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Getäuscht

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Breaking News
  6. London
  7. EIN TAG ZUVOR
  8. 1.
  9. 2.
  10. 3.
  11. 4.
  12. 5.
  13. 6.
  14. 7.
  15. 8.
  16. 9.
  17. 10.
  18. 11.
  19. 12.
  20. 13.
  21. 14.
  22. 15.
  23. 16.
  24. 17.
  25. 18.
  26. 19.
  27. 20.
  28. 21.
  29. 22.
  30. 23.
  31. 24.
  32. 25.
  33. 26.
  34. 27.
  35. 28.
  36. 29.
  37. 30.
  38. 31.
  39. 32.
  40. 33.
  41. 34.
  42. 35.
  43. 36.
  44. 37.
  45. 38.
  46. 39.
  47. 40.
  48. 41.
  49. 42.
  50. 43.
  51. 44.
  52. 45.
  53. 46.
  54. 47.
  55. 48.
  56. 49.
  57. 50.
  58. 51.
  59. 52.
  60. 53.
  61. 54.
  62. 55.
  63. 56.
  64. 57.
  65. 58.
  66. 59.
  67. 60.
  68. 61.
  69. 62.
  70. 63.
  71. 64.
  72. 65.
  73. 66.
  74. 67.
  75. 68.
  76. 69.
  77. 70.
  78. 71.
  79. 72.
  80. 73.
  81. 74.
  82. 75.
  83. 76.
  84. 77.
  85. 78.
  86. Epilog
  87. Danksagungen

 

Für James F. Sloan,

Deputy Assistant Director, US Secret Service,

Director, Financial Crimes Enforcement Network,

Assistant Commander for Intelligence,

United States Coast Guard

Mein Respekt und meine Bewunderung für ein Leben

im Dienst für die Vereinigten Staaten

<REUTERS> BREAKING NEWS LONDON

11.38 UTC

HEUTE, 11.16 UHR UCT, EXPLODIERTE IM LONDONER WESTMINSTER DISTRICT EINE VERHEERENDE AUTOBOMBE. OFFIZIELLEN ANGABEN ZUFOLGE WURDEN VIER MENSCHEN GETÖTET UND MEHR ALS DREISSIG ZUM TEIL SCHWER VERLETZT. DER ANSCHLAG RICHTETE SICH VERMUTLICH GEGEN DEN RUSSISCHEN INNENMINISTER IWANOW, DER SICH ZUM ZEITPUNKT DER EXPLOSION IN EINEM AUTOKONVOI AUF DEM WEG ZU EINEM INFORMELLEN TREFFEN MIT BRITISCHEN HANDELSPARTNERN BEFAND. ÜBER DEN GESUNDHEITSZUSTAND IWANOWS LIEGEN UNS ZURZEIT KEINE ANGABEN VOR. WEITERE INFORMATIONEN IN KÜRZE.

London

Storey's Gate, Westminster

11.18 Uhr UTC

Die Welt hatte sich in eine gigantische Feuerhölle verwandelt.

Flammen schossen aus den Autowracks, die von der Wucht der Explosion kreuz und quer über die Straße geschleudert worden waren. Ölige schwarze Rauchwolken verdunkelten das Tageslicht und machten das Atmen zur Qual. Reglose, verrenkte, zerfetzte Körper lagen auf den Gehwegen und der Straße. Ein dichter Ascheregen sank auf die alptraumhafte Szenerie herab.

Jonathan Ransom war mit dem Oberkörper nach hinten durch die Windschutzscheibe eines Pkw geschleudert worden. Als er benommen den Kopf hob, zerplatzte der Rest der Scheibe, und ein Scherbenregen prasselte ihm ins Gesicht. Benommen wischte er das Glas weg und fühlte sein warmes Blut auf der Hand. Außer einem schmerzhaft schrillen Pfeifton in seinen Ohren schien die Welt in Totenstille versunken zu sein.

Emma, schoss es ihm durch den Kopf. O Gott, ist ihr was passiert?

Benommen rutschte er von der Motorhaube, stützte sich am Wagen ab und atmete tief durch, bis das Schwindelgefühl verebbte. Nach und nach kehrte die Erinnerung zurück. Der Konvoi aus schwarzen Limousinen, die dreifarbige Flagge an der Antenne, das gleißende Licht, die plötzliche Hitzewelle und das seltsam losgelöste Gefühl, als er durch die Luft geschleudert worden war …

Langsam, mit unsicheren Schritten, bahnte Jonathan sich einen Weg zwischen schreienden Verletzten, rauchenden Trümmern und ausgebrannten Fahrzeugen hindurch bis zu der Stelle, wo er Emma zum letzten Mal gesehen hatte. Angestrengt hielt er Ausschau nach einer Frau mit rotbraunem Haar. »Emma!«, rief er und blickte in blutige, vor Entsetzen verzerrte Gesichter.

Dort, wo der BMW gestanden hatte, war nur noch ein riesiger Krater. Der Wagen war fünf Meter durch die Luft geflogen und brannte lichterloh. Auf der anderen Seite, gegenüber vom BMW, entdeckte Jonathan die Überreste einer schwarzen Limousine. Die Insassen hatten nicht die geringste Chance gehabt. Sämtliche Fenster der umstehenden Gebäude waren von der Druckwelle aus den Rahmen gesprengt worden. Durch den Rauch konnte Jonathan die Gardinen sehen. Sie flatterten wie weiße Parlamentärsflaggen.

Dann schälte sich am Ende der Straße eine drahtige blonde Frau aus dem Rauch und kam mit entschlossenen Schritten auf ihn zu. Die Frau rief irgendetwas, doch Jonathan konnte es nicht hören. In der einen Hand trug sie ein Walkie-Talkie, in der anderen eine Pistole, die auf Jonathan gerichtet war. Der Rauch war so dicht, dass er nicht erkennen konnte, ob die Frau allein war, aber das spielte ohnehin keine Rolle.

Sie war Polizistin, und sie war hinter ihm her.

Jonathan machte auf dem Absatz kehrt und rannte los.

In diesem Moment hörte er den Schrei und blieb wie angewurzelt stehen.

Unvermittelt taumelte ein Mann aus dem verkohlten Wrack einer schwarzen Limousine. Seine Kleidung schwelte, die Haut am Rücken war verbrannt, und seine Haare standen in Flammen, sodass sein Kopf von einem glutroten Lichterkranz umgeben war.

Jonathan rannte auf den schreienden Mann zu, riss sich im Laufen den Blazer vom Körper, umwickelte damit den Kopf des Mannes und erstickte die Flammen. »Hinlegen!«, rief er. »Nicht bewegen! Ich hole Hilfe.«

»Bitte … bitte …«, flehte der Mann.

Jonathan hielt nach einem Rettungswagen Ausschau und sah einen Steinwurf entfernt einen Feuerwehrmann. Heftig gestikulierend versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen. »Hierher! Ich brauche einen Arzt!«

Im selben Augenblick wurde Jonathan brutal zu Boden gestoßen. Er spürte, wie jemand ihm die Arme auf den Rücken zerrte und ihm Handschellen anlegte. »Polizei!«, rief ihm eine Stimme ins Ohr. »Keine Tricks, oder Sie sind ein toter Mann.«

»Kümmern Sie sich um den Verletzten!«, stieß Jonathan hervor und zerrte an den Handschellen. »Er hat schwere Verbrennungen. Decken Sie ihn zu. Wenn seine Wunden nicht vor dem Ruß geschützt werden, entzünden sie sich, und …«

»Schnauze!«, rief der Polizist grob und drückte Jonathans Kopf auf den Asphalt.

Die blonde Frau kam heran und kauerte sich neben ihn. »Wie heißen Sie?«

»Ransom… Jonathan Ransom. Ich bin Arzt.«

»Warum haben Sie das getan?«

»Was?«

»Das hier. Die Bombe«, erwiderte die Frau. »Ich habe gesehen, dass Sie jemandem etwas zugerufen haben. Wer war das?«

»Ich habe nicht …« Jonathan verstummte abrupt und riss die Augen auf.

»Was haben Sie nicht? Was ist mit Ihnen?«

Jonathan hörte gar nicht mehr hin. In einiger Entfernung sah er die von Rauchschwaden umwogte Gestalt einer Frau mit lockigen rotbraunen Haaren, die sich einen Weg durch die Menge bahnte. Dann war sie im Gewimmel der in Scharen eintreffenden Polizisten und Feuerwehrleute verschwunden.

Jonathan hatte keinen Zweifel.

Es war Emma gewesen.

Seine Frau lebte.

EIN TAG ZUVOR

1.

Der Stadtteil Mayfair im Herzen Londons gehört zu den exklusivsten Wohngegenden der Welt. Hier findet man das Claridge's, eines der besten Hotels weltweit, das Auktionshaus Sotheby's, das Haus No 9 Grosvenor Square, in dem einst John Adams gewohnt hat, der sechste Präsident der USA, sowie das Haus No 25 Brook Street, in dem Georg Friedrich Händel die letzten dreißig Jahre seines Lebens verbrachte. Auch die Bond Street, eine der teuersten Einkaufsstraßen der Welt, führt durch Mayfair.

Doch selbst in dieser Enklave der Superlative sticht eine Adresse heraus: No 1 Park Lane - auch »One Hyde Park« genannt - ist ein hypermoderner gläserner Hochhauskomplex am südöstlichen Rand des Hyde Park. Vor hundert Jahren stand hier ein zehnstöckiges Hotel. Nach und nach ließen sich in dem ehemaligen Hotelgebäude eine Bankfiliale, ein Autohändler und Gerüchten zufolge ein Luxusbordell für hochrangige Besucher aus dem Mittleren Osten nieder. Als die Londoner Immobilienpreise in astronomische Höhen schnellten, wurden auch die Pläne für das Gebäude immer ambitionierter.

Heute befinden sich in One Hyde Park vier Apartmentpavillons mit insgesamt achtzig Privatresidenzen. Jede nimmt ein halbes Stockwerk ein, das Penthaus sogar zwei Etagen. Eine durchschnittliche Wohnung kostet zwanzig Millionen Pfund, das Penthaus einhundert Millionen. Zu den Besitzern zählen der Außenminister von Katar, ein arabischer Prinz und ein russischer Oligarch. Hinter vorgehaltener Hand spekulieren die Bewohner der Park Lane scherzhaft, wer von diesen Herren der größte Gauner ist.

Angesichts einer solch geballten Ladung Reichtum unter einem Dach hat die Frage der Sicherheit oberste Priorität. Zwei livrierte Türsteher überwachen rund um die Uhr den Eingangsbereich; ein Team von drei unauffällig gekleideten Wachleuten kontrolliert das Außengelände, und zwei weitere Wachmänner halten sich rund um die Uhr in der Sicherheitszentrale auf, wo die Bilder von vierundvierzig Überwachungskameras auf Monitore übertragen werden. Die Eingangstüren von One Hyde Park bestehen aus kugelsicherer Doppelverglasung, eingefasst von einem Stahlrahmen. Das Schloss würde sogar den Einschlag einer Panzergranate überstehen. Besucher dürfen das Gebäude erst nach optischer Kontrolle durch Überwachungskameras und eindeutiger Identifizierung durch einen der Bewohner betreten.

One Hyde Park galt als uneinnehmbare High-Tech-Festung.

Aber das war ein Irrtum.

Reinzukommen war die leichteste Übung.

Der Eindringling mit dem Codenamen »Alpha« stand im begehbaren Kleiderschrank von Apartment 5A. Das Alarmsystem kannte Alpha in- und auswendig; deshalb wusste er, dass sich in seiner unmittelbaren Nähe keine Sensoren befanden. Er drückte auf den Lichtschalter und ließ den Blick durch den exquisit eingerichteten Ankleideraum schweifen, über ein Regal mit handgefertigten Schuhen, eine aufgerollte St.-George's-Flagge, zwei kostbare Jagdwaffen und einen Stapel vergilbter Zeitschriften, gebundener Zeitungen und Aktenordner - die sorgsam gehüteten Schätze eines gewissenhaften Dozenten. Auf der rechten Seite stand ein Ankleidetisch aus Mahagoni mit mehreren Fotos in Silberrahmen. Auf einem dieser Bilder war ein großer, schlanker blonder Mann in der Kluft eines Jägers zu sehen, der mit einem Gewehr unter dem Arm vertraulich mit einer ebenfalls sportlich gekleideten Queen Elisabeth II. plauderte. Der Mann auf dem Foto war der Eigentümer dieses Apartments: Lord Robert Russell, Junggeselle, dreißig Jahre alt, einziger Sohn des Duke of Suffolk, mit einem geschätzten Vermögen von fünf Milliarden Pfund der reichste Adelige Englands.

Doch Alpha hatte es nicht auf Russells Vermögen abgesehen, sondern auf etwas sehr viel Kostbareres.

Er kauerte sich hin und nahm ein kleines Paket aus seinem Rucksack. Mit dem Daumen öffnete er die Plastikummantelung. Sorgsam faltete er einen silberfarbenen Ganzkörperanzug auseinander und schlüpfte hinein. Der Anzug musste die Haut vollständig bedecken. Die Kapuze reichte Alpha bis über die Augenbrauen und verhüllte auch Nase und Mund. Der Anzug bestand aus PET-Folie, wie sie zur Herstellung von Rettungstüchern verwendet wird; das Material verhinderte, dass die hyperempfindlichen Sensoren der Alarmanlage Alphas Körperwärme registrieren konnten. Als der PET-Anzug richtig saß, setzte Alpha sich eine Nachtsichtbrille auf und streifte sich Handschuhe über.

Dann öffnete er die Schranktür einen Spalt und blickte zum Schlafzimmer, in dem es stockdunkel war. An der Decke, unmittelbar vor der Tür, entdeckte Alpha einen Bewegungsmelder von der Größe einer Zigarettenschachtel. Das Gerät sendet Infrarotstrahlen aus, die auf kleinste Temperaturschwankungen reagieren, wie sie beispielsweise durch einen menschlichen Körper verursacht werden. Doch trotz des Thermoanzugs konnte Alpha nicht das Risiko eingehen, das Zimmer zu betreten, denn Sir Robert hatte sein Apartment mit einem Mehrfach-Alarmsystem ausgestattet: Außer den Thermosensoren und Bewegungsmeldern gab es einen sogenannten Schallwellen-Transmitter, der auf der Basis des Dopplereffekts funktionierte.

Eine Stimme drang aus dem Mini-Kopfhörer in Alphas Ohr: »Er verlässt jetzt den Zielort. Dir bleiben noch acht Minuten.«

»Verstanden.«

Alpha glitt vorsichtig aus dem begehbaren Schrank und bewegte sich geschmeidig wie eine Katze zur Schlafzimmertür. Der Alarm blieb still. Kein ohrenbetäubendes Heulen, kein grelles, blitzendes Licht. Alpha stellte die Nachtsichtbrille auf vierfache Verstärkung ein und ließ den Blick über den Flur schweifen. Sofort entdeckte er die rote Leuchtdiode am oberen Ende der Flurwand, den Sensor des Schallwellen-Transmitters.

Alpha zog eine Minipistole aus dem Anzug, zielte auf die Diode und drückte ab. Das Geschoss war ein Ultraschallprojektil aus Epoxid. Es traf voll ins Ziel. Die Leuchtdiode erlosch.

Der Weg war frei.

Alpha warf einen prüfenden Blick auf die Uhr. Noch sechseinhalb Minuten.

Im Wohnzimmer zog Alpha behutsam den Teppich von den Wänden. Vor den beiden Fenstern, die einen traumhaften Blick über den Hyde Park boten, befand sich jeweils ein Sensor. Der dritte Sensor war unmittelbar vor der Balkontür angebracht. Alpha brauchte jeweils eine Minute, um die Sensoren zu deaktivieren.

Noch drei Minuten.

Alpha huschte in Russells Arbeitszimmer. Er kannte sich im Apartment aus und wusste genau, wo das Büro zu finden war. Ein blitzender Chromschreibtisch mit drei großen LCD-Monitoren bildete das Zentrum. An der Rückwand hing ein überdimensionaler Flatscreen-Bildschirm.

Alpha richtete den Strahl einer Halogenlampe unter den Schreibtisch. Am hinteren Ende stand der Computerprozessor. Alpha blieb keine Zeit, den Inhalt des Prozessors zu kopieren; er musste zerstört werden. Alpha nahm ein handgroßes Gerät aus dem Rucksack und zog es mehrere Male über den Prozessor. Das Gerät sandte einen starken elektromagnetischen Impuls aus, der sämtliche Computerdaten unwiederbringlich vernichtete.

Leider waren die Informationen noch an einer zweiten, schwer zugänglichen Stelle gespeichert: in Sir Robert Russells bemerkenswertem Gehirn.

»Er fährt jetzt in die Garage«, sagte die Stimme aus dem Kopfhörer. Es war genau 2.18 Uhr.

»Okay«, antwortete Alpha. »Sieh zu, dass du verschwindest.«

»Wir treffen uns in der Zentrale.«

In der Schreibtischplatte befand sich ein Multifunktions-Touchscreen, mit dem sich die Elektronik des Apartments steuern ließ. Von hier aus konnte Russell mit einem Finger den Fernseher einschalten, die Vorhänge öffnen und schließen und die Zimmertemperatur regulieren. Aber es gab noch eine weitere interessante Funktion: Ein Klick auf das Wort »Security«, und auf dem Bildschirm erschienen vier gleich große Felder, auf denen die Bilder von vier Überwachungskameras zu sehen waren. Links oben im Bild stieg Russell gerade aus seinem Bentley. Kurz darauf erschien er im rechten oberen Viertel, auf dem die Bilder der Überwachungskamera aus dem Eingangsbereich zu sehen waren. Nach ein paar Sekunden erschien Russell links unten auf dem Bildschirm, als er den Fahrstuhl betrat. Er trug Jeans, ein am Kragen offenes Hemd und einen Blazer. Er trat aus dem Fahrstuhl und erschien kurz darauf im letzten unteren Viertel. Nun stand er vor dem Eingang zum Apartment, wo er sein Passwort und seinen Daumenabdruck in den biometrischen Scanner einloggte.

Alpha huschte in die Küche und öffnete den Gefrierschrank. Im oberen Regal lagen zwei eisgekühlte Flaschen polnischer Büffelgraswodka, der teuerste Wodka der Welt. Einen Augenblick später hörte Alpha, wie sich die Sicherheitsriegel der Eingangstür öffneten. Dann pochten Sir Roberts Absätze auf dem Marmorfußboden.

Alpha nahm die Nachtsichtbrille ab und zog den Ganzkörperanzug aus. Beides war im Moment nur hinderlich. Außerdem sollte Russell nicht auf Anhieb Verdacht schöpfen, denn an seinem Haustürschlüssel befand sich ein Notrufknopf, mit dem er den Alarm auslösen konnte.

Sir Robert betrat die Küche und fuhr heftig zusammen. »Himmel! Du hättest mich beinahe zu Tode erschreckt!«, stieß er hervor.

»Hallo, Robbie. Wie wär's mit einem Drink?«

Sir Robert gefror das Lächeln auf den Lippen. »Kannst du mir mal verraten, wie du hier hereingekommen bist?«

Er hatte den Satz kaum beendet, als Alpha ihm die Wodkaflasche auf den Kopf schmetterte. Sir Robert fiel auf die Knie. Der Schlüssel glitt ihm aus den Händen. Der Schlag setzte ihn außer Gefecht, raubte ihm aber nicht das Bewusstsein. Doch bevor er einen Laut von sich geben konnte, schlang Alpha ihm den Arm um den Hals, packte sein Kinn mit der einen Hand, griff ihm mit der anderen ins Haar und riss den Kopf des Mannes mit aller Kraft nach links.

Sir Roberts Genick brach wie ein morscher Ast. Schlaff glitt er zu Boden.

Unter Aufbietung aller Kräfte zerrte Alpha den leblosen Körper durchs Wohnzimmer und auf den Balkon, wuchtete ihn über die Brüstung und warf ihn über das Geländer.

Alpha wartete nicht ab, bis Lord Robert Tavistock Russell dreißig Meter tiefer auf den Granitstufen aufschlug.

2.

Flug 99 aus Nairobi, Kenia, landete um 6.11 Uhr auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Laut Passagierliste befanden sich zweihundertachtzig Fluggäste und sechzehn Besatzungsmitglieder an Bord des Airbus A340. Tatsächlich waren es jedoch mehr als dreihundert Passagiere, da noch etwa ein Dutzend Kleinkinder auf dem Schoß ihrer Mütter hockten und einige weitere Passagiere Platz auf den aufklappbaren Sitzen gefunden hatten, die eigentlich für die Stewardessen reserviert waren.

Auf seinem Platz in Reihe 43 warf Jonathan Ransom einen besorgten Blick auf die Uhr. Der Flug hatte genau neun Stunden gedauert, eine halbe Stunde weniger als geplant. Die meisten Passagiere freuten sich über die verkürzte Flugzeit, denn so konnten sie dem morgendlichen Berufsverkehr in der Stadt ausweichen oder zeitig mit ihrer Sightseeing-Tour beginnen. Doch Jonathan gehörte nicht zu ihnen. Die ganze letzte Woche hatten sich die Flüge vom Jomo Kenyatta International Airport wegen eines Streiks der kenianischen Flugsicherung erheblich verspätet. Heute endlich war die Maschine pünktlich gestartet und sogar früher gelandet.

Jonathan wusste nicht, ob es bloß Zufall war oder ob etwas anderes dahintersteckte. Etwas, an das er lieber nicht denken wollte.

Ich hätte mich niemals auf diese Sache einlassen sollen, überlegte er. In Kenia war ich in Sicherheit. Wäre ich klug gewesen, hätte ich mich nicht von der Stelle gerührt.

Doch es war nie Jonathans Art gewesen, sich vor einer Herausforderung zu drücken. Und wenn sie ihn wirklich hätten aufspüren wollen, wäre er an keinem Ort der Welt sicher gewesen.

Mit seinen knapp eins neunzig Körpergröße und seiner lässigen Kleidung - Jeans, Hemd und Outdoor-Stiefel - war Jonathan eine sportliche Erscheinung. Sein Gesicht war tief gebräunt vom monatelangen Einsatz unter der Äquatorsonne, und auf dem Rücken seiner markanten Nase schälte sich die Haut ab. Seine Haare mit den grauen Strähnen trug er kurz. Mit seinen dunklen Augen und dem Zweitagebart wirkte er wie ein Südländer oder ein Südamerikaner mit europäischen Wurzeln. Doch Jonathan Ransom war Amerikaner, vor achtunddreißig Jahren in Annapolis, Maryland, geboren, und stammte aus einer alten, vornehmen Südstaatenfamilie.

Bedächtig sammelte Jonathan die Zeitschriften und Zeitungsausschnitte mit den Fachartikeln und Kommentaren ein, mit denen er sich auf den Ärztekongress vorbereitet hatte, und verstaute alles in seiner Tasche. Die meisten Artikel behandelten Themen wie »Tropenkrankheit: Diagnose und Vorbeugung« oder »Hepatitis C in Schwarzafrika: Eine klinische Studie« und waren von namhaften Ärzten verfasst worden. In dem letzten Artikel, der sich mit der Behandlung parasitärer Krankheitsbilder bei Kindern befasste, stand: »Jonathan Ransom, MD, Ärzte ohne Grenzen.« Statt einer Krankenhausadresse hatte er seinen letzten Arbeitsplatz angegeben: »UN-Flüchtlingslager 18, Lake Turkana, Kenia.«

Seit acht Jahren arbeitete Jonathan nun schon bei Ärzte ohne Grenzen, der Hilfsorganisation, die in vielen Krisengebieten der Welt medizinische Versorgung leistete. Jonathan hatte in Liberia und Darfur, im Kosovo, im Irak und in etlichen anderen Krisengebieten rund um den Globus gearbeitet. In den letzten sechs Monaten war er als Oberarzt im Flüchtlingslager Turkana an der Grenze zwischen Äthiopien und Kenia tätig gewesen. In diesem Lager hielten sich derzeit etwa hunderttausend Menschen auf. Die meisten waren aus den von Kriegen heimgesuchten Gebieten in Somalia und Äthiopien geflohen. Als einer von drei Ärzten - zudem als einziger zugelassener Arzt im Lager - hatte Jonathan sich um alles Mögliche kümmern müssen, vom gebrochenen Knöchel bis hin zur Geburtshilfe. Allein in diesem Jahr hatte er in hundertvierzig Tagen einhundert Kinder zur Welt gebracht, ohne ein einziges zu verlieren.

Im Laufe der Jahre hatte Jonathan sich zum Experten für parasitäre Erkrankungen entwickelt. Da die westliche Welt ein zunehmendes Interesse an der Bekämpfung von Seuchen in den Entwicklungsländern zeigte, waren Ärzte mit Erfahrungen auf diesem Gebiet sehr gefragt. So hatte Jonathan im Frühling eine Einladung von der Internationalen Internistengesellschaft erhalten, verbunden mit der Bitte, auf ihrem nächsten Kongress einen Vortrag über sein Spezialgebiet zu halten. Jonathan trat nicht gerne als Redner auf, hatte aber zugesagt. Es war ein wichtiges Thema und die Gelegenheit, so viele Menschen auf einer Veranstaltung zu erreichen, die großes öffentliches Interesse erregte, bot sich nicht alle Tage. Die ISIM hatte seine Reise bezahlt, den Flug gebucht und ihm ein Hotel besorgt. Ein paar Tage lang würde er zur Abwechslung in einem richtigen Bett mit sauberen Laken schlafen.

In diesem Augenblick entdeckte Jonathan die Polizeiwagen. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er beobachtete, wie zwei blau-weiße Fahrzeuge der Flughafenpolizei mit Blaulicht neben der ausrollenden Maschine herfuhren. Augenblicke später schlossen sich ihnen zwei weitere Fahrzeuge an.

Jonathan ließ sich in den Sitz zurücksinken.

Aus, dachte er. Alles aus.

Sie waren gekommen, um ihn zu holen.

»Sie haben dich Tag und Nacht im Visier, aber du bemerkst sie nicht. Wenn sie ihr Handwerk verstehen, hast du nicht den Hauch einer Ahnung, dass du verfolgt wirst. Aber sie sind da. Deshalb musst du auf der Hut sein, immer und überall.«

Emma Ransom betrachtete Jonathan nachdenklich über den Tisch hinweg. Ihr lockiges rotbraunes Haar fiel offen über ihre Schultern. Das Feuer des Kamins spiegelte sich in ihren hellbraunen Augen. Sie trug eine cremefarbene Strickjacke. Ihr linker Arm steckte in einer Schlinge vor der Brust. Sie sollte den Arm so wenig wie möglich belasten, damit die Schusswunde in der Schulter heilen konnte.

Es war Ende Februar, fünf Monate vor Jonathans Flug nach London. Jonathan und Emma hielten sich seit drei Tagen in einer Berghütte hoch über dem Dorf Grimentz im Schweizer Kanton Wallis versteckt. Die Hütte war Emmas Schlupfloch, ihr Versteck, wenn es wieder mal zu brenzlig wurde.

»Wer sind ›sie‹?«, fragte Jonathan.

»Division. Sie haben ihre Leute überall. Es könnte einer der Ärzte sein, mit denen du seit Längerem zusammenarbeitest, oder jemand, den du zufällig triffst, ein UN-Inspektor, zum Beispiel, oder ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsbehörde. Leute wie ich.«

Division war der Geheimdienst des US-Verteidigungsministeriums und Emmas Arbeitgeber. Die Organisation war für die heikelsten verdeckten Einsätze zuständig. Selbst der Kongress hatte keine Kontrolle über die Operationen. Damit hob Division sich deutlich von den anderen Geheimdiensten ab. Division-Mitarbeiter waren Spezialagenten, die von den USA ins Ausland geschleust wurden, um politische Ereignisse von manchmal globaler Bedeutung ins Rollen zu bringen - Entwicklungen, die den Interessen der Vereinigten Staaten dienten. Ihre Ziele erreichten die Division-Agenten üblicherweise durch Erpressung, Manipulation, Wahlfälschung, Zerstörung wichtiger Gebäude, Einrichtungen oder Statussymbole eines Landes, oder schlicht und einfach durch Ermordung des Staatsoberhaupts.

Sämtliche Division-Agenten arbeiteten verdeckt. Alle besaßen eine falsche Identität. Alle hatten einen ausländischen Pass. Die kürzesten Einsätze dauerten bis zu einem halben Jahr. Umfangreichere Operationen konnten zwei Jahre und mehr in Anspruch nehmen. Vor einem Einsatz unternahm Division jede nur denkbare Anstrengung, um dem jeweiligen Agenten zu einem lupenreinen Ruf und Lebenslauf zu verhelfen. Sollte der Agent trotzdem auffliegen, leugneten die USA jede Verbindung und ließen ihn fallen wie eine heiße Kartoffel.

»Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen?«, fragte Jonathan. »Mich für die nächsten zwanzig Jahre in dieser Hütte verstecken?«

»Konzentrier dich auf die Zukunft. Sag allen, dass ich tot bin. Vergiss, dass es mich gibt.«

Jonathan stellte seinen Becher vor sich auf den Tisch. »Das kann ich nicht.«

»Du hast keine Wahl.«

Er ergriff Emmas Hand. »Das ist nicht wahr. Ich habe sehr wohl eine Wahl, genau wie du. Wir können zusammen weggehen. Wir könnten nach Afrika, Fernost oder sonst wohin. An einen Ort, an dem sie uns garantiert nie suchen.«

»Einen solchen Ort gibt es nicht«, sagte Emma. »Die Welt ist ein globales Dorf geworden. Du kannst dich nicht mehr hinter verschlossenen Türen verschanzen oder gar von der Bildfläche verschwinden. Gäbe es nur den Hauch einer Chance, würde ich bei dir bleiben. Ich will mich nicht von dir trennen, aber es gibt keinen anderen Weg für uns. Nur so können wir überleben.«

»Aber …«

»Kein Aber. Es ist die einzige Möglichkeit.«

Jonathan wollte protestieren, doch Emma legte einen Finger auf seine Lippen. »Hör zu. Was immer auch geschieht, du darfst nur dann Kontakt zu mir aufnehmen, wenn ich es erlaube. Ganz gleich, wie sehr du mich vermisst oder wie sicher du dir bist, dass niemand dich beobachtet. Unter keinen Umständen, verstehst du? Ich weiß, dass ich das Unmögliche von dir verlange, aber du musst mir vertrauen.«

»Und wenn ich trotzdem Verbindung mit dir aufnehme?«

»Sie werden da sein. Sie werden mich eher finden als du.«

Zehn Tage zuvor waren Jonathan und Emma in die Schweiz gereist, um bei einem längst überfälligen Skiurlaub auszuspannen. In der Nähe des Furkapasses wurden sie von einem Unwetter überrascht. Bei dem Versuch, eine steile Abfahrt hinunterzujagen, brach Emma sich ein Bein und stürzte nach einer eigenmächtigen Rettungsaktion in eine Gletscherspalte. Für Jonathan hatte es keinen Zweifel gegeben, dass Emma tot war, aber er irrte sich. Tags darauf hatte er einen an seine Frau adressierten Brief erhalten. Erst durch diesen Brief war er Emmas Doppelleben auf die Spur gekommen und Hals über Kopf in eine ihm bislang verborgene Welt gezogen worden, die Emma ihm verheimlicht hatte. Die Nachforschungen, die Jonathan daraufhin auf eigene Faust anstellte, hatten in der Nähe von Zürich ihr Ende gefunden. Dabei waren vier Männer gestorben und Emma angeschossen worden.

Das war nun drei Tage her.

Jonathan drückte Emmas Hand. Sie erwiderte den Druck. Die Zärtlichkeit ihrer Geste war nicht zu verleugnen. Aber liebte sie ihn wirklich? Oder tat sie es nur aus Berechnung?

Unvermittelt stand Emma auf und durchquerte zielstrebig die Hütte. »Du hast genug Proviant für eine Woche. Rühr dich nicht von der Stelle. Niemand kennt diesen Ort. Wenn du aufbrichst, verhalte dich so, als wäre ich tot. Ich existiere nicht mehr. Schnapp dir deinen amerikanischen Pass. Geh wieder an deine Arbeit. Nimm jeden Job an, den du bei Ärzte ohne Grenzen kriegen kannst.«

»Und Division? Glaubst du, sie lassen mich in Ruhe?«

»Sie werden dich beobachten. Aber du bist nicht in Gefahr. Für sie bist du ein blutiger Amateur. Sie haben kein Interesse an dir.«

»Und wenn doch?«

»Sie wollen nicht dich, sie wollen mich.«

»Wann sehe ich dich wieder?«

»Kann ich nicht sagen. Ich muss zuerst sicher sein, dass mir nichts passieren kann.«

»Und wenn du nirgendwo sicher bist?«

Emma betrachtete ihn, und ein trauriges Lächeln huschte über ihre Lippen. Es war ihre Art, ihm zu sagen, dass er keine Fragen mehr stellen sollte.

»Kannst du mir denn kein bisschen Hoffnung machen?«

»Ich wollte, ich könnte es, Jonathan.«

Mit einem Seufzer schleuderte Emma ihren Rucksack aufs Bett und stopfte ihre Sachen hinein. Der Anblick versetzte Jonathan in Panik. Er ging zu ihr. »Du kannst nicht einfach verschwinden«, sagte er und versuchte, sachlich wie ein Arzt zu klingen. Er wollte an sie als Patientin appellieren und sich nicht wie ein Ehemann anhören, der Angst hat, dass seine Frau ihn verlässt. »Du darfst deine Schulter nicht belasten, sonst könnte sich die Wundnaht wieder öffnen.«

»Darüber hast du dir vor einer Stunde noch keine Gedanken gemacht.«

»Da habe ich …« Jonathan brach mitten im Satz ab. Emma lächelte, doch es wirkte aufgesetzt. Dieses Mal konnte sie Jonathan nichts vormachen. »Emma«, sagte er. »Wir sind gerade mal drei Tage hier.«

»Ich weiß. Es war leichtsinnig von mir, so lange zu warten.«

Schweigend beobachtete er sie beim Packen. Draußen war es bereits dunkel. Es schneite. Im silbernen Mondlicht wirkten die Schneeflocken so zerbrechlich wie hauchdünnes Glas. Schließlich warf Emma sich den Rucksack über die unverletzte Schulter und ging zur Tür. Es würde keinen Abschiedskuss und keine tränenreiche Abschiedsszene geben. Sie streckte die Hand zum Türgriff aus und sagte, ohne einen Blick zurückzuwerfen: »Eines darfst du nie vergessen.«

»Und was?«

»Ich bin nur deinetwegen wieder aufgetaucht.«

Das Flugzeug rollte zur Ankunftshalle. Das Geräusch der Turbinen erstarb. Die Kabinenbeleuchtung flammte auf. Die Passagiere erhoben sich von den Sitzen und öffneten die Gepäckklappen. Binnen kürzester Zeit herrschte an Bord der Maschine geschäftiges Treiben. Jonathan verharrte auf seinem Sitz und beobachtete die Polizeifahrzeuge, die rings um das Flugzeug standen. So bald wird hier niemand gehen, dachte er, löste den Anschnallgurt, schob seine Tasche unter den Vordersitz und stellte die Füße sprungbereit auf den Boden. Verzweifelt sah er sich im Flugzeug nach einem Fluchtweg um. Schließlich zog er einen Stift aus der Jackentasche und umklammerte ihn wie eine Waffe.

»Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Ich muss Sie bitten, sich wieder auf Ihre Plätze zu begeben. In Kürze werden Polizeibeamte an Bord kommen, um im Namen Ihrer Majestät eine wichtige Angelegenheit zu regeln. Räumen Sie den Mittelgang, und bleiben Sie auf Ihren Plätzen.«

Murrend setzten die Passagiere sich wieder.

Auf seinem Sitz in Reihe 43 beugte Jonathan sich angespannt vor. Eine Sekunde später erblickte er den ersten Polizeibeamten. Er war in Zivil und wurde von drei uniformierten, bewaffneten Beamten mit kugelsicheren Westen begleitet. Sie drängten sich rücksichtslos durch den Gang, ohne sich bei den Fluggästen zu entschuldigen, und kamen geradewegs auf Jonathan zu. Verdammt, was hatten die mit ihm vor? Würden die Briten ihn verhören, oder hatten die Amerikaner veranlasst, ihn auszuliefern? Das Ergebnis wäre in beiden Fällen dasselbe: Er würde von der Bildfläche verschwinden.

In Jonathan regte sich Widerstand. Er würde nicht kampflos aufgeben. Er würde sich zur Wehr setzen, so gut es ging.

Als der Beamte in Zivil ihn fast erreicht hatte, sprang Jonathan auf.

»Sie da!«, schnauzte der Mann ihn an und deutete mit dem Walkie-Talkie auf ihn. »Setzen Sie sich wieder! Sofort!«

Jonathan bahnte sich einen Weg zum Mittelgang. Er dachte nicht daran, der Aufforderung Folge zu leisten, auch wenn er gegen die Beamten keine Chance hatte. Aber das war egal.

»Bitte, Sir, setzen Sie sich«, wiederholte der Beamte merklich höflicher. »Wir sind in einer Minute fertig. Dann können Sie gehen.«

Jonathan sank auf den Sitz zurück, während die Polizisten an ihm vorbeieilten. Er schaute ihnen hinterher und sah, dass sie auf einen glattrasierten Afrikaner in der letzten Reihe zustürmten. Der Mann protestierte, schüttelte den Kopf und gestikulierte wild mit den Händen. Jemand brüllte etwas. Es gab ein kurzes Handgemenge. Eine Frau kreischte schrill. Dann, von einer Sekunde zur anderen, war alles vorbei. Der Mann stand mit erhobenen Händen im Gang und fügte sich in sein Schicksal.

Jonathan sah, dass der Afrikaner klein und drahtig war. Er trug einen dicken Wollpullover, viel zu warm für die sommerlichen Temperaturen in London. Er sprach Swahili oder einen Dialekt aus Kikuyu. Doch Jonathan wusste auch ohne seine Sprachkenntnisse, dass der Mann unaufhörlich beteuerte, hier müsse ein Missverständnis vorliegen; er sei nicht der, den die Polizisten suchten. Plötzlich griff der Mann nach seinem Handgepäck. Sofort warf einer der Uniformierten ihn zu Boden. Augenblicke später wurde der mit Handschellen gefesselte Afrikaner aus dem Flugzeug geführt.

»Das war bestimmt ein Terrorist«, sagte die alte Dame, die neben Jonathan saß. »Man muss sich diesen Mann ja nur ansehen. Es ist ganz offensichtlich.«

»Also, ich hätte es nie für möglich gehalten.«

»Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein«, sagte die alte Dame mit Nachdruck. »Man muss ständig auf der Hut sein. Man weiß nie, neben wem man sitzt.«

Wie recht du hast, dachte Jonathan und nickte zustimmend.

3.

Das SZ4, auch »Schwarzes Zimmer« genannt, war einer der fünf Sondereinsatzräume der britischen Einwanderungsbehörde auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Es war ein stickiger Büroraum mit niedriger Decke, der direkt über der Ankunftshalle im Terminal 4 lag. An der Computerzentrale, die eine ganze Wand ausfüllte, saßen mehrere Polizisten und behielten die zahlreichen Monitore im Auge. Überwachungskameras an der Decke und hinter Doppelglasspiegeln waren auf die Fluggäste gerichtet, die an der Passkontrolle Schlange standen. Die Beamten der Passkontrolle waren über Funk mit SZ4 verbunden.

Jedes Jahr wurden rund achtundsechzig Millionen Reisende auf ihrem Flug von oder zu hundertachtzig Reisezielen in Großbritannien und anderen Orten rund um den Globus durch die Kontrollen am Flughafen Heathrow geschleust, dem meistbesuchten Flughafen der Welt. Etwa siebenundzwanzigtausend Menschen landeten hier täglich auf britischem Boden. Die Aufgabe der Einwanderungsbehörde bestand darin, ein wachsames Auge auf die Flut der Reisenden zu halten und Personen mit kriminellem Hintergrund die Einreise ins Vereinte Königreich zu verwehren.

Die Männer und Frauen an den Computern des SZ4 steuerten die Kameras und kontrollierten die Warteschlangen. Von jedem Reisenden wurde ein Bild aufgenommen. Dieses Foto wurde mit der Personenkontrollsoftware der Einwanderungsbehörde abgeglichen, die über eine Verbrecherdatei verfügte. Sobald der Computer eine verdächtige Person herausgefiltert hatte, wurde der oder die Betreffende sofort von Polizeibeamten in Zivil, die sich überall in der Ankunftshalle aufhielten, zu einem Verhörraum geführt, wo nach eingehender Befragung über eine Einreisegenehmigung entschieden wurde.

Zu den Überwachungskameras gehörte ein Scanner, der Körpertemperatur, Pulsschlag und Atemfrequenz des Verdächtigen maß. Außerdem waren die Kameras mit einem speziellen Bildsensor ausgestattet, dem selbst die unauffälligsten Signale und nervösen Ticks im Gesicht nicht verborgen blieben. Die Daten wurden in ein Programm mit Namen MALINTENT eingespeist, das mit einer Genauigkeit von vierundneunzig Prozent die kriminellen Absichten einer verdächtigen Person ermitteln konnte.

»Ich habe einen Treffer«, verkündete der Beamte auf Platz 3.

Sein Vorgesetzter kam zu ihm. »Wer?«

Der Beamte wies auf das Foto eines weißen Mannes mit gebräunter Haut und kurzen Haaren, der an der Passkontrolle stand. »Jonathan Ransom. Amerikaner. Kam mit der Maschine der Kenya Airways aus Nairobi. Körpertemperatur 37,5° Celsius. Puls 84. Der Mimik-Sensor gibt sechs von zehn Trefferpunkten an.«

»Liegt gegen den Mann etwas vor?«

»Bei uns nicht.«

»Und in den USA?«

»Ich warte noch auf Antwort.«

An der Passkontrolle war Jonathans Reisepass eingelesen und die Daten mit den Verbrecherdateien von Großbritannien, Interpol, den EU-Mitgliedsländern, den USA, Kanada, Australien und einem Dutzend weiterer Staaten abgeglichen worden. Anschließend wurden sein Name und die Passnummer an das FBI weitergeleitet, wo überprüft wurde, ob sein Name auf der Liste mutmaßlicher Terroristen und gesuchter Straftäter stand.

»Er sieht nicht gerade wie ein Schwerverbrecher aus«, sagte der leitende Beamte, der Jonathans Gesicht auf dem Monitor betrachtete. »Vielleicht hat die Verhaftung im Flugzeug den Mann nervös gemacht. Wen hat die CT eigentlich geschnappt?«

»CT« stand für Counter Terrorism, die Abteilung für Terrorbekämpfung der London Metropolitan Police.

»Ein mutmaßliches Mitglied von Al-Qaida.« Der Beamte richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm, auf dem soeben die angefragten Informationen erschienen. »Wir haben einen Treffer bei Interpol. Bei der Schweizer Bundespolizei wurde vor sechs Monaten ein Haftbefehl gegen Jonathan Ransom ausgestellt.«

»Weswegen?«

»Mord an zwei Polizeibeamten. Das Ganze ist ziemlich seltsam. Hier steht, dass der Haftbefehl sechs Tage später wieder aufgehoben wurde.«

»Warum?«

»Keine Angaben.«

»Lass mal hören.« Der leitende Beamte streifte sich Kopfhörer über. Sein Untergebener aktivierte eine Leitung, die es erlaubte, die Gespräche unten an der Passkontrolle mitzuhören.

»Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen, Dr. Ransom«, sagte der Beamte am Schalter soeben. »Besuchen Sie England aus beruflichen oder privaten Gründen?«

»Ich nehme an einem Ärztekongress im Dorchester Hotel teil. Ich bin mir nicht sicher, ob das unter die Kategorie Beruf oder Privates fällt.«

»Beruf, würde ich sagen. Wie lange möchten Sie bleiben?«

»Drei Tage.«

»Sie haben nicht vor, auf Besichtigungstour zu gehen?«

»Vielleicht beim nächsten Mal.«

»Werden Sie die ganze Zeit in London bleiben?«

»Ja, im Dorchester Hotel.«

»Und wohin wollen Sie anschließend reisen?«

»Zurück nach Kenia.«

»Leben Sie da?«

»Im Augenblick, ja.«

Der Beamte blätterte in Jonathans Reisepass. »Sierra Leone, Libanon, Sudan, Bosnien, Schweiz.« Er warf einen prüfenden Blick auf Jonathan. »Sie sind ja ganz schön herumgekommen.«

»Das sind nur die Staaten, in denen ich gearbeitet habe.«

»Was sind Sie noch mal von Beruf?«

»Ich bin Arzt.«

»Aber keiner von der Sorte, der Hausbesuche macht, was? Gut, ich habe nur noch ein paar kurze Fragen, dann dürfen Sie gehen …«

Im SZ4 nahm der leitende Beamte die Kopfhörer ab. »Haben wir schon Antwort von den Amerikanern?«

»Ransom steht auf irgendeiner Diplomatenliste. Falls er vorhat, in die USA zu reisen, sollen wir eine Behörde in D. C. informieren. Die Nummer steht hier.«

»Irgendetwas über den Haftbefehl in der Schweiz?«

»Negativ. Ist Ransom ein Spion? Was meinen Sie?«

»Keine Ahnung. Aber wir sollten nachhaken. Laden wir ihn zu einem kleinen Plauderstündchen ein. Ist Raum 7 frei?«

»Lassen Sie ihn gehen.«

Die Stimme klang unvertraut und hatte einen Akzent. Ihr Besitzer sprach selbstsicher, wie jemand, der keinen Widerspruch erwartet. Alle Augen richteten sich auf die Stelle im Raum, von wo die Stimme gekommen war.

»Er soll gehen«, sagte der Amerikaner. Er hieß Paul Gordon und war im Rahmen eines Austauschprogramms des US-Heimatschutzministeriums nach England gekommen.

»Wir sollen ihn gehen lassen?«, fragte der leitende Beamte ungläubig. »Wieso? Kennen Sie den Mann?«

»Tun Sie einfach, was ich sage.« Gordon lächelte gezwungen. »Bitte.«

»Sind Sie sicher?«

»Absolut.«

»Also schön.« Der leitende Beamte meldete sich über Funk bei seinem Kollegen an der Passkontrolle. »Keine weiteren Fragen unsererseits. Der Mann kann gehen.«

Paul Gordon beobachtete auf dem Bildschirm, wie Ransom sein Handgepäck aufsammelte und zur Gepäckausgabestelle ging. Gordon blieb noch eine Zeitlang im SZ4; dann verließ er den Raum und stieg eine Treppe hinauf bis zu einer Tür, die nach draußen führte. Er überprüfte, ob sein Handy ein Signal empfing und drückte auf die Kurzwahltaste.

»Was gibt's?«, meldete sich eine verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber ein spezieller Freund von uns ist gerade in London gelandet«, sagte Gordon.

»Wer?«

»Dr. Jonathan Ransom.«

»Verdammt.«

»Ich dachte mir, dass es dich interessiert.«

4.

»Morddezernat.«

Detective Chief Inspector Kate Ford von der London Metropolitan Police zeigte dem uniformierten Beamten vor dem Eingangstor von One Hyde Park ihre Polizeimarke. »Wo finde ich Detective Laxton?«

»Er spricht gerade mit dem Portier«, sagte der Beamte. »Ich werde ihn sofort über Ihre Ankunft informieren.«

»Tun Sie das.« Während Kate über die kreisförmige Auffahrt fuhr, verschaffte sie sich einen ersten Überblick über den Tatort. Das Gelände wurde von sechs uniformierten Polizisten abgeriegelt, die den Tatort vor neugierigen Blicken der Spaziergänger und Jogger abschirmten. Das nördliche Ende der Auffahrt und die Stufen zum Gebäudeeingang waren mit rot-weißem Absperrband gesichert. Über den Leichnam war ein weißes Tuch gebreitet worden, doch bislang hatte noch niemand das Blut des Opfers beseitigt. Die Beamten hielten sich offenbar an die Vorschriften. Kate Ford parkte und stellte den Motor ab.

Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte 5.45 Uhr. Kate warf im Innenspiegel einen prüfenden Blick auf ihr Gesicht. Make-up okay, Haare ordentlich, keine Spur von Müdigkeit in den Augen. Dein erster Tag zurück im Dienst, dachte sie. Sieh zu, dass du ihn nicht vermasselst.

Sie öffnete die Fahrertür und stieg aus. Ein paar Schritte entfernt parkte ein Rettungswagen. Die Fahrer standen rauchend und lachend daneben.

»Das hier ist ein Tatort, kein Kneipenbesuch an einem Freitagabend«, rief Kate ihnen zu. »Hier ist ein Mann gestorben. Verhalten Sie sich entsprechend.« Sie nahm einem fetten Typen die Zigarette aus dem Mund und trat sie auf dem Boden aus. »Steigen Sie in den Wagen und bleiben Sie dort, bis wir Sie rufen.«

Der Fahrer ließ kleinlaut den Kopf hängen. »Geht klar, Chefin.«

Katherine Elizabeth Ford war siebenunddreißig Jahre alt, groß, blond und gertenschlank. Sie trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug mit untadeliger Bügelfalte. Zielstrebig und entschlossen näherte sie sich dem Tatort. »Wie ein Hai, der sich auf sein Opfer stürzt«, hatte einer der Kollegen aus dem Morddezernat einmal über sie gesagt. »Nur dass ein Hai mehr Humor hat«, hatte ein anderer erwidert. Kates Gesicht besaß klare Konturen, die Nase war perfekt geschnitten, das Kinn entschlossen, die blauen Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Sie wusste, dass ihre Körperhaltung ein wenig zu steif, ihre Schritte zu schnell und ihr Lachen über die Scherze der männlichen Kollegen nicht herzhaft genug waren. Aber so war sie nun mal, und zum Teufel mit denen, die das nicht akzeptierten.

»Hallo, Kate!«

Ein durchtrainierter, weißhaariger Mann trat aus dem Gebäude und kam auf sie zu. Der schicke graue Anzug und das rosafarbene Seidenhemd waren für einen Detective auf Nachtschicht viel zu elegant. Als der Mann die Treppenstufen herunterkam, legte er eine Hand schützend auf seinen Kopf, damit der aufkommende Wind seine Frisur nicht durcheinanderbringen konnte. Himmel, dachte Kate. Der schöne Ken so früh am Morgen ist mehr, als ich ertragen kann. »Hallo, Ken.« Sie rang sich ein Lächeln ab. »Sieht ziemlich übel aus, was?«

Detective Ken Laxton vom Ermittlungsteam für ungeklärte Todesfälle schüttelte Kate die Hand und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Toten. »Der Unglücksrabe ist direkt auf den Stufen gelandet, dabei hätte er es sich nur drei Meter weiter auf einem gepflegten Stück Rasen gemütlich machen können.« Er lachte laut über seinen faden Witz.

»Von wo ist er gefallen?«, fragte Kate.

Laxton wies auf einen Balkon auf halber Höhe des Gebäudes. »Fünfter Stock. Wahrscheinlich Selbstmord. Die Tür des Apartments war fest verschlossen, der Alarm eingeschaltet. Biometrische Türschlosssicherung. Nur mit einem Daumenabdruck und einem Code zu öffnen. Die Wohnung ist so groß wie der Buckingham Palace.«

»Hatte er Familie? Frau? Kinder?«

»Nein. Junggeselle. Wahrscheinlich konnte er das Alleinsein nicht mehr ertragen.«

»Du glaubst also, es war Selbstmord?«, fragte Kate. »Hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen?«

»Bislang haben wir nichts gefunden.« Laxton zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Kate grübelte darüber nach. Fast alle Selbstmörder hinterließen einen Abschiedsbrief, wobei es den meisten egal war, wer ihn las. Ein solcher Brief war so etwas wie die letzten Worte. »Sein Vater ist der Duke of Suffolk? Der mit dem dicken Sparbuch?«

»Fünf Milliarden Pfund, um genau zu sein. Ihm gehören die Hälfte von Covent Garden und West End. Lord Russell hier war der einzige männliche Erbe. Tut mir leid, dass ich dich wecken musste, aber vor diesem Hintergrund kann ich mir keinen Fehler erlauben.«

Als Detective des Ermittlungsteams für ungeklärte Todesfälle wurde Laxton beim Fund einer Leiche als Erster gerufen, um festzustellen, ob das Opfer eines gewaltsamen Todes gestorben war oder Selbstmord begangen hatte und ob das Morddezernat eingeschaltet werden musste oder nicht.

»Schon in Ordnung«, sagte Kate. »Du hast das Richtige getan.«

Laxton wollte etwas sagen, verkniff es sich dann aber. Nach kurzem Schweigen fragte er: »Bist du denn wieder ganz auf dem Damm?«

»Ich bin in Topform.«

»Du siehst jedenfalls großartig aus«, sagte Laxton mit geheuchelter Anteilnahme. »Das mit Billy tut mir ehrlich leid. Uns allen.«

Billy war Leutnant William Donovan, Kates Verlobter und Vorgesetzter. Vor einem Monat hatte es bei einer Verhaftung eine böse Überraschung gegeben, als der Verdächtige plötzlich ohne jede Vorwarnung das Feuer eröffnete. Billy hatte eine Kugel in die Brust bekommen und war auf der Stelle tot gewesen. Kate war zweimal in den Unterleib getroffen worden. Das war noch nicht einmal das Schlimmste gewesen, aber darüber wollte sie im Moment nicht nachdenken.

»Wenigstens musste er nicht leiden«, fuhr Laxton fort. »Aber es muss ein furchtbarer Schock für dich gewesen sein. Da steht ihr nichts ahnend vor der Tür und glaubt, euren Mann schon so gut wie zu haben. Keine Chance mehr für den Typen, aus der Sache rauszukommen. Und im nächsten Moment ballert er los wie ein Irrer. Mach dir keine Vorwürfe, Kate. Niemand wusste, dass er vorbestraft war. Dich trifft keine Schuld.«

Kate sah Laxton fest in die Augen. Du würdest mich gern weinen sehen, du aufgemotzter eitler Pfau, dachte sie. Aber den Gefallen werde ich dir nicht tun. »Was hatte denn unser Freund hier auf dem Kerbholz?«, fragte sie und deutete auf den Leichnam zu ihren Füßen.

Ken Laxton runzelte die Stirn. »Das weiß niemand so genau. Er kam und ging, wie es ihm passte. Auf jeden Fall schien er ein bodenständiger Typ zu sein. Keiner von der Sorte, die den großen Zampano spielen und ihre Millionen zum Fenster rauswerfen.«

»Details?«

Laxton zückte sein Notizheft. »Der Anruf ging um 2.45 Uhr bei uns ein. Eine Bewohnerin hörte, wie der Körper auf den Stufen aufschlug. Eine Frau aus dem siebten Stock, eine Prinzessin aus Saudi-Arabien. Sie dachte, es wäre eine Bombe. Ein Anschlag der Al-Qaida im Hyde Park. Die Dienststelle in Mayfair schickte einen Streifenwagen. Er traf um 2.55 Uhr hier ein. Die Kollegen haben den Toten gefunden. Der Wachmann im Foyer hat ihn identifiziert.«

»Ist das alles?«

»Nein. Der Wachmann sagte, dass Russell durch die Garage ins Gebäude gekommen und mit dem Aufzug direkt zu seinem Apartment gefahren ist. Zehn Minuten später stürzte er vom Balkon.«

»Wo hatte er den Abend verbracht?«

»Er hatte mit seinen Eltern zu Abend gegessen.«

»Haben sie sich regelmäßig zum Essen getroffen?«

»Jeden Sonntag, behauptet der Wachmann. Russell hat sich immer um Punkt halb sieben auf den Weg gemacht.«

»War jemand bei ihm, als er zurückkam?«

»Der Wachmann sagt nein. Er hat beobachtet, wie Russell in den Aufzug stieg und zu seinem Apartment ging. Er ist sicher, dass Russell allein war.«

Kate nahm sich vor, selbst mit dem Wachmann zu sprechen. »2.55 Uhr ist reichlich spät, um von einer Verabredung mit den Eltern zurückzukommen, meinst du nicht auch?«

»Vielleicht finden diese Adeligen es ja schick, bis in den frühen Morgen zu dinieren.«

»Hat der Wachmann an Russells Verhalten etwas Ungewöhnliches bemerkt?«

»Er hatte keine Gelegenheit, mit Russell zu sprechen.«

»Aber du hast gesagt, der Anruf sei von einer Bewohnerin gekommen. Warum nicht vom Wachmann? Hat er denn nichts bemerkt? Immerhin ist Russell ihm praktisch vor die Füße gefallen.«

»Es war stockdunkel. Wenn du in einem hellen Raum sitzt, siehst du nichts von dem, was draußen geschieht.«

»Aber er hätte den Aufprall hören müssen.«

»Er sagt, er habe die Kopfhörer seines iPods aufgehabt«, erwiderte Laxton. »Ich glaube, der Mann sagt die Wahrheit. Allerdings hatte er eine Fahne.«

»Und nicht von seiner Mundspülung, nehme ich an.«

»Richtig.«

Kate warf Laxton einen Blick zu. »Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand sich im Dienst einen kleinen Drink genehmigt.«

Laxton lief feuerrot an, erwiderte aber nichts. Vor zwei Jahren war er wegen Trunkenheit im Dienst vorübergehend suspendiert worden, nachdem er die Kontrolle über seinen Wagen verloren und beinahe eine Mutter mit ihrer Tochter auf dem Bürgersteig überfahren hätte. Der Vorfall hatte Laxton die Beförderung zum Detective Chief Inspector gekostet und seine Karriere bei der Polizei dauerhaft eingefroren. Kate kannte die Einzelheiten des Falles sehr genau. Der zuständige Vorgesetzte war Leutnant William Donovan gewesen, Kates Verlobter, der im Dienst erschossen worden war.

»Ist das der letzte Stand der Ermittlungen?«, fragte sie.

»Der Fall gehört ganz dir«, sagte Laxton. »Mach dir ein eigenes Bild, aber es wird kaum mehr als eine Routineuntersuchung werden. Russell hat ein ziemlich ausgeklügeltes Alarmsystem in seiner Wohnung: Bewegungsmelder, Alarmsensoren, Temperaturmesser, was weiß ich. Niemand hätte ins Apartment eindringen und den Mann ermorden können. Glaub mir, Kate, ich hab ein Gespür für Selbstmörder.«

»Verstanden, Ken. Danke.«

»Ich bleib noch ein bisschen in der Nähe, falls du mich brauchst«, sagte Laxton und wippte auf den Hacken.

»Ist deine Schicht nicht um sieben zu Ende?«

»Ja, aber ich helfe dir gerne.«

Plötzlich wurde Kate klar, weshalb Laxton sich so in Schale geworfen hatte: Russells Tod würde Scharen von Reportern anlocken, und der schöne Ken wollte sich die Gelegenheit, sich zu profilieren, um keinen Preis entgehen lassen. Er hatte sich vielleicht schon ausgerechnet, dass sein Auftritt in den Zeitungen und Fernsehprogrammen seine Aufstiegschancen deutlich verbessern und seine Karriere wieder in Gang bringen würde.

»Das ist nicht nötig«, sagte Kate.

»Es macht mir wirklich nichts aus. Du kannst bestimmt jede Hilfe gebrauchen.«

»Ich komme ganz gut alleine zurecht. Wenn ich noch Fragen habe, komme ich zu dir ins Büro.«

Laxton zog verärgert die Augenbrauen zusammen und stürmte aus dem Gebäude.

»Ach, Ken …«, rief Kate ihm nach. »Wem gehört eigentlich der blaue Wagen da hinten?« Sie deutete auf einen dunkelblauen Rover, der direkt neben dem Rettungswagen geparkt war. Andere Fahrzeuge standen nicht im abgeriegelten Bereich.

»Keine Ahnung. Er stand schon da, als wir kamen.«

Laxton marschierte zurück zu seinem Dienstwagen. Eine Windböe zerzauste sein sorgsam frisiertes Haar. Doch der schöne Ken kümmerte sich jetzt nicht mehr darum.

Kate ging zu ihrem Wagen zurück und nahm eine Schachtel mit Latexhandschuhen vom Rücksitz. »Sergeant Cleak«, rief sie und streifte sich die Handschuhe über. »Es ist jetzt genau 6.07 Uhr. Notier dir bitte, dass wir von diesem Moment an offiziell den Fall übernommen haben.«

»In Ordnung, Chefin.« Reginald Cleak folgte Kate zum Fundort der Leiche. Cleak war ein stämmiger Mann mit schütterem Haar und geradlinigem Humor. Er arbeitete seit fünfunddreißig Jahren bei der Polizei und war Kates rechte Hand. Im Laufe der Jahre hatten die beiden im Betrugsdezernat, beim Dezernat für Internetkriminalität und zuletzt beim »Flying Squad« zusammengearbeitet, das auch unter dem Namen »The Sweeney« bekannt war. Der Flying Squad war 1918 gegründet worden und hatte als erste Polizeieinheit über motorisierte Einsatzwagen verfügt. Die Polizisten konnten auf diese Weise in beeindruckender Geschwindigkeit am Tatort sein und verbuchten große Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung. Die Eliteeinheit war darauf spezialisiert, bewaffnete Räuber nach Überfällen zu verfolgen und zu stellen.

Sergeant Cleak hielt einen Notizblock und einen Stift in den Händen. Der Notizblock wurde offiziell »Ergebniskladde« genannt. Cleak hatte die Aufgabe, Kate auf Schritt und Tritt zu folgen und ihre Anweisungen und Beobachtungen genauestens zu protokollieren. Dafür gab es zwei Gründe: Sollte Lord Russell wider Erwarten einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein und sein Mörder irgendwann gefasst und vor Gericht gestellt werden, würde die Ergebniskladde als Beweismittel dienen, in dem sämtliche Ermittlungsschritte minutiös aufgelistet waren. Außerdem wurde die Kladde nach Abschluss der Ermittlungen genauestens ausgewertet.

»Bei dem Opfer handelt es sich um eine männliche Leiche, etwa dreißig Jahre alt, vom Wachmann identifiziert als Robert Russell. Todesursache: starke Aufprallverletzungen, verursacht durch einen Sturz aus seiner Wohnung im fünften Stock des Apartmentblocks One Hyde Park, London.« Kate hockte sich neben den Leichnam. »Sehen wir uns das mal genauer an«, sagte sie. »Ihr Job, Sergeant Cleak.«

Cleak zog das Laken beiseite.

Russell lag auf dem Bauch. Sein Genick war gebrochen, der Kopf unnatürlich verdreht. Es sah aus, als wäre Russell mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen. Der Körper lag in einer Blutlache, doch das brachte Kate nicht aus der Fassung. Sie hatte schon Schlimmeres gesehen.

Der Tote trug einen blauen Blazer, ein Hemd und eine Jeans. Seine Schuhe und einige persönliche Dinge waren beim Aufprall bis ans Ende der Auffahrt geschleudert worden. Kate fiel auf, dass seine Arme vom Körper abgewinkelt waren und seine Handflächen nach oben zeigten. Sie hob seinen linken Arm ein wenig an. Das Glasgehäuse seiner Rolex war in tausend Stücke zerbrochen.

Seltsam, überlegte Kate. Ganz gleich, wie entschlossen ein Selbstmörder sein mochte, er würde bei einem Sprung aus großer Höhe instinktiv die Hände über den Kopf heben, um den Sturz abzufangen. Der Überlebensinstinkt war einfach nicht auszuschalten. Die zerstörte Uhr an Russells Handgelenk ließ aber zweifelsfrei erkennen, dass seine Arme beim Sturz nicht vom Körper abgewinkelt waren.

»Könnte Russell auf dem Balkongeländer gesessen haben und eingeschlafen sein?«, fragte Kate.

Cleak schüttelte entschieden den Kopf. »Schau dir das Geländer an. Es ist so schmal, dass man sich nicht mal stocknüchtern daraufsetzen kann, wenn man nicht gerade Zirkusakrobat ist.«

»Wahrscheinlich hast du recht.« Kate betrachtete erneut die Leiche. Plötzlich entdeckte sie eine verdächtige Beule an Russells Hinterkopf. Sie strich sein dichtes blondes Haar zur Seite. Die Beule hatte die Größe eines Golfballs. Kate blickte nachdenklich von Russells zerschmetterter Uhr zum Balkon seiner Wohnung hinauf und wieder auf die Beule an seinem Hinterkopf. An irgendeinem Punkt vor oder während des Falls musste Lord Robert Russell sich diese Verletzung zugezogen haben.

»Interessant«, murmelte Kate, in Gedanken versunken.

»Was sagst du, Chefin?«, fragte Cleak.

»Unter Russells Balkon befindet sich absolut nichts. Kein Vorsprung, kein Blumenkasten, nichts.«

»Und?«

»Such Russells persönliche Dinge zusammen«, sagte Kate mit der selbstsicheren Stimme einer leitenden Ermittlerin. »Wir brauchen sein Portemonnaie und sein Handy. Überprüf auch seine Taschen. Ich brauche eine detaillierte Liste über alles, was du findest, sogar über benutzte Taschentücher. Anschließend will ich die Bilder von sämtlichen CCTV-Kameras im Umkreis von fünfzig Metern sehen. Und vergiss die Kameras im Park nicht. Ich bin sicher, dass wir eine finden, die diese Stufen hier überwacht. Okay, es war dunkel, aber vielleicht können die Jungs aus dem Labor trotzdem etwas entdecken. Such uns Räume, in denen ich die Wachleute getrennt voneinander verhören kann. Ach ja - und ruf die Wachfirma an. Ich will auf die Sekunde genau wissen, wann Russell in der Nacht nach Hause kam.«

»Wird erledigt, Chefin.«

Kate erhob sich und streifte die Handschuhe ab. »Für mich steht zweifelsfrei fest, dass Russell Opfer eines Gewaltverbrechens wurde.«

5.

»Hände in die Taschen, Ladies und Gentlemen.«

Kate Ford betrat Russells Wohnung, gefolgt von Reg Cleak und Mitarbeitern der forensischen Abteilung. Sie warf einen Blick auf die hohe Zimmerdecke und die teure Wohnzimmereinrichtung und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Nicht schlecht für die erste eigene Bude.«

Cleak meinte spöttisch: »Macht schon ein bisschen mehr her als der Knast.«

»Wer hier irgendwas anfasst, wandert auf direktem Weg dorthin.« Kate nahm die Türschlosssicherung unter die Lupe. Ein Riegel verlief horizontal, der andere vertikal. Unter einer alphanumerischen Tastatur an der Wand befanden sich ein biometrischer Sensor und ein Bildschirm, auf dem die Gesichter möglicher Besucher überprüft werden konnten.

»Wozu hat er all diese Sicherheitsanlagen gebraucht?«, fragte sie Cleak. »Man sollte doch meinen, dass drei Wachleute und das festungsartige Eingangstor unten ausreichen.«

Cleak deutete auf den Infrarotsensor unter der Decke. »Das ist noch längst nicht alles. Die ganze Wohnung ist ein einziges hypermodernes Alarmsystem.« In diesem Moment klingelte sein Handy, und er trat einen Schritt beiseite, um den Anruf entgegenzunehmen. »Das war die Wachfirma«, verkündete er kurze Zeit später. »Der Alarm wurde um 18.30 Uhr aktiviert. Bis Russell von seinen Eltern zurückkam, war alles ruhig. Um 2.41 Uhr und 39 Sekunden wurde der Alarm ausgeschaltet, um 2.41 Uhr und 48 Sekunden wieder eingeschaltet.«

»Und er stürzte noch vor 2.45 Uhr vom Balkon«, murmelte Kate. »Was immer in seiner Wohnung passiert ist, es ging ziemlich schnell.«

Sie betraten das Wohnzimmer. Kate öffnete die gläserne Schiebetür und trat hinaus auf den Balkon. Das Geländer war aus Eisen und zu schmal, als dass ein Mann wie Russell darauf hätte sitzen können. Sie warf einen Blick in die Tiefe. Wie erwartet gab es unter dem Balkon nichts, an dem Russell sich bei seinem tödlichen Sturz den Kopf hätte stoßen können. Von hier oben sah es so aus, als wäre Russell in einem Bogen in Richtung Gebäude gestürzt.

Kate ging zurück ins Wohnzimmer. Robert Russell besaß nicht nur einen beachtlichen Teil des Vermögens seiner Eltern, sondern auch deren Geschmack. Die Wohnung sah aus, als wäre sie vor hundert Jahren eingerichtet worden: Wohin man auch sah, gab es Chintz, Plüsch, geblümte Polstermöbel, flauschige Orientteppiche und reich beschnitzte Möbel. Unter dem Esstisch lag ein Zebrafell; an der Wand hingen der geschwungene Stoßzahn eines Elefanten aus Britisch-Indien und ein Ölgemälde, auf dem die HMS Victory nach der siegreichen Schlacht von Trafalgar gegen die spanisch-französische Flotte zu sehen war.

Kate ging in die Küche, die modern wirkte und mit den neuesten Geräten ausgestattet war, darunter ein Viking-Herd, wie Kate ihn sich immer schon gewünscht hatte, und ein Tiefkühlschrank, groß genug, um ein halbes Rind darin unterzubringen. Durch eine Flügeltür gelangte man in ein imposantes Speisezimmer, von dort in einen geräumigen Flur. Auf halber Höhe des Flures entdeckte sie Russells Schlafzimmer, das ebenfalls den Charme des beginnenden 19. Jahrhunderts versprühte: Parkettboden, Himmelbett, Vorhänge zugezogen, ein Ölbild an der Wand, das Russell als Teenager zeigte, in Rugby-Kluft und mit vom Spiel geröteten Wangen. Das Bett war tadellos gemacht, und auf dem Nachttisch stand eine Vase mit frischen Blumen. Kate öffnete die Tür zum Ankleidezimmer und warf einen Blick hinein. Eine Reihe dunkler Anzüge hing penibel geordnet an einer Stange. Auf der Kommode lag ein Stapel gereinigter und akkurat zusammengefalteter Hemden. Mehr als zwanzig Paar blank geputzte Schuhe standen in einem speziell dafür angefertigten Schuhregal. »Sieh dir das an, Reg. Er hat ein Designerregal für seine Schuhe. So was hättest du doch sicher auch gern zu Hause, nicht wahr?«

Cleak steckte den Kopf durch die Tür. »Ich? Nein, danke. Ich hab nur ein Paar Arbeitsschuhe, ein Paar Sportschuhe und ein Paar Schuhe für sonntags. Die passen alle wunderbar unter mein Bett.«

Kate nahm ein Paar aus dem Regal. Auf der Innensohle entdeckte sie ein eingenähtes Lederschildchen mit der Aufschrift: »Gefertigt von Lobbs für R. T. Russell, Marquis of Henley.« Sie stieß einen leisen Pfiff aus. »Unser Lord hat sogar einen Titel.«

In diesem Augenblick stieß ein Kollege von der Spurensicherung die Schlafzimmertür auf. »Schaut euch mal das letzte Zimmer im Flur an«, sagte er aufgeregt. »Wir haben Russells Kommandozentrale gefunden.«

»Was meinst du mit Kommandozentrale?«, fragte Kate.

»Du wirst schon sehen.«

Verglichen mit dem Rest der Wohnung wirkte Russells Arbeitszimmer - oder treffender seine »Kommandozentrale« - wie aus einem Science-Fiction-Film. Der Fußboden war mit Travertin-Fliesen belegt, die Wände mit weißen Holzpaneelen verkleidet. Den Mittelpunkt bildete ein großer, glänzender Chromschreibtisch, auf dem drei LCD-Monitore standen. An der gegenüberliegenden Wand hing ein Monitor von mindestens zwei Metern Durchmesser. In die Decke eingefasste Halogenstrahler sorgten für die passende Beleuchtung. Auch das Arbeitszimmer war penibel aufgeräumt, wenn nicht sogar beklemmend ordentlich.

Auf beiden Seiten des Schreibtisches standen sorgsam arrangierte, mit Papierstapeln gefüllte Ablagefächer. »Ein Fahrplan von Victoria Station«, sagte Cleak und zeigte auf eine Broschüre. »Und das hier trägt den Titel: ›Langfristige Prognose für die weltweite Ölproduktion‹.«

Kate blätterte ein paar der Ablagestapel durch. Darin fanden sich Internetdownloads von ausländischen Nachrichtenwebsites, Hochglanzprospekte von Firmen und Artikel, die wahrscheinlich von Russell selbst stammten. Sie handelten von der Klimaentwicklung in der Antarktis über neue militärische Stützpunkte in Moskau bis hin zu einer mathematischen Abhandlung über die Zerfallsdaten von Atommüll. Unter Russells Broschüren fand sich sogar eine Ausgabe der Gendarmerie, der Monatszeitschrift von Polizisten für Polizisten. Kate fragte sich, wie Russell an dieses Heft gekommen war.

»Hat einer von euch eine Ahnung, womit er seine Brötchen verdient hat?«, fragte Kate.

»Wenn du mich fragst, war er Forscher«, sagte Cleak.

»Ja, aber auf welchem Gebiet?« Kate setzte sich auf Russells Schreibtischstuhl und zog eine Schublade heraus. »Reg«, sagte sie mit scharfem Unterton. »Sieh dir das mal an.«

Cleak warf einen Blick über ihre Schulter. »Beeindruckend. Das neueste Modell.«

In der Schublade lag eine Halbautomatik, daneben eine Schachtel mit scharfer Munition. »Beretta?«, fragte Kate.

»Browning«, erwiderte Cleak, der vor etlichen Jahren Mitglied der königlichen Leibgarde gewesen war. »Die gängige Armeewaffe. Zehn Kugeln im Patronenlager, eine im Lauf. Keine große Reichweite, aber aus nächster Nähe von beachtlicher Durchschlagskraft.« Er nahm die Pistole am Lauf aus der Schublade und roch an der Mündung. »Damit ist eine ganze Weile nicht geschossen worden.«

»Warum hat Russell eine Waffe im Schreibtisch? Was meinst du?«

»Aus dem gleichen Grund, aus dem er auch die Sicherheitsschlösser und das Alarmsystem installieren ließ. Der Mann hatte Feinde.«

»Ich möchte die Überwachungsbilder der Wohnung von den letzten zweiundsiebzig Stunden sehen. Von innen und von außen. Jemand hat im Apartment auf Russell gewartet, als er von seinen Eltern zurückkam. Die Beule an seinem Kopf stammt nicht von einem Stoß am Türrahmen. Der Killer muss Spuren hinterlassen haben.«

»Verstanden, Chefin.«

»Lass die Leiche in die Gerichtsmedizin bringen. Sag ihnen, dass wir bis zum Mittag ein vorläufiges Untersuchungsergebnis brauchen. Ich will wissen, welche Wirkung der Schlag auf den Kopf hatte.«

Cleak nickte und notierte Kates Anweisungen in sein Heft. Während er schrieb, saugte er geräuschvoll an den Zähnen. Als er Kates Blick bemerkte, hörte er abrupt damit auf. »Zwei schiefe Weisheitszähne. Beim Zahnarzt kriege ich erst in sechs Monaten einen Termin. Alternativ könnte ich tausend Pfund für einen Besuch bei einem privaten Arzt in der Harley Street abdrücken.« Er schüttelte den Kopf. »Meine Frau hat sich in den Kopf gesetzt, Weihnachten in Bethlehem zu verbringen. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als zu warten.«

»Ich könnte dir das Geld vorstrecken. Derzeit bin ich ziemlich flüssig, weil das Geld von Billys Lebensversicherung gekommen ist.«

»Das fehlte gerade noch«, sagte Cleak mit resolutem Unterton, womit der Vorschlag ein für alle Mal vom Tisch war. Er riss eine Packung Kaugummis auf und schob sich zwei Streifen in den Mund. »Das sollte fürs Erste reichen.«

Kate zuckte die Achseln, drehte sich wieder zu Russells Schreibtisch um, zog die Tastatur zu sich heran und drückte auf die Returntaste, weil sie annahm, dass der PC auf Standby geschaltet war, aber nichts geschah. Sie drückte die Powertaste am Desktop. Diesmal leuchtete der Bildschirm auf. Mehrere Symbole für verschiedene Dateien erschienen auf dem Monitor, doch die Dateinamen waren unleserlich. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte Kate.

»Die Festplatte wurde defragmentiert«, sagte einer der Forensiker. »Darf ich mal?«

Der Techniker tauschte mit Kate den Platz und versuchte es mit einer Reihe von Befehlen. »Der Computer ist hinüber. Du wirst alles ins Labor bringen müssen, aber selbst die Fachleute werden kaum noch was ausrichten können.«

»Was ist mit der Sicherungskopie?«, fragte Kate.

»Die ist ebenfalls zerstört. Hier hat jemand ganze Arbeit geleistet. Zwei unabhängige Systeme brechen nicht einfach zusammen. Die Festplatte kann schon mal gelöscht werden, aber nicht die Sicherungskopie. Ich glaube, da hat jemand einen starken Magneten über beide Systeme gezogen. Das ist ungefähr so, als würdest du alle wichtigen Dokumente durch den Shredder jagen, sogar noch schlimmer: Ein Magnet zerstört nicht nur die gespeicherten Daten, sondern die gesamte Festplatte. Du könntest den PC genauso gut mit 'ner Granate in die Luft jagen.«

In diesem Moment erschien ein Bild auf dem großen Flatscreen-Monitor an der Wand. Kate blickte erstaunt auf die Tastatur und fragte sich, ob sie den Monitor versehentlich aktiviert hatte. »Hattest du nicht gesagt, das Ding ist hinüber?«

»Pssst«, machte Cleak.

Niemand im Raum wagte mehr, sich zu rühren. Alle Blicke richteten sich auf den Monitor, auf dem nun das Bild einer jungen Frau in einem schummrig beleuchteten Raum erschien. Die Frau starrte in die Kamera. Sie war nicht besonders auffällig und wirkte mit ihrem unfrisierten, schulterlangen braunen Haar ein wenig derangiert. Sie trug eine Drahtgestellbrille und einen schwarzen Pullover mit V-Ausschnitt.

»Was ist das?« Kate warf einen Blick in die Runde.

»Eine Liveübertragung«, sagte der Computerfachmann der forensischen Abteilung. »Der Monitor muss einen direkten DSL-Anschluss haben. Das Ganze läuft unabhängig von Russells PC.«

»Kann die Frau uns sehen?«

»Keine Ahnung. Russells Computer ist defekt, wahrscheinlich auch die Kamera.«

»Rob, bist du zu Hause?«, fragte die Frau unvermittelt. »Es ist jetzt sechs Uhr morgens. Ich weiß, das ist ziemlich früh, aber ich muss mit dir reden. Warum gehst du nicht ans Telefon?« Sie warf einen Blick zur Seite und schaute dann wieder in die Kamera. »Bist du da? Ich kann auf meinem Bildschirm nichts erkennen. Hast du deine Kamera ausgemacht?« Sie schien auf eine Antwort zu warten. Einen Moment lang hielten alle im Raum - Kate, Reg Cleak, die Forensiker - den Atem an und flehten stumm, dass die Verbindung nicht abriss.

»Habt ihr Russells Handy gefunden?«, flüsterte Kate.

Cleak schüttelte den Kopf, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Noch nicht. Er hatte es nicht in der Tasche, als er vom Balkon stürzte. Es war nirgendwo auf dem Gelände zu finden.«

»Mist.«

Die Frau auf dem Bildschirm seufzte und sprach mit sachlicher Stimme weiter: »Mischa ist in London.« Sie beugte sich zur Kamera vor, als wollte sie Russell ein Geheimnis anvertrauen. »Das gesamte Team ist vor Ort. Alle machen ein riesengroßes Geheimnis darum. Es soll eine Art inoffizielles Treffen geben, um neue Sicherheitsvorkehrungen zu besprechen. Nur ein Meeting, und das war's. Das Treffen soll morgen um 11.15 Uhr stattfinden. Leider konnte ich nicht herausfinden, wo. Was immer du ihnen gesagt hast, es hat ihnen einen gehörigen Schreck eingejagt. Alle wissen, dass du in den meisten Fällen recht behältst. Robbie, ich hab Angst. Die Upgrades, von denen du gesprochen hast, dauern Monate. Sieben Tage reichen nicht einmal, um sich zu entscheiden, wo man anfangen soll. Bist du ganz sicher, dass nicht mehr Zeit bleibt?«

Von irgendwoher ertönte schrilles Geheul. Die Frau blickte erschrocken zur Seite.

»Was ist das?«, fragte Cleak. »Ist die Frau in Gefahr?«

Das Heulen wurde lauter. Kate trat näher an den Bildschirm heran. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

Die Frau stand auf und verschwand vom Bildschirm. Zehn Sekunden später erschien sie wieder - mit einem kreischenden Baby auf dem Arm.

»So viel zum Thema Gefahr«, sagte Kate.

Die Frau auf dem Bildschirm sagte: »Ruf mich an. Du musst mir unbedingt erzählen, ob du Näheres über Victoria Bear herausgefunden hast. Ich habe keine Ahnung, wovon dein Freund eigentlich geredet hat. Auch keiner meiner Kontakte konnten mir weiterhelfen. Richte ihm aus, er soll dringend seine Englischkenntnisse verbessern. Er lebt schließlich lange genug hier. Victoria Bear. Wahrscheinlich habe ich ihn einfach nur falsch verstanden. Wie auch immer, es ergibt keinen Sinn.«

Das Kind hatte sich noch nicht beruhigt, und die Frau wiegte es sanft. »Ruf mich an, sobald du etwas Neues weißt«, sagte sie. »Ich meine, muss ich von hier verschwinden? Versprich mir, dass du vorsichtig bist. Und ruf an. Vergiss es nicht!«

Die Verbindung wurde unterbrochen.

»Was hatte denn das zu bedeuten?«, fragte Cleak und verschränkte die Arme vor der Brust. »Hat uns Mary Poppins da eben vor einem geplanten Anschlag gewarnt?«

»Wenn ich das wüsste«, sagte Kate.

»Sie schien jedenfalls zu wissen, worum es geht. Sie sprach von sieben Tagen und sah dabei so verängstigt aus, als hätte sie den Leibhaftigen gesehen.«

Kate wandte sich an den Computerfachmann. »Kannst du herausfinden, wer sie ist? Es ist mir egal, wem du dafür auf die Füße treten musst. Sag mir nur, ob du diese Frau finden kannst.«

»Wahrscheinlich«, antwortete der Techniker. »Aber das wird ein Weilchen dauern. Zuerst müssen wir feststellen, welchen Provider Russell hatte. Danach müssen wir die Anruferin ausfindig machen. Jeder Anrufer hinterlässt eine Spur, wie Hänsel und Gretel ihre Brotkrumen. Problematisch wird es nur, wenn jemand verhindern will, dass man ihn findet. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die eigenen Spuren zu verwischen.«

Kate wandte sich an Cleak. »Fahr zu Russells Eltern und stelle ihnen die üblichen Fragen: Was er beruflich denn nun genau gemacht hat, ob er liiert war und so weiter. Du weißt schon. Aber geh behutsam mit ihnen um. Sie haben gerade erst die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erhalten. Ach ja - und frag sie, wann ihr Sohn nach dem Essen aufgebrochen ist.«

Nachdem Cleak gegangen war, stöberte Kate weiter in den Dokumenten auf Russells Schreibtisch. Sie fand Artikel mit der Überschrift »Demokratie in Estland«, »Die Codierung ungeschützter Quellen beim Militär« und einen ganzen Stapel Papiere, bei denen es um Auswärtsspiele von Arsenal London ging.

Er war Agent, schoss es Kate unvermittelt durch den Kopf. Geheimagent mit einer Fußballleidenschaft. Aber Agenten diskutierten ihre Operationen für gewöhnlich nicht mit unscheinbaren Hausfrauen und Müttern von Kleinkindern.

Zehn Minuten später kam Reg zurück. »Russell hat das Haus seiner Eltern in Windsor um halb zwölf verlassen. Direkt nach den Sportnachrichten auf BBC2.«

»Um 23.30 Uhr?« Kate fuhr sich mit der Hand über den Nacken. »Was hat er in den drei Stunden zwischen seinem Aufbruch und seiner Ankunft hier gemacht? Hat er sich die Zeit in einem Club vertrieben? Eine Freundin besucht? Wie auch immer, wir müssen es herausfinden. Sein Wagen steht in der Garage. Gib das Kennzeichen an die Kollegen vom AVS durch. Sie sollen die Nummer checken und sich melden, wenn sie etwas finden.«

AVS stand für »Automobile Visual Surveillance«, eine Abteilung der Metropolitan Police, die für die zahllosen Überwachungskameras innerhalb und außerhalb Londons zuständig war. Ein ausgeklügeltes Programm wertete alle drei Sekunden die Bilderflut aus. Die Nummernschilder aller erfassten Fahrzeuge wurden überprüft und die Daten fünf Tage lang in einer Datenbank gespeichert. Wenn innerhalb dieser Zeitspanne ein Nummernschild abgefragt wurde, konnte der Weg des betreffenden Fahrzeugs durch die ganze Stadt nachvollzogen werden.

»Ich setze gleich nach unserer Rückkehr ein paar Jungs darauf an«, sagte Cleak.

»Hast du was über die Frau herausgefunden?«

»Leider nein. Russell war Junggeselle. Die Eltern wissen nichts von einer Freundin.«

»Wir müssen sie finden, Reg. Sie steht ganz oben auf unserer Liste.«

Cleak nickte und schrieb unaufhörlich in sein Notizheft.

»Was konnte der Duke of Suffolk dir über die Arbeit seines Sohnes sagen?«, fragte Kate.

»Er war Dozent am Christ Church College in Oxford.«

»Ein Dozent, der eine Knarre in der Schreibtischschublade liegen hat? Was hat er denn unterrichtet? Die hohe Schule der Schießkunst?«

»Geschichte. Der Duke konnte gar nicht oft genug betonen, dass sein Sohn einen Abschluss mit Auszeichnung hatte.«

»Wir alle sind tief beeindruckt. Hat der Duke auch erwähnt, was sein Sohn studiert hat?«

»Ja.« Cleak nahm die Pistole noch einmal aus der Schublade und betrachtete sie bewundernd. »Russisch.«

6.

»Wie konnte er ohne unser Wissen bis nach London fliegen?«, fragte Frank Connor, Divisions neuer »Krisenmanager«, und betrachtete das Foto, das vor genau drei Stunden von Jonathan Ransom auf dem Flughafen Heathrow in der Ankunftshalle des Terminal 4 aufgenommen worden war. »Ich dachte, er schuftet sich in diesem gottverlassenen Lager in Kenia zu Tode.«

»Im Turkana-Flüchtlingslager, um genau zu sein.«

»Auf mich wirkt er nicht besonders robust. Mir ist schleierhaft, wie man in so einem Höllenloch auch nur einen einzigen Tag überleben kann. Wie lange ist er schon dort? Sechs Monate?«

»Er hat Ende Februar seinen Dienst in Kenia angetreten«, antwortete Peter Erskine, Connors Stellvertreter. »Vor zwei Monaten erkrankte er an Malaria und hat dabei zehn Kilo abgenommen.«

»Wann wurde er zuletzt in diesem Lager gesehen?«

»Vor einer Woche, von einem unserer Agenten bei Save the Children.«

»Save the Children?« Connor schoss vor Zorn die Röte ins Gesicht. »Und wen wollen wir als Nächsten vor unseren Karren spannen? Den Papst?«

Wütend pfefferte er das Foto auf Ransoms zehn Zentimeter dicke Akte. Seit acht Jahren sammelte Division Informationen über Ransom, genauer gesagt, seit seinem ersten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen in Liberia. Doch trotz der Akte hatte Jonathan Ransom nie für Division gearbeitet oder ein Gehalt von der US-Regierung bezogen. Bis vor einem halben Jahr hatte er nicht einmal gewusst, dass Division existierte, geschweige denn, dass er ihnen über Jahre hinweg bei ihren verdeckten Operationen behilflich gewesen war. Leute wie Ransom wurden in Geheimdienstkreisen »Bauern« genannt. Sie wurden so geschickt manipuliert, dass sie im Interesse der Regierung den Boden für die Drecksarbeit bereiteten, ohne es zu wissen. Frank Connor hatte eine eigene Bezeichnung für Leute wie Ransom: Trottel.

Mit einem Seufzer nahm Connor die Gleitsichtbrille ab und erhob sich von seinem Schreibtischstuhl. In einem Monat wurde er achtundfünfzig. Heute, an diesem herrlichen Sommermorgen, um 4.38 Uhr Eastern Standard Time, spürte er sein Alter bis in die Knochen. Es war vier Monaten her, seit er zum Krisenmanager von Division ernannt worden war; es waren die härtesten und zermürbendsten Monate seines Lebens gewesen.

Division war bereits vor dem 11. September 2001 ins Leben gerufen worden, als Reaktion auf die Unfähigkeit der CIA, die Verantwortlichen für die Bombenattentate auf den Khobar Tower in Saudi-Arabien, die US-Konsulate in Nairobi und Daressalam und weitere amerikanische Ziele im Ausland zu fassen und zu bestrafen. Die Hardliner im Pentagon hatten getobt vor Zorn und forderten Rache. Sie argumentierten, die CIA habe das Ziel aus den Augen verloren, und ihre Agenten seien zu Schreibtischhengsten mutiert, die sich lieber hinter Aktenbergen verschanzten, als sich die Hände schmutzig zu machen. Ihrer Meinung nach hatte die CIA seit zehn Jahren keine erfolgreiche Undercover-Operation mehr auf die Beine gestellt, konnte in den Krisengebieten der Welt keinen einzigen fähigen Agenten vorweisen.

Kurz und gut, sie forderten, dass die Geheimdienstarbeit nicht mehr alleinige Angelegenheit der Agentenschmiede in Langley sein durfte.

Es war an der Zeit, dass das Pentagon sich der Sache annahm.

Das US-Militär verfügte über die erforderlichen Mittel und war obendrein bestens geeignet, Männer zur Terrorbekämpfung auszubilden. Das Ziel des weltweiten Krieges gegen den Terrorismus - oder GWOT, Global War on Terror, wie es in Regierungsdirektiven und Gesetzesvorlagen hieß - war die Vernichtung der vielleicht größten Geißel der modernen westlichen Welt. »Eigeninitiative zeigen« lautete die Parole, und der letzte Präsident war von dieser Idee sehr angetan gewesen. Mit der nächsten Direktive des Präsidenten zur Frage der Nationalen Sicherheit wurde Division ins Leben gerufen. Ein Ungeheuer, unter strengster Geheimhaltung geschaffen, das im Dunkeln operierte und nur die eigenen Regeln kannte.

Divisions erster Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: die Eliminierung eines bosnischen Generals, der wegen Völkermordes gesucht wurde. Es folgten die Tötung eines kolumbianischen Drogenbosses und die Zerschlagung seines Netzwerks sowie die Entführung, Folterung und anschließende Beseitigung mehrerer Rädelsführer der Al-Qaida im Irak und in Pakistan. Alle diese Operationen waren siegreiche Feldzüge und polierten das Image von Division gewaltig auf. Seine Einsätze wurden immer umfassender. Das Geld floss, und eine ganze Reihe neuer Agenten wurde rekrutiert. Der Handlungsspielraum von Division in den Grauzonen der globalisierten Welt wuchs. Die Organisation verfolgte nun keine taktischen Ziele mehr, sondern ausschließlich politische. Einen Bösewicht zu beseitigen war keine Kunst; Division ging es vielmehr um die Umsetzung politischer Grundsätze, wie die Verteidigung der Demokratie im Libanon und die Initiierung der Orangen Revolution in der Ukraine.

Doch die Summe der Erfolge führte unweigerlich zu Größenwahn. Wie der englische Historiker John Dalberg-Acton im Jahre 1887 so treffend bemerkte: Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.

Division wollte sich nicht mehr an Vorgaben halten, sondern eigene Regeln aufstellen. Der Slogan »Eigeninitiative zeigen« bekam eine ganz neue Dimension. Es kam, wie es kommen musste: Division ging den entscheidenden Schritt zu weit.

Vor sechs Monaten war der Plan von Connors Vorgänger, einen Krieg zwischen dem Iran und Israel zu entfachen, im letzten Moment von einer abtrünnigen Division-Agentin vereitelt worden. Die Welt war knapp einer Katastrophe entgangen. Hinter verriegelten Türen musste der amerikanische Präsident eingestehen, dass ein US-Geheimdienst in den skandalösen Vorfall verwickelt war. Folglich wurden die Vollmachten Divisions erheblich eingeschränkt; seine Agenten wurden zurückgepfiffen. Die Organisation musste ihren Hauptsitz im Pentagon räumen. Das Budget wurde halbiert und ein Großteil der Mitarbeiter gefeuert. Doch der Todesstoß für Division war die von oberster Stelle angeordnete Auflage, dass zukünftige Einsätze nur nach Zustimmung durch den Kongress erfolgen durften.

Allen war klar, dass Division durch den Verlust seiner Vormachtstellung nur noch ein Schatten seiner selbst war. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis die Organisation in völliger Bedeutungslosigkeit versank. Bis dahin brauchte man einen Übergangsdirektor. Und dieses Mal sollte er nicht aus den Reihen der Militärs kommen.

Frank Connor erfüllte alle gewünschten Voraussetzungen. Er war kein Berufssoldat. Tatsächlich hatte er noch nie eine Armeeuniform getragen oder gar eine Waffe benutzt. Trotzdem war er eine Kämpfernatur. Dreißig Jahre lang hatte er sich in Washington mit den absurdesten bürokratischen Winkelzügen herumschlagen müssen und dabei Überlebensstrategien entwickelt, um die ihn jeder schlachterprobte Veteran beneidete. Er hatte im Außen- und Finanzministerium und im Büro für Management und Finanzen gearbeitet. In ganz Washington, D. C., gab es wohl keine verborgene Leiche im Keller, die Connor nicht kannte. Die letzten zehn Jahre hatte er in der E-Ring-Abteilung des Pentagon verbracht, die sich mit der Planung und Ausführung extrem gefährlicher militärischer Spezialeinsätze befasste.

Connor war Division-Mann der ersten Stunde. Er war einer von der Sorte, die mit ungebügeltem Hemd und Schweißflecken unter den Armen mit Argusaugen darauf achten, dass alles seine Richtigkeit hatten. Wenn Division ein Flugzeug benötigte, das Agenten aus dem friedlich gesinnten Kasachstan ins feindlich gesinnte Tschetschenien fliegen sollte, war es Connor, der wusste, dass für eine solche Operation nur eine Pilatus P-3 in Frage kam, und der die Maschine dann binnen kürzester Zeit organisierte. (Natürlich handelte es sich immer um ordnungsgemäß registrierte Maschinen, sodass keine Flugbehörde je auf den Gedanken kam, die Start- oder Landeerlaubnis zu verweigern.) Wenn man einen korrupten Landesfürsten bestechen musste, kannte Connor die richtigen Banker in einer der zahllosen Steueroasen dieser Welt, und die erforderliche Transaktion war gesichert. Wurde eine Schiffsladung mit Kalaschnikows für die verbündeten Kriegsparteien in Kolumbien benötigt, hatte Connor die Telefonnummern aller bedeutenden Waffenhändler der westlichen und östlichen Hemisphäre im Kopf (und kannte wahrscheinlich auch deren Geburtstage). Er besaß ein phänomenales Zahlengedächtnis. Von Frank Connor hieß es, er könne das Unmögliche möglich machen. Schnell, effizient und ohne Aufsehen.

Doch für seine Vorgesetzten im Pentagon war mindestens genauso entscheidend, welche Fähigkeiten Connor nicht nachgesagt wurden: Er gehörte nicht zu den Leuten, die großartig Pläne schmiedeten. Er war kein Intrigant. Und er war kein Traumtänzer. Ein Blick auf seine hängenden Wangen, seine Tränensäcke und seinen schiefen Gang genügte, um zu wissen, dass er kein Macher war. Er war genau der Mann, wie er den Herren in den Führungsetagen vorschwebte: ein introvertierter Einzelgänger, der Division verwaltete, bis die Organisation einen leisen, unspektakulären Abgang machte.

Frank Connor dachte nicht daran, dieser Meinung über ihn zu widersprechen. Zumindest nicht öffentlich. Denn Connor hatte seine eigenen Vorstellungen, was mit der in Ungnade gefallenen Organisation geschehen sollte. Und in seinen Vorstellungen war nirgendwo vorgesehen, dass Division still und heimlich von der Bildfläche verschwand. Trotz der katastrophalen Niederlage in der Schweiz glaubte Connor fest an Division. Sollten seine besser gekleideten, besser frisierten und besser informierten Bosse denken, was sie wollten. Frank Connor hatte sehr wohl einen Traum. Er war sehr wohl in der Lage, Intrigen zu schmieden. Und er hatte einen Plan. Für Connor war Division alles andere als erledigt. Die Organisation war vielmehr ein schlafender Riese. Division sammelte Kraft und wartete geduldig auf eine Chance, zur alten Größe zurückzukehren.

Für Frank Connor war es die Chance seines Lebens. Seine Tage als introvertierter Einzelgänger lagen hinter ihm.

»Hast du etwas über den Ärztekongress herausgefunden, an dem Ransom teilnimmt?«, fragte er nun.

»Es gibt eine Seite im Internet«, antwortete Erskine. »Ich habe dir die wichtigsten Infos kopiert. Lies selbst.«

Connor betrachtete die Auszüge. »›International Society of Internal Medicine - 30th Biannual Congress.‹ Was ist so besonders an diesem Kongress, dass Ransom dafür sein heißgeliebtes Feldlazarett im Stich lässt?«

»Er ist einer der Hauptredner. Sein Vortrag steht morgen früh auf dem Programm.«

Connor suchte nach dem Programmablauf. »›Die Behandlung parasitärer Krankheiten bei Kindern.‹ Nicht gerade mein bevorzugtes Thema. Wo ist er noch mal untergebracht?«

»Im Dorchester Hotel.«

»Nicht übel«, sagte Connor und blätterte die Ausdrucke durch. »Wie viele von unseren Leuten sind derzeit vor Ort?«

»In London? Vier, aber einer von ihnen ist gerade auf dem Absprung.«

»Vier? Machst du Witze?« Connor schüttelte fassungslos den Kopf. London war die wichtigste Adresse für Agenten in Europa. Noch vor einem Jahr hatte Division ein schickes Büro gleich neben der US-Botschaft am Grosvenor Square gehabt, mit zwanzig Vollzeitmitarbeitern und weiteren zwanzig Agenten in Rufbereitschaft.

»Sorg dafür, dass dieser Mistkerl bleibt, wo er ist. Sofort. Ransoms Hotel muss rund um die Uhr überwacht werden. Jeweils zwei unserer Leute sollen sich alle zwölf Stunden abwechseln. Ich will, dass sie mir in einer Stunde einen ersten Bericht erstatten. Und zieh alle Register, damit unsere Leute in London Unterstützung bekommen. Setz dich mit Berlin oder Mailand in Verbindung. Irgendwo müssen noch ein paar von unseren Agenten aufzutreiben sein, verdammt!«

»Sicher.« Peter Erskine war dreißig Jahre alt, blass und hager wie ein Marathonläufer.

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