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Gestohlene Stunden des Glücks

1. KAPITEL

Rund um den Konferenztisch herrschte schockiertes Schweigen.

Santo Ferrara lehnte sich amüsiert in seinem Stuhl zurück. „Sie werden mir sicher zustimmen, dass es sich hier um ein höchst interessantes Projekt handelt.“

„Du hast wohl den Verstand verloren.“ Es war sein älterer Bruder, der als Erster das Wort ergriff. Cristiano hatte vor Kurzem sein geschäftliches Engagement zurückgeschraubt, um mehr Zeit für seine Familie zu haben. „Das ist nicht durchführbar.“

„Nur weil du es nicht geschafft hast? Nimm’s nicht so schwer. Es ist ganz normal, dass ein Mann seinen Biss verliert, wenn er von Frau und Kindern abgelenkt wird.“ Santo, der die kleine Abwechslung im harten Arbeitsalltag genoss, legte wohlmeinendes Verständnis in seine Stimme.

Schon möglich, dass er ein wenig eifersüchtig auf seinen Bruder war, dessen Privatleben sich nun ebenso erfolgreich gestaltete wie seine geschäftliche Karriere. Doch früher oder später, so tröstete er sich, würde ihm dasselbe Glück winken.

„Der tapfere Held tritt ab“, spöttelte er. „Mach dir nichts draus. Drei Frauen im Haus, da wird selbst der härteste Kerl weich.“

Die restlichen Vorstandsmitglieder wechselten nervöse Blicke, hielten aber wohlweislich den Mund, während Cristiano ihn scharf ansah.

„Ich bin immer noch Vorstandsvorsitzender dieser Firma.“

„Ganz recht. Du schiebst einen ruhigen Posten, damit du zu Hause Windeln wechseln kannst, also überlass die brillanten Geschäftsideen uns.“

Santos Provokation entlockte seinem Bruder ein halbherziges Lächeln. „Ich gebe ja zu, dass dein Vorschlag interessant klingt. Das Hotel zu vergrößern und das Sportangebot auszuweiten, um verstärkt junges Publikum anzuziehen, könnte sich durchaus lohnen. Aber um zu expandieren …“, ein Schatten legte sich über Cristianos Miene, „… brauchst du das Land der Baracchis, und der alte Baracchi jagt dir eher eine Kugel in den Kopf, als dass er dir seinen Besitz verkauft.“

Aus dem heiteren Geplänkel war bitterer Ernst geworden. Spannung lag in der Luft. Alle am Tisch hielten die Blicke gesenkt, denn jeder hier kannte die Geschichte der Familien Ferrara und Baracchi. Ganz Sizilien kannte sie.

„Lass das meine Sorge sein“, erwiderte Santo ungerührt, wo­raufhin Cristiano ärgerlich seinen Stuhl zurückschob und ans Fenster trat. Die riesige Glasfront zeigte direkt auf das in der Sonne glitzernde Mittelmeer hinaus.

„Seit du die Geschäfte übernommen hast, hast du großes Geschick bewiesen. Du hast Dinge umgesetzt, die mir nie eingefallen wären.“ Cristiano drehte sich um. „Aber an diesem Projekt wirst du scheitern. Du gießt Öl in ein Feuer, das seit Generationen schwelt. Lass es ruhen.“

„Ich werde den Ferrara Beach Club in unser erfolgreichstes Hotel verwandeln.“

„Das wird dir nicht gelingen.“

Santo lächelte. „Wollen wir wetten?“

Cristiano erwiderte sein Lächeln nicht. „Wir reden hier nicht von einem kleinen Familienstreit. Ich meine es ernst. Lass die Finger davon.“

„Es wird höchste Zeit, dass wir den alten Groll begraben.“

„Das“, sagte sein Bruder düster, „kommt ganz auf den Groll an.“

Santo verlor allmählich die Geduld, obwohl auch er mit dem Namen Baracchi dunkle, unheilvolle Erinnerungen verband. „Ich kann nichts dafür, was Baracchis Enkel passiert ist. Du kennst die Wahrheit.“

„Hier geht es nicht um Wahrheit oder Vernunft, hier geht es um Emotionen und tief verwurzelte Vorurteile. Ich habe dem alten Baracchi ein großzügiges Angebot unterbreitet, aber er würde seine Familie lieber verhungern lassen, als den Ferraras sein Land abzutreten. Die Verhandlungen sind gescheitert.“

„Höchste Zeit, sie wieder aufzunehmen.“

Jemand am Tisch räusperte sich. „Als Ihr Anwalt ist es meine Pflicht, Sie warnend darauf hinzuweisen …“

„Keine kleinkarierten Einwände, bitte“, winkte Santo ab, ohne seinen Bruder aus den Augen zu lassen. „Das heißt, deine Bedenken sind nicht geschäftlich begründet, sondern beziehen sich nur auf die Konfrontation mit den Baracchis. Hältst du mich für einen Feigling?“

„Nein, das ist ja das Problem. Du setzt deinen Mut und deinen Verstand ein, aber Baracchi besitzt keins von beidem. Du bist mein Bruder, Santo.“ Cristianos Stimme klang ehrlich besorgt. „Guiseppe Baracchi hasst dich. Er ist ein jähzorniger alter Mann.“

„Und ein verängstigter alter Mann, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt.“

„Nicht tief genug, um Geld von den Ferraras anzunehmen. Verängstigte alte Männer sind gefährlich. Wir haben das Hotel nur unserer Mutter zuliebe behalten, weil es Vaters erstes Haus war. Aber ich habe mit ihr gesprochen, und sie …“

„Das Hotel wird nicht verkauft. Ich baue es aus, und dafür brauche ich das angrenzende Land. Alles. Die komplette Bucht“, erklärte Santo, ohne von dem wild gestikulierenden Anwalt Notiz zu nehmen. „Ich brauche Platz für Wassersportangebote. Und ich will das Strandlokal haben. Ich will keine alte Feindschaft anheizen, ich schütze nur unsere Geschäftsinteressen. Wenn uns die Gäste davonlaufen, um am Strand zu essen und den Sonnenuntergang zu bewundern, gehen uns Einnahmen verloren.“

„Womit wir beim zweiten Problem wären. Baracchis Enkelin betreibt das Strandlokal.“ Cristiano musterte ihn scharf. „Was glaubst du, wie Fia reagiert, wenn sie von deinen Plänen erfährt?“

Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, es sich vorzustellen.

Fia würde ihn mit allen Mitteln bekämpfen. Sie würden so heftig aneinandergeraten, dass die Funken flogen.

Und in die aktuelle Auseinandersetzung würde sich die brodelnde Spannung vergangener Tage mischen.

Nicht nur die langjährige Fehde um das Land, sondern ihrer beider ganz private Geschichte. Denn Santo hatte seinem Bruder nicht alles erzählt. In einer Familie, in der es keine Geheimnisse gab, hütete er ein dunkles Geheimnis. Er hatte es tief in sich vergraben, damit es nur ja nie ans Licht kam.

Es überraschte ihn, wie sehr die Erinnerung ihn aufwühlte. Stirnrunzelnd blickte er zum Fenster hinaus, sah aber weder den Strand noch das Meer. Alles, was er sah, war Fiammetta Baracchi, die Frau mit den langen schlanken Beinen und dem feurigen Temperament.

Cristiano musterte ihn unverwandt. „Sie hasst dich.“

War es Hass?

Sie hatten damals nicht über Gefühle gesprochen. Sie hatten überhaupt nicht miteinander gesprochen. Auch nicht, als sie einander die Kleider vom Leib gerissen hatten, weil sie so heiß aufeinander waren. Während dieses ganzen wilden, erotischen Abenteuers hatten sie kein einziges Wort miteinander gewechselt.

Sein Instinkt sagte ihm, dass Fia ihr Geheimnis ebenso streng gehütet hatte wie er. Umso besser für die anstehenden Verhandlungen.

„Unter ihrer Leitung hat sich der Schuppen von einer Ansammlung wackliger Holztische am Strand zu einem der angesagtesten Restaurants in ganz Sizilien gemausert. Es heißt, sie sei eine begnadete Köchin.“ Cristiano schüttelte sorgenvoll den Kopf. „Du öffnest ein Pulverfass, Santo. Das gibt Mord und Totschlag.“

Carlo, der Firmenanwalt, stützte stöhnend den Kopf in die Hände.

Santo ignorierte die beiden, wie er auch die prickelnde Erregung zu ignorieren versuchte, die ihn bei dem Gedanken an Fia überkam. „Diese alte Fehde dauert schon viel zu lange an. Damit muss endlich Schluss sein.“

„Wie stellst du dir das vor?“ Cristianos Stimme war schroff vor Unmut. „Guiseppe Baracchi hat seinen Enkel, seinen einzigen männlichen Erben, verloren, weil der sich mit einem Auto um einen Baum gewickelt hat. Deinem Auto, Santo. Erwartest du, dass er dir die Hand schüttelt und dir sein Land verkauft?“

„Baracchi ist Geschäftsmann. Ich mache ihm ein lohnendes Angebot.“

„Wann willst du es ihm unterbreiten, bevor er dich erschießt oder danach?“

„Er schießt nicht.“

„Muss er auch nicht“, meinte Cristiano grimmig. „Weil Fia ihm zuvorkommen wird.“

„So, das ist der letzte Red Snapper.“ Fia nahm den Fisch vom Grill und legte ihn auf einen Teller. Ihre Wangen glühten von der Hitze des Feuers. „Gina?“

„Gina ist draußen und lauert dem Fahrer eines Lamborghini auf, der gerade vorgefahren ist. Du weißt, sie hat ein Faible für Luxus. Komm, gib her.“ Ben lud sich mehrere Teller gleichzeitig auf den Arm. „Wie geht’s deinem Großvater?“

„Nicht so gut. Er hat nicht mal genug Energie, um wie üblich an allem herumzumeckern.“ Fia machte sich Sorgen um ihn. Sobald sie eine Atempause hatte, würde sie nach ihm sehen. „Kommst du klar da draußen? Sag Gina, sie soll arbeiten anstatt die Gäste zu belästigen.“

„Sag du es ihr. Ich trau mich nicht.“ Geschickt wich Ben der jungen Frau aus, die in die Küche gestürmt kam. „Hey, Gina, pass auf! Sonst darfst du aufs Meer rausfahren und neue Schnapper angeln.“

„Ihr glaubt ja nicht, wer gerade hier aufgekreuzt ist!“

„Servier das Essen, bevor es kalt wird, Ben.“ Fia beschloss, die aufgedrehte Gina erst einmal plappern zu lassen. Das sparte erfahrungsgemäß Zeit.

„Scheint ja jemand ganz Besonderes zu sein“, meinte sie amüsiert, während sie die fangfrischen Muscheln mit Olivenöl beträufelte. „So aus dem Häuschen habe ich dich noch nie erlebt, dabei hatten wir schon diverse Berühmtheiten hier.“ Für sie war ein Gast wie der andere. Die Leute kamen, um zu essen, und es war ihr Job, sie zu bewirten. Und zwar erstklassig. Gekonnt schwenkte sie die Muscheln in der Pfanne über dem offenen Feuer und fügte frische Kräuter und Kapern hinzu.

Gina spähte über die Schulter und seufzte verzückt. „In natura ist er noch viel umwerfender als auf den Fotos.“

„Wer immer es ist, er hat hoffentlich einen Tisch bestellt, sonst müssen wir ihn abweisen. Wir haben volles Haus.“

„Den weist niemand ab“, meinte Gina ehrfürchtig. „Es ist Santo Ferrara höchstpersönlich …“

Fia stockte der Atem. Die Pfanne rutschte ihr aus der Hand und fiel in die Glut, mitsamt den kostbaren Muscheln.

„Unmöglich. Er würde nie einen Fuß in mein Restaurant setzen.“ Er würde es nicht wagen.

„Äh … warum nicht?“ Gina musterte sie neugierig. „Seiner Familie gehört das Hotel nebenan, und du servierst großartiges Essen.“

Gina war keine Einheimische, sonst hätte sie von der jahrzehnte­alten Familienfehde gewusst. Jeder wusste davon. Außerdem war der Ferrara Beach Club das kleinste und unbedeutendste Hotel der ganzen Ferrara-Gruppe. Warum sollte Santo sich hierherbemühen?

Fia war so verwirrt, dass sie sich den Arm am Grillrost verbrannte. Der Schmerz brachte sie zur Räson. Hastig klaubte sie die Muscheln auf und richtete sie liebevoll auf zwei Tellern an. „Hier, die sind für das ältere Paar auf der Terrasse. Sie feiern heute Hochzeitstag, also sei nett zu ihnen.“

Gina starrte sie fassungslos an. „Willst du denn nicht …“

„Ist nur eine kleine Brandwunde, nicht weiter schlimm.“

„Ich meine nicht deinen Arm, ich meine Santo Ferrara! Jeden x-beliebigen Gast behandelst du wie einen König, aber taucht mal jemand wirklich Wichtiges auf, ist er Luft für dich. Weißt du nicht, wer das ist? Der Ferrara, von der Ferrara Hotelgruppe!“

„Ich weiß, wer er ist.“

„Aber Chefin, wenn er hier essen will …“

„Er will nicht hier essen.“ Kein Ferrara setzte sich an den Tisch eines Baracchi. Er müsste befürchten, vergiftet zu werden. Sie hatte keine Ahnung, was Santo hier wollte, aber zu ihrem Schrecken und ihrer Empörung über sein plötzliches Auftauchen gesellte sich ein böser Verdacht.

Wenn er so dreist war, zur besten Essenszeit in ihrem voll besetzten Restaurant aufzukreuzen, musste er einen sehr wichtigen Grund dafür haben.

Nackte Angst kroch in ihr hoch. Nein, nur das nicht!

Er weiß es nicht.

Er kann es nicht wissen!

Kopfschüttelnd eilte Gina davon, während Fia rasch ihren Arm kühlte und sich einzureden versuchte, dass Santos Besuch reine Routine war. Dass die Ferraras sich wieder einmal anschickten, mit dem Palmzweig der Versöhnung zu wedeln, den der alte Baracchi ihnen regelmäßig vor die Füße warf.

Seit Fias Bruder gestorben war, hatte es keine Annäherung vonseiten der Ferraras mehr gegeben. Bis jetzt.

Mechanisch zog sie eine Knolle Knoblauch aus dem Bund, der in Kopfhöhe über ihr hing. Sie pflanzte ihn selbst an, zusammen mit diversen Kräutern und Gewürzen. Das Gärtnern machte ihr fast so viel Spaß wie das Kochen. Es schenkte ihr ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, das sie von zu Hause nicht kannte.

Routiniert hackte sie die frischen Knoblauchzehen, während sie ihre Gedanken zu ordnen versuchte. Wenn sie keine Angst haben müsste, wie würde sie dann auf Santo Ferraras Erscheinen reagieren?

Kalt. Geschäftsmäßig.

Buonasera, Fia.“

Beim Klang der tiefen Männerstimme fuhr sie herum, das Messer wie eine Waffe gezückt. Seine Stimme hätte sie in einem Raum voller Menschen nicht wiedererkannt, seine Augen sofort. Wache dunkle Augen, fast schwarz, mit einem gefährlichen Glitzern darin. Die Augen eines Mannes, der wusste, was er wollte, und keine Hemmungen hatte, es sich zu nehmen.

Sie erinnerte sich an das brennende Verlangen in seinem Blick, als sie beide vor drei Jahren im Halbdunkel übereinander hergefallen waren.

Seine kräftigen Schultern waren noch eine Spur breiter und männlicher geworden, seine Muskeln ausgeprägter, doch sonst hatte er sich nicht verändert. Dasselbe unerschütterlich selbstsichere Auftreten des geborenen Siegers, dieselbe natürliche Eleganz, geschliffen und glatt poliert wie der Lack seines Lamborghini.

Ein Meter neunzig geballter männlicher Sex-Appeal, doch Fia empfand nur den einen übermächtigen Wunsch, ihm das attraktive Gesicht zu zerkratzen und mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen. Sein Anblick ließ ihre Gefühle Amok laufen. Sie fühlte sich verletzlich und wehrlos, und das machte sie aggressiv.

Normalerweise hieß sie jeden, der ihre Küche betrat, herzlich willkommen. Kritiker lobten ihre Gastfreundschaft und die nette, persönliche Atmosphäre ihres Restaurants. Bei Santo konnte sie sich nicht einmal zu einem „Guten Abend“ durchringen. Weil sie ihm keinen guten Abend wünschte.

Er sollte zur Hölle fahren und dort bleiben.

Er war der größte Fehler ihres Lebens.

Seinem abschätzigen Blick nach zu urteilen sah er es umgekehrt genauso.

„Welche Überraschung. Die Ferrara-Brüder steigen doch sonst nicht aus ihrem Elfenbeinturm herab, um sich unter uns gewöhnliche Sterbliche zu mischen. Willst du die Konkurrenz ausspionieren?“ Mühsam versuchte sie, ihre wachsende Panik hinter kühler Ironie zu verbergen.

Wusste er Bescheid?

Hatte er es herausgefunden?

Die Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen brachte sie einen Moment lang aus dem Konzept. Er hatte einen schönen, sinnlichen Mund. Der ganze Mann war auf raue Art attraktiv und sexy. Wie geschaffen dafür, Frauen in seinen Bann zu ziehen. Was er Gerüchten zufolge erschreckend oft tat.

Sie aber konnte er mit seinem lässigen Auftreten nicht täuschen. Santo Ferrara war der gefährlichste Mann, der ihr je begegnet war.

Ohne ein einziges Wort mit ihm gewechselt zu haben, war sie ihm damals verfallen. Selbst jetzt, Jahre später, konnte sie sich nicht erklären, was in jener Nacht passiert war. Sie war allein gewesen, in ihren Kummer versunken, als sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter gespürt hatte. Dann war alles ganz schnell gegangen.

Hatte sie bei ihm Trost gesucht? Vielleicht. Doch Trost klang nach Wärme und Zärtlichkeit, und beides war damals entschieden zu kurz gekommen.

Scheinbar ungerührt erwiderte er: „Ich habe so viel Gutes über dein Restaurant gehört, da wollte ich mich selbst überzeugen, ob es stimmt.“

Er weiß es nicht, dachte sie erleichtert, sonst würde er keine Zeit mit Geplänkel verlieren.

„Es stimmt, aber leider wirst du deine Neugier nicht befriedigen können, denn wir sind ausgebucht.“ Sie glaubte keine Sekunde, dass er nur hier war, um ihr Essen zu testen. Aber warum sonst?

„Wir beide wissen, dass du einen Tisch für mich frei hättest, wenn du nur wolltest.“

„Ich will aber nicht.“ Ihre Finger schlossen sich fester um den Messergriff. „Seit wann isst ein Ferrara am Tisch eines Baracchi?“

Der Blick, den er ihr unter halb gesenkten Wimpern zuwarf, ließ ihr Herz schneller schlagen. Er erinnerte sie daran, dass sie vor langer Zeit nicht nur am selben Tisch gegessen, sondern ihren Hunger auf ganz andere Weise gestillt hatten. Wild vor Verlangen, hatten sie einander voll ausgekostet. Sie spürte noch seinen Geschmack auf den Lippen, fühlte seinen starken, muskulösen Körper in ihren Armen erschauern.

Ihre Handflächen wurden feucht und ihre Knie weich, als sie nur daran dachte.

Er lächelte. Nicht freundlich, sondern siegessicher. „Setz dich mit mir an einen Tisch, Fia.“

Sein zwangloser Ton suggerierte eine Vertrautheit, die es nicht gab. Ein Mann wie er musste immer alles unter Kontrolle haben. Auch damals, als er sie mit seiner flammenden Leidenschaft überrascht hatte, hatte er die Oberhand behalten.

Sie hatte mit ihm geschlafen, weil sie sich verzweifelt nach Nähe gesehnt hatte.

Er hatte mit ihr geschlafen, einfach weil er die Möglichkeit dazu hatte.

„Es ist mein Tisch, von dem du sprichst. Und du bist nicht eingeladen.“ Sie musste ihn unbedingt loswerden. „Dein eigenes Restaurant ist nebenan, da wird man dich sicher gern bewirten, wenn auch nicht so gut wie hier.“

Er blieb erstaunlich ruhig, was sie nur noch nervöser machte.

„Ich muss deinen Großvater sprechen. Wo ist er?“

Deshalb also war er hier. Um eine neue Runde fruchtloser Verhandlungen einzuläuten. Ein Glück, dass er nicht tagsüber ge­kommen war. „Bist du lebensmüde? Du weißt, wie er zu dir steht.“

„Weiß er auch, wie du zu mir stehst?“

Seine Anspielung auf ihr lustvolles Abenteuer erschreckte sie. Sie hatten nie wieder ein Wort über diese Nacht verloren. Drohte er ihr jetzt damit, sie bloßzustellen? Vielleicht hatte er nur mit ihr geschlafen, um ein Druckmittel gegen sie in der Hand zu haben!

„Mein Großvater ist alt und fühlt sich nicht wohl. Sag mir, was du zu sagen hast. Ich leite das Restaurant.“

„Aber das Land gehört ihm.“ Sein sanfter Ton wirkte gefährlicher als jeder Zornausbruch. Zu ihrer Verärgerung schien sie ihn längst nicht so aus der Ruhe zu bringen wie er sie.

Ihr fiel ein, was sie über ihn gelesen hatte: dass er die großen Schuhe seines Bruders mehr als ausfüllte, seit er die Führung der internationalen Hotelkette übernommen hatte. Wie naiv von ihr, zu glauben, das Beach Club Hotel sei zu klein und unbedeutend, um den Big Boss höchstpersönlich zu interessieren. Im Gegenteil, gerade das machte den Reiz für ihn aus. Er wollte das Hotel vergrößern, und dafür …

„Du willst unser Land.“

„Das einmal unser Land war“, stellte er klar. „Bis einer deiner skrupellosen Vorfahren, von denen es entschieden zu viele gab, meinem Urgroßvater durch Erpressung den halben Strand abgeluchst hat. Im Gegensatz zu ihm bin ich bereit, einen fairen Preis dafür zu zahlen.“

Es geht um Geld, wie immer, dachte sie wütend. Die Ferraras glaubten, alles kaufen zu können.

Ihre Angst wuchs. Wenn Santo es auf das Land abgesehen hatte, wäre sie nie mehr sicher vor ihm.

„Mein Großvater verkauft nie im Leben an dich. Du verschwendest deine Zeit. Flieg zurück nach New York oder Rom oder wo immer du momentan wohnst und such dir ein anderes Projekt.“

„Ich wohne hier.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Und ich kümmere mich persönlich um dieses Projekt.“

Schlechtere Nachrichten hätte es kaum geben können. „Wie gesagt, mein Großvater fühlt sich nicht wohl. Ich lasse nicht zu, dass du ihn aufregst.“

„Dein Großvater ist ein zäher Brocken. Er braucht deine Fürsorge nicht.“ Die oberste Lackschicht von Santos kultiviertem Auftreten begann zu bröckeln. Sein Ton wurde schärfer. „Weiß er, dass du mir die Gäste abspenstig machst?“

In dem großen, gut aussehenden, weltgewandten Mann brodelte ein hitziges Temperament. Niemand wusste das besser als Fia. Sie hatte sich die Finger daran verbrannt.

„Falls du meinst, dass ich köstliches Essen vor einer großartigen Kulisse serviere, bekenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage.“

„Wegen dieser großartigen Kulisse bin ich hier.“

Nur deshalb also. Nicht wegen ihr oder dem, was damals geschehen war.

Wäre sie nicht so erleichtert gewesen, dass nichts Schlimmeres hinter seinem Besuch steckte, hätte sie allen Grund gehabt, über sein mangelndes Feingefühl empört zu sein. Immerhin hatte es damals einen Toten gegeben. Es war Blut geflossen.

Doch ein lästiger Todesfall am Rande konnte einen Ferrara auf seinem steilen Weg nach oben natürlich nicht aufhalten. Ihm lag nur daran, sein Imperium auszubauen.

„Unsere Unterhaltung ist beendet. Ich muss arbeiten.“ Er sollte endlich gehen.

Was er natürlich nicht tat. Ein Ferrara tat nur, was er tun wollte.

Lässig an den Türrahmen gelehnt, erkundigte er sich spöttisch: „Wozu das Messer, Fia? Hast du Angst, ich könnte dir gefährlich werden? Ich brauche keine fünf Sekunden, um es dir abzunehmen.“

„Und ich keine zwei, um es dir zwischen die Rippen zu stoßen.“ Ein Bluff. Sie wusste, wie stark er war.

„Begrüßt du deine Gäste immer so herzlich?“ Seine dunklen Augen funkelten herausfordernd. Beim Kochen genügte eine winzige Prise des richtigen Gewürzes, um einem Gericht den entscheidenden Pep zu verleihen. In ihrem Verhältnis zu Santo war es der Hauch des Verbotenen, der für knisternde Spannung sorgte. Sie hatten das Unsagbare, das Unverzeihliche getan.

„Du bist kein Gast, Santo.“

„Koch für mich, dann bin ich einer.“

Koch für mich.

Dass er damals gegangen war, ohne sich noch einmal umzudrehen, konnte sie noch hinnehmen, denn außer heißem Sex war nichts gewesen. Es war nicht seine Schuld, dass sie seitdem ständig von ihm träumte. Doch nach all den Jahren hier hereinzuspazieren und zu erwarten, dass sie ihn bewirtete, als gäbe es etwas zu feiern, war so dreist, dass es ihr den Atem verschlug.

„Sorry, gemästetes Kalb zur Feier deiner Rückkehr steht heute nicht auf der Speisekarte. Und jetzt verschwinde aus meine Küche. Gina ist für die Reservierungen zuständig, aber wir haben nichts frei. Heute nicht und an keinem anderen Tag, an dem du auf die Idee kommen solltest, hier essen zu wollen.“

„Gina ist die hübsche Blonde, ja?“

Sie hätte sich denken können, dass Gina ihm aufgefallen war. Die kurvige Blondine passte in Santo Ferraras Beuteschema wie eine Antilope in das eines Löwen. Was sie überraschte, war der Stich, den es ihr versetzte. Es sollte ihr eigentlich egal sein, mit wem Santo ins Bett ging. Sie hatte nie vorgehabt, Gefühle für ihn zu entwickeln. Sie hatte schon als Kind gewusst, dass Liebe nur Schmerz bedeutete.

„Verlieb dich nie in einen Sizilianer“, hatte ihre Mutter ihrer achtjährigen Tochter mit auf den Weg gegeben, bevor sie für immer aus ihrem Leben verschwunden war.

Von Gefühlen überwältigt, wandte Fia sich ab, um weiter auf den Knoblauch einzuhacken.

„Du solltest nicht mit einem Messer hantieren, wenn dir die Hände zittern. Das ist gefährlich.“ Santos Stimme kam von dicht hinter ihr. Zu dicht. Sie spürte seine Nähe und seine Wärme und sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach ihm. Es war zum Verrücktwerden!

„Ich zittere nicht.“

„Nein?“ Seine kräftige sonnengebräunte Hand schloss sich um ihre. Sofort fühlte sie sich zurückversetzt in jene heiße Sommernacht, als seine Küsse auf ihren Lippen brannten und seine geschickten Finger sie zur Ekstase getrieben hatten. „Denkst du noch manchmal daran?“

Überflüssig, zu fragen, was er meinte.

Manchmal? Du meine Güte, wenn er wüsste!

„Lass mich los.“

Er drückte ihre Hand. „Die Küche schließt um zehn. Dann reden wir weiter.“

Sein Befehlston brachte sie auf die Palme. „Meine Arbeit endet, wenn alle Gäste weg sind, und dann gehe ich ins Bett.“

„Mit dem Jüngling mit dem Dackelblick, der für dich arbeitet? Gehst du jetzt auf Nummer sicher, Fia?“

Empört fuhr sie zu ihm herum und streifte dabei versehentlich seinen harten, muskulösen Oberschenkel. Sie zuckte zusammen, als hätte sie einen Stromstoß erhalten. Es war, als hätten ihre Körper einander wiedererkannt. „Es geht dich nichts an, mit wem ich ins Bett gehe.“

Ihre Blicke trafen sich, vermittelten einander eine stumme Botschaft, die sie beide nie aussprechen würden. Fia spürte, wie sich tief in ihr etwas regte. Etwas, das sie auf keinen Fall wahrhaben wollte.

Sie wusste nicht, was passiert wäre, wenn Gina nicht just diesen Moment gewählt hätte, um in die Küche zu platzen. Fia blieb fast das Herz stehen vor Schreck, als sie sah, wen die junge Frau mitgebracht hatte.

Ihr Glück hatte sie verlassen.

„Er hat schlecht geträumt, der Süße.“ Lächelnd tätschelte Gina dem schluchzenden Bündel auf ihrem Arm den Kopf. „Ich dachte, ich bringe ihn zu seiner Mama.“

Hilflos musste Fia mit ansehen, wie das Unglück seinen Lauf nahm.

Unter anderen Umständen hätte es ihr vielleicht Genugtuung bereitet, zu sehen, wie es einem Ferrara die Sprache verschlug.

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