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Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.
  27. 21.
  28. 22.
  29. 23.
  30. 24.
  31. 25.
  32. 26.
  33. 27.
  34. 28.
  35. 29.
  36. 30.
  37. 31.
  38. 32.
  39. 33.
  40. 34.
  41. 35.
  42. 36.
  43. 37.
  44. 38.
  45. 39.
  46. 40.
  47. 41.
  48. 42.
  49. 43.
  50. 44.
  51. 45.
  52. 46.
  53. 47.
  54. 48.
  55. 49.
  56. 50.
  57. 51.
  58. 52.
  59. 53.
  60. 54.
  61. 55.
  62. 56.
  63. 57.
  64. 58.
  65. 59.
  66. 60.
  67. 61.
  68. 62.
  69. 63.
  70. 64.
  71. 65.
  72. 66.
  73. 67.
  74. 68.
  75. 69.
  76. 70.
  77. 71.
  78. 72.
  79. 73.
  80. 74.
  81. 75.
  82. 76.
  83. 77.
  84. 78.
  85. 79.
  86. 80.
  87. Epilog
  88. Dank

Über den Autor

Christopher Reich lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Kalifornien und arbeitet derzeit an einer Fortsetzung der Abenteuer von Jonathan Ransom. Weitere Informationen erhalten Sie auf www.christopherreich.com

Prolog

Oberhalb von Camp 4
Tirich Mir

Im Nordwesten Pakistans
30. Mai 1984

»Hörst du das auch?«

Der Bergsteiger rammte sein Eisgerät tief in den Schnee, hob den Kopf und lauschte.

»Was denn?«, wollte sein Begleiter wissen, der sich ein Stück weiter unten eng an die fast senkrechte Felswand drückte.

»Hörte sich an wie ein Schrei.« Angestrengt versuchte Claude Brunner, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren als bester Bergsteiger Frankreichs galt, das schrille Geräusch im heulenden Wind zu lokalisieren. Es schien sich aus großer Entfernung zu nähern. »Es kommt von dort!«

»Ein Schrei?«, erkundigte sich der zehn Jahre ältere Spanier Castillo. »Von einem Menschen?«

»Ja, wie ein Schrei«, erwiderte Brunner. »Aber nicht von einem Menschen. Das Geräusch klingt anders … lauter.«

»Lauter? Hier oben?« Ungläubig schüttelte Castillo den Kopf, sodass ein paar dicke Schneeflocken aus seinem Bart stoben. »Ich höre überhaupt nichts. Du bist erschöpft. Wahrscheinlich bildest du dir das nur ein.«

Der Wind ließ ein wenig nach. Brunner lauschte erneut. Doch außer dem Pochen seines Herzens hörte er nichts. Trotzdem hallte ihm das unheimliche Jaulen noch immer in den Ohren. Er spürte, wie ihm die Angst in den Nacken kroch.

»Wie viele Stunden hast du letzte Nacht geschlafen?«, wollte Castillo wissen.

»Überhaupt nicht.«

»Siehst du? Alles nur Einbildung. Hier oben fegt einem ständig der Jetstream um die Ohren. Das macht einen verrückt.«

Brunner drehte eine Schraube ins Eis und befestigte das Sicherungsseil daran. Castillo hatte recht. Er war müde. Erschöpft bis auf die Knochen. Sie waren um zwei Uhr morgens vom siebentausenddreihundert Meter hoch gelegenen Camp 4 aufgebrochen und hatten für die Flanke acht Stunden gebraucht. Keine schlechte Leistung, aber der Aufstieg hatte länger gedauert als geplant. Der Amerikaner, der zwei Stunden vor ihnen losgegangen war, um Fixseile zu verhängen und die Route zu sichern, hatte einen beachtlichen Vorsprung.

Brunner warf einen Blick in die Tiefe. Sechs angeseilte Bergsteiger kämpften sich die Wand hinauf. Mit ihren bunt leuchtenden Anoraks erinnerten sie an eine nepalesische Gebetsfahne. Der rote Anorak gehörte dem Italiener Bertucci, der blaue dem Engländer Evans, der gelbe dem Japaner Hamada. Die anderen kamen aus Deutschland, Österreich und Dänemark.

Ihre Expedition nannte sich »Klettern für den Weltfrieden« und wurde von der UNO gesponsert, aber die Idee ging zurück auf die Reagan-Administration und war auch von Margaret Thatcher unterstützt worden. Es war eine medienwirksame Aktion gegen den einhunderttausend Mann starken sowjetischen Einmarsch in Afghanistan. Jenseits der nächsten Bergkette, keine hundertsechzig Kilometer von ihnen entfernt, hatten die Sowjets den afghanischen Ministerpräsidenten ermordet, die Regierung gestürzt und einen ihrer Handlanger an die Spitze gesetzt, einen skrupellosen Diktator mit Namen Babrak Karmal.

Brunner richtete den Blick nach oben. Hoch über ihm tauchte gerade das letzte Mitglied der Expedition aus dem Schatten eines gigantischen Séracs auf. Der Amerikaner.

»Der legt ja ein Wahnsinnstempo vor«, stellte Castillo besorgt fest. »Der Schnee da oben ist tückisch. Bei unserer letzten Tour haben wir genau an dieser Stelle zwei unserer Leute verloren.«

»Vielleicht will er so etwas wie einen persönlichen Rekord aufstellen«, mutmaßte Brunner.

»Uns geht es aber nur darum, heil auf den Berg und wieder zurück zu kommen.«

Über den zerklüfteten Gipfeln des Hindukusch strahlte ein wolkenloser blauer Himmel. Der Wind pfiff ihnen noch immer mit rund fünfzig Stundenkilometern um die Ohren, hatte hier oben aber deutlich an Heftigkeit eingebüßt und setzte ihnen nicht mehr so zu wie in den vergangenen zwei Wochen. Optimale Bedingungen also für den Gipfelangriff.

Brunner wollte gerade eine weitere Stufe ins Eis schlagen, als ein Schrei an seine Ohren drang, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem schrillen Jaulen von vorhin hatte. Es war ein ganz anderer, beängstigend vertrauter Laut.

Als Brunner zum Gipfel blickte, sah er, wie die dunkle Gestalt des Amerikaners sich im Schnee überschlug und den Hang hinunter auf sie zu stürzte.

»Schlag noch eine Sicherungsschraube für mich ein«, rief Brunner Castillo zu. »Ich muss versuchen, ihn aufzuhalten!«

»Das ist Selbstmord!«, rief Castillo zurück. »Entweder tötet er dich beim Aufprall, oder er reißt uns beide mit in die Tiefe!«

Brunner deutete mit der Hand auf die Bergsteiger weiter unten. »Wenn ich seinen Sturz nicht aufhalte, bringt er die anderen in Lebensgefahr. Sie werden ihn erst bemerken, wenn es zu spät ist. Nun mach schon! Schau, dass die Schraube fest sitzt.«

Castillo tat wie geheißen. Entschlossen hangelte Brunner sich ein Stück seitwärts über die Eiswand, um dem Amerikaner den Weg abzuschneiden. »Sitzt die Schraube?«, rief er.

»Eine Sekunde noch!«

Vergeblich versuchte der Amerikaner, Halt zu finden. Jedes Mal, wenn er gegen den Fels prallte, stöhnte er laut. Brunner sah, dass seine Augen weit aufgerissen waren. Kaum zu glauben, dass der Mann überhaupt noch bei Bewusstsein war. Vorsichtig rammte Brunner die Frontalzacken der Steigeisen ins Eis und hangelte sich noch ein Stück weiter nach links.

Der Amerikaner knallte gegen einen Felsvorsprung und wurde wieder in die Luft geschleudert. Kopfüber stürzte er auf Brunner zu.

»Michael!«, rief Brunner.

Der Amerikaner streckte die Arme nach Brunner aus. Mit beiden Händen griff Brunner nach ihm und bekam ihn an der Taille zu fassen. Die Wucht des stürzenden Körpers riss Brunner aus der Wand. Der Franzose stürzte kopfüber in die Tiefe, hielt dabei aber den Amerikaner mit beiden Armen weiter fest.

Ihr Sturz wurde abrupt vom Sicherungsseil gestoppt. Durch den Ruck entglitt der Amerikaner Brunners Griff und rutschte weiter über das Eis. Brunner griff nach dem Bein des Amerikaners und erwischte ihn mit einer Hand am Fußgelenk. Das Gewicht des Mannes riss ihm den Arm aus dem Schultergelenk. Brunner stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, hielt den Fuß des Amerikaners aber mit eisernem Griff umklammert.

Eine gefühlte Ewigkeit hingen die beiden Männer kopfüber in der Wand, bis Castillo endlich zu ihnen heruntergeklettert war. Nachdem er die beiden Männer gesichert hatte, schlug er eilig ein Notbiwak auf. Aus einer Platzwunde am Kopf des Mannes lief unaufhörlich Blut, und eine seiner Pupillen war deutlich geweitet.

»Kannst du mich hören?«, fragte Brunner.

Der Amerikaner stöhnte und verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen. »Danke, Kumpel. Wie’s aussieht, verdanke ich dir mein Leben.«

Brunner gab keine Antwort.

»Warum hast du dich da oben vom Seil losgemacht?«, fragte Castillo.

»Ging nicht anders«, erwiderte der Amerikaner.

»Warum nicht?«, fragte Brunner.

»Musste alles aufstellen.«

»Was soll das heißen, ›musste alles aufstellen‹?«, fragte Castillo hörbar verärgert.

Der Amerikaner murmelte ein paar unverständliche Worte.

»Los, Mann, red schon«, fuhr Castillo ihn an.

»Befehle, Mann. Befehle.« Der Amerikaner verdrehte die Augen und verlor das Bewusstsein.

»Befehle? Wovon redet der Kerl bloß?« Wütend griff Castillo sich den Rucksack des Amerikaners und öffnete ihn. »Ach du Scheiße.«

»Was gefunden?«, fragte Brunner.

Wortlos zog Castillo einen länglichen Karton aus dem Rucksack, auf dem an einer Seite »Eigentum des U. S. Verteidigungsministeriums« stand.

Brunner und Castillo sahen sich an. »Das Ding wiegt locker zwanzig Kilo«, schätzte Castillo. »Trotzdem hat er uns auf dem Weg zum Gipfel gnadenlos abgehängt. Hast du eine Ahnung, was das sein könnte?«

Brunner schüttelte den Kopf. Dann riss er den Blick von dem Karton los und starrte auf den Sérac über ihnen. Dieses Mal musste er Castillo nicht fragen, ob auch er das Geräusch hörte. Das beunruhigende Jaulen war jetzt genau über ihnen. Es war das ohrenbetäubende Dröhnen eines Düsenflugzeugs mit Triebwerksschaden.

Ein Schatten schob sich vor die Sonne. Dann sah er es – und ihm blieb die Luft weg.

Claude Brunner war klar, dass sie dem sicheren Tod ins Auge blickten. Ihnen blieben höchstens noch ein paar Minuten.

Das Flugzeug flog direkt über ihre Köpfe hinweg. Eine der Tragflächen kam dem Gipfel so nahe, dass sie Stücke aus dem Eis schnitt. Schnee und Eis wurden hoch in die Luft gewirbelt. Grelle Flammen schlugen aus einem der Motoren. Während Brunner noch gebannt auf die Maschine starrte, gab es plötzlich einen lauten Knall. Das brennende Triebwerk war explodiert. Das Flugzeug kippte nach links ab und ging in Sturzflug über. Brunner erkannte, dass es sich um eine amerikanische B-52 Stratofortress handelte. Von der Unterseite der Tragfläche prangte ihm ein großer weißer Stern entgegen.

Einen Moment lang bekam der Pilot die Maschine wieder unter Kontrolle. Die Nase hob sich, und das Jaulen ließ nach. Doch dann löste sich die rechte Tragfläche vom Rumpf. Das geschah so glatt und schnell, dass es aussah, als wäre es ganz normal. Ein paar Sekunden lang setzte die Maschine ihren Flug am strahlend blauen Himmel fort, als wäre nichts geschehen. Doch dann begann die Maschine zu trudeln und raste im Sturzflug auf die Berge in der Ferne zu. Teile lösten sich vom Rumpf. Große zylindrische Gegenstände schossen durch die Luft. Die Motoren heulten auf wie ein verendendes Raubtier.

Fünf endlose Sekunden vergingen, bis das Flugzeug gegen einen rund drei Kilometer entfernten Berg prallte. Brunner sah den gigantischen Feuerball, noch bevor er die Explosion hörte. Erst etwas später drang der gewaltige Knall an seine Ohren.

Brunner sah über die Schulter zu der riesigen Wechte über ihnen. Der Sérac! Der Berg erbebte.

Der Sérac brach ab. Zwei Millionen Tonnen Eis und Schnee setzten sich in Bewegung.

Das Letzte, was Brunner sah, war eine gigantische weiße Wand, die auf ihn zu raste.

Im strahlenden Licht der Morgensonne funkelte der Schnee wie lupenreine Diamanten.

1.

Provinz Kabul, Afghanistan
In der Gegenwart

Bei Tagesanbruch brachten sie sich in Stellung.

Männer, Pferde und Wagen bildeten auf dem ausgedörrten braunen Boden eine hundert Meter breite Angriffslinie. Neben den Reitern und Jeeps waren auch Pick-ups mit schweren Maschinengewehren auf den Ladeflächen. Sie waren nur fünfzig Mann gegen ein Dorf mit hundertmal so vielen Einwohnern, aber sie waren bis zum Äußersten entschlossene Krieger, geeint in dem Bund, im Auftrag Gottes zu töten. Die Söhne des Tamerlan.

Der Anführer stand auf der Ladefläche seines Pick-ups und beobachtete das Dorf durch ein Fernglas. Er war groß und athletisch gebaut. Auf dem Kopf trug er einen hohen schwarzen Wollturban. Das herabhängende Ende des Stoffes hatte er sich zum Schutz gegen die beißende Kälte fest über Mund und Nase gewickelt. Sein Name war Sultan Haq, und er war dreißig Jahre alt. Sechs Jahre seines Lebens hatte er in Haft verbracht. Dreiundzwanzig Stunden am Tag war er damals an einem heißen Ort Tausende Kilometer von hier entfernt in einen engen sauberen Käfig gesperrt gewesen. In Anlehnung an seinen Namen und weil seine Fingernägel so lang und scharf waren wie die Krallen eines Raubvogels, hatten seine Peiniger ihn »Habicht« genannt.

Aufmerksam betrachtete der Habicht die gedrungenen Lehmhäuser, die sich in zwei Kilometer Entfernung an den Fuß des Berges schmiegten. Trotz des Frühnebels konnte er das geschäftige Treiben auf dem Dorfbazar erkennen. Verkäufer legten ihre Waren aus, über Kohlefeuern brutzelten zahlreiche zum Verkauf angebotene Speisen, Kinder und Hunde tollten durch die Gassen.

Sultan Haq ließ das Fernglas sinken und warf einen prüfenden Blick auf seine Männer. Rechts und links neben ihm standen jeweils sechs nahezu identische Pick-ups, alte Allrad-Toyotas, mit je einem 30-mm-Maschinengewehr. Seine Männer hockten mit geladenen Kalaschnikows und umgehängten ledernen Patronengurten daneben. Etliche von ihnen hatten noch Panzerfäuste aus der Zeit der Sowjetunion. Zwischen den Wagen scharrten gut zwanzig Pferde mit Schaum vor den Nüstern nervös mit den Hufen. Die Reiter hielten ihre tänzelnden Pferde fest am Zügel und warteten geduldig auf das Signal zum Angriff.

Keiner der Männer trug eine Uniform. Ihre Kleidung war zerlumpt und staubig. Trotzdem bildeten sie eine stolze Armee. Sie waren zusammen ausgebildet und gedrillt worden. Sie hatten gemeinsam gekämpft und Blut vergossen. Sie waren Kämpfer ohne die geringste Spur von Mitgefühl.

Sultan Haq hob die Hand. Sofort entsicherten die Schützen die MGs. Das metallische Klicken der Waffen hallte bedrohlich über die Einöde. Die Pferde wieherten verängstigt. Haq ballte die Faust. Seine Männer stießen einen wilden Kriegsschrei aus und sprangen auf. Haq warf den Kopf zurück und stimmte in das Gebrüll mit ein. Er spürte, wie der Geist seiner Ahnen von ihm Besitz ergriff. Vor seinem inneren Auge sah er die angreifende Horde. Das Donnern der Hufe dröhnte ihm in den Ohren, die gezückten Schwerter blitzten in der Morgensonne, und der beißende Geruch der brennenden Hütten erfüllte die Luft. Die angsterfüllten Schreie der Besiegten mischten sich unter das Triumphgebrüll der Krieger, und der süße Geschmack des Todes legte sich ihm auf die Zunge.

Haq öffnete die Augen und kehrte zurück in die östlichen Steppen Afghanistans. Kraftvoll schlug er mit der Faust auf das Dach seines Pick-ups. Der Fahrer ließ den Motor aufheulen und jagte mit dem Wagen über das vor ihnen liegende Brachland. In nur wenigen Monaten, wenn der Mohn zum Leben erwachte, würde hier alles in voller Blüte stehen. Vergangenes Jahr waren auf diesen Feldern dreitausend Kilogramm Rohopium geerntet worden, mit einem Reingewinn von mehreren Millionen Dollar für die Bauern. Mehr als genug, um eintausend Männer bis an die Zähne zu bewaffnen.

Das Dorf musste unbedingt in die Hand der Taliban fallen. Nicht so sehr aus religiösen, vielmehr aus ökonomischen Gründen.

Ein Geschoss pfiff über Haqs Kopf hinweg, und einen Sekundenbruchteil später hörte er auch den Knall. Unbeeindruckt beobachtete er, wie die Männer im Dorf zu den Waffen griffen und sich hastig in Stellung brachten. Doch er erteilte seinen Kriegern noch immer nicht den Befehl, das Feuer zu erwidern.

Sekunden später war die Steppe erfüllt vom Lärm unzähliger Schüsse. Bleisalven schossen durch die Luft wie ein aufgebrachter Schwarm Bienen. Ein Schuss durchschlug die Windschutzscheibe des Pick-ups, der neben Haq fuhr. Aus den Augenwinkeln sah Haq, wie das Blut des Fahrers auf die von Sprüngen übersäte Scheibe spritzte. Im nächsten Moment geriet der Wagen außer Kontrolle und fiel zurück.

»Feuer«, befahl Haq seinen Männern über das Funkgerät.

Die erste Granate landete mitten auf dem Dorfbazar. Eine Staubwolke schoss in den Himmel. Eine zweite Granate explodierte, gefolgt von einer dritten. Die bewaffneten Männer des Dorfes wussten nicht, auf was sie schießen sollten, und gaben nach und nach auf.

Der Habicht beobachtete ihren Rückzug mit Genugtuung. Er hatte zwei Trupps südlich der Siedlung am Hang platziert, die das Dorf von hinten unter Beschuss nehmen sollten, während er mit seinen Männern von vorne angriff. Es handelte sich um ein klassisches Hammer-und-Amboss-Manöver aus dem Handbuch der Infanterie-Taktik der US-Army. Ironischerweise war ihm das Handbuch ausgerechnet in der Gefängnisbibliothek in die Hände gefallen. Er hatte sich den Text und die Illustrationen genauestens eingeprägt.

Der Pick-up holperte über eine kleine Anhöhe. Dahinter tauchte das Dorf in voller Größe auf. Dort herrschte das blanke Chaos. Männer, Frauen und Kinder flohen in alle Richtungen und suchten vergeblich nach einem Versteck. Haq drehte sich zu dem Mann am Maschinengewehr um und tippte ihm leicht auf die Schulter. Wie auf Kommando feuerte der Mann eine Salve ab und gab damit den Schützen auf den anderen Wagen das Signal, den Dorfbewohnern mit gezieltem Beschuss den Fluchtweg abzuschneiden. Etliche der Fliehenden sanken blutüberströmt zu Boden. Die Wände von Läden und Häusern wurden durchsiebt und stürzten in sich zusammen. Aus einer der Hütten loderten Flammen.

Mit einer Hand umklammerte Haq ein Remington-Scharfschützengewehr, das er in einem Kampf erbeutet hatte. Es war eine sehr präzise Waffe mit poliertem Ahornschaft. Auf dem Kolben waren die Worte »Barnes« und »USMC« eingraviert. Haq gab nur einen einzigen Schuss ab, aber mehr war auch nicht nötig. Als kleiner Junge hatte Haq Dickhornschafe in den zerklüfteten Bergen der nördlich gelegenen Provinz Kunar gejagt. Er war ein ausgezeichneter Schütze.

Er erteilte dem Fahrer des Pick-ups den Befehl, langsamer zu fahren, und hob das Gewehr an die Schulter. Mithilfe des Zielfernrohrs suchte er nach einem geeigneten Opfer. Er entschied sich für einen jungen Mann, der mit einer Frau an der Hand in die Berge zu fliehen versuchte. Haq krümmte den Finger um den Abzug und drückte ab. Der junge Mann fiel zu Boden. Zufrieden signalisierte Haq dem Fahrer, dass er aufs Gas drücken solle. Der Pick-up jagte über eine letzte Anhöhe und erreichte schließlich das Dorf.

Todesmutig stellte sich ein älterer Mullah dem Wagen in den Weg. Mit wild fuchtelnden Armen rief er: »Halt.«

Haqs Fahrer brachte den Wagen neben dem alten Mann zum Stehen. Der Habicht sprang von der Ladefläche und verkündete mit lauter Stimme: »Dieses Dorf untersteht ab sofort meinem Befehl. Alle hier werden widerstandslos den Anweisungen von Abdul Haq und des Haq-Clans Folge leisten.«

Der alte Mann nickte zerknirscht. Tränen liefen ihm über die zerfurchten Wangen. »Ich ergebe mich.«

Haq hob den Arm. »Feuer einstellen!«

Er wartete, bis seine Soldaten die Bewohner an einem Brunnen in der Mitte des Dorfplatzes zusammengetrieben hatten. Als alle versammelt waren, zwang er den Alten auf die Knie, presste ihm den Lauf seiner Waffe an die Schläfe und drückte ab.

Dann trat er einen Schritt zurück und zog eine Liste mit Namen aus der Tasche. »Wer von euch ist Abdullah Masri?«, rief er.

Totenstille. Der Habicht nahm einen Mann mit spärlichem Bartwuchs ins Visier und schoss ihn kaltblütig nieder. Dann wiederholte er die Frage. Ein kräftig gebauter Mann trat aus einem Laden, in dem neben japanischen Fernsehern DVDs mit westlichen Filmen verkauft wurden.

»Bist du Masri?«, fragte Haq.

Der Mann nickte.

Seelenruhig schob Haq eine neue Patrone in den Lauf seines Gewehrs. Dann hob er die Waffe, zielte auf den Kopf des Mannes und drückte ab.

»Wer von euch ist Muhammad Fawzi?«

Nacheinander ließ Haq alle Honoratioren des Dorfes vortreten und exekutierte sie. Er erschoss den Dorflehrer, den Besitzer des Lebensmittelgeschäfts, einen Homosexuellen und eine angebliche Ehebrecherin. Monatelang hatte er das Dorf sorgfältig ausspioniert und sich auf diesen Moment vorbereitet.

Schließlich blieb nur noch eine Sache zu tun.

Mit einem Satz sprang der Habicht auf den Beifahrersitz des Pick-ups und deutete auf ein großes weiß getünchtes Gebäude, in dem die Schule untergebracht war. Wie fast alle Häuser hier war es aus Lehm und Stein errichtet worden. Haqs Fahrer setzte den Wagen rückwärts vor eine Wand des Schulhauses. Ein zweiter Wagen stellte sich neben ihn. Auf das Signal des Anführers rammten beide Pick-ups mit dem Heck das Schulhaus, setzten vor und wieder zurück, so lange, bis die Wand in sich zusammenstürzte. Dann fuhren die Pick-ups zur nächsten Wand. Auf diese Weise machten sie die Schule dem Erdboden gleich.

Anschließend suchten Haqs Männer aus den Trümmern alle Bücher, Hefte und Unterrichtsmaterialien zusammen, die sie finden konnten, und warfen sie auf einen Haufen. Haq holte einen Kanister aus dem Pick-up und übergoss alles mit Benzin.

Als er den Haufen anzünden wollte, stürzte ein Junge aus der Menschenmenge nach vorn und rief verzweifelt: »Halt. Wenn ihr die Bücher verbrennt, können wir nicht mehr lernen.«

Mit kaltem Blick musterte Haq den mutigen Jungen. Was sein Interesse weckte, waren nicht dessen beherzte Worte, sondern der Castverband an dessen linkem Arm. Soweit Haq informiert war, gab es im Dorf lediglich eine einfache Krankenstation. Verletzungen wie diese wurden überall im Land nur mit einem Gipsverband ruhiggestellt. Einen so modernen Glasfaserverband wie diesen hatte er in seinem ganzen Leben nur einmal zuvor gesehen. »Woher hast du den?«, fragte er den Jungen und legte ihm eine Hand auf den verletzten Arm.

»Vom Heiler«, sagte der Junge.

Haq wurde hellhörig. Von einem Heiler, der sich in diesem Teil Afghanistans aufhielt, wusste er nichts. »Wer ist dieser Heiler?«

Der Junge wich seinem Blick aus.

Mit eisernem Griff packte Haq ihn am Kinn. Seine scharfen Nägel hinterließen lange rote Kratzer auf der Wange des Jungen. »Wer ist er?«

»Ein Kreuzritter«, meldete sich jemand aus der Menge zu Wort.

Haq wandte sich aufgebracht um. »Ein Kreuzritter? Bei uns? Allein?«

»Er hat einen Assistenten bei sich. Einen Hazara, der sich um seine Tasche mit Medikamenten kümmert.«

»Ist dieser Heiler Amerikaner?«, wollte Haq wissen.

»Er kommt aus dem Westen«, erwiderte ein anderer. »Er spricht Englisch und ein wenig Paschto. Wir haben ihn nicht gefragt, ob er Amerikaner ist. Er macht viele Leute gesund. Er hat das Magenleiden des Khan kuriert und das Knie meiner Kusine geheilt.«

Haq ließ den Jungen los und stieß ihn unsanft von sich weg. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, aber es gelang ihm, seine Erregung hinter dem Wutausbruch zu verbergen. »Wo ist er jetzt?«

Ein alter Mann deutete mit der Hand auf die Berge. »Da oben.«

Nachdenklich betrachtete Haq die steilen Ausläufer des gewaltigen Hindukusch. Dann schleuderte er mit einem gezielten Wurf ein brennendes Feuerzeug auf die aufgetürmten Bücher, machte auf dem Absatz kehrt und ging unbeeindruckt von den auflodernden Flammen zurück zu seinem Wagen.

»Fahr los«, wies er den Fahrer an. »In die Berge.«

2.

Jonathan Ransom fuhr aus dem Schlaf hoch und wusste augenblicklich, dass etwas nicht stimmte.

Er richtete sich kerzengerade auf seinem Schlafplatz auf, streifte den Schlafsack hinunter bis auf die Hüfte und lauschte. Von der anderen Seite des Raumes ertönte das laute Schnarchen seines Assistenten Hamid, der zusammengerollt in einer Ecke auf dem Boden lag. Durch die verriegelten Fenster drang von irgendwo das Brüllen eines Kamels an Jonathans Ohren. Laut diskutierend näherten sich drei Dorfbewohner der Hütte. Jemand zog einen quietschenden Handkarren hinter sich her. Jonathan, der sich nun schon seit einer Woche in Khos-al-Fari aufhielt, wusste mittlerweile, dass der Karren dem Dorfmetzger gehörte. Mit ihm brachte er täglich eine Fuhre frisch geschlachteter Ziegen zum Bazar, um sie dort an Haken vor seiner Bude baumelnd zum Verkauf anzubieten.

Holpernd und quietschend rumpelte der Handkarren des Metzgers bergab. Die Stimmen der Männer verloren sich in der Ferne. Außer dem unheimlichen Rauschen des Gar, der durch eine nah gelegene Felsschlucht floss, war nun nichts mehr zu hören.

Jonathan verharrte regungslos auf seiner Lagerstatt. Die eisige Morgenluft bohrte sich wie winzige Nadelstiche in seine Wangen. Es war erst Mitte November, aber an den kargen steilen Berghängen im Osten Afghanistans hatte der strenge Winter bereits Einzug gehalten.

So verstrich eine Minute. Er hörte immer noch nichts.

Plötzlich durchbrach ein Schuss die Stille. Ein einzelner Schuss, wie Jonathan vermutete, aus einer großkalibrigen Waffe. Er wartete vergeblich auf weitere Schüsse und fragte sich, ob er vielleicht den verirrten Schuss eines Jägers auf der Jagd nach einem Marco-Polo-Schaf gehört hatte.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es kurz vor fünf war. Höchste Zeit aufzustehen. Mit einem Seufzer öffnete er den Reißverschluss seines Schlafsacks und streifte ihn sich von den Füßen. Fröstelnd zündete er die Kerosinlampe an und zog sich eilig ein zweites Paar Wollsocken und eine abgewetzte flanellgefütterte Cargohose an.

Auf einem Klapptisch in der Zimmerecke standen eine Waschschüssel mit Waschlappen und ein Krug Wasser, daneben Jonathans Zahnbürste und Zahnpasta. Er griff nach dem Krug und goss etwas Wasser in die Schüssel. Es war über Nacht leicht gefroren, sodass nun kleine Eisplättchen auf dem Waschwasser umherschwammen. Mit klappernden Zähnen wusch Jonathan sich Hände und Gesicht. Dann rubbelte er sich kräftig mit dem Waschlappen den Oberkörper ab, damit ihm wärmer wurde. Anschließend trocknete er sich ab, schlüpfte in Hemd und Weste und putzte sich die Zähne. Seine Haare waren inzwischen so lang und verfilzt, dass sie mit der Bürste nicht mehr zu bändigen waren. Jonathan versuchte, sie mit den Fingern in Form zu bringen, gab aber schon bald frustriert auf.

»Hamid, wach auf.«

Zum Schutz gegen die Kälte hatte sich Hamid den Schlafsack bis über beide Ohren gezogen. Jonathan durchquerte den Raum bis zu Hamids Schlafplatz und versetzte ihm mit dem Fuß unsanft einen Stoß. »Los, beweg dich.«

Ein wirrer schwarzer Haarschopf schob sich aus dem Schlafsack. Schlecht gelaunt blinzelte Hamid in die eisige Luft des anbrechenden Tages. Im fahlen Morgenlicht traten die Tränensäcke unter seinen Augen noch stärker hervor, und er wirkte älter als neunzehn. »Au, das tat weh.«

»Los, kriech endlich aus dem Schlafsack. Wir haben heute jede Menge Arbeit vor uns.«

»Nur noch eine Sekun …«

»Jetzt sofort!«

Mürrisch setzte Hamid sich auf und zog sein Handy aus dem Schlafsack, um seine SMS zu checken.

Jonathan beobachtete ihn dabei und fragte sich zum hundertsten Mal, warum es hier in den Dörfern zwar überall Handyempfang, aber nirgends Strom gab. »Nachricht von deiner Mama?«

Hamid blickte noch nicht einmal von seinem Handy auf. »Haha. Sehr witzig.«

»Wie du meinst. Aber jetzt leg endlich das Ding weg, und komm in die Gänge. Wir treffen uns dann später in der Krankenstation.«

Jonathan packte den Seesack, in dem er seine medizinische Ausrüstung verstaut hatte, und warf ihn sich über die Schulter. Dann streifte er sich die Pakol-Wintermütze über den Kopf, öffnete die Tür und sog die kalte Morgenluft tief in die Lungen. Es roch nach brennendem Feuerholz, feuchtem Laub und Torf. Die Gerüche waren ihm nur allzu vertraut. Sie stammten aus einer Welt fernab jeder Zivilisation.

Acht Jahre lang war Jonathan als Mediziner für Ärzte ohne Grenzen um die ganze Welt gereist. Er hatte in den entlegensten Winkeln Afrikas, im Kosovo, in Beirut und im Irak gearbeitet. Wo immer er auch gewesen war, war es ihm stets darum gegangen, all jene ärztlich zu versorgen, die am dringendsten Hilfe benötigten. Politik hatte dabei nie eine Rolle gespielt. Egal, ob gut oder böse, für ihn waren alle, die zu ihm kamen, immer nur Patienten.

Vor zwei Monaten war er nach Afghanistan gereist, aber nicht mehr für Ärzte ohne Grenzen. Verschiedene Ereignisse der jüngeren Vergangenheit machten es ihm unmöglich, noch weiter offiziell für irgendeine Organisation oder Klinik zu arbeiten. Bei der amerikanischen Botschaft hatte man ihn schlicht für verrückt erklärt, weil er sich ganz allein ohne Bodyguards, Waffen oder sonstige persönliche Sicherheitsvorkehrungen in die Rote Zone außerhalb von Kabul wagen wollte. Sein Plan, den Menschen in den entlegensten Dörfern zu helfen, wurde für glatten Selbstmord gehalten. Jonathan war anderer Ansicht. Er hatte die Risiken und Chancen seines Vorhabens lange gegeneinander abgewogen und fand, dass er die Sache wagen konnte.

Als er im Halbdunkel des anbrechenden Tages auf dem gefrorenen Boden vor der Hütte stand, lauschte er noch einmal angestrengt in die Stille. Was ihn so sehr beunruhigte, waren nicht etwa laute Geräusche, sondern eher die ungewohnte Stille.

»Du hast genau eine Stunde«, sagte er zu Hamid gewandt und zog die Tür hinter sich zu.

Als er dem gewundenen Pfad bergab folgte, setzte leichter Nieselregen ein. Ein Stück weiter unten, auf einem Hochplateau inmitten der steilen Berge, lag das Dorf, das zum Teil unter tiefhängenden Wolken verborgen war. Die Häuser glichen einander wie ein Haar dem anderen. Es waren niedrige, aus Stein, Holz und Lehm errichtete rechteckige Bauten, die mit ihrer Umgebung zu verschmelzen schienen. Etwa eintausend Menschen lebten in Khos-al-Fari. Doch zum Basar strömten auch aus den umliegenden Dörfern Tausende von Menschen hierher, um mit allerlei Waren, ihren Ernteüberschüssen und Holz Handel zu treiben und Freunde, Bekannte und Verwandte zu treffen.

Mit tief in den Taschen vergrabenen Händen schritt Jonathan durch die Straßen des Dorfes. Er war groß und breitschultrig und lief mit langen, entschlossenen Schritten leicht nach vorn gebeugt seinem Ziel entgegen, als müsse er gegen den Wind ankämpfen. Er trug die typische Kleidung der Einheimischen: ein langes Hemd, den Salwar Kameez, über einer weiten, bequemen Hose. Zum Schutz gegen die Kälte hatte er eine Weste aus Schafwolle, wie die Hirten sie trugen, über das Hemd gezogen. Sein langer, ungepflegter schwarzer Bart war von grauen Strähnen durchzogen. Auf den ersten Blick hätte man ihn für einen Einheimischen halten können. Doch bei genauerem Hinsehen verrieten ihn die markante, wohlgeformte Nase und die lückenlosen weißen Zähne als einen Ausländer aus dem wohlhabenden Westen. Auch die Haut in seinem Gesicht war bis auf die Lachfältchen um die Augen faltenlos. Für einen Mann von achtunddreißig Jahren wirkte er jugendlich. Seine Augen waren pechschwarz und blickten selbst zu dieser frühen Tageszeit zielstrebig und entschlossen. Nichts an Jonathans Zügen deutete auch nur im Entferntesten auf mongolische Vorfahren hin oder auf das tiefsitzende Misstrauen, das aus dem jahrhundertelangen Kampf gegen Invasoren geboren ist. Alles an ihm strahlte Kompetenz, Hartnäckigkeit und Zuversicht aus.

Jonathan Ransom war von Kopf bis Fuß Amerikaner.

Vor der Krankenstation hatte sich bereits eine Warteschlange gebildet. Jonathan zählte fünfzehn Patienten, darunter etliche Kinder mit ihren Vätern. Einige von ihnen hatten sichtbare Verletzungen: schlecht verheilte Brandwunden, Tumore oder Hasenscharten. Andere hatten amputierte Gliedmaßen. Sie waren die Opfer von herumliegenden Landminen und Bomblets aus der Zeit der sowjetischen Besatzung. Manche der Patienten sahen einfach nur blass und erschöpft aus und hatten sich wahrscheinlich eine Grippe eingefangen. Jonathan begrüßte alle höflich und schüttelte jedem von ihnen die Hand. Dann ließ er sie in die Krankenstation eintreten und teilte ihnen mit, dass sie etwa eine Stunde bis zum Beginn der Sprechstunde warten müssten.

Ein Vater stand ein wenig abseits von den anderen. Seine Tochter lehnte sich an ihn. Die untere Gesichtshälfte hatte sie hinter einem Schal verborgen. Als sie die große Gestalt des ausländischen Arztes erblickte, wandte sie ihr Gesicht ab. Jonathan ging vor ihr in die Hocke. »Schön, dass du gekommen bist«, sagte er freundlich. »Wir werden dafür sorgen, dass es dir bald besser geht. Den Schal brauchst du dann nicht mehr. In Kürze kannst du wieder mit den anderen Kindern im Dorf spielen.«

»Werden Sie meiner Tochter wirklich helfen?«, fragte der Vater in gebrochenem Englisch. »Heute schon?«

Jonathan erhob sich. »Ja.«

Er duckte sich unter dem Türrahmen und betrat die Krankenstation. Sie war in fünf Räume unterteilt. Es gab einen Warteraum, zwei Behandlungszimmer, ein Büro und einen Operationsraum. Die Ausstattung war selbst für afghanische Verhältnisse schlecht. Böden aus gestampftem Lehm. Niedrige Decken. Kein Strom. Kein fließendes Wasser.

Bei seiner Ankunft hatte Jonathan in der Krankenstation nur einen abgewetzten Holztisch vorgefunden. Daran war ein Schild mit den Worten befestigt gewesen: »Médecins Sans Frontières. Où les autres ne vont pas.« Grob übersetzt bedeutete das: »Ärzte ohne Grenzen. Wo sonst niemand hilft.« Darunter stand noch in Französisch »Der Doc hat immer recht« neben der Jahreszahl »1988«. Vor mehr als zwanzig Jahren hatten sich also schon einmal Ärzte in dieses abgelegene Bergdorf verirrt. Für Jonathan war das die Bestätigung, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Er ging ins Büro und stellte den Seesack ab. In ihm befand sich alles, was Jonathan für die Behandlung der Patienten benötigte. Skalpelle, Pinzetten und eine Metzenbaumschere für die OPs. Cipro und Ancef zur antibiotischen Behandlung. Pepcid für Geschwüre. Eisenpräparate für die Frauen und Multivitamintabletten für die Kinder. Lidocain in dreißig Kubikzentimeter fassenden Fläschchen für die örtliche Betäubung und Ketamin als Anästhetikum. Außerdem hatte er noch Prednison, Zyrtec, Noradrenalin und zahlreiche andere Medikamente für alle möglichen Beschwerden und Krankheiten, die die Vorstellungskraft der meisten Ärzte überstiegen. Darüber hinaus fanden sich im Sack noch chirurgisches Nähmaterial, Injektionsspritzen, Verbandsmaterial, elastische Binden und jede Menge in Alkohol getränkte Tupfer.

Die nächste Stunde verbrachte Jonathan damit, die Behandlungsräume für den anstehenden Tag vorzubereiten. Er zündete ein Feuer an, brachte Wasser zum Kochen und sterilisierte seine Instrumente. Anschließend fegte er den Boden im OP-Raum aus und breitete eine saubere Plastikfolie aus. Zum Schluss verteilte er Arzneien und medizinisches Zubehör aus dem Seesack auf die Behandlungsräume und kontrollierte den Bestand seiner Medikamente.

Um Punkt sieben empfing er den ersten Patienten, einen zehnjährigen Jungen, dessen linkes Bein unterhalb des Knies amputiert worden war. Er humpelte auf einer plumpen Holzprothese ins Zimmer. Vor drei Jahren war er beim Spielen auf den Feldern auf eine russische Landmine getreten. Die Amputation war stümperhaft durchgeführt worden. Da die Durchblutung des Beins gestört war, hatte sich der Stumpf böse infiziert. Die Wunde musste debridiert und gesäubert und der Junge dringend auf Antibiotika gesetzt werden.

»Du spürst nur einen kleinen Piks«, sagte Jonathan und zog eine Spritze Lidocain auf. »Es tut überhaupt nicht weh …«

In diesem Moment stürzte Hamid in den Raum. »Wir müssen sofort von hier verschwinden«, stieß er atemlos hervor.

Jonathan betrachtete ihn ungerührt. »Du kommst zu spät.«

»Hörst du nicht, was ich gesagt habe?« Hamid war klein und dürr. Er hatte etwa zehn Kilo zu wenig auf den Rippen und schmächtige Schultern, doch er war ein aufgeweckter Bursche, dessen Kopf ständig in Bewegung zu sein schien. Jonathan hatte ihn kurz nach seiner Ankunft in Kabul vor den Räumen einer medizinischen Hilfsorganisation gefunden. Oder vielmehr: Hamid hatte ihn gefunden und ihm seine Dienste als Übersetzer, Reiseführer und medizinische Hilfskraft für einen Wochenlohn von fünfzig Dollar angeboten. Er war Medizinstudent im zweiten Jahr. Jonathan hatte ihm vierzig Dollar geboten, wenn Hamid ihm einen brauchbaren Wagen mit Allradantrieb besorgen könnte und bereit wäre, mit ihm in die Rote Zone zu gehen. Hamid war einverstanden gewesen, und seitdem begleitete er Jonathan.

»Ja, ich habe dich gehört«, sagte Jonathan.

»Sie kommen.«

Jonathan wusste, dass Hamid von den Taliban sprach, jenen orthodoxen islamistischen Kämpfern, die sich im Krieg mit Amerika und den afghanischen Streitkräften befanden und die Kontrolle über das Land zurückerlangen wollten, damit die Bevölkerung wieder streng nach den Gesetzen des Islam lebte.

»Es ist Sultan Haq. Sie haben fünfundsechzig Kilometer von hier ein Dorf überfallen und die Honoratioren massakriert.«

Jonathan ließ sich die Information durch den Kopf gehen. Er hatte schon von Haq gehört, einem ausgesprochen heimtückischen Warlord der Taliban mit einer eigenen Miliz im südlich gelegenen Laškar, doch sein Auftauchen in dieser Gegend verwirrte Jonathan. Khos-al-Fari war ein armes Dorf, weit abseits des gewinnträchtigen Mohngürtels und ohne strategische Bedeutung. »Was will er hier oben?«

»Keine Ahnung«, antwortete Hamid ungeduldig. »Spielt das eine Rolle?«

Der Vater des Jungen in Jonathans Behandlungszimmer legte den Arm um die Schultern des Sohnes und führte ihn eilig aus dem Raum.

»Sag allen, dass sie morgen wiederkommen sollen«, sagte Jonathan zu Hamid. »Mit Ausnahme von Amina. Sie kann nicht länger warten. Bring ein Tablett mit allen notwendigen Instrumenten in den OP-Raum, und sorg dafür, dass ausreichend Betäubungsmittel vorhanden sind.«

Hamid sah Jonathan an, als hätte dieser den Verstand verloren. »Du willst sie wirklich jetzt operieren?«

»Sie hat lange auf die OP gewartet.«

»So eine OP dauert vier Stunden.«

»Länger. Bei einer Gesichtsrekonstruktion weiß man nie so genau, wie viel Zeit man braucht.«

»Gib ihr einfach Medizin gegen die Infektion. Wir kommen ein anderes Mal wieder und führen dann die OP durch.«

»Sie hat lange genug gewartet.«

Eine heftige Detonation in der Ferne ließ die Wände der Krankenstation erbeben.

»Granaten«, bemerkte Hamid und stürzte zum Fenster. »Gestern haben Sultan Haq und seine Männer achtzehn Menschen umgelegt. Zehn von ihnen hat Haq höchstpersönlich erschossen. Ein Amerikaner dürfte auf seiner Liste ganz oben stehen.«

»Und was ist mit dem Paschtunwali?«, fragte Jonathan. »Die Dorfbewohner werden uns beschützen.«

Das Paschtunwali bezeichnete den Ehrenkodex der afghanischen Paschtunen. Die Gastfreundschaft und der Schutz von Besuchern rangierten im Paschtunwali an oberster Stelle.

»Wenn sie von einem waffenmäßig überlegenen Feind angegriffen werden, solltest du dich besser nicht zu sehr darauf verlassen. Wir müssen sofort von hier verschwinden.«

»Bereite das Tablett mit den Instrumenten vor, Hamid.«

Hamid verließ seinen Posten am Fenster und baute sich direkt vor Jonathan auf. »Hau ab von hier, oder sie werden dich töten.«

»Wir werden sehen.«

»Und was ist mit mir?«

»Du wolltest alles von mir lernen. Deshalb bist du hier. Jetzt hast du die Chance dazu. Bei einer OP wie dieser hast du noch nie assistiert. Betrachte es als einmalige Gelegenheit.«

Die Krankenstation wurde von einer neuen Explosion erschüttert. Die Angreifer schienen näher zu kommen. Jonathan und Hamid hörten das Rattern von Maschinengewehren. Dann herrschte wieder Stille.

»Mich werden sie auch töten«, sagte Hamid. »Ich habe dir geholfen. Außerdem bin ich ein Hazara.«

Jonathan durchsuchte seine Taschen nach dem Wagenschlüssel und warf ihn Hamid zu. »Geh schon. Ich kann dich verstehen. Du warst eine echte Hilfe für mich. Ich schulde dir viel.«

»Aber ohne mich kannst du Amina nicht operieren.«

»Es wird nicht einfach werden, aber unmöglich ist es nicht.«

Hamid warf einen Blick auf den Schlüssel in seiner Hand. Dann lehnte er resigniert den Kopf an die Wand und seufzte. »Zum Teufel mit dir«, sagte er schließlich.

»Bereite alles für die OP vor«, erwiderte Jonathan.

3.

In Les Grandes Alpes schneite es. Dicke Flocken rieselten aus einem erstaunlich wolkenlosen Himmel lautlos auf den Berghang. Dem Namen nach hätte man annehmen können, dass Les Grandes Alpes in der Schweiz lagen, aber die Anlage befand sich weder dort noch irgendwo sonst in Europa. Auch das Skigebiet war alles andere als imposant. Es gab nur eine einzige, gut präparierte Skipiste, die in drei Abschnitte unterteilt war: zuerst steil, dann flach und schließlich sanft abfallend bis ins Tal.

Die junge Frau mit Namen Lara Antonowa jagte wie ein Profi über die Piste, Skier dicht beieinander und die Hände an den Hüften. Es war kurz nach drei, und auf der Piste tummelten sich jede Menge Skifahrer. Die meisten von ihnen waren Anfänger und bereits mit dem einfachen Schneepflug hoffnungslos überfordert. Lara sauste mit elegantem Schwung zwischen den anderen Skifahrern hindurch und blickte sich dabei suchend nach einem bekannten Gesicht um. Sie trug eine weiße Stretchhose und einen türkisfarbenen Daunenanorak. Ihre rotbraunen Haare hatte sie zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden.

Lara Antonowa war jedoch nicht zum Skifahren gekommen. Geboren in Sibirien und aufgewachsen in einem staatlichen Erziehungsheim, hatte sie sich beim Direktorat S des russischen Geheimdiensts FSB zu einer hochkarätigen Agentin emporgearbeitet. Das Direktorat S führte Geheimoperationen im Ausland durch. Es sammelte Informationen über Geheimdienste und schreckte auch nicht vor Mitteln wie Erpressung, Einschüchterung und gelegentlich einem Mord zurück. Lara hatte einen Einsatz in Les Grandes Alpes. Sie sollte den einflussreichsten Waffenhändler Südwestasiens treffen.

Als sie die Plattform auf halber Höhe erreicht hatte, brachte sie mit gekonntem Abschwung die Skier zum Stehen. Sie schob ihre Skibrille hoch und ließ die Augen prüfend über den unteren Hang gleiten. Trotz ihrer mangelnden Skikenntnisse hatten sich die meisten Skiläufer ausstaffiert, als wären sie Stammgäste der teuersten Wintersportgebiete. Überall sah Lara die neuesten Kästle-Skier, Rossignol-Stiefel und Bogner-Skianzüge. Doch sogar im farbenfrohen Gewimmel der zahllosen Skifahrer auf dem Hang entdeckte Lara ihre Zielperson fast auf Anhieb. Der kleine gepflegte Mann mit dem konservativen dunkelblauen Skianzug fuhr mitten auf der Piste langsam und vorsichtig zu Tal. Sechs hünenhafte Männer in schwarzgrauen Parkas hatten sich um ihn herum positioniert wie die Schölachtflotte um den Flugzeugträger. Eine Entourage, die einem Staatsoberhaupt alle Ehre gemacht hätte. Der Mann hieß Lord Balfour und war zumindest dem Namen nach blaublütig.

»Ich sehe ihn«, sagte Lara, während sie in die Hocke ging, um die Bindungen an ihren Skiern zu überprüfen. »Er hat sechs seiner Gorillas um sich.«

»Sechs?«, fragte die heisere Stimme ihres Führungsoffiziers aus dem kleinen Empfänger in ihrem Ohr. »Das sind zwei mehr als beim letzten Mal. Wahrscheinlich steckt er in Schwierigkeiten.«

Die Zielperson hieß Ashok Balfour Armitraj alias Lord Balfour. Haare: schwarz (gefärbt). Größe: eins fünfundsechzig. Gewicht: circa achtzig Kilo. Alter: zweiundfünfzig. Uneheliches Kind einer Muslimin und eines Briten, aufgewachsen in Dharavi, dem verrufensten Slum Mumbais. Eine Kindheit auf der Straße. Er war schon früh auf die schiefe Bahn geraten oder ›auf Großunternehmer getrimmt worden‹, wie er es nannte. Mit acht war er bereits Mitglied einer Straßengang. Mit fünfzehn war er der Boss dieser Gang. Mit zwanzig wagte er den großen Schritt, eine eigene Gang aufzubauen.

Balfour hatte so ziemlich überall seine Hand im Spiel. Nach außen hin kaufte und verkaufe er Immobilien, trat sogar online als Makler auf und trieb Handel mit Baustoffen. Im Verborgenen handelte er mit Drogen, weißen Zwangsprostituierten und Produktfälschungen. Doch vor allem im Waffengeschäft war er der King. Egal ob Handfeuerwaffen, Artilleriegeschütze, Kampfhubschrauber oder Flugzeuge, alles, was im Jane’s Defence Weekly aufgelistet war, konnte Lord Balfour gegen entsprechende Bezahlung beschaffen.

Am Fuß des Hangs brachte Balfour seine Skier zum Stehen. Seine Männer bildeten einen gestaffelten Schutzring um ihn. Der Gorilla, der Lara am nächsten stand, schien unter der Jacke eine Uzi zu tragen. Lara wusste, dass Lord Balfour kein Freund von halben Sachen war. Wenn einer seiner Männer eine Maschinenpistole unter der Jacke verbarg, gab es sicherlich noch mehr davon.

»Wo ist die Lieferung?«, fragte Lara ihren Führungsoffizier.

»Am Imam-Khomeini-Flughafen in Teheran. Wenn nichts dazwischenkommt, ist sie in drei Stunden bei euch.«

»Alles vollständig?«

»Bis auf die letzte Patrone.«

Lara hatte sich selbst um die Transaktion gekümmert und kannte die Liste in- und auswendig. 1500 Kalaschnikows, 1000 Handgranaten, 200 Antipersonenminen, 2 Millionen Schuss Munition, 100 Nachtsichtbrillen, 500 Kilo Semtex-Plastiksprengstoff. Und das war erst der Anfang. Außerdem standen noch 20 Boden-Luft-Raketenwerfer, 10 Maschinengewehre Kaliber.50, 100 Panzerabwehrraketen und eine große Menge Munition auf der Liste. Das georderte Arsenal kostete stolze zehn Millionen Dollar und reichte aus, um ein ganzes Bataillon Taliban mit Waffen auszustatten.

»Hört sich gut an«, sagte Lara. »Schätze, die Sache läuft.«

»Lass dich nicht über den Tisch ziehen.«

Lara zog ihr Handy aus der Tasche und drückte auf die Kurzwahl. Eine kultivierte Stimme sagte in britischem Englisch: »Hallo, Schätzchen.«

»Ich bin ein Stück weiter oben am Berg.« Sie hob einen der Skistöcke, damit Balfour sie sehen konnte.

»Schickes Outfit«, bemerkte Lord Balfour.

»Sagen Sie Ihren Gorillas, dass sie mich durchlassen sollen.« Lara drückte sich mit den Stöcken ab und wedelte elegant den Hang hinunter. Sie passierte die Bodyguards, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und bremste rasant neben Balfour.

»Beeindruckende Vorführung. Kaum zu glauben, dass Sie Russin sind«, bemerkte Balfour bewundernd.

Lara dachte einen Moment darüber nach. »Dafür halten Sie sich auf Skiern wie ein Maratha.«

Balfour warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.

Alles, was er tut, ist extrem, fiel Lara wieder ein. Er lacht zu viel, redet zu laut und tötet zu leichtfertig. Während sie den kleinen Inder mit dem aus der Stirn gekämmten und pomadig glänzenden Haar, dem angedeuteten, verwegenen Schnauzer und den warmen, freundlichen Augen ansah, zwang sie sich, daran zu denken, dass dieser Mann brandgefährlich und unberechenbar war.

»Aber Spaß beiseite, wo haben Sie gelernt, so fantastisch Ski zu laufen?« Balfour strahlte über das ganze Gesicht.

»Hauptsächlich in der Schweiz.«

»Gstaad?« Er sprach den Ort fehlerfrei aus.

»Ja, stimmt.« In Wahrheit hatte Lara noch nie einen Fuß in den Schweizer Urlaubsort gesetzt, aber sie hütete sich, Balfour noch ein zweites Mal vorzuführen. »Wie haben Sie das erraten?«

»Ein Freund von mir lebt dort. Er ist Arzt. Er sagte, dass der Ort von Russen regelrecht überrannt wird. Waren Sie während Ihrer Auszeit dort?«

Die Frage ließ Lara aufhorchen. »Wie bitte?«

»Ich meine, nachdem Sie dem FSB den Rücken gekehrt haben. Soweit ich informiert bin, waren Sie einige Jahre nicht für Moskau tätig. Ist da was dran?«

»Verraten Sie es mir.«

»Gerüchten zufolge wurden Sie vom FSB vor die Tür gesetzt, als dem Ende der Neunziger das Geld ausging. Daraufhin tauchten Sie auf der anderen Seite des Atlantiks wieder auf und arbeiteten freiberuflich für den amerikanischen Geheimdienst. Vor ein paar Monaten haben die Amis Sie jedoch wieder rausgeschmissen, woraufhin Sie prompt in Papas Arme zurückgekehrt sind.«

Lara verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln, aber in ihrem Kopf schrillten die Alarmglocken. Das hier war alles andere als ein Gerücht. Das war ein richtiges Leck. »Ich würde nicht alles glauben, was sich die Leute so erzählen.«

Doch Balfour ließ sich nicht so leicht vom Thema abbringen. »Mich persönlich interessiert das alles herzlich wenig«, betonte er übertrieben ernsthaft. »Mein erstes Haus habe ich mir vom Geld der CIA gebaut. Der leitende Direktor hat meine Nummer heute noch auf der Kurzwahl gespeichert. ›Balfour‹, sagt er immer, ›der Kongress hat sich gegen die Bewaffnung der Waziris ausgesprochen. Also müssen Sie die Sache übernehmen. Ich schicke Ihnen einen Scheck über zwanzig Millionen aus der schwarzen Kasse. Wenn Sie amerikanische Waffen nehmen, können wir Ihre Provision verdoppeln.‹ Offen gesagt halte ich mich für einen ehrlichen Makler. Nein, mir raubt die Frage, ob Sie tatsächlich für die Amerikaner gearbeitet haben, nicht den Schlaf.«

»Wem dann?«

»Meinem Klienten. Ich verrate Ihnen wohl kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass der Prinz keine besonders herzlichen Gefühle für den guten Uncle Sam hegt. Er ist sogar davon überzeugt, dass die Amis ihn aus dem Weg räumen wollen.«

Mit dem Prinzen war Kronprinz Raschid al-Zayid gemeint, der jüngste Sprössling des über die Vereinigten Arabischen Emirate herrschenden Zayid-Clans und geheime Finanzier der Islamisten.

»In den Zeitungen stand, dass sein Privatjet einen Motorschaden hatte«, sagte Lara. »So etwas soll vorkommen.«

»Wohl wahr. Aber letzte Woche drang nur fünf Minuten nach seinem Besuch bei einigen befreundeten Clans in der Nähe von Peshāwar eine Predator-Drohne in das Gebiet ein und tötete zehn seiner engsten Freunde. Das war wohl kaum ein Zufall.«

»Dann ist seine Angst sicher berechtigt«, bestätigte Lara. »Schließlich versorgt er die Feinde der Amerikaner mit Waffen: Taliban, Hisbollah und FARC.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Gerüchte«, sagte Lara. »Mein Boss, General Iwanow, ist auch nicht gerade schlecht informiert. Als ich ihn das letzte Mal gesprochen habe, war er ebenfalls nicht besonders gut auf die Amis zu sprechen. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie es waren, der sich auf Bitte des Prinzen an uns gewandt hat?«

Balfour blickte Lara einige Sekunden lang fest in die Augen. Sein Lächeln und die Freundlichkeit waren wie weggewischt. In diesem Moment kam der hartgesottene Kriminelle zum Vorschein, der sein Gegenüber genauestens abcheckt und entscheidet, ob der andere vertrauenswürdig ist oder nicht. »Und wenn schon«, sagte er schließlich mit Nachdruck in der Stimme. »Ist die Lieferung komplett? Dem Prinzen ist sehr daran gelegen, dass nichts fehlt.«

»Die Lieferung ist vollständig. Sie steht auf der Rollbahn in Teheran und wartet nur auf das Okay des Prinzen.«

Balfour zog beeindruckt eine Augenbraue hoch. Dann drehte er sich ein wenig zur Seite, drückte auf eine Kurzwahltaste seines Handys und sagte schnell ein paar Sätze in Arabisch. »Der Prinz lässt fragen, ob die Übergabe um Mitternacht recht wäre«, sagte er zu Lara, nachdem er das Telefonat beendet hatte.

Lara wusste jedoch so gut wie Balfour, dass es zu dieser Option keine Alternative gab.

»Mitternacht passt mir gut.« Lara ließ den Blick beiläufig über zwei der in unauffälligen schwarzgrauen Skianzügen gekleideten Gorillas am Fuß des Hangs gleiten. »Sagen Sie, Ash, ist zwischen Ihnen und Ihrem Klienten eigentlich alles in Ordnung?«

»Absolut«, erwiderte Ashok Balfour Armitraj. »Wir stehen uns so nahe wie zwei Brüder.«

»Warum hat Ihr Bruder dann zwei seiner Wachhunde auf Sie angesetzt?«

Balfour folgte Laras Blick zu den beiden Bodyguards.

»Die beiden da?« Er lachte gutgelaunt. Jegliches Misstrauen schien von ihm abgefallen zu sein. »Die gehören nicht zur Garde des Prinzen. Das sind Männer der ISI, des militärischen Geheimdiensts Pakistans. Ich betrachte sie als eine Art persönliche Lebensversicherung.«

»Ach ja?«

»Sie sorgen dafür, dass mich der indische Geheimdienst nicht in die Finger bekommt. Delhi ist felsenfest davon überzeugt, dass ich an den Attentaten in Mumbai beteiligt war. Sie behaupten, dass ich die bösen Jungs bewaffnet habe, und lechzen nach meinem Blut.«

Das erklärte natürlich die Uzis. »Und, haben Sie?«, fragte Lara.

»Natürlich«, sagte Balfour. »Aber das spielt keine Rolle. Ich war nur der Zwischenhändler, der ihnen das Spielzeug verkauft hat. Wenn sie es nicht von mir bekommen hätten, hätten sie es sich woanders besorgt. Tatsächlich stammten die Waffen sogar von euch.«

»Von mir? Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.«

»Ich meine, von den Russen. Die gesamte Lieferung. AKs, Granaten, Zünder, ja selbst die Handys. Es war eine durch und durch russische Lieferung.«

Lara warf einen Blick auf die Uhr. Sie unterhielten sich bereits seit zehn Minuten in aller Öffentlichkeit, das waren genau neun Minuten zu viel. Als Kontaktmann war Balfour ein echter Albtraum. Scheinbar bildete er sich ein, dass er nicht ein von mindestens zwölf westlichen Staaten polizeilich gesuchter Krimineller, sondern ein ganz normaler Geschäftsmann sei. In Deutschland oder Großbritannien hätte ihn sein unverfrorenes Auftreten schon längst den Kopf gekostet oder lebenslang hinter Gitter gebracht. In Pakistan machte es ihn zum King.

»Also um Mitternacht«, sagte Lara. »An Ihrem Hangar in der Freihandelszone Sharjah.«

»Eines meiner Flugzeuge wird dort bereitstehen, um die Ware zu übernehmen.«

»Wo bringen Sie sie hin?«

»Ts, ts«, machte Balfour. »Das ist allein Sache des Prinzen.«

»Wir würden schon ganz gerne wissen, wofür unsere Waffen gebraucht werden.«

»Soweit ich weiß, gibt es in der Region zurzeit nur einen richtigen Krieg. Den Rest müsst ihr euch schon selbst zusammenreimen.«

Damit war alles gesagt. Lara wartete, bis Balfour und seine Männer sich entfernt hatten. Die Agenten des pakistanischen Geheimdiensts bildeten die Nachhut.

Sie blieb noch eine Stunde in Les Grandes Alpes, wo sie mehrere Male mit dem Sessellift nach oben fuhr und dann auf Skiern wieder abfuhr. Als sie ganz sicher war, dass niemand ihr folgte, fuhr sie ein letztes Mal zu Tal, schnallte die Skier ab und gab sie zusammen mit den Skistöcken und Stiefeln am Verleih ab. Anschließend ging sie in die Umkleide, zog ihre Skikleidung aus und verstaute alles ordentlich in einer Umhängetasche.

Fünf Minuten später trat sie mit Jeansshorts, einem engen schwarzen Top und flachen Schuhen bekleidet ins Freie. Ihre große Uvex-Skibrille hatte sie gegen eine Ray-Ban-Sonnenbrille vertauscht und das Zopfgummi aus den Haaren gezogen, sodass die ungestümen Locken ihr über die Schultern und ins Gesicht fielen.

Als sie den unteren Teil der Skipiste passierte, warf sie einen letzten Blick hinauf zu den Dachsparren, wo gut versteckt Schneemaschinen unaufhörlich dicke zarte Flocken aus Kunstschnee auf den Hang rieseln ließen. Nicht übel für einen Wüstenstaat, der etliche tausend Kilometer weit weg von Europa ist, dachte sie. Was stand noch gleich im Koran? Wenn Mohammed nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zu Mohammed kommen.

Kurz darauf trat sie durch eine große Doppeltür ins grelle Sonnenlicht des zweiunddreißig Grad Celsius heißen Tages im Spätherbst und fand sich inmitten der Großstadt Dubai am Persischen Golf wieder.

Am Auto angekommen, holte sie ihr Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer. Am anderen Ende der Leitung meldete sich jedoch nicht Moskau, sondern Washington, D. C.

»Ich bin’s, Emma«, sagte sie. »Die Sache läuft. Mitternacht in der Freihandelszone von Sharjah. Der Prinz wird sich persönlich die Ehre geben.«

4.

Das Mädchen mit Namen Amina war neun Jahre alt und spindeldürr. Sie hatte glänzendes schwarzes Haar und Rehaugen, die sich schon bei ihrer ersten Begegnung tief in Jonathans Gedächtnis eingebrannt hatten. Sonst wusste er nichts über sie. Nicht, ob sie in die Schule ging, lesen und schreiben konnte, ob sie gerne stickte oder ein Wildfang war, der lieber Fußball spielte. Amina konnte es ihm nicht sagen, und afghanische Eltern sprachen mit Fremden nicht über ihre Kinder. Aber all das spielte auch gar keine Rolle. Als Arzt wusste Jonathan seit dem ersten Blick auf Aminas Gesicht alles, was er wissen musste. Schon damals hatte er sich geschworen, dem Mädchen zu helfen.

Jetzt lag Amina narkotisiert auf dem Operationstisch vor ihm. Es gab kein Beatmungsgerät, das eine konstante Sauerstoffzufuhr gewährleistet hätte. Ebenso wenig gab es ein Blutgasgerät zur Kontrolle des Anästhetikums oder bereitliegende Blutkonserven im Falle eines Blutsturzes. Jonathan trug noch nicht mal eine OP-Maske, geschweige denn OP-Kleidung. Er konnte nur auf seine Erfahrung und seine Fähigkeiten, die Generika und »den Willen Gottes«, wie die Afghanen es nannten, vertrauen.

»Womit fangen wir an?«, fragte Hamid.

»Mit dem Gesicht. Die Rekonstruktion des Gesichts ist am schwersten und dauert am längsten. Dafür müssen wir fit und ausgeruht sein.« Die Raumtemperatur war kaum höher als zehn Grad. Jonathan massierte seine eisigen Finger. »Also, auf meiner Uhr ist es genau acht Uhr fünfzehn. Lass uns anfangen. Skalpell.«

Mit dem Instrument in der Hand betrachtete er konzentriert Aminas Gesichtszüge und überlegte, wie er am besten vorgehen sollte. Unterhalb des Kinns befand sich ein Loch von der Größe seines kleinen Fingers. Dort war die Kugel eingetreten. Die Austrittsstelle war eine große Wunde an Nase und Gaumen. Amina war nicht im eigentlichen Sinne ein Opfer des Krieges. Sie war das Opfer der Sorglosigkeit und einer Kultur, in der Waffen im Haus so selbstverständlich vorhanden waren wie Besen und Handfeger.

Vor einem Monat hatte Amina beim Spielen mit dem jüngeren Bruder die Waffe des Vaters, ein AK47, als Krücke oder Gehstock benutzt. Sie hatte den Schaft der Waffe zwischen die Füße gestellt, beide Hände auf den Lauf gelegt und das Kinn auf den Händen abgestützt. Niemand konnte später sagen, wie genau es zu dem Unglück gekommen war. Vielleicht hatte ihr Bruder sie geschubst oder einer von beiden war versehentlich gegen die Waffe getreten. Keines der Kinder hatte gewusst, dass im Gewehrlauf noch eine Kugel steckte und die Waffe nicht gesichert war. Jedenfalls löste sich der Schuss, und eine mit Kupfer ummantelte 7.62-mm-Patrone war durch Aminas Hände, ihren Unterkiefer und Gaumen bis in die Nasenhöhle gedrungen, wo sie zum Glück auf einen Knochen traf. Die Kugel prallte im Neunzig-Grad-Winkel vom Knochen ab, was Amina wahrscheinlich das Leben rettete. Beim Austritt aus dem Schädel zerstörte sie jedoch den größten Teil der Nasenscheidewand und des umliegenden Gewebes.

Doch das war erst der Anfang der Tragödie.

Mit nahezu unverminderter Geschwindigkeit schoss die Kugel auf ihrem neuen Kurs durch den Raum und traf Aminas Bruder an der Schläfe. Sie drang in sein Gehirn ein und tötete den Jungen auf der Stelle.

Die Operation erforderte Jonathans ganze Erfahrung und Kunstfertigkeit. Im Hinblick auf das Ergebnis machte er sich jedoch nichts vor. Aminas Schönheit war unwiederbringlich zerstört. Er konnte nur versuchen, ihre Gesichtszüge so weit wiederherzustellen, dass die Menschen sie nicht mehr entsetzt anstarrten und es ihr eines Tages vielleicht sogar gelänge, einen Mann zu finden.

Eine Stunde verging. Von draußen drangen Kampfgeräusche mal lauter, mal leiser zu ihnen herein. Längere Pausen wurden abrupt vom Rattern eines Maschinengewehrs oder dem dumpfen Knall einer explodierenden Hand- oder Mörsergranate unterbrochen. Mit jedem Schusswechsel schienen die Feinde näher zu kommen.

»Versuch das Blut abzuwischen«, sagte Jonathan.

Hamid tupfte vorsichtig mit Gaze über die Wunde. Alle paar Sekunden wanderte sein Blick von dem Mädchen zum Fenster. »Haq hat das Dorf erreicht.«

»Dann kommt er halt. Es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Ich brauche dich hier. Und zwar nicht nur deine Hände.«

Jonathan konzentrierte sich darauf, Knorpelmasse von Aminas Ohr zu entnehmen und daraus mit dem Skalpell einen schmalen Streifen zum Aufbau einer neuen Nase zu schälen.

Hundert Meter von der Krankenstation entfernt schlug eine Granate ein. Das Gebäude erzitterte in den Grundfesten. Staub und Putz rieselte von der Decke auf sie herab. Aminas Vater schlug erschrocken die Hände vor die Brust, sagte aber kein Wort. Jonathan beugte sich tiefer über das Mädchen und versuchte, alle störenden Geräusche auszublenden. Irgendwo draußen schrie eine Frau, aber Jonathan hörte sie kaum. Für ihn zählte nur noch das kleine Mädchen auf dem OP-Tisch.

Eine Kugel durchschlug die Außenwand und wirbelte Staub und Holzsplitter durch die Luft.

»Mist«, fluchte Hamid und duckte sich.

Jonathan trat einen Schritt zurück. Trotz der Kälte im Raum lief ihm der Schweiß über Gesicht und Körper, und das Hemd klebte ihm am Rücken. »Was hältst du davon?«

Hamid starrte auf das Gesicht des Mädchens. »Du bist ein echter Zauberer.«

»Wohl kaum, aber so dürfte es gehen.« Jonathan schob vorsichtig die Haut zurück und glättete die Knorpelmasse. »Ich weiß zwar nicht, ob das hier wie eine afghanische Nase aussieht, aber in Beverly Hills könnte es der letzte Schrei werden.«

Just in diesem Moment wurde ganz in ihrer Nähe eine Maschinengewehrsalve abgefeuert. Das Rattern der Waffe war so laut, dass Jonathan schmerzhaft das Gesicht verzog und Hamid vor Schreck aufschrie. Aminas Vater griff wortlos nach der leblosen Hand seiner Tochter und starrte auf den Boden.

Hamid stürzte zum Fenster. Er zog sein Handy aus der Tasche und umklammerte es, als hinge sein Leben davon ab. »Warum hören sie nicht auf zu schießen? Niemand dort draußen leistet ihnen noch Widerstand.«

»Komm zurück«, sagte Jonathan. »Ein Anruf kann uns jetzt auch nicht mehr helfen.«

Hamid verkniff sich die Antwort und steckte das Handy wieder ein. Mit gesenktem Kopf schlich er zurück zum OP-Tisch.

»Als Nächstes werden wir das Loch im Gaumen schließen, damit das Mädchen wieder feste Nahrung zu sich nehmen kann«, sagte Jonathan. »Zieh eine Spritze mit fünf Kubikzentimeter Lidocain auf.«

Hamid gab keine Antwort. Sein Blick war starr auf das Fenster gerichtet. Am anderen Ende des Dorfes stieg eine Rauchsäule auf. »Das ist ganz in der Nähe von unserem Haus.«

Jonathan warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. »Lidocain, Hamid. Fünf Kubikzentimeter.«

Irgendwo draußen blökte unablässig ein Kamel. Dann ertönte ein Schuss, und das Tier verstummte. Mit heulenden Motoren näherten sich mehrere Fahrzeuge auf der holprigen Straße.

»Hamid.«

»Ja, Dr. Jonathan.«

»Lidocain.«

Hamid reichte ihm die Spritze.

»Habe ich dir eigentlich erzählt, warum ich nach Afghanistan gekommen bin?«, fragte Jonathan.

Hamid blickte ihm ins Gesicht. »Um das hier zu tun. Um zu helfen, meine ich.«

Jonathan machte sich wieder an die Arbeit. »Das ist nur einer der Gründe. Es gab noch andere. Vor allem wollte ich einiges wiedergutmachen.«

»Wiedergutmachen, Dr. Jonathan? Hast du denn etwas Schlimmes getan?«

»Nicht nur ich, sondern auch meine Frau.«

»Du hast doch gesagt, dass du nicht verheiratet bist.«

»Das war eine Lüge. Ich war acht Jahre lang verheiratet. Offiziell bin ich das immer noch, aber nach all dem, was meine Frau getan hat, hat sich das Ganze für mich erledigt. Die ganzen Jahre war ich mit einer Geheimagentin der Regierung verheiratet und hatte keine Ahnung. Sie hat mich geheiratet, weil meine Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen für sie die ideale Tarnung war und sie an die politischen Unruheherde in Afrika, dem Mittleren Osten und Europa gebracht hat, wo sie ungestört ihre Aufträge durchführen konnte.

»Aufträge? Was meinst du damit?«

»Bombenattentate, räuberische Erpressung, Auftragsmorde.«

»Sie hat Leute umgebracht?«

»Das hat sie. Sie hat für einen Geheimdienst namens Division gearbeitet … Sie war ihre beste Agentin.« Jonathan legte eine Pause ein und senkte die Stimme. »Auch ich habe Menschen getötet. Ich musste es tun. Es ging nicht anders. Trotzdem macht es mir immer noch zu schaffen. Es gäbe noch viel dazu zu sagen, aber genau das ist der Grund, weshalb ich hier bin. Um für ihre und meine Schuld zu büßen. Wenn ich schon so naiv war, nicht mitzubekommen, dass die Frau, mit der ich das Bett geteilt habe, eine Spionin ist, sollte ich mich zumindest zum Teil für ihre Taten mitverantwortlich fühlen. Stell dir vor, bis vor drei Monaten kannte ich noch nicht einmal ihren richtigen Namen. Sie heißt Lara und ist Russin. Sie ist nicht einmal Amerikanerin. Verrückt, oder?«

Vor dem Fenster hielten zwei mit Maschinengewehren bestückte Pick-ups. Talibankämpfer sprangen von der Ladefläche und stürmten in die Krankenstation. Die Tür des OP-Raums wurde aufgerissen. Ein groß gewachsener Mann mit dem Auftreten eines machtgewohnten Führers trat ein. In der Hand trug er ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr. Ein kleinerer Mann folgte ihm dicht auf den Fersen. Er nahm Hamid in den Polizeigriff und zwang ihn auf die Knie. Sechs kampfbereite Krieger stürmten in den Raum und richteten ihre Waffen auf Jonathan.

Jonathan trat einen Schritt zur Seite. »Ich operiere gerade«, sagte er ruhig. »Lassen Sie meinen Assistenten los, und verlassen Sie bitte den Raum.«

Der hochgewachsene Anführer kümmerte sich nicht um Jonathans Einwände und rührte sich nicht von der Stelle. »Sie sind der Heiler, von dem alle erzählen«, stellte er in fehlerfreiem Amerikanisch fest.

Jonathan musterte ihn eingehend. Seit Wochen hatte ihn niemand mehr auf Amerikanisch angesprochen. »Ich bin Arzt.«

»Ich muss Sie bitten, mit mir zu kommen.«

»Wir können unser Gespräch gerne fortführen, wenn ich hier fertig bin.«

»Sie werden jetzt sofort mitkommen.«

Einer der Taliban trat an den OP-Tisch, zog eine Pistole aus dem Gürtel und drückte den Lauf gegen Aminas Stirn. Sein Blick wanderte erwartungsvoll zum Gesicht des Anführers.

Dieser schlug die Hand des Mannes mit der Waffe weg und blickte Jonathan direkt in die Augen. »Wie lange wird das hier noch dauern?«

»Drei Stunden. Ich habe Sie bereits einmal gebeten, den OP-Raum zu verlassen. Jetzt muss ich wohl noch deutlicher werden. Verschwinden Sie auf der Stelle, und nehmen Sie Ihre Männer mit.«

»Eine ziemlich gewagte Antwort für einen Mann in Ihrer Lage, Dr. …«

»Ransom. Und mit wem habe ich das Vergnügen?«, konterte Jonathan, obwohl er die Antwort bereits kannte. Die langen, gekrümmten Fingernägel des Mannes waren ihm ebenso wenig entgangen wie die klobige Casio G-Force an dessen Arm und die Gravur »W. Barnes USMC« auf dem Gewehr. »Ich nehme mal an, dass Ihr Name nicht Barnes lautet.«

»Mein Name ist Sultan Haq.« Haq gab den Befehl, Hamid loszulassen, und reichte einem der Männer sein Gewehr. »Wer ist das Mädchen?«

»Sie heißt Amina und hatte einen Unfall.« Jonathan erklärte, was geschehen war und wie er versuchte, ihr Gesicht chirurgisch wiederherzustellen. Haq hörte ihm so aufmerksam zu wie ein Assistenzarzt bei der Visite seinem Chefarzt.

»Sie sind ausgesprochen begabt«, sagte der Habicht. »Das ist nicht zu leugnen. Sie können das Gesicht des Mädchens weiteroperieren. Aber ihre Hände können noch warten.«

»Das Mädchen hat lange genug gewartet«, sagte Jonathan.

Einer von Haqs Kämpfern platzte unvermittelt ins Zimmer. »Eine Drohne«, rief er aufgeregt, stürzte zum Fenster und deutete mit dem Finger zum Himmel.

Haqs Männer redeten wild durcheinander. Einige verließen eilig die Krankenstation und rannten zu Fuß zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Andere ballten die Hände zu Fäusten und richteten sie mit lauten Drohungen und Beschimpfungen gegen Jonathan. Nur Sultan Haq blieb ungerührt stehen. Er musterte Jonathan skeptisch und abschätzend. »Sind Sie von der CIA?«, fragte er schließlich noch genauso gleichmütig.

»Nein.«

»Vom MI6? Oder vielleicht vom Mossad? Sind Sie hier, um mich zu töten?«

»Nein.«

»Warum haben Sie sich dann in dieses abgelegene Dorf gewagt, fernab jeder Hilfe?«

Jonathan betrachtete das schlafende Mädchen auf dem OP-Tisch. »Um ihr zu helfen.«

»Dann sind Sie wahrhaftig ein Kreuzritter«, stellte Haq bewundernd fest.

Ein dreckverschmiertes Gesicht blickte von draußen durch das Fenster. »Falscher Alarm«, rief der Mann. »Keine Drohne. Nur ein Kampfjet. Er hat abgedreht und fliegt in Richtung Norden.«

Haq legte eine Hand auf Jonathans Schulter. »Das ist Ihr Glückstag. Das gilt aber nicht für ihn.« Er wandte sich abrupt um, zog eine Pistole aus dem Gürtel und richtete den Lauf auf Hamids Stirn. »Dr. Ransom, Sie haben genau fünfzehn Minuten, um die OP zu beenden. Andernfalls erschieße ich ihn. Dauert die OP länger als dreißig Minuten, erschieße ich auch das Mädchen. Sie sind mein Gefangener und werden tun, was ich Ihnen sage.«

5.

Emma Ransom, alias Lara Antonowa, raste in einem BMW M5 über die achtspurige Autobahn. Eine Kurierin allein in der Nacht. Die Wagenfenster waren heruntergelassen, und die warme Nachtluft trug den Geruch von Meer und sonnenverbrannter Erde zu ihr herein. Die Digitaluhr im Armaturenbrett zeigte genau 11.47 Uhr an. Unter dem schwarzen Nachthimmel funkelten unzählige gleißende Lichter in einem lang gezogenen Streifen am Horizont. Emma passierte ein Schild mit der Aufschrift »Sharjah-Freihandelszone 5 km«.

»Ein letzter Systemcheck«, sagte sie laut.

»Wir hören dich laut und deutlich«, antwortete eine schroffe Stimme mit amerikanischem Akzent in ihrem Ohr.

»Wie ist das Bild?« Eine Mikro-Digitalkamera im obersten Knopf ihrer Bluse war direkt mit ihrem Handy verbunden. Die aufs Handy übertragenen Bilder wurden in einen Bürokomplex auf dem Gelände von Fort Belvoir in Virginia weitergeleitet, das wie Washington, D.C., am Ufer des Potomac lag, nur auf der anderen Seite des Flusses.

»Wenn du tatsächlich gerade mit zweihundert Sachen über die Autobahn bretterst, funktioniert die Kamera einwandfrei. Und jetzt geh gefälligst vom Gas.«

»Ich will nur wissen, ob das Bild scharf und die Kamera gerade ausgerichtet ist.«

»Ja und ja. Und vergiss nicht, dass du nur die Lieferung übergeben, das Geld für General Iwanow in Empfang nehmen und danach so schnell wie möglich wieder verschwinden sollst. Verstanden?«

»Ja, Frank. Verstanden.«

»Egal, wie du es anstellst, du darfst auf keinen Fall in der Nähe sein, wenn er die Waffe ausprobiert.«

Mit der Waffe war ein großkalibriges Scharfschützengewehr vom Typ VSSK Vychlop gemeint, das zu den durchschlagskräftigsten der Welt zählte.

»Wie habt ihr die Waffe manipuliert?«

»Das geht dich nichts an.«

»Keine Informationen, kein Deal.«

»Auf drei speziell angefertigten Patronen haben wir Raschids Namen und sein königliches Familienwappen eingravieren lassen, bevor wir sie zu der Waffe gelegt haben. Zwei der Patronen sind harmlos. In der dritten befinden sich fünfzig Gramm C4. Sobald diese Patrone abgefeuert wird, ist Schluss mit lustig: Bang. Und mit bang meine ich eine echt fiese Schrapnellexplosion. Glaub mir, wenn die losgeht, möchtest du nicht in der Nähe sein.«

»Danke für die Auskunft«, sagte Emma. »Schön, dass du dich so um mich sorgst.«

»Ich mich sorgen? Um dich? Seit wann?«

Emma musste unwillkürlich lachen. Vielleicht, weil Connors Worte genau ins Schwarze trafen oder weil sie sich insgeheim wünschte, es wäre anders.

Trotzig drückte sie das Gaspedal noch weiter durch. Mit beiden Händen umklammerte sie das Steuer, während die Nadel auf dem Tacho höher und höher kletterte: 200 … 220 … 240. Der warme Wind peitschte ihr um die Ohren.

»Runter vom Gas«, sagte Connor.

Frank Connor war der Leiter von Division und Emmas Boss. Emma ignorierte seine Anweisung.

Sie hatte die Freihandelszone fast erreicht. Vor ihren Augen tat sich ein gigantischer Komplex aus Lagerhallen, Hangars, Kränen und eingezäunten Arealen auf. Die Autobahn wurde vierspurig. Ein Schild zeigte an, dass auf dieser Strecke höchstens achtzig Stundenkilometer erlaubt waren. Emma drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch, der Tacho sprang auf 260. Den Blick unverwandt auf den durchgezogenen weißen Strich der Fahrbahn gerichtet, genoss sie das Dröhnen des starken V10-Motors mit fünf Liter Hubraum. Die Außenwelt verschwamm vor ihren Augen.

»Verdammt noch mal, Emma! Runter vom Gas!«

Stur hielt Emma ihren Fuß fest aufs Gaspedal gedrückt. 280 … 290 … 300.

Dann nahm sie unvermittelt den Fuß vom Gas und trat auf die Bremse. Der Wagen wurde abrupt langsamer. Emma wurde nach vorn in den Gurt gedrückt. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, und ihr Herz raste. Mit einem tiefen Atemzug gelang es ihr, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch verschwanden, und ihr Herz schlug wieder normal. Sie war nicht mehr Emma oder Lara. Nur noch Agentin. Namen spielten keine Rolle. Die Operation bestimmte, wer sie war, und gab sowohl Sinn als auch Ziel vor.

Emma verließ die Autobahn und bog auf die östliche Zufahrt zur Freihandelszone ab. Vor einer Kontrollstelle hielt sie an. Ein hoher Zaun mit Stacheldraht versperrte ihr die Durchfahrt. Ein Wachmann in Uniform musterte sie prüfend, erkundigte sich aber weder nach ihrem Namen noch nach einem Ausweis. Ihr Besuch war schon im Vorfeld angekündigt worden. »Fahren Sie geradeaus«, sagte der Wachmann. »Nach zwei Kilometern erreichen Sie Lagerhalle 7. Dort werden Sie bereits erwartet.«

Ratternd öffnete sich der Zaun, und Emma lenkte den Wagen auf das Gelände. Sie kam an einer Reihe Lagerhallen vorbei. Jede war fünf Stockwerke hoch und zwei Blocks lang. Selbst zu dieser späten Stunde herrschte überall auf dem Gelände noch reger Betrieb: Lkws luden oder löschten ihre Ladung, Gabelstapler fuhren hin und her, und Kräne hievten Container von Güterzügen auf Tieflader.

Schließlich tauchte Lagerhalle 7 vor Emma auf. Wieder versperrte ihr ein Sicherheitszaun den Weg zur Halle. Als sie jedoch darauf zufuhr, öffnete sich das Tor wie von Zauberhand. Einige Meter dahinter parkte ein Streifenwagen mit blinkenden Lichtern am Straßenrand. Der Fahrer streckte eine Hand aus dem Fenster und gab Emma zu verstehen, dass sie ihm folgen solle.

Über eine Strecke von zwei Kilometern folgte Emma dem Streifenwagen über einen weitläufigen asphaltierten Platz bis zu einem kleineren Hangar am äußersten Ende der Freihandelszone. Die gewaltigen Tore des Hangars standen offen, und an der Decke brannten helle Lampen. Mit den Augen suchte Emma das Gebäude ab. Einen Moment lang glaubte sie, eine dunkle Gestalt auf dem Dach zu erkennen, aber als sie genauer hinsah, war sie schon wieder verschwunden.

Sie entdeckte Balfour, der allein neben seinem Bentley Mulsanne Turbo stand. Seine Entourage war auf einen einzigen Mann geschrumpft, einen knapp zwei Meter großen Sikh, den Emma unter dem Namen Mr. Singh kannte.

Auf dem Gelände waren aber außer ihnen noch etwa ein Dutzend Polizisten anwesend, die über Balfours Wohlergehen wachten. Sie befanden sich im Hoheitsgebiet des Prinzen, der für die Sicherheit seiner Gäste garantierte.

Emma stellte den Motor ab und stieg aus dem Wagen. Ein Polizist durchsuchte sie und ließ sie danach passieren.

»Ah, Miss Antonowa«, begrüßte Balfour Emma wie ein Gastgeber auf einer Cocktail-Party. »Sie haben also hergefunden.«

»Wo ist der Prinz?«, frage Emma.

»Wird jede Minute hier eintreffen. Wo ist das Flugzeug mit der Lieferung?«

»Es wird pünktlich landen.«

»Dann warten wir also«, sagte Balfour.

»Etwas anderes dürfte uns wohl auch kaum übrig bleiben«, konterte Emma. »Ich habe Sie noch nie ohne Ihr Wolfsrudel getroffen. Fühlen Sie sich nicht ziemlich nackt und schutzlos?«

»Ich habe doch Mr. Singh bei mir. Außerdem haben der Prinz und ich seit Langem ein sehr vertrauensvolles Verhältnis.«

Emma zog eine Augenbraue hoch. Von solchen vertrauensvollen Beziehungen hielt sie nicht viel.

»Dazu kommt noch«, sagte Balfour, »dass ich etwas habe, woran der Prinz sehr interessiert ist.«

»Ich war davon ausgegangen, dass ich für die Ware zuständig bin.«

»Nicht Ihre Ware«, sagte Balfour. »Das sind nur Waffen. Spielzeug. Ich spreche von etwas ganz anderem. Etwas viel Interessanterem.«

»Natürlich tun Sie das«, erwiderte Emma. Doch anstatt weiter nachzubohren und sich ihre berufsbedingte Neugier anmerken zu lassen, verließ sie den Hangar und blickte hinauf in den schwarzen Nachthimmel. Zahllose startende Flugzeuge sorgten noch immer für regen Betrieb.

»Alles meine«, bemerkte Balfour, der ihr gefolgt war. »Frachtmaschinen auf dem Weg in den Irak. Acht Jahre lang haben die Amis alle erdenklichen Güter dorthin verfrachtet. Jetzt wollen sie alles in nur achtzehn Monaten wieder ausfliegen lassen. Ich bin natürlich gerne bereit, ihnen dabei behilflich zu sein.«

Aus östlicher Richtung näherte sich ein Flugzeug im Landeanflug. Emma warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war genau 11.58 Uhr. Die Tupolew aus Teheran war pünktlich.

»Ist das unsere Lieferung?«, fragte Balfour.

»Die Zeitvorgabe des Prinzen war Mitternacht. Nicht nur die Schweizer sind pünktlich.«

»Man kann sich also auf Sie verlassen?«, fragte Balfour mit verschwörerischem Unterton.

»Habe ich Sie schon einmal enttäuscht?«

Balfour setzte ein verschlagenes Grinsen auf. »Bislang nicht. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass ich Ihnen auch trauen kann.« Er baute sich dicht vor ihr auf und zündete sich eine Zigarette an. »Wie weit reichen Ihre Kontakte in die Spitze in Moskau?«

»So weit wie nötig.«

»Bis zum Direktor? General Iwanow?«

Emma blickte Balfour direkt in die Augen. Sie hielt sich zurück, denn sie wusste, dass Balfour auf etwas Bestimmtes hinauswollte.

Balfour warf verstohlen einen Blick auf die Polizisten, die einsatzbereit neben ihren Wagen standen. Dann packte er Emma am Arm und führte sie zu einer etwas abseitsgelegenen Böschung am Rande der Rollbahn. »Ich bin da auf etwas gestoßen«, sagte er. »In den Bergen. Es handelt sich um eine Art Kapsel. Ich habe vor, sie freizulegen und irgendwie vom Berg herunterzuholen.«

Emma ließ sich ihre Neugier noch immer nicht anmerken. »Das ist nicht ganz unsere Kragenweite«, sagte sie. »Tut mir leid.«

»Es handelt sich um eine Bombe«, fuhr Balfour fort. »Amerikanisches Fabrikat.«

»Tatsächlich? Was denn für eine Bombe?«

»Keine Ahnung. Alles, was ich habe, ist ein Foto von der Bombe. Für meinen Geschmack liegt der Fundort zu weit oben in den Bergen. Ich leide unter Asthma. Deshalb kann ich Ihnen nur sagen, dass es eine ziemlich große und schwere Bombe ist.«

»Ich bin Agentin, keine Bergführerin. Welche Art Hilfe erwarten Sie denn von mir?«

»Ausrüstung. Experten. Am besten ein ganzes Team.«

Trotz ihrer zur Schau gestellten Gleichgültigkeit war Emma begierig darauf, mehr zu erfahren. Die Worte »groß«, »Bombe« und »amerikanisches Fabrikat« klangen natürlich hochinteressant. »Haben Sie das Foto zufällig dabei?«

Balfour blickte sich noch einmal nach den im Hintergrund wartenden Polizisten um. »Wir müssen schnell machen, bevor der Prinz kommt.« Mit diesen Worten zog er ein Foto aus der Innentasche seines cremefarbenen Sportjacketts und reichte es Emma. »Also, was halten Sie davon?«

Emma betrachtete das Foto. Darauf war ein im Schnee steckender, länglicher Metallzylinder zu sehen. Auf der silbern glänzenden Ummantelung waren in Schwarz die Buchstaben »USAF« aufgemalt. Ein Stück weiter ragte eine Art Flügel aus dem Schnee. Emma hielt sich das Foto dicht vors Gesicht. Die genaue Größe des Objekts war unmöglich zu bestimmen. Es konnte einen oder auch zehn Meter lang sein. »Ich würde auf eine Bombe oder einen Marschflugkörper tippen.«

»Ja, aber was für eine Art Bombe?«

»Haben Sie kein Foto von dem Ding ohne diese Unmengen von Schnee?«

Balfour zögerte einen Moment. »Leider nein.«

Emma starrte noch immer unverwandt auf das Foto. Ihr war klar, dass Balfour sie anlog und mehr wusste, als er zugeben wollte. »Wo genau, sagten Sie, haben Sie das Ding gefunden?«, fragte sie.

»Über den Fundort habe ich noch kein Wort verloren. Dazu war bislang noch keine Gelegenheit.« Plötzlich drangen Motorengeräusche zu ihnen herüber. Balfour schnappte Emma das Foto aus der Hand und verstaute es wieder in der Jackentasche. »Die Sache bleibt unser kleines Geheimnis.«

»Versteht sich von selbst.«

Als Emma sich umwandte, sah sie einen Konvoi aus sieben schwarzen Mercedes-SUVs über die Rollbahn auf sie zufahren. An den Antennen flatterten kleine VAE-Banner. Balfour lief zurück zum Hangar. Emma folgte ihm mit etwas Abstand. Dabei suchte sie mit den Augen das Dach des Hangars ab. Die dunkle Gestalt von vorhin war wieder da. Diesmal zeigte sie sich sogar ganz offen. Außer ihr entdeckte Emma noch drei weitere Scharfschützen auf dem Dach. Entweder war der Prinz außerordentlich besorgt um ihre Sicherheit, oder etwas an der Sache stank gewaltig.

»Kannst du das sehen, Frank?«, flüsterte sie. »Sie haben Scharfschützen auf dem Dach postiert. Irgendwas ist faul. So vorsichtig war er bislang noch nie.«

Emma wartete auf eine Reaktion, aber niemand antwortete.

»Frank?«, fragte sie leise.

Ein leiser Pfeifton drang aus dem Lautsprecher im Ohr. Emma wusste, dass irgendwo ein Störsender aktiviert worden war, um Funksignale in der Nähe des Prinzen zu blockieren. Connors Stimme konnte nicht mehr zu ihr durchdringen. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Stimme und die Bilder von der Kamera im Knopfloch noch bis zu Connor gelangten.

Völlig auf sich allein gestellt, beschleunigte Emma ihre Schritte. Die Wagenkolonne hielt an. Emma sah, wie sich die Fahrertür an einem der Wagen öffnete und ein Mann mit der braunen Uniform und den grünen Schulterstücken eines Generals der einheimischen Polizei ausstieg.

Der Prinz war eingetroffen.

6.

Prinz Raschid Albayar al-Zayid war der zwölfte Sohn des Kronprinzen und regierenden Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate Ali al-Zayid. Er war zweiunddreißig Jahre alt, gut eins achtzig groß und konnte mit seinen breiten Schultern, dem gewinnenden Lächeln und den blitzenden braunen Augen mit dem aufrichtigen Blick Menschen im Nu für sich einnehmen. Raschid gehörte nicht zu den Royals, die nur vom hochherrschaftlichen Namen der Familie leben und mit Geld um sich schmeißen, als wäre es eine olympische Disziplin. Er war das genaue Gegenteil. Mit Auszeichnung hatte er die amerikanische Phillips Exeter Academy, die Universität Cambridge und die renommierte Business School INSEAD abgeschlossen und war danach in sein Heimatland zurückgekehrt, um beim Staat Karriere zu machen. In nur sechs Jahren hatte er sich vom Leiter des Zollamts zum stellvertretenden Außenminister hochgearbeitet und war gerade zum Polizeichef des Landes ernannt worden.

In seiner Freizeit war Prinz Raschid Vorsitzender eines Pan-arabischen Gipfels zum Klimawandel und vertrat die königliche Familie ...

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