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Geteilter Tod

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
  53. 47
  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51
  58. 52
  59. 53
  60. 54
  61. 55
  62. 56
  63. 57
  64. 58
  65. 59
  66. 60
  67. 61
  68. 62
  69. 63
  70. 64
  71. 65
  72. 66
  73. 67
  74. 68
  75. 69
  76. 70
  77. 71
  78. 72
  79. 73
  80. 74
  81. 75
  82. 76
  83. 77
  84. 78
  85. 79
  86. 80
  87. 81
  88. 82
  89. 83
  90. 84
  91. 85
  92. 86
  93. 87
  94. 88
  95. 89
  96. 90
  97. 91
  98. 92
  99. 93
  100. 94
  101. 95
  102. 96
  103. 97
  104. 98
  105. 99
  106. 100
  107. 101
  108. 102
  109. 103
  110. 104
  111. 105
  112. 106
  113. 107
  114. 108
  115. 109
  116. 110
  117. 111
  118. 112
  119. 113
  120. 114
  121. 115
  122. 116
  123. 117
  124. 118
  125. 119
  126. 120
  127. 121
  128. 122
  129. 123
  130. 124
  131. 125
  132. 126
  133. 127
  134. 128
  135. Danksagungen

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere am Theater als Sprecherin, vor allem im Hörspiel, für die BBC und Capital Radio London tätig. Zeitweise arbeitete und lebte sie auch in New York. Ihr erster Roman war eine Liebesgeschichte; bekannt aber wurde sie durch ihre Psychothriller, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute in einem Vorort von London.

 

Sie lagen auf dem Boden, die Gliedmaßen ineinander verschlungen.
Sie sahen aus wie ein Paar beim Sex.
Wären sie nicht so weiß gewesen, als bestünden sie aus Alabaster.
Wie eine Skulptur.
Ein Werk der Schönheit, wenngleich verschandelt.
Vom Grauen.
Von einem gewaltsamen Tod.

1

6. Februar

Der Keeper kauerte auf dem Fußboden, dicht vor dem Käfig mit dem Kunststoffgitter.

Der beste Platz, wenn man in Ruhe ein bisschen Zeit mit ihnen verbringen wollte.

Isabella die Siebte war aus dem Käfig herausgekommen und machte es sich auf dem Bauch des Keepers gemütlich.

Jede Ratte hatte ihre Besonderheiten, doch Isabella fand Gefallen an menschlichen Berührungen und menschlicher Haut und liebte es zu kuscheln.

Bald, das wusste der Keeper, würde das Weibchen geschlechtsreif werden; dann würde sie ebenso wie ihre Vorgängerinnen bei dem großartigen Schauspiel zu beobachten sein, bei dem sie Quietschlaute von sich gab und begehrlich zu vibrieren begann. Und dann, bei der sanftesten Berührung durch Romeo den Fünften, ihrem stürmischen Männchen, würde Isabellas Schwanz sich heben, und sie würde ihr pelziges kleines Hinterteil in die Höhe strecken und den geheimen, winzigen Teil ihrer Weiblichkeit entblößen, dessen Farbe sich dann veränderte, eine violette Schattierung annahm und sich ihm öffnete.

Der Keeper fand das herrlich.

Isabellas Männchen gefiel es auch. Obwohl Romeo, wie alle gesunden Männchen, wahrscheinlich mit Freuden ganze Scharen von Weibchen bestiegen hätte, wenn sie ihm ihre kleinen, scharfen Hintern hingehalten hätten.

Da es heute darüber hinaus nichts zu berichten gab, was von Bedeutung gewesen wäre, nahm der Keeper Isabella in die Hand, hielt ihren kleinen Körper fest, maß ihre Temperatur und kontrollierte ihren Puls. Alles war bestens, und so trug er nur ein paar Vermerke in die Überwachungstabelle ein und ließ das Tierchen dann wieder auf dem Bauch nieder.

Isabella kuschelte sich wieder an die warme menschliche Haut, und der Keeper streichelte das Köpfchen der Ratte.

Ratten waren liebenswerte Kreaturen, die oft verkannt wurden. Der Keeper studierte und versorgte seine Ratten jetzt schon eine ganze Weile und hatte sie gern; sie rührten ihn nicht nur, sie beeindruckten ihn auch, denn sie waren von Natur aus ebenso individuelle Wesen wie Hunde und Katzen. Oder wie Menschen.

Sie liebten es zu essen, zu spielen, einander zu bekämpfen und es miteinander zu treiben.

Und einige liebten es zu töten.

Man musste ihnen allerdings Grenzen setzen. Sie benötigten sorgsame Überwachung.

Doch nach einiger Zeit, wenn es nichts mehr gab, was man an ihnen noch hätte beobachten können, langweilten sie den Keeper, und er tauschte sie aus. Eine Isabella räumte den Platz für eine andere.

Gleiches geschah bei Romeo.

Kein langes Leben, nicht einmal für Rattenverhältnisse, aber ein angenehmes, vielleicht sogar glückliches Dasein in einem Zuhause, das komplett eingerichtet war mit Spänen aus Zedernholz, Konservendosen, in denen die Tiere sich verstecken, und Kartons, in denen sie nisten konnten. Und es gab gutes, nahrhaftes Futter.

Genau genommen war das Ganze eine Billigminiatur des Rat Parks, jenes Rattenparadieses, das in den 1970er Jahren von dem kanadischen Psychiater Bruce Alexander erbaut worden war, der an Ratten Experimente im Zusammenhang mit Drogensucht vorgenommen und festgestellt hatte, dass die Tierchen es nicht schätzten, high zu sein, und lieber klares Wasser tranken als irgendwelches mit Morphium und Zucker versetztes Zeug.

Ratten waren nicht dumm.

Ganz und gar nicht.

Isabella regte sich und bewegte sich in Richtung Süden, auf feuchtwarme Gefilde zu.

»Heute nicht«, musste der Keeper sie enttäuschen, nahm sie wieder behutsam in die Hand und streichelte ihre süße kleine Nase.

Diese Isabella hier war von jeher etwas Besonderes gewesen.

Wenn ihre Zeit kam, würde der Keeper ihrem Leben auf sanfte Weise ein Ende bereiten.

Noch aber war es nicht so weit.

Romeo war noch nicht fertig mit ihr.

2

Das Leben meinte es gut mit den Beckets.

Sie lebten gesund und zufrieden in dem kleinen weißen Haus auf Bay Harbor Island, in dem Grace Lucca Becket bereits mehrere Jahre gewohnt hatte, bevor sie ihrem jetzigen Ehemann Sam begegnet war.

Sie führten ein unbeschwertes Leben.

Nur war es genau die Art von Unbeschwertheit, die Grace nervös machte.

Früher war sie nicht abergläubisch gewesen, war es aber mit der Zeit geworden. Bisweilen klopfte sie sogar auf Holz, verstohlen, damit keiner es bemerkte - außer Sam natürlich, dem sowieso nichts entging.

Das hatte man davon, wenn man mit einem Detective vom Miami Police Department verheiratet war.

Doch wenn es sich bei diesem Detective um Sam Becket handelte, hatte man viel mehr Gutes als Schlechtes: Liebe, Fürsorge und Güte, die nicht nur einem selbst, dem Sohn im Babyalter und der erwachsenen Tochter galten, sondern allen Menschen, die einem etwas bedeuteten.

Es bedeutete aber auch jedes Mal Sorgen und innere Anspannung, wenn Sam sich auf den Weg zur Arbeit machte. Denn selbst in einem Revier, in dem es so zivilisiert zuging wie in Miami Beach, hatte ein Detective des Dezernats für Gewaltverbrechen es viel zu oft mit Wahnsinnigen zu tun.

Man konnte nie wissen.

Aber für den Moment meinte das Leben es gut, und die düsteren Zeiten lagen hinter ihnen.

Klopf auf Holz, dachte Grace lächelnd.

Joshua war siebzehn Monate alt und ein unbekümmerter, wissbegieriger kleiner Junge, der das Töpfchentraining unterhaltsam fand und über einen Sprachschatz verfügte, von dem zwanzig Worte klar verständlich waren. Grace hatte ihre Arbeit als Kinder- und Jugendpsychologin wiederaufgenommen und behandelte nun wieder Patienten; und Cathy, ihre zweiundzwanzigjährige Adoptivtochter, war kurz vor Weihnachten nach neun Monaten im fernen Kalifornien nach Hause gekommen, sodass ausnahmsweise die ganze Familie zum Fest vereint gewesen war. Sogar Grace' Schwester Claudia war da gewesen mit ihrem Ehemann Daniel und ihren Söhnen, und es schien ihnen gut zu gehen, als würden sie sich von den Zeiten der Unsicherheit erholen.

Und dann hatte Cathy, kaum zu Hause angekommen, ihre Sachen wieder gepackt und war gleich wieder ausgezogen, dieses Mal vielleicht für immer. Weder Grace noch Sam hätten sich jemals vorstellen können, dass es sie glücklich machen würde, doch war Cathy genau zu dem Zeitpunkt nach Bay Harbor Island zurückgekehrt, als Saul, Sams jüngerer Bruder, in Sunny Isles Beach eine Wohnung gefunden und Cathy gefragt hatte, ob sie dort mit einziehen wolle. Saul verdiente genug mit seiner Möbeltischlerei, um die Miete allein aufbringen zu können, und das Erbe, das Judy Becket ihm und Sam drei Jahre zuvor hinterlassen hatte, hatte ihm eine solide finanzielle Basis verschafft. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Cathy sich an den anfallenden Kosten beteiligen sollte, sobald sie einen Job hatte. Bis dahin war Saul zufrieden mit der jetzigen Situation.

Auf dem Papier waren sie zwar Onkel und Nichte, aber weil der Altersunterschied nur ein Jahr betrug, waren sie wie Bruder und Schwester, eher noch wie beste Freunde. Als David Becket und seine inzwischen verstorbene Ehefrau Judy den kleinen Sam adoptiert hatten - einen verwaisten, achtjährigen afroamerikanischen Jungen -, hätten sie sich niemals ausmalen können, dass sie damit eine großartige Familientradition begründeten. Die verschiedenen kulturellen Hintergründe fügten sich zusammen wie eine perfekte amerikanische Patchworkdecke, und Cathy gehörte ebenso dazu wie Joshua.

Die Frage war, was Cathy jetzt tun wollte, nachdem sie so lange fort gewesen war.

Auf keinen Fall wollte sie zur Uni zurück, um weiterzustudieren und Sozialarbeiterin zu werden.

»Es liegt nicht nur an den schlimmen Erinnerungen«, erklärte sie ihren Eltern nach ihrer Rückkehr. »Es wäre so, als würde ich einen Schritt zurück machen.«

»Willst du dich ganz auf den Sport konzentrieren?«, hatte Sam gefragt, weil das Laufen stets Cathys große Leidenschaft gewesen war. Außerdem hatte sie ihnen geschrieben, wie sehr sie die Zeit als Assistentin eines Leichtathletiktrainers in Sacramento genossen hatte.

»Ich bin nicht gut genug für den Wettkampfsport«, erwiderte Cathy. »Und wenn ich unterrichten wollte, müsste ich wieder zurück ans College.«

Kurz nach Neujahr hatte sie Andeutungen gemacht, sie könne für ihre Mutter arbeiten, und für einen Moment hatte Grace' Herz einen Freudensprung gemacht, doch sie hatte diese Freude rasch unterdrückt: Sie hatte bereits eine ausgezeichnete Assistentin in ihrer Praxis, und Cathy könnte die Arbeit möglicherweise als beengend, wenn nicht gar erstickend, empfinden.

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, hatte Cathy gesagt. »Aber okay. Falls du jemals Hilfe brauchst …«

»Werde ich dich sofort ansprechen«, hatte Grace geantwortet.

Und dann hatte sie gefragt, ob Cathy sonst noch etwas vorschwebe.

»Da gibt es tatsächlich etwas«, hatte Cathy geantwortet. »Obwohl ihr zwei vielleicht meint, es käme aus heiterem Himmel.«

»Wir meinen überhaupt nichts«, hatte Grace erwidert, »solange du uns nichts erzählst.«

3

7. Februar

Am Samstagmorgen um acht Uhr fünfzehn standen Detective Sam Becket und sein Kollege Alejandro Martinez mit einem Team der Spurensicherung auf einem Hinterhof an der Collins Avenue.

Eigentlich war es kein Hinterhof, sondern ein ehemals schöner Garten mit nunmehr leeren Blumenschalen. Der Rasen war verwildert, und die Formschnitthecken sahen aus, als bedürften sie der intensiven Pflege durch einen Gärtner.

Die dreistöckige Villa, zu der dieser Garten gehörte, war früher eine Kunstgalerie gewesen. Eine Tafel an der Wand neben dem Eingang wies die Villa noch immer als »Oates Gallery of Fine Arts« aus, aber das alte, aus grauem Stein erbaute Haus war verschlossen, die Fensterläden zu. Keine Spur von Leben oder Licht drang nach draußen. Selbst der Briefkasten am Bürgersteig war verplombt.

Die Szenerie hätte friedlich wirken können, wären da nicht die vielen Polizeibeamten, Einsatzfahrzeuge und das gelbe Klebeband gewesen, mit dem das Haus, das umliegende Gelände und der Bürgersteig abgesperrt waren.

Es gab keinerlei Anzeichen für einen Einbruch, obwohl der gepflasterte Weg und der Garten auf beiden Seiten des hohen Eisentores auf der Ostseite der Villa so aussahen, als hätte sie unlängst jemand benutzt, denn im Gras waren Furchen zu sehen, die von schmalen Reifen stammten, und hier und da gab es Scheuerspuren auf den Pflastersteinen. Jede verdächtige Stelle war bereits mit Fähnchen markiert.

Die Villa befand sich auf der Collins Avenue in der Nähe der Einundachtzigsten Straße, nicht weit von der Stelle entfernt, an der man vor achtzehn Monaten einen ermordeten Mann am Strand aufgefunden hatte, was für Sam Becket und Alejandro Martinez der Auftakt zu einem entsetzlichen Fall gewesen war.

Doch es gab keine Verbindung zu diesem aktuellen Verbrechen, so viel stand fest, denn der Täter, der den Mord damals begangen hatte, lebte nicht mehr.

Abgesehen davon war das hier etwas ganz anderes.

Es war unvergleichlich in seiner Abscheulichkeit.

Keinem der Detectives des Miami Beach Police Departments war jemals etwas Derartiges unter die Augen gekommen.

»Ich habe selten Schlimmeres gesehen«, sagte der Gerichtsmediziner Elliott Sanders, der bereits am Tatort war. »Das ist krank.«

Mit seiner Bemerkung bezog er sich auf zwei nackte Körper, den eines Mannes und den einer Frau. Beide waren Weiße, vermutlich Mitte zwanzig. Der Mann hatte dunkles Haar, die Frau war blond, ihr Haar lang und zerzaust. Ein winziges Tattoo, das einen Weidenbaum zeigte, zierte die Haut über dem Po.

Aus der Ferne hätte es den Eindruck erwecken können, als wären die beiden während des Beischlafs gestorben und immer noch vereint, wie eingefroren und mit verzerrten Gesichtern. Doch als die Detectives näher kamen, sahen sie klaffende Wunden, die bei beiden Opfern um den ganzen Hals herum verliefen.

Sam sah, dass der Täter die Leichen regelrecht arrangiert hatte, und musste an eine Skulptur aus Fleisch und Blut denken, vielleicht an die groteske Parodie eines Rodin-Paares, doch die Leichen hätten ebenso gut - bei diesem Gedanken wurde Sam übel - siamesische Zwillinge sein können, die auf grässliche Weise an den Lenden miteinander verwachsen waren.

Und das war noch nicht einmal das Seltsamste an der Szenerie.

Die Leichen lagen in der Mitte des Rasens unter einer großen kuppelförmigen Plastikabdeckung, die einen Umfang von ungefähr drei Metern besaß und in der Mitte eins fünfzig hoch war.

»Der Doc hat recht«, sagte Martinez. »Das ist pervers.«

»Die beiden sehen aus wie Ausstellungsstücke«, meinte Sam, zückte seinen Notizblock und machte eine Skizze vom Fundort. »Oder wie Leichenpräparate.«

Es war üblich, dass die Spurensicherung, wo immer möglich, ihre Voruntersuchungen abschloss, bevor der Gerichtsmediziner kam, doch wenngleich die Männer schon eine ganze Weile arbeiteten, waren sie immer noch vollauf beschäftigt. Sie vermaßen den Tatort, sammelten alles ein, was verdächtig erschien, und versiegelten in Plastiktüten, was als Beweismittel dienen konnte: ein Stück Gewebe, einen Faden, eine Zigarettenkippe. Das Glück, die Mordwaffe selbst zu finden, hatten sie an diesem Tatort allerdings nicht.

Der Fotograf machte immer noch Aufnahmen aus jedem Winkel und knipste alles, was helfen konnte, die gesamte Szenerie im Bild festzuhalten. Dann wurde die Kuppel abgehoben, was den Beamten den Zugang zu den Leichen ermöglichte, aber auch Wind und Regen an den Tatort ließ, sodass es bald kaum noch verwertbare Spuren gab.

Sam drehte sich um, blickte auf die Villa und nahm sie mit in seine Skizze auf.

Was immer sich in dem Gebäude abgespielt hatte - die Polizei musste erst auf einen Durchsuchungsbefehl warten, um Ermittlungen im Inneren des Gebäudes aufzunehmen, es sei denn, der Besitzer konnte vorher ausfindig gemacht werden. Die Prozedur war zeitraubend. Sam und Martinez hatten die Erfahrung gemacht, dass es zwischen zwei und zehn Stunden dauern konnte, bis der Durchsuchungsbefehl vorlag. Doch es war nicht ansatzweise so frustrierend wie erleben zu müssen, dass potentiell stichhaltige Beweise vor Gericht nicht zugelassen wurden, da sie illegal beschafft worden waren.

Zumindest brauchten sie keinen Durchsuchungsbefehl, um sich die Radspuren im Gras anschauen zu dürfen. Sie waren knapp fünf Zentimeter breit und führten vom Tor - das geschlossen, aber nicht verschlossen gewesen war - zur Mitte des Rasens.

»Vielleicht hat der Täter eine Art Karren benutzt«, überlegte Sam, während Martinez zu den Streifenpolizisten ging, die als Erste am Tatort gewesen waren, um mit ihnen zu reden. Er machte sich ein paar Notizen. »Was hast du sonst noch, Doc?«

»Nichts, was nicht sonnenklar wäre.«

Auf der anderen Seite des Gartens sprach Martinez gerade in sein Handy.

»Der Gärtner, der die beiden gefunden hat, hat einen Herzinfarkt erlitten«, berichtete Sanders. »Der Notarzt war noch bei ihm, als ich hier ankam. Er konnte den Mann einigermaßen stabilisieren.«

Martinez kam wieder zurück, sein Handy am Ohr. Er ging vorsichtig über den Rasen, hielt den Blick die ganze Zeit auf den Boden gerichtet und beendete schließlich das Telefonat.

»Hat der Doc dir schon von dem Gärtner erzählt?«, fragte er.

»Ja. Der arme Kerl«, erwiderte Sam.

»Er heißt Joseph Mulhoon«, sagte Martinez. »Kommt einmal im Monat her, hat er dem Notarzt erzählt.« Er machte sich eine Notiz. »Wir werden ihn überprüfen.«

Die Partnerschaft zwischen Sam Becket und Martinez war altbewährt, doch ebenso wie die anderen Detectives der Abteilung für Gewaltverbrechen wechselten die beiden sich ab, wenn es darum ging, wer von Mike Alvarez, ihrem Sergeant, zum Hauptermittler eines bestimmten Falles ernannt wurde. Der aktuelle Fall war an Sam gegangen, mit der Folge, dass nun er derjenige war, der die Überstunden würde machen müssen, um mit dem Schreiben der Berichte und dem Papierkram nachzukommen, die mit jeder Ermittlung einhergingen. Abgesehen davon teilten er und Martinez sich die Arbeit und vereinten ihre Kräfte für alle anstehenden Aufgaben, wobei Sam eher instinktmäßig vorging - was einige Disziplinarstrafen zur Folge gehabt hatte -, während Martinez sich mehr an das Regelbuch hielt, was ihm den Vorwurf mangelnden Ehrgeizes eingebracht hatte. Dennoch bildeten beide ein hervorragendes Ermittlerteam, wie Sergeant Alvarez und Tom Kennedy, ihr Captain, anerkennen mussten.

»Mulhoon ist einundsiebzig Jahre alt«, sagte Sanders. »Es würde mich überraschen, wenn er über diese Sache etwas gewusst hat, bevor er zufällig mit der Nase darauf gestoßen ist.«

»Weiß man, wer ihm sein Gehalt zahlt?«, wollte Sam von Martinez wissen.

»Eine Firma namens Beatty Management in North Beach kümmert sich um den Besitz hier. Der Laden hat heute geschlossen, aber ich habe der Empfangsdame gesagt, dass wir dankbar wären, wenn der Besitzer uns eine Durchsuchung erlauben würde. Die Frau sagte, sie will dafür sorgen, dass wir die Schlüssel so schnell wie möglich bekommen.« Er warf einen Blick auf die Armbanduhr. »Wenn wir Glück haben, kommt der Durchsuchungsbefehl vielleicht schon vorher.«

Nachdem man ihnen das Okay gegeben hatte, die Plastikkuppel herunterzuheben, pustete der Gerichtsmediziner in ein neues Paar Latexhandschuhe, streifte sie über, zog sich seinen Overall an, stülpte sich Schuhhauben über und legte sich einen Mundschutz vor.

Sam, der beobachtete, wie der Doc sich auf den Boden hockte und mit seiner Untersuchung begann, hatte es nicht eilig, seine eigenen Plastikschuhe überzustülpen und sich zum Tatort vorzuwagen. Sich mit Ermordeten befassen zu müssen, war immer schon schlimm für Sam gewesen, denn sein Magen hatte trotz seiner vielen Dienstjahre nach wie vor eine Abneigung gegenüber dem Anblick von Leichen - von der Abneigung seiner Seele gegen Blut und Gewalt gar nicht erst zu reden.

Ab und zu dachte er sogar darüber nach, sich in ein anderes Dezernat versetzen zu lassen oder ganz aus dem Polizeidienst auszuscheiden, aber er wusste, dass er diesen Gedanken niemals in die Tat umsetzen würde, jedenfalls nicht freiwillig. Die Opfer und die Menschen, die zurückblieben, brauchten jede Hilfe, die sie bekommen konnten. Und obwohl Sam wusste, dass es mehr als genug junge Kollegen gab, die nur darauf warteten, seinen Posten zu bekommen - Detectives, die besser ausgebildet waren als er selbst -, war ihm zugleich bewusst, dass in diesem Job nichts wertvoller war als Erfahrung. Jedes Opfer eines Gewaltverbrechens, mit dem er über die Jahre hinweg zu tun gehabt hatte, war gewissermaßen in seinem Hirn gespeichert. Gleiches galt für die Ermittlungsmethoden, die sich im Laufe der Zeit sehr geändert hatten, für die Spurensicherung und für die Vorgehensweise bei Verhören. Sams Verstand war ein riesiger Fundus geworden, aus dem er schöpfen konnte. Sich von seinen brillanten jungen Konkurrenten kampflos verdrängen zu lassen, hätte nach Sams Meinung einen Verrat an seinen Kollegen und den vielen Menschen dargestellt, denen er vielleicht noch helfen konnte.

Es hätte bedeutet, aufzugeben.

Und so schwierig es bisweilen auch war - Sam liebte diesen verdammten Job.

Er nieste zweimal hintereinander.

»Gesundheit«, sagte Doc Sanders, der für den Augenblick fertig war, seinen Mundschutz herunterzog und tief die für Florida ungewöhnlich kühle Morgenluft einatmete. »Wenn du Schnupfen kriegst, behalte ihn bitte für dich.«

»Ich werde mir Mühe geben«, erwiderte Sam.

Sanders streifte seine Handschuhe ab, die vernichtet wurden, um Kontaminationen zu vermeiden - so wie jedes andere Stück Schutzkleidung, sobald sie einen Tatort verließen.

Martinez trat ein paar Schritte näher an die Opfer heran. »Die sehen wirklich so aus, als hätten sie miteinander geschlafen, als sie getötet wurden.« Auf seinem runden Gesicht und in seinen dunkelbraunen Augen spiegelte sich Abscheu. Der fünfundvierzigjährige Amerikaner kubanischer Herkunft, der erheblich kleiner war als Sam, war für sein aufbrausendes südländisches Temperament bekannt, aber davon war jetzt nicht viel zu spüren.

»Sie haben nicht miteinander geschlafen«, erklärte der Gerichtsmediziner.

»Du hast also etwas herausgefunden?«, meinte Sam.

»Die Leichenstarre dauert noch an«, gab Sanders zurück, »aber du weißt ja, dass ich dir Genaueres erst später sagen kann.« Er schwieg einen Moment. »Klar ist, dass die Leichen post mortem gewaschen wurden«, fuhr er dann fort, »und wahrscheinlich hat man sie so positioniert, wie wir sie jetzt vor uns haben, bevor die Leichenstarre einsetzte, und hat sie dann hierher transportiert. Die Male an den Ringfingern deuten darauf hin, dass beide verheiratet waren, aber ob sie ein Ehepaar gewesen sind, muss sich erst noch herausstellen, obwohl es auf der Hand zu liegen scheint.«

»Und?« Sam wusste, dass da noch mehr war.

»Genaueres werde ich erst wissen, wenn ich sie bei mir in der Gerichtsmedizin habe.«

»Versteht sich von selbst«, meinte Sam. »Sonst noch was?«

»Klebstoff«, sagte Sanders mit grimmer Miene. »Ich glaube, ein Irrer hat ihre Geschlechtsteile mit irgendeinem verdammten Super-Klebstoff zusammengeklebt.«

»O Gott«, sagte Sam, dem speiübel wurde.

4

Der Samstag war einer der Tage, an denen Mildred bei Grace in der Praxis aushalf.

Bis Mitte Juni des vorhergegangenen Jahres war Mildred Bleeker Stadtstreicherin gewesen, die auf einer Parkbank in South Beach geschlafen hatte. Jetzt wohnte sie in Golden Beach, im Haus von Dr. David Becket, einem teilpensionierten Kinderarzt, obwohl Mildred sicher auf der Formulierung beharrt hätte, sie wohne nur »für eine Weile« dort. Vielleicht stimmte das sogar, obwohl die ganze Familie Becket hoffte, dass Mildred blieb.

Keiner der Beckets kannte Mildreds wahres Alter, weil sie es niemandem verriet, und falls sie in den vergangenen sieben Monaten Geburtstag gehabt haben sollte, hatte sie es ebenfalls für sich behalten - wie die meisten Privatangelegenheiten. Mittlerweile hatten alle begriffen, dass sie sich gedulden mussten, bis Mildred von sich aus bereit war, mehr über sich zu erzählen.

Sam hatte Mildred dienstlich kennengelernt, da sie als Obdachlose auf der Straße lebte - in ihrem Fall mit offenen Augen und gespitzten Ohren. Und da Mildred einen persönlichen Grund hatte, die verbrecherischen Zeitgenossen von der Straße wegzubekommen - insbesondere diejenigen, die von illegalen Drogen profitierten -, hatte sie nie Bedenken gehabt, der Polizei zu helfen.

Sam und Mildred (die darauf bestand, ihn »Samuel« zu nennen, was sein Taufname war und aus der Bibel stammte, wie sie betonte) hatten bald schon gegenseitigen Respekt entwickelt. Mit der Zeit war dann mehr daraus geworden, eine echte Freundschaft.

Dann hatte ein Killer, der sich »Cal der Hasser« nannte und befürchtete, Mildred könne ihn identifizieren, eines Abends zugeschlagen. Wie durch ein Wunder hatte Mildred überlebt, doch seit jenem Tag hatte Sam es bei der Vorstellung gegraust, dass Mildred zurück auf die Straße ging.

Sams Vater David, der sich damals angewöhnt hatte, Mildred im Miami General Hospital zu besuchen, und der diese Treffen wegen des Mutes und der geistigen Wendigkeit Mildreds genoss, dachte genauso und hatte darüber hinaus das Gefühl, dass Mildred insgeheim den Wunsch verspürte, wieder gebraucht zu werden. Deshalb hatte David immer wieder Bemerkungen darüber fallen lassen, wie groß sein Haus für einen alleinstehenden älteren Herrn wie ihn doch sei und wie sehr er die Gespräche mit Mildred zu schätzen gelernt habe. Schließlich hatte er ihr das Angebot gemacht, die Zeit ihrer Rekonvaleszenz in seinem Haus zu verbringen.

»Ein Untermieter scheint mir da angebrachter zu sein«, hatte Mildred geantwortet.

»Ich will aber keinen Fremden«, sagte David.

»Er wäre ja nicht lange fremd«, belehrte Mildred ihn. »Und er würde dir Miete zahlen, was ich nicht könnte, wie du weißt.«

»Ja, aber zum Glück brauche ich das Geld nicht«, sagte David.

»Komisch. Die meisten Leute scheinen nicht genug davon kriegen zu können.«

»Deine Gesellschaft wäre mir viel mehr wert«, war David beharrlich geblieben. »Außerdem genehmige ich mir gern mal ein Glas Manischewitz Concord Grape, genau wie du.«

»Falls Samuel verleumderische Äußerungen über meinen guten Charakter verbreitet haben sollte«, gab Mildred böse zurück, »werde ich mich mit ihm unterhalten müssen.«

»Samuel meint, du bist die Größte«, sagte David.

Es war das erste und einzige Mal, dass er Mildred erröten sah.

An Mildred war weit mehr als auf den ersten Blick zu sehen war, obwohl sie eine durchaus attraktive Frau war mit ihren blauen Augen und dem ebenmäßigen Gesicht, das weicher geworden war, seitdem sie nicht mehr auf der Straße lebte. Außerdem trug sie jetzt eine neue Frisur, die den feinen Schnitt ihres Gesichts unterstrich. Mildred hatte geglaubt, ihre Eitelkeit sei schon lange dahin, doch jetzt genoss sie insgeheim die Schmeicheleien, die ihr neues Erscheinungsbild ihr einbrachte; sie erinnerten sie an die Komplimente, die Donny, ihr verstorbener Verlobter, ihr früher gemacht hatte.

Durch ihre neuen Freunde war alles anders geworden.

Dr. Becket war ein kluger, ein wenig unordentlicher, zerstreuter Mann mit zerfurchtem Gesicht - ein »liebenswertes Schlachtross«, wie Mildred ihn insgeheim nannte. Und Grace, Samuels attraktive Ehefrau, schien mehr als die meisten anderen Menschen zu begreifen, dass Mildred Zeit, Freiraum und vor allem Privatsphäre brauchte.

Ihr Held jedoch war Samuel, der eins dreiundneunzig große afroamerikanische Cop, der ihr stets Respekt entgegengebracht hatte. Der weder Kosten noch Mühen gescheut hatte, um ihr ein eigenes Mobiltelefon zu beschaffen, damit sie sicher war vor einem Fremden, der ihr Angst gemacht hatte. Sam war ein Mann mit einer wundervollen Familie, netten Freunden und einem Beruf, der für die Bürger von Miami Beach wirklich von Bedeutung war. Ein Mann, der an den meisten Tagen viel zu viel arbeitete, sich aber trotzdem Zeit für andere Menschen genommen hatte, auch für Mildred. Und der in seiner eigenen Familie Platz für sie geschaffen hatte.

Doch Menschen um sich zu haben, denen man etwas bedeutete, bedeutete auch Verantwortung, wie Mildred erfahren musste. Und es war merkwürdig für sie, ein Zimmer zu haben, das Davids beharrlicher Aussage zufolge ihr eigenes war, sich aber nie wie ihr eigenes anfühlte. Wände störten Mildred noch immer; deshalb hatte es schon einige schlaflose Nächte gegeben, in denen sie sich danach gesehnt hatte, wieder draußen zu sein, auf der Straße, allein mit dem Rauschen des Meeres und dem freien Blick zum Nachthimmel.

Obwohl sie dann wieder einsam gewesen wäre.

»Wenn ich noch länger bei dir zu Besuch bleibe«, hatte sie im vergangenen Herbst einmal zu David gesagt, »muss ich irgendwas tun, um mir meinen Aufenthalt zu verdienen.«

»Du hilfst doch, auf Joshua aufzupassen«, hatte David geantwortet.

Sie hatten nach dem Abendessen in der Küche die Teller abgewaschen. Die Küche war so altmodisch und abgewohnt wie jedes andere Zimmer in dem Haus, in dem David seit über fünfunddreißig Jahren wohnte.

»Das ist ein Privileg«, hatte Mildred erklärt, »kein Job.«

»Du brauchst dir keinen Job zu besorgen.«

»Ich muss mir nicht sagen lassen, was ich brauche«, antwortete Mildred spitz. »Das weiß ich selbst.«

David hatte sie gefragt, was ihr vorschwebe.

»Für mich sieht es ganz so aus«, erwiderte sie, »als könntest du eine Haushälterin brauchen.«

Er war schockiert. »Ich dachte, wir sind Freunde.«

»Das hoffe ich doch sehr«, sagte Mildred. »Obwohl mir nicht einleuchtet, was das eine mit dem anderen zu tun hat.«

»Aber es ist doch gut so, wie es ist. Wir versorgen einander und wursteln uns durch, du und ich … und natürlich Saul, bis er auszieht.«

»Du bist Arzt«, antwortete Mildred. »Ein vielbeschäftigter Mann.«

»Ich praktiziere kaum noch«, entgegnete David. »Und du bist keine Haushälterin.«

»Du weißt doch gar nicht, was ich bin«, sagte Mildred. »Oder was ich gewesen bin.«

»Wie soll ich das auch wissen, wenn du es mir nicht erzählst?«, gab David zurück.

»Wenn die Zeit reif ist, erzähle ich es dir vielleicht.«

»Wenn wir die Vergangenheit mal beiseitelassen«, sagte David, »was würdest du denn gern machen? Außer für einen alten Mann zu kochen und zu putzen, meine ich.«

»So alt bist du nun auch wieder nicht«, meinte Mildred.

»Danke.«

»Dafür bist du ziemlich schlampig. In deinem Büro herrscht das reinste Chaos.«

»Ja. Ständig.«

»Ich will es nicht putzen«, sagte Mildred. »Aber es ist nicht zu übersehen, dass deinem Ablagesystem ein bisschen Organisation guttun würde. Und falls du dir Sorgen über Diskretion machst … Ich weiß meine Nase aus den Angelegenheiten anderer Leute herauszuhalten.«

»Da habe ich nicht den geringsten Zweifel«, antwortete David.

Mildred hatte ihn gebeten, es sich zu überlegen, und das hatte er getan, denn das Büro zu führen, war Judys Domäne gewesen, bis zu ihrer letzten Erkrankung vor drei Jahren; deshalb hatte David das Gefühl gehabt, als müsse er sich erst in Ruhe mit ihr auseinandersetzen, weil es ihm so vorkam, als habe die Sache den Beigeschmack von Treuebruch. Doch Judy war keineswegs pikiert, und auch Saul hielt es für eine ausgezeichnete Idee.

Also hatte Mildred sich an die Arbeit gemacht.

»Mildred ist ein Wunder«, hatte David eine Woche später Sam erzählt. »Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Energie sie hat. Und sie ist unglaublich klug.«

»Das überrascht mich nicht«, sagte Sam.

Es schien nur logisch, dass Mildred irgendwann auch noch Grace' Büro in ihren Terminplan aufnahm. Dass Grace jemanden brauchte, der ihr half, Ordnung zu halten, als sie nach Joshuas Geburt wieder zu praktizieren anfing, war für sie zu einer Art Schreckgespenst geworden, nachdem ihre Erfahrungen mit ihrer letzten Bürohilfe ein Albtraum gewesen waren. Dann hatte David ihr den Vorschlag unterbreitet, Mildreds Hilfe in Anspruch zu nehmen.

»Es würde deine Probleme lösen«, hatte er ihr erklärt. »Abgesehen davon, dass Mildred über hervorragende organisatorische Fähigkeiten verfügt, könnte sie im Haus auf Joshua aufpassen, während du deine Patienten behandelst.«

»Meinst du denn, der Job käme überhaupt für sie infrage?«

»Sie wollte ihn schon, als ich das erste Mal erwähnte, du könntest Hilfe brauchen.« David schwieg einen Moment. »Obwohl ich glaube«, räumte er dann ein, »dass sie Sorgen hat, die Eltern deiner kleinen Patienten könnten nicht begeistert davon sein, wenn du eine ehemalige Stadtstreicherin einstellst.«

»Mildred war keine Kriminelle«, sagte Grace. »Ich finde, sie könnten sich niemanden wünschen, der ihnen ein besseres Vorbild liefert.«

»Das hört sich ganz danach an, als hätte sie den Job«, frohlockte David.

»Wir sollten es erst mit ihr besprechen«, dämpfte Grace seine Freude. »Und vielleicht sollten wir eine Probezeit vereinbaren, in unser beider Interesse. Und ein Gehalt natürlich.«

»Ich glaube nicht, dass sie Geld von dir nehmen würde«, sagte David.

»Wenn Mildred für mich arbeitet, wird sie auch dafür bezahlt.«

5

Zwei Vertreter der Firma Beatty Management, die man aus ihren jeweiligen samstäglichen Aktivitäten gerissen hatte, fuhren in einem Lexus vor der Oates Gallery vor. Es war kurz nach zwölf Uhr mittags, fast eine Stunde nach dem ungewöhnlich raschen Eintreffen des Durchsuchungsbefehls.

Larry Beatty, Hauptgeschäftsführer der Haus- und Grundstücksverwaltung, war ein hochgewachsener, gutaussehender Mann um die dreißig mit blondem Haar, haselnussbraunen Augen und ebenmäßigen Gesichtszügen. In seinem marineblauen Blazer, den Jeans und dem am Hals offenen, blauweiß gestreiften Hemd sah er todschick aus. Seine Miene war ernst, als er auf der Fahrerseite aus dem Wagen stieg. Er wies sich einem Polizeibeamten gegenüber aus, kletterte unter dem Polizeiband hindurch, ging zu Becket und Martinez und stellte sich vor.

»Eine schreckliche Sache«, sagte er dann. »Ich werde tun, was ich kann, um zu helfen.«

»Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar«, erwiderte Sam.

Mit leichter Verspätung schlug jetzt auch die Beifahrertür des Lexus zu, und eine leicht ramponiert aussehende junge Frau mit roten Haaren, die einen dunklen Hosenanzug, Tennisschuhe und an der Hand einen verschlissenen Aktenkoffer trug, kam um den Wagen herum und nahm den gleichen Weg wie Beatty, um durch die Absperrung zu gelangen.

»Ich bin Allison Moore«, stellte sie sich vor. »Ally.« Ihre Augen waren grau, ihr Blick wirkte verängstigt. »Ich habe die Schlüssel mitgebracht.«

»Und ich bin in erster Linie hier, um Ihnen die Einwilligung der Hausbesitzerin zu geben«, erklärte Beatty. »Sie heißt Marilyn Myerson. Ich habe Generalvollmacht, in ihrem Namen zu handeln.«

»Beglaubigte Kopien sämtlicher Papiere haben wir dabei«, fügte Allison Moore hinzu und schob sich nervös ein paar lockige Haarsträhnen aus dem sommersprossigen, leicht geschminkten Gesicht.

»Ally … ich meine, Miss Moore ist verantwortlich für die regelmäßige Wartung des Besitzes«, klärte Beatty sie auf.

»Aber Sie als Hauptgeschäftsführer von Beatty Management und als Mrs. Myersons gesetzlicher Vertreter tragen doch insgesamt die Verantwortung, oder?«

»Dass seitens unserer Firma alles Mögliche getan wird, um den Besitz einwandfrei zu verwalten, ist selbstverständlich«, erwiderte Beatty. »Obwohl die Zahl der Sicherheitsanlagen wegen der Mrs. Myerson zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel recht begrenzt ist.«

»Es gibt eine Alarmanlage«, warf Ally Moore ein. »Der Strom ist aber meist abgestellt, sodass die Sicherheitsvorkehrungen sich weitgehend auf regelmäßige Inspektionen beschränken.«

»Damit schützen wir uns hauptsächlich gegen unbefugtes Betreten und Hausbesetzer«, fügte Beatty hinzu. »Zu stehlen gibt es hier nicht mehr viel.«

»Also keine Alarmanlage«, konstatierte Martinez. »Aber sie zahlen für einen Gärtner.«

»Ja, für Mister Mulhoon«, sagte Ally Moore. »Ich habe schon gehört, was dem armen Mann passiert ist.«

Sie wühlte in ihrem Aktenkoffer und zog einen Packen Papiere und mehrere gekennzeichnete Schlüssel heraus. Martinez nahm ihr die Schlüssel ab, obwohl sie die Villa unmittelbar, nachdem der Durchsuchungsbefehl ausgestellt worden war, bereits betreten hatten.

»Hat Mulhoon jedes Wochenende gearbeitet?«, fragte Sam.

»Nein«, erwiderte Ally Moore. »Er kommt meist um den Fünften jedes Monats herum. Außerdem kommt einmal im Monat eine Reinigungsfirma.«

»Es war stets unser Ziel, den Besitz in Schuss zu halten«, erklärte Beatty. »Wie ich schon sagte - abgesehen von allem, was fest eingebaut ist, gibt es nichts im Haus, was für einen Einbrecher interessant sein könnte.«

»Das Seitentor zum Garten war nicht verschlossen«, sagte Sam.

»Ich nehme an, dass Mister Mulhoon es aufgeschlossen hat, als er herkam«, sagte Beatty.

»Hat die Oates Gallery Mrs. Myerson gehört?«, wollte Sam von Beatty wissen.

»Nein, Mrs. Myerson ist nur die Grundstückseigentümerin und Vermieterin. Geführt wurde die Galerie von einem Manager. Meine Firma hat sich um alles gekümmert, was mit Haus und Grundstück zu tun hatte. Wenn Sie unsere Akten benötigen, lasse ich sie Ihnen am Montag zukommen.«

»Heute oder morgen wäre besser«, erwiderte Martinez. »Wir könnten sie bei Ihnen abholen.«

»Okay«, sagte Larry Beatty. »Ich werde mein Bestes tun, obwohl es schwierig werden könnte, die Unterlagen übers Wochenende zu finden.«

»Wann hat die Galerie dichtgemacht?«, fragte Sam.

»Vor etwas über einem Jahr«, antwortete Beatty.

Sie befanden sich noch auf dem Gehweg vor dem Haus; der Teil des Gartens, in dem die Toten lagen, war von hier aus nicht einzusehen, doch Ally Moores Blicke schweiften immer wieder in Richtung des Tores, das in den Garten führte - und zu dem Entsetzlichen, das dieser Garten enthielt.

»Zwei Tote?«, fragte Moore leise. »Ist das wahr?«

»Ich fürchte ja«, erwiderte Sam.

»Wissen Sie, wer die Leute sind?«

»Noch nicht.« Sam blickte Beatty an. »Wir werden mit Mrs. Myerson sprechen müssen.«

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein«, erwiderte Beatty. »Sie leidet an Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium.«

»Das tut mir leid«, sagte Sam. »Wir versuchen es trotzdem.«

»Hat sie nahe Verwandte?«, fragte Martinez.

»Nicht dass ich wüsste«, gab Beatty zur Antwort.

Nachdem dafür gesorgt war, dass das Gebäude keinerlei Gefahren barg, der Strom wieder eingeschaltet war und die Spurensicherung ihr Okay gegeben hatte, führten die Detectives Beatty und Moore in die Villa.

»Möchten Sie von uns wissen, ob irgendetwas anders aussieht, als es aussehen sollte?«, fragte Ally Moore nervös.

»Ja. Und seien Sie bitte vorsichtig, dass Sie nichts anfassen«, erklärte Martinez.

»Wir passen schon auf«, versprach Beatty.

Ihre Schritte hallten in dem leeren Haus wider. Selbst Ally Moores Gummisohlen waren zu hören. Gemäldeleuchten und verschieden große, hellere Stellen an den Wänden kündeten davon, dass dort einst Bilder gehangen hatten. Dass die hässlichen Kronleuchter von Staub und Spinnweben frei waren, ließ erkennen, dass die Reinigungsfirma ordentliche Arbeit leistete.

Sam fand die Villa unansehnlich; sie kam ihm vor wie ein architektonischer Mischmasch aus Säulen im dorischen Stil, kunstvoll verzierten Deckenkehlungen und Kaminen aus unterschiedlichen Perioden und Stilrichtungen.

Vorsichtig und systematisch gingen sie das Haus ab.

»Alles sieht aus wie immer«, meinte Ally Moore, die auf der breiten Mitteltreppe stand, schon halb auf dem Weg ins Obergeschoss. »Obwohl ich gestehen muss, dass ich mir das Haus bisher noch nie so genau angesehen habe.«

»Wann sind Sie zum letzten Mal hier gewesen?«, wollte Martinez von Beatty wissen.

»Vor ungefähr drei Monaten«, antwortete Beatty. »Bei einer offiziellen Inspektion.«

»Und ich komme jeden Monat zweimal, einmal Mitte des Monats und einmal am Monatsende«, erklärte Moore, ohne danach gefragt worden zu sein. Sie verharrte auf dem oberen Treppenabsatz und verzog das Gesicht. »Ich will Mrs. Myerson ja nicht zu nahe treten, aber mir kam das Haus immer ein bisschen unheimlich vor.«

»Das haben manche alten Häuser nun mal so an sich«, erwiderte Sam.

»Sie inspizieren jedes Mal das gesamte Haus?«, fragte Martinez.

»Jedes Mal«, antwortete Moore.

Sie betraten einen großen Raum. Obwohl man die Fensterläden geöffnet hatte, war das Licht spärlich, weil die Kronleuchter nicht eingeschaltet waren.

»Wüssten Sie, wenn jemand hier drin gewesen wäre, der hier nichts zu suchen hatte?«, fragte Sam.

»Sie meinen, ob ich es spüren würde?«, fragte Moore.

»Ja. Menschen entwickeln manchmal ein Gefühl für solche Dinge«, erwiderte Sam. »Vor allem, wenn sie ein Haus so gut kennen wie Sie dieses hier.«

Moore schüttelte den Kopf. »Ich spüre nichts - zumindest nicht hier.« Sie warf Beatty einen Blick zu. »Aber ich bin ja auch keine Hellseherin.«

»Wir benötigen eine Liste mit den Namen sämtlicher Personen, die einen Schlüssel haben«, sagte Sam.

»Die habe ich bei mir«, erklärte Ally Moore. »Ich hätte sie Ihnen sofort geben sollen. Lang ist sie allerdings nicht.«

»Was soll ich der Versicherung sagen?«, fragte Beatty. »Ich nehme an, dass es Ihnen lieber wäre, wenn die warten würde, bis Ihre Leute mit allem fertig sind.«

»Haben Sie denn irgendwo Schäden entdeckt?«, fragte Martinez. »Nur am Tor«, antwortete Beatty.

»Wirklich?«, sagte Martinez. »Das ist mir gar nicht aufgefallen.«

»Das Ganze könnte sich negativ auf den Wert des Besitzes auswirken«, erklärte Beatty. »Das ist immer so, wenn Tote gefunden werden«, pflichtete Martinez ihm bei.

Sam wartete, bis sie wieder draußen waren, und fragte erst dann, ob es ihnen etwas ausmachen würde, sich zu Identifikationszwecken Fotos der Toten anzuschauen. »Oh …« Ally Moore wurde blass.

»Nur von den Gesichtern«, beruhigte Sam sie. »Es könnte hilfreich sein.« Sie nickte. »Okay.«

»Mister Beatty?«

»In Ordnung.«

Gemeinsam schauten sie sich die Polaroidporträts an.

»Ich habe die beiden noch nie gesehen«, sagte Beatty ohne zu zögern.

»Mrs. Moore?«, fragte Sam.

Sie sah sich die Bilder immer noch an, mit bekümmerter Miene, und ließ sich Zeit - allerdings nicht mehr, als angemessen war.

»Alles in Ordnung mit Ihnen, Ma'am?«, fragte Martinez.

»Ja«, erwiderte sie. »Und um Ihre Frage zu beantworten, ich habe die beiden auch noch nie gesehen. Aber …«

Sam und Martinez warteten.

»Nichts«, sagte sie schließlich. »Es ist nur schrecklich traurig.«

»Allerdings«, bekräftigte Martinez.

»Eine Sache noch«, warf Sam ein. »Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn wir Ihre Fingerabdrücke nehmen dürften.«

»Wieso?« Beatty wirkte schockiert.

»Um Sie als mögliche Täter ausschließen zu können«, sagte Sam. »Es geschieht in Ihrem eigenen Interesse. Aber wenn Sie Einwände haben …«

»Selbstverständlich nicht.«

»Ich auch nicht«, erklärte Moore.

»Was ist mit den Leuten von der Reinigungsfirma?«, fragte Beatty.

»Mit denen werden wir uns noch in Verbindung setzen«, antwortete Sam.

»Die Namen stehen auf der Liste der Personen, die Schlüssel haben«, sagte Moore.

Nachdem Moore und Beatty sich verabschiedet hatten und die Spurensicherung dabei war, die Plastikkuppel vom Rasen zu entfernen, die man anschließend in einem LKW ins Gerichtsmedizinische Institut transportierte, standen Sam und Martinez im Garten und tauschten erste Gedanken aus.

»Dieser Beatty ist kalt wie ein Fisch«, sagte Martinez.

»Aber Moore scheint mir eine nette Frau zu sein«, erwiderte Sam.

»Nur ein bisschen nervös«, meinte Martinez.

»Nicht gerade verwunderlich«, antwortete Sam. »Aber wir werden sie beide überprüfen.«

»Und wir sollten uns vergewissern, dass Mrs. Myersons Alzheimer echt ist«, sagte Martinez.

Unbesehen wurde in der Anfangsphase einer Morduntersuchung nichts und niemandem geglaubt, nicht einmal einer kranken alten Frau.

»Wenn der Klebstoff und diese Plastikkuppel nicht wären, oder was für ein Ding das auch sein mag«, sagte Sam, »könnte man glauben, jemand hätte die Leichen ohne besonderen Grund hier abgelegt, einfach, weil hier gerade Platz war. Aber da es sich hier um eine ehemalige Kunstgalerie handelt, könnte es ein bestimmtes Motiv geben.«

»Ja. Wir sollten uns die alten Ausstellungskataloge ansehen«, sagte Martinez, »und überprüfen, ob es irgendwann eine Ausstellung bizarrer Skulpturen gab … Paare unter Plastikkuppeln oder so etwas Abgedrehtes.« Für einen Moment presste er die Lippen zusammen. »Fällt dir zu dem Klebstoff irgendetwas ein?«

Sam schüttelte den Kopf. »Warten wir ab, ob der Computer etwas ausspuckt.«

»In was für einem Zustand der Gärtner wohl ist?«, sinnierte Martinez. »Wir sollten zusehen, dass er diese Sache für sich behält.« Er machte sich eine Notiz. »Ich werde den Mann überprüfen.«

Sam blickte über den Rasen, vorbei an den mit Zahlen markierten Fähnchen, mit denen die Stellen gekennzeichnet waren, an denen die Mitarbeiter der Spurensicherung Gegenstände gefunden hatten, die von Interesse sein konnten. Dann schaute er zu dem Zelt hinüber, das sich über der Kuppel und den Leichen erhob.

»Weißt du irgendetwas über Aktionskunst, Al?«

»Nee.«

»Ich auch nicht«, erklärte Sam. »Ich glaube allerdings, dass die Akteure dabei normalerweise am Leben sind.« Er zog ein Taschentuch aus der Jackentasche, nieste zweimal und putzte sich die Nase. »Entschuldige.«

»Gesundheit«, meinte Martinez.

»Danke.« Sam dachte einen Moment nach. »Wir haben zwei Opfer, die man hierher geschafft hat. Gut möglich, dass wir es hier mit einem körperlich kräftigen Einzeltäter zu tun haben.« Er zuckte mit den Achseln. »Obwohl es ebenso gut zwei oder noch mehr Täter sein könnten.«

»Großartig.« Martinez unterdrückte ein Gähnen. »Entschuldigung«, sagte er mehr aus Höflichkeit gegenüber den Toten als zu seinem Partner.

»Langen Abend gehabt?«, fragte Sam.

»Die Abende mit Jessica sind immer lang und schön.«

»Wie geht es ihr? Ich habe sie schon fast eine Woche nicht gesehen.«

»Es geht ihr prächtig«, antwortete Martinez.

»Freut mich zu hören.« Sam lächelte.

6

Alejandro Martinez war verliebt.

Ernsthaft verliebt, bis über beide Ohren - zum ersten Mal, seit Sam ihn kannte. Nicht ganz so, aber ähnlich, war es gewesen, als Mary Cutter damals zum Dezernat kam und Martinez eine Zeitlang so abgelenkt gewesen war, dass er sich kaum auf die Arbeit hatte konzentrieren können, bevor er sich in eine Beziehung mit ihr stürzte, aus der sie glücklicherweise beide wieder herauskamen, ohne den Respekt voreinander verloren zu haben, sodass sie weiterhin Kollegen sein konnten.

Diesmal war es eine ganz andere Geschichte. Jessica Kowalski arbeitete als Sekretärin in der Personalabteilung im zweiten Stock, eine Etage unter dem Dezernat für Gewaltverbrechen, und sie war nicht nur ein ausgesprochen hübscher Anblick - feine Gesichtszüge, blaue Augen, schulterlange blonde Locken und eine zierliche Gestalt -, sie war auch die Art von Mensch, die man einfach gernhaben muss. Liebenswürdig, fürsorglich und stets bereit, sich um andere Menschen zu kümmern, wie beispielsweise um die Kollegin, die auf dem Revier die Treppe hinuntergefallen war und sich den Knöchel gebrochen hatte. Jessica hatte sie sofort zum Krankenhaus begleitet, hatte sie versorgt, nachdem sie nach Hause entlassen worden war, hatte für sie eingekauft und gekocht und überdies dafür gesorgt, dass sie während ihrer Abwesenheit auf dem Laufenden blieb, was ihre Arbeit anging.

»Jeder wendet sich mit seinem Kummer an Jessica«, hatte Martinez Sam erzählt, nachdem sie sich im vergangenen November die ersten Male privat getroffen hatten. »Ob kleine Probleme oder große, die Leute gehen damit zu Jessica, weil sie sich hinterher besser fühlen. Und sie redet nie darüber. Ihr scheint nicht einmal bewusst zu sein, was für ein guter Mensch sie ist. Aber alle Leute, die wissen, dass wir zusammen sind, können mir gar nicht oft genug sagen, was für ein Glück ich hatte … nur dass es mir niemand sagen müsste, weil ich es ohnehin schon weiß.«

An Thanksgiving hatte Jessica ihn zu den Beckets begleitet, denn obwohl ihre Eltern in Ohio lebten, in Cleveland, und ihre Tochter in den letzten Jahren an diesem Feiertag meist nach Hause geflogen war, hatte Jessica sich dieses Mal entschieden, ihrer Familie gegenüber zu behaupten, sie müsse arbeiten.

»Offen gestanden«, hatte Sam zu Grace gesagt, »bin ich froh darüber, dass Jessica ihre Eltern beschwindelt hat, weil ich mir sonst nämlich ernsthaft Sorgen machen müsste, dass sie zu gut ist, um wahr zu sein.«

»Eine Lüge würde ich das nicht gerade nennen, eher eine Flunkerei«, hatte Grace geantwortet. »Und das auch nur, um ihre Gefühle nicht zu verletzen.«

Sie beide hatten Jessica auf Anhieb gemocht. Sie hatte ihnen einen selbstgebackenen polnischen Honigkuchen mitgebracht. Joshua bekam ein Lebkuchenhaus von ihr, und Woody, der drahthaarige Dackel-Schnauzer-Mischling, wurde mit Hundeküchlein beglückt, die anlässlich Thanksgiving die Form kleiner Truthähne hatten.

»Sie ist angenehm im Umgang«, hatte Saul später gesagt. »Es ist so, als wäre sie schon ewig mit Al zusammen.«

Sam freute sich für seinen Freund. Martinez hatte zwar stets behauptet, dass vieles für ein Junggesellendasein spräche - dann gäbe es niemanden, um den man sich sorgen musste oder der an einem herummeckerte -, doch Sam wusste, dass Martinez sich schon seit langem einsam fühlte.

Jessica Kowalski war etwas für die Zukunft, daran gab es nichts zu rütteln.

7

Cathy liebte ihren Job.

Sam hatte ihr die Anstellung verschafft, was ihr unter anderen Umständen aus Stolz vielleicht gar nicht gepasst hätte, doch angesichts der Tatsache, dass es genau die Art von praktischer Berufsausbildung war, die sie sich gewünscht hatte, wäre Cathy dumm gewesen, wenn sie nicht sofort zugegriffen hätte.

Sah man von seinem Zuhause ab, war das Opera Café auf der Arthur Godfrey Road schon seit geraumer Zeit Sams Lieblingslokal, das er auf dem Weg zum und vom Revier gern aufsuchte, um zu frühstücken oder am späten Abend einen Teller Suppe oder ein Sandwich zu essen, wenn er und Martinez die ganze Nacht durcharbeiten mussten. Matt Dooley und Simone Regan hatten das Café etwa sechs Monate zuvor übernommen; in dieser Zeit hatten sie es von einem durchwachsenen Speiselokal in ein freundliches, kleines Café-Bistro-Restaurant verwandelt, in dem es erstklassiges Essen gab.

Als Sam sich zum ersten Mal hineinwagte, hatte er einen langen Abend hinter sich, an dem sie jemanden observiert hatten. Er war hungrig gewesen wie ein Bär, aber zu müde, um sich selbst noch etwas zu kochen, und er hatte nicht die Absicht gehabt, Grace zu wecken. Die Besitzer wollten das Lokal gerade schließen, und Sam hätte sich mit etwas zum Mitnehmen begnügt, aber die Kellnerin - sie hieß Simone, wie er inzwischen wusste - hatte ihn wissen lassen, man könne bei ihnen kein Essen zum Mitnehmen bekommen. Stattdessen führte sie Sam zu einer der Sitzbänke, weil sie so bequem waren und er so erschöpft aussah. Kurz darauf war Dooley aus der Küche gekommen und hatte gefragt, ob Sam ein frühes Frühstück oder ein spätes Abendessen wünsche; falls Letzteres der Fall sei, könne er die Minestrone empfehlen.

Die Suppe schmeckte vorzüglich, und zu allem Überfluss war die Musik, die im Hintergrund in perfekt gemäßigter Lautstärke lief - »Summertime« von Leontyne Price - eines von Sams Lieblingsstücken und Balsam für seine müde Seele. Sam war selbst ein guter Musiker und mit einem kräftigen Bariton gesegnet, der ihm bereits mehrere Soloparts beim hiesigen Amateurensemble S-BOP eingebracht hatte, der South Beach Opera.

»Ihr habt jetzt einen neuen Stammkunden«, hatte er damals gesagt und Wort gehalten.

Martinez mochte das Lokal ebenfalls, obwohl er mehr auf die kubanische Küche stand. Außerdem wohnte er auf der Alton Road, sodass das Opera Café nicht auf seinem Weg lag.

Was immer Matt Dooley zubereitete, war ein Genuss. Er sagte, es liege daran, dass er die Grenzen kenne, über die ein durchschnittlicher Koch sich niemals hinauswagen sollte. »Ich bin kein Gourmetkoch«, behauptete er von sich selbst. »Allerdings bin ich einen ganzen Stiefel besser als die meisten Fließbandköche.« Und Simone Regan - eine schlanke, attraktive Brünette in den Vierzigern mit zartgrünen Augen - war die perfekte Partnerin für Dooley. Sie wusste genau, wie sie sich um ihre Kunden kümmern musste. Sam hatte miterlebt, wie sie selbst mit den schwierigsten Gästen fertiggeworden war, meist auf die sanfte, manchmal aber auch auf die harte Tour, zumal Dooley ihr notfalls den Rücken stärken konnte.

Dooley war ein großer, schwerer Kerl, der wie ein harter Brocken wirkte, aber sanfte braune Augen besaß. Und mit Simone ging er so zärtlich um wie eine Katzenmutter mit ihren Kleinen, wenn sie schlappmachte oder einen ihrer schrecklichen Migräneanfälle bekam, der diese tüchtige, energiegeladene Frau in ein zitterndes Bündel verwandelte.

Und all das waren die Gründe dafür gewesen, dass er sofort an das Opera Café gedacht hatte, als Cathy mit Grace über den Karrierewechsel sprach, den sie in Erwägung zog.

Sie habe in letzter Zeit viel nachgedacht, hatte sie gesagt, über ihren verstorbenen Stiefvater Arnold Robbins - einen Mann, den sie innig geliebt hatte und der erste, der Cathy in ihrem zerrütteten jungen Leben adoptiert hatte. Robbins hatte eine kleine, erfolgreiche Kette von Restaurants geleitet, die »Arnie's« hießen, bis er und Cathys Mutter Marie brutal ermordet wurden. Jetzt, mehr als acht Jahre später und auf der Suche nach einer neuen Richtung für ihr Leben, hatte Cathy sich plötzlich wieder an Arnie's erinnert.

»Weißt du, es ist beinahe so, als würde er versuchen, mir zu helfen«, hatte Cathy zu Grace gesagt. »Nur dass Arnie immer leckeres Essen gekocht hat, das allein schon dadurch, dass es auf der Karte stand, die Arterien der Leute verstopft hat, und dass ich stattdessen schmackhaftes, gesundes Essen kochen möchte.«

Wie viele andere Menschen im Großraum Miami auch, hatte Grace das zwar gedacht, aber nicht übers Herz gebracht zu sagen, da weder sie noch Sam die Begeisterung ihrer Tochter mit Füßen treten wollten.

Als hätte Cathy ihre Gedanken gelesen, hatte sie seufzend hinzugefügt: »Nur gibt es hier noch zehn Trizillionen andere Leute, die genau das möchten.«

»Es ist mit Sicherheit ein Arbeitsfeld, in dem es viel Konkurrenz gibt«, meinte Grace.

»Ich will natürlich erst mal lernen, vielleicht eine Art Lehrstelle annehmen«, sagte Cathy. »In Sacramento habe ich als Kellnerin gearbeitet.«

»Das hast du mir noch nie erzählt.« Grace war überrascht.

»Die Frau, für die ich gearbeitet habe, hat gesagt, ich hätte Talent.« Cathy lächelte. »Nicht unbedingt fürs Kellnern, aber ich hätte eine Antenne dafür, was die Kunden wollen. Deshalb habe ich meine Chefin in den Nächten, in denen sie frei hatte, als Geschäftsführerin vertreten.«

»Ich bin beeindruckt«, hatte Grace erwidert.

»Ich habe euch beiden nichts davon erzählt. Wenn ihr gewusst hättet, wie gut es mir ging, hättet ihr euch wahrscheinlich Sorgen gemacht, dass ich nie wieder nach Hause komme.«

Das konnte Grace nicht bestreiten.

»Ich finde auch, dass sie sich ein sehr hartes Geschäft ausgesucht hat«, hatte Sam später dazu gesagt, »aber verglichen mit Leichtathletik ist es wahrscheinlich ein Spaziergang im Park.«

»Auf Wettkampf-Leichtathletik mag das ja zutreffen«, erwiderte Grace. »Auf Trainerarbeit nicht unbedingt.«

»Sie will aber nicht Trainerin werden«, sagte Sam. »Und ein Zuckerschlecken ist dieser Job auch nicht.«

Als er dann Matt Dooley hatte sagen hören, dass er vielleicht nach einer Hilfe für sein Café suchen müsse, weil Simones Mutter krank war …

Dooley schien zu zögern, als Sam ihm seinen Vorschlag unterbreitete, als hätte er Bedenken - und tatsächlich rückte er damit heraus.

»Ich bin vorbestraft.« Mehr hatte er erst einmal nicht gesagt. »Obwohl du das vielleicht schon gewusst hast«, hatte er hinzugefügt.

»Nein, das wusste ich nicht«, hatte Sam erwidert. »Es ist nicht meine Art, Freunde zu überprüfen.«

»Jedenfalls wärst du verpflichtet, den beschützenden Vater rauszukehren, wenn deine Tochter bei mir anfangen würde«, hatte Dooley verdeutlicht. »Ich jedenfalls würde das tun, wenn ich eine Tochter hätte.« Wieder zögerte er kurz, ehe er fortfuhr: »Ich habe ein paar Sachen geklaut, als ich jung war. Zusammen mit Freunden. Es gab keinen guten Grund dafür, denn ich habe keinen Hunger gelitten. Ich brauchte die Sachen nicht mal, die ich gestohlen habe, und ich schäme mich aus tiefster Seele dafür.«

»Nun mach mal halblang«, hatte Sam erwidert. »Wir alle haben irgendwann mal Dinge getan, für die wir uns schämen.«

»Ich wollte es dir auch nur gesagt haben«, meinte Dooley.

»Und dafür danke ich dir«, erwiderte Sam. »Obwohl es nicht nötig gewesen wäre.«

»Aber wir wissen ja nicht mal, ob Cathy den Job überhaupt will.«

»Oder ob du sie haben willst«, hatte Sam geantwortet.

»Oh, dem würde nichts im Weg stehen«, hatte Dooley gesagt. »Cathy würde das schon schaffen.«

Er hatte recht.

Cathy hatte in der ersten Januarwoche mit der Arbeit angefangen; einen Monat später war ihre Begeisterung für das Opera Café und alles, was damit zu tun hatte, ungebrochen. Obwohl sie bei Saul lebte, kam sie nach wie vor ständig bei ihren Eltern vorbei, um mit ihnen über Dooleys Rezepte zu schwatzen und über Simones Geduld und die netten Dinge, die Dooley für fremde Menschen tat.

»Er wird nicht oft wütend«, hatte sie am vergangenen Sonntag erzählt, als sie zum Abendessen vorbeigekommen war. »Wenn überhaupt, ist er meist sauer auf sich selbst, weil irgendein Gericht nicht so geworden ist wie er es haben wollte, oder weil ihm ...

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