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Gestohlene Leidenschaft

1. KAPITEL

„Öffnen Sie ihn!“

Fast zwei Tage hatte Khalis Tannous auf diesen Moment gewartet. Gespannt beobachtete er, wie die beiden Experten, die er mit der Öffnung des Tresorraums seines Vaters beauftragt hatte, endlich die Tür aus den Angeln hoben. Zuvor hatten sie vergeblich versucht, den Sicherheitscode zu knacken. Schließlich mussten sie sich der neusten Lasertechnologie bedienen, um durch die Stahltür zu schneiden.

Khalis wusste nicht, was sich hinter der Tür verbarg. Er hatte nicht einmal von der Existenz des Tresorraums im Keller des Gebäudes auf der Privatinsel gewusst. Was er in den anderen Räumen an belastendem Material gefunden hatte, hätte gereicht, um seinen Vater lebenslänglich hinter Gitter zu bringen – wäre er noch am Leben gewesen.

„Es ist stockfinster“, berichtete einer der Experten, nachdem er und sein Kollege die schwere Tür gegen eine Wand gelehnt hatten.

„Fenster wird es hier unten kaum geben“, witzelte Khalis. Welches dunkle Geheimnis mochte sich hier verbergen? Ein Schatz? Oder noch mehr Ärger? Bei seinem Vater musste man immer mit beiden Möglichkeiten rechnen.

Mit einer Taschenlampe betrat er den unterirdischen Raum und leuchtete hinein. Beklommen sah er sich um. Würde er gleich auf einen neuen Beweis für die Grausamkeit seines Vaters stoßen?

Nach einem weiteren Schritt umhüllte ihn die Dunkelheit wie ein Samtvorhang. Ein weicher Teppich bedeckte den Boden. Es roch nach Holz und Möbelpolitur. Seine Beklommenheit wich Neugier, als er im Lichtkegel der Taschenlampe ein geräumiges Herrenzimmer mit eleganten Sofas und Sesseln und sogar einem Barschrank entdeckte.

Allerdings war kaum vorstellbar, dass sein Vater sich hier einen begehbaren Safe eingerichtet hatte, nur um entspannt ein Glas besten Single Malt zu genießen. Licht erhellte den Raum, als Khalis einen Lichtschalter entdeckte und betätigte. Fasziniert betrachtete er zuerst die Möbel und dann die Wände.

Dicht an dicht hingen die gerahmten Gemälde. Einige erkannte er sofort, bei anderen war er unsicher. Sicher hingegen war, dass es sich hier um ein weiteres Problem und den Beweis für die kriminellen Machenschaften seines Vaters handelte.

„Mr Tannous?“ Die Experten am Eingang zum Tresorraum wurden langsam unruhig, weil ihr Auftraggeber so schweigsam war.

„Alles in Ordnung“, rief er ihnen daher schnell zu – obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. Dieser Fund war unglaublich und schrecklich. Khalis ging weiter in den Raum hinein und entdeckte am anderen Ende eine Holztür. Erwartete ihn hier weiteres Unheil? Die Tür war unverschlossen und führte zu einem kleineren Raum, in dem er zwei weitere Gemälde entdeckte. Khalis kniff die Augen zusammen und betrachtete die Werke näher. Wenn er sich nicht sehr irrte …

„Khalis?“ Sein Assistent und bester Freund Eric rief nach ihm. Schnell verließ Khalis den kleinen Raum und zog die Tür hinter sich zu. Er knipste das Licht aus und verließ den Tresorraum. Draußen traf er auf erwartungsvolle Gesichter.

„Danke, ich brauche Sie nicht mehr. Der Hubschrauber bringt Sie zurück nach Taormina.“ Freundlich nickte er den Technikern zu. „Ich kümmere mich später darum“, fügte er mit Blick auf die ausgehängte Stahltür hinzu.

Er war froh, dass niemand Fragen stellte. Was sich in der Schatzkammer befand, musste geheim gehalten werden, und er traute dem nach dem Tod seines Vaters hier verbliebenen Personal nicht. Die meisten Mitarbeiter hatte er bereits entlassen. Wer für seinen Vater gearbeitet hatte, musste entweder verzweifelt oder völlig skrupellos gewesen sein.

Khalis schaltete das Sicherheitssystem aus, sodass der Lift sie alle wieder nach oben befördern konnte. Ihn quälten entsetzliche Kopfschmerzen. Seit seiner Ankunft auf dieser gottverlassenen Insel vor einer Woche war er permanent angespannt. Als er von dem Hubschrauberabsturz erfahren hatte, bei dem sein Vater und sein Bruder ums Leben gekommen waren, hatte er den ersten Flug von San Francisco genommen.

Er hatte seine Familie zuletzt vor fünfzehn Jahren gesehen. Mit Tannous Enterprises, dem dynamischen Konzern seines Vaters, hatte er nichts zu tun. Das Unternehmen war riesig, mächtig und durch und durch korrupt – und gehörte jetzt ihm. Da sein Vater ihn enterbt hatte, nachdem er ihm und dem Unternehmen mit einundzwanzig Jahren den Rücken gekehrt hatte, war das eine große Überraschung für Khalis gewesen.

Im Arbeitszimmer seines Vaters überlegte Khalis, wie er hinsichtlich der Schatzkammer vorgehen sollte. Seit einer Woche versuchte er nun, sich einen Überblick über die Vermögenswerte seines verstorbenen Vaters zu verschaffen, von denen fraglos viele auf illegalem Weg den Besitzer gewechselt hatten.

Draußen glitzerte einladend das Mittelmeer in strahlendem Sonnenschein, doch für Khalis war die Insel alles andere als paradiesisch. Hier hatte er einen Teil seiner Kindheit verbracht. Und hier fühlte er sich heute wie ein Gefangener. Das lag nicht allein an den hoch aufragenden, mit Glassplittern und Stacheldraht gekrönten Schutzmauern, die das komplette Anwesen umgaben, sondern auch an seinen Erinnerungen. Tiefe Verzweiflung hatte ihn damals bewogen, aus diesem Gefängnis auszubrechen. Vor seinem geistigen Auge tauchte Jamilah auf, wie sie ihm todunglücklich zum letzten Mal nachwinkte.

Lass mich hier nicht allein zurück, Khalis.

Ich hole dich bald aus dieser Festung, Jamilah. Versprochen.

Verzweifelt verscheuchte er die schmerzliche Erinnerung – wie so oft in den vergangenen fünfzehn Jahren. Er musste damals gehen und hatte keine andere Wahl gehabt. Nur die Folgen seines Handelns hatte er leider nicht bedacht.

„Khalis?“

Eric betrat das Büro und wartete auf Anweisungen. In T-Shirt und Surfershorts wirkte er sogar hier auf Alhaja wie ein kalifornischer Beachboy. Hinter dem lässigen Äußeren verbargen sich ein blitzgescheiter Verstand und eine Computerfertigkeit, die der von Khalis in nichts nachstand.

„Wir müssen so schnell wie möglich einen Kunstsachverständigen einfliegen lassen, Eric. Möglichst den besten, der auf dem Markt verfügbar ist. Und er muss sich auf Renaissancegemälde spezialisiert haben.“

„Willst du damit sagen, dass in dem Tresorraum Gemälde lagern?“, fragte Eric erstaunt und beeindruckt zugleich.

„Ja. Wenn mich nicht alles täuscht, hängen da unten Millionenwerte.“ Ausdruckslos betrachtete er die Liste der Vermögenswerte, die er bereits zusammengestellt hatte: Immobilien, Technologie, Investitionen, Beteiligungen an Regierungsprojekten und so weiter. Tannous Enterprises hatte seine schmutzigen Finger überall drin. Wie verwandelt man einen Konzern mit einem so anrüchigen Ruf in ein mustergültig operierendes Unternehmen? Diese Frage stellte Khalis sich nicht zum ersten Mal.

Es war ein Ding der Unmöglichkeit!

„Khalis?“ Eric hakte nach.

„Organisiere einen Kunstsachverständigen, und lass ihn auf die Insel bringen! Und diskret, wenn ich bitten darf.“

„In Ordnung. Und was passiert mit den Gemälden, nachdem sie begutachtet worden sind?“

Khalis lächelte bitter. „Dann trenne ich mich von ihnen.“ Mit gestohlenen Kunstwerken wollte er nichts zu tun haben. „Und wir informieren die Justiz. Ich möchte vermeiden, dass Interpol hier herumschnüffelt.“

Eric pfiff leise durch die Zähne. „Das ist ja alles ein ziemlicher Schlamassel.“

„Das, werter Eric, ist die Untertreibung des Jahrhunderts.“

„Ich kümmere mich sofort um einen Experten.“

„Tu das. Je eher wir dieses Problem gelöst haben, desto besser.“

„Befürchtest du, die Gemälde könnten gestohlen werden?“ Eric sah ihn überrascht an. „Wohin könnte man sie denn bringen?“

„Keine Ahnung. Aber ich traue hier niemandem über den Weg.“

Sein Freund kniff die blauen Augen zusammen. „Man hat dir hier ganz schön übel mitgespielt, oder?“

„Ich war hier mal zuhause“, erklärte Khalis ausweichend, widmete sich demonstrativ wieder seiner Arbeit und hörte, wie Eric leise die Tür hinter sich schloss.

„Ein Sonderauftrag für unsere Mona Lisa.“

„Sehr witzig.“ Grace Turner drehte sich auf ihrem Bürosessel um und musterte David Sparling, einer ihrer Kollegen bei Axis Art Insurers und Spezialist für Picasso-Fälschungen. „Worum geht es denn?“ Sie dachte gar nicht daran, nach dem Blatt Papier zu schnappen, das er vor ihrer Nase baumeln ließ. Stattdessen lächelte sie nur kühl.

„Dieses Lächeln!“ David grinste zufrieden. Den Spitznamen Mona Lisa hatte Grace gleich nach ihrer Einstellung bei Axis bekommen. Nicht nur wegen ihres Lächelns, sondern auch weil sie eine ausgewiesene Expertin für Renaissancekunst war. „Jemand benötigt dringend einen Sachverständigen für die Bewertung einer Privatsammlung. Genauer gesagt wird jemand gesucht, der sich auf Renaissancekunst spezialisiert hat.“

„Tatsächlich?“ Grace ließ sich ihr Interesse nicht anmerken.

„Tatsächlich.“ David hielt ihr das Blatt noch näher hin. „Bist du denn nicht wenigstens ein klitzekleines bisschen neugierig?“

Sie wandte sich wieder dem Computermonitor zu und starrte auf ihre Expertise über eine Caravaggio-Fälschung aus dem siebzehnten Jahrhundert. Die Fälschung war nicht schlecht, würde aber kaum den Verkaufspreis erzielen, den der Kunde sich erhofft hatte. „Nein.“

David lachte amüsiert. „Auch nicht, wenn ich dir verrate, dass der Experte auf eine Privatinsel im Mittelmeer geflogen wird und alle Auslagen erstattet werden?“

„Das versteht sich ohnehin von selbst.“ Privatsammlungen ließen sich nicht so einfach transportieren, zumal die meisten Sammler anonym bleiben wollten. „Kennst du den Sammler?“, erkundigte sie sich dann doch. Die Besitzer einer Sammlung bedeutender Renaissancewerke konnte man an einer Hand abzählen. Sie waren sehr diskret und hatten es nicht gern, wenn Sachverständige oder Versicherungsagenten begutachteten, was an ihren Wänden hing.

„Leider nicht.“ Bedauernd schüttelte David den Kopf. „Alles streng geheim. Aber du sollst umgehend zum Chef kommen.“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“ Verärgert stand sie auf, riss David den Computerausdruck aus der Hand und machte sich auf den Weg zu Michel Latour, dem Geschäftsführer der Kunstversicherung. Michel war einer der einflussreichsten Männer in der Welt der Kunst und der älteste Freund ihres Vaters.

„Du wolltest mich sprechen?“

Michel, der nachdenklich auf die Pariser Rue St. Honoré hinausgeblickt hatte, wandte sich um. „Ja, schließ bitte die Tür.“

Grace folgte seiner Bitte.

„Hast du meine Nachricht erhalten?“

„Eine Privatsammlung mit Werken aus der Renaissance soll begutachtet werden. Meines Wissens kommt dafür nur eine Handvoll von Sammlern als Auftraggeber infrage.“

„Es ist keiner von ihnen.“

„Nein?“

Michel rang sich ein Lächeln ab. „Tannous. Schon mal gehört?“

„Tannous?“ Grace musterte ihren Chef ungläubig. „Balkri Tannous?“ Ein völlig skrupelloser und angeblich kunstbesessener Geschäftsmann. Niemand wusste, welche Werke sich in seinem Besitz befanden und ob die Sammlung überhaupt existierte. Doch jedes Mal, wenn ein Gemälde aus einem Museum gestohlen wurde, kam sein Name ins Spiel. Zuletzt waren ein Klimt aus einer Galerie in Boston und ein Monet aus dem Louvre verschwunden. Und beide Male wurden die Diebstähle mit Balkri Tannous in Verbindung gebracht.

„Er ist doch kürzlich gestorben, oder?“, fragte Grace nachdenklich.

„Stimmt. Er ist letzte Woche bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen“, bestätigte Michel. „Man vermutet Sabotage. Die Anfrage kommt von seinem Sohn.“

„Ist der nicht auch bei dem Absturz umgekommen?“

„Es geht um den anderen Sohn.“

Von einem zweiten Sohn hörte sie zum ersten Mal. „Meinst du, er will die Sammlung verkaufen?“

„Darüber ist mir nichts bekannt.“ Michel ging zu seinem Schreibtisch, schlug einen Schnellhefter auf und blätterte darin. Es war ein Verzeichnis ungeklärter Kunstdiebstähle. Tannous wurde mit jedem dieser Fälle in Verbindung gebracht, man hatte ihm jedoch nie etwas nachweisen können.

„Wenn er die Bilder auf dem Schwarzmarkt verkaufen will, wendet er sich bestimmt nicht an uns“, dachte Grace laut nach. Es gab eine Vielzahl zwielichtiger Sachverständiger. Axis hingegen genoss einen untadeligen Ruf.

„Nein.“ Michel gab ihr recht. „Ich glaube nicht, dass er die Sammlung auf dem Schwarzmarkt verkaufen will.“

„Meinst du, er will die Bilder spenden?“, fragte Grace ungläubig. „Die Sammlung könnte Millionen, wenn nicht sogar eine Billion Dollar wert sein.“

„Soweit ich informiert bin, braucht er das Geld nicht. Aber darum geht es wohl nicht.“

„Wer ist der Mann überhaupt? Ich hatte keine Ahnung, dass Tannous noch einen Sohn hat.“

„Er verließ die Familie, als er einundzwanzig war und nachdem er an der Universität Cambridge ein ausgezeichnetes Mathematikexamen abgelegt hatte. In den USA hat er seine eigene IT-Firma gegründet und es mit ihr zu einem stattlichen Vermögen gebracht.“

„Und seine Firma in den USA ist nicht in illegale Machenschaften verwickelt?“, fragte Grace skeptisch.

„Anscheinend nicht. Die Anfrage ist sehr dringend. Er möchte die Sammlung umgehend begutachten lassen.“

„Wozu die Eile?“

„Vermutlich, weil er als ehrbarer Geschäftsmann die illegal in den Besitz seines Vaters gelangten Kunstwerke so schnell wie möglich loswerden will.“

„Falls er wirklich so ehrbar ist“, gab Grace zu bedenken.

Ein Anflug von Mitgefühl blitzte in Michels klugen grauen Augen auf. Dann schüttelte er bedenklich den Kopf. „Zynismus passt nicht zu dir, Grace.“

„Blauäugigkeit aber auch nicht.“ Sie wandte sich ab und dachte über Michels Enthüllungen nach.

„Du möchtest sicher mit eigenen Augen sehen, was sich in dem Tresorraum befindet, oder?“, erkundigte sich Michel leise.

Natürlich war sie neugierig, aber das Leben hatte sie gelehrt, vorsichtig zu sein. Versuchungen lauerten überall. „Warum übergibt er die Sammlung nicht der Polizei?“

„Vermutlich wird er das nach der Begutachtung tun.“

„Eine Begutachtung kann Monate dauern, je nachdem wie umfangreich die Sammlung ist“, warf Grace ein.

„Sicher, für eine ausführliche Expertise braucht man so lange. Aber Khalis Tannous möchte nur, dass jemand mit Erfahrung auf diesem Gebiet ein Auge auf die Gemälde wirft. Die Sammlung soll wohl schnell fortgeschafft werden.“

Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. „Die Sache gefällt mir nicht, Michel. Du kennst den Mann doch gar nicht.“

„Aber ich vertraue ihm und der Tatsache, dass er sich an die Versicherung mit dem besten Leumund gewandt hat. Das spricht für ihn.“

Trotzdem blieb Grace misstrauisch. Sie vertraute überhaupt keinem Mann, schon gar nicht, wenn es sich um einen reichen, vermutlich korrupten Industriemagnaten handelte!

„Jedenfalls möchte er, dass die Sachverständige noch heute Abend auf Alhaja eintrifft.“

„Heute Abend?“ Verdutzt musterte Grace ihren Chef und Mentor. „Ist das nicht etwas übereilt?“

„Das finde ich nicht. Er will die Sammlung so schnell wie möglich loswerden, bevor jemand auf die Idee kommen könnte, sie zu stehlen. Du weißt ja, wie schnell man der Versuchung erliegen kann.“

„Nur zu gut.“ Sie ließ den Kopf hängen.

„So habe ich das nicht gemeint.“ Michel wünschte, er könnte seine unbedachten Worte zurücknehmen.

„Schon gut.“ Jedenfalls war ihr nun klar geworden, dass sie den Auftrag unmöglich annehmen konnte. Also atmete sie tief durch und sagte: „Tut mir leid, Michel, auf mich kannst du nicht zählen. Du weißt ja, wie vorsichtig ich sein muss.“

Verärgert presste ihr Chef die Lippen zusammen. „Wie lange willst du dir dein Leben denn noch zur Hölle machen lassen von diesem …“

„Solange es erforderlich ist.“ Sie wandte sich schnell ab, um den Schmerz zu verbergen, der sie nun schon seit vier Jahren quälte. Im Kollegenkreis galt sie als kühl, ja sogar emotionslos. Niemand ahnte, welche Pein sich hinter dieser Maske verbarg. Grace musste nur an Katerina denken, und schon kamen ihr die Tränen.

„Ach, chérie.“ Michel seufzte teilnahmsvoll und warf erneut einen Blick auf die Akte. „Ich glaube, dieser Auftrag würde dir guttun.“

„Wie das?“

„Du führst das Leben einer Kirchenmaus oder Nonne. Ist ja auch egal. Jedenfalls wird es Zeit, dass du wieder am Leben teilnimmst.“

Ihr Lächeln war wehmütig. „Aber du weißt schon, dass ich ein zurückgezogenes Leben führen muss, oder?“

„Ich weiß nur, dass du meine beste Sachverständige für Renaissancekunst bist und heute Abend nach Alhaja fliegen wirst.“

Entsetzt starrte sie ihn an und bemerkte dabei seine unnachgiebige Miene. „Ich kann nicht.“

„Du kannst, und du wirst, Grace. Ich spreche jetzt nicht als der beste Freund deines Vaters, sondern als dein Chef. Und als dein Chef erwarte ich, dass du meinen Instruktionen folgst. Ich tue niemandem einen Gefallen. Auch dir nicht, Grace.“

Letzteres entsprach nicht der Wahrheit, denn vor vier Jahren hatte Michel ihr einen sehr großen Gefallen getan, als sie nicht mehr ein noch aus gewusst hatte. Mit seinem Angebot, bei Axis zu arbeiten, hatte er ihr praktisch das Leben gerettet.

„Könntest du den Auftrag nicht selbst übernehmen?“, bat sie verzweifelt.

„Im Gegensatz zu dir bin ich kein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Renaissancekunst.“

„Bitte, Michel.“

„Nein, Grace.“

Bedrückt ließ sie den Kopf hängen. „Aber wenn Loukas herausfindet, dass …“

„Was? Dass du deinen Job machst? Dagegen kann wohl selbst er nichts haben.“

„Trotzdem.“ Nervös verschränkte sie die Hände. Sie wusste, wie explosiv die Kunstwelt sein konnte. Der Umgang mit den erlesensten und teuersten Kunstwerken der Welt erweckte Leidenschaft und Besitzanspruch. Grace hatte selbst erfahren, wie ein schönes Gemälde Verlangen vergiften, Liebe in Hass verkehren und Schönheit in Hässlichkeit verwandeln konnte. Diese Erfahrung wollte sie nie wieder machen.

„Niemand wird je erfahren, wo du dich aufhältst. Es ist alles ganz sicher, Grace.“

Allein auf einer einsamen Insel mit dem vergessenen Sohn eines korrupten und verhassten Industriemagnaten? Grace glaubte Michel kein Wort. Sie kannte Typen wie Balkri Tannous. Sie waren skrupellos, grausam und mordsgefährlich! Woher sollte sie wissen, ob sein Sohn aus anderem Holz geschnitzt war?

„Und du bist ja nicht allein mit ihm auf der Insel“, beruhigte Michel sie. „Dort gibt es Personal.“

„Trotzdem ist mir nicht wohl dabei. Wie viele Tage sind für die Begutachtung angesetzt?“

„Eine Woche vielleicht. Das hängt davon ab, was du dort vorfindest.“

„Eine Woche!“

„Ende der Diskussion, Grace.“ Michel stand auf. „Dein Flug geht in drei Stunden.“

„Unmöglich! Ich habe noch nicht einmal meinen Koffer gepackt.“

„Dazu bleibt dir noch genug Zeit.“ Aufmunternd lächelte er ihr zu. „Nimm einen Badeanzug mit. Das Mittelmeer ist zu dieser Jahreszeit schon angenehm warm. Vielleicht lässt Khalis Tannous dir Zeit zum Schwimmen.“

Beim Klang des Namens lief Grace ein Schauer über den Rücken. Was mochte der Sohn dieses skrupellosen Kriminellen für ein Mann sein? Er hatte sich mit einundzwanzig Jahren von seinem Vater abgewendet. Und nun stand er an der Spitze eines korrupten Konzerns, den er geerbt hatte. Würde die Macht ihn korrumpieren?

„Ich beabsichtige nicht zu schwimmen“, erklärte sie knapp. „Je schneller ich den Job erledigt habe, desto besser.“

„Wie du willst. Aber ich finde, du könntest dich zur Abwechslung auch mal amüsieren.“

Doch Grace wusste, wohin das führte, und schüttelte energisch den Kopf. Amüsieren würde sie sich nie wieder!

2. KAPITEL

„Da unten ist sie.“

Grace reckte den Hals, um aus dem Fenster des Hubschraubers sehen zu können, der sie auf Sizilien an Bord genommen hatte, um sie nach Alhaja zu bringen. Aus dieser Entfernung wirkte die Insel wie eine felsige, sichelförmige Winzigkeit vor der tunesischen Küste. Nervös strich sie ihren beigefarbenen Seidentrenchcoat glatt.

„Wir landen in zehn Minuten“, fügte der Pilot freundlich hinzu.

Grace lehnte sich wieder zurück und war froh, dass sie den Flug bald überstanden hatte. Der Lärm der Rotorblätter war ohrenbetäubend. Vor gut einer Woche waren Khalis Tannous nächste Angehörige bei einem Hubschrauberabsturz hier über dem Mittelmeer ums Leben gekommen. Sie hoffte inständig, diesem Schicksal zu entgehen.

Der Pilot schien ihre Unruhe zu spüren, denn er lächelte ihr aufmunternd zu. „Keine Sorge, Sie sind hier ganz sicher.“

„Danke.“ Sie schloss schnell die Augen, als die Maschine tiefer ging. Ihre Anspannung wurde schier unerträglich. Grace gehörte zwar zu den renommiertesten Expertinnen europäischer Renaissancekunst, doch dieser Auftrag fiel aus dem üblichen Rahmen. Normalerweise hatte sie es mit Museen zu tun und begutachtete und versicherte Gemälde, die in heiligen Hallen rund um den Erdball hingen. Der Beruf führte sie in unscheinbare Hinterzimmer und sterile Labors – abseits von öffentlichem Interesse und Skandalen. In der Regel übernahm Michel die Begutachtung von Privatsammlungen und setzte sich mit ihren schwierigen und oft unberechenbaren Eigentümern auseinander.

Doch dieses Mal hatte er darauf bestanden, dass sie den Auftrag übernahm. Als sie die Augen wieder öffnete, schwebte der Helikopter bereits dicht über dem Boden. Ein schmaler Sandstrand, eine Felsenbucht, dichter Baumbestand und vor allem ein hoher, mit Stacheldraht und Glassplittern bewehrter Metallzaun fielen ihr auf. Letzterer gehörte wohl zu den sichtbaren Sicherheitsvorkehrungen des Tannous-Anwesens.

Die Maschine setzte auf dem Landeplatz auf, neben dem bereits ein schwarzer Jeep wartete. In geduckter Haltung lief Grace vom Hubschrauber auf einen schlanken, mit T-Shirt und abgeschnittenen Jeans bekleideten blonden Mann zu, der lässig am Wagen lehnte.

„Ms Turner? Ich bin Eric Poulson, der persönliche Assistent von Khalis Tannous. Willkommen auf Alhaja.“

Sie nickte nur wortlos. Wie einen kalifornischen Beachboy hatte sie sich den engsten Mitarbeiter des Tannous-Sprosses nicht vorgestellt.

Höflich öffnete er ihr die Tür, warf ihre Reisetasche auf den Rücksitz und setzte sich ans Steuer.

„Werde ich von Mr Tannous erwartet?“, fragte sie.

„Ja, aber Sie können sich gern vorher frisch machen und etwas entspannen.“

Das entscheide ich selbst, dachte Grace irritiert. Sie konnte es nicht leiden, wenn man sie bevormundete. „Ich dachte, es wäre dringend.“

Eric lachte amüsiert. „Wir sind hier auf einer Mittelmeerinsel, Ms Turner. Was ist da schon dringend?“

Was war denn das für eine Arbeitsauffassung? Völlig entgegengesetzt zu ihrer eigenen: professionell und diskret.

Eine Schotterstraße führte zu dem extra gesicherten, abweisend wirkenden Haupttor des Anwesens. Geräuschlos glitt das Tor zur Seite und schloss sich wieder, sowie der Jeep es passiert hatte. Im Gegensatz zu Grace, die sich sofort wie eine Gefangene fühlte – wieder einmal –, machte Eric einen völlig entspannten Eindruck. Aber offensichtlich war ihm auch der Sicherheitscode zum Tor bekannt. Herzrasen und Übelkeit überfielen sie, als sie so unvermutet an ihre Vergangenheit erinnert wurde.

Warum habe ich mich nur auf diesen Auftrag eingelassen? dachte sie verzweifelt.

Sicher nicht nur, weil Michel darauf bestanden hatte. Denn er hätte ihr nicht gleich den Stuhl vor die Tür gestellt, wenn sie es abgelehnt hätte, nach Alhaja zu fliegen. Nein, sie hatte eingewilligt, weil sie die Kunstsammlung gern mit eigenen Augen sehen und dafür sorgen wollte, dass die Gemälde bald wieder an ihrem rechtmäßigen Platz im Museum hängen würden. Mit anderen Worten: Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen.

Dabei wusste sie doch nur zu gut, wohin das führen konnte.

Als der Wagen hielt, stieg sie aus und blickte sich langsam um. Das Gebäude ähnelte einem Bunker.

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