbeikam. Es lag in der Nähe des Jachthafens und nur ein kurzes Stück entfernt von der Stadtbücherei. Das zweistöckige Wohnhaus bot eine herrliche Aussicht auf die Bucht, den Leuchtturm und die Marinewerft von Bremerton. Soweit es Corrie betraf, war die Lage perfekt.

»Ich hoffe, die Miete ist nicht übertrieben hoch«, gab Roy skeptisch zu bedenken, aber Corrie konnte sehen, dass auch er sich freute.

»Verglichen mit meiner Wohnung in Seattle ist die Wohnung ein Schnäppchen.«

»Hervorragend.«

Roy hegte immer noch Beschützerinstinkte für sein kleines Mädchen. Leider war es ihm stets schwergefallen, seiner väterlichen Zuneigung den Kindern gegenüber Ausdruck zu verleihen – vor allem gegenüber seinem Sohn. Er lag ständig über Kreuz mit Mack. Corries Ansicht nach waren sich die beiden einfach viel zu ähnlich. Mack schien ganz genau zu wissen, was er sagen musste, um seinen Vater zu verärgern. Und auch Roy war nicht gerade unschuldig an dem schwierigen Verhältnis – er schien es regelrecht darauf anzulegen, etwas an seinem Sohn auszusetzen zu finden. Wegen der Spannungen, die zwischen ihnen herrschten, gingen die beiden einander im Allgemeinen aus dem Weg. Sehr zu Corries Missfallen, denn meistens fand sie sich zwischen den Fronten wieder. Glücklicherweise war das bei Linnette, die zwei Jahre älter war als ihr Bruder, nicht der Fall.

Linnette erzählte von der Wohnung, dem Einzugstermin und ihrer Arbeit im Gesundheitszentrum. Corrie nickte an den passenden Stellen, hörte aber nur mit einem Ohr zu. Als ihre Tochter zu Ende berichtet hatte, ging Roy wieder an die Arbeit, während Corrie an ihren Schreibtisch zurückkehrte und Linnette ihr folgte.

»Mom«, sagte sie, kaum dass sie das Vorzimmer betreten hatten. Sie senkte die Stimme und schaute nachdenklich und besorgt drein. »Bist du sicher, dass zwischen dir und Dad alles in Ordnung ist?«

»Natürlich! Warum fragst du?«

Ihre Tochter zögerte. »Als ich eben ins Büro kam, hast du ausgesehen, als würdest du gleich in Tränen ausbrechen. Und Dad … er – seine Augen wirkten so … kalt. So habe ich ihn noch nie gesehen. Ich wusste nicht, was ich davon halten soll.«

»Du siehst Gespenster«, meinte Corrie.

»Nein, tue ich nicht.«

»Es ist nichts. Wir können später darüber reden.«

Ihre Tochter konnte ziemlich stur sein, eindeutig ein Charakterzug, den sie von Roy geerbt hatte. Und doch war Linnette die letzte Person, mit der Corrie über ihre Ängste reden wollte. Irgendwann, wenn diese Geschichte geklärt und vorüber war, würden sie bei einem Mittagessen darüber lachen können. Aber im Moment waren diese Postkarten alles andere als lächerlich.

»Du hast eine Postkarte verloren«, sagte Linnette und deutete auf den Schreibtisch.

Corrie erstarrte. »Tatsächlich?«

»Ja, sie lag im Flur auf dem Fußboden, als ich hereingekommen bin. Ich habe sie auf deinen Schreibtisch gelegt.«

Roy musste gehört haben, was sie gesagt hatte, denn er kam ins Vorzimmer. Er schaute Corrie fest an. »Gib sie mir«, verlangte er.

Oh nein, schoss es ihr durch den Kopf, als sie an ihren Schreibtisch trat und nach der Karte griff. Sie drehte sie um und las die Nachricht darauf, bevor sie die Karte an Roy weiterreichte.

In großen Lettern stand darauf: Denken Sie noch darüber nach?

»Mom«, drängte Linnette, »ihr solltet mir endlich sagen, was los ist.«

2. Kapitel

Fröhlich werkelte Charlotte Jefferson Rhodes in ihrer Küche. Sie war dabei, eine große Portion Zimtschnecken zu backen, die Ben ganz besonders gern mochte. Nach über sechzig Jahren als Charlotte Jefferson musste sie immer zweimal überlegen, wie sie jetzt hieß, denn dass sie inzwischen tatsächlich mit Ben verheiratet war, hatte sie noch nicht ganz verinnerlicht. In ihrem Alter rechnete eine Frau nicht mehr damit, eine neue Liebe zu finden. Wie so vieles andere in den letzten Jahren hatte diese Liebe sie äußerst angenehm überrascht.

»Das riecht aber gut hier drin!«, rief Ben, der im Wohnzimmer saß, die Füße auf einen Polsterhocker hochgelegt, und mit dem Kreuzworträtsel der New York Times beschäftigt war, das in der Morgenzeitung von Bremerton erschien. Sein großer Wortschatz und sein umfangreiches Allgemeinwissen beeindruckten Charlotte. Außerdem gefiel ihr, dass er kein bisschen überheblich war – er benutzte einen Bleistift, um das Kreuzworträtsel auszufüllen.

»Die erste Fuhre kann ich schon bald aus dem Ofen holen«, versprach sie ihm. Sie liebte es zu backen, vor allem für jemanden, der ihre selbst gemachten Leckereien zu schätzen wusste. Ben tat das, mochte seine Zimtschnecken aber lieber ohne Rosinen, während sie und Jack, ihr Schlitzohr von einem Schwiegersohn, Rosinen liebten. Die Lösung des Problems war einfach: Um beiden Vorlieben gerecht zu werden, teilte sie den Teig in zwei Hälften und buk die eine Hälfte mit, die andere ohne Rosinen.

Seit etwas mehr als einem Monat war sie nun schon mit Ben verheiratet. Sie schätzte sich glücklich, diesen attraktiven Mann an ihrer Seite zu wissen. Er besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Cesar Romero und war vier Jahre jünger als sie. Doch der Altersunterschied machte ihnen beiden nichts aus – Charlotte war eine jung gebliebene Fünfundsiebzigjährige. Als sie ihren ersten Mann Clyde Jefferson gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geheiratet hatte, war sie noch keine zwanzig gewesen. Damals war es für Frauen üblich, in wesentlich jüngerem Alter als heute eine Ehe einzugehen. Zusammen mit Clyde hatte sie ihre Kinder in Cedar Cove großgezogen. Ihre Tochter Olivia arbeitete mittlerweile als Familienrichterin und lebte immer noch im Ort. Ihr Sohn Will hatte seine Heimat verlassen und war nach Atlanta gezogen.

Cedar Cove, die blühende Kleinstadt, in der sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte, lag auf der Kitsap Peninsula, auf der Seattle gegenüberliegenden Seite des Puget Sound. Mit etwas über siebentausend Einwohnern war sie klein genug, um einen freundlichen, idyllischen Eindruck zu machen, aber doch groß genug für ein eigenes Gesundheitszentrum.

Dieses sollte offiziell Mitte November eröffnet werden. Wenn Charlotte daran dachte, strahlte sie vor Stolz, denn sie wusste: Ohne Ben, sie und ihre Freunde aus dem Seniorenzentrum hätte es diese Errungenschaft nie gegeben.

Nicht einmal ihre eigene Tochter Olivia hatte die Notwendigkeit für das Gesundheitszentrum gesehen, denn das Krankenhaus von Bremerton lag eine knappe halbe Stunde entfernt, und es gab gute Ärzte in der Stadt. Das alles stimmte zwar, aber Charlotte war überzeugt davon, dass Cedar Cove eine klinische Einrichtung brauchte, die auch Notfälle versorgen konnte. Eine halbe Stunde war bei einem Herzinfarkt schon eine sehr lange Zeit und konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Ben sah das ganz genauso, und aus ihrem gemeinsamen Anliegen war eine engere Beziehung geworden, die sich noch vertiefte, nachdem sie wegen einer friedlichen, aber nicht genehmigten Demonstration festgenommen worden waren. Die Verhaftung wurmte sie immer noch. Allerdings waren zu ihrer Anhörung fast alle Einwohner der Stadt in den Gerichtssaal geströmt, um zu zeigen, dass sie hinter Ben, ihr und ihren Freunden standen. Allein die Erinnerung daran, wie ihre Freunde sich um sie geschart hatten, reichte, um Charlotte zu Tränen zu rühren.

Dennoch war auch das im Grunde nebensächlich – entscheidend war nur, dass das Gesundheitszentrum gebaut und Personal eingestellt worden war.

Das Telefon klingelte, und Charlotte warf einen leicht verärgerten Blick auf die Küchenuhr, weil jemand es wagte, so früh an einem Samstagmorgen anzurufen. Zu ihrem Erstaunen war es schon beinahe zehn Uhr.

»Ich gehe dran.« Als sie nach dem Hörer griff, fiel ihr auf, dass ihr schwarzer Kater Harry sich auf Bens Schoß zusammengerollt hatte. Wenn das kein Fortschritt war! Harry hatte sich zu Charlottes persönlichem Beschützer auserkoren und konnte Besucher gar nicht leiden. Er hatte einen halben Monat gebraucht, um sich an Bens Gegenwart zu gewöhnen, und noch mal so lange, um ihm nicht länger die kalte Schulter zu zeigen.

»Guten Morgen«, meldete sie sich fröhlich. Clyde hatte immer behauptet, sie sei schon mit guter Laune zur Welt gekommen. Tatsächlich bemühte sie sich stets, ihren Fokus auf die positiven Dinge im Leben zu richten, obwohl auch sie großen Kummer erlebt hatte.

»Ist mein Vater zu sprechen?«, fragte eine angenehme männliche Stimme und fügte dann erläuternd hinzu: »Ben Rhodes.«

»Ja, natürlich. Spreche ich mit Stephen?«

Ihre Frage entlockte dem Anrufer ein unbehagliches Lachen. »Nein, mit David. Ich rufe aus Kalifornien an.«

»Hallo, David«, erwiderte Charlotte freundlich. »Es tut mir so leid, dass du nicht zu unserer Hochzeit kommen konntest. Wir haben dich vermisst.«

Bens jüngster Sohn schien von ihrer Freundlichkeit überrascht. »Ich wünschte, ich hätte kommen können, aber bestimmt hat Dad erklärt, dass ich aus beruflichen Gründen keinen Tag freinehmen konnte.«

Ben hatte nichts zur Abwesenheit seiner Söhne gesagt, und Charlotte hatte ihn nicht mit Fragen bedrängt. Sie war sich nicht sicher, wie Bens Beziehung zu seinen Kindern aussah. Er erwähnte sie nur selten und wich dem Thema aus, wann immer sie es ansprach. Dabei wirkte der junge Mann am Telefon sehr liebenswürdig und höflich.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, dich kennenzulernen, David.«

»Das geht mir genauso, Charlotte. Mein Vater ist ein listiger alter Fuchs. Erst zieht er nach Cedar Cove, wo er doch ebenso gut in Stephens oder meine Nähe hätte ziehen können, und dann heiratet er noch mal. Ich muss schon sagen, das war eine echte Überraschung für die Familie. Eine sehr erfreuliche Überraschung natürlich.«

»Ich bin überglücklich, dass ich eurem Vater begegnet bin«, erklärte Charlotte. Sie war entzückt von David Rhodes. Da weder er noch sein Bruder Stephen zur Hochzeit gekommen waren, hatte sie schon befürchtet, dass es Probleme zwischen Ben und seinen Söhnen gab, und diese Furcht war durch Bens mangelnde Bereitschaft, über die beiden zu reden, noch bestärkt worden. Aber vielleicht existierten ja gar keine Probleme zwischen ihnen. David schien jedenfalls ein netter junger Mann zu sein.

»Ist mein Vater denn zu sprechen?«, fragte er noch einmal.

»Ja, natürlich. Tut mir leid, aber ich gerate leicht ins Plaudern. Ich hole ihn sofort ans Telefon.« Charlotte legte den Hörer aus der Hand, wandte sich Ben zu und stellte fest, dass der sie beobachtete. »Es ist dein Sohn. David.«

Vorsichtig schob Ben den Kater von seinem Schoß, legte die Zeitung weg und stand auf. »Hat er gesagt, was er will?«

Es irritierte Charlotte, dass er sie mit gerunzelter Stirn anschaute. David hatte sich ihr gegenüber als freundlich und herzlich erwiesen, und nichts an seinem Verhalten deutete auf Spannungen innerhalb der Familie hin.

Sie schüttelte den Kopf und ging zurück in die Küche. Auch dort konnte sie jedes Wort verstehen, das Ben am Telefon sprach. Nicht, dass sie die Unterhaltung belauschen wollte, aber neugierig war sie natürlich schon.

»Hallo, David«, meldete er sich kühl.

Es klang, als wären er und sein Sohn doch zerstritten. Der Gedanke machte sie traurig. Was mochte vorgefallen sein? Ein Missverständnis? Ein lang gehegter Groll? Oder hatten sie einfach nur zu wenig Kontakt über die Jahre gehabt? Und warum wollte Ben ihr nichts darüber sagen? Nach seiner wenig begeisterten Begrüßung schwieg er eine Weile, und Charlotte bedauerte, dass sie nur seine Seite des Gesprächs hören konnte.

»Ich glaube, darüber haben wir schon oft genug gesprochen. Die Antwort lautet nein, also frage bitte nicht noch mal.«

Bens Worten folgte eine längere Pause.

Charlotte gesellte sich wieder zu ihm ins Wohnzimmer und legte sanft den Arm um seine Taille. Sie wollte Ben ihrer Liebe und Unterstützung versichern. Immerhin sollte ihr Mann dankbar sein, dass David angerufen hatte und er und Charlotte einander nun kennenlernen konnten, wenn auch nur am Telefon.

Vor ihrer Hochzeit wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass ihre eigenen Kinder etwas gegen die Heirat mit Ben haben könnten. Als Olivia dann überraschend ihre Einwände äußerte, führte dies zum ersten größeren Zerwürfnis zwischen ihnen. Der Mangel an Vertrauen, den ihre Tochter ihr entgegenbrachte, hatte Charlotte zutiefst verletzt. Bens Sohn schien das neue Eheglück seines Vaters jedoch aufrichtig gutzuheißen.

»Moment, ich muss kurz fragen«, sagte Ben und drückte den Hörer gegen seine Brust. »David wird Anfang nächsten Monats geschäftlich in Seattle sein. Er fragt, ob wir ihn zum Essen treffen können.«

»Sag ihm, darüber würde ich mich sehr freuen«, erwiderte Charlotte lächelnd.

Erneut runzelte Ben die Stirn, als wüsste er nicht recht, was er antworten sollte. Dann nahm er den Hörer wieder ans Ohr. »Sieht so aus, als könnten wir das einrichten«, sagte er nüchtern. Begeisterung klang definitiv anders.

Charlotte musste sich zusammenreißen, um ihm nicht den Ellenbogen in die Rippen zu stoßen. So benahm man sich einfach nicht! Auch wenn die beiden anscheinend zerstritten waren, gab David sich doch Mühe – da konnte Ben ihm wenigstens ein klein wenig entgegenkommen.

Ben griff nach dem Stift, der an einem Bindfaden am Kalender befestigt war, und notierte Datum und Uhrzeit. »Wir kommen mit der Bremerton-Fähre und nehmen uns ein Taxi zum Restaurant. Dort treffen wir uns um sieben.« Ohne ein weiteres Wort legte er auf.

Dann wandte er sich wieder Charlotte zu. »Wie du vielleicht erraten hast, gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen meinem Sohn und mir.«

»Er wirkte wie ein sehr netter junger Mann.«

»Ja, das kann er sein«, murmelte Ben, ohne dass seine Miene irgendetwas verriet. »Vor allem, wenn er etwas will.«

»Oh.« Vielleicht hatte David mehr als einen Grund, seinen Vater zu kontaktieren. »Hast du erfahren, worum es geht?«, fragte sie zaghaft. Sie wollte nicht zu sehr nachbohren, aber Ben verschloss sich vor ihr, und das belastete sie.

Er schüttelte den Kopf. »Im Allgemeinen stelle ich David nicht viele Fragen«, sagte er. »Das habe ich nicht einmal getan, als er seine Frau nach einem Jahr Ehe wegen seiner Sekretärin verlassen – und seine kleine Tochter im Stich gelassen hat. Auch diese zweite Ehe hat nicht lange gehalten.« Er zögerte einen Moment. »Offen gesagt ist David für mich eine Enttäuschung.«

»Das tut mir so leid.«

Auch wenn sie es nicht aussprach, war ihr eigener Sohn für sie ebenfalls eine Enttäuschung. Weder Olivia noch deren beste Freundin Grace Sherman hatten etwas über die Angelegenheit verlauten lassen – aber dank einer Bemerkung ihrer Enkelin Justine hatte Charlotte erfahren, was Will getan hatte. Justine hatte beiläufig erwähnt, dass Grace versuchte, nach ihrer Internetbeziehung mit Will ihre Romanze mit Cliff wiederzubeleben. Offenbar war dieser Fehltritt nicht der einzige gewesen – jedenfalls für Will. Seine Frau Georgia hatte angedeutet, dass er es mit der ehelichen Treue nicht sehr genau nahm. Ob es sich dabei um echte Affären handelte oder reine E-Mail-Beziehungen, wusste Charlotte nicht. Es war ihr schleierhaft, was sich im Leben ihres Sohnes ereignet haben mochte, das sein Verhalten hätte erklären können. Clyde würde sich im Grab umdrehen, wenn er erfahren hätte, wie sein Sohn sein Ehegelübde missachtete.

»Ich wünschte, ich hätte dem Treffen nicht zugestimmt«, murmelte Ben.

»Aber wir haben an dem Abend Zeit, und ich möchte deinen Sohn kennenlernen.«

»Er ist ein egozentrischer junger Mann. Na ja, nicht mehr ganz so jung, immerhin schon über vierzig. Ich schätze, an seiner Selbstsucht bin ich schuld. Joan hat die beiden Kinder schrecklich verwöhnt, und ich war so mit meiner Karriere bei der Marine beschäftigt und so selten zu Hause, dass mir das erst auffiel, als es zu spät war. Leider mangelt es meinen beiden Söhnen an Disziplin und Selbstbeherrschung. Als ich bemerkte, wie sie sich entwickelt hatten, waren sie bereits erwachsen.«

»Ich bin sicher, das wird ein netter gemeinsamer Abend«, versuchte sie ihn zu besänftigen.

»Ich nicht«, widersprach er traurig. »Aber wir haben zugesagt, und deshalb werden wir Davids Wunsch nachkommen und nach Seattle fahren. Natürlich möchte ich, dass du meine Kinder kennenlernst. Doch du solltest vorher wissen, was für Menschen sie sind.«

»Meine Kinder haben mich gelegentlich auch schon enttäuscht«, gab Charlotte zu. Es hatte sie zutiefst gekränkt, als sie erfuhr, dass ihre eigene Tochter Roy McAfee damit beauftragt hatte, Bens Vergangenheit zu durchleuchten.

Ben starrte blicklos aus dem Fenster. Als er schließlich etwas sagte, sprach er leise und nachdenklich. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Söhne mir jedes Glück missgönnen. Ich fürchte, sie glauben, dass ich ihnen tot mehr nutzen würde.« Als Charlotte entsetzt nach Luft schnappte, fügte er hinzu: »Wenn ich David richtig einschätze, und ich kenne ihn gut, dann hofft er auf sein Erbe, um aus den neuesten finanziellen Schwierigkeiten herauszukommen.«

»Aber, Ben, du hättest ihm sagen sollen …« Vor ihrer Heirat hatten Ben und Charlotte ihre Testamente geändert und darin jeweils dem anderen den größten Teil ihres Vermögens vermacht. Ben hatte je ein Drittel seines verbleibenden Vermögens für seine Söhne vorgesehen, das restliche Drittel für einen guten Zweck.

»Es ist wichtig, dass wir mit einer positiven Einstellung zu diesem Essen gehen«, mahnte Charlotte.

»Ich weiß«, erwiderte Ben seufzend und nahm sie in die Arme.

»Du wirst sehen, alles wird gut«, flüsterte sie. Wenn sie an das bevorstehende Treffen mit David dachte, hatte sie ein gutes Gefühl. Zu gern wollte sie für Frieden in der Familie sorgen, Ben und seine Söhne miteinander versöhnen, und sie hoffte, dass David sie in sein Herz schließen würde.

Der Backofentimer meldete sich, und Ben hob den Kopf. »Bedeutet das, was ich glaube, dass es bedeutet?«, fragte er.

»Sobald die Zimtschnecken abgekühlt sind, friere ich sie ein, und du bekommst ein klein wenig zum Probieren.«

»Ein klein wenig?«, beschwerte er sich.

Charlotte zog die Brauen hoch. »Ich will nicht, dass du dir den Appetit aufs Mittagessen verdirbst.«

»Das werde ich nicht«, versprach er. Dabei klang er wie ein kleiner Junge, der sich aufs Betteln verlegte.

»Manchmal glaube ich, dass du mich wegen meiner Backkünste geheiratet hast«, meinte Charlotte neckend und schenkte ihm ein Lächeln.

Das Lachen in Bens Augen wich einem tiefernsten Ausdruck, als er auf sie hinunterschaute. »Damit liegst du falsch, Charlotte. Ich habe dich geheiratet, weil ich noch nie eine Frau so geliebt habe wie dich.«

3. Kapitel

An diesem Montagmorgen kam Cecilia Randall zehn Minuten zu früh in die Kanzlei Smith, Cox and Wright. Sie war froh, zur Arbeit entfliehen zu können. Allein zu Hause, ohne ihren Mann, fühlte sie sich einsam – trotz ihrer Freundinnen. Am schlimmsten waren die Wochenenden, besonders jetzt, da sie schwanger war. Ihr Mann Ian war mit dem Flugzeugträger USS John F. Reynolds auf See. Obwohl sie versucht hatte, ihn zu beruhigen, sorgte er sich um sie – keineswegs grundlos, wie er betonte. Ihre gesamte derzeitige Situation entsprach der zur Zeit ihrer Schwangerschaft mit Allison, ihrem ersten Kind, und Allison war mit einem Herzfehler zur Welt gekommen.

Ian hatte bei der Geburt nicht an Cecilias Seite sein können. Und auch nicht, als Cecilia ihr Töchterchen zu Grabe trug. Dass sie allein an dem winzigen Grab stand, hatte sie fast zugrunde gerichtet und in der Folge auch ihre Ehe gefährdet. Wenn die für ihre Akte zuständige Familienrichterin nicht so viel Weisheit bewiesen hätte, ihnen die Scheidung aufgrund einer Formalität zu verweigern, wären sie heute nicht mehr zusammen.

Cecilia drückte sanft mit der Hand auf ihren Bauch und gab ihrer ungeborenen Tochter damit zu verstehen, wie sehr sie sie liebte. Diesmal würde alles anders laufen, davon war sie überzeugt. Aber auch, als sie mit Allison schwanger gewesen war, schien alles normal zu sein. Hastig verscheuchte sie die Sorgen und Zweifel, die sie überfielen. Es reichte, dass Ian sich damit quälte.

Inzwischen war sie im fünften Monat und so glücklich wie schon lange nicht mehr. Sie wünschte sich dieses Baby so sehr. Wenn es nach Ian gegangen wäre, hätten sie nach Allisons Tod keine Kinder mehr bekommen. Er hatte Angst. Das ging Cecilia genauso, aber ihre Sehnsucht nach einer Familie war größer als ihre Furcht.

»Morgen«, grüßte ihr Chef Zachary Cox sie geistesabwesend, als er an ihrem Schreibtisch vorbeiging, der im Vorzimmer seines Büros stand. Er war bereits in das Sortieren seiner Post vertieft.

»Morgen«, gab sie zurück.

»Allison kommt heute Nachmittag«, sagte er und schaute gerade lange genug von seiner Post auf, um Cecilia anzusehen. »Sie will sich das Geld für ein Auto verdienen. Ihre Mutter und ich haben ihr versprochen, die gleiche Summe, die sie zusammenspart, beizusteuern. Ich hoffe, es gibt hier genug Arbeit für sie, um sie die nächsten paar Monate zu beschäftigen.«

Sie nickte und freute sich darauf, das Mädchen wiederzusehen. Mr. und Mrs. Cox hatten mitten in ihrer Scheidung gesteckt, als Cecilia die Stelle in der Kanzlei antrat. Dieselbe Familienrichterin, die ihr und Ian die Scheidung verweigert hatte, urteilte im Fall des Ehepaars Cox über das gemeinsame Sorgerecht für die beiden Kinder. Und Richterin Olivia Lockhart entschied, die Kinder, nicht die Erwachsenen, bräuchten am dringendsten Stabilität und Sicherheit in ihrem Leben. Deshalb sollten Allison und Eddie nicht zwischen den Wohnungen der Eltern hin- und herpendeln, sondern im Haus der Familie leben. Stattdessen hatten ihre Eltern alle paar Tage den Wohnsitz wechseln müssen. Das hatte gut funktioniert – besser, als erwartet –, und schon bald waren Zach und Rosie Cox wieder ein Paar.

Cecilia arbeitete noch nicht lange für Mr. Cox, als dieser begann, seine rebellische Tochter mit ins Büro zu bringen. Der Nachmittagsjob, den er Allison gab, sollte vor allem dazu dienen, die rebellierende Fünfzehnjährige im Auge zu behalten und ihren Kontakt zu einer Gruppe schwieriger Jugendlicher einzuschränken, der sie sich gerade angeschlossen hatte. Cecilia fühlte beinahe sofort eine Verbindung zu dem Mädchen. Dass sie Allison hieß, genau wie ihre verstorbene Tochter, trug noch dazu bei.

Sie schlossen schnell Freundschaft, und Allison zog Cecilia häufig ins Vertrauen oder bat sie um Rat. Vor Cecilias Augen wurde aus dem unzugänglichen, zornigen Mädchen eine sympathische junge Frau, die inzwischen siebzehn Jahre alt war. Der Gegensatz zwischen damals und heute war bemerkenswert. Manchmal stellte Cecilia sich vor, dass ihre eigene Tochter in diesem Alter so ausgesehen und gehandelt hätte, wenn sie noch am Leben wäre.

»Ich sorge gern dafür, dass sie genug zu tun hat«, versicherte sie ihrem Chef. Es gab immer etliche kleinere Aufgaben, die in der Hektik des Arbeitstages liegen blieben. Mit Allisons Unterstützung würde sie noch vor ihrem Mutterschaftsurlaub aufarbeiten können, was sie nicht geschafft hatte.

»Wunderbar.« Damit verschwand Mr. Cox in seinem Büro, immer noch mit dem Sortieren seiner Post beschäftigt. »Danke, Cecilia.«

Den ganzen Morgen über war sie sehr beschäftigt und gönnte sich nur eine kurze Pause, um mit ihrer besten Freundin Cathy Lackey zu telefonieren, deren Mann genau wie Ian auf der John F. Reynolds im Einsatz war. Cathy und sie bildeten ihre eigene kleine Selbsthilfegruppe und waren füreinander da, wenn ihre Männer auf See dienten. Kaum ein Tag verging, an dem sie nicht miteinander sprachen.

Um 15 Uhr tauchte Allison Cox in der Kanzlei auf, nur wenige Minuten, nachdem ihr Vater sich auf den Weg zu einem Klienten gemacht hatte. Allison war schlank und hatte ebene Gesichtszüge, ein hübsches Mädchen. Die braunen Haare fielen ihr lang über den Rücken. Als sie ihren grauen Wollmantel ablegte, sah Cecilia, dass sie heute einen grün karierten Rock und einen weißen Rollkragenpullover für das Büro gewählt hatte. Bei ihrer ersten Begegnung war Allisons Lieblingsfarbe Schwarz gewesen. Damals hatte das Mädchen mit allen Mitteln gegen die Zerrüttung ihrer Familie rebelliert und sich dabei gegen jeden in ihrem Umfeld gestellt. Natürlich hätte Cecilia gern angenommen, ihre Freundschaft habe Allison geholfen. Tatsächlich ging sie jedoch davon aus, dass wohl eher die Versöhnung und Wiederheirat ihrer Eltern ausschlaggebend für ihren Wesenswandel waren. Dennoch freute sie der Gedanke, einen guten Einfluss auf das Mädchen ausgeübt zu haben, was Mr. Cox ihr auch immer wieder bestätigt hatte.

Das alles war jetzt zwei Jahre her, und Allison besuchte inzwischen die Oberstufe der Highschool.

»Schön, dich zu sehen«, sagte sie und umarmte Cecilia, obwohl sie sich vor weniger als einem Monat zuletzt getroffen hatten. »Was macht unser Baby?«

Cecilia legte eine Hand auf ihren Bauch. »Tritt mich immer wieder. Möchtest du mal fühlen?«

Allison riss die Augen auf. »Natürlich, gern.«

Cecilia legte die Hand des Mädchens auf ihren Bauch und beobachtete Allisons Miene, während die angespannt wartete, sich auf die Unterlippe biss und schließlich niedergeschlagen den Kopf schüttelte. »Ich fühle nichts.«

»Es ist vielleicht noch ein bisschen früh«, murmelte Cecilia und überlegte, im wievielten Monat sie bei ihrer letzten Schwangerschaft gewesen war, als Ian die Bewegungen seiner Tochter hatte spüren können.

Enttäuscht ließ Allison die Hand sinken. »Tja, ich sollte wohl besser an die Arbeit gehen.«

Cecilia wies ihr einen leeren Schreibtisch gegenüber ihrem eigenen zu. Während der Zeit der Steuererklärung von Januar bis April, in der die Kanzlei immer Aushilfskräfte beschäftigte, ging es stets sehr chaotisch zu, und jeder verfügbare Arbeitsplatz war belegt.

Allison war seit etwa einer Stunde in ihre Aufgaben vertieft, als Mary Lou vom Empfang zu ihnen ins Büro kam. »Draußen ist ein junger Mann, der dich sprechen möchte«, wandte sie sich an Allison und warf kurz darauf Cecilia einen zweifelnden Blick zu, als wollte sie sagen, sie sei sich nicht sicher, ob sie das Richtige tue.

»Hat er seinen Namen angegeben?«, fragte Allison.

»Nein, aber er sagt, du wüsstest schon, wer er ist.«

»Was hat er an?«

Mary Lou rückte näher und senkte die Stimme. »Er hat einen Kinnbart und trägt einen langen schwarzen Mantel, an dem Ketten befestigt sind. Und ein großes Kreuz um den Hals. Ehrlich gesagt wirkt er ein bisschen angsteinflößend.«

»Das ist Anson.« Allison stand auf und ging nach vorn zum Empfangsbereich. Sie blieb zehn Minuten weg und war sichtlich erfreut – nein, geradezu glücklich –, als sie zurückkam.

Cecilias Neugier war geweckt. »Worum ging es denn?«, fragte sie. Es war ihr gelungen, unauffällig einen Blick durchs Bürofenster auf diesen Anson zu werfen. Kein Wunder, dass Mary Lou beunruhigt war. Der Junge hatte lange, dunkle, fettige Haare. Sein Mantel war so weit geschnitten, dass er ohne Weiteres Waffen darunter hätte verstecken können. Vermutlich tat er das nicht, aber … Jedenfalls hatte sie nicht erwartet, dass Allison sich für einen solchen Jungen interessieren würde.

»Ich kenne ihn kaum«, erklärte Allison. »Er sitzt im Französischkurs neben mir. Wir haben uns ein paarmal unterhalten, und das war es auch schon.«

»Woher weiß er, dass du hier bist?«

Allison zuckte mit den Schultern. »Eine meiner Freundinnen muss es ihm erzählt haben.«

»Hat er gesagt, was er wollte?«

»Nicht wirklich. Er hatte Fragen zu unseren Französisch-Hausaufgaben.« Sie grinste schüchtern und senkte den Blick zu Boden. »Das war aber nur eine Ausrede, denn er hat mich gefragt, was ich heute Abend vorhabe.«

Cecilia nickte. Es beunruhigte sie, dass das Mädchen offenbar fasziniert war von diesem selbsternannten Rebellen.

»Er lebt bei seiner Mutter«, fügte Allison hinzu.

»Oh.«

»Ich glaube, die beiden verstehen sich nicht gut«, meinte sie nachdenklich.

Cecilia wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. »Würdest du mit ihm ausgehen, wenn er dich darum bittet?«, murmelte sie. Ob Allison es nun zugeben wollte oder nicht, sie fühlte sich zu dem Jungen hingezogen. Alles an ihrer Reaktion verriet das.

»Ich … ich weiß nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Anson hat mich nicht gebeten, und ich bezweifle, dass er das tun würde. Jungs wie er gehen nicht aus. Sie hängen irgendwo ab.«

Offensichtlich war Mr. Cox dem jungen Mann noch nicht begegnet, und Cecilia konnte sich nur zu gut ausmalen, wie er reagieren würde, wenn er ihn mit seiner Tochter sähe.

»Sei vorsichtig«, warnte sie leise.

»Warum?«

»Böse Jungs können attraktiv sein und damit gefährlich

Allison lächelte. »Keine Sorge. Wie gesagt, wir kennen uns kaum.«

Cecilia glaubte ihr, aber sie spürte, dass sich Ärger anbahnte. Sie konnte nur hoffen, dass Allison wusste, was sie tat.

Nach Feierabend blieb Cecilia keine Zeit, weiter über Allisons neue Bekanntschaft nachzudenken, denn sie war mit Cathy und deren dreijährigem Sohn Andy verabredet. Sie fuhr direkt von der Arbeit zum Haus ihrer Freundin. Heute wollten sie gemeinsam die Weihnachtspakete packen, die sie an Ian und Cathys Mann Andrew schicken würden, daher hatte sie schon am Morgen ihren Kofferraum mit Ians Geschenken vollgeladen. Sie freute sich auf den Abend und das chinesische Essen, das sie und Cathy sich liefern lassen wollten.

»Hast du heute Morgen eine E-Mail von Ian bekommen?«, fragte Cathy, als Cecilia ihr ins Wohnzimmer folgte.

Verwundert schüttelte sie den Kopf. »Vielleicht wartet zu Hause eine auf mich.« Ian redete nie über das, was er bei der Marine tat. Sein Job hatte etwas mit Lenkraketensystemen zu tun und anderen hoch komplizierten technischen Dingen. Aus Gründen der nationalen Sicherheit durfte er nicht mit ihr über Einzelheiten seiner Arbeit reden, und Cecilia akzeptierte das. Es war ihr egal, welche Aufgaben die Vereinigten Staaten ihm übertrugen, solange er heil und gesund wieder nach Hause kam. Zurzeit war die John F. Reynolds irgendwo im Persischen Golf unterwegs, aber wo genau, das wusste sie nicht.

Ian schickte ihr mindestens einmal täglich eine E-Mail. Er hatte keine Zeit für lange Nachrichten, aber auch eine kurze Mitteilung hob ihre Stimmung. Außerdem bestand er darauf, mindestens genauso oft von ihr zu hören.

Da Cathy nicht berufstätig war, hatte sie die nötigen Utensilien für den Versand der Pakete besorgt, und während Andy auf dem Fußboden mit einem Puzzle spielte, wickelten die beiden Frauen ihre Geschenke ein.

»Du glaubst nicht, was hier drin ist«, sagte Cathy und hielt eine kleine Schachtel hoch, nicht größer als eine Schmuckschachtel.

»Du schickst Andrew einen Ring?«, fragte Cecilia verdutzt.

»Nein. Das ist ein durchsichtiges schwarzes Negligé – zusammen mit dem Versprechen, dass ich es tragen werde, wenn er nach Hause kommt.«

Cecilia kicherte. »Das ist eine grausame Strafe«, sagte sie und dachte dabei an das eine Mal, dass sie Ian auf ganz ähniche Weise überrascht hatte …

Cathy lachte ebenfalls. »Ich bezweifle, dass Andrew das so sehen wird. Ich bin bereit für ein zweites Kind. Meiner Meinung nach braucht Andy eine kleine Schwester.«

Cecilia rang sich ein Lächeln ab, schaute aber rasch weg und widmete sich wieder den Geschenken. Ihr Leben wäre so vollkommen anders, wenn Allison überlebt hätte. Es gab keineswegs eine Garantie, dass nicht auch das zweite Baby mit dem gleichen Herzfehler zur Welt kommen würde, der ihre erste Tochter das Leben gekostet hatte. Still betete sie darum, dass das Kind, das sie jetzt unter dem Herzen trug, gesund war.

4. Kapitel

Als Maryellen Bowman von ihrer Arbeit in der Harbor Street Art Gallery nach Hause zurückkehrte, trat Jon nach draußen, um sie zu begrüßen, und sie lächelte. Der Anblick ihres Mannes löste ein warmes Glücksgefühl in ihr aus. Auf der Rückbank des Wagens stieß die zweijährige Katie in ihrem Kindersitz einen Freudenjuchzer aus, sobald sie ihren Vater erblickte. Sie strampelte wild mit Armen und Beinen, so eilig hatte sie es, aus dem Sitz befreit zu werden.

»Ich weiß, Schätzchen, ich weiß«, meinte Maryellen lachend. »Ich freue mich auch, deinen Daddy zu sehen.«

Jon wartete bereits neben dem Auto, als sie den Motor abstellte. Er öffnete die hintere Tür und befreite Katie, die sich sofort auf seinen Armen wand, weil sie heruntergelassen werden wollte. Seit sie laufen konnte, war sie nicht mehr zu bremsen. Doch Jon hielt sie sicher fest und ging vorn um den Wagen herum, um Maryellen zu begrüßen.

»Willkommen zu Hause«, sagte er, schob seine freie Hand in ihre dunklen Haare und küsste sie leidenschaftlich.

Zwischen ihnen plapperte ihre Tochter eifrig drauflos, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen. Katie mochte es gar nicht, ignoriert zu werden. Doch gerade nahm Maryellen kaum wahr, dass die Kleine sich in den Vordergrund zu drängen versuchte.

»Für dich lohnt es sich, nach Hause zu kommen«, flüsterte sie seufzend und mit geschlossenen Augen ihrem Mann zu. Er konnte ohne Weiteres einen Kusswettbewerb gewinnen – beziehungsweise er könnte es, wenn sie ihm gestatten würde, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen.

Den Arm um ihre Taille gelegt, führte Jon sie in das Haus, das er eigenhändig erbaut hatte. Das Grundstück mit der Aussicht auf die Skyline von Seattle auf der anderen Seite des Puget Sound hatte er von seinem Großvater geerbt, und Jon hatte unzählige Stunden investiert, um es nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Das Haus selbst war ein wahr gewordener Traum – es bot alles, was Maryellen sich nur wünschen konnte: großzügig geschnittene Räume, hohe Decken, mehrere offene Kamine, Balkone und eine breite Eichenholztreppe, die ins Obergeschoss führte. Von jedem Zimmer hatte man einen ungehinderten Blick aufs Wasser und die Lichter der Großstadt am anderen Ufer. Ihr künstlerisch hochbegabter Mann hatte das Haus selbst entworfen und es dann gewissenhaft gebaut, während er sich gleichzeitig einen Ruf als professioneller Fotograf erworben hatte. Maryellen liebte ihren Mann über alles und war stolz auf seine vielen Begabungen.

»Ich habe schon mit den Vorbereitungen für das Abendessen begonnen«, erklärte Jon, als sie das Haus betraten und ihr der Duft von Brathähnchen entgegenwehte. Nicht genug, dass er ein begnadeter Fotograf und Handwerker war, obendrein besaß er auch ein Talent fürs Kochen. Maryellen musste sich jeden Tag kneifen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte und tatsächlich von einem so außergewöhnlichen Mann geliebt wurde.

»Wie war dein Tag?«, fragte er, während sie ihre Jacke aufhängte und sich anschließend ihrer Tochter widmete.

»Arbeitsreich.«

»Ich hätte es lieber, wenn du hier bei mir zu Hause wärst.«

»Ich weiß – ich würde selbst gern zu Hause bleiben.« Das Geld, das Jon mit seinen Fotos verdiente, reichte noch nicht ganz, um ihre Ausgaben zu decken. Zudem blieb da noch die Frage, wie es dann um ihre Krankenversicherung bestellt wäre. Im Moment wurde diese von ihrem Arbeitgeber übernommen. Sie waren schon ein gewaltiges Wagnis eingegangen, als Jon Anfang des Jahres seine Stelle als Küchenchef im Lighthouse gekündigt hatte. Maryellen arbeitete seit zehn Jahren als Geschäftsführerin der Kunstgalerie in der Harbor Street, und die Inhaber des Ladens verließen sich auf sie. Ihr Plan sah vor, ihre Assistentin Lois Habbersmith so weit einzuarbeiten, dass diese ihre Stelle übernehmen könnte, aber bisher entwickelte sich dieses Vorhaben nicht wie erhofft. Lois war eine gute Angestellte, wollte aber nicht die Verantwortung als Geschäftsführerin übernehmen. Das hatte sie Maryellen leider erst kürzlich gestanden, nachdem bereits Monate verstrichen waren.

»Ich habe vor, Ende nächsten Jahres zu kündigen«, sagte Maryellen und griff nach der Post, die Jon auf die Küchentheke gelegt hatte.

»Erst nächstes Jahr?«, rief Jon entsetzt.

»Ich weiß, ich bin auch enttäuscht, aber die Zeit vergeht bestimmt schnell. Es ist immerhin schon Herbst.« Ihre Finger erstarrten, als ihr ein Umschlag, adressiert an Mr. und Mrs. Jon Bowman, in die Hände fiel. Ein Blick auf den Absender zeigte ihr, dass der Brief von Jons Vater und Stiefmutter in Oregon stammte. Er war noch nicht geöffnet worden.

Als sie aufblickte, stellte sie fest, dass ihr Mann sie beobachtete, als hätte er geahnt, wie sie reagieren würde. »Der ist von deiner Familie«, sagte sie unnötigerweise.

»Ich weiß.«

»Du hast ihn nicht geöffnet.« Auch das war offensichtlich.

»Nein«, antwortete er ungerührt. »Und das werde ich auch nicht. Wenn es nach mir ginge, hätte ich ihn in den Müll geworfen. Aber er ist auch an dich adressiert.« Zorn funkelte in seinen Augen. Vor vielen Jahren hatten seine Eltern Verrat an ihm begangen. Sie hatten gelogen, um ihren jüngeren Sohn, Jons Halbbruder, vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren. Um ihn zu retten, opferten sie Jon. Und während Jon unschuldig sieben Jahre im Gefängnis saß, nahm sein jüngerer Bruder weiterhin Drogen und starb schließlich an einer Überdosis.

Nach seiner Haftentlassung verdiente sich Jon seinen Lebensunterhalt als Koch in einem Schnellrestaurant. Wenn er nicht arbeitete, fotografierte er Landschaften. Diese erregten rasch die Aufmerksamkeit von Kritikern und reges Interesse von Käufern. Unter anderem wurden seine Werke in der Harbor Street Art Gallery ausgestellt, und dort traf er Maryellen. Ihre Kennenlernphase dauerte lang und war ausgesprochen stürmisch. Erst nach Katies Geburt heirateten sie.

Lange Zeit war Maryellen davon überzeugt gewesen, dass sie einen Ehemann weder brauchte noch wollte. Als sie aufs College ging, hatte sie jung und unklug geheiratet, und die Ehe war eine Katastrophe gewesen.

Daher entschied sie, sobald sie mit Katie schwanger wurde, auf jeden Fall allein zurechtzukommen. Andere Frauen waren schließlich ebenfalls alleinerziehende Mütter – was die konnten, konnte sie auch. Recht schnell aber musste sie einsehen, wie sehr sie sich irrte. Katie wollte ihren Daddy, und Maryellen erkannte, dass auch sie Jon brauchte. Nach ihrer Hochzeit genossen sie für kurze Zeit ihr ungetrübtes Familienglück – bis Maryellen zufällig auf ein Bündel ungeöffneter Briefe von Jons Eltern stieß.

Obwohl sie wusste, dass sie gegen Jons Willen handelte, nahm sie heimlich Kontakt zu den Bowmans auf und schickte ihnen Fotos von Katie. Als Katies Großeltern hatten sie Maryellens Meinung nach ein Recht darauf, von ihrem einzigen Enkelkind zu erfahren. Doch ihr Brief brachte die Bowmans dazu, sich noch stärker um eine Aussöhnung mit ihrem Sohn zu bemühen, was Jon in Rage versetzte. Er betrachtete Maryellens Verhalten, die heimliche Kontaktaufnahme, als neuerlichen Verrat und war schrecklich wütend auf sie. Ihr falsches Spiel und seine sture Weigerung, über Vergebung auch nur nachzudenken, hätten fast ihre Ehe zerstört.

Zu der Zeit hatte Maryellen gerade erfahren, dass sie erneut schwanger war. Doch sie erzählte Jon nichts davon. Wie hätte sie das auch tun sollen, wo er sie aus seinem Leben aussperrte – ganz gleich, was sie sagte oder tat? Nachdem schon ihre erste Ehe gescheitert war, glaubte sie, dass sie mit ihrem Verhalten seine Liebe für immer verloren hatte und ihre zweite Ehe ebenfalls zum Scheitern verurteilt war. Und dann, am Tiefpunkt ihres Kummers und Elends, erlitt sie eine Fehlgeburt.

Das war jetzt sechs Wochen her. Sechs Wochen, in denen sie jede Erwähnung von Jons Eltern sorgfältig vermieden hatte. Zusammen trauerten sie um den Verlust ihres ungeborenen Kindes, hielten sich aneinander fest, hatten aber immer noch Probleme, einander voll und ganz zu vertrauen.

Maryellen betrachtete den Briefumschlag. Jon hatte den Brief weder sofort weggeworfen noch versteckt wie die vorherigen. Das war dann wohl als Fortschritt zu werten. In den letzten Wochen hatten sie sich häufig über Vergebung unterhalten, und sie spürte, dass er endlich bereit war, zuzuhören. Dieser Brief würde zeigen, ob das stimmte.

»Was soll ich damit tun?«, fragte sie.

Jon vergrub seine Hände in den Hosentaschen und richtete den Blick an die Zimmerdecke. »Die Antwort darauf willst du nicht hören.«

»Doch, das will ich«, erwiderte sie ruhig.

»Verbrenn ihn.«

Sie hatte gehofft und gebetet, dass er seine Verbitterung wenigstens teilweise überwunden hatte. »Aber du hast ihn nicht verbrannt.«

»Nein«, gab er widerwillig zu.

Maryellen bemerkte, dass er so weit wie möglich von ihr entfernt stand. »Warum nicht? Ich hätte nie von diesem Brief erfahren müssen. Auch wenn er ebenfalls an mich adressiert ist.«

Er lachte, aber es klang wie das Eingeständnis einer Niederlage. »Du hättest es gewusst. Ich kann nichts vor dir geheim halten.«

Sie trat hinter der Küchentheke hervor und näherte sich vorsichtig ihrem Mann. »Jon?«, bat sie noch einmal, sanft und freundlich. »Sag mir, was ich mit dem Brief tun soll.«

»Sieh mich nicht so an.«

Sie stockte. »Wie sehe ich dich denn an?«

»A

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