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Gewagtes Spiel mit süßen Folgen

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Christine Rimmer

Gewagtes Spiel mit süßen Folgen

Zehn Jahre hat Tucker Bravo, inzwischen ein gefragter Anwalt, Lori nicht gesehen! Jetzt ist sie in ihre gemeinsame Heimatstadt zurückgekehrt. Früher war er kurz mit ihrer Zwillingsschwester Lena zusammen, doch jetzt hat er nur Augen für sie! So schnell wie möglich möchte er sie heiraten, eine glückliche Familie gründen und für Loris Sohn sorgen, obwohl er nicht der leibliche Vater ist. Tucker ahnt nicht, dass ein brennendes Geheimnis Lori davon abhält, auf seine zärtlichen Avancen einzugehen ...

1. KAPITEL

Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass Lori Lee Billingsworth Taylor einem bestimmten Mann begegnete? In Tate’s Junction, Texas, einer Stadt mit fast zweitausend Einwohnern? Die Wahrscheinlichkeit war gering. Hinzu kam, dass sie es nicht darauf anlegte, diesen Mann zu treffen. Zumindest nicht sofort.

Und dennoch lief sie Tucker Bravo ständig über den Weg. Was an sich nicht schlecht war, denn Lori war auch seinetwegen nach Tate’s Junction gekommen. Gleichzeitig graute ihr vor der Begegnung mit ihm.

Sie würde sich dem Problem jedoch stellen.

Gleich nach der Hochzeit ihrer Zwillingsschwester.

Zum ersten Mal war es an der Tankstelle Gas ’n’ Go passiert. Lori war gerade mit ihrem zehnjährigen Sohn Brody aus San Antonio gekommen, um drei Wochen in Tate’s Junction zu verbringen. Sie war kaum fünf Minuten in der Stadt, als sie ihn sah.

Später fragte sie sich, warum sie überhaupt noch an die Tankstelle gefahren war und nicht gleich zu ihrem Elternhaus in der Pecan Street, zumal der Tank ihres Wagens noch zu einem Viertel voll war. Aber die Tankstelle hatte nun mal auf ihrem Weg gelegen, und es war ihr praktisch erschienen, sofort nachzutanken.

Brody, der auf dem Rücksitz mit seinem Gameboy beschäftigt war, meldete sich, als sie den Lexus an der Zapfsäule parkte. „Au ja, die haben bestimmt Eiskonfekt.“

Lori drehte sich um und lächelte ihren Sohn liebevoll an. „Jetzt nicht.“

„Aber Mom …“

Sie griff nach ihrer Tasche. „Wir sind in zehn Minuten bei Gramma Enid.“

„Gramma Enid hat aber kein Eiskonfekt.“

„Sie hat einen Kuchen gebacken. Das ist doch auch was, oder?“ Lori öffnete den Sicherheitsgurt und griff nach der Tür.

„Aber Mom …“ Als sie über ihre Schulter blickte, sah sie, dass ihr Sohn sich schon wieder auf seinen Gameboy konzentrierte. Sie lächelte leise. Eigentlich kommen wir beide ganz gut zurecht, dachte sie, auch ohne Henry.

Henry …

Ihr Lächeln wurde wehmütig. Henry war nun schon seit einem Jahr tot. Lori und Brody vermissten ihn, aber langsam heilte die Zeit ihre Wunden. Das Schlimmste hatte Lori überstanden: die totale Verzweiflung, das Gefühl der inneren Leere, die sie lange gelähmt hatten. Seit zwei, drei Monaten fühlte sie eine Art … zärtliche Trauer, wenn sie an Henry dachte. Sie hatten sechs wunderbare gemeinsame Jahre verbracht, genau genommen sieben, wenn man das Jahr vor ihrer Hochzeit dazuzählte. Lori hatte schöne Erinnerungen an diese Zeit. Sie war keine Frau, die mit ihrem Schicksal haderte. Warum auch? Sie hatte einen intelligenten und gesunden Sohn und war mit einem liebenswerten Mann verheiratet gewesen.

Lori stieg aus dem Wagen und suchte in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie, als sie ein herzerweichendes Jaulen hörte.

Sie blickte auf. Der hässlichste bezauberndste Hund, den sie je gesehen hatte, saß neben dem Hinterrad des Lexus und schaute sie aus großen Augen flehend an. Er hielt ihrem Blick stand und jaulte noch lauter. Dann richtete er sich auf und wackelte aufgeregt mit dem Schwanz, so, als habe er sein ganzes Leben auf jemanden wie Lori gewartet.

Lori musste lachen. „Wo kommst du denn her?“

Mehr Ermutigung brauchte der Hund nicht. Glücklich hechelnd, kam er näher und legte sich auf den Rücken.

„Okay, okay.“ Lori bückte sich und kraulte den rosigen, mit drahtigem Haar bedeckten Bauch. Völlig begeistert winselte der Hund und zeigte seine rosa Zunge. „Ja, du bist wirklich niedlich“, lobte ihn Lori, während sie ihn weiterkraulte. „Aber ich kann dich nicht mit nach Hause nehmen.“

„Wenn man ihn so sieht, kann man gar nicht glauben, dass dieser Hund schon ein Zuhause hat.“ Die Stimme hinter ihr gehörte einem Mann. Sie klang tief, selbstsicher und amüsiert.

Lori drehte den Kopf, und da stand er vor ihr: die starken Arme vor der breiten Brust verschränkt, die muskulösen Beine leicht gespreizt, und in seinem kurzen braunen Haar blitzten von der Sonne ausgeblichene Strähnen.

Tucker.

Oh, Gott.

Irgendwie wirkte er … größer und stärker als in ihrer Erinnerung. Damals war er eher hager gewesen, aber heute hatte er einen muskulösen Körper. Auch der hungrige, wilde Ausdruck war aus seinen dunklen Augen verschwunden.

Loris Magen verkrampfte sich. Sie schluckte und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Tapfer drückte sie die wackeligen Beine durch und schaute Tucker an.

Nun lächelte er noch breiter. „Lori Lee“, stellte er fest, ohne zu zögern und ohne sie mit ihrer Zwillingsschwester Lena Lou zu verwechseln. „Als du aus diesem imposanten Wagen gestiegen bist, wusste ich sofort, dass du es bist.“

Es überraschte Lori nicht, dass er sie sofort erkannte. Schließlich war er einmal in Lena Lou verliebt gewesen. Lena war die strahlende und beliebte der beiden Schwestern gewesen. Der Schwarm aller Jungs. Lori war ruhiger, eine bessere Schülerin und die schüchterne von beiden. Obwohl sie eineiige Zwillinge waren, konnte jeder in der Stadt sie auseinanderhalten.

Nur in dieser einen magischen Nacht nicht, die Loris ganzes Leben verändert hatte und an die sie in diesem Moment nicht denken wollte.

„Es ist lange her“, meinte Tucker.

Lori nickte und räusperte sich. „Wie geht es dir?“ Ihre Frage klang freundlich, aber distanziert. Am wichtigsten war, dass ihre Stimme nichts von ihrem inneren Aufruhr verriet.

Bevor Tucker antworten konnte, ließ der Hund ein lautes, ungeduldiges Jaulen vernehmen. Offensichtlich wollte er mehr Aufmerksamkeit.

„Fargo, du schamloser Köter, komm sofort her“, befahl Tucker. Noch ein letztes Winseln, und der Hund trottete zu seinem Herrn und ließ sich neben dessen Füßen nieder. „Mir geht es wirklich gut“, beantwortete Tucker ihre Frage.

Lori behielt ihr Lächeln bei, obwohl es ihr sehr schwerfiel, denn ihr war ein wenig schwindelig, und sie fühlte sich verängstigt. Plötzlich schien ihr nichts mehr real zu sein, ja, die ganze Szene hier erschien ihr wie aus einem Albtraum. Schon fürchtete sie, sich übergeben zu müssen.

Rede, befahl sie sich. Sag etwas. Sofort. „Ich habe gehört, dass du dir deine Träume erfüllt hast. Du bist durch das ganze Land gereist und warst sogar in Europa – Spanien, Italien und England …“

„Das stimmt.“ Er beugte sich zu seinem Hund, um ihn hinter dem Ohr zu kraulen, und Lori dachte an jene Zeit, als sie so verzweifelt versucht hatte, Tucker zu erreichen.

Jedes Mal, wenn sie den Mut gefunden hatte, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, stellte sie fest, dass er weitergezogen war. In Austin hatte ein Fremder die Tür geöffnet. Ihre Briefe, in denen sie ihm alles erklärt hatte, waren zurückgekommen.

Tucker richtete sich wieder auf. „Und weißt du, wohin mich all die Reisen geführt haben? Nach Tate’s Junction, wo ich nie bleiben wollte.“ Er grinste. „Ob du es glaubst oder nicht, ich habe während meiner Wanderjahre auch noch Jura studiert.“

„Ah“, erwiderte sie nur.

„Und jetzt wohne ich im Haus meines bösen alten Großvaters und habe eine Kanzlei in der Center Street. Außerdem habe ich Fargo.“ Er grinste seinen albern aussehenden Hund an, bevor er Lori anschaute. „Und weißt du was?“

Sie wusste es, denn sie sah es ihm an. „Du bist glücklich.“

„So ist es.“

Hinter Lori wurde die Tür des Lexus geöffnet. Oh, nein, dachte sie. Bitte nicht.

„Mom?“ Brody sah den Hund. „Ah, wie süß, ein Hund.“ Noch bevor sie etwas sagen konnte, war ihr Sohn ausgestiegen. Der Hund, der auf weitere Zärtlichkeiten hoffte, winselte schon wieder erwartungsvoll.

Lori räusperte sich. „Brody …“

Aber er war schon auf dem Weg zu Tuckers hässlichem Hund. „He, Junge, he, Kumpel …“ Der Hund winselte vor Freude, und Brody hockte sich direkt neben ihn. Der Hund leckte sein Gesicht ab, und Brody umarmte ihn lachend, klopfte ihm auf den Rücken und kraulte ihn hinter beiden Ohren.

Lori blickte auf und stellte fest, dass Tucker sie beobachtete. Ein kalter Schauer lief durch ihren Körper. „Mein Sohn“, stellte sie vor und wunderte sich, dass ihre Stimme so fest klang. „Brody Taylor.“

„Hallo, Brody“, grüßte Tucker.

„Hallo“, erwiderte Brody, der kaum aufschaute, weil er völlig auf den Hund konzentriert war. „Wie heißt er?“

„Fargo“, erwiderte Tucker.

Lori blickte zwischen ihrem Sohn und Tucker hin und her. Gott, sie konnte Tucker in Brody erkennen, und zwar an der Kopfhaltung, an der Gesichtsform und an dem Kinngrübchen.

Sie schloss die Augen und holte tief Luft. Als sie sie wieder öffnete, schaute Tucker ihr direkt ins Gesicht.

Er zog die Stirn in Falten. „Geht es dir gut, Lori?“

„Oh, ja. Mir geht es gut.“

„Sicher?“

„Doch, wirklich. Also gefällt es dir doch hier in Tate’s Junction“, versuchte sie das Thema zu wechseln.

„Richtig. Bist du wegen der Hochzeit hier?“

Und um dir von Brody zu erzählen. Bevor ich abreise, sage ich es dir. „Genau, ich bin wegen der Hochzeit hier.“

Lena Lou hatte endlich den Mann gefunden, den sie heiraten wollte. Er hieß Dirk Davison und verkaufte Autos wie Heck Billingsworth, Loris und Lenas Vater. Ihm gehörten zwei große Vertretungen in der Nähe von Abilene. Dirk hatte Lena vor einem Jahr einen Antrag gemacht.

„Die Hochzeit wird sicher ein großes Ereignis“, bemerkte Tucker.

„Allerdings.“ Seit Lena Dirks kostbaren Ring am Finger trug, plante sie die größte, eleganteste und teuerste Hochzeit, die je in Tate’s Junction gefeiert worden war. Lori holte ihr Portemonnaie aus der Tasche. „Wir sollten uns jetzt besser auf den Weg machen.“

„Okay“, meinte Tucker, „es war schön, dich wieder mal gesehen zu haben.“

„Ja“, antwortete sie nun mit einem gekünstelten Lächeln. „Brody …“

Ihr Sohn kraulte den Hund immer noch. „Och, Mom …“

„Komm jetzt ins Auto.“ Lori steckte die Kreditkarte in den Tankautomaten, als Tucker den Hund mit einem Zungenschnalzen zu sich rief.

„Wir sehen uns bestimmt noch, Brody“, meinte Tucker und drehte sich um. Der Hund folgte ihm.

„Tschüss, Fargo.“ Brody stand auf und schaute dem Mann mit dem Hund nach. Als sie verschwunden waren, blickte Brody seine Mutter an. „Cooler Hund.“

Lori war erleichtert. Das Treffen mit Tucker war überstanden. Er hatte Brody sogar gesehen, ohne dass etwas Schlimmes passiert war. Ihre Knie waren so weich wie zu lange gekochte Spaghetti, und sie stützte sich auf die Motorhaube ihres Wagens.

„Mom, alles okay?“

Sie richtete sich auf. „Ja, klar.“

„Ich möchte auch einen Hund. Ich würde mich wirklich um ihn kümmern. Du müsstest nur sein Futter bezahlen.“

„Cleverer Versuch“, bemerkte sie trocken, obwohl sie überlegte, ob er nicht recht hatte. Vielleicht war Brody alt genug für einen kleinen Hund und die damit verbundene Verantwortung. Aber sie war schon lange genug Mutter, um zu wissen, dass sie keine Ruhe mehr haben würde, wenn sie ihm jetzt gestand, dass sie über seinen Vorschlag nachdachte. „Willst du mir beim Tanken helfen?“

„Klar.“

Als Brody den Tankdeckel öffnete, sagte Lori sich, dass sie nicht mehr an Tucker denken musste – erst nach der Hochzeit. Dann würde sie einen Termin mit ihm vereinbaren, um ihm endlich zu sagen, was sie ihm schon vor Jahren hätte mitteilen sollen.

Am Sonntag geschah es wieder.

Ausgerechnet in der Kirche, wo Lori sich noch schuldiger und feiger vorkam. Seit wann besuchte Tucker eigentlich den sonntäglichen Gottesdienst? Damals hatte er mit Kirche ja nicht viel am Hut gehabt.

Orgelmusik erklang, während die Gemeinde in den Bankreihen Platz nahm. Rechts von Lori, neben Brody, saßen ihre Mutter Enid und ihr Dad Heck. Sie nickten den Freunden und Nachbarn zu, die in ihre Bänke gingen.

Links neben Lori saßen Lena und Dirk. Lenas kastanienfarbenes Haar fiel ihr in sanften Wellen auf die Schultern, und sie strahlte vor Glück. Sie hielt Dirks Hand, und beide schauten sich ständig verliebt an und lächelten sich wissend zu.

Hätte Lori es nicht mit eigenen Augen gesehen, sie hätte es nicht geglaubt. Zum ersten Mal in ihren achtundzwanzig Jahren war die sonst meist mit sich selbst beschäftigte Lena Lou Billingsworth verliebt. Seit der High School, als Lena in Tucker verknallt war, hatte sie keinem Mann solche verliebten Blicke zugeworfen.

Zweifellos war Dirk der Mann, auf den Lena immer gewartet hatte. Lenas Verlobter war fünfunddreißig, groß und kräftig und auf eine etwas ruppige Weise gutmütig. Eigentlich glich er Heck Billingsworth sehr. Beide Männer besaßen dieses breite Lächeln, das Verkäufer häufiger aufsetzen. Beide lachten und sprachen einen Tick zu laut, und manchmal fragte man sich, ob sie einem überhaupt zuhörten.

„Genau wie Dad“, hatte Lori ihrer Schwester am Vortag zugeflüstert, nachdem sie dem freundlichen Dirk vorgestellt worden war.

„Das ist er“, meinte Lena und sah zufrieden aus. „Genau wie Daddy.“

Lori konnte es nicht begreifen. Wie konnte ihr Zwilling sich in einen Mann verlieben, der ihrem Dad so sehr glich?

Aber Lena hatte schließlich auch nicht die Probleme mit ihrem Vater gehabt, die Lori gehabt hatte. Lena hatte sich nicht mit siebzehn von einem geheimnisvollen Fremden schwängern lassen, dessen Namen sie absolut nicht verraten wollte.

Heck hatte getobt und gedroht, als er von Loris Schwangerschaft erfahren hatte, aber Lori hatte den Vater ihres Kindes nie verraten. Sie konnte es einfach nicht – aus den verschiedensten Gründen.

Als er erkannte, dass sie nichts sagen würde, schickte Heck sie zu seiner inzwischen verstorbenen Schwester Emma nach San Antonio, als wäre es die größte Schande für die Familie, eine Tochter zu haben, die ein uneheliches Kind erwartete.

Schließlich hatte Lori ihr Glück in San Antonio gefunden. Sie hatte für Henry gearbeitet und ihn später geheiratet, und er hatte Brody immer wie seinen eigenen Sohn behandelt. Obwohl Lori nicht häufig nach Tate’s Junction gekommen war, hatte sie sich im Lauf der Jahre mit ihrem Vater versöhnt.

Das hieß aber nicht, dass sie jemanden wie Heck heiraten würde. Oh, nein. Nicht in hundert Millionen Jahren.

Aber Lena wollte genau das und schien überglücklich zu sein.

Lori fand Lenas Liebe zu ihrem Autoverkäufer völlig daneben, aber das war nur ein weiteres Beispiel dafür, wie unterschiedlich die beiden Schwestern waren. Sie schaute noch einmal zu den beiden, gerade als Dirk seine vollen Lippen auf Lenas Hand presste und ihr tief in die Augen schaute.

Nun ja, wenigstens liebt er sie, dachte Lori reichlich abgeklärt, während sie die beiden betrachtete.

Gerade als sie sich ermahnte, die Verliebten nicht so entgeistert anzustarren, erschien Tucker direkt vor ihr. Ihr Magen flatterte vor Aufregung. Tucker hatte sie entdeckt und zwinkerte ihr zu.

Er zwinkerte?

Warum macht er das? fragte sie sich. Sie zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben und nicht Hals über Kopf die Kirche zu verlassen. Warum sollte er bitte nicht zwinkern? Schließlich war er doch nur freundlich.

„Mom.“ Brody stieß sie mit seinem spitzen Ellenbogen in die Seite. „Guck mal“, flüsterte er. „Da ist der Mann mit dem coolen Hund. Tucker, oder?“

Fast hätte sie ihren Sohn missmutig gebeten zu schweigen, aber sie konnte sich gerade noch beherrschen. „Ja“, erwiderte sie mit bewundernswerter Ruhe angesichts der turbulenten Gefühle in ihrem Innern. „Es ist Tucker.“ Sie hob die Hand und winkte Tucker beiläufig zu.

Er erwiderte ihren Gruß und ging weiter.

„Sein Hund gefällt mir wirklich“, meinte Brody wehmütig. „Hoffentlich sehe ich ihn wieder …“

Lori starrte Tucker hinterher, und obwohl sie es nicht sollte, bewunderte sie seine breiten Schultern und die stolze Kopfhaltung. Er setzte sich in eine der vorderen Bänke zu seinem älteren Bruder Tate und dessen hübscher Frau Molly.

Nach der Kirche gingen die Billingsworths zu Jim Denny’s Diner, um Sandwiches zu essen. Und wie es der Zufall so wollte, kam Tucker mit Tate und Molly kurz nach ihnen und setzte sich an den Nebentisch.

Molly beugte sich vor und lächelte Lori an. „Schön, dich zu sehen, Lori Lee.“

„Hallo, Molly.“

In der Schule war Molly drei Klassen über Lori und Lena gewesen und ein Jahr über Tucker. Molly grinste Brody an. „Ist das dein Sohn?“

„Ja, Molly, das ist Brody.“

Tate Bravos Frau griff nach Brodys Hand und schüttelte sie. Molly hatte einen Friseursalon. Außerdem war sie Bürgermeisterin von Tate’s Junction und Mutter von Zwillingen, einem Jungen und einem Mädchen. Eigentlich war sie die letzte Person, von der man angenommen hätte, dass sie jemanden wie Tate Bravo heiratete.

Die Mutter von Tate und Tucker stammte von der bedeutendsten Familie der Gegend ab, den Tates. Seit Generationen hieß der erstgeborene Sohn der Tates Tucker. Da Tates und Tuckers Mutter, Penelope Tate Bravo, das einzige Kind aus der langen Reihe der Tucker Tates war, nannte sie ihren ersten Sohn Tate und den zweiten Tucker, womit sie den Familiennamen durch ihre Kinder am Leben hielt. Nach ihrem Tod erbten die Söhne das gesamte Vermögen. Tate und Tucker waren an fast jedem Geschäft in der Stadt beteiligt und besaßen eine riesige Ranch mit dem Namen Double T, deren Wohnhaus einem Palast glich.

Molly hingegen war in einem Wohnwagen geboren und stammte aus zwei Generationen von alleinerziehenden O’Dares ab. Eigentlich war sie die letzte Person, von der man angenommen hätte, dass jemand wie Tate Bravo sie heiratete.

Aber Tate hatte Molly letzten Sommer geheiratet und damit eine Liebesgeschichte besiegelt, die eine Zeit lang recht turbulent verlaufen und Stadtgespräch hier in Tate’s Junction gewesen war. Die beiden wirkten sehr glücklich.

Lori freute sich für die beiden, wirklich.

Ihr wäre nur lieber gewesen, wenn sie nicht ausgerechnet am Tisch neben ihnen Platz genommen hätten. Oder, um es genauer zu formulieren, wenn Tucker ihr nicht direkt gegenübergesessen hätte.

Sie musste sich zwingen, ihn nicht anzuschauen.

Molly erkundigte sich nach der Hochzeit, und Lena erklärte, was noch alles erledigt werden musste. Während die Frauen über die Hochzeitsvorbereitungen sprachen, redeten die Männer über Cadillacs. Offenbar wollte Tate bei Heck einen neuen Wagen kaufen, und Dirk gab ihm fachkundige Ratschläge.

Tucker, Lori und Brody schwiegen. Sie schauten sich an, begannen aber kein eigenes Gespräch, nicht zuletzt deshalb, weil sie zu weit auseinandersaßen, um wirklich miteinander sprechen zu können.

Lori war das ganz recht, denn sie hatte nicht die Nerven, mit Tucker über Belanglosigkeiten zu plaudern, wenn Brody, der Sohn, von dem er nichts wusste, direkt neben ihr saß.

Ständig schaute Tucker zu ihr, und sie blickte zurück.

Jedes Mal, wenn er ihr in die Augen sah, stellte sie sich vor, dass sie aufstand und allen verkündete: Okay. Ich war das vor elf Jahren beim Abschlussball. Ich und nicht Lena. Du hast mit mir geschlafen. Nicht irgendein Fremder ist Brodys Vater, sondern du, Tucker. Brody ist dein Sohn.

Natürlich schwieg sie, obwohl es schwerfiel. Sie fühlte sich wie jemand am Rand einer Klippe, der überlegt, ob er springen soll.

Endlich brachte die Kellnerin das Essen. Obwohl Loris Magen wie zugeschnürt war, war sie noch nie so dankbar für einen Cheeseburger gewesen wie jetzt. Nun konnte sie wenigstens etwas anderes anschauen als Tuckers attraktives Gesicht.

Brody aß einige Bissen von seinem Käsesandwich und legte es dann auf seinen Teller. „Wo ist Fargo?“, fragte er Tucker laut und drehte sich um, sodass die anderen Gespräche verstummten.

Heck lachte. „Fargo.“ Er zog die Stirn in Falten. „Meint der Junge etwa deinen hässlichen Köter, Tucker?“

Tucker nickte. „Glaube schon.“ Er wandte sich an den Jungen. „Weißt du, Brody, leider wird Fargo weder in der Kirche noch in einem Restaurant gern gesehen. Ich verstehe nur nicht, warum, denn gegen eine gute Predigt hat er nichts einzuwenden.“

„Vielleicht liegt es an seinen Tischmanieren?“, meinte Tate lachend.

„Ich mag Fargo“, erwiderte Brody nachdrücklich und warf Lori einen vielsagenden Blick zu.

„Oh, oh, der Junge will einen Hund“, raunte Heck Lori zu. Als ob sie das noch nicht selbst festgestellt hätte.

Sie schaute ihren Vater an. „Das ist mir nicht neu.“ Ihre Stimme klang etwas scharf, aber ihre Nerven waren eben gerade auch nicht die stärksten, wie auch, wenn sie Tucker gegenübersaß und ihr Vater ihr das Gefühl gab, keine perfekte Mutter zu sein.

„Ein Junge sollte einen Hund haben“, stellte Heck fest, wobei seine Stimme freundlich klang.

„Ja“, stimmte Brody ein und nannte alle Gründe, die Kinder aufzählen, wenn es um Haustiere geht. „Ich bin jetzt zehn Jahre alt. Das ist alt genug, Mom, und ich würde mich um alles kümmern. Ihn füttern, mit ihm spazieren gehen und alles sauber machen. Du müsstest dich um nichts kümmern.“

Lori legte ihre Gabel hin und warf ihrem Vater einen vernichtenden Blick zu. „Brody, wir reden später darüber.“

„Aber Mom, ich …“

„Später.“

Endlich hatte Brody begriffen. Er biss eifrig in sein Sandwich.

Einen Moment lang herrschte ein verlegenes Schweigen, aber dann redeten die Männer wieder über Autos und Lena über die bevorstehende Hochzeit.

„Ich kann nicht glauben, dass es bald so weit ist. In zwei Wochen werde ich vor dem Traualtar stehen …“

„Wird auch langsam Zeit“, meinte Heck. „Meine Finanzen reichen bald nicht mehr aus.“

Lena lachte fröhlich. „Oh, Daddy, warte nur ab, ich werde dich sehr stolz machen.“

„Das machst du schon, Baby. Das hast du immer schon getan. Du bist mein ganzer Stolz.“

Lori blickte auf ihr Essen und wusste, dass sie keinen Bissen mehr herunterbringen konnte. Es war immer dasselbe, jedes Mal, wenn sie nach Hause kam. Sie sollte sich doch langsam daran gewöhnt haben. Die Gespräche um sie herum wurden wieder aufgenommen. Keiner bemerkte, dass Lori mit eingefrorenem Gesicht auf ihren Teller starrte.

Endlich hatte sie sich wieder so weit unter Kontrolle, dass sie einen Blick in die Runde wagen konnte. Und gerade als sie aufschaute, bemerkte sie, dass Tucker ihr direkt in die Augen sah. Er lächelte sie mit seinem schön geformten Mund an, und in seinen Augen lag eine Frage: Alles in Ordnung?

Lori spürte, dass sie sein Lächeln unbewusst erwiderte.

Es konnte nicht sein, und trotzdem war es so.

Tucker Bravo flirtete mit ihr.

2. KAPITEL

An diesem Abend versuchte Tucker, mit seiner Schwägerin Molly alleine zu sprechen.

Er aß mit der Familie zu Abend, und nach dem Essen tranken Tate und Tucker einen guten Brandy, während Molly oben die Zwillinge stillte. Danach halfen die Brüder ihr, die Babys ins Bett zu bringen.

Tucker gefiel das Familienleben sehr. Er war fest überzeugt davon, dass es die beste Entscheidung seines Bruders gewesen war, Molly O’Dare zu heiraten.

Um acht lagen die Kinder in ihren Betten im abgedunkelten Kinderzimmer, und die Nanny, die auf dem gleichen Flur untergebracht war, passte auf sie auf.

Tate verkündete, was er um diese Zeit meistens verkündete: „Unten wartet noch ein bisschen Arbeit für mich.“ Tuckers Bruder hatte im Erdgeschoss ein Arbeitszimmer, wo er an seinem Computer die Verwaltungsarbeiten für die Ranch erledigte.

Molly küsste ihren Mann kurz, bevor er ging, und Tate nutzte seine Chance. „Hast du einen Moment Zeit?“

Molly zuckte mit den Schultern. „Klar, was hältst du von Kaffee?“

„Gern.“ Er folgte ihr über eine schmale Treppe nach unten.

Im Frühstückszimmer schenkte Molly ihm Kaffee ein und bereitete sich eine Tasse Kräutertee zu.

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