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Gestern, heute – jetzt!

1. KAPITEL

Schon auf den ersten Blick verliebte sich Simone Duvalier in das elegante zweistöckige Hotel inmitten von Australiens bekanntester Weinbauregion. Also gut, es konnte sich nicht mit einem französischen Château aus dem siebzehnten Jahrhundert messen, aber wenn man schon eine Hochzeit am anderen Ende der Welt besuchen musste, dann entschädigte einen dieses pittoreske Anwesen doch sehr für die Mühe. Ganz offensichtlich lebte hier jemand mit einem Blick fürs Detail, was der perfekt gepflegte Garten und das stilvolle Gebäude eindeutig bewiesen.

Und was die Landschaft anging … Strahlend blauer Himmel, von Eukalyptusbäumen bewaldete Hügel, die sich am fernen Horizont abzeichneten, makellose Reihen von Weinreben entlang der Auffahrt … Simone hatte wilde Natur erwartet, aber hier war auch eine Ordnung zu entdecken, und das überraschte sie. Sie mochte Überraschungen. Dadurch wurde ihre Nervosität ein wenig überdeckt, die sie bei dem Gedanken befiel, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie Rafael Alexander wiedersah.

Rafe, der Ehrgeizige, der Getriebene, der Brillante.

Rafe, der Mann, den sie verschmäht hatte.

Ob er immer noch einen Groll gegen sie hegte? Nach fast neun Jahren? Sie würde es schon bald herausfinden.

Wenigstens hatte sie dafür gesorgt, dass er sie nicht hinauswerfen konnte. Das Land um das Hotel gehörte zu Rafaels Besitz, aber nicht das Hotel selbst. So sehr Gabrielle auch darauf beharrt hatte, dass die Hochzeit in Australien stattfand und nicht in Frankreich – als Ort hatte sie dieses Hotel gewählt und nicht das Weingut ihres Bruders.

Neutraler Boden. Simone war ihr dankbar dafür.

Mit grimmigem Lächeln fuhr sie die schmale Auffahrt entlang und stellte den gemieteten Audi auf dem Parkplatz hinter dem Hotel ab. Immerhin hatte sie einen vollen Tag, um sich auf die Begegnung mit Rafe vorzubereiten. Zeit genug, um sich von dem langen Flug und der anstrengenden Fahrt durch das enge Tal zu erholen. Zeit genug, um ein betont glückliches Lächeln aufzusetzen und sich der Situation zu stellen.

„Schritt für Schritt“, murmelte sie. Auf diese Weise war sie bis hierher gekommen. Indem sie einen Fuß vor den anderen setzte und sich dazu zwang, auf den Augenblick zuzugehen, den sie so fürchtete.

Courage, mon amie, hatte Gabrielle ihr zugeflüstert, als sie Simone verriet, dass die Hochzeit in Australien stattfinden würde und dass Rafe zugestimmt hatte, Lucs Trauzeuge zu sein.

Courage – dabei befahl ihr Instinkt, dass sie ihre Pflichten als Brautjungfer vergessen und flüchten sollte.

Doch Gabrielle ließ nicht mit sich reden. Es ist an der Zeit, dass du ihm gegenübertrittst. Genauso wie es an der Zeit ist, dass er dir gegenübertritt.

Courage.

Jetzt war sie hier. Endlich setzte sie ihren Fuß auf australischen Boden und stellte sich den Gespenstern der Vergangenheit – was auch immer dabei herauskommen mochte. Allerdings noch nicht sofort. Es reichte vollkommen, wenn sie es am nächsten Tag tat. Im Moment brauchte sie nur ihre Reisetasche, ihre Autoschlüssel, Gabrielles Kleid und ein Zimmer. Hoffentlich gab es im Hotel kein Problem. Ganz bewusst hatte Simone niemanden über ihre frühe Ankunft informiert, nicht mal das Hotelpersonal.

Das Foyer war im französischen Landhausstil gestaltet, auch wenn die fantastischen Blumenarrangements eindeutig australisch wirkten. Die junge Rezeptionistin empfing sie mit einem breiten Lächeln. Als sie die Kleiderhülle erkannte, die über Simones Arm lag, weiteten sich ihre Augen. „Oh“, murmelte sie und trat im nächsten Moment hinter der Rezeption vor, nicht um Simone das Kleid abzunehmen, sondern Reisetasche und Autoschlüssel. „Sie müssen Simone Duvalier sein. Wir haben Sie erst morgen erwartet.“

„Ich weiß. Aber es gab eine kleine Änderung im Flugplan. Ich kann nur hoffen, dass Sie trotzdem heute Nacht ein Zimmer für mich haben.“

„Sie kommen gerade erst aus Paris und sind die ganze lange Strecke hierher allein gefahren?“, fragte die junge Frau überrascht. Auf Simones Nicken hin bemerkte sie: „Kein Wunder, dass Sie erschöpft aussehen! Aber Sie haben Glück. Ich habe Ihr Zimmer heute Morgen vorbereitet, nur die Blumen fehlen noch.“ Sie bedeutete Simone, ihr durch den Gang, der vom Foyer abführte, zu folgen. „Ich werde Ihnen heute Nachmittag welche schneiden, wenn die Sonne nicht mehr auf sie scheint.“

„Die Blumen kommen aus dem eigenen Garten?“, fragte Simone angenehm überrascht, während sie der jungen Australierin durch den weiten Gang folgte.

„Ja, so sind sie immer frisch.“

Das Zimmer, in das die Rezeptionistin Simone führte, wirkte luftig und feminin. Es verfügte über eine eigene kleine Terrasse mit separatem Essbereich. Die Australierin stellte Simones Reisetasche auf dem Gepäckregal ab, zog die Vorhänge zurück und ging auf zwei große Flügeltüren zu, die sie öffnete, um den dahinter liegenden begehbaren Wandschrank zu präsentieren. Auf dem spiegelblanken Holzfußboden waren weiße Tücher ausgebreitet, die einen frischen Zitronenduft verströmten, und in deren Mitte eine nackte Ankleidepuppe stand.

„Gaby hat erwähnt, dass Sie ihr Hochzeitskleid mitbringen würden. Ist diese Puppe in Ordnung, um das Kleid zu drapieren?“

„Perfekt“, entgegnete Simone. „Die Designer bei Yves Saint Laurent wären sicherlich begeistert.“

„Yves Saint Laurent?“ Die junge Frau beäugte die Kleiderhülle in Simones Arm mit unverhohlener Neugierde. „Das hat Gaby nicht erwähnt. Sie trägt ein Brautkleid von Yves Saint Laurent?“

Oui. Und sobald ich geduscht und mich umgezogen habe, werde ich Sie rufen, damit wir das Kleid gemeinsam über die Puppe ziehen können. Dann werden wir die zukünftige Braut bitten, herzukommen und uns zu sagen, was sie davon hält, ja?“

„Oh, ja“, stimmte die Australierin begeistert zu, während Simone das Kleid vorerst behutsam auf dem Bett ablegte. „Fragen Sie nach Sarah. Ich bin immer für Sie da.“ Mit einem letzten Blick auf die Kleiderhülle schwenkte sie Simones Autoschlüssel vor deren Augen hin und her. „Ich bringe den Rest Ihres Gepäcks herein.“

„Vielen Dank. Oh, übrigens im Kofferraum befindet sich ein halbes Dutzend Champagnerkisten.“ Sie hatte sie den ganzen Weg von Caverness hierher transportiert – je schneller sie die Kisten endlich loswurde, desto besser. „Könnten Sie dafür sorgen, dass sie ebenfalls hereingebracht werden?“

„Kein Problem. Wo sollen sie gelagert werden?“

„Ich nehme nicht an, dass Sie über einen Kühlraum verfügen, der auf exakt vier Grad Celsius eingestellt ist?“

„Sie befinden sich im Herzen des australischen Weinlands. Natürlich haben wir so einen Raum.“

Natürlich. Nun war Simone diesem wunderschönen Hotel endgültig verfallen.

Sarah schwenkte noch einmal die Autoschlüssel und ging auf die Tür zu. „Ich schicke einen der Kellermeister mit einer Quittung über Ihren Champagner zu Ihnen hinauf. Die Quittung sagt Ihnen exakt, wo wir die Kisten gelagert haben. Wenn Sie den Champagner zurückhaben wollen, zeigen Sie einfach die Quittung.“

„Er ist für Gabrielles Hochzeitsempfang bestimmt. Ich nehme an, dass die Feierlichkeiten am Sonntag hier im Hotel abgehalten werden?“

Sarah nickte.

„Dann könnten Sie Ihrem Maitre vielleicht mitteilen, dass der Champagner da ist und wo er sich befindet?“

„Das werde ich“, versprach Sarah und ging.

Simone wartete, bis sich die Tür geschlossen hatte, ehe sie zu ihrer Reisetasche ging, ihren Kulturbeutel herausnahm und damit das Badezimmer betrat – ein geschmackvoller Raum ganz aus weißem und grauem Marmor, mit flauschigen Handtüchern und raffinierter Spiegelbeleuchtung. „Oh, ja“, hauchte sie. Dieser Ort steckte wirklich voller Überraschungen. „Ich könnte mich an dich gewöhnen.“

Simone war in großen Reichtum hineingeboren worden, und das Familienvermögen hatte sich in den vergangenen Jahren noch einmal enorm vergrößert, doch das bedeutete nicht, dass sie Reichtum für selbstverständlich hielt. Es war ihre Pflicht, die angenehmen und schönen Dinge des Lebens zu schätzen, was sie gebührend tat.

Eine ganze Weile später trat Simone aus der beschlagenen Duschkabine und griff nach einem plüschigen weißen Handtuch. Sie hatte kaum ihr Haar halbwegs trocken gerubbelt, da hämmerte jemand laut gegen die Tür ihrer Suite.

Der Kellermeister, dachte sie, während sie sich an Sarahs Worte erinnerte. Offensichtlich ein sehr ungeduldiger Mensch.

„Moment“, rief sie, wickelte sich das Handtuch um den Körper und hastete in Richtung Tür, wobei sie sorgfältig darauf achtete, ganz von ihr verdeckt zu sein, ehe sie sie öffnete und vorsichtig hinausspähte.

Kein Kellermeister, auch wenn er in seinen abgetragenen Stiefeln und der alten Arbeitshose fast wie einer aussah. Das graue T-Shirt hatte auch schon bessere Tage gesehen. Es wäre völlig formlos gewesen, wenn die muskulöse Brust darunter es nicht modelliert hätte. Das Gesicht war dasjenige, das sie in ihren Träumen sah – ein starkes, unverschämt attraktives Gesicht. Einst hatte sie es geliebt. Schön war es noch immer. In ihren Träumen lachten diese blauen Augen und luden sie dazu ein, den Scherz mit ihm zu teilen und den Moment zu genießen. Jetzt lachten sie nicht.

„Deine Quittung“, sagte er ruhig und streckte ihr einen weißen Zettel entgegen. „Ich habe gerade den Rotwein für die Hochzeit geliefert, als der Champagner gebracht wurde.“

Sie öffnete die Tür ein klein wenig mehr und nahm die Quittung entgegen. Ihre Finger berührten sich nicht. Genauso wenig wie sich Rafaels Blick erwärmte. Das hier war kein Traum, sondern die harte, unangenehme Realität. „Merci.

„Du bist früh dran“, bemerkte er als Nächstes.

„Ja.“ Was konnte sie schon sagen? Dass sie einen Tag früher gekommen war, damit weder er noch Gabrielle sie vom Flughafen abholen mussten? Dass sie sich den Extratag zugestanden hatte, um sich darauf vorzubereiten und zu wappnen, ihn wiedersehen zu müssen? „Ja. Ein bisschen früh.“

Rafes Augen verengten sich, während er ihr Gesicht musterte. „Darf ich reinkommen?“

„Nein!“ Zu atemlos. Viel zu hastig. „Nein“, wiederholte sie und rang um Fassung. „Das ist gerade kein günstiger Augenblick.“

Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Tut mir leid. Mir war nicht klar, dass du Gesellschaft hast.“

Gesellschaft? Gesellschaft? Als ob sie diese spezielle Hochzeit mit einem Liebhaber im Schlepptau besuchen würde. Sich innerlich verfluchend, trat sie von der Tür zurück und schwang sie so weit auf, dass er sich selbst davon überzeugen konnte, in welcher Gesellschaft sie sich befand. Rafes Blick flog rasch durch den Raum, ehe er sich wieder auf Simone richtete.

„Meine Garderobe lässt im Moment etwas zu wünschen übrig.“ Ihm vollkommen ungeschminkt und nur mit einem Handtuch bekleidet gegenüberzutreten war nicht Bestandteil ihres Masterplans gewesen. „Wenn du also so freundlich wärst, jetzt zu gehen …“

„Ich bin nicht besonders gut darin, freundlich zu sein“, erwiderte er seidenglatt und lehnte sich gegen den Türrahmen. Himmel, er wirkte so stark und männlich. Ganz langsam ließ er seinen Blick über ihren Körper gleiten. „Hübsches Handtuch.“

Es stand ihm wirklich gut, den verruchten Frauenhelden zu geben. Das hatte sie keineswegs vergessen. „Wie ich sehe, legst du es immer noch darauf an, die Welt herauszufordern. Wie … vorhersehbar.“

„Nein, ich habe es aufgegeben, die Welt herausfordern zu wollen. Das war der falsche Ansatz.“ Er lächelte teuflisch. „Jetzt will ich die Welt einfach nur beherrschen.“

„Hm.“ Sie warf ihm einen kühlen Blick zu – zumindest so weit das einer Frau, die nur in ein Handtuch gehüllt war, möglich war. „Ein Psychologe hätte die helle Freude an dir.“

„Ja, wenn sie eine Frau wäre, dann ja“, konterte er. „Aber nur wenn sie nackt und gewillt wäre, ein wirklich böses Mädchen zu sein.“

Simone stockte der Atem, und sie hätte schwören können, dass sie von den Zehenspitzen bis zu den Haarwurzeln errötete.

„Danach könnte sie sich selbst analysieren“, fuhr er in seiner tiefen, verführerischen Stimme fort. „So wäre sie wenigstens beschäftigt, denn es wäre keine Herausforderung, mich zu analysieren. Ich bin eine ganz schlichte Seele, wirklich.“

Nicht, so weit sie es beurteilen konnte. Simone fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen – wie eine Motte zum Licht. Bereitwillig würde sie sich die Flügel verbrennen, wenn sie dafür noch einmal Rafes kaum verhohlene Leidenschaft genießen durfte.

Da ihr Gepäck und ihre Autoschlüssel direkt neben der Tür standen, bückte sie sich nach dem Griff ihres Koffers. Sie war fest entschlossen, ruhig zu bleiben. „Ich bin erst vor wenigen Minuten angekommen. Ich brauche weitere zehn, ehe ich bereit bin, dich zu sehen“, gestand sie und wünschte dabei, ihre Stimme würde fester klingen. Rasch steuerte sie auf das Badezimmer zu, froh darüber, dass der Koffer Rollen besaß. „Mach die Tür hinter dir zu, falls du beschließen solltest, nicht zu warten“, wies sie ihn über die Schulter hinweg an.

„Ich bin nicht dein Diener, Prinzessin.“ Die Schärfe in seinen Worten war unüberhörbar. „Und du warst nie bereit für mich.“

Endlich, dachte sie mit grimmiger Befriedigung. Endlich eine ehrliche Reaktion von ihm. „Tja, nun …“ Angesichts seiner unverhohlenen Feindseligkeit bemühte sie sich um Fassung. „Ich brauche zehn Minuten.“

Sie schloss sich im Bad ein, sank gegen die Wand und atmete tief durch. Versuchsweise streckte sie die Hände aus. Sie zitterten. Ihr Herz sank, wenn sie daran dachte, wie stark seine Wirkung auf sie auch nach all den Jahren noch war. Seufzend schloss sie die Augen und zwang sich zur Ruhe.

Es war an der Zeit, sich anzuziehen. Es war an der Zeit, in ihrem Koffer nach den Kleidern zu suchen, die ihr Selbstbewusstsein und Souveränität verliehen. Kleider, die eine Frau gegen einen Mann wie Rafael wappneten.

Eine graue Hose und ihr Lieblings-Top in Mauve, dazu schicke schwarze Ledersandalen und eine Cartier-Uhr. Noch schnell mit der Bürste durchs Haar, ein wenig Lipgloss und Mascara aufgetragen, und dann wäre sie vielleicht bereit für ihn.

Nicht, dass sie es jemals wirklich gewesen wäre.

Rafael brütete schweigend vor sich hin, während er das Schlafzimmer durchquerte und auf die angrenzende Terrasse trat. Simone Duvalier sollte nicht hier sein. Heute noch nicht. Überhaupt nicht, wenn es nach ihm gegangen wäre. Nicht, dass er in letzter Zeit viel zu sagen gehabt hätte. Dafür hatte die bevorstehende Hochzeit seiner Schwester mit Luc Duvalier gesorgt. Warum die beiden nicht in Frankreich heiraten konnten, wo die Familie ein wunderbares Château aus dem siebzehnten Jahrhundert besaß, verstand Gott allein. Nein, Gabrielle hatte darauf bestanden, dass die Hochzeit in Australien stattfinden musste. Was bedeutete, dass ihre Entourage, die zugegebenermaßen nur aus Luc und Simone bestand, hier anreisen musste.

Er wollte sie nicht hier haben.

Luc nicht, auch wenn er über die Jahre hinweg zumindest den Anschein einer Freundschaft zu ihm aufrechterhalten hatte.

Und ganz sicher nicht Simone, die erhitzt und bezaubernd aussah und viel zu verletzlich für seinen Geschmack.

Rafe runzelte die Stirn. Hatte er ihr nicht beigebracht, dass man im Angesicht seiner Feinde niemals Schwäche zeigen durfte? Erinnerte sie sich denn an gar keine der Lektionen, die die Kindheit in Caverness sie alle gelehrt hatte?

Zeig niemals deine Furcht, ganz besonders dann nicht, wenn deine Hände feucht vor Angst sind.

Gib niemals zu, wie wichtig dir etwas ist, denn es könnte dir weggenommen werden.

Lenk niemals ein. Gib niemals nach.

Schau nie zurück.

Diese letzte Lektion hatte Simone nicht lernen müssen, Rafael allerdings schon, und er hatte es nie vergessen. Genau genommen hatte diese Einsicht dazu geführt, dass er an einem seiner ersten Abende in Australien, nach viel zu viel Alkohol, genau diese drei Worte in seine Haut einritzen ließ. Nicht, dass er die Tätowierung jemals gesehen hätte, auch wenn mehr als eine Frau ihm bestätigt hatte, dass sie von ausnehmender Schönheit sei. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren, die sie seinen Rücken zierte, hatte er einen Blick darauf geworfen.

Rafe schaute nie zurück.

Warum zur Hölle brauchte sie nur so lang?

Er hatte noch eine Million Dinge zu erledigen. Simone Duvalier klarzumachen, wie sie sich während ihres Aufenthalts zu verhalten hatte, zählte nicht dazu. Diese Aufgabe hatte auf seiner Liste für morgen gestanden.

Nicht, dass es ihm etwas ausmachte. Er konnte es genauso gut heute tun. „Pass auf, so wird es laufen“, würde er zu ihr sagen. „Du gehst mir aus dem Weg. Ich gehe dir aus dem Weg. Und du setzt keinen Fuß in mein Haus oder auf mein Land, denn ich will dich dort nicht haben. Niemals. Alles klar?“ Worauf sie mit gesenktem Blick antworten würde: „Ja, kristallklar“, und er würde sich schleunigst aus dem Staub machen, damit er es sich nicht anders überlegen konnte.

Rafe wanderte wie ein gefangener Tiger über die Terrasse, während er überlegte, dass dieses Gespräch nicht länger als drei Sekunden dauern konnte. Als Simone sich endlich dazu herabließ, zu ihm zu stoßen, stand er kurz davor, die Wände hochzugehen. Wie konnte sie nur zehn Minuten brauchen, um ein paar Kleider anzuziehen und sich mit der Bürste durch die Haare zu fahren?

Exakt zehn Minuten später tauchte sie aus dem Bad auf, von Kopf bis Fuß ganz schlichte Eleganz. Sie schaute nicht gen Tür, nein, sie wandte den Kopf in seine Richtung und blickte ihn direkt an, so als hätte sie die ganze Zeit gewusst, dass er dort auf sie warten würde. Dieser schweigende Blick traf ihn wie eine Faust aus Samt.

Gelassen trat sie zu ihm auf die Terrasse. „Ich dachte, dass wir jetzt vielleicht eine anständige Begrüßung hinbekommen würden, aber wie ich sehe, bist du nicht in der Stimmung“, erklärte sie ruhig.

Nein, war er nicht. Und es fuchste ihn, dass sie es wusste.

„Möchtest du einen Drink?“, fragte sie als Nächstes. „Ich wollte mir einen Kaffee bestellen.“

„Nein.“

„Im Kühlschrank ist vermutlich Saft oder Cola, falls du etwas Kühles möchtest. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, möchte ich eigentlich auch eher etwas Kaltes. Bist du sicher, dass ich dir nichts bringen kann?“

Sie verschwand im Zimmer und überließ es Rafe, ihr entweder zu folgen – was er niemals tun würde – oder draußen zu bleiben und still vor sich hin zu kochen, was ihm mühelos gelang.

Eine Minute später kehrte sie mit einem großen Glas zurück. „Es gibt nur Wasser“, sagte sie. „Ich nehme an, dass man alles andere beim Zimmerservice bestellt. Entweder das, oder Sarah stockt den Kühlschrank auf, wenn sie die Blumen bringt.“

„Wir müssen ein paar Grundregeln aufstellen“, erklärte er knapp.

„Dann ist das kein Höflichkeitsbesuch? Wer hätte das gedacht.“

Rafael beobachtete schweigend, wie Simone an ihrem Drink nippte, volle, sinnliche Lippen an kühlem Glas. Noch vor einer Sekunde war Rafe kein bisschen durstig gewesen. Jetzt fühlte sich seine Kehle wie ausgedörrt an.

„Werden mir diese Grundregeln gefallen?“, fragte sie.

„Könnte sein“, entgegnete er und riss seinen Blick von ihren Lippen los, auch wenn er sich keinen Deut darum scherte, ob sie ihr gefielen oder nicht. „Möglicherweise stellst du fest, dass sie deinen Aufenthalt hier für alle leichter machen.“

„Ah, ja. Der einfache Weg.“ Sie blickte sich auf der Terrasse um. An einer Pergola rankte duftender Jasmin. „Was glaubst du, woran liegt es wohl, dass der einfache Weg so selten dahin führt, wo man hin will?“

„Das muss nicht so sein“, widersprach er. „Es hängt davon ab, wo du hin willst.“

„Nenn es ein vages Gefühl, aber ich glaube nicht, dass wir an denselben Ort wollen.“ Sie warf ihm einen unschuldigen Blick zu. Sofort läuteten seine Alarmglocken. Kindheitserinnerungen geweckt. Dieser Blick, als könne sie kein Wässerchen trüben, hatte normalerweise bedeutet, dass Simone etwas ausheckte. Dabei war sie immer sehr raffiniert und geschickt vorgegangen.

„Also … was diese Regeln angeht …“, begann sie. „Soll ich dir so gut es geht aus dem Weg gehen? Gabrielles Einladungen ausschlagen, mir das Weingut zu zeigen, das du wiederaufgebaut hast? Soll ich so tun, als würde unsere gemeinsame Vergangenheit nicht existieren?“

Sie kannte ihn zu gut. Finster blickte er sie an, doch er widersprach nicht. „Das wäre ein Anfang.“

„Das wäre ein Fehler“, konterte sie leichthin. „Diese Art Grenzen sind seltsam. Sie taugen nur dazu, dass ein Mensch sie ständig überwinden will.“ Ihr wissender Blick kehrte zu ihm zurück. „Aber das … weißt du schließlich schon.“

Einfach so, vollkommen mühelos und mit geradezu chirurgischer Präzision hatte sie ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Ich werde mich nicht verstecken, während ich hier bin, Rafael.“ Sie kam näher auf ihn zu, viel zu nah. „Ich werde keine höfliche Gleichgültigkeit dir gegenüber vortäuschen. Ich lehne deine Regeln ab. Mein Weg ist ein anderer.“

Er atmete den Duft ihres Parfums ein, etwas Zartes, Blumiges und sehr Französisches. Er war ihr nah genug, um sie zu berühren, falls er es wollte. Und ob er es wollte! Nicht liebevoll oder sanft, sondern voller Verzweiflung und Sehnsucht. Langsam schob er die Hände in die Taschen und trat zurück. „Dein Weg ist gefährlich.“

„Wir haben als Kinder zusammen gespielt“, erwiderte sie ruhig. „Damals habe ich dich sehr gut gekannt. Ja, ich kannte deine Seele – sie war zwar nicht einfach, aber sie war mir sehr nah. In unserer Jugend haben wir uns geliebt, ich spürte deine Träume und atmete deine Ängste ein, aber die Pflicht hat mich davon abgehalten, dir zu folgen. Manchmal blicke ich zurück und bereue die Entscheidungen, die ich getroffen habe. Und manchmal bereue ich sie nicht.“

Simone schaute weg, so als tue sein Anblick ihr in den Augen weh. „Ich kann unsere Vergangenheit nicht ändern, Rafael. Sie ist geschehen. Aber ich kann die Gegenwart beeinflussen, und ich wünsche mir, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen, wenn wir können. Ich möchte neue Erinnerungen schaffen und die alten ersetzen. Selbst bittersüße wären besser als diejenigen, die ich jetzt mit mir herumtrage.“

Zitternd holte sie Luft. Da war Angst, das spürte er so deutlich als wäre es seine eigene. Vielleicht war sie es ja sogar. Lauf, flüsterte er ihr stumm zu. Lieber Gott, Simone, tu das nicht. Versuch es nicht einmal.

„Weißt du, was ich nach diesem Besuch von dir mitnehmen möchte?“, fragte sie leise. „Deine Freundschaft.“

„Nicht“, stieß er rau hervor. „Simone, nicht.

„Vorsichtig und vorbehaltlich, wenn es sein muss. Aber ich würde gern den Mann kennenlernen, der du geworden bist.“

„Nein.“ Sie verlangte zu viel von ihm. Das hatte sie schon immer getan. Er ging schnurstracks auf die Tür zu und wusste, dass es eine Flucht war. Welchen Boden er auch immer hatte verteidigen wollen, gerade hatte er ihn verloren. „Diesen Weg kann ich nicht mit dir gehen“, erklärte er heiser. „Jetzt nicht, niemals.“ Er ließ seinen Zorn durchschimmern, weil er den Schmerz verjagte. Simone zuckte vor dem zurück, was sie in seinen Augen sah, und sie tat gut daran. Rasch öffnete er die Tür, ehe er sie in seine Arme riss und ihr ganz genau zeigte, warum er niemals ihr Freund sein konnte. „Ich kann es einfach nicht.“

Als er zunächst die Terrasse und dann die Suite verließ, ohne einen Blick zurückzuwerfen, rührte Simone sich nicht von der Stelle. Sie wusste, dass er nicht zurückschauen würde. Schon als Junge hatte er das nie getan. Rafael ging immer nur nach vorn, und sie hatte gehofft, sich das zunutze machen zu können. Die Vergangenheit offen ansprechen, um dann den Blick nach vorn richten zu können.

So viel zu dieser Strategie.

Simone schloss die Augen und ließ sich von ihrer Erschöpfung und Wehmut überrollen.

Sie war zu dieser Hochzeit gekommen, weil sie keine andere Wahl gehabt hatte. Sie war aber auch hierhergekommen, um eine Art Frieden mit ihrer Vergangenheit und mit Rafael zu schließen.

Verdammt, sie versuchte wirklich ihr Bestes!

Kaffee wäre gut. Kaffee, und dann würden sie und Sarah das Brautkleid über die Puppe ziehen und Gabrielle anrufen. Es gab viel zu erledigen. Sie würde alles dafür tun, dass Lucs und Gabrielles Hochzeit perfekt wurde. Sie würde an den kleinsten Dingen Freude haben. Auf keinen Fall würde sie sich der Verzweiflung hingeben.

Und was Rafael anging, mit seinem funkelnden Blick und seinem kaum verhohlenen Zorn …

Courage.

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