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Gestrandet in Paradise

1. KAPITEL

Reily Eckardt setzte sich auf den Rücksitz des Polizeiautos. Ihre Hände zitterten, und ihr war schlecht vor Angst. Seit der Abreise aus Montana vor drei Tagen hatte sich eine Katastrophe an die nächste gereiht, doch schlimmer als jetzt konnte es beim besten Willen nicht mehr kommen.

Zu Beginn ihrer Reise war Reily so froh darüber gewesen, gut voranzukommen, dass man sie schon an der Grenze nach Wyoming wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten hatte, um ihr einen saftigen Strafzettel zu verpassen. Danach hatte ihre Kühlwasserpumpe versagt, und sie hatte irgendwo in der Pampa in Wyoming übernachten müssen, während sie darauf wartete, dass das Ersatzteil geliefert und eingebaut wurde.

Als sie dann endlich Colorado erreichte, platzte ihr ein Reifen. Das reinste Chaos – es dauerte vier Stunden lang, ihn reparieren zu lassen. Und die Angelegenheit warf sie zeitlich wie finanziell noch weiter zurück. Erst um halb fünf Uhr nachmittags konnte sie weiterfahren.

Die ultimative Katastrophe passierte jedoch erst, als sie gegen acht Uhr an einer Tankstelle hielt, um sich einen Kaffee zu holen. Reily hatte nämlich beschlossen, die verlorene Zeit aufzuholen, indem sie bis Mitternacht weiterfuhr und erst dann in einem Motel eincheckte.

Das war eine dämliche Idee, wie sich kurz darauf herausstellte. Denn offensichtlich war sie sehr viel müder gewesen als gedacht, sonst hätte sie wohl kaum ihren Autoschlüssel im Zündschloss stecken lassen. Als sie schließlich mit dem Kaffee in der Hand aus dem Tankstellengebäude herauskam, war ihr Auto weg.

Der Beamte bei der Colorado-State-Polizei, der ihre Aussage aufgenommen hatte, öffnete die Tür des Polizeiwagens und winkte Reily nach draußen. Sie griff nach ihrer Handtasche und stieg aus. Die Sonne war gerade hinter den Bergen verschwunden, und eine leichte Brise wehte ihr die heiße trockene Luft Colorados ins Gesicht.

„Und? Haben Sie mein Auto gefunden?“, fragte sie halb hoffnungsvoll, halb verzweifelt.

Grimmig schüttelte der Polizist den Kopf. „Nein. Wir haben eine Suchmeldung durchgegeben, aber bisher ohne Erfolg.“

Reily wurde noch übler. Es war jetzt schon über eine Stunde her, dass ihr Wagen gestohlen worden war. Alles, was sie besaß, befand sich in diesem Auto – einschließlich ihrer Ersparnisse der letzten zwei Jahre, um in Nashville ein neues Leben anzufangen. Alles weg – ihre Kleidungsstücke, ihre Fotos, die Gitarre ihrer Mom. Reily besaß nur noch ihre Handtasche und das Wechselgeld des Fünfzigdollarscheins, den sie aus ihrem Koffer genommen hatte, bevor sie das Tankstellengebäude betrat.

Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können?

„Glauben Sie, dass mein Wagen wieder auftaucht?“, wollte sie von dem Beamten wissen.

Dessen ernster Gesichtsausdruck war Antwort genug. „Sie sollten jetzt vielleicht Ihre Versicherung informieren. Selbst wenn wir Ihr Auto finden sollten, bezweifle ich sehr, dass es noch ganz sein wird.“

Der Wagen war so alt, dass sie ihn überhaupt nicht gegen Diebstahl versichert hatte. Tief Luft holend versuchte Reily, sich gegen das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu wehren, das sie zu überwältigen drohte. Auf keinen Fall durfte sie sich hier auf diesem Parkplatz übergeben.

Okay, ihre Lage sah verdammt übel aus, aber es hätte noch schlimmer kommen können. Sie würde das Ganze schon irgendwie überstehen und mit einem Lächeln daraus hervorgehen. Das war doch bisher immer so gewesen.

Sie hatte schon ihre Cousine in Arkansas angerufen und gesagt, dass sie nun nicht mehr bei ihr vorbeischauen würde. Luanne, die ein echter Schatz war, hatte Reily angeboten, ein paar Tage bei ihr zu bleiben. Doch als geschiedene und auf Sozialhilfe angewiesene Frau mit drei kleinen Kindern hatte Luanne eigentlich weder den Platz noch das Geld, um notleidende Gäste aufzunehmen.

Auch Reilys Tante kam kaum über die Runden und konnte ihr daher nicht das nötige Geld zur Weiterreise leihen. Trotzdem hatte Reily nicht vor, mit hängendem Kopf nach Montana zurückzukehren. Schließlich war sie daran gewöhnt, für sich selbst zu sorgen. Irgendwie würde sie schon nach Nashville kommen und als Countrysängerin berühmt werden. Das Ganze würde eben nur ein bisschen länger dauern als geplant!

„Kann ich Sie irgendwo absetzen, Miss Eckardt?“, fragte der Polizist.

Reily drehte sich zu ihm um und sah ihn zum ersten Mal bewusst an. Er hatte ein freundliches Gesicht und wie viele Männer mittleren Alters ein kleines Bäuchlein. Auf seiner Dienstmarke stand, dass er Philip Jeffries hieß. Vermutlich hatte er sich ihr bereits vorgestellt, aber sie war viel zu aufgewühlt gewesen, um sich seinen Namen zu merken.

Aus dem Tankstellengebäude herauszugehen und den leeren Platz zu sehen, auf dem eben noch ihr Wagen gestanden hatte – das war zweifellos die verrückteste Erfahrung ihres Lebens. Sogar jetzt noch fiel es ihr schwer zu glauben, dass ihr Auto wirklich weg war. Doch sich davon verrückt machen zu lassen, half ihr auch nicht weiter. Sie musste sich jetzt einfach einen Plan B überlegen.

Tief Luft holend, straffte sie die Schultern. „Sie könnten mich in die nächste Stadt mitnehmen“, sagte sie.

„Das wäre dann Paradise, etwa fünf Meilen von hier. Meine Heimatstadt!“

Was blieb ihr schon anderes übrig? Denver lag zwei Autostunden entfernt. Außerdem war das Leben in Kleinstädten billiger als in Großstädten, und ein Ort, der Paradise hieß, musste doch etwas Idyllisches an sich haben, ganz egal ob groß oder klein. „Paradise hat nicht zufällig ein Wohnheim für Frauen oder eine Jugendherberge?“

„Nein, aber das Sunrise Motel, falls Sie etwas Günstiges suchen. Wenn Sie Roberta sagen, dass ich Sie geschickt habe, wird Sie Ihnen nur fünfundzwanzig Dollar für die Übernachtung berechnen.“

Entweder das Sunrise Motel oder der Parkplatz der Tankstelle. „Klingt gut.“

Officer Jeffries ließ Reily wieder in seinen Dienstwagen steigen – diesmal auf den Beifahrersitz – und setzte sich hinters Steuer.

„Sie wissen nicht zufällig, ob in Ihrer Stadt irgendwo ein Job frei ist?“, fragte sie, als er auf den Highway abbog.

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Wollen Sie denn länger bei uns bleiben?“

„Ich habe keine andere Wahl. Mein gesamter Besitz und jeder Penny, den ich gespart hatte, befanden sich in meinem Wagen. Jetzt habe ich nur noch achtundvierzig Dollar und zweiundfünfzig Cents. Sollte mein Auto nicht auf wundersame Weise wieder auftauchen, muss ich erst mal wieder Geld verdienen, bevor ich überhaupt irgendwo hinkomme.“

„Kann Ihre Familie Ihnen nicht aushelfen? Sie könnten sich Geld zur Western Union bei unserer Post überweisen lassen.“

Reily schüttelte den Kopf. Ihr wurde schon wieder ganz flau im Magen. „Nein, ich bin mehr oder weniger auf mich allein gestellt.“ Aber warum erzählte sie ihm das überhaupt? Als Polizist traf er doch bestimmt ständig Menschen, die in der Klemme steckten. Warum sollte er ihr helfen wollen?

„Was für eine Art Job suchen Sie denn?“, wollte er wissen.

„Ach, ich würde alles machen. Bisher habe ich am Tresen in einer Bar und als Kellnerin gearbeitet. Und gesungen. Meine Zeugnisse sind ausgezeichnet. Sie können dies überprüfen lassen, wenn Sie wollen. Ich bin bisher noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, und bis vor zwei Tagen hatte ich auch noch nie einen Strafzettel.“

Er warf ihr einen belustigten Blick zu. „Ich weiß.“

Klar, als Polizist hatte er sich natürlich bereits über sie erkundigt.

„Normalerweise helfe ich Fremden nicht einfach so“, fuhr er nach kurzem Zögern fort, „aber Sie scheinen ein nettes Mädchen zu sein und Sie stecken wirklich in Schwierigkeiten. Wie wär’s, wenn ich Sie zu Joe’s Place mitnehme? Das ist die Bar in unserer Stadt. Der Besitzer kann meistens Hilfe gebrauchen. Und falls nicht, kommen Sie vielleicht beim Diner auf der anderen Seite der Stadt unter.“

Reily stiegen Tränen der Erleichterung und Dankbarkeit in die Augen. „Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr Sie mir damit helfen würden. Ich bin gerade so verzweifelt, dass ich jeden Job annehmen würde.“

„Natürlich kann ich Ihnen nichts versprechen!“

„Das ist klar. Trotzdem weiß ich Ihre Hilfe zu schätzen, Officer Jeffries.“

„Nennen Sie mich einfach P. J.“, bot er ihr spontan an. „Ich arbeite schon seit dreißig Jahren als Polizist in Paradise, aber niemand nennt mich hier Officer. So ist das eben in Kleinstädten.“

„Oh ja, ich weiß genau, wie schwierig es ist, dort ernst genommen zu werden. Ich bin auch in einer Kleinstadt aufgewachsen.“

Reily hatte schon seit ihrem zehnten Lebensjahr Country-Western-Sängerin werden wollen, doch niemand hatte ihr so recht zugetraut, wirklich nach Nashville zu gehen. Sogar ihre beste Freundin hatte ihr prophezeit, dass sie scheitern würde und nach einem oder zwei Monaten wieder daheim angekrochen zu kommen. Schon allein deshalb war es ausgeschlossen, in ihre Heimatstadt zurückzukehren.

P. J. bog vom Highway in eine verlassene zweispurige Landstraße ein, die an einer Seite von Feldern und an der anderen Seite von Dickicht gesäumt war.

„Ist Paradise eine Touristenstadt?“, fragte Reily.

„Nee, dafür liegen wir zu weit vom Highway und den guten Skigebieten entfernt. Wir sind vor allem eine Farmergemeinde.“

Das klang ganz nach Reilys Heimatstadt in Montana, und der hatte sie genau aus diesem Grund schnellstmöglich entkommen wollen. Was für eine Ironie des Schicksals, aber ihr Aufenthalt in Paradise war ja nur für kurze Zeit.

Nach zwei Meilen tauchte das Sunrise Motel vor ihnen auf. Es sah etwas in die Jahre gekommen aus, machte jedoch einen sauberen, gepflegten Eindruck. Kurz darauf bogen sie um eine Kurve, und Paradise lag vor ihnen. Das Willkommensschild gab tausendsechshundertzweiunddreißig Einwohner an.

„Wir sind da“, sagte P. J., als sie an ein paar kleineren Häusern vorbeifuhren und in die Main Street bogen, die sich höchstens über drei Blocks erstreckte. Reily war keine Expertin, was Architektur anging, aber einige Häuser sahen so aus, als seien sie schon über hundert Jahre alt. Wie in den meisten alten Städten waren einige Gebäude frisch saniert und andere wiederum vernachlässigt. Insgesamt machte die Stadt einen freundlichen Eindruck. Es war zwar nicht gerade Nashville, musste aber vorerst genügen.

Am Ende des ersten Blocks lag Lou’s Diner und gleich auf der anderen Straßenseite Parson’s General Store. An der nächsten Kreuzung waren ein Futtermittelgeschäft und ein Secondhandladen und gegenüber die Post. Dazwischen befanden sich kleine Läden und Büros, die um diese Uhrzeit jedoch geschlossen hatten.

Vor dem Diner parkten ein paar Autos, doch ansonsten lag die Main Street einsam und verlassen da – bis sie am Ende der Straße ankamen und Joe’s Place vor ihnen auftauchte, ein großes Gebäude im Blockhüttenstil, das ein echter Hotspot zu sein schien. Die Straße davor und der Parkplatz waren gerammelt voll.

„Wir sind da“, verkündete P. J.

„Oh, sieht gut besucht aus.“

„Stimmt. Joe macht das große Geschäft. Er hat die Bar vor drei Jahren nach dem Tod seines Vaters Joe Senior übernommen“, erzählte P. J., während er in zweiter Reihe vor der Eingangstür parkte. „Ursprünglich war die Bar nichts Besonderes, aber Joe Junior hat sie komplett sanieren lassen. Er hat sich die Lebensversicherung seines Vaters auszahlen lassen. Die beste Entscheidung seines Lebens, wenn Sie mich fragen.“

Laute Countrymusik dröhnte aus der Bar, als P. J. und Reily aus dem Auto stiegen. Nervös folgte sie ihm. Als er die Tür öffnete, stockte ihr der Atem.

Die Inneneinrichtung war aus massivem Holz und voller Kleinstadtcharme. Nischen mit Tischen reihten sich aneinander, es gab eine Bühne mit einer Tanzfläche und eine massive und gut bestückte Bar mit einem riesigen Flachbildfernseher, auf dem gerade ein Sportkanal lief. Die Wände waren mit alten Emailschildern, antiker Sportausrüstung und diversen ausgestopften Tierköpfen verziert. Normalerweise stand Reily nicht auf tote Tiere, aber irgendwie passten sie gut in das rustikale Ambiente.

Joe Junior hatte bei der Renovierung offensichtlich keine Kosten gescheut. Wenn das Essen nur halb so gut war wie die Atmosphäre, musste man sich nicht wundern, dass seine Bar so gut besucht war.

P. J. führte sie zum Tresen und sprach kurz mit der Bardame, einer zierlichen und energiegeladen wirkenden Frau. Sie zeigte auf eine Tür neben dem Tresen, hinter der P. J. verschwand.

Reily klopfte das Herz bis zum Hals, als sie auf seine Rückkehr wartete. Verstohlen beobachtete sie die Kellnerinnen, die zwischen der Küche und den Tischen hin- und herflitzten. Wenn es schon an einem Donnerstagabend so voll war, musste an den Wochenenden die Hölle los sein. Selbst mit einer Teilzeitstelle bekam man hier bestimmt massenhaft Trinkgeld.

Eine Minute später kehrte P. J. mit einem Mann zurück, der vermutlich der Besitzer war. Er winkte sie zu sich. „Reily, das hier ist Joe Miller. Joe, das ist Reily Eckardt, die Frau, von der ich dir gerade erzählt habe.“

Aus irgendeinem Grund hatte sie sich den Besitzer der Bar älter vorgestellt, mindestens in den Vierzigern. Der Mann vor ihr in seinen verblichenen Bluejeans und dem schwarzen T-Shirt mit dem Logo der Bar konnte jedoch kaum älter als dreißig sein. Er war dunkelhaarig, groß und schlank und auf eine sehr finstere Art attraktiv. Stirnrunzelnd sah er sie an.

Anscheinend war er nicht gerade erfreut über die Unterbrechung.

P. J. schüttelte Reily zum Abschied die Hand. „Ich muss jetzt weiter Streife fahren. War mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Eckardt. Hoffentlich kommt für Sie alles wieder in Ordnung. Wir laufen uns bestimmt mal über den Weg, und sobald ich Neuigkeiten von Ihrem Auto habe, melde ich mich natürlich sofort bei Ihnen.“

Das war zwar äußerst unwahrscheinlich, aber Reily lächelte trotzdem tapfer. „Danke, Officer.“

Als P. J. gegangen war, beugte sich Joe Miller über den Tresen und musterte Reily eindringlich aus dunklen Augen. Sein Blick war noch nicht mal ansatzweise warm oder freundlich. Als er endlich den Mund aufmachte, musste sie sich anstrengen, seine leise und tiefe Stimme zu verstehen, so laut dröhnte die Musik aus der Jukebox. „P. J. hat erzählt, dass Sie gerade eine Durststrecke haben und vorübergehend Arbeit hier in der Stadt suchen.“

Durststrecke? Du lieber Himmel, das ist die Untertreibung des Jahres! „Ich bin gerade total abgebrannt, Mr Miller. Wenn Sie daher einen Job für mich hätten, wäre ich Ihnen unendlich dankbar.“

„Was für Berufserfahrungen haben Sie denn?“

Als sie sich vorbeugte, um ihn besser verstehen zu können, stieg ihr sein Aftershave in die Nase. Er nahm Old Spice, genauso wie ihr Vater früher. Sofort wirkte er nicht mehr so einschüchternd. „Ich habe in den letzten sechs Jahren als Kellnerin und Bardame gearbeitet.“

„Haben Sie Zeugnisse dabei?“

„Leider nein. Die befanden sich in meinem gestohlenen Wagen.“

Joe Junior holte einen Kugelschreiber und einen Bestellblock und schob ihr beides hin. „Hier. Schreiben Sie Ihren Namen und die Telefonnummer Ihres letzten Arbeitgebers auf.“

Reily zögerte einen Moment. Die Bar, in der sie seit ihrem achtzehnten Lebensjahr gearbeitet hatte, gehörte dem besten Freund ihres Vaters, Abe. Leider war er auch die größte Klatschbase der Stadt. Wenn Joe ihn anrief, würde es keine fünf Minuten dauern, bis sämtliche Einwohner von ihrem Debakel erfuhren.

Aber blieb ihr eine andere Wahl?

Sie schrieb den Namen und die Telefonnummer auf und gab Joe den Block zurück.

„Wie lange gedenken Sie hier in der Stadt zu bleiben?“, fragte er.

Die Ereignisse hatten sich in den letzten Stunden so überschlagen, dass sie darüber noch gar nicht nachgedacht hatte. „Oh, keine Ahnung.“

„Unter sechs Wochen brauchen Sie hier gar nicht erst anzufangen. Falls Sie also vorhaben, die Stadt früher zu verlassen, verschwenden Sie nur meine Zeit.“

Der Typ wird mir immer unsympathischer.

„Ich brauche Geld für ein Busticket nach Nashville und zwei Monatsmieten dort. Daher werde ich ohnehin mindestens sechs Wochen bleiben müssen. Wie lange insgesamt, hängt davon ab, wie viel Stunden ich hier arbeiten darf.“

Joe Miller nickte, die Lippen zusammengepresst. Er winkte die Bardame zu sich. „Lindy, das hier ist Reily. Sie wird dir ein bisschen unter die Arme greifen, während ich einen Anruf erledige. Betrachten Sie es als Probezeit“, sagte er an Reily gewandt. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen erwartete er nicht besonders viel von ihr.

Sie beobachtete, wie er durch die Tür neben der Bar verschwand. Na, er war nicht gerade der Herzlichste, aber das würde sie wohl oder übel in Kauf nehmen müssen. Das Diner schien längst nicht so gut besucht zu sein wie diese Bar, was hieß, dass sie dort auf keinen Fall so viel Trinkgeld bekommen würde wie hier.

Lindy reichte Reily eine Schürze. „Sie kommen mir gar nicht bekannt vor. Sind Sie von hier?“

Reily band sich die Schürze um. „Nein, ich bin nur auf der Durchreise. Ich suche nach einem Job, um mir das Geld für die Weiterreise nach Tennessee zu verdienen.“

Lindy lachte. „Und da haben Sie sich ausgerechnet dieses Nest hier ausgesucht? Warum sind Sie nicht nach Denver gefahren?“

„Ursprünglich wollte ich mich gar nicht hier aufhalten, aber mein Auto wurde ein paar Meilen weiter weg an einer Tankstelle gestohlen. Im Wagen befand sich alles, was ich besitze, darunter auch mein ganzes Geld.“

Lindy keuchte entsetzt auf. „Oh Gott, Sie Arme!“, rief sie voller Mitgefühl. „Dann haben Sie also alles verloren?“

„Nicht ganz. Gott sei Dank hatte ich meine Handtasche dabei, sodass ich noch meinen Ausweis und mein Handy habe, aber alles andere ist futsch.“

„Was ist mit Ihrer Kleidung?“

Reily blickte an ihrem Tanktop, ihrer Jeans und ihren Cowboystiefeln hinunter. „Das hier ist alles, was ich besitze.“

„Wenn Sie länger in der Stadt bleiben, findet sich bestimmt jemand, der Ihnen etwas in der passenden Größe leihen kann.“

„Das wäre toll, denn bis ich wieder flüssig bin, dürfte einige Zeit vergehen.“

„Ich glaube, Sie haben Glück. Unser Barmann Mark hat sich am Montag das Handgelenk verstaucht, und jetzt sind nur noch Rick und ich übrig. Rick arbeitet allerdings nur ein paar Abende die Woche. Das nächste Wochenende wird daher der reinste Albtraum, selbst wenn Joe einspringt. Wir können also dringend Verstärkung gebrauchen.“

Das klang ja fast so, als ob Joe sie genauso nötig brauchte wie sie ihn. Hoffentlich würde er sich ihrer annehmen.

Nachdem Lindy ihr alles Nötige gezeigt hatte, nahm Reily die ersten Bestellungen auf und machte die verlangten Drinks – Aufgaben, die sie im Schlaf beherrschte. Sie plauderte mit den Gästen, flirtete hier und da auch ein wenig und stellte schnell fest, dass die meisten Gäste sehr freundlich und offen auf ihre Anwesenheit reagierten. In den zwanzig Minuten, die Joe brauchte, um Erkundungen über sie einzuholen, wurde sie von mindestens zehn Gästen willkommen geheißen.

Paradise schien ein sehr gastfreundlicher Ort zu sein – bisher machte die Stadt ihrem Namen jedenfalls alle Ehre.

Als Joe kurz darauf wieder auftauchte, machte Reilys Herz einen Satz. Sein verschlossener Gesichtsausdruck gab keinen Aufschluss darüber, wie das Telefonat gelaufen war. Hoffentlich hatte Abe sie nicht im Stich gelassen.

„Und? Wie macht sie sich so?“, wollte Joe von Lindy wissen.

„Sie ist ein echtes Naturtalent, aber von mir aus könnte sie auch der Teufel persönlich sein – ich würde dich trotzdem bitten, sie einzustellen.“

„Ihre Referenz war jedenfalls okay“, sagte Joe daraufhin zu Reily, „obwohl ihr alter Chef ganz schön redselig ist“, fügte er mit kaum verhüllter Gereiztheit hinzu.

Abe hatte ihm wahrscheinlich ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. „Tut mir leid“, sagte sie kleinlaut. „Hoffentlich hat er Ihnen nicht das halbe Ohr abgekaut.“

Fast, aber er hat Ihre Fähigkeiten so lautstark gerühmt, dass ich beschlossen habe, Sie einzustellen.“

Reily spürte, wie der Stress des Tages mit einem Schlag von ihr abfiel. Ein Gefühl der Erleichterung überwältigte sie. „Vielen Dank, Mr Miller“, sagte sie glücklich. „Damit helfen Sie mir wirklich aus der Patsche.“

„Ich heiße Joe“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. „Sie können gleich morgen anfangen. Wir öffnen um elf Uhr vormittags, aber kommen Sie bitte nicht später als um zehn. Sie müssen noch ein paar Unterlagen ausfüllen.“

„Mach ich.“

„Montags bis donnerstags haben wir von elf bis zehn geöffnet und freitags und samstags bis zwei Uhr nachts. Sonntags ist geschlossen.“

„Ich bin da flexibel. Je öfter Sie mich einsetzen, desto besser.“

Er nickte ihr flüchtig zum Abschied zu, drehte sich um und verschwand wieder durch die Hintertür.

„Ich kann mir vorstellen, was Ihnen gerade durch den Kopf geht“, sagte Lindy.

Reily drehte sich zu ihr um.

„Joe ist ein toller Kerl, wenn Sie ihn erst besser kennenlernen.“

Von Reily aus konnte Joe Miller der größte Idiot der Welt sein, solange er sie nur gut bezahlte. Schließlich war er nur vorübergehend ihr Chef.

„Sind Sie und er … ein Paar?“

Lindy lachte. „Nein, wir sind nur gute Freunde. Ich kenne Joe schon mein ganzes Leben lang. Aber selbst wenn ich Interesse an ihm hätte – er ist emotional unerreichbar, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Oh ja, das weiß ich allerdings.“ Reily war schon öfter mit Typen wie ihm zusammen gewesen. Sie waren den Liebeskummer nicht wert, den sie ihren Partnerinnen unausweichlich bereiteten.

Reily zog sich die Schürze aus und gab sie Lindy zurück. „Danke dafür, dass Sie ein gutes Wort für mich eingelegt haben.“

„Keine Ursache. Und hier!“, sagte Lindy, nahm zwei Zehndollarscheine aus dem Trinkgeldgefäß und schob sie Reily in die Hand. „Du kannst mich übrigens ruhig duzen.“

„Danke, aber das ist nicht nötig.“ Reily versuchte, Lindy das Geld zurückzugeben, doch Lindy schüttelte den Kopf. „Lass gut sein. Das ist dein Verdienst für eben.“

Ihren Stolz hinunterschluckend, stopfte Reily sich das Geld in die Hosentasche. „Danke.“

„Und morgen kümmern wir uns um deine Kleidung. Ich nehme an, du hast oben Größe M und bei Hosen Größe S?“

„Woher weißt du das?“

„Oh, ich habe mal in Denver in einem Kaufhaus gearbeitet, daher kenne ich mich mit Damengrößen aus. Ich werde mich mal umhören.“

„Eigentlich trage ich keine abgelegten Sachen, aber unter diesen Umständen akzeptiere ich natürlich jede Hilfe, die ich kriegen kann.“ Wenn der Rest der Einwohner von Paradise auch nur halbwegs so hilfsbereit und sympathisch war wie Lindy, dann musste ihr unfreiwilliger Aufenthalt hier vielleicht gar nicht so übel ausfallen.

Nur gegen ihren neuen Chef hatte sie gewisse Vorbehalte. Sie hatte noch nie mit jemandem zusammengearbeitet, der so … missmutig war. Aber vielleicht musste sie Joe wirklich erst besser kennenlernen. Gut aussehen tat er ja, auch wenn sie natürlich nie etwas mit ihm anfangen würde. Sie hatte nämlich nur ein Ziel: genug Geld zu verdienen, um nach Nashville zu gelangen. Dafür brachte sie doch gern das Opfer, sechs Wochen lang in dieser Kleinstadt auszuharren.

2. KAPITEL

Joe saß mit einem Kaffee und seinem Laptop an einem der Tische gegenüber der Bar und musterte seine neue Angestellte verstohlen. Sie füllte gerade am Tresen den Bewerbungsbogen und das Steuerformular aus und hatte ihm daher den Rücken zugewandt.

Normalerweise würde er nie eine Wildfremde einstellen, schon gar nicht eine, die nur auf der Durchreise war, aber P. J. schien viel von ihr zu halten, und Joe traute dem Urteil des Polizisten. Sie trug dieselben Sachen wie letzte Nacht, was darauf schließen ließ, dass sie nichts anderes besaß. Das lange hellblonde Haar hatte sie in einem Pferdeschwanz hochgebunden.

Den Worten ihres Ex-Chefs nach zu urteilen, war Reily eine mutige und positiv denkende junge Frau, die es bisher jedoch nicht leicht gehabt hatte. Abe hatte erzählt, dass Reily früh verwaist und von einer Tante großgezogen worden war. Nicht, dass Joe das interessierte. Es war ihm egal, wo seine Mitarbeiterin herkam oder wie sie aufgewachsen war, solange sie bei ihm nur hart arbeitete.

Er hatte ihr den Job keineswegs aus Nächstenliebe gegeben, denn so etwas rächte sich seiner Erfahrung ...

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