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Geteilte Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung und Zitat
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. Quellen
    1. Filme
    2. Musik
    3. Bücher
  27. Dank
  28. Stammbaum

Über dieses Buch

Berlin, 1992: Erst als junge Frau erfährt Ingke, dass sie als Säugling zu DDR-Zeiten adoptiert wurde. Wer sind ihre wahren Eltern? Warum haben sie sie einst weggegeben? Und was bedeutet das für ihr Leben heute? Sie macht sich auf die Suche und stößt auf die Geschichte ihrer Herkunftsfamilie, die nach einem gescheiterten Fluchtversuch ihre Tochter verlor. Auf einmal hat die junge Frau zwei Familien, die um sie ringen: Ihre leibliche Mutter, die irgendwann von der BRD freigekauft wurde und bisher nichts über Ingkes Verbleib weiß. Und ihre vermeintlichen Eltern, bei denen sie behütet und geliebt aufgewachsen ist. Doch muss sie sich tatsächlich entscheiden?

Über die Autorin

Ulla Mothes, 1964 geboren, wuchs in der Mark Brandenburg sowie in Ostberlin auf. Als Studentin stellte sie einen Ausreiseantrag, weil sie nicht wollte, dass ihre Kinder mit einem Maulkorb aufwachsen müssen. Es folgten Exmatrikulation, Arbeit als Garderobenfrau, Ausreise 1986.

Heute lebt Ulla Mothes als Lektorin, Autorin und Schreibcoach in Berlin.

Ihre zwei erwachsenen Kinder dürfen noch immer sagen, was sie wollen.

ULLA MOTHES

GETEILTE

TRÄUME

Roman

Eine deutsche Familiengeschichte

LUEBBE-Logo

 

Gewidmet allen, die um die deutsche Einheit ringen

Auferstanden aus Ruinen

Und der Zukunft zugewandt,

Laß uns dir zum Guten dienen,

Deutschland, einig Vaterland.

Alte Not gilt es zu zwingen,

Und wir zwingen sie vereint,

Denn es muß uns doch gelingen,

Daß die Sonne schön wie nie

über Deutschland scheint.

Johannes R. Becher

1

Berlin, April 1992

Name: Beerenhain. Ingke stapfte über den Krankenhausflur, und der Name auf dem Formular brannte sich ein in ihren Blick. Das war sie, Ingke Beerenhain. Beerenhain wie der Name des Gutes, von dem ihre Familie stammte. Seit ein paar Minuten wusste sie, dass das Lug und Trug war. Sie war keine Beerenhain, sondern eine Schröder. Ihre schokoladenbraunen Augen schwammen in Tränen, als sie so schnell wie möglich dem Aufzug zustrebte. Glücklicherweise war niemand in der Kabine, als sie einstieg. Sie strich sich die dunklen Locken von den nassen Wangen.

Die ganze Beerenhainfamilie hatte ovale Gesichter, blaue oder zumindest helle Augen und mehr oder weniger sandblondes Haar, eine Farbe wie der karge Boden im nördlichen Brandenburg, woher sie stammte. Nur ihre Mutter Maren, die nicht ihre Mutter war, wie Ingke nun wusste, war brünett. Die Beerenhains waren alle groß und schlank, Maren war zierlich, sie selbst dagegen knuffig. Manchmal fühlte sie sich in diesem Körper deshalb ein wenig fremd. Kämpferisch wischte sie die Tränen weg. Sie hatte jedenfalls viel schönere Hände als alle Beerenhains zusammen: weich und rund, mit ovalen Fingernägeln. Und einen Kirschmund hatte sie auch. Einen so schönen Mund hatte höchstens noch Rosa, Onkel Pauls Tochter, von wem auch immer.

An diesem Vormittag war Ingke mit ihrem Arbeitsbuch fürs Matheabitur in den Krankenhauskomplex in Berlin-Buch gekommen, in dem ihre Eltern arbeiteten. Ihr Vater im Städtischen Klinikum, ihre Mutter in der Robert-Rössle-Klinik, in der sie jetzt auch lag. Maren Beerenhain war an Leukämie erkrankt und brauchte dringend eine Stammzellenspende. Einen Spender zu finden war nicht einfach, aber Familienangehörige kamen infrage. Deshalb hatte sich Ingke gleich nach ihrem achtzehnten Geburtstag testen lassen. Ihre Eltern waren dagegen gewesen. Dieses Verfahren sei noch recht neu, man wisse noch nicht, welche Schädigungen Spender davontrügen, und überhaupt sei das wegen des Abiturs jetzt keine gute Idee, hatten sie behauptet. Aber ihre Mutter hing zwischen Leben und Tod, und es fand sich einfach kein geeigneter Spender. Und da sollte sie gemütlich Abitur machen?

Vor einer Stunde war Ingke im Labortrakt der Robert-Rössle-Klinik eingetroffen. Ein strammer jovialer Mann im Kittel hatte sie begrüßt. »Na, da wollen wir mal sehen. Sie können stolz auf sich sein, dass Sie Ihrer Mutter das Leben retten wollen«, hatte er gesagt und auf den Besucherstuhl gewiesen. Dann zog er ihre Testergebnisse aus einem Umschlag und verglich sie mit denen aus der Patientenakte ihrer Mutter. Er blätterte und zog die Augenbrauen zusammen. Und blätterte und schwieg. Dann atmete er tief ein, entließ die Luft mit flappenden Lippen und sah sie an. »Entschuldigen Sie, dass ich das frage, aber haben Sie nicht mit Ihren Eltern vorher darüber gesprochen? Die sind ja Ärzte hier und wissen, dass so ein Test sehr teuer ist …«

»Nein«, sagte Ingke und fügte spitz hinzu: »Das musste ich ja wohl auch nicht.«

Er gab ein unwirsches »Ach« von sich. »Schon bei Blutsverwandten ist die Trefferquote sehr klein. Aber in Ihrem Fall ist das wie Lotto.« Er klang vorwurfsvoll, als hätte sie sich hier eingeschmuggelt und ihm umsonst Arbeit gemacht.

»Wie bitte?«, fragte Ingke verwirrt und musste erst einmal einen Augenblick nachdenken. Wieso war das bei ihr »wie Lotto«? Aufgebracht sagte sie: »Seit wann ist eine Mutter nicht blutsverwandt mit ihrer Tochter?« Sie beugte sich vor und tippte mehrmals auf den Nachnamen Beerenhain, bei Maren und sich selbst.

Schweißperlen sammelten sich auf der Stirn des Laborarztes. Er zuckte vor Ingkes Zeigefinger zurück. »Oh. Das hätte ich jetzt nicht … Ich rufe Dr. Beerenhain an.«

Das musste es sein! Ihr Vater hatte irgendwas manipuliert, damit sie »in Ruhe« ihr Abitur ablegen konnte.

»Ja, machen Sie das«, sagte Ingke patzig. Sie war achtzehn, und ihr Vater hatte ihr nicht zu sagen, ob sie für ihre Mutter Stammzellen spendete oder nicht. Dann lehnte sie sich zurück und sagte nichts mehr.

Zwanzig Minuten später betrat ihr Vater das Zimmer. Er hielt die Thermoskanne mit dem Melissentee aus Beerenhain in der Hand, den er sich jeden Tag zur Arbeit mitnahm.

»Ingke«, sagte er atemlos und winkte den Laborarzt mit den Augen aus dem Raum. Der Mann war ganz offensichtlich froh, dass er wegkam.

Dann setzte Kelle Beerenhain sich seiner Tochter gegenüber, goss den Becher voll und schob ihn ihr hin.

»Du spinnst wohl«, sagte sie. »Woher wusstest du überhaupt, dass ich mich habe testen lassen? Das dürfen die dir doch gar nicht sagen, oder?«

»Das haben sie mir auch nicht gesagt.«

Er sprach leise, klang müde. Dann legte er die linke Hand auf Ingkes Testergebnis, die rechte auf Marens Krankenakte und senkte den Kopf. Ingke starrte ihn an. Sie bemerkte zum ersten Mal, dass sein aschblondes Haar schon fast weiß war. Sie hatte im Vergleich zu ihren Mitschülern alte Eltern. Ihre Mutter war Mitte dreißig gewesen, als sie Ingke bekommen hatte, ihr Vater schon fast vierzig.

Das Schweigen dauerte an, und Ingke begriff, dass ihr Vater seine Finger nicht im Befund gehabt hatte. Das bedeutete, dass der Test entweder falsch war oder ihre Mutter nicht ihre Mutter. Dass der Becher Tee vor ihr stand, sagte ihr wiederum, dass die zweite der beiden Varianten die richtige war. Ihr Vater hatte ihr etwas Ernstes mitzuteilen. Ingke schob den Becher über den Tisch zurück.

Ihr Vater sah auf. Er lächelte dünn und nahm einen Schluck. »Maren ist nicht deine leibliche Mutter. Und ich bin nicht dein leiblicher Vater.«

Ingkes Schultern sackten herab.

»Wir haben dich adoptiert, als du noch ein Baby warst. Maren konnte keine Kinder kriegen. Sie hatte als junges Mädchen mal eine Eierstockentzündung, ihre Eileiter sind verklebt.«

Ingke horchte auf. »Spielt sie deswegen im Winter immer so verrückt, dass ich ja nicht ohne Unterhemd rausgehen soll?«

»Wahrscheinlich«, sagte Kelle.

»Aber warum habt ihr mir das nie gesagt?«, fragte Ingke. Vermutlich hatte ihre Mutter jedes Mal, wenn sie Terz machte, weil Ingke nicht warm genug angezogen war, daran gedacht, dass sie adoptiert war. Und hatte es verschwiegen und verschwiegen und verschwiegen.

»Zuerst warst du zu klein.« Ihr Vater rieb sich über die Stirn und lächelte sie an. »Du warst so ein süßes Baby!«

Ingke schlug ärgerlich mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Entschuldige«, sagte ihr Vater. »Aber das warst du. Wir waren und sind überglücklich, dass wir so eine wunderbare Tochter haben.«

»Und wessen Tochter bin ich wirklich?«

Ihr Vater, der nicht ihr Vater war, nahm einen Schluck Tee. »Geboren hat dich eine Frau namens Petra Schröder. In deiner Abstammungsurkunde ist der Vater als unbekannt verzeichnet. Du warst noch nicht mal ein Jahr alt, als sie mit dir in den Westen flüchten wollte. Sie kam ins Gefängnis und du in ein Heim. Und dann haben wir dich adoptiert. Du bist wirklich und richtig unsere Tochter.«

»Und was ist aus meiner echten Mutter geworden?« Ingke konnte es nicht fassen. Sie war dieser Petra weggenommen worden, einfach so.

Ihr Vater zuckte mit den Schultern.

»Ihr habt nie nachgeforscht?«

»Nein.«

Ein Tonfall voller Unschuld, registrierte Ingke, und ihre Wut loderte empor. »So tiefrot, wie ihr gewesen seid, habt ihr wahrscheinlich auch noch gedacht, es geschieht dieser Asozialen recht, die sich erdreistet hat, aus eurer tollen DDR verschwinden zu wollen.«

Sie musste an die Luft. Kurz schoss ihr durch den Kopf, dass Onkel Paul auch immer »an die frische Luft« musste, wenn er nachdenken oder ein Problem lösen wollte. Paul Beerenhain, nicht mein Onkel, korrigierte sie sich im Stillen. Sie merkte, wie ihr die Tränen kamen.

»Kelle, ich geh jetzt«, blaffte sie und sprach ihren Vater das erste Mal in ihrem Leben mit seinem Rufnamen an. »Ihr habt mich mein ganzes Leben lang hintergangen.« Als sie im Aufspringen eine Handbewegung machte, mit der sie ihm das ganze Gespräch vor die Brust wischen wollte, kippte die Thermoskanne um, und der Beerenhainer Melissentee ergoss sich über Kelles Kittel. Ingke kümmerte sich nicht darum. »Soll Maren doch verrecken.«

Damit war sie hinausgerauscht und hatte die Tür hinter sich zugeworfen. Sie wollte den Schreck spüren, der ihr bei jedem Türenknallen durch Mark und Bein fuhr.

Jetzt, Minuten später, stand Ingke vor der Klinik und wusste nicht, wohin. Bloß weg, war das Einzige, was sie denken konnte, nicht dass der Herr Chirurg Dr. Kelle Beerenhain ihr noch hinterherkam. Sie eilte zu ihrem Fahrrad. In ihrem Kopf drehte sich alles. Ihr Herz stach, und das kam nicht vom Rennen. Als sie ihr Fahrrad aufschloss, fühlte ihr Leib sich leer an, als wäre Ingke Beerenhain nicht mehr da.

»Und sonst gibt es niemanden«, flüsterte sie. Ingke Schröder war ein Phantom, mehr nicht. Ein ausradiertes Kind. Sie musste weg. Zu einer Freundin wollte sie aber nicht. Irgendwie war diese Nachricht zu viel für ihre Freundinnen. Sie hatte schon immer Probleme damit gehabt, sich ihren Schulkameradinnen anzuvertrauen, wenn ihr etwas naheging. Wenn die dann etwas Falsches sagten, fühlte sie sich sofort fremd, und das Ganze endete damit, dass sie sich in ihrem Zimmer gekränkt in die Bettdecke wickelte.

Sie trat so fest in die Pedalen, dass sie nur wenige Minuten bis zu ihrem Einfamilienhaus brauchte. Während sie ihr Rad in der Garage mehr an die Wand schmiss als stellte, fasste sie einen Entschluss. Sie würde ein paar Sachen zusammenpacken und zu Rosa fahren, der Tochter von Onkel Paul. Kelle und Paul Beerenhain waren zwar eigentlich Cousins, aber eher brüderlich verbunden, weshalb Rosa so etwas wie eine Cousine für sie war. Rosa würde sie garantiert aufnehmen. Und zwar, ohne schwierige Fragen zu stellen.

»Soll sie doch sterben! Ich will sie nie wiedersehen!«, rief Ingke schon auf der Treppe zu Rosas Wohnung in einem Altbau im Prenzlauer Berg. In diesem Haus wohnte sie schon ewig. Zuerst allein im Seitenflügel, und jetzt, mit Ende zwanzig, zusammen mit ihrem Mann Peter in einer großen Wohnung im Vorderhaus. Das Stockwerk war auch dasselbe geblieben, das vierte.

»Hallo, wütende Wespe, schön, dass du gekommen bist«, begrüßte Rosa sie und fing sie an der Tür in ihren Armen ein.

Ingke, vom Treppenrennen und vor Zorn außer Atem, machte sich erst steif, aber dann spürte sie Rosas Wärme und ihren gerundeten Bauch, und da schluchzte sie auf. Diesmal kamen die Tränen richtig, keine trotzigen Tropfen, sondern ein stetiger Strom, der alles mitnahm, außer der Verzweiflung. Die wusch er aus, sodass es erst so richtig wehtat.

Rosa nahm Ingke die große Reisetasche ab und bugsierte sie ins Wohnzimmer auf das Sofa am Fenster. Auch sie hatte Beerenhainer Kräutertee gekocht, aber nicht einfach Melisse, sondern irgendeine bittere Mischung.

Ingke hatte am Telefon erzählt, dass sie adoptiert worden war, und so war ihre Cousine bereits vorbereitet. Rosa kommandierte »Beine hoch!«, breitete eine warme selbst gewebte Decke über Ingke und stopfte sie um sie herum fest. Sie selbst setzte sich Ingke gegenüber in einen Sessel, steckte sich ein Kissen in den Rücken und goss ein. Allerdings nur Ingke, sie hatte schon was in der Tasse.

Ingke trank Schlückchen für Schlückchen, und langsam ließen ihr Zittern und Schluchzen nach.

»Ich habe Kelle Bescheid gesagt, dass du herkommst.« Als Ingke erschrocken aufblickte, hob Rosa die Hand. »Er wird nicht hier erscheinen, keine Sorge.«

Ingke nickte. Das war okay, sie wollte ja nicht gesucht werden. Sie tat Honig in den Tee. Beerenhainer Honig natürlich, was sonst. Rosas Vater Paul wohnte dort, im alten Gutshaus der Familie, mit seiner Mutter Emma, die früher noch eine richtige Gutsherrin gewesen war, und seiner Frau Hanna. Er arbeitete in einer Biokooperative, die aus der LPG »Morgenröte« hervorgegangen war, die Kelle und Paul als ganz junge Männer mitgegründet hatten.

Rosa zupfte ihr knallrotes Schwangerenshirt zurecht, das eng saß und dessen Vorderteil in den Seitennähten angekräuselt war. Bestimmt hat sie es selbst genäht, dachte Ingke, die es wunderbar knallig fand. Rosa war Modedesignerin und wusste ihren kleinen Babybauch optisch zu feiern. Sie ließ sich nun genauer berichten, was geschehen war. »Petra Schröder heißt deine Mutter?«, fragte sie am Schluss nach.

Ingke nickte.

»Hmm«, machte Rosa. »Bei Oma war öfter eine Ingrid Schröder zu Gast, als ich noch klein war. Und die hatte eine Tochter. Aber wie die hieß, weiß ich nicht. Ich habe mich nie besonders für Omas Pensionsgäste interessiert.«

Emma hatte drei Zimmer des großen Hauses als Gastzimmer hergerichtet, eines ihrer finanziellen Standbeine, die anderen waren ihre Schafherde und ihre Tätigkeit als Imkerin. Das Gutshaus lag an einem See, und Familien mit kleineren Kindern oder alte Leute kamen gern dorthin.

Ingke merkte, dass sie auf einmal ganz müde wurde. Sie stellte ihre Tasse ab. Wer weiß, was für einen Beruhigungstee Rosa da zusammengebraut hat, dachte sie bei sich. Der Tee in Rosas Tasse hatte verdächtigerweise eine andere Farbe als ihrer.

»Na ja, der Name Schröder ist nicht gerade selten«, sagte Rosa.

Ingke zuckte mit den Schultern. Draußen war es dunkel geworden, nur eine ganz schmale Mondsichel war zu sehen.

»Ich mag den Mond so am liebsten. Besonders wenn es die zunehmende Sichel ist«, sagte Rosa, die Ingkes Blick aus dem Fenster gefolgt war.

»Woran siehst du das?«, fragte Ingke.

»Dann ist die Rundung da, wo das alte deutsche Z wie ›zunehmend‹ gerundet ist – im Gegensatz zum abnehmenden Mond, der links gebogen ist wie das kleine A.«

Ingke schwieg.

»Vati hat mir das beigebracht, und der hat es von Oma. Ich werde es meinem Kind beibringen.«

Jetzt musste Ingke zum ersten Mal lächeln, und sie fühlte, wie sich ihr Gesicht dabei entspannte. Sie schaute auf Rosas Bäuchlein. »Ist das Familie?«, fragte sie. »Also dass man so was weitererzählen will, meine ich.«

Rosa nickte. »Ich glaube schon. Ja, das ist Familie.«

»Und was noch?«

Rosa kniff die Augen zusammen. Nach einer Weile sagte sie: »Dass Ernst damals zu mir gehalten hat. Das ganz bestimmt.«

Sie nahm das Kissen hinter ihrem Rücken weg und zog die Schultern nach hinten. Offensichtlich war das lange Sitzen unbequem für sie. Ernst war ihr Zwillingsbruder, und worauf auch immer Rosa anspielte – es musste etwas Besonderes sein. Denn die beiden hielten eigentlich immer zusammen wie Pech und Schwefel.

»Wenn du wissen willst, was Familie ist, musst du zu Ernst. Frag ihn nach Marie. Die Geschichte mit Marie hat uns auf die Probe gestellt. Aber jetzt lass uns erst mal schlafen gehen.«

Vielleicht ist das tatsächlich eine gute Idee, dachte Ingke, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist und wo man hingehört, andere zu fragen. Herauszufinden, was für sie entscheidend ist, was sie zu denen macht, die sie sind. Sie zupfte an ihrer Decke. »Dein Entwurfstalent hast du von Tante Emma geerbt, stimmt’s?«

Rosa nickte und strahlte. Ingke wusste, dass Rosa ihre Großmutter sehr mochte. Sie selbst fand, dass die vornehme Emma etwas Unnahbares hatte. Als ihre eigene Omi Lisbeth, Kelles Mutter und Emmas Schwägerin, noch lebte, hatte sie sich in Beerenhain meistens an sie gehalten.

»Was ich wohl geerbt habe? Ob ich es je erfahren werde?« Ingke gähnte. Die Mondsichel war inzwischen hinter einer Wolke verschwunden. »Ist schon ein Hammer, dass die nichts erzählt haben, oder?«, fragte sie.

Rosa strich sich über den Bauch. »Wenn Peter und mir etwas zustößt und unser Kind zu anderen Eltern kommt, würde ich mir wünschen, dass es weiß, dass es uns gab.« Sie stockte. »Oder? Ist das egoistisch? Ist so ein Wissen nicht auch ein Fluch? Das arme Kind, warum sollte man es damit quälen?« Sie seufzte. »Ach, ich weiß nicht. Komm, wir ziehen das Sofa aus, darauf kannst du diese Nacht schlafen.«

Rosa stand auf und streckte sich. Als Schwangere wirkte sie noch majestätischer als sonst, denn sie hatte nicht nur die stolze Haltung der Beerenhains, sondern auch kräftige Schultern. Selbst wenn der Bauch dicker wird, wird sie niemals wie ein Fass aussehen, dachte Ingke – im Gegensatz zu ihr selbst, falls sie jemals Kinder bekommen sollte, sie war ja ohne Babybauch schon rund. Sie rappelte sich auf und richtete einträchtig mit Rosa ihr Bett her.

In der Nacht schreckte Ingke auf. Ihr Schlaf-T-Shirt klebte an ihrer Haut. Sie hatte wieder ihren Geistergeheul-Traum gehabt, einen Traum, der sie seit ihrer frühen Kindheit immer wieder heimsuchte. Als sie kleiner gewesen war, hatte sie danach immer schrecklich weinen müssen, und ihre Mutter hatte sie getröstet und sich die restliche Nacht zu ihr gelegt. In diesem Traum war es dunkel. An ihr Ohr drang ein Heulen, erst leise, dann immer lauter. Dann knallte es, und dann fiel sie, fiel und fiel in ein grundloses Nirgends. Davon wachte sie jedes Mal auf. Dennoch lag ihr der Traum auf der Seele wie ein Nachtmahr.

Auch jetzt dauerte es lange, bis Ingke wieder einschlafen konnte, und als sie am nächsten Morgen erwachte, waren Rosa und Peter, der erst spätabends nach Hause gekommen sein musste, schon weg. Aber es lag ein Zettel auf dem Küchentisch.

Liebe Ingke, habe Ernst angerufen. Er weiß Bescheid, und wenn Du Lust hast, trifft er sich heute abend mit Dir. Brombeermarmelade ist im Kühlschrank.

Ingke holte sich das Marmeladenglas – Beerenhainer Marmelade natürlich – und machte sich Toast und Kaffee. Vielleicht war es gut, Maren und Kelle schmoren zu lassen und erst einmal zu sich selbst zu kommen. Sie mochte Ernst. Er kam nach seinem Vater und war, obwohl er in Berlin studierte, ein Ökofreak und ein echtes Landei. Dadurch wusste er auch viel über leckere Dinge aus der Natur. Sie hatte schon als Kind gern mit Essen experimentiert, und Ernst hatte ihr beigebracht, dass man frische Tannentriebe fein hacken und in Vanilleeis drücken konnte. Das machte sie seitdem jedes Frühjahr, und bisher waren alle ihre Freundinnen schwer beeindruckt gewesen.

Ingke schnappte sich Toast, Kaffee und Mathearbeitsbuch und blieb bis zum späten Nachmittag auf Rosas Bettsofa. Ehe Rosa und Peter nach Hause kamen, räumte sie auf, ging in den umliegenden Straßen, in denen es zwar den alten Konsum an der Ecke nicht mehr, aber dafür hier und da neue hübsche Läden und Cafés gab, Schaufenster gucken und dann zum verabredeten Treffpunkt in einem Uraltlokal am Wasserturm, das schon zu DDR-Zeiten ein heimeliger Szenetreff gewesen war.

Der schlaksige Ernst war bereits da und umarmte sie zur Begrüßung. Er war der einzige Mensch, den Ingke kannte, dessen kühlblaue Augen warm leuchten konnten.

»Na, mein Küken? Was machen die für Sachen mit dir?«

Ingke fühlte sich sofort zu Hause. »Küken« nannte der zehn Jahre ältere Ernst sie, seit sie denken konnte. Die Frage war eine rhetorische gewesen. Ernst wollte nicht darüber reden, dass sie adoptiert war. Er war einfach gestrickt, jedenfalls im Herzen, das wusste Ingke. Für ihn würde sie immer sein Küken bleiben. Und bei ihm konnte sie das auch annehmen.

Sie war erleichtert. Ohne es sich bewusst zu machen, hatte sie Angst gehabt, dass sie die Menschen verlieren würde, zu denen sie nun eigentlich nicht mehr gehörte, nie gehört hatte. Nein, Ingke schüttelte unwillkürlich den Kopf, »verlieren« war der falsche Ausdruck. Dass sie von ihr abrücken würden, hatte sie befürchtet, dass sie sie betrachten würden wie ein unbekanntes Insekt. Zumindest für Ernst schien dieser Gedanke jedoch Lichtjahre entfernt zu sein.

Er streckte seine langen dünnen Beine unter dem Tisch aus und bestellte ihr ungefragt ein kleines Bier, er hatte schon ein großes vor sich stehen. »Ich soll dir von Marie erzählen?«

Noch eine rhetorische Frage.

Ingke nickte und trank einen Schluck Bier. So was trank sie sonst nie. Zu Hause bekam sie nicht mal Kaffee zum Frühstück. Bei ihren Eltern – oder vielmehr bei Maren und Kelle – war sie immer noch Kind.

Ernst, der als Brandenburger Bauernsohn noch nie viel um etwas herumgeredet hatte, verschwand umstandslos in seiner Vergangenheit.

2

Berlin, 1986

Marie war für Ernst wie von einem anderen Stern. Nicht nur wie. Denn Marie war aus dem Westen, und der war so etwas wie ein anderer Stern. Sie kam aus Bad Oeynhausen und studierte im nahen Bielefeld im dritten Semester Sozialpädagogik.

Die Berliner Zionskirchgemeinde, in der Rosa im Chor sang, hatte Anfang Oktober ein Konzert mit ihrer Partnergemeinde aus dem Bad Oeynhausener Stadtteil Werste organisiert. Kammermusik, Chor, alles gemischt. Die Westler waren im Pulk mit ihren Instrumenten am Grenzübergang erschienen. Das fiel natürlich auf, und die Hälfte wurde zurückgeschickt. So auch der Cellist. Marie mit ihrem kleinen Querflötenköfferchen in der Umhängetasche war schon durch.

Das Konzert drohte zu platzen, weil Instrumente fehlten. Also bekniete Rosa Ernst, ob er nicht mit seinem Cello einspringen könnte. Er hatte es nicht so mit Kirche, aber er war im Umweltkreis der Gemeinde aktiv, und natürlich buckelte er Rosa zuliebe sein Cello zur Probe.

In der Sakristei wimmelte es von Musikern. Die mit den Saiteninstrumenten fluchten, weil es wegen der Kälte ewig dauerte, bis Geige, Bratsche und Cello einigermaßen gestimmt waren. Neben Ernsts uraltem Cellosack lag ein hübsches Querflötenkästchen mit Atomkraft-nein-danke-Aufkleber, und neben dem hübschen Kästchen stand ein noch viel hübscheres Mädchen mit blonden Korkenzieherlocken und fremdelte etwas mit dem Gewusel im Raum. Genau wie Ernst.

»Hallo, ich bin Ernst. Und du?« Super originell, schalt Ernst sich, aber er war eben schon immer eher kurz und direkt. »Du Bauer«, schimpfte Rosa gern. Seine Schwester verteilte jedoch glücklicherweise weit genug weg Noten.

»Ich bin Marie. Springst du bei Vivaldi ein?«

»Wenn ich das wüsste.« Er lachte auf.

»Das kann ja heiter werden.« Marie lächelte zurück. Sie hatte wunderschöne volle Lippen. Ernst ahnte schon, wie das an der Querflöte aussehen würde.

»Wir spielen das a-moll-Trio. Den Fagottisten haben sie an der Grenze zurückgeschickt. Aber das kannst du auch auf dem Cello spielen.« Marie biss sich auf ihre volle Unterlippe und sah Ernst erwartungsvoll an.

Der nickte beflissen und starrte auf Maries Mund. Er hatte keine Ahnung, er hatte noch nie ein Fagott ersetzt.

»Und Bach, C-Dur-Trio. Dann noch eins von Haydn. Nummer weiß ich nicht.« Marie wühlte in ihren Notenblättern und schob dabei fahrig ihre Brille hoch. Sie war kräftig gebaut, breites Kreuz, feste Hände, und dabei doch schlank. Eine interessante Mischung. Die kann man im Bett bestimmt fest anpacken, überlegte Ernst und erschrak vor sich selbst.

»Mozart spielen die Streicher. Da weiß ich nicht so genau«, fuhr sie fort. Dann blickte sie auf. »Meinst du, wir kriegen Schwierigkeiten heute Abend?«

Ernst musste sich erst mal sammeln. »An der Grenze?«

Marie nickte. »Na ja, wenn wir hier was Strafbares machen …«

»Wirst du eingeknastet.«

Sie zögerte nur eine Millisekunde. Dann knuffte sie ihn in die Seite. Sie war kräftig, wie er vermutet hatte. Als sie die Faust zurückziehen wollte, fing er sie ab und strich ganz leicht darüber.

»Alle mal herhören!«, rief Rosa durch das Gewühl. Ernst sah auf und tat so, als hätte er vergessen, Maries Hand loszulassen. »Wer hat noch keine Noten?«

Marie ließ ihm ihre Hand, und Ernsts Herz pochte spürbar. Er drückte Maries Finger ganz kurz und so zart, wie Drücken eben ging. Dann ließ er sie los und meldete sich. »Ich! Vivaldi, Bach, Haydn, Mozart.«

Es wurde eine denkwürdige Katzenmusik. Einerseits natürlich, weil Ernst noch nie ein Fagott ersetzt und nur das Bach-Trio irgendwann in der Musikschule schon mal geübt hatte. Andererseits aber auch, weil Maries Lippen an der Querflöte seine schärfste Ahnung noch übertrafen, was dazu führte, dass er sich nicht auf die Noten konzentrierte und sich ständig verspielte. Aber egal. Hier zählte der Zusammenhalt von Ost und West. Und den, schwor Ernst sich, würde er zum Thema des Abends machen. Marie sollte erst in letzter Minute auf ihre Seite der Mauer kommen.

So geschah es. Ernst sorgte dafür, dass ihre Hände sich wieder trafen und später auch ihre Münder. Marie, oder vielmehr das Gloss auf ihren Lippen, schmeckte nach Himbeerbrausepulver. Echte Himbeeren wären besser gewesen, fand Ernst, aber der Glanz war schnell abgeküsst, und ab da schmeckte sie himmlisch nach Mädchen.

Er brachte sie auf den letzten Drücker zur Tränenschleuse, wie das Gebäude für die Ausreise nichtsozialistischer Bürger genannt wurde, und holte sie am nächsten Morgen zum Frühstück hundert Meter weiter auf der anderen Seite der S-Bahn-Brücke Friedrichstraße wieder ab.

Geschlafen hatte Ernst nicht. Denn er musste in der Nacht ein Problem lösen. Wo sollte er mit Marie frühstücken? Er wohnte bei Rosa, Frühstückscafés gab es nicht in Ostberlin, und Rosas Küche kam nicht infrage. Rosa hatte ein Ding weg, was Liebe und Osten und Westen in Kombination betraf. Sie hatte sich zum Anfang ihres Studiums in jemanden verliebt, der einen Ausreiseantrag laufen hatte. Gregor hieß er, erinnerte sich Ernst, und es hatte todunglücklich geendet. Bittere Kommentare in dieser Richtung konnte Ernst an diesem Morgen jedenfalls nicht gebrauchen, und mit einer Westbraut an Rosas Küchentisch waren die vorprogrammiert.

Ich muss mir dringend eine eigene Wohnung besorgen, überlegte er. Die Erdgeschosswohnung in Rosas Seitenflügel war frei, allerdings total feucht. Trotzdem sollte er die vielleicht besetzen. Aber so schnell ging das nicht, und das Wetter versprach schön zu werden. Ihm kam eine Idee.

Er nahm sich eine von Rosas Wolldecken, zwei Kissen und Emmas Heidelbeermarmelade und was er sonst noch fürs Frühstück finden konnte, fuhr frühmorgens mit der ersten S-Bahn nach Baumschulenweg und stiefelte in die Gärtnerei, in der er gerade eine Lehre begonnen hatte. Im Gewächshaus richtete er eine Art Gartenzimmer mit Wänden aus großen Oleanderbüschen her, die Gerti, seine Chefin, züchtete. Der Ur-Oleander kam von dem Platz vor der Ständigen Vertretung der BRD, da hatte sie mal einen Trieb abgeschnitten, und der hatte Wurzeln geschlagen. Ernst war beeindruckt gewesen, denn Oleander gab es sonst nur im Westen. Gerti hatte gelacht. »Oleander wächst wie Unkraut, aber sag’s nicht weiter.«

Ernst schleppte und räumte und holte noch ein paar Passionsblumen, Fuchsien und Geranien herbei, stellte sie vor die großen Kübel, schnitt draußen ein paar letzte Rosenblüten ab und ordnete sie in einer Vase. Dann baute er aus einigen Kisten und der Platte eines großen Pflanztischs eine Bank, breit wie ein Bett, platzierte den Gartentisch davor und drapierte Decke und Kissen. Er stellte Teller und Kaffeepötte aus der Teeküche der Gärtnerei auf den Tisch. Dann noch die Rosenvase, und schon sah alles richtig gut aus.

Er verließ das Gewächshaus, schnappte sich den Kleinlaster und fuhr zur Friedrichstraße. An einem Sonntag erschien Gerti nie auf der Arbeit, sie würde von alldem gar nichts mitkriegen.

Ernst parkte in einer Seitenstraße und warf noch einen Blick in den Rückspiegel. Seine glatten Haare hatte Rosa vor ein paar Tagen mit Todesverachtung poppermäßig geschnitten, und leicht verwuschelt kamen sie unauffällig schick rüber. Unauffällig schick war immer das Beste bei einem Mann, fand er. Zufrieden stieg er aus.

Marie kam ihm entgegen und duftete nach Vanille. »Küssen erst um die Ecke, es ist hell«, konnte Ernst ihr gerade noch zuraunen, dann zog er sie weg vom Bahnhof.

Im Lieferwagen knutschten sie endlich richtig. Zum Vanilleduft kam kurz wieder das Himbeerbrausepulver, aber als das weg war, schwebte Ernst im siebten Himmel. Irgendwann hatten sie Hunger, Ernst startete den Motor und ratterte übers Pflaster. Bis Baumschulenweg war es ein ganz schönes Stück.

»Wohin fahren wir?«, fragte Marie.

»Leider weit«, gab er zu. »Aber ich habe eine Überraschung für dich.«

»Was denn für eine?«

Ernst schaute kurz rüber. Maries Augen glitzerten hinter ihrer schicken Goldrandbrille. Sehr gut.

»Das kommt auch ein bisschen auf dich an«, meinte er.

Sie schwieg einen Augenblick, dann fragte sie: »Was wäre passiert, wenn wir uns am Bahnhof geküsst hätten?«

»Dir nichts.«

»Und dir?«

»Schwer zu sagen.« Ernst wusste es wirklich nicht. Wenn ein dienstbeflissener Bulle sie aufgegriffen hätte, wäre die Wahrheit gewesen: Wir kennen uns nur flüchtig, genau genommen nicht mal vierundzwanzig Stunden. Ich will sie bumsen, und dann verschwindet sie wieder ganz weit weg. Das war jedoch nur die halbe Wahrheit. Die ganze war: Ernst wollte zwar mit ihr ins Bett, aber er hatte sich auch richtig verknallt.

»Hätten sie dich verhaftet?«, setzte Marie nach.

Ernst hatte den Eindruck, dass er die Sache entschärfen musste. »Wenn ein Bulle gekommen wäre und unsere Ausweise verlangt hätte, hätte ich gesagt, dass er das vermutlich falsch einschätzt. Ich hätte nur wissen wollen, wie dieser Glanzstift schmeckt, der so nach Brausepulver riecht.«

Marie dachte nach. »Ich hätte dann mein Lipgloss rausholen und es dem Polizisten auf die Hand schmieren müssen und sagen, er soll auch mal probieren, oder?«

Ernst fuhr vor Überraschung durch ein Schlagloch. »Das wäre eine richtig gute Idee gewesen.«

»Ich wäre aber in dem Moment nie draufgekommen«, sagte sie.

Schweigen breitete sich aus. Was für ein beknacktes Gespräch, dachte Ernst. Am Vorabend war alles so einfach gewesen. Marie hatte ihm von ihrem Praktikum in einer Gesamtschule erzählt und ihm den Kanon Frère Jacques beigebracht. Ernst hatte sie damit herausgefordert, ob sie es schaffen würde, ihn nach jeder Sequenz zu küssen und dann richtig weiterzusingen. Sie hatten es beide geschafft, jedenfalls bis sie mit dem Singen aufhörten. Es war erst lustig und dann innig gewesen.

»Hier ist es ganz schön grau«, wechselte Marie das Thema.

Er zuckte mit den Schultern. »Außer da, wo Erich jeden Tag langfährt. Also Erich Honecker. In Weißensee haben sie an der Straße, die er von der Bonzensiedlung in Wandlitz aus stadteinwärts fährt, alle Fassaden gestrichen. In der Schönhauser Allee an der Mauer auch. Das sieht man, weil da die S-Bahn im Mauerstreifen fährt.« Diese Bonzensiedlung war wirklich verrückt. Da wohnte die ganze DDR-Regierung Gartenzaun an Gartenzaun.

»Echt? Die haben ihm eine Kulisse gebaut? Weiß er das nicht?«

»Keine Ahnung. Vielleicht ist es auch nur für die Staatsgäste, denen seine Margot zu Hause Spiegeleier brät. Damit ihnen nicht auffällt, wie es hier sonst aussieht.«

»Wie nach dem Krieg«, sagte Marie und zog die Beine hoch.

»Schlimmer«, sagte Ernst und zeigte auf eine Bahnbrückenanlage vor ihnen. »Von den sechs Brücken werden nur noch zwei oder drei befahren. Die Schienen der restlichen sind als Reparationsleistung in die Sowjetunion transportiert worden. Hat mir mein Onkel erzählt.«

»Ich habe Hunger«, sagte Marie, und Ernst begriff, dass er seine DDR-Führung beenden sollte.

»Ich habe Frühstück«, antwortete er deshalb und bog zwei Minuten später in die Gärtnerei ein.

Marie war hin und weg von Ernsts Gartenzimmer. »Hast du das wirklich für mich gemacht?«, fragte sie.

Ernst nickte. Dann bekam er endlich wieder einen richtigen Kuss, aber als er seine Hand unter ihren Pullover schob, knurrte ihr Magen. Laut und vernehmlich. Schnell zog er die Hand zurück. Warten war eine Kunst, die bei Mädchen meistens zum Erfolg führte, so viel wusste er schon.

Er löste sich von ihr und wedelte mit der Brötchentüte. Marie griff danach und schaute hinein.

»Die sind aber klein«, meinte sie.

Na toll, dachte Ernst. Westbrötchen hatte er nun mal nicht. Er sparte sich einen Kommentar.

Sie biss in eins. »Schmecken aber super. Unsere schmecken nicht mehr, wenn sie vom Vortag sind.«

Na, wenigstens das, dachte Ernst befriedigt und schob ihr Emmas Marmelade rüber. »Probier mal. Heidelbeere.«

Marie langte zu. Das nächste Mal küssten sie sich mit heidelbeerblauen Lippen und Zungen. Und dann wanderte seine Hand wieder unter ihren Pullover und ihre unter seinen, und Decke und Kissen kamen auch zum Einsatz.

Später zeigte Ernst Marie die Gärtnerei, jedenfalls den Teil mit den Herbstblumen und die Obstbäume. Er holte ihr die erste Winterbirne herunter, und sie pflückten Äpfel. Als sie einen in jeder Hand hielt, nutzte Ernst die Gunst der Sekunde. »Das kann ich auch«, sagte er, legte seine Hände um ihre süßen Apfelbrüste, und natürlich endete das wieder im Gartenzimmer.

Am Nachmittag schleckten sie das Glas Heidelbeermarmelade aus, und Ernst erzählte Marie von seinem Traum einer umweltbewussten Landwirtschaft. Das hatte er noch nie bei einem Mädchen gemacht, denn das roch nach Mist und stank nach Dorf. Und welches Mädchen wollte schon aufs Dorf? Bei Marie war das egal. Eine Zukunft stand nicht zur De-batte.

Sie erzählte von den Rabatten im elterlichen Garten und davon, dass sie diese langen Blumenbeete als Kind immer von Unkraut freihalten musste und es gehasst hätte, weil in den Winterheidebüschen die Mücken nur darauf gewartet hätten, sie zu überfallen. Ernst lachte, und dann spielten sie Mückenplage beim Unkrautrupfen.

Als es dunkel wurde, sagte Marie: »Nächstes Mal zeigst du mir aber den Fernsehturm, ja?«

* * *

Berlin, April 1992

Ernst hatte erzählt und erzählt, und Ingke hatte keinen Schimmer, warum Rosa ihr gesagt hatte, sie solle Ernst nach Marie fragen. Außer dass es irgendeine alte Ost-West-Geschichte war, hatte das alles nichts mit ihr zu tun oder mit ihren Eltern, welchen auch immer.

»Und warum hat Rosa nun gesagt, ich soll dich nach Marie fragen?«, fragte Ingke deshalb.

Ernst griff nach ihrer Hand. »Weil ich Rosa ein Jahr, bevor ich Marie kennengelernt habe, ein Versprechen gegeben habe. Und damit du verstehst, was es hieß, dieses Versprechen gegenüber meiner Schwester zu halten, musst du meine Liebesgeschichte mit Marie kennen.«

Ernsts Stimme war ganz weich geworden. Er hatte schon immer so etwas Unmännliches, dachte Ingke, ihrs war das nicht. Aber sie musste zugeben, die Geschichte war romantisch. Und auch wenn sie alles andere als in romantischer Stimmung war, beruhigte sie irgendwie ihr Herz.

»Erzähl weiter«, sagte sie deshalb.

Ernst blickte zum Tresen, hielt zwei Finger für zwei Biere hoch und fuhr sich dann durchs Haar.

* * *

Berlin, 1986

Als Ernst in der Nacht nach Hause kam, nachdem er Marie zur Grenze gebracht hatte, war Rosa auf hundertachtzig.

»Wütende Wespe!«, warnte sie, raffte ihre lange selbst gestrickte Jacke aus dicker Beerenhainer Wolle um sich und legte los: »Schön, dass ich heute den letzten Schwarzbrotkanten mit nichts frühstücken durfte.«

»Waren doch noch Spaghetti da«, versuchte Ernst, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Sie verdrehte die Augen. »Danke vielmals. Das Letscho war schimmlig. Du gehst morgen einkaufen. Alles komplett.«

Ernst nickte ergeben.

»Wo kommst du überhaupt her?«, fragte sie.

»Aus der Gärtnerei.« Das war die Wahrheit. Oder jedenfalls fast. Bis auf den kleinen Umweg zur Tränenschleuse, die ihrem Spitznamen an diesem Abend alle Ehre gemacht hatte.

Aber Ernsts Zwillingsschwester wäre nicht seine Zwillingsschwester gewesen, wenn sie ihm nicht hätte ins Herz sehen können. »Du hast dich mit dieser Marie getroffen.« Sie kniff die Augen zusammen. »Die ist heute noch mal rübergekommen, und ihr habt …«

»In der Gärtnerei gepicknickt.« Es hatte sowieso keinen Sinn, Rosa etwas vorzumachen, befand Ernst.

»Gepicknickt.«

»Gepicknickt.«

»Pick, pick, pick«, machte Rosa und dazu die passende Geste mit dem Finger.

»Ich werd’ die Wohnung unten besetzen«, wechselte Ernst das Thema. »Ich breche die Wand auf und mache eine Tür nach draußen rein. Und dann bepflanz ich mir eine richtig schöne Terrasse im Hof.«

»Oje.« Mehr gab Rosa nicht von sich. Es war auch alles gesagt. Sie verschwand in ihrem Zimmer, Ernst in seinem.

In der Woche darauf besetzte Ernst die Erdgeschosswohnung. Wie unkompliziert das war, wusste er von seiner Schwester: mit einem Dietrich rein, Schloss auswechseln, den gleichen Betrag wie Rosa auf ein Konto der Kommunalen Wohnungsverwaltung überweisen und fertig. Wenn das drei Monate gutging, würde ihn so leicht keiner wieder rausschmeißen können. Er flickte das lecke Abflussrohr, das für die meiste Feuchtigkeit gesorgt hatte, holte die Schimmeltapeten herunter, soweit sie nicht schon von selbst abgeblättert waren, föhnte die Schimmelflecken, bis Rosas Föhn glühte, besorgte sich einige Dielen und eine hübsche Balkonflügeltür aus einem Abbruchhaus ein paar Straßen weiter, ersetzte die verfaulten Dielen und brach mit einem Kumpel aus der Gärtnerei, der einen Türsturz mauern konnte, ein Loch in die Außenwand des Wohnzimmers. Da setzten sie die Flügeltür ein. Weil es Herbst war, fing Ernst auf der Terrasse erst einmal mit Buchsbaum an, Heide und ein bisschen Efeu. Und einem der Oleander, den wollte er im Winter oben bei Rosa ins Treppenhaus stellen.

Um die Ecke gab es eine Telefonzelle, die irgendjemand so manipuliert hatte, dass man darin kostenlos telefonieren konnte. Ernst verabredete mit Marie Telefonstelldicheins, meistens morgens um halb sechs. Zu der Zeit stand keine Schlange vor dem Apparat, und man kam fast immer innerhalb von zehn Minuten in den Westen durch. Sie nannten es ihr Schlummergeflüster. Zur Sicherheit redete Marie Ernst mit dem Namen Hans an. Den hatte er als Tarnnamen gewählt, weil der »rote Hans« in Beerenhain immer mit irgendwelchen Parteileitungsbeschlüssen dazwischenfunkte. Marie war meist noch ganz schläfrig, Ernst konnte ihre Bettwärme durch den Hörer spüren.

Über Silvester verabredeten sie sich in Prag. Dorthin konnte Marie viel einfacher reisen, sie hatte keinen Zwangsumtausch, und Ernst besorgte ihnen ein billiges Zimmer.

Sie trafen sich auf der Karlsbrücke. Ernst und Marie rannten aufeinander zu, er wirbelte sie herum, sie küssten sich und fummelten an ihren dicken Winterjacken herum, bis irgendjemand sie mit einem Schneeball bewarf. Vermutlich war die Abkühlung angebracht.

Marie war mit einem zehn Jahre alten Golf Cabrio gekommen, dunkelblau, helle Sitze. Ernst hatte die ganze Zeit Angst, dass es ihr geklaut werden würde. Passierte aber zum Glück nicht. Sie ließ ihn sofort ans Steuer, war froh, sich nicht mehr orientieren zu müssen.

Ernst saß zum ersten Mal in seinem Leben hinter dem Lenkrad eines Westautos, die wunderschöne Marie mit der zarten Goldrandbrille neben sich, und konnte sich einbilden, er sei ein Westler. Das war ganz leicht. Er fuhr sie zu ihrem abgeranzten Hotel in der Altstadt, und dann landeten Maries schicke West- und seine labbrige Ostjeans einträchtig nebeneinander auf dem Fußboden und sie selbst im Bett.

Ernst versank in den Tagen wie in einem frischen Heuhaufen. Morgens stärkten sie sich mit wunderbar weichen, hefigen Butterhörnchen. »Die gibt es nur in der Tschechoslowakei«, sagte Ernst stolz.

Marie stutzte. »Nö, in Bayern auch.«

Ernst war kurz enttäuscht, hatte er doch gedacht, endlich mit etwas punkten zu können, das es nicht im Westen gab, aber dann war es ihm egal.

Mittags gingen sie spazieren, damit Marie zu Hause wenigstens vom Wenzelsplatz und dem Hradschin erzählen konnte. Danach holten sie sich in einer Uraltbäckerei neben dem Hotel Kuchen mit viel Schlagsahne, und Ernst traute sich und garnierte seine Marie im Bett mit dieser cremigen Köstlichkeit. Er führte sie zum Schwarzbiertrinken ins U Fleků aus, und sie lud ihn Silvester zu seinem ersten echten Champagner ein, den sie im Doppelkastenfenster des Hotelzimmers kaltgestellt hatten.

Am letzten Tag standen sie auf der Karlsbrücke und schauten in die Moldau. Die floss ruhig und gewiss in ihre Zukunft. Was ist meine, überlegte Ernst.

Marie war nervös und steif. Irgendwann, als sie schon fast erfroren waren und Ernst Marie doch nicht bitten konnte: Warte auf mich, hol mich raus; als er wieder Ostler war und Marie Westler und zwischen ihnen die Mauer wuchs, sagte sie unvermittelt: »Das ist verrückt.«

Mehr gab es auch nicht zu sagen.

Im März kam sie zwei Tage nach Westberlin, irgendwie fürs Studium. Natürlich besuchte sie ihn, und diesmal zeigte er ihr den Fernsehturm.

Oben schauten sie über die Stadt, die ganze geteilte Stadt. Ernst neigte sich zu Maries Ohr und sang leise:

»Wenn ich ein Vöglein wär

Und auch zwei Flügel hätt,

Vögelt ich dich hier.

Versteckt dich unterm Flügelein,

Versteckt dich unterm Flügelein,

Wäre tief in dir.«

Marie lächelte, überlegte einen Augenblick, suchte seine Augen und sang:

»Bin ich gleich weit von dir,

Bin doch im Schlaf bei dir

Und red mit dir.

Wenn ich erwachen tu,

Wenn ich erwachen tu,

Bist halb sechs da du.«

Marie, klar, dachte Ernst. Die kennt das Lied auch. Sie stammte schließlich aus einem gutbürgerlichen Westhaushalt mit Blumenrabatten, wo man noch alte Volkslieder sang und nicht neue FDJ-Lieder. Marie hatte das Lied bestimmt in der Schule gelernt, und er kannte es durch seine Großmutter und Mutter, eine Pfarrerstochter. So sangen sie zusammen:

»Es vergeht kein Stund’ in der Nacht,

Da mein Herze nicht erwacht

Und an dich gedenkt,

Dass du mir viel tausendmal,

Dass du mir viel tausendmal,

Dein Herz geschenkt.«

Sie flanierten Hand in Hand in der Runde der Aussichtsplattform. Ernst zeigte Marie die Karl-Marx-Allee, und sie suchte den Kurfürstendamm. Sie blieben lange dort oben über der Welt und küssten sich völlig unbeobachtet, weil alle nur rausschauten und nicht auf das, was auf dieser kleinen Insel über der Stadt geschah.

Als sie später Unter den Linden entlangschlenderten, sah sie dann doch jemand. Ein Polizeiauto hielt neben ihnen. Die Kollegen stiegen aus.

»Passiert nichts«, konnte Ernst Marie gerade noch zuraunen, die erstarrte und offensichtlich nicht wusste, ob sie sich an seinem Arm festhalten sollte oder nicht.

»Die Ausweise, bitte.«

Klar, was sonst, dachte Ernst. Sie händigten einem der Polizisten die Papiere aus. Ein großer grüner Pass, ein kleinerer blauer Ausweis, die kein bisschen zusammenpassten.

»Sie sind auf Tagesbesuch?«, wurde Marie gefragt.

Sie nickte und streckte die Hand nach ihrem Pass aus. »Darf ich den bitte wiederhaben?«

Der Polizist zog einen Mundwinkel nach unten und händigte ihn ihr aus.

Tja, Marie ist eben Westlerin, dachte Ernst. Seinen behielt der Bulle noch ein bisschen.

»Woher kennen Sie sich?«

Marie war so klug, Ernst reden zu lassen. Er blieb bei dem, was die sowieso garantiert wussten. »Marie ist aus unserer Partnergemeinde.«

»Partnergemeinde«, der Polizist zog auch noch den anderen Mundwinkel nach unten, nachdem er das Wort auf den ersten beiden Silben betont hatte.

Lernen die Bullen das Fratzenziehen in ihrer Ausbildung, fragte sich Ernst.

»Ich will jetzt das Brandenburger Tor sehen«, sagte Marie und rückte ihre Brille zurecht, ohne die Polizisten aus den Augen zu lassen.

Und da bekam er wirklich seinen Ausweis zurück, und sie waren entlassen.

Das Polizeiauto fuhr noch ein bisschen in Schrittgeschwindigkeit hinter ihnen her, aber irgendwann bog es ab.

Sie blieben vor dem Brandenburger Tor mit der kahlen Freifläche davor und der Mauer dahinter stehen. Marie sagte wieder nur einen Satz: »Ich hol dich hier raus.«

Er nahm sie in den Arm. »Das dauert ewig.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es gibt Eheschließungsanträge. Ich hab mich erkundigt. Dauert nur ein halbes Jahr.« Sie wurde rot.

Ernst hatte noch nie gesehen, dass Marie rot wurde, aber jetzt hatte sie sich so weit vorgewagt, dass sie sich schämte. Dabei hätte er sich schämen müssen, fand er. Wie konnte er ihr das zumuten? Wollte sie ihn heiraten, nur um ihn »hier rauszuholen«? Oder wollte sie ihn wirklich heiraten? Das war doch alles Wahnsinn! Marie war so mutig und gleichzeitig so unbedarft, so schrecklich gefährlich schön unbedarft – worüber er bestürzt war und was ihn extrem scharfmachte. Er atmete tief durch und schaute in den einen Himmel über der zweigeteilten Stadt. Ernst musste beiden eine eiskalte Dusche verpassen.

Er nahm Marie noch fester in den Arm und streichelte sanft ihr Haar. Leise sang er hinein:

»Wenn ich ein Vöglein wär’

Und auch zwei Flügel hätt’,

Flög ich zu dir.

Weil es aber nicht kann sein,

Weil es aber nicht kann sein,

Bleib’ ich allhier.«

Marie versteifte sich.

»Ich kann keinen solchen Antrag stellen. Dann fliegt Rosa von der Hochschule. Solange Rosa studiert, muss ich stillhalten.«

»Was?«

Er nickte langsam. »Ich hab es ihr versprochen. Ich wollte schon vor längerer Zeit einen Ausreiseantrag stellen, als wir uns noch gar nicht kannten.«

»Aber wieso …« Marie ließ offen, was sie fragen wollte. Vermutlich verstand sie gar nichts mehr. Weder Ernst, noch was los war.

Und diesmal blieb er knapp, weil es mehr nicht zu sagen gab. »Sippenhaft. So ist das eben.«

Ihre Augen wurden feucht, und er führte sie weg von dem leeren Platz vor dem Tor, durch das niemand mehr kam, damit sie nicht noch mehr auffielen. Er gab ihr ein Taschentuch, als sie zu schniefen begann.

Abends an der Tränenschleuse weinte sie zum ersten Mal beim Abschied nicht. »Ich lass mir was einfallen«, sagte sie. Dann war sie weg.

Was sie sich einfallen ließ, hätte Rosa nicht zur wütenden Wespe, sondern zur wütenden Hornisse werden lassen, hätte sie davon erfahren. Marie wollte nämlich jemanden suchen, der Rosa heiratete. »Dann könntet ihr beide zusammen rüber«, sagte sie bei einem der nächsten Schlummergeflüster.

»Grete geht nicht in den Westen«, musste er ihr antworten, beeindruckt davon, dass Marie wie selbstverständlich auch für Rosa einen Tarnnamen gefunden hatte, den »Hans« sofort verstand. Aber wie auch immer, das Thema war bei Rosa seit der Sache mit Gregor durch. Rosa ließ sich nicht »entwurzeln«, wie sie sagte.

Marie und Ernst verabredeten einen gemeinsamen Urlaub in Ungarn. Treffpunkt am Sonntag, dem 10. August, auf der Margaretenbrücke in Budapest, siebzehn Uhr. Ernst stand da und wartete und dachte an ihre Küsse an der Karlsbrücke zu Silvester und ihre Abschiede an der S-Bahn-Brücke Friedrichstraße. Er hielt zwischen den vielen Touristen Ausschau nach ihr, bis ihm die Augen wehtaten. Keine Marie. Erst nach Mitternacht, als es kühl wurde, machte er sich klar, dass sie nicht mehr kommen würde.

Ernst ging auf die Insel hinunter und suchte sich einen Schlafplatz im Gebüsch. Er beschloss, es am nächsten Tag noch einmal zu probieren. Vielleicht war ja irgendwas dazwischengekommen. Ein Zimmer hatte er nicht, denn Marie hatte gesagt, dass sie einen R4-Kastenwagen aufgetrieben habe, in dem man auch schlafen könne. Morgens wusch er sich in der Donau. Mit seinem schweren Rucksack wollte er nicht durch die Stadt laufen, also setzte er sich auf eine Wiese.

Um vier ging er wieder auf die Brücke, wartete, hielt Ausschau. Kurz vor sechs war sie da. Er hatte sie zwischen all den Menschen dort nicht kommen sehen. Sie liefen sich nicht entgegen. Sie fielen sich in die Arme, aber ohne Schwung. Marie sagte, dass sie wegen der Gardinen, die sie noch im Auto angebracht habe, erst einen Tag später losgekommen sei als geplant.

Wegen Gardinen! Und er hatte gedacht, sie käme gar nicht. Als sie sich an ihn schmiegte und er ihre kräftige und doch schlanke Gestalt umfing, verging seine leichte Verstimmung jedoch sofort. Er freute sich auf zwei Wochen Marie. Marie Tag und Nacht, immerzu.

Sie parkten in der Nähe des Gellért-Bades in einer Seitenstraße und gingen jeden Tag dort schwimmen und duschen. Morgens waren nur alte Leute da, die in den geschwungenen Thermalbecken saßen wie knubbelige Statuen. Sie teilten sich das Bad wohlwollend mit dem jungen Paar, und am dritten Tag meinte Marie, das sei so kuschelig, wie zu den Großeltern zu fahren.

Sie schauten sich die Stadt an, und als sie oben auf der Burg standen, sagte Marie: »Budapest ist viel schöner als Wien. Wien haben sie neben die Donau gebaut. Die fließt am Rand vorbei. Ich meine, wenn man schon eine Stadt mit Fluss haben kann …« Sie wies auf die Löwenbrücke und auf die breite Treppe, die vor dem Parlament in den Fluss führte und auf der man herrlich sitzen und Kadarka trinken konnte.

Na immerhin, dachte Ernst. Der Osten hat also doch was zu bieten. Aber Ungarn war eigentlich gar nicht richtig Osten, dem Land ging es wirtschaftlich deutlich besser.

In der zweiten Woche gondelten sie einmal rund um den Balaton, fuhren abends irgendwo auf ein Feld und schliefen dort. Manchmal, wenn Marie mal warmes Wasser zum Haarewaschen brauchte, gingen sie auch auf Campingplätze. Mit ihrem Westgeld bekamen sie überall einen Stellplatz.

Am Ende ihrer Rundfahrt trafen sie bei Siófok zwei junge Männer aus Ravensburg, die zum Brettsegeln da waren, was im Westen Surfen hieß. Die beiden boten an, es ihnen zu zeigen, und Marie war Feuer und Flamme. Der eine Ravensburger, Andreas, war auch Feuer und Flamme für Marie, bemerkte Ernst, aber er wollte kein Spielverderber sein.

Marie erwies sich als Naturtalent – ihr biegsamer Körper war wie fürs Surfen gemacht. Also entwickelte auch Ernst Ehrgeiz und hatte es glücklicherweise recht schnell drauf.

Abends saßen sie nun zu viert zusammen. Ernst nahm leicht verstimmt zur Kenntnis, dass die beiden Kerle perfekt ausgestattet waren, mit Grill und allem Drum und Dran. Am dritten Abend erzählten sie sich von früheren Reisen. Da war Ernst natürlich außen vor. Mit der Ostsee kam er nicht gegen das Mittelmeer an, das war ihm klar, das brauchte er gar nicht erst zu probieren. Dass er es nicht tat, kam ihm allerdings wie Verrat an sich selbst vor und an seinen Eltern, die ihm und Rosa wirklich eine schöne Kindheit beschert hatten. Aber er schwieg und legte sich dafür nachts in ihrem Vögelnest, wie Marie das Auto getauft hatte, umso mehr ins Zeug.

Sie wollte noch zwei Tage länger bleiben, weil Wind aufkam und Andreas ihr versprach, ihr den Wasserstart zu zeigen. Ernsts Visum ging über drei Wochen, und er hätte Marie auf den Tod nicht mit den beiden allein gelassen. Also blieb auch er. Gerti wird das schon verstehen, dachte er.

Am letzten Abend fragte Andreas scheinbar leichthin, wieso sie nicht die Matratze in ihrem Auto aushöhlten und Ernst dort versteckten. An der österreichischen Grenze seien die Kontrollen lax.

Marie schwieg dazu, und Ernst, dem Andreas’ provokativer Blick nicht entgangen war, stand als Feigling da. Als Andreas dann auch noch herumtrötete, dass er seine Schwester Marie nicht vorziehen würde, kochte Ernst vor Wut. Er merkte, er war knapp davor, diesem affigen Kerl einen Kinnhaken zu verpassen, so knapp davor. Der hatte doch überhaupt keine Ahnung, worum es ging. Dass er seiner Schwester das Leben versauen würde und seinen Eltern vermutlich ebenfalls. Für immer.

In dieser Nacht versagte Ernst im Bett. Er lag mit offenen Augen da, bis der Morgen graute. Marie schlief, und Ernst prägte sich ihren wunderschönen Körper mit dieser unglaublichen Mischung aus Kraft und Schlankheit ein.

Statt wie ursprünglich geplant am Samstagabend verabschiedeten sie sich am Montagabend am Budapester Bahnhof. Ernst stieg in den Nachtzug, Marie in ihr Vögelnest.

Als Ernst am Dienstagnachmittag zu Hause eintraf, lag ein Zettel von Rosa auf dem Tisch. Sofort hochkommen, stand drauf. Das sah nicht gut aus.

War es auch nicht. Rosa eröffnete ihm, dass die Stasi da gewesen war und nach ihm gefragt hatte. Als Ernst am Montagmorgen nicht in der Gärtnerei erschienen war, musste Bummi Alarm geschlagen haben, so reimte er es sich zusammen. Bummi hieß so wie der DDR-Kinderbär, weil er bummifellgelbe Haare hatte und auch dessen runden Bärenleib und die kurzen Gließmaßen. Der Bummi aus der Gärtnerei war allerdings kein freundlicher Bär, sondern ein Hundertprozentiger – und hatte Ernst offenbar prompt bei der Stasi verpfiffen. Die wiederum hatte am Montagabend bei Rosa in Berlin und bei ihren Eltern in Beerenhain vor der Tür gestanden, als Marie mit ihrem Vögelnest davongebraust war. Wie Ernst später erfuhr, hatte man Marie an der Grenze nach allen Regeln der Kunst gefilzt. So viel zur ausgehöhlten Matratze und Andreas, der Tröte, dachte Ernst, als Marie es ihm beim nächsten Schlummergeflüster brühwarm berichtete.

Rosa sagte erst mal gar nichts zu Ernsts verspätetem Erscheinen, was ein schlechtes Zeichen war. Was bei Rosa nicht gleich kam, kam später umso wuchtiger. Sie meinte nur: »Los, zu Onkel Kelle, schnell.«

Kelle rief von seiner Station im Bucher Krankenhaus in der Poliklinik an, und dort stellte ein Kollege Ernst ein Attest wegen Grippe aus. Rosa rief am nächsten Morgen von der Telefonzelle aus in der Gärtnerei an und erzählte, dass Ernst so hohes Fieber gehabt habe, dass er reiseunfähig gewesen sei und deshalb erst zwei Tage später habe heimfahren können. Jetzt läge ihr Bruder im Bett, und es gehe ihm schon wieder besser.

Im Bett lag Ernst wirklich, aber besser ging es ihm nicht. Obwohl – besser als in den letzten Tagen mit den Ravensburgern ging es ihm schon. Deren »Heititeiti-Surferwelt«, wie er sie im Stillen bezeichnete, war ihm fremd gewesen. Er war jetzt zu Hause, und er fühlte sich auch so, was jedoch gleichzeitig deprimierend war. Er war zu Hause und wollte dort nicht sein. Er lag in seiner kühlen Wohnung, das letzte Sommerlicht fiel mittags in den Hof und auf seine Terrasse. Rosa hatte alles gegossen, und es war lauschig. Auch wenn Gertis Rosen nicht viele Blüten trugen, weil es im Hof zu schattig war, sie hatten welche und dufteten durchs Fenster.

Das sollte Marie sehen, dachte Ernst. Und sie sollte mit ihm draußen essen, an seinem Holztisch, gefüllte Paprika, das Hackfleisch mit Knoblauch und Peperoni. Sie hatten in Ungarn einen hübschen Zopf gekauft, in dem Knoblauch und Peperoni zusammengeflochten waren, und jeder hatte eine Hälfte mitgenommen. Mit Marie an seiner Seite hatte er sich ebenfalls zu Hause gefühlt, und das hatte nicht nur an ihrem Vögelnest gelegen.

Was Rosa betraf, hatte Ernst sich getäuscht. Es kam keine wütende Wespe hinterher, sondern frisch eingekochte Heidelbeermarmelade von ihrer Großmutter, die sie Ernst hinstellte. Sie ahnte nicht, dass das noch viel mehr wehtat.

»Es tut mir leid, Ernst«, sagte sie, als sie das Glas auf den Küchentisch stellte.

»Schon gut«, erwiderte er.

»Nächstes Jahr bin ich fertig. Ich werde dir das nie vergessen.«

»Wenn Marie nicht warten kann, ist sie es nicht wert«, sagte Ernst, um seine Schwester zu entlasten. Aber er merkte, dass das nicht stimmte. Das hatten ihn Tröte Andreas gelehrt und Maries Schweigen, als es um die ausgehöhlte Matratze gegangen war. Die Westler surften leichthin durchs Leben, und wenn der Wind blies, wären sie nie auf die Idee gekommen, ihn abzuwettern. Warum sollte Marie sich dem Wind entgegenstellen, wenn der Horizont fern war und der Wind sie in die weite Welt blies?

An einem trüben Oktobermorgen bei ihrem Schlummergeflüster nahm sie ab und klang kein bisschen verschlafen. »Ich warte nicht mehr. Ich will nicht warten. Ich will mein Leben nicht verwarten.«

»Der Wind hat aufgefrischt«, sagte Ernst.

»Was?«, fragte Marie.

»Geh surfen«, sagte er.

Es dauerte einen Moment, bis Marie begriff.

»Du bist gemein.«

»Nein, Marie, ich will es dir nur nicht schwermachen. Lass dich nicht aufhalten, kleines Gespenst war dein Lieblingssatz aus einem deiner Kinderbücher, nicht wahr?« Das hatte sie ihm verraten, als sie einander im Vögelnest von ihrer Kindheit erzählt hatten. »Der Satz passt zu dir: Lass dich nicht aufhalten, wunderbare Marie.«

»Danke«, sagte sie.

Obwohl das Danke weich klang, war es wie eine Ohrfeige. Aber auf die hatte er es ja angelegt. Ernst hängte den Hörer ein.

* * *

Berlin, April 1992

»Zwei Kurze!«, rief Ernst zum Tresen hinüber.

Gut, dass ich beim letzten Bier auf Cola umgestiegen bin, dachte Ingke. So musste sie ihn nicht allein trinken lassen und konnte trotzdem vermutlich noch halbwegs geradlinig das Lokal verlassen. Sie war Alkohol nicht gewohnt. Wie auch, bei ihnen in Buch draußen gab es keine Lokale für junge Leute, und sinnloses Betrinken irgendwo bei einem Kumpel war nicht so ihre Sache.

Als Ernst seinen Schnaps runtergestürzt und Ingke an ihrem genippt hatte, sagte sie: »Deshalb wollte Rosa also, dass du mir von Marie erzählst. Du hast dich für deine Schwester und gegen deine Freundin entschieden.«

Ernst legte den Kopf schräg. »Nur für meine Schwester, nicht gegen meine Freundin. Das hat Marie entschieden.«

»Na ja«, sagte Ingke.

Ernst kniff die Augen ein kleines bisschen zusammen, kippte Ingkes Schnaps auch noch und sagte: »Unser Küken.«

Ja, das bin ich, dachte sie. Sie war zehn Jahre jünger als Ernst und Rosa. Als die Mauer fiel, war sie in der neunten Klasse gewesen. Sie und die Zwillinge trennten nicht nur zehn Jahre, sie trennte etwas ganz Entscheidendes: dass Rosa und Ernst die Weichen, die sie jetzt in aller Freiheit für ihr Leben stellen konnte, in einer Diktatur gestellt hatten, in der sie eingesperrt waren.

Was trennt mich dann erst von meiner Mutter – und was eint mich mit ihr, fragte sich Ingke. Ihre Mutter hatte ihr Leben in diesem eingemauerten Land von sich abgeschnitten und war ohne ihre Tochter in das Leben aufgebrochen, in dem sie, Ingke, gerade erwachsen geworden war.

»Nicht ›na ja‹«, sagte Ernst, und er klang kein bisschen betrunken. »Ich musste eine Priorität setzen. Sieh mal: Wie hätte ich mit Marie glücklich werden sollen, wenn ich Rosa ins Unglück gestürzt hätte?«

»Und wie kann Rosa damit leben, dass sie dir das mit Marie versaut hat?«, erwiderte Ingke.

»Das hat sie nicht. Ich habe Marie zu wenig von meinem Leben gezeigt, ich habe nicht dafür gesorgt, dass Rosa und sie Freundinnen werden. Ich war nie mit ihr in Beerenhain, sie hatte immer nur ein Visum für Berlin und war zu ängstlich, um nach Beerenhain zu fahren. Marie kannte mich gut, sie kannte meinen Charakter, aber sie wusste nicht, was mich geformt hat. Sie wusste nicht, was mich geerdet hat. Sie hatte keine Ahnung von dem, was Rosa und mich stark gemacht hat. Stärker als sie. Diese Stärke hätten wir ihr vermitteln müssen. Vielleicht hätte sie sie dann so geschätzt, dass sie gewartet hätte.«

Jetzt faselt er aber, dachte Ingke. »Ich versteh kein Wort. Außer immerzu Rosa, Rosa, Rosa«, sagte sie. »Ihr seid wie Pech und Schwefel. Ich wäre an Maries Stelle weggelaufen.«

»Genau deswegen habe ich mich auch nicht so geöffnet, wie ich es hätte tun sollen. Weil Marie dann erst recht die Flucht ergriffen hätte. Sie hätte es nie verstanden. Aber du solltest es verstehen. Es ist wichtig für dich. Auch wenn du unser Küken bist, deine Geschichte ist eine ostdeutsche, und deine Bindungen sind es auch.«

Ernst signalisierte dem Mann hinter dem Tresen, dass er zahlen wollte. Sie waren die Letzten, was Ingke unangenehm war. Sie legte schon mal ihre Tasche auf den Schoß.

»Frag Rosa nach Gregor. Vielleicht verstehst du es dann besser«, sagte Ernst.

»Ihr schickt mich von Pontius zu Pilatus, stimmt’s?«

Ernst bezahlte, schob seinen Stuhl zurück und grinste Ingke an. »Das dient der Wahrheitsfindung.«

Dann brachte er sie zu Rosa. Weil alle Fenster schon dunkel waren, verabschiedete er sich an der Haustür von ihr und kam nicht mit hoch.

Ingke schlich sich ins Wohnzimmer, wo Rosa ihr einen Wecker aufs Bett gelegt hatte. Außerdem hatte sie ihr durchgeschwitztes Nachtshirt und die Unterwäsche gewaschen und gefaltet danebengelegt, was hieß, dass Ingke auch auf längere Zeit bei ihr willkommen war.

Am nächsten Morgen musste Ingke in die Schule. Während der Abiturprüfungen hatte sie zwar nicht mehr viel Unterricht, aber die Mathevorbereitung wollte sie unbedingt mitnehmen.

Sie packte ihr Mathezeug und ein paar Stifte in eine von Rosas flippigen Taschen. Was sollte sie bloß ihren Schulfreundinnen sagen? Sie konnte ja nicht einfach von ihrer Adoption erzählen und dann in den Unterricht gehen. Die Nachricht würde einschlagen wie eine Bombe, und es würde tausend neugierige Fragen geben. Bei der Vorstellung, sich aller Welt zu öffnen, sehnte sie sich sofort nach der sicheren Abgeschiedenheit ihres Zimmers zu Hause. In Buch. Da, wo sie jetzt auf den Tod nicht hinwollte. Sie tigerte durch die Wohnung, packte alles noch einmal in eine unauffällige Tasche von Peter um und ging erst auf die letzte Minute los.

In der Tram nach Weißensee beschloss sie, dass sie für ihre Mitschülerinnen Ingke Beerenhain bleiben wollte, wer auch immer sie später sein würde. Ihre Schulzeit war sowieso bald zu Ende, und bei den Abiturprüfungen wäre ein neues Ich einfach zu viel.

Würde es so etwas geben? Ein neues Ich? Würde sie in sich etwas von ihrer leiblichen Mutter entdecken, wenn sie die fand? Das war vermutlich gar nicht so einfach. Schröders gab es doch wie Sand am Meer, und vermutlich hatte ihre Mutter längst geheiratet und hieß ganz anders.

Irgendwie war das alles zu viel. Ingke spürte, dass es sich erst einmal setzen musste. Deshalb holte sie auf dem Rückweg alles für Spaghetti mit Gorgonzolasauce und kochte für Rosa und Peter.

Als sie am Abend zusammen aßen, sagte Peter, er könne sich in die ganze Sache nicht reinversetzen. Rosas Mann, der untersetzt war und mit Anfang dreißig schon Geheimratsecken hatte, war der ruhige Gegenpol zu seiner Frau, deren verrückte Einfälle er jedoch liebte, wie Ingke schon öfter an seinen Blicken abgelesen hatte, wenn Rosa mal wieder irgendeinen Vogel abschoss. »Ich komme aus Aachen«, entschuldigte er sich. »Ich habe mich nie mit der DDR befasst, eher mit Frankreich. Obwohl es noch gar nicht da ist, kann ich mir nicht vorstellen, unser Baby jemals herzugeben. Wenn deine Mutter das gemacht hat, wird sie es sich nicht leichtgemacht haben.« Er zuckte mit den Schultern und nahm sich noch Sauce. Dann leckte er seine Gabel ab und sah Ingke an. »Wenn sie gewusst hätte, wie gut ihre Tochter Gorgonzolasauce hinkriegt, hätte sie es sich bestimmt noch mal überlegt.«

Da musste sogar Ingke lächeln. Das Geheimnis der Sauce, das mit Kürbisstückchen aus dem Tiefkühlregal zusammenhing, hatte sie nicht verraten.

Ehe Peter Rosa und sie in der Küche am Esstisch allein ließ, sagte er: »Wir zählen fest auf dich als Babysitterin. Zum Familienpreis, versteht sich.«

»Vielleicht habe ich ja Geschwister«, sagte Ingke. »Also Halbgeschwister.«

»Auf jeden Fall hast du uns an der Backe«, sagte Rosa und stellte die Teller in den funkelnagelneuen Geschirrspüler, den Peter »für die Familie« angeschafft hatte. »Und wir sind wie die Kletten.«

»Ist das das Stichwort für deine Geschichte mit Gregor?«

Rosa stellte den Wasserkessel auf den Herd und überlegte. »Das Stichwort dafür sollten wir uns gemeinsam ausdenken.« Sie setzte sich wieder hin, zog Peters Stuhl näher zu sich heran, legte die Beine hoch und fing an zu erzählen.

3

Berlin, 1984

Rosa war glücklich. Sie war an der Kunsthochschule in Weißensee angenommen worden. Ihre Großmutter und sie stießen mit dem Schlehenlikör an, den Emma im Winter immer machte. Denn den Platz hatte Rosa ihrer Oma zu verdanken.

Ihr Großvater, der im Krieg gefallen war, hatte sich für das Bauhaus begeistert, und er hatte mit seiner Frau für ihr gemeinsames Heim auch einige Möbel aus den Bauhauswerkstätten gekauft und eine Schreibtischlampe, aber das hatten alles die Sowjets mitgehen lassen. Emma erzählte bei der Feier zur Studienplatzergatterung, der russische Offizier, der bei der Bodenreform erschienen sei, habe Ahnung von so was gehabt, und nur weil Opa ein Baushausfan gewesen sei, habe sie das Haus jetzt noch und auch noch eine Menge Land für die Schafe.

Rosas Vater Paul hatte geschnaubt und gesagt, das habe noch ganz andere Gründe und sie solle mal bei der Wahrheit bleiben. Da hatte Emma ihn mit einem so kalten Blick angesehen, wie Rosa ihn noch nie bei ihr bemerkt hatte. Der Ausdruck in den Augen der Großmutter raubte ihr den Atem. Und der Schlehenlikör schmeckte plötzlich bitter.

Als Rosa ihren Vater später fragte, was da gewesen sei, meinte er verdrossen, sie solle mal Onkel Otto fragen, sie könne ihm ja schreiben. Onkel Otto war im Westen, und er war noch nie zu Besuch gekommen, Rosa kannte ihn nur von Fotos. Nur ihre Eltern und Kelle hatten Kontakt zu ihm. Irgendwas musste vor Ewigkeiten vorgefallen sein, aber so wichtig waren ihr die Leichen im Keller ihrer Oma nicht.

Entscheidend für Rosas Aufnahme an der Kunsthochschule Weißensee war etwas, was die Russen nicht mitgenommen hatten: Bücher und Broschüren über die Bauhauswerkstätten, die ihre Oma noch hatte, obwohl die Nazis das vermutlich gar nicht gut gefunden hätten. Es waren auch welche von der Weberei darunter, mit Teppichen und Kissen und Decken. Die hatte Rosa schon als Kind an Regentagen immer wieder durchgeblättert. Ihre Großmutter hatte ihr daraufhin das Spinnen und Stricken und Weben beigebracht.

So hatte Rosa die Bewerbungsmappe für die Kunsthochschule in ein riesiges handgewebtes Etui gesteckt – ein Modell für einen Kissenbezug. Das hatte sie sich überlegt, damit ihre Bewerbung auffiel. Ihren Datenbogen stickte Emma, das musste ewig gedauert haben, so viel war Rosa klar. Die Umrandung war immerhin ihr Entwurf.

»Die glauben mir doch nie, dass ich die Buchstaben und Ziffern selbst gestickt habe«, sagte sie ängstlich, als Emma ihr das fertige Stück präsentierte.

Die Antwort ihrer Großmutter würde sie nie vergessen: »Das Erfolgsgeheimnis von Familienbetrieben besteht darin, dass alle gemeinsam für eine Sache arbeiten und zusammenstehen, wenn einer Probleme hat.« Es komme nicht darauf an, dass die in der Kunsthochschule wüssten, wer die Buchstaben gestickt habe, hatte sie gesagt, sondern darauf, dass die Familie insgesamt weiterkäme. »Wenn du einmal eine gute Modegestalterin bist und ich eine alte Frau und selbst nichts mehr tun kann, dann werde ich mich an deinem Erfolg erfreuen. Also nimm und halt den Mund.«

Onkel Otto steuerte Westgeld für einen guten Farbfilm bei, den Maren im Intershop holte, und dann machte Kelle Fotos von Rosas Entwürfen. Er fotografierte den Pullover im Kornfeld, auch das moderne LPG-Morgenröte-Logo, das Kelle 1952 hatte entwerfen lassen, war irgendwo im Hintergrund zu sehen. Kelle meinte, es solle als Bekenntnis zum Staat mit drauf. Dabei sah es gar nicht nach DDR aus, so schick war es, fand Rosa.

Dass sie eine Schneiderlehre absolviert hatte, half natürlich auch, ebenso die Tatsache, dass ihr Vater LPG-Vorsitzender war. Denn sie war damals Punkerin, und das hätte ihr eigentlich das Genick brechen müssen.

Hatte es aber nicht. Dafür brachte ihr ihre Erscheinung mit rosa gefärbten Stoppelhaaren – zur Aufnahmeprüfung hatte sie die vorsichtshalber unter einem selbst gewebten Tuch verschwinden lassen – und Punkerklamotten die Aufmerksamkeit von Gregor Nehmring ein. Der war damals zwar schon exmatrikuliert, weil er im zweiten Studienjahr einen Ausreiseantrag gestellt hatte, auf seinem Fetenboden fanden aber immer grandiose Studentenpartys statt.

Seine Wohnung – eigentlich waren es zwei Wohnungen, eine riesige Etage plus Dachboden – lag nahe dem S-Bahnhof Schönhauser Allee. Durch das Dach des Hauses hatte es so durchgeregnet, dass die beiden obersten Wohnungen unbewohnbar geworden waren. Gregor hatte über einen Dachdecker, der ein Faible für Kunst hatte und seine Bilder toll fand, Ziegel und Dachpappe gegen Kunst getauscht, das Dach gemeinsam mit seinem Mäzen ausgebessert und war eingezogen. In der einen Wohnung hatte er eine Wand und die Decke herausgenommen, die ohnehin schon halb eingestürzt war; dadurch hatte er ein Atelier, in dem er riesige Formate bemalen konnte. In der anderen wohnte er, und obendrüber auf dem Dachboden fanden die Partys statt.

Gregor malte wild, kritisch und abstrakt, und das kam an der Hochschule nicht gut an. Bei Rosa schon. Keine drei Wochen nach der Erstsemesterparty bei ihm waren die beiden miteinander im Bett. Rosa zog bei Tante Maren und Onkel Kelle aus und in Gregors Wohnung ein. Sie sorgte dafür, dass die Räume ordentlich punkig aussahen. Beton brennt doch, prangte eines Tages in der Küche an der Wand. Und weil kein A darin vorkam, musste das Anarcho-A über den Klopapierhalter im Bad: Alarmstufe braun.

Gregor war Rosas erste große Liebe. Er war schon sechsundzwanzig, also sechs Jahre älter als Rosa, und mollig. Das Runde an seinen Armen waren aber die reinsten Boxerbizepse. Er hatte eine Stupsnase und ein kugeliges Lachen, bei dem Rosa einfach immer mitlachen musste. Seine grünbraunen Augen schauten jedoch stets kritisch in die Welt und blieben irritierend lang an dem hängen, was sie erfasst hatten.

In der Punkszene hatte sich Rosa ausprobiert, aber die meisten Punker empfand sie als ziemlich kaputt. Außerdem stellte sie fest, dass die Kerle im Bett doch die Mädchen mit den langen Haaren wollten, nicht diejenigen, die sich von ihren bürgerlichen Zöpfen verabschiedet hatten. Sie war, das wurde ihr erst später klar, eigentlich nur Punk, weil sie die Klamotten und Frisuren und den Schmuck fetzig fand. Und den Zusammenhalt. Und weil sie Fantasie hatte und kreativ und frech war und unbedingt den Landeigeruch loswerden wollte.

Sie punktete mit ihrer großen Klappe. Als ihre Kumpel am S-Bahnhof Prenzlauer Allee eine Scheibe nach der anderen eintraten – klirr, klirr, klirr, sodass der frische Wind durchkam –, fand sie nur den Wind schön. »Das wächst nach im Sozialismus«, erklärte einer, und Rosa musste sich schwer verkneifen, nicht doch ein Landei zu sein.

Gregor hielt sich damit über Wasser, dass er bei einer Keramikerin in der Nähe Geschirr bemalte. Er war nicht der Einzige; das Atelier war bekannt dafür, dass man dort Tassen und Teller von Künstlern bekam, die nicht ausstellen durften. Außerdem kaufte ihm der Dachdecker hin und wieder etwas ab. Aber das reichte nicht, und Rosa war von Maren und Kelle in Berlin-Buch einen vollen Kühlschrank gewöhnt. Also besann sie sich auf ihre handwerklichen Fähigkeiten und ließ sich etwas einfallen.

Kleider aus Baumwollstoffen waren damals heiß begehrt, man bekam aber weder sie noch die Stoffe zu kaufen, um sie sich selbst zu nähen. Rosa ließ sich von Maren aus der Klinikapotheke Verbandsmull mitbringen – der war spottbillig und wurde in richtig breiten Bahnen geliefert. Drei übereinandergelegt ergaben einen blickdichten Stoff. Ihn färbten Gregor und sie in der Badewanne. Gregor bedruckte die Bahnen mit Textilfarbe. Rosa nähte Shirts und Kleider daraus, die eine Freundin von Gregor, die auch einen Ausreiseantrag laufen hatte, unter der Hand verkaufte. Deshalb war das für Rosa relativ ungefährlich. Dachte sie jedenfalls. Aber das stimmte natürlich nicht.

Eines Tages fand Maren im Briefkasten eine Vorladung für sie. Rosa war zur Klärung eines Sachverhalts in die Keibelstraße bestellt.

* * *

Berlin, April 1992

»Was war in der Keibelstraße?«, fragte Ingke.

Rosa schaute auf. »In der Keibelstraße am Alexanderplatz war das Polizeipräsidium. Praktischerweise mit einer Menge Zellen, in denen man zur Untersuchungshaft verschwinden konnte«, gab sie Auskunft. »Es war ein Ort, an dem auch die Stasi ein und aus ging. Wer in Ostberlin politisch irgendwas anstellte, landete meistens dort.«

Ingke nahm sich noch ein bisschen Honig in den Tee. Sie hatte keine Ahnung, worauf Rosa mit ihrer Erzählung hinauswollte. Genau wie bei Ernst zuvor. Die einzige DDR-Geschichte in dieser Art, die Ingke hätte beisteuern können, war die Geschichte ihrer Erweiterten Oberschule. Die war, als sie in der neunten Klasse dort aufgenommen worden war, noch eine reine Mädchenschule gewesen, eine katholische Schule mit staatlich anerkanntem Abitur – ein Unikum in der DDR. Kelle war natürlich dagegen gewesen, aber Maren zuliebe, die aus einer frommen Erzgebirgsfamilie kam, hatte er zugestimmt. Pauls Frau Hanna hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Schule während der Nazizeit geschlossen gewesen war, weil sich die Ordensschwestern nicht konform verhalten wollten, was wiederum der Grund war, warum es sie in der DDR überhaupt gab. Da hatte Kelle, dessen Vater als Kommunist im KZ umgekommen war, nichts mehr sagen können.

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