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Gesucht: Amber, 17

PROLOG

„Du bist es nicht …“

Ich spüre den kalten Lauf der Waffe an meiner Schläfe und weiß, dass er nun, nachdem er mich in alles eingeweiht hat, den Abzug durchziehen wird. Er wird es tun, das steht ganz außer Frage. Blut tropft mir von der Unterlippe und vergrößert den kleinen kirschroten See vor mir. Ich richte meinen Blick auf Tara.

Fast glaube ich, mein Spiegelbild in ihren aufgerissenen Augen zu sehen. Sie redet auf ihn ein. Versucht, ihn zu überzeugen, die Waffe wieder sinken zu lassen. Sie hat das Spiel nicht verstanden. Wie sollte sie auch.

„David“, sagt der Wächter flüsternd. „Es tut mir leid.“

Und so seltsam es sich anhören mag, ich glaube ihm. Wenn das nicht der größte Witz von allen ist …

In der Sekunde, in der sich sein Zeigefinger krümmt und Zeit keine Rolle mehr spielt, kehre ich zurück an den Ort, an dem alles begann. Dorthin, wo mein altes Leben endete.

1. KAPITEL

„Ich hasse diese Stadt“, sagte Amber MacLachlan, meine Schwester, und gab sich redlich Mühe, dass sie es dabei nicht an der nötigen Verachtung fehlen ließ. „Kingston, das ist doch nur ein anderes Wort für Einöde. Am liebsten würde ich …“

„Am liebsten würdest du morgen Nachmittag im Lokal aushelfen“, unterbrach mein Dad sie.

„Morgen ist Freitag.“

„Ich weiß.“

„Dad!“

„Morgen veranstaltet Sam, ihr Schwarm, eine kleine Party“, sagte ich grinsend und nahm mir noch etwas vom Gulasch.

„David!“

„Da darf sie natürlich nicht fehlen. Außerdem hat sie Sam versprochen, ihm bei den Vorbereitungen zu helfen.“

„Du bist so was von tot“, fauchte sie und schob ihren Teller zur Seite. „Ich meine es ernst.“

„Sam …“, überlegte unser Dad laut. „Doch nicht etwa der Sam, der vorigen Monat deinen alten Rekord gebrochen hat.“

„Genau der“, sagte meine Schwester schnell. „Dad, das hättest du sehen müssen. Sam hat die gegnerische Mannschaft gnadenlos ausgespielt. Tja, und jetzt steht eben sein Name ganz oben auf dieser Bestenliste.“ Sie sah mich triumphierend an.

„Basketball ist ohnehin überschätzt“, sagte ich schulterzuckend. „Außerdem gehe ich seit drei Jahren nicht mehr auf diese Schule.“

„Das erzählt er jetzt, aber in Wirklichkeit regt er sich furchtbar darüber auf. Er hat es sogar abgelehnt, von unserer Schülerzeitung interviewt zu werden.“

„Du solltest interviewt werden?“, hakte mein Dad nach.

Bevor ich darauf antworten konnte, preschte Amber erneut vor. „Er hat dieser Tara buchstäblich die Tür vor der Nase zugeknallt.“

„Tara?“

„Eine sehr hartnäckige Person“, entfuhr es mir, lauter als gewollt.

„Die Tochter von den Nixons.“ Das Lokal meines Dads war so beliebt, dass manchmal ein Name genügte, damit er den kompletten familiären Hintergrund einer Person parat hatte. „Die ganze Familie scheint eine Affinität zum geschriebenen Wort zu haben. Ihre Mutter arbeitet in der Bibliothek. Wenn Tara nur halb so nett ist wie sie, dann solltest du dich etwas schämen, David.“

„Sehe ich genauso“, sagte Amber süffisant. „Die arme Tara soll sogar geweint haben.“

„Jetzt übertreibt sie, Dad. Ich war im Stress, deswegen habe ich ihr kein Interview gegeben.“

„Der nervtötenden Journalistin, wolltest du sagen.“ Amber war ganz in ihrem Element. „Schon mal was von Pressefreiheit gehört?“

Eigentlich wäre es an der Zeit gewesen, zum Gegenangriff überzugehen, aber warum noch mehr Öl ins Feuer gießen? Außerdem gehörte Sam Winters nicht zu der Sorte Jungs, die nur auf das eine aus waren. Sollte sich zwischen ihm und meiner Schwester tatsächlich etwas entwickeln, würde sie sich in guten Händen befinden.

„Dad, lass sie um Himmels willen auf diese Party gehen. Ich befürchte ansonsten das Schlimmste für deinen Laden.“ Ich beugte mich vor. „Seien wir ehrlich, deine Tochter hat in den letzten zwei Wochen mehr Teller und Gläser zu Bruch gehen lassen als alle Kellnerinnen dieses Staates in einem Jahr.“

Amber verschlug es die Sprache. Sie wollte bereits etwas erwidern, als ihr klar zu werden schien, dass ich dabei war, ihr den Weg zur Party zu ebnen. „Ich bin eben ein Tollpatsch“, sagte sie kleinlaut.

Mein Dad fasste sich an die Stirn und schüttelte dabei leicht den Kopf. „Ihr beide seid unglaublich.“

„Dann darf ich auf die Party gehen?“

Er sah sie offen an und nickte. „Bestell Sam schöne Grüße von mir.“

„Du bist der Beste!“

„Bedanke dich bei deinem Bruder, der morgen für zwei arbeiten darf.“

„Und viel weniger Arbeit haben wird, weil du wandelnde Katastrophe nicht da sein wirst“, fügte ich lachend hinzu und wollte mir bereits einen weiteren Nachschlag nehmen, als mein Handy sich meldete.

„Lass mich raten“, sagte Amber, während ich die Textnachricht las. „Claire, Megan …“

Mit jedem Namen wurde das Stirnrunzeln meines Vaters tiefer.

„Susan, Felicitas …“

„Veronica“, sagte ich, um sie endlich zum Schweigen zu bringen.

„Ich dachte, ihr habt euch getrennt?“

„Das dachte ich eigentlich auch.“

„Was schreibt sie denn?“

„Sei nicht so neugierig“, schaltete mein Dad sich ein. Dann sah er mich an. „Ist alles in Ordnung?“

„Ich denke schon.“ In Wirklichkeit war ich mir dessen nicht sicher. Veronica bat um ein Treffen. Nun ja … als Bitten konnte man es eigentlich nicht bezeichnen.

„Wenn du noch mal los musst, David, dann …“

„Danke.“ Ich stand auf.

„Nicht dass du mit der Hexe wieder zusammenkommst“, rief Amber mir nach. „Lass dich auf nichts ein.“

Wenn es nur so einfach wäre, dachte ich bei mir und hoffte inständig, die Angelegenheit im Verlauf der nächsten Stunde ein für alle Mal aus der Welt schaffen zu können.

„Lässt du dich auch mal wieder blicken?“ Hank Stone war der Türsteher des Black Diamonds. Er war nicht viel größer als ich, aber aufgrund des intensiven Muskelaufbautrainings, das er seit Jahren betrieb, ungefähr doppelt so breit.

„Das College hält mich auf Trab“, sagte ich und drückte seine Hand.

„Wohl nicht nur das College, wie man so hört.“ Er grinste breit. „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, veränderst du nicht den Teufel, der Teufel verändert dich.“

„Ganz großes Kino, Hank. Ist Veronica schon da?“

„Klar ist sie da. Hat dich wohl wieder an der Angel.“

„Das würde sie gern glauben.“

Hank schien kurz über das Gesagte nachzudenken, dann zog er die schwere Metalltür auf. „Der neue DJ ist sein Geld wirklich wert“, sagte er, als die zuvor nur gedämpft wahrzunehmende Musik in die Nacht hinausschallte. „Genieß die Show, und nimm dich vor Raubkatzen in Acht.“

Die Luft, die mir entgegenschlug, war ein Gemisch aus Zigarettenrauch, Schweiß und Alkohol. Willkommen im Black Diamonds. Eine breite neongelbe Treppe führte in den Keller. Die Wände waren mit Schnappschüssen früherer Partys geschmückt. Hank hatte mir gegenüber einmal erwähnt, dass der Eigentümer selbst die Fotos aussuchte und geradezu versessen auf solche war, auf denen rothaarige Frauen abgelichtet waren. Niemand außer Hank kannte den Eigentümer des Black Diamonds persönlich. Und der muskulöse Türsteher war zu hundert Prozent loyal. Er respektierte den Wunsch seines gut zahlenden Arbeitgebers nach Privatsphäre und sprach nur sehr selten von ihm.

Der Laden war wieder einmal dermaßen überfüllt, dass man allein zum Erreichen des Tresens eine Engelsgeduld aufbringen musste. Anders als viele meiner Kommilitonen hatte ich diesem Klub noch nie etwas abgewinnen können. Ich liebte eine gute Party, ebenso gute Musik, aber auf dieses Dosensardinen-Feeling konnte ich bestens verzichten.

Nicht ganz der Ort, an dem man ein abschließendes Gespräch mit der Exfreundin führen wollte. Aber besser hier als morgen in einer Vorlesung oder, schlimmer noch, im Lokal meines Dads. Veronica war in solchen Dingen, vorsichtig ausgedrückt, kompromisslos.

Sie saß am Ende des riesigen nachtschwarzen Tresens und nippte an einem Cocktail, während ein Typ, den ich heute zum ersten Mal sah, offensichtlich mit ihr ins Gespräch zu kommen versuchte. Obwohl sie übertrieben gelangweilt tat und sogar mit den Augen rollte, ließ sich ihr Verehrer nicht entmutigen. Je mehr Zeit man investiert, desto schwieriger ist es aufzuhören, dachte ich bei mir und musste unwillkürlich lächeln, als mir klar wurde, dass ich nicht im Geringsten eifersüchtig war. Gott, ich hätte die beiden wild ineinander verschlungen auf dem Tresen vorfinden können, und es wäre mir egal gewesen. Im Herzen frei, dachte ich. Jetzt musst du nur noch dieses Biest davon überzeugen, dass es für euch keine gemeinsame Zukunft gibt.

„David!“ Sie nahm ihren Cocktail und ließ ihren Verehrer ohne ein Wort der Verabschiedung am Tresen zurück.

Da ich weder vor noch zurück konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich von ihr umarmen zu lassen. Der Duft ihres teuren Parfüms stieg mir in die Nase, als sie ihren Körper gegen meinen drückte. „Ich wusste, du würdest kommen.“ Sie fixierte mich mit ihren riesigen tiefblauen Augen. „Mir war klar, dass du deinen Fehler früher oder später einsehen würdest.“

„Fehler?“ Ich schob sie so sanft wie möglich von mir weg. Um gegen die Musik anzukommen, musste ich beinahe brüllen. „Ich bin nicht hierhergekommen, um wieder mit dir zusammenzukommen, sondern um dir ein für alle Mal klarzumachen, dass es zwischen uns beiden aus ist.“

„Du bist verwirrt.“

„Ich war niemals klarer im Kopf!“

„Klar im Kopf?“ Sie blieb äußerlich ruhig, ganz die talentierte Schauspielerin. Selbstverliebt und manipulativ. Es hatte lange gedauert, ehe ich bereit gewesen war, mir dies einzugestehen. Liebe ist ein tolles Gefühl, aber sie kann dich auch blind machen. Veronica trat erneut auf mich zu und flüsterte mir ins Ohr: „Kein Mann, der bei Verstand ist, würde diesen Körper nicht begehrenswert finden.“ Als ich ihre Hand in meinem Schritt spürte, packte ich sie grob an den Schultern und schob sie abermals zurück. „Du hast meinen E-Mail-Account hacken lassen! Was für eine Freundin tut so etwas, Veronica?“

„Eine besorgte.“ Sie stellte das Cocktailglas zurück auf den Tresen.

„Krankhaft eifersüchtig trifft es wohl besser.“

„Du wurdest mit Megan gesehen.“

„Ich bin jetzt ein freier Mann, ich darf mich treffen mit wem ich will, wann ich will und wo ich will.“

Sie kniff die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Wie lange geht das schon so, mit euch beiden?“

„Ich bin dir nie fremdgegangen, falls du das andeuten möchtest. Nie. Großer Gott, ich durfte, als wir beide zusammen waren, ja nicht mal mit anderen Frauen sprechen – wie wäre es mir dann möglich gewesen, eine Affäre zu haben?“

„Und das soll ich dir glauben?“

„Verdammt, ja! Und warum rechtfertige ich mich überhaupt vor dir? Es ist aus. Verstehst du? Aus. Endgültig.“

Veronicas Gesichtszüge verhärteten sich. „Du … wirst es bereuen“, sagte sie nach Sekunden des Schweigens, dann senkte sie kurz den Blick. Als sie mich wieder ansah, standen Tränen in ihren Augen. „Das verspreche ich dir …“

Oh, bitte nicht. „Lass die Show. Wir wissen beide, dass diese Tränen nicht echt sind.“

„Wir beide schon …“

Ich brauchte zu lange, viel zu lange, um den Wink zu verstehen. Plötzlich bekam ich einen Stoß in die Seite und wäre wahrscheinlich gestürzt, wenn die Körper der wild tanzenden Gäste mich nicht gebremst hätten. Mehrere Augenpaare funkelten mich wütend an. Ich haspelte eine Entschuldigung und wandte mich nach dem Angreifer um. Keine große Überraschung, dachte ich, als ich sah, wer für meine schmerzende Rippe verantwortlich war.

„Ich mache dich fertig“, stieß Veronicas Verehrer lallend aus. Er stellte sich schützend vor das hinter seinem Rücken kalt lächelnde Biest und ballte die Fäuste. „So gehst du nicht mit ihr um.“ So wie er dastand, leicht nach vorne gebeugt, die Zähne gefletscht, erinnerte er an eine Bulldogge.

„Du darfst sie gerne haben“, sagte ich und bemerkte erst jetzt den Ring aus gaffenden Zuschauern, der sich um uns gebildet hatte. Trotz der lauten Musik waren deutlich die Anfeuerungsrufe zu vernehmen. Die alkoholisierte Meute forderte einen Kampf, und mein Gegenüber schien dem ganz und gar nicht abgeneigt. Er war kräftig. Nicht so kräftig wie Hank, aber kräftig genug, um diesen ohnehin schon miesen Abend endgültig in einen Albtraum zu verwandeln.

„Ich will keinen Ärger, okay?“, sagte ich und streckte beide Arme aus. Ich kam mir vor wie ein Dompteur. „Ich werde jetzt gehen und wünsche dir und deiner neuen Freundin noch eine schöne Zeit. Nein, wirklich. Ihr passt zueinander.“ Wie Hund und Herrchen, aber das musste nicht unbedingt laut gesagt werden. Mittlerweile hatte sogar die Musik aufgehört zu spielen. Offensichtlich fand der DJ eine Schlägerei interessanter als sein Mischpult. Die Stimmung im Black Diamonds schlug nun vollends um. Ohne die Musik schien den Leuten klar zu werden, dass dieser angesagte Laden nicht mehr als ein nach Alkohol und Zigarettenrauch stinkendes Kellergewölbe war.

Die Sache hätte glimpflich ausgehen können, aber Veronica wäre nicht Veronica, wenn sie die Situation nicht zu ihrem Vorteil genutzt hätte. Keine Ahnung, welche Worte sie ihrem blonden Verehrer, der Bulldogge, zuflüsterte, aber sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein debiles Grinsen später streifte seine Rechte meine Wange. Er war angetrunken, das war mein Vorteil. Ich tauchte unter seinem ausgestreckten Arm weg und boxte ihn in den Magen. Einmal, zweimal. Bulldogge war durchtrainiert, seine Bauchmuskeln steinhart. Die Menge schrie vor Vergnügen, als er mich an den Haaren hochriss und mir einen Hieb versetzte. Ich sah keine Sterne, aber es tat verdammt weh. Richtig weh. Und ich schmeckte Blut.

„Mach ihn fertig!“, hörte ich Veronica begeistert kreischen. „Zeig es ihm!“

Ich riss mich los und büßte dabei ein Haarbüschel ein, was in jenem Moment aber mein kleinstes Problem war. Angestachelt durch das blonde Biest schien die Bulldogge alles daranzusetzen, mich auf die Bretter zu schicken. Einer der Schläge traf mich an der Schulter, ein anderer unterhalb des linken Brustbeins. Nicht mehr lange, dachte ich, und er landet einen Glückstreffer. Entweder du beendest diese schlechte Fight-Club-Parodie innerhalb der nächsten zehn Sekunden, oder du wirst Hank Stone darum bitten müssen, dir bei der Suche nach deinen ausgeschlagenen Zähnen behilflich zu sein. Ich wartete die nächste Attacke ab, wieder eine Rechte, wich aus, packte seinen Arm und trat dann seine Beine weg. Als er mit dem Gesicht voran auf dem Boden aufschlug, schauten einige der Frauen erschrocken weg. Das hatte eindeutig nach Nasenbeinfraktur geklungen.

„Aus und vorbei“, stieß ich mit rasselndem Atem aus und begegnete dabei Veronicas enttäuschtem Blick. Ihr gefallener Verehrer rollte sich stöhnend auf die Seite. „Dumm gelaufen“, sagte ich und wandte mich Richtung Ausgang. Die Gaffer machten mir Platz, einige klopften mir auf die Schulter.

„David?“

Ich ignorierte den Ruf, wollte nur noch so schnell wie möglich in mein Bett.

„Hey!“

Ich befand mich bereits auf der Treppe. „Schick mir die Glückwünsche einfach per Post.“ Mir war alles egal. Mein Gesicht schmerzte mittlerweile schlimmer als direkt nach dem Treffer.

„Jetzt warte doch mal!“

Ich drehte mich genervt um. „Du?“

Tara stand auf der ersten Stufe und sah zu mir hoch. Ihre Haare waren grellpink gefärbt, und es überraschte mich, dass sie mir nicht bereits im Klub aufgefallen war. „Hast du den Türsteher bestochen, um reingelassen zu werden?“

„Ich bin älter, als ich aussehe.“

„Abschlussklasse?“

„Du gehörst auch zur schnellen Sorte …“

Ich blinzelte irritiert. „Schlagfertig, was?“

Sie trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck: Ich bin Mrs Wolf, ich löse Probleme.

„Ging das Zitat nicht anders?“, wollte ich wissen.

„Wurde angepasst.“

„Ach so.“

„Du siehst scheiße aus, David.“

Was sollte ich bitte schön darauf erwidern? „Ich arbeite daran.“

„Ich meine, so kannst du nicht fahren.“

„Nicht dein Problem.“

Sie schürzte die Lippen. „Ich mag es nicht, über Unfälle schreiben zu müssen.“

„Das deprimiert dich?“

„Und wie.“

„Ich habe leider kein Geld für ein Taxi dabei.“

„Dann solltest du jemanden finden, der dich fährt.“

Vor mir tropfte Blut auf die Stufen. „Nicht wirklich.“ Als der DJ seine Arbeit wieder aufnahm, drehte ich mich um und stieß die Tür nach draußen auf. Das Hämmern der Bässe verschlimmerte meine Kopfschmerzen.

Hank betrachtete mich zuerst nur wortlos, dann schüttelte er den Kopf und meinte: „Was habe ich dir über Raubkatzen erzählt?“

„War ein Hund, keine Katze.“

„Muss ich einen Krankenwagen rufen?“

Ich winkte ab.

„Und für den anderen?“

„Konnte sich noch bewegen. Alles halb so schlimm.“

„Na dann.“

„Man sieht sich“, sagte ich und marschierte in Richtung meines Wagens. Als ich hörte, wie die Tür erneut aufgestoßen wurde, verzog ich die Mundwinkel. Tara hatte mich schnell eingeholt und ging neben mir her. „Die Leute werden noch denken, du wärst verzweifelt“, sagte ich dumpf und erwischte mich dabei, wie ich ihr in den Ausschnitt lugte. Das war nicht gut. Nicht jetzt. Und wenn ich es mir genau überlegte, auch nicht für die nächste Zeit.

„Ich bin heute Nacht nur dein Fahrer, David MacLachlan. Mehr nicht. Und sollte ich herausfinden, dass du irgendwem etwas anderes erzählst, dann …“

„Dann?“

Sie zuckte leicht mit den Schultern und nahm mir den Autoschlüssel aus der Hand. „Wird es dir schlecht ergehen. Ich meine, so richtig schlecht. Ach, und im Übrigen schuldest du mir jetzt ein Interview.“

Der zwölfjährige William kniete auf dem kalten Dielenboden vor seinem Bett und faltete die Hände. Er schloss beim Beten niemals die Augen, aus Angst, ihm könnte ein göttliches Zeichen entgehen. Wie genau dieses Zeichen aussehen würde, konnte er nicht sagen, umso wichtiger war es, wachsam zu bleiben. Wachsam und hartnäckig. Seit nunmehr drei Jahren sprach er vor dem Zubettgehen sein kleines Gebet. Es war nur eine Frage der Zeit, dass Gott ihn endlich erhören würde, um ihm seinen innigsten Wunsch zu erfüllen.

„Lieber Gott“, sagte er flüsternd. Er sprach dabei so leise, dass niemand außer ihm selbst die Worte zu deuten gewusst hätte. Denn manche Dinge gingen nur ihn und Gott etwas an. „… ich weiß, dass du sehr beschäftigt bist. Und ich weiß auch, dass meine Bitte sehr ungewöhnlich ist. Vermutlich ist sie falsch und eine Sünde. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg, als mich an dich zu wenden, Herr. Ich kenne die Zehn Gebote. Ich weiß um ihre Richtigkeit, doch ahne ich Furchtbares für mich, meine Mutter und meine beiden kleinen Geschwister.“

Er holte tief Luft. „Bitte, lieber Gott, mach, dass er verschwindet. Sorge dafür, dass er uns nichts mehr antun kann. Du weißt, von wem ich spreche. Du weißt es, weil du alles siehst. Lass nicht zu, dass er uns weiter quält. Es würde schon ausreichen, wenn er uns für immer in Ruhe lässt. Oder vielleicht bringst du uns von hier weg. In ein anderes Land. Irgendwohin, wo er uns nicht finden wird. Es tut mir leid, dass du jeden Abend das Gleiche zu hören bekommst, aber es ist mir wirklich sehr wichtig. Danke, lieber Gott.“

In der Nacht weckte ihn lautes Geschrei. Sein Vater war nach Hause gekommen. Volltrunken, wie immer. William zog sich längst nicht mehr die Decke über den Kopf. Stattdessen setzte er sich kerzengerade in seinem Bett auf und lauschte angespannt dem Verlauf der Auseinandersetzung. Er wusste, wie wichtig es war, schnell zu reagieren, wenn es von ihm verlangt wurde.

Früher, noch vor wenigen Monaten, war es seiner Mutter oftmals gelungen, den nach Alkohol stinkenden Hünen zu besänftigen. Mittlerweile jedoch gestand er ihr nur noch sehr selten das erste Wort zu und ließ lieber die Fäuste sprechen. So auch dieses Mal. Obwohl es nicht zum ersten Mal passierte, zuckte William bei jedem Schlag heftig zusammen. Sein Vater wollte seine Mutter am Boden sehen. Erniedrigt und weinend. Aber sie hatte längst keine Tränen mehr übrig, die sie hätte vergießen können.

William ballte die kleinen Fäuste und wünschte, er wäre größer und stärker.

„Du siehst scheiße aus.“

„Dad, du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wie oft ich diesen Satz in den letzten zwölf Stunden gehört habe.“

Er nahm mein Kinn in die Hand, drehte meinen Kopf vorsichtig nach links, anschließend nach rechts. „Die Frauen werden eines Tages dein Tod sein.“

„Das befürchte ich auch.“ Wir standen in der Küche des Lokals, und ich sah genauso miserabel aus, wie ich mich fühlte. Sogar das Sprechen tat weh.

„So habe ich dich eigentlich nicht erzogen“, sagte er mit ernster Miene und wandte sich den Zwiebeln zu. „Ich meine, Schlägereien?“

„Ich habe dir erzählt, wie es dazu gekommen ist.“

„Es hätte erst gar nicht passieren dürfen.“ Er begann, die Zwiebeln in Würfel zu hacken. Ich kannte keinen Menschen, der geschickter mit dem Messer war als mein Dad. „Gewalt gegen andere ist niemals eine Lösung. Das kann Konsequenzen haben, die dir alles versauen. Wie oft habe ich dir das schon gepredigt?“

„Ich habe mich nur verteidigt.“

„Was wäre gewesen, wenn der Junge sich beim Sturz den Schädel aufgeschlagen hätte?“

„Ich bin in dieser Geschichte nicht der Böse.“

„Nein. Du bist der Idiot. Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass dieses Mädchen dir nur Scherereien bereiten wird. Und wenn wir schon beim Thema sind, Romeo. Ich habe nichts dagegen, dass du dich austobst, aber übertreibe es nicht. Mit Gefühlen spielt man nicht.“

„Du tust ja beinahe so, als würde ich durch die Gegend ziehen und Frauenherzen brechen.“

Er sah mich streng an. „Nur ein guter Rat. Es würde mich glücklich machen, wenn du ihn beherzigst. Du musst endlich lernen, Verantwortung zu tragen. In deinem Alter war ich schon Vater.“

„Du willst mich jetzt aber nicht ermutigen, oder?“

„Gott im Himmel! Nein!“ Als er mein Grinsen bemerkte, hob er in einer belehrenden Geste das Messer. „Du kommst nach mir, und das hat bereits deiner Mutter die größten Sorgen bereitet.“

„Ich schalte einen Gang runter, wenn es dich beruhigt.“

„Das würde es auf jeden Fall.“

Ich nickte und rieb mir dabei den Nacken. „Ich kümmere mich schon mal um die Tische und schließ danach auf.“

„Mach das. Und teile dir deine Kräfte gut ein. Wird ein harter Tag heute.“

„Sicher doch“, sagte ich seufzend und machte mich an die Arbeit.

„Und David!“

Ich drehte mich noch einmal zu ihm um.

„Ich bin froh, dass du heute hier bist.“

Das Lokal meines Dads war keiner dieser Burgerläden, in denen das Fett von den Wänden läuft und alles nach alten Fritten riecht. Das Sandwich Heaven war anders, was zu großen Teilen der Leidenschaft seines Besitzers geschuldet war. Für meinen Dad gab es nichts Schöneres als ein gut gemachtes Sandwich. Manchmal verbrachte er ganze Nächte damit, nach neuen Variationen zu suchen.

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