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Gesund bis der Arzt kommt

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Teil 1:
    Überleben im Medizindschungel
  3. a) Das kranke System
  4. 1) Die Suche nach den gesunden Kranken
  5. 2) Krankheit als »Reich des Bösen«
  6. 3) Kunstfehler, Fehldiagnosen:
    Krank durch Medizin
  7. 4) Die wahre Bedeutung des Placeboeffekts
  8. 5) Gute Ärzte, schlechte Ärzte –
    Was treibt den Arzt?
  9. b) Das gefräßige System
  10. 6) Der verkaufte Patient
  11. 7) Zu gut versichert
  12. 8) Das Genom-Orakel
  13. 9) Unnötige Eingriffe im Diagnosemarathon
  14. 10) Die Gier der Ärzte
  15. 11) Der Lebenszyklus von Medikamenten
  16. Teil 2:
    Und plötzlich bin ich Patient
  17. 12) Die Pillen-Dealer
  18. 13) Vom Umgang mit Ärzten
  19. 14) Die Fehler der Patienten
  20. Teil 3:
    Vorsicht Falle
  21. 15) Die verführerische Vorsorge
  22. 16) Wer suchet, der findet – zum Beispiel Tumore
  23. 17) Gebärmutterhalskrebs:
    Wenn Früherkennung zum Geschäft wird
  24. 18) Brustkrebs: Was bringt die Früherkennung?
  25. 19) Prostatakrebs: Die »glücklichen« Opfer
  26. 20) Spontane Heilung
  27. 21) Überversichert und Durchgeimpft
  28. 22) Pandemie der Autoimmunkrankheiten
  29. 23) Die Zuckerfalle
  30. 24) Wie Diabetiker hintergangen werden
  31. 25) Kampf gegen das Cholesterin
  32. 26) Wenn das Immunsystem verrücktspielt
  33. Schlusswort
  34. Anmerkungen
  35. Register

Vorwort

Vor Kurzem traf ich einen befreundeten Arzt zum Abendessen. Er hatte gerade einen Kongress hinter sich, bei dem er auch organisatorisch involviert war. Die Anstrengungen der letzten Wochen waren ihm anzumerken, ebenso wie die nun endlich spürbare Entspannung. Wir sprachen über die wissenschaftlichen Highlights der Veranstaltung und kamen rasch auf einige recht kontrovers diskutierte Fachfragen. Es ging dabei um neue Daten, die belegen, dass bestimmte Medikamente offensichtlich das Krebsrisiko der Patienten deutlich erhöhen. Der Arzt erzählte mir, dass dieses Risiko nicht erst seit der Veröffentlichung der neuen Studien bekannt war, sondern in Fachkreisen schon seit einigen Jahren diskutiert wurde. Dennoch ist es der Herstellerfirma im Verbund mit einigen recht bekannten Professoren gelungen, dieses Thema über eine Reihe »wissenschaftlicher Nebelbomben«, wie er es nannte, von einer öffentlichen Debatte fernzuhalten.

Kritiker hatten zudem kaum Belege für ihren Verdacht, weil wichtige Daten von der Herstellerfirma unter Verschluss gehalten wurden. Nun aber, so der Arzt, laufe in Kürze der Patentschutz für das Medikament aus, und damit strömten bald andere Firmen mit billigen Kopien des Bestsellers auf den Markt. Die Zeit des großen Verdienens sei also definitiv vorbei. Und plötzlich gibt auch der Konzern seinen Widerstand gegen das »Krebsgerücht« auf. »Dieselben Professoren, die jahrelang Geld damit verdient haben, Vorträge über die tolle Wirkung dieses Präparates zu halten, spielen sich nun plötzlich als Kritiker und Warner auf.« Es sei schon eine recht verlogene Branche, in der er sich tagtäglich bewege, seufzte mein Freund.

Wir wechselten das Thema und kamen zu einem Artikel, den ich kürzlich veröffentlicht hatte.1 Darin ging es unter anderem um die Ursprünge der Medizin in der Steinzeit und wie sich aus den Schamanen der Nomadenvölker über die Jahrtausende langsam die Priester auf der einen und die Ärzte auf der anderen Seite entwickelten. In Wahrheit, sagte mein Freund, wirken diese gemeinsamen Wurzeln bis heute nach. »Allein schon, wie wir uns kleiden. Wir treten vor die Patienten wie die Priester vor die Gläubigen. Wir verkleiden uns, um auch optisch darzustellen, dass wir die Auserwählten mit dem geheimen Wissen sind. Wir greifen dort hin, wo niemand anderer hingreifen würde: in die Eingeweide, ins Herz, ins blutige Gewebe. Wir sehen die Menschen in ihrer schlimmsten Not, wie sie stöhnen, stinken und sterben. Unser Beruf umfasst die Abgründe des Menschlichen, die Randbereiche des Lebens, das, was alle anderen fürchten: die Nähe zum Tod. Wir wissen das, und wir lassen uns das bezahlen. Wir sind eine in sich geschlossene Priesterschaft, die zusammenhält und keinen Einblick in ihre Geheimnisse gibt. Und wir nehmen uns – als eine Art Entschädigung für das, was uns zugemutet wird – das Recht heraus, unsere eigenen Gesetze zu machen.«

Für Außenstehende, meinte mein Freund, sei es schwer, diese unausgesprochene Solidarität zu verstehen, die innerhalb der Medizinerzunft herrscht. Sicher werde um Posten gekämpft, um Patienten, auch um die Aufträge der Pharmaindustrie. Aber wenn es um den Beruf selbst geht, um Kontrolle von außen: Dann machen die Ärzte gemeinsam dicht. Hier gewähren sie niemandem einen Einblick. »Das ist so ähnlich wie bei unseren Vätern und Großvätern, die nie vom Krieg erzählt haben. Das ging nur gegenüber den Kameraden, die in dem ganzen Wahnsinn auch selbst mit drinsteckten.« Außenstehende könnten sich nun einmal keine Vorstellung davon machen, was es heißt, das Leben eines Patienten auf der Kippe zu sehen. Zu wissen, dass es nur noch an einem seidenen Faden hängt, ob diese Frau oder dieser Mann den morgigen Tag noch erlebt. Außenstehenden fehle eben die Erfahrung, wie es ist, ein Leben in Händen zu halten. Das stumpfe auf der einen Seite ab, auf der anderen fördere es ein fast irres Selbstbewusstsein, das oft an Überheblichkeit grenzt. Und es sei für einen Nichtmediziner nachgerade unmöglich, diesen Stress und diesen psychischen Ausnahmezustand nachzuempfinden. »Wir sind noch immer Schamanen und Priester in einem, so viel hat sich über die Jahrtausende nicht geändert«, schloss mein Freund seinen emotionalen Ausbruch ab. »Ich akzeptiere es nicht. Aber ich verstehe es, wenn viele von uns meinen, sie stehen über dem Gesetz

Die Manipulations-Weltmacht

Einen ähnlich eigenwilligen und wenig transparenten Player im Gesundheitssystem stellt die pharmazeutische Industrie dar. Kein anderes Segment der Weltwirtschaft verzeichnete in den letzten Jahren konstant solche Gewinnspannen und Umsatzzuwächse. Im Schnitt wuchs der Markt jährlich um 10 Prozent, und trotz weltweiter Finanzkrise schwächte sich dieser Trend nur minimal ab, auf ein Plus von 6 bis 7 Prozent. 2010 werden weltweit Arzneimittel für 825 Milliarden US-Dollar verkauft. Und 2014 fällt nach den Prognosen des führenden Marktforschungsunternehmens IMS erstmals die Marke von einer Billion.

Mit Budgets, die den Gesamtetat vieler Staaten überschreiten, hat die Industrie mittlerweile ein Beinahe-Monopol im Bereich der klinischen Forschung erreicht. Die Förderung der Grundlagenforschung wird hingegen den Steuerzahlern überlassen. Hier steigt die Industrie erst ein, wenn aus dem Wildwuchs der an den Universitäten angesiedelten Projekte ein Keim aufgeht, der auch wirtschaftlich interessant ist. Entgegen der Selbstdarstellung der Pharmakonzerne liegt ihr Fokus weniger auf der emsigen Entwicklung neuer Heilmittel, sondern auf der Vermarktung von dem, was bereits zugelassen ist, egal ob es heilt oder nicht. Der Großteil der Investitionen fließt in Werbung und Marketing und übertrifft den Forschungsanteil um mehr als das Doppelte. Die Pharmaindustrie gehört zu den größten Geldgebern politischer Parteien, ein Heer von Lobbyisten umschwärmt die Entscheidungsträger und besetzt selbst hohe Posten in den nationalen und internationalen Gesundheitsorganisationen.

Mithilfe dieser Werbeübermacht können neue Produkte zu beinahe willkürlich hohen Preisen auf den Markt gebracht werden. Wo es viel versprechende neue Arzneimittel gibt, aber leider keine dazu passende Krankheit, wird diese gleich mitgeliefert. Und so treffen wir bereits heute in den Kinderkrippen auf Zweijährige, bei denen eine bipolare Störung oder Hyperaktivität diagnostiziert wurde. Schüchternheit, speziell in der Pubertät verbreitet, begann als »Sozialphobie« ihre Karriere als psychische Störung und wurde in der Folge unter dem Begriff »Soziale Ängstlichkeitsstörung« endgültig als neue Massenkrankheit etabliert. Wer am »Rastlose-Füße-Syndrom« leidet, wird gedämpft, wer daraufhin ein »Chronisches Müdigkeitssyndrom« entwickelt, pharmazeutisch wieder etwas aufgemuntert.

Wenn die Werbung nicht mehr ausreicht, um neue Pillen, Diagnosegeräte oder Tests unter die Leute zu bringen, wird auf psychologische Kriegsführung umgestellt. Nirgends ist die Gesellschaft leichter erpressbar als in einem so sensiblen Bereich wie der Gesundheit. Wenn anerkannte Professoren vorgeschickt werden und vor den Fernsehkameras vor einer weltweit drohenden Pandemie warnen oder erklären, dass Krebspatienten massenhaft sterben werden, weil das Gesundheitsministerium oder die Krankenkassen sparen möchten, so trifft das die Bevölkerung – und noch mehr die Politiker – mitten ins Mark. Seit jeher lässt sich nirgends besser Geld verdienen als in der Nähe von Krankheit und Tod. Und so fällt es unserer Gesellschaft enorm schwer, mit dem Medizinsystem auf eine rationale Weise umzugehen. Trotz aller Reformen rumort es weiter an allen Ecken.

Deutschland hat das teuerste Gesundheitssystem Europas. Ob die dafür erbrachte Gegenleistung den enormen Aufwand überhaupt wert ist, bleibt mehr als ungewiss. Tatsächlich überwiegt bei vielen der in den Kliniken und Arztpraxen breit angewandten Therapien der Schaden. In den letzten Jahren platzt im Medizinsystem in nie da gewesener Häufung eine Blase nach der anderen, und es stinkt zum Himmel. Regelmäßig erweisen sich die in den Studien erweckten Heilsversprechungen als hoffnungslos überzogen. Über Jahrzehnte eingesetzte Arzneimittel haben mehr Nebenwirkung als Wirkung. Studien erweisen sich als gefälscht, Wissenschaftler als korrupte Mietmäuler. Sinnvolle und lebensrettende Maßnahmen werden hingegen ignoriert, sobald irgendeine der vielen Cliquen im Medizinsystem dadurch finanzielle Einbußen hätte. Für Patienten wird heimlich eine Kopfprämie kassiert: Wenn sie eine Zusatzversicherung haben, wird bei ihnen jede nur denkbare Untersuchung und jeder Eingriff vorgenommen, der sich den Kassen in Rechnung stellen lässt. Die Kassen wiederum weisen die Ärzte an, ihren Patienten möglichst lukrative Diagnosen zu verpassen, die mehr Gelder vom Bund hereinspülen.

Menschen gelten nur so lange als gesund, bis der Arzt kommt und ein paar Tests durchführt. Kein Wunder, dass die Zufriedenheit der Patienten im internationalen Vergleich im unteren Drittel rangiert. Wobei nicht vergessen werden soll, dass die Ärzte selbst denselben Frust leiden, in einem Arbeitsumfeld, das auf hierarchischen Druck, Stress und Selbstausbeutung aufgebaut ist und viele Ärzte kränker macht als ihre Patienten.

Gesundheit orientiert sich heute an einem – aus der Technik abgeleiteten – Idealbild, das über bestimmte Risikofaktoren definiert wird. Sich gesund zu fühlen, genügt nicht mehr, wenn von der Schulmedizin festgesetzte Grenzwerte überschritten sind: Dann gilt auch ein Gesunder als behandlungsbedürftig. Diese Grenzwerte werden – etwa beim Cholesterin, beim Blutzucker oder beim Blutdruck – laufend hinaufgesetzt. Dasselbe gilt in der Diagnostik: Durch den immer genaueren Blick in den Körper werden winzige Veränderungen gefunden, die noch vor wenigen Jahren niemals entdeckt worden wären. Nun aber stehen sowohl die Ärzte als auch die Patienten ständig vor der Frage, ob eine Krankheit behandelt werden soll, die noch gar keine ist, wahrscheinlich auch gar nie eine sein wird. Aber es gibt eben ein gewisses Risiko – und deshalb wird vorsorglich operiert und bestrahlt und chemotherapiert.

Als gesund gelten heute tatsächlich nur noch jene Menschen, die nicht ordentlich untersucht worden sind. Nie war dieser Kalauer der Realität so nahe. Ein Medizinsystem, das erst dann zufrieden ist, wenn der Großteil der Bevölkerung zu Patienten umdefiniert ist, ist allerdings selbst schwer krank. Für Menschen, die wirklich Hilfe benötigen, werden bald keine Ressourcen mehr vorhanden sein, weil ein ungebändigter Apparat jede Hemmung verloren hat. Doch wer ist in der Lage, diese maßlose Wucherung zu stoppen, die sich über die Gesundheitsbudgets der Staaten hermacht wie ein aggressiver Tumor?

Um in diesem Dschungel aus Eigeninteressen und falschen Versprechungen nicht unterzugehen, ist es notwendig, die innere Logik des Medizinsystems zu verstehen. Denn nur dadurch wird es möglich, gut informiert Entscheidungen zu treffen und zum aktiven Manager der eigenen Gesundheit zu werden. Und für diesen Zweck ist dieses Buch geschrieben: als Handbuch zur Selbstverteidigung.

Teil 1:

Überleben im
Medizindschungel

a) Das kranke System

1) Die Suche nach den gesunden Kranken

Die Gesundheitsreform der Großen Koalition – mit Jahresbeginn 2009 in Kraft getreten – galt als wichtigstes Reformprojekt der vergangenen Legislaturperiode. Sie sollte das Gesundheitssystem billiger, besser und gerechter machen. Doch ist das genaue Gegenteil davon eingetreten: Erstmals in der Geschichte ist Kranksein ein volkswirtschaftliches Handelsgut geworden. Eine auf Rendite ausgerichtete Medizinindustrie vertreibt die Ware Gesundheit nach rein kommerziellen Gesichtspunkten. Je kränker ein Patient, desto mehr erhält seine Krankenkasse aus dem Gesundheitsfonds – in der Terminologie der internen Kassenlogik wird das als »zielgerichtetes Verkranken der Versicherten zur Optimierung des Morbiditätsrisikoausgleichs« bezeichnet. Damit den Ärzten bei dieser Verwandlung ihrer Patienten in Kranke keine Irrtümer unterlaufen, bekommen sie von den Kassen eigene Software-Pakete zur Verfügung gestellt, die automatisch die höchstmögliche Schwere einer Erkrankung für die Diagnose vorschlagen.

Es werden jedoch nicht nur bestehende Krankheiten verschlimmert, es werden auch eine ganze Menge Gesunder neu als Patienten definiert. »Herz-Kreislauf-Beschwerden verbreiten sich seit der Reform in einem Tempo, das man bislang nur von hoch ansteckenden Infekten kannte«, berichtete Der Spiegel.2 »Die Zahl chronischer Erkrankungen wie Asthma und Sodbrennen ist auf gespenstische Weise nach oben geschnellt.« Überall geht die Angst um, dass die anderen Versicherungen den Kuchen des Gesundheitsfonds untereinander aufteilen, bis nichts mehr von ihm übrig ist.

In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Der von der Bundesregierung einheitlich festgesetzte Beitragssatz liegt seit dem 1. Juli 2009 bei 14,9 Prozent des Bruttolohns – so hoch wie nie zuvor. Aus den Einnahmen wird den Kassen das Geld zugewiesen; sie bekommen 186 Euro für jeden Versicherten sowie diverse Zu- und Abschläge je nach Alter und Gesundheitszustand. Ursprünglich sollte damit ein Ausgleich geschaffen werden, damit gesetzliche Krankenkassen mit einem durchschnittlich kränkeren Klientel mehr Geld aus dem Umverteilungstopf erhalten als Kassen mit eher gesunden Versicherten. Krankheit lohnt sich also.

Aus einer Laune heraus wurde dem Gesetzeswerk zusätzlich noch eine Liste von 80 Krankheiten beigefügt, für die es Extrazuschläge gibt. Dazu zählen etwa Diabetes oder Bluthochdruck – und genau hierfür ist eine exorbitante Zunahme neuer Diagnosen festzustellen.

Das »Upgraden« einer Krankheit bringt ebenfalls enorme Gewinne. Während eine »Psychische Verstimmung« für die Kassen wertlos ist, liegt der Gewinn schon bei 1000 Euro pro Jahr, wenn daraus laut ärztlicher Diagnose eine »leichte depressive Episode« wird. Für eine »dissoziative Störung« – sie ist beispielsweise verbunden mit einer Veränderung der Selbstwahrnehmung oder mit Erinnerungs- bzw. Zeitverlust – gibt es mit 2000 Euro bereits das Doppelte. Die »bipolare affektive Störung«, bei der die Patienten zwischen Manie und Depression pendeln, wird mit 3400 Euro vergütet, die Schizophrenie bildet mit 6000 Euro jährlich die lukrative Spitze der »Diagnose-Optimierung«.

Die meisten Ärzte spielen bisher beim eifrigen Krankschreiben willig mit. Kein Wunder, haben sie doch über ihre Berufsverbände teils recht lukrative Vereinbarungen unterzeichnet. Sie nehmen in diesem Spiel quasi die Rolle von Handelsvertretern ein, welche die neuen Patienten anwerben. Dafür gibt es Prämien. Der bayerische Hausärzteverband, dem im Freistaat drei Viertel aller Hausärzte angehören, hat sich etwa mit der bayrischen AOK zusammengetan und vereinbart, dass die ärztlichen Honorare glatt verdoppelt werden. Als Gegenleistung sollen die Ärzte der Kasse helfen, den Gesundheitsfonds kräftig anzuzapfen. In Berlin kommen bereits 97 finanziell interessante Krankheiten auf 100 Versicherte. In den ostdeutschen Bundesländern liegt die Quote zwischen 70 und 80 Krankheiten, einzig in Baden-Württemberg gibt es mit 41 Krankheiten pro 100 Versicherten statistisch gesehen noch mehr Gesunde als Kranke.

Wie es aussieht, wird der aus den Abgaben der Versicherten gespeiste Fonds mit einem Rekordaufwand für Kassenleistungen von 170 Milliarden Euro gleich im ersten Jahr ein Defizit von 10 Milliarden einfahren. Von Ökonomen, denen diese Art des Wirtschaftens wohl aus der Finanzwelt bekannt vorkommt, gab es bereits erste Glückwunschadressen. So äußerte sich bei einer Tagung der Schweizerischen Medizinischen Akademie ein Wirtschaftswissenschaftler lobend über das deutsche Beispiel und führte an, dass nun endlich auch die Medizin den Gesetzen des Marktes gehorche und der Arztberuf zum »normalen Beruf« werde. »Das wollen wir nicht hoffen«, kommentiert dieses Ansinnen Paul U. Unschuld, Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts an der Berliner Charité in seinem aktuellen Buch Ware Gesundheit.3 Stattdessen wünscht er sich, »dass diejenigen, die diesen Beruf ergreifen, ein wenig mehr Menschenliebe und Ordnung, ein wenig mehr Verantwortung schätzen als die Ökonomen mit ihrer Selbstbedienungsmentalität«.

Prävention als Krankmacher

Diese Hoffnung könnte allzu blauäugig sein. Das Gesundheitssystem läuft nämlich nicht erst seit der Reform immer mehr darauf hinaus, die Mehrheit der Bevölkerung als »krank« einstufen zu können. Neben der Übertherapie und Falschdeklaration der Leistungen eignet sich hier speziell ein Instrument, das bis vor Kurzem noch ein rundum gutes Image genoss: die Gesundheitsprävention.

In Wahrheit ist dieser in allen Sonntagsreden der Politik zum Thema gern und oft beschworene Begriff aber nicht so harmlos, wie er daherkommt. Zwar wird stets der hohe Wert der Bewegung und der gesunden Ernährung propagiert. Doch steckt dahinter eine hervorragend getarnte Stolperfalle auf dem Weg von der Gesundheit in eine Patientenkarriere.

Die Idee der Prävention, der Krankheitsvorsorge, erweist sich zunehmend als Stein der Weisen, als Gelddruckmaschine eines neuen Medizinzeitalters. Vorsorge klingt gut und in sich logisch. Sie kommt gut an – und sie lässt sich verkaufen wie warme Semmeln. Nichts ist lukrativer als die Behandlung von Gesunden, zumal Gesunde auch viel mehr an unnützen Eingriffen und Medikamenten aushalten. Anstelle der Heilung von Kranken, die ja das eigentliche Geschäft der Medizin wäre, tritt eine aus der Versicherungsmathematik abgeleitete Logik: Über die Androhung von Schäden in der Zukunft werden »zur Sicherheit« vorbeugende Maßnahmen empfohlen, die wir alle über die Arzthonorare und die Kassenbeiträge zahlen. Wenn der Schaden trotzdem eintritt, entpuppt sich die Krankenversicherung jedoch meist als wertlos.

Sowohl für Ärzte wie für die Gerätehersteller, für die Anbieter von Tests und Diagnose-Kits sowie für die Pillenindustrie ist die Übertherapie ein Geschäft. Chronische Krankheiten zahlen sich finanziell wesentlich besser aus als einmalige Vorfälle – etwa bei Unfällen oder sonstigen Einmal-Eingriffen. Demnach war es nur folgerichtig, dieses Segment zu vermehren. Wenn es gelingt, immer mehr – an sich beschwerdefreie Personen – als chronisch krank einzustufen, wäre das Geschäftsmodell nahezu beliebig erweiterbar. Warum also nicht die Gesunden behandeln? Dafür braucht es nur gute Werbestrategen und eine ordentliche Portion Frechheit.

Bei gesunden Menschen stellt es auch keinerlei Problem dar, die Therapie als Heilerfolg auszugeben. Wenn es nach Monaten gelingt, über Medikamente den Blutdruck oder das »böse« Cholesterin unter einen bestimmten Wert zu treiben, so ist die Bio-Maschine Mensch wieder optimal eingestellt, und es freuen sich sowohl Arzt als auch Patient. Letzterer war zwar auch vorher beschwerdefrei, doch wer weiß, was passiert wäre, wenn der Arzt nicht rechtzeitig eingegriffen hätte …

Für diese Strategie braucht es kein großes Heilwissen. Und hier ist es auch möglich, die neuen therapeutischen Siege über die Krankheit zu erringen, die sich in den Medien verkaufen lassen. Irgendwo muss sich der gigantische Aufwand doch lohnen.

Wenn schließlich die Nachfrage doch etwas nachlässt, wird mit der Senkung von Grenzwerten einfach die Definition für Krankheit verändert. Dafür sorgen die großen Ärztegesellschaften, die nahezu ausnahmslos von den Pharmafirmen finanziert und damit in Abhängigkeit gehalten werden. So geschehen bei Cholesterin, beim Blutdruck, beim Blutzucker.

Mit der Absenkung des Blutzuckergrenzwertes von 110 mg/dl auf 100 mg/dl wurde die Zahl der Diabetiker in den USA im Jahr 2003 mit einem Schlag von vier auf 30 Millionen erhöht. Und nun diskutieren die Fachgesellschaften bereits, ob eine erneute Senkung des Grenzwertes auf 95 mg/dl nicht noch mehr Sinn hätte. Sinnvoll wäre sie tatsächlich: für die Strippenzieher im Hintergrund, die damit wieder ein paar Millionen neue Kunden für die zahlreich vorhandenen Diabetesmedikamente zugewiesen bekommen. Ob diese Menschen von den Pillen und Spritzen überhaupt profitieren, ist noch nicht einmal erwiesen (siehe das Kapitel »Die Zuckerfalle«).

Beim Cholesterin ist es kaum noch möglich, die Grenzwerte weiter abzusenken. Hier gilt bereits seit Mitte der achtziger Jahre ein oberes Limit von 200 mg/dl (5,2 mmol/l). Und dies ist besonders originell, wenn man weiß, dass der Durchschnittswert bei 40-jährigen Frauen in Deutschland bei etwa 220 mg/dl (5,7 mmol/l) liegt, bei 40-jährigen Männern sogar bei 235 mg/dl (6,1 mmol/l). Im Alter von etwa 60 Jahren gleichen sich die Geschlechter dann bei einem Wert von 245 mg/dl (6,4 mmol/l) einander wieder an. Erst gegen Lebensende fällt der Wert dann rapide ab. Eigentlich wäre es demnach wesentlich rationaler, sich vor einem Absinken des Cholesterinspiegels zu fürchten.

Die Kunstwelt der Studien

Schon in den Zulassungsstudien herrschen extrem künstliche Verhältnisse, die in erster Linie dazu dienen, dem Arzneimittel die besten Voraussetzungen für ein gutes Abschneiden zu bieten. Dazu werden möglichst »ideale Teilnehmer« gesucht und als Probanden angeworben. Es handelt sich in der Regel eher um jüngere Personen, die – abgesehen von der zu untersuchenden Problematik – weitgehend gesund sind. Dieses Vorgehen bietet den Pharmafirmen, welche mehr als 90 Prozent aller klinischen Studien finanzieren, gleich zwei Vorteile: Studienteilnehmer, die jung und bei halbwegs guter Gesundheit sind, halten mehr aus, und eventuelle Nebenwirkungen bleiben bei ihnen eher unter der Nachweisschwelle.

Zum Zweiten lässt sich die Wirkung des Mittels auf die spezielle Krankheit isoliert betrachten – und wird nicht gestört durch andere Leiden, die eventuell ebenfalls zu behandeln wären.

Im wahren Leben jedoch gibt es solche optimalen Patienten so gut wie nicht. Für normale Menschen werden die wissenschaftlichen Studien allerdings auch nicht durchgeführt. Studien sind dazu da, um die Voraussetzungen für das Marketing zu schaffen. Wenn ein neuer Wirkstoff – nach jahrelanger Entwicklung, nach Tierversuchen und mühsamen Formalitäten – endlich in die klinischen Tests am Menschen geht, dann darf nichts mehr passieren. Und deshalb braucht es gute Daten, um zuerst die Fachwelt, später dann die Ärzte in den Kliniken und Praxen mit der erstaunlichen Wirksamkeit des Medikamentes zu beeindrucken, auch wenn sich die solcherart erzielten Resultate auf das reale Leben natürlich nicht übertragen lassen. Zwar besteht theoretisch die Verpflichtung, ein Arzneimittel auch nach der Zulassung weiter zu beobachten. Doch das Meldewesen für Nebenwirkungen ist zu ungenau, um hier als taugliches Warninstrument zu funktionieren, und auftretende Schäden müssen schon gravierend sein, um überhaupt in der Art aufzufallen, dass sie mit dem Medikament in Verbindung gebracht werden. Sogar bei Contergan, dem berüchtigten Schlafmittel, das speziell schwangeren Frauen empfohlen wurde, hatte es jahrelang gedauert, bis es als Verursacher für die Fehlbildungen an Neugeborenen identifiziert wurde.

Doch auch wenn ein Risiko eindeutig identifiziert ist – wie etwa schweres Übergewicht bei Kindern –, fällt es oft schwer, die geeigneten Methoden zur Vorbeugung zu finden. Der Kinderarzt Thomas Reinehr von der Universität Witten-Herdecke referierte im Sommer 2009 beim Europäischen Präventionskongress in Baden bei Wien eine Unzahl von Studien, in denen teils mit enormem Aufwand versucht wurde, Kinder am Dickwerden zu hindern: Aerobic-Kurse, Computerverbot, Ernährungsumstellungen, Vorlesen statt Fernsehen. Fast alle Bemühungen zeigten – zumindest auf längere Sicht – keinen Erfolg. Als wirksamste Maßnahme erwies sich die Aufstellung optisch attraktiver Wasserspender in den Schulen bei gleichzeitiger Verbannung der Softdrink-Automaten. Nach drei Jahren Beobachtungszeit waren in den Schulen mit den Wasserspendern 18,7 Prozent der Schüler übergewichtig, wogegen in den Vergleichsschulen, wo alles belassen wurde, wie es war, der Anteil bei 28,5 Prozent lag.

Übertroffen wird dieser Effekt nur noch von einem Phänomen, auf das die erzieherischen Programme keinen Einfluss haben: Die Kinder bleiben schlank, wenn ihre Eltern zusammenbleiben: »Drei Viertel der Kinder mit krankhaftem Übergewicht stammen aus Scheidungsfamilien«, so Reinehr.

Regelmäßig taucht in den Diskussionen auch das Thema auf, ob es sinnvoll sei, Menschen für ihre ungesunde Lebensweise zu bestrafen, oder ihnen – etwa wenn sie unter eine gewisse Grenze abnehmen – eine Erfolgsprämie anzubieten. »Geld zu geben funktioniert ganz gut«, erklärte Reinehr. »Das wird in den Pilotversuchen vermehrt angewendet.«

Auch in der allgemeinen Gesundheitspolitik wird darüber diskutiert, finanzielle Anreize oder Strafen als Steuerungsinstrument einzusetzen. Im Zuge der letzten Gesundheitsreform in Deutschland wurde etwa ab dem Jahr 2008 eine höhere Belastungsgrenze für chronisch Kranke eingeführt, wenn diese an Brust-, Darm- oder Gebärmutterhalskrebs erkranken und nicht nachweisen können, dass sie sich über die jeweilige Vorsorgeuntersuchung zumindest informiert haben.

Der Präsident der Deutschen Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe erregte kürzlich mit dem Vorschlag Aufsehen, das »Ausmaß eigenen Verschuldens« bei der Durchführung medizinischer Leistungen generell zu berücksichtigen. »Krankheiten, die durch unvernünftige Lebensweise entstehen, sollen in der Rangfolge der Behandlung eher unten angesiedelt werden«, plädierte Hoppe gegenüber dem Spiegel. Man werde diesen Leuten sagen müssen, dass sie die Therapie ihrer Krankheiten selber zahlen müssen. Oder sie würden eben in der Warteliste – etwa auf ein neues Hüftgelenk – auf einen der hinteren Plätze gesetzt.

Auch der Wiener Medizinökonom und Arzt Ernest Pichlbauer möchte die Eigenverantwortung der Patienten mit Bonus-Malus-Systemen fördern. Hoppes Vorschlag findet er jedoch missglückt: »Einen Menschen strafhalber warten zu lassen, wenn er akut ein Hüftgelenk braucht, das bringt gar nichts mehr, denn dann ist es zu spät.« Sehr wohl könnte er sich jedoch »den englischen Weg« vorstellen: »Da kriegt man die Hüfte nur, wenn man beispielsweise den Body-Mass-Index von 30 auf 27 reduziert.« Das sei eine wirksame Methode, weil hier der Patient aktiv eingreifen kann. »Es muss die Betroffenheit erzeugt werden, sonst passiert eine Änderung nicht.«

Fragt sich bloß, woran sich die Menschen denn halten sollen, inmitten eines Wildwuchses an Abnehmtipps, die sich häufig auch noch diametral widersprechen. Eindrucksvollstes Beispiel dieses wissenschaftlichen Wirrwarrs, dem entsprechend unausgereifte Gesundheitsempfehlungen folgten, war in den letzten Jahren die Ernährungslehre. Beginnend mit der Verteufelung von Fetten wurde in den achtziger Jahren mit der »Light-Welle« eine Revolution am Nahrungsmittelmarkt ausgerufen, die zwar das Angebot der Supermärkte radikal umkrempelte, ihre Ziele aber dramatisch verfehlte. Die derart ausgehungerten Menschen griffen einfach öfter zu den rasch verdaulichen überzuckerten Fertigprodukten und unterzogen sich somit einer regelrechten Kohlenhydrat-Mast.

Nicht einmal zur Vorsorge gegen Krebs taugt gesunde Ernährung. In einer kürzlich im Journal der US-Ärztegesellschaft publizierten Arbeit4 wurden mehr als 3000 Frauen, die bereits wegen einer Frühform von Brustkrebs behandelt worden waren, zur Hälfte einer Intensivgruppe mit besonders gesunder Ernährung zugewiesen. Sie nahmen an gemeinschaftlichen Kochkursen teil, bekamen ständige Telefonberatung und einen regelmäßigen Newsletter. Die Kontrollgruppe aß hingegen weiter wie bisher. Die nachhaltige Ernährungsumstellung war augenscheinlich erfolgreich. Schließlich verzehrte die Intensivgruppe um 65 Prozent mehr Gemüse, um 25 Prozent mehr Obst, um 30 Prozent mehr Ballaststoffe und um 13 Prozent weniger Fett, wie mittels Bluttests geprüft wurde.

Als nach mehr als sieben Jahren Beobachtungszeit hingegen die Daten ausgewertet wurden, stellten die Ergebnisse eine herbe Enttäuschung dar: In der Intensivgruppe waren 16,7 Prozent der Frauen an invasivem Brustkrebs erkrankt, in der Kontrollgruppe waren es mit 16,9 Prozent praktisch genauso viele. Auch die Sterbezahlen unterschieden sich mit 10,1 zu 10,3 Prozent nicht signifikant. Die ernüchternde Schlussfolgerung der Autoren lautet: »Die Umstellung auf eine Ernährung mit einem hohen Anteil von Gemüse, Obst und Ballaststoffen sowie einem geringen Anteil von Fett beeinflusste weder das Auftreten von Brustkrebs noch das Sterberisiko günstig.«

Eine mögliche Erklärung für dieses Ergebnis lieferte eine schwedische Studie des Karolinska-Institutes, mit einer beeindruckend langen Beobachtungszeit von mehr als 17 Jahren. Auch hier wurde das Ernährungsverhalten der Frauen penibel dokumentiert, ohne jedoch von außen mit Ratschlägen einzugreifen. Es zeigte sich, dass diejenigen Frauen mit dem höchsten Konsum an Kohlenhydraten ein um 81 Prozent höheres Brustkrebs-Risiko besaßen.

Um den höheren Zuckergehalt im Blut abzubauen, zeigten diese Frauen auch einen konstant höheren Insulinspiegel. Die Forscher wiesen darauf hin, dass Insulin – neben seiner Funktion in der Blutzuckerverwertung – auch ein potenter Wachstumsfaktor für bestimmte Tumoren ist. Je mehr wir über die Ernährung Insulin freisetzen, desto höher ist das Brustkrebsrisiko – und zwar speziell für die besonders problematischen hormonell geförderten Brustkrebsarten. Die Empfehlung einer fettarmen Diät – die zwangsläufig einen erhöhten Konsum von Kohlenhydraten nach sich zieht – fördert also indirekt das Entstehen von Krebs. Bis zu den Ernährungsgesellschaften hat sich diese Tatsache bisher noch nicht herumgesprochen.

Ebenso erstaunlich realitätsfremd sind die landläufigen Empfehlungen für das Idealgewicht, die im ärztlichen Abschlussgespräch der Vorsorgeuntersuchung oder beim »Gesundheits-Check« in Apotheken als solches vermittelt werden. Dort gibt es Rechner, die über die Eingabe von Körpergröße und Gewicht im Nu den sogenannten Body-Mass-Index (BMI) auswerfen. Bei einem Ergebnis zwischen 18,5 und 24,9 erhält man das Jubelresultat: »Hervorragend! Ihr Gewicht liegt im gesunden Bereich.« Sobald der BMI steigt, wird man zum Arzt geschickt, um dort Risikofaktoren für Diabetes oder Herzkrankheiten testen zu lassen. Ab einem BMI von 30 lautet die herbe Diagnose »Fettsucht« (Adipositas), welche ein »erhebliches Risiko für Ihre Gesundheit darstellt«.

Was für junge Menschen tatsächlich stimmt, dreht sich ab der zweiten Lebenshälfte aber in sein Gegenteil um, wie viele Studien belegen, beispielsweise eine im Juni 2009 im Fachjournal Obesity publizierte Arbeit5 der Gesundheitsbehörden von Ottawa/Kanada. Über eine 12-jährige Beobachtungszeit hinweg wiesen in der mehr als 11 000 Teilnehmer umfassenden Studiengruppe die Untergewichtigen das mit Abstand höchste Sterberisiko auf. Es lag um 73 Prozent über jenem der Normalgewichtigen und war damit doppelt so hoch wie jenes der extrem Dicken mit einem BMI über 35! Deutlich besser als die Normalgewichtigen schnitten die Übergewichtigen (BMI von 25 bis 30) ab: Sie hatten ein um 17 Prozent niedrigeres Sterberisiko. Und sogar jene, die laut dem Gewichtsorakel an gefährlicher »Fettsucht« leiden, lagen knapp, aber statistisch signifikant unter dem Risiko der Normalen. Gewichtsempfehlungen ohne Berücksichtung des Alters sind demnach sogar gefährlich.

Der Vorsorgegedanken manifestiert sich in einer seiner häufigsten Ausprägungen im Vorsatz, das Immunsystem und damit die Abwehrkräfte zu stärken. Dafür werden in den Apotheken und Drogeriemärkten zahllose Produkte angeboten, die sich entweder auf die Kraft von Vitaminen, von Spurenelementen oder von Heilpflanzen berufen. Beweise für deren Nutzen sind jedoch rar. Eine ganze Reihe methodisch hochwertiger Studien zerbröselte in den letzten Jahren den guten Ruf der Vitaminzusätze. Die vorbeugende Einnahme der Vitamine C oder E bietet keinerlei Schutz vor Herzkrankheiten. Im Gegenteil: Vitamin E erhöht sogar die Gefahr von Hirnblutungen und Herzschwäche. Ähnlich schlechte Resultate lieferten Studien, in denen die Eignung von Vitamin A oder E zur Vorsorge von Krebs getestet wurde. Vitamin C und das Spurenelement Selen sind zwar ebenfalls nutzlos, erhöhen aber – im Gegensatz zu den vorgenannten Vitaminen – immerhin nicht das Sterberisiko. Ein ähnlich bescheidenes Ergebnis liefern Vitamin-C-Präparate, die zur Abwehr von Erkältungen eingenommen werden. Eine von der Cochrane Collaboration durchgeführte Metaanalyse von 30 Studien ergab nur in einer Untergruppe von Leistungssportlern einen messbaren Effekt. »In der Normalbevölkerung gibt es für die Erkältungs-Prophylaxe hingegen keine rationalen Argumente.«

Vergleichsweise riesig ist hingegen der präventive Effekt eines erfolgreichen Nikotinentzuges. »Mit dem Rauchen aufzuhören ist wohl wirksamer als alle anderen Vorsorgemaßnahmen zusammen«, sagt dazu Klaus Koch vom Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).

Macht es demnach überhaupt Sinn, der Allgemeinheit eine aus dem statistischen Durchschnitt abgeleitete Vorbeugebotschaft mitzugeben? Der Kölner Psychiater und Theologe Manfred Lütz bestreitet dies vehement. »Dazu ist der Mensch viel zu individuell, und es liegt zu vieles in den Genen verborgen, was wir gar nicht beurteilen können.« Man könne die Leute eine gewisse Zeit lang zwingen, doch danach kehrten jene, die sich nicht zu Sklaven des Gesundheitswahns machen lassen, aber stets wieder zu ihrem lieb gewonnenen Lebensstil zurück. »Denn die Freiheit unserer Gesellschaft beinhaltet immer auch die Freiheit zu einem ungesunden Lebensstil.«

Oder, wie es der tschechische Mediziner Petr Skrabanek, einer der intelligentesten Vordenker auf dem Gebiet der Präventionslehre, satirisch formulierte: »Ich rauche nicht, ich trinke nicht. Ich geh abends nie lange aus. Ich schlafe nicht mit Frauen. Ich ernähre mich gesund und betreibe regelmäßig Sport. Aber all das wird sich gewaltig ändern, wenn ich endlich aus dem Gefängnis rauskomme.«

2) Krankheit als »Reich des Bösen«

Niemand ist sicher. Der Angriff kann in jedem Moment und überall erfolgen: auf dem Parkplatz des Shopping-Centers, auf dem Golfplatz, beim Dösen im Liegestuhl. Die Gefahr nähert sich mit dem typischen penetranten Summen. Was könnte schlimmer sein als ein tödliches Virus, das von Stechmücken übertragen wird?

Wir schreiben das Jahr 2001, und es beginnt so, wie sich auch in Hollywoodfilmen stets die Katastrophen ankündigen: mit toten Vögeln. Im Central Park – mitten in New York – liegen tote Vögel im Gras. Eine Ärztin, die einige Jahre in den Tropen gearbeitet hat, äußert den Verdacht, es könne sich um das West-Nil-Virus handeln, das – wie der Name schon sagt – aus einer Region stammt, die weit entfernt von Amerika liegt. Militärärzte sammeln die Vögel ein und analysieren die Todesursache. Tatsächlich: Das West-Nil-Virus ist dabei, die USA zu erobern.

Seit dem Frühsommer 2001 war das neue Virus Dauerthema in den Nachrichten. Nach den Vögeln erwischte es die Pferde, und schließlich erkrankten auch die Menschen: Insgesamt wurden in diesem Jahr 66 Infektionen mit dem West-Nil-Virus gezählt, darunter zehn Todesfälle. Und die USA erbebten in einer gemeinsamen Welle der Angst.

Nach den Terrorattacken auf das World Trade Center im September war die Nervosität ohnehin allgegenwärtig. Noch dazu tauchten kurz darauf mit Anthrax-Sporen verseuchte Briefe auf, an denen insgesamt fünf Personen starben. Die USA glaubten sich inmitten eines Bioterror-Krieges, der von einer bösen Macht heimlich begonnen worden war. Und so standen in der Folge auch die Viren mit dem exotischen Namen unter Generalverdacht.

Ich war kurz nach den Anschlägen mit einem Kamerateam in den USA. Wir drehten einen Dokumentarfilm zum Thema Bioterror und erlebten ein Land in höchster Alarmbereitschaft. Speziell in Washington war das Militär allgegenwärtig. Hubschrauber kreisten am Himmel, ständig waren Polizeisirenen zu hören.

Einer unserer Interviewpartner war Randy Larsen, nationaler Sicherheitsberater von Präsident George W. Bush und Direktor des »Institute for Homeland Security«. Menschen wie dieser ehemalige Colonel der US-Airforce, der 400 Kampfeinsätze in Vietnam geflogen war, bestimmten nun die Politik der USA. Und mit einem professionellen, über 32 Jahre beim Militär geschulten Misstrauen widmete er sich nun den Gefahren des Biokrieges. Das West-Nil-Virus bereite ihm großes Kopfzerbrechen, sagte er. »Die Frage ist jetzt, ob das auf natürliche Weise eingeschleppt wurde, oder ob es die Irakis hier ausgesetzt haben.« Nichts stehe mit Sicherheit fest, außer dies: »Das wird ein langer Krieg werden – und er wird von den Terroristen mit Biowaffen geführt.«

Den Angriff der Viren beantworteten die Behörden mit Chemiebomben: Um den Moskitos den Garaus zu machen, wurde der Raum New York großflächig mit Pestiziden besprüht; von Flugzeugen aus, aber auch von speziellen Wagen, die mit Giftpumpen durch die Parks und Auen fuhren. Genützt hat es wenig. Im Jahr 2002 vervielfachte sich die Zahl der West-Nil-Opfer und sprang von 10 auf 284. Ein weiteres Jahr blieben die Todesfälle auf diesem Niveau und fielen dann wieder deutlich ab, auf weniger als 30 im Jahr 2009. Doch nun wurde bereits eine neue Virensau durchs Weltdorf getrieben: die Schweinegrippe.

Was machen die West-Nil-Viren seither? Bekommt Ihnen das Klima in den USA nicht mehr? Oder haben sich schlicht das öffentliche Interesse und damit auch der Fokus der Virenjäger anderem zugewandt? Mit der Folge, dass einfach weniger auf diese Viren getestet wird?

Vieles deutet genau darauf hin, zumal die West-Nil-Viren außerhalb der USA bisher noch nie für Aufregung sorgten. Seit Langem ist ihre weltweite Verbreitung bekannt, und sie sind in Südeuropa ebenso gegenwärtig wie in Afrika, den arabischen Ländern, in Indien und sogar in Australien. Mehr als 80 Prozent aller Infektionen verlaufen vollständig ohne Beschwerden, bei den restlichen treten grippale Symptome auf, die – wie die meisten Vireninfektionen – speziell bei älteren Menschen auch ernsthafte Folgen haben können.

Nichts ist einfacher, als in der Medizin den Teufel an die Wand zu malen. Sobald der Fokus erst einmal auf eine vermeintliche Gefahr gerichtet ist, erscheint diese als allgegenwärtig. Speziell bei den Viren funktioniert diese Methode hervorragend, weil ja ohne diese allgemeine Hysterie niemand nach ihnen suchen würde. Menschen sterben zu allen Zeiten, und Viren – egal welcher Art – sind dort vermehrt zu finden, wo die Abwehrkräfte bereits geschwächt sind. Ist ein allgegenwärtiges Virus aber zum Killervirus ausgerufen, finden sich sofort auch Todesopfer. Wenn ein Paranoider von der fixen Idee besessen ist, er werde von hinkenden alten Frauen verfolgt, so wird er mehrmals täglich hinkende alte Frauen sehen – oder dies zumindest vermuten. Dass von Seiten der Gesundheitsbehörden dieses Phänomen einmal als Anlass zur Selbstkritik genommen würde, habe ich – speziell von US-amerikanischer Seite – allerdings noch nie bemerkt. Und so wird damit fortgefahren, das unsichtbare Reich des Bösen nach Terrorverdächtigen abzusuchen, auch wenn das Grundproblem auf der eigenen Seite liegt.

Mitte 2008 wurde von der US-Staatsanwaltschaft die Akte Anthrax endgültig geschlossen. Keine ausländischen Bio-Terroristen hatten hinter den mit Milzbrandbakterien verseuchten Briefen gesteckt, sondern Bruce Ivins, ein zum Zeitpunkt der Anschläge 55 Jahre alter, frustrierter Wissenschaftler der US-Army, hatte sich im eigenen Waffenarsenal bedient. Eine Analyse der Anthraxproben ergab, dass diese aus den selbst gezüchteten Stämmen des Labors für Biokampfstoffe in Fort Detrick, Maryland, stammten. Der als strenggläubiger Katholik bekannte Ivins hatte die Briefe speziell an Politiker geschickt, die sich für eine Liberalisierung der Abtreibung ausgesprochen hatten. Zudem war er verärgert, dass eine von ihm entwickelte Impfung gegen Milzbrand wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt genommen worden war. Als er immer stärker ins Visier des FBI geriet, verübte er im Juli 2008 Selbstmord. Da die Iraker keine Biowaffenfabriken besaßen, sich keine Pockenviren am Schwarzmarkt besorgt hatten und auch keine Anthraxbakterien einsetzten, hatte sich ein weiterer Grund für den Irakkrieg als hinfällig erwiesen.

Es ist bemerkenswert, dass nahezu alle Kollektivhysterien der jüngeren Vergangenheit, die sich an der Furcht vor infektiöser Welteroberung entzünden, ihren Ursprung in den USA haben. Obwohl die Amerikaner weltweit den Takt in der Medizin vorgeben, sind sie noch tief in einer Sichtweise verfangen, in der Krankheit als ebenso reales Reich des Bösen gilt wie die sogenannten »Schurkenstaaten«. Und wie beim »Krieg gegen den Terror« wird auch bei einer vermeintlichen Bedrohung aus dem Reich der Viren und Bakterien nicht lange gefackelt.

Nach diesem Muster werden von hier aus die Strategien gegen die neuen Weltseuchen organisiert. Beim West-Nil-Virus gelang es noch nicht, die eigene Paranoia weltweit zu exportieren, doch bei SARS, der Vogelgrippe und zuletzt bei der Schweinegrippe lief bereits alles nach US-amerikanischen Regeln.

Und auch Colonel Randy Larsen ist nach wie vor als Nationaler Sicherheitsberater aktiv und jederzeit mit seinen Prognosen zur Stelle. Auf die Frage, welche Auswirkungen die Schweinegrippe-Pandemie für die USA haben wird, antwortete er im Mai 2009: »Denken Sie an einen gewaltigen Blizzard, der New York lahmlegt. Die Menschen sind vollständig eingeschneit, für zwei bis drei Tage bricht jeglicher Verkehr zusammen, das öffentliche Leben kommt zum Stillstand.« Larsen machte eine effektvolle Pause, um das Bild von der Katastrophe wirken zu lassen, und setzte dann fort: »Und jetzt stellen Sie sich vor, wie es sich fühlen würde, 18 Monate lang eingeschneit zu sein – dann wissen Sie, was uns bei der Pandemie erwartet.«6

Die Strategie der Angstmache

Es ist in der Tat verblüffend, wie leicht sich eine Gesellschaft durch die bloße Androhung von Krankheit einschüchtern lässt. Es genügt, ein paar spektakuläre Einzelfälle in den Medien groß herauszubringen, und wir denken sofort, die Gefahr lauere an der nächsten Ecke. Auch wenn es in Wahrheit wesentlich wahrscheinlicher ist, von einem Blitz oder einem Dachziegel erschlagen zu werden, als ernsthaft an einer dieser neuen Seuchen zu erkranken, wenn man ansonsten bei guter Gesundheit ist. Krankheit wird in unserem Denken immer mehr zu etwas, das von außen kommt, aus einem nicht näher definierten »Reich des Bösen«. Zu etwas, das uns hilflos überfällt und dem wir kaum etwas entgegensetzen können. Außer natürlich die Hilfsmittel der Medizin und der pharmazeutischen Industrie. Hier bereits beginnt das Marketing und muss, wenn es dann tatsächlich eine neue Krankheit mit neuen Arzneimitteln zu bewerben gilt, nur noch in der Intensität ein wenig hochgefahren werden.

Dieses Hochspielen der unsichtbaren allgegenwärtigen Gefahr funktioniert nach denselben Methoden, zu denen auch vor dem Golfkrieg gegriffen wurde: Fehlinformation, Stimmungsmache in den Medien, gepaart mit einer völligen Übertreibung der feindlichen Bedrohung. Die Propagandaschlacht mündete schließlich in einem präzise und kalt geplanten Feldzug. Und so wie es bei der Irakinvasion möglicherweise von Anfang an in erster Linie um die dortigen Ölfelder gegangen ist, geht es bei den modernen Pandemien auch in erster Linie um eine Konjunkturspritze für die notleidende Pharmaindustrie. Kollateralschäden sind hier wie dort nicht vermeidbar. Im Irak traf es die Zivilisten, die bei den Luftangriffen tausendfach Opfer des »friendly fire« ihrer Befreier wurden und bis heute bei jedem Marktbesuch fürchten müssen, dass sich neben ihnen jemand in die Luft sprengt. Und beim pharmazeutischen Großangriff auf die Viren sind es die bleibenden Nebenwirkungen der Medikamente und mangelhaft getesteten Impfstoffe, welche die tatsächliche Gefährlichkeit der Grippeviren wohl bei Weitem übertreffen.

Diese Tendenz hat sich in der Medizin mittlerweile selbst zu einer Art Seuche ausgeweitet, welche mittels des ständigen Heraufbeschwörens von Risiken ein immer höheres Bedürfnis nach Sicherheit erweckt – gleichzeitig aber überhaupt nicht in der Lage ist, dieses auch zu stillen. Gelassenheit und Selbstvertrauen haben im Umgang mit Krankheiten, und besonders im Umgang mit Gesundheit, großteils ausgedient. Das gilt für alle Bereiche der Medizin: Beispielsweise für die Schwangerschaft, die heute längst von einer Zeit der »guten Hoffnung« zu einer Zeit des bangen Abwartens geworden ist. Ebenso für die Früherkennung, die umso mehr entdeckt, je genauer hingesehen wird. Und wo jede Abweichung von der Normalität als Gefahrensignal für eine schlimme Entwicklung zu Krebs und frühem Tod interpretiert wird.

Die USA sind momentan nicht nur die einzige Weltmacht, sie besitzen auch in der Medizin eine globale Vormachtstellung. Die Vereinigten Staaten dominieren die WHO, beherbergen die größten Pharmakonzerne und sind in der Forschung meilenweit voran. Hier wurden ganze Krankheitsbilder neu erfunden und medizinische Strategien in rund um die Uhr besetzten »War Rooms« festgelegt. Das Gefährliche an dieser Auffassung von Medizin ist ihr Schwarz-Weiß-Denken, gespickt mit einer paranoiden Risikoabschätzung. Das »Reich des Bösen« existiert in dieser Sichtweise nicht nur im Iran oder in Nordkorea, sondern auch im Reich der Zellen, die jederzeit entarten oder dem finsteren Einfluss von Viren und Bakterien unterliegen können. Deshalb gilt der Präventivschlag als Mittel der Wahl. Doch genauso wie im realen Krieg in Afghanistan oder Irak ist auch in den medizinischen Feldzügen der angerichtete Schaden meist deutlich größer als der Gewinn.

TIPPS ZUR SELBSTVERTEIDIGUNG:

Die schlimmsten Feinde der pharmazeutischen Industrie sind die Selbstheilungskräfte. Deshalb versuchen ihre PR-Büros und Marketingagenten auf vielfältige Weise das Vertrauen in diese Mechanismen, die jedem Laien gratis zur Verfügung stehen, zu untergraben. Erst wenn jedem klargemacht wurde, dass ein funktionierendes Immunsystem so chancenlos ist wie ein Amateurkicker, der Cristiano Ronaldo den Ball abnehmen möchte, und erst, wenn tief verinnerlicht ist, dass wirkliche professionelle Hilfe nur von außen kommen kann – nämlich aus den Hightech-Labors der modernen Wissenschaft –, dann lässt sich gutes Geld verdienen.

Was wir dagegen tun können?

Uns gegenseitig Mut machen, beruhigen, Erfahrungen austauschen und vor allem: herzhaft lachen. Lachen wir sie doch einfach aus, diese Schmierenkomödianten, wenn sie wieder einmal angestrengt versuchen, aus dem Nichts eine Hysterie aufzublasen!

3) Kunstfehler, Fehldiagnosen:
Krank durch Medizin

Allzu oft ist die Medizin erst hinterher klüger: nämlich bei der Obduktion. Bei rund einem Drittel aller verstorbenen Klinikpatienten werden die Leiden nach Einschätzung der Bundesärztekammer falsch diagnostiziert, und in rund 15 Prozent der Fälle hat die Fehldiagnose den Tod des Patienten zumindest mit verursacht. Ebenso dramatisch ist die Zahl der Behandlungsfehler: Unter 17 Millionen Eingriffen, die jährlich in Deutschlands Kliniken durchgeführt werden, passieren rund eine halbe Million mehr oder weniger grobe Schnitzer. Nur die wenigsten davon fallen im System überhaupt auf – oft bleibt nur ein vager Verdacht, der nicht bewiesen werden kann. Handelt es sich um einen Kunstfehler, oder war gar die ganze Diagnose falsch?

Gerade in der Hochrisikobranche Medizin passieren immer wieder Kunstfehler. Eine Kultur des Vertuschens und Verdrängens verhindert bisher allerdings, dass das System aus den Fehlern lernt. Doch hinter jedem Fehler steht das Schicksal eines Patienten und seiner Familie.

Zwei einfache Operationen

Die vierjährige Vanessa litt häufig an Mittelohrentzündungen und sollte deshalb an den Mandeln operiert werden. Alle Blutbefunde lagen im normalen Bereich, eine Allergie war nicht bekannt. Die ärztliche Untersuchung vor der Operation ergab, dass Vanessa ein rundum gesundes Kind war.

Da für die Mandelentfernung eine Vollnarkose vorgesehen war, prüfte der Anästhesist das Narkosegerät. Es handelte sich um eine rund 20 Jahre alte »Sulla 808 V«. Die Geräteprobe verlief unauffällig, also wurde die Narkose eingeleitet. Vanessa schlief rasch ein. Da bemerkte die Kinderärztin, dass die am Zeh gemessene Sauerstoffversorgung binnen kurzer Zeit von 100 auf 85 Prozent abgefallen war. Sie und der Anästhesist standen vor einem Rätsel und riefen einen weiteren Arzt zu Hilfe. Der tauschte den Tubus durch einen größeren aus – es war noch immer keine Beatmung möglich. Zwei weitere Ärzte kamen hinzu. Nun begann auch die Herzfrequenz bedrohlich abzusinken. Ein Mediziner vermutete eine Beeinträchtigung der Atemwege durch einen Fremdkörper, doch er fand nichts. Adrenalin und andere Medikamente wurden intravenös verabreicht. Mittlerweile war die Sauerstoffsättigung auf lebensgefährliche 20 Prozent gefallen, der Puls lag nur noch bei 40 Schlägen. Der Stress war enorm. Die Ärzte riefen durcheinander, einer begann mit Herzdruckmassage zur Wiederbelebung des Kindes. Noch zwei weitere Kollegen kamen hinzu. Laut Narkoseprotokoll waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits 40 Minuten vergangen. Nun erst kam einer der Mediziner auf die Idee, für die Beatmung nicht das Narkosegerät, sondern einen simplen manuellen Beatmungsbeutel zu verwenden. Damit gelang im Nu eine ausreichende Luftversorgung, die Herzfrequenz stieg auf normale Werte an. Während der manuellen Beatmung wurde ein anderes Beatmungsgerät geholt und angeschlossen: Tatsächlich, nun ließ sich problemlos beatmen. Das Narkosegerät war also defekt gewesen. »Es hat also 40 Minuten und ein halbes Dutzend Ärzte gebraucht, um die simpelste aller Lösungen gegen Sauerstoffmangel zu finden«, heißt es in der Stellungnahme der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen, »manuelle Beatmung.«

Die Ärzte warteten verzweifelt, dass Vanessa aus der Narkose erwachen und der Albtraum glimpflich vorübergehen würde. Doch es war bereits viel zu spät: Das Kind hatte durch den Sauerstoffmangel starke Hirnschäden erlitten, auf der Intensivstation traten Krämpfe auf, der Zustand verschlechterte sich. Monatelang befand sich das bis vor Kurzem noch völlig gesunde Mädchen im Koma, bis es schließlich an einer Lungenentzündung starb. Beim Narkoseapparat Sulla war in der Zwischenzeit ein Ventildefekt festgestellt worden.

Das von der Schlichtungsstelle in Auftrag gegebene Gutachten listet in aller Ausführlichkeit auf, was hier in den endlosen Schrecksekunden des Unglückstages alles schiefgegangen war: vom falsch durchgeführten Gerätetest bis hin zur Unfähigkeit der versammelten Ärzte, den einfachsten Gedanken zu denken: dass auch die Technik in einem Hightech-Operationssaal einmal versagen kann.

Meist liegt die Faktenlage aber bei Weitem nicht so eindeutig, wie das Beispiel des Konstanzer Familienvaters Uwe F. zeigt. Der Enddreißiger arbeitete als Klimatechniker, im steten Wechsel zwischen Gefrierkammer und heißem Geräteraum. Immer häufiger litt er an Rückenproblemen und Hexenschuss-Attacken, bis ein Orthopäde ihn auf die Idee brachte, einen Eingriff an den Bandscheiben durchführen zu lassen. »Er bezeichnete sich selbst als sehr erfahren, riet mir euphorisch zum Eingriff und schilderte die Risiken der Operation als minimal.« Uwe F. ließ sich überreden – und das Ergebnis war katastrophal. Anstelle eines Schnittes von 3 bis 5 Zentimeter, wie der Orthopäde gesagt hatte, maß seine Operationsnarbe ...

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