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Geständnis unter südlicher Sonne

Marion Lennox

Geständnis unter südlicher Sonne

PROLOG

„Ramón verbringt sein Leben in Jeans und T-Shirts. Er ist reich und frei. Warum sollte er den Thron wollen?“

Mitfühlend betrachtete Señor Rodriguez, der Rechtsberater des Fürstenhauses von Cepheus, die ihm gegenübersitzende Frau. Vor sechzig Jahren hatte Prinzessin Sofía den Palast verlassen müssen. Zweifellos wäre sie jetzt lieber nicht hier. Ihr Gesicht war verweint, und sie rang die Hände.

„Ich hatte zwei Brüder, Señor Rodriguez, doch durfte ich nur einen behalten. Im Alter von zehn Jahren wurde ich mit meinem jüngeren Bruder und meiner Mutter in die Verbannung geschickt. Und damit endete die Grausamkeit meines Vaters nicht. Mein Neffe Ramón ist ein einziges Mal hier im Palast gewesen, und zwar in der Nacht, als sein Vater starb. Ich bin aus Pflichtbewusstsein zurückgekommen. Aber wie können wir von Ramón erwarten, dass er an den Ort zurückkehrt, an dem sein Vater den Tod fand?“

„Prinz Ramón hat keine Wahl“, antwortete der Anwalt kategorisch. „Und selbstverständlich wird er den Thron wollen.“

„Von ‚selbstverständlich‘ kann keine Rede sein. Ramón ist jedes Jahr sechs Monate in Bangladesch, um für eine karitative Organisation Häuser zu bauen. Die restliche Zeit verbringt er auf seiner Segeljacht. Warum sollte er dieses Leben aufgeben?“

„Um Fürst zu werden.“

„Sie meinen, dass die Krone alles bedeutet? Mein Neffe ist ein liebenswürdiger Mann von fünfunddreißig. Er möchte nichts mit dem Thron zu tun haben. Der Palast ist ein Albtraum für ihn und für uns alle.“

„Er muss zurückkommen.“

„Und wie wollen Sie ihn finden? Wenn er in Bangladesch arbeitet, schaut er in seine Mails. Doch die übrige Zeit ist er irgendwo mit der Jacht unterwegs. Seit dem Tod seiner Mutter und seiner Schwester lässt er den Wind sein Ziel bestimmen. Aber selbst wenn Sie ihn aufspüren …“, fuhr Sofía fort, „… wie glauben Sie, wird er reagieren, wenn man ihm erklärt, er solle dieses Chaos bereinigen?“

„Es wird kein Chaos geben, wenn er nach Hause zurückkehrt. Und er wird kommen. Genauso wie Sie es getan haben. Er wird begreifen, dass er keine Wahl hat.“

„Was ist mit dem kleinen Jungen?“

„Philippe wird bei Pflegeeltern untergebracht. Auch in dem Punkt gibt es keine Wahl.“

„Noch ein Kind, das für die Krone nutzlos ist“, sagte Sofía kaum hörbar. „Wenn ich du wäre, Ramón, würde ich weiter die Segel setzen.“

1. KAPITEL

„Vergiss deine Muffins, Jenny, und leb endlich wieder!“

Gianetta Bertin, kurz Jenny genannt, blickte ihre beste Freundin Cathy vernichtend an, bevor sie sich erneut der Arbeit zuwandte. Sie musste dringend Muffins backen, denn es waren fast keine mehr vorhanden. Wie jeden Tag herrschte im „Coffee ‚n‘ Cakes“ im australischen Seaport reger Betrieb.

„Ich habe keine Zeit für eine Gardinenpredigt.“

„Du musst sie haben.“ Cathy setzte sich auf die Arbeitsplatte. „Du darfst nicht für immer in diesem Loch bleiben.“

„Es gibt schlimmere Löcher. Und jetzt verschwinde von da. Wenn Charlie kommt, feuert er mich. Dann habe ich überhaupt kein Loch mehr.“

„Das wird er nicht. Du bist die beste Köchin weit und breit. Ohne dich würde das Café nicht laufen. Charlie behandelt dich wie Dreck, nur weil du dich nicht wehrst. Ich weiß, dass du in seiner Schuld stehst. Aber du kannst dir einen anderen Job suchen und ihm das Geld anders zurückzahlen.“

„Wie zum Beispiel?“ Jenny beförderte das Blech mit Muffins in den Ofen und schob sich eine dunkle Locke hinters Ohr. Obwohl sie eine Kochmütze trug, waren ihre Haare zu widerspenstig, um sie völlig zu zähmen. Mit Sicherheit hatte sie jetzt Mehl am Ohr. Doch war es nicht egal, wie sie aussah?

„Schau dich an“, sagte die Freundin, als hätte sie ihre Gedanken erraten. „Du bist eine bildhübsche, intelligente Frau von neunundzwanzig, auf die die ganze Welt wartet. Und trotzdem bist du hier, versteckst deine tolle Figur unter der blöden weißen Kleidung, hast Mehl auf der Nase … Nein, wisch es nicht weg. Du machst es bloß schlimmer.“

„Wer bemerkt es schon? Darf ich jetzt weiterarbeiten? Draußen sind Gäste.“

„Ja, das stimmt“, bestätigte Cathy warmherzig, während sie durch die Durchreiche blickte. „Rund zwanzig Leute. Sie alle kommen wegen deiner Muffins her und verschwinden dann wieder hinaus ins Leben. Auch du solltest daran teilnehmen. Siehst du den umwerfenden Typ dort drüben? Du verpasst so viel, indem du tagein, tagaus hier festhängst.“

Jenny schaute ebenfalls nach nebenan und wusste sofort, wen die Freundin meinte. Der Mann war schätzungsweise Mitte dreißig und höchst attraktiv. Er trug ein ausgeblichenes schwarzes T-Shirt, verwaschene Jeans und Bootsschuhe. Auf der Rückenlehne des freien Stuhls neben ihm hing ein nasser Südwester.

Er muss ein Skipper sein, dachte sie unwillkürlich. Sie arbeitete seit Jahren hier und kannte sich mit der Kundschaft aus. Die Fischer bewahrten das „Coffee ‚n‘ Cakes“ vor der Pleite. Dann waren da die alten Seebären, die kleine Motorboote besaßen und zumeist darauf schliefen. An den Wochenenden verirrten sich oft Freizeitsegler in Designerkleidung hierher. Sie verließen das Café aber schnell wieder, wenn sie feststellten, dass man keinen Champagner servierte.

Und schließlich gab es die Skipper. Das südlich von Sydney gelegene Seaport hatte einen Tiefwasserhafen und war mit seinem großen Trockendock ein Magnet für noble Hochseejachten. Der Mann mit den breiten Schultern wirkte, als würde er von einem solchen Schiff kommen.

Sein Südwester war zwar ziemlich ramponiert, doch zweifellos ein Designerprodukt. Er hatte schwarze Haare, die an den Spitzen von der Sonne ausgebleicht waren, und seine Haut war herrlich gebräunt. Er sah aus, als würde er seine Tage auf dem Wasser verbringen.

Ja, er musste ein Berufssegler sein. Wie sie aus Erfahrung wusste, waren die Eigner von Hochseejachten im Allgemeinen Ende vierzig oder älter. Sie hielten sich nie sehr lange an Bord auf und überließen die Seefahrt bezahlten Kräften.

Er macht einen äußerst fähigen Eindruck, dachte sie, während sie ihn weiter betrachtete. Vermutlich brachte er die Jacht gerade zu einem vom Besitzer gewünschten Ort.

Jenny gestattete es sich, einen Moment neidisch zu sein. Wie schön wäre es, sich vom Wind treiben zu lassen … Seaport den Rücken zu kehren … Nein. Dies bedeutete Anstrengung, Planung und Hoffnung. Nichts davon interessierte sie mehr. Außerdem hatte sie Schulden, die sie hier anketteten.

Plötzlich blickte der Mann von seinem Teller auf und zu ihnen hin. Er hob grüßend das letzte Stück seines Muffins und schob es sich in den Mund. Jenny fühlte sich ertappt. Sie errötete und schloss schnell die Durchreiche.

„Siehst du, was du verpasst?“ Cathy lachte. „Er ist umwerfend, oder? Warum gehst du nicht raus und fragst ihn, ob er noch einen Muffin möchte?“

„Zu bedienen ist Susies Job. Ich bin bloß die Köchin. Bitte verschwinde. Du gefährdest meine Gelassenheit.“

„Steck dir deine Gelassenheit an den Hut. Es ist jetzt zwei Jahre her.“ Cathy verstummte, als sie den schmerzlichen Ausdruck in Jennys Gesicht bemerkte. Sie schwang sich von der Arbeitsplatte und umarmte die Freundin tröstend. „Ich weiß. Nach vorne zu schauen gelingt nie vollständig. Nur kannst du dich nicht ständig verstecken.“

„Dr. Matheson sagt, dass ich auf einem guten Weg bin.“

„Ja, und er empfiehlt dir Ruhe und Gelassenheit. Doch davon hast du jetzt genug gehabt. Du brauchst Leben um dich herum. Und auch das Segeln … Du liebst das Meer, aber du meidest es nach besten Kräften. Es gibt so viele Leute, die fürs Wochenende eine Deckshilfe suchen. Dieser Typ da draußen vermutlich ebenfalls. Würde er mir einen Job anbieten, wäre ich länger als nur ein paar Tage weg.“

„Ich will nichts weiter …“

„… als in Ruhe gelassen werden. Das habe ich mittlerweile zur Genüge gehört.“

Energisch öffnete Cathy die Durchreiche. Und bevor Jenny es verhindern konnte, läutete die Freundin die Glocke, mit der sie Susie immer anzeigte, dass eine Bestellung bereitstand.

„Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren!“, rief Cathy in den Gastraum. „Mir ist klar, dass es ungewöhnlich ist, doch habe ich Ihnen etwas Sensationelles mitzuteilen. Hier in der Küche ist die beste Köchin und Seglerin der Welt. Jenny heuert bei jedem an, der ihr Spaß, Abenteuer und einen Weg aus dieser Stadt ermöglicht. Sie braucht nichts weiter als eine super Bezahlung und einen Boss, der ihre Fähigkeiten zu schätzen weiß. Interessenten können sich hier und jetzt melden.“

„Cathy!“ Jenny sah sie entsetzt an und schloss die Durchreiche, als die Freundin in Lachen ausbrach. „Hast du den Verstand verloren?“

„Ich mag dich sehr und versuche nur, dir zu helfen.“

„Dafür zu sorgen, dass ich gefeuert werde, ist nicht hilfreich.“

„Susie wird Charlie nichts erzählen. Sie ist ganz meiner Meinung. Oder nicht, Susie?“, fragte sie die Mittvierzigerin, die gerade in die Küche kam. „Stehen die Leute draußen Schlange, um unsere Jenny zu engagieren?“

„Sie hätten das nicht tun sollen. Sie haben sie in schreckliche Verlegenheit gebracht.“

„Ach was. Alle sind viel zu sehr mit ihren Muffins beschäftigt, um sich um anderes zu kümmern. Aber ehrlich, Jenny, du solltest in der Zeitung inserieren oder zumindest anfangen, die Stellenanzeigen zu studieren. Susie hat einen Mann, vier Kinder, zwei Hunde und eine Farm. Das Café spielt in ihrem Leben nur eine kleine Rolle, in deinem jedoch die einzige. So kann es nicht bleiben.“

„Alles, was ich will, ist meine Ruhe.“

„So ein Unsinn.“

„Das finde ich auch“, pflichtete Cathy Susie bei und wandte sich zum Gehen. „Okay, Phase eins meiner Mission ist beendet. Wenn ich nichts bewirkt habe, werde ich Phase zwei starten, und die könnte dann wirklich ungemütlich werden.“

Das „Coffee ‚n‘ Cakes“ war ein Tagescafé. Eigentlich sollte Charlie es um fünf Uhr schließen. Da er jedoch immer mehr Zeit im Pub verbrachte, machte Jenny es heute wie zuletzt fast jeden Nachmittag.

Offenbar ist ihm nichts zu Ohren gekommen, dachte sie erleichtert, als sie den Heimweg antrat. Sie war nicht so sicher wie Cathy, dass er sie nicht feuern und sein Geld zurückfordern würde. Früher war er ein netter Chef gewesen. Aber seit dem Tod seiner Frau hatte er sich verändert und war immer unberechenbarer geworden.

Jemanden zu verlieren konnte Schreckliches mit einem anstellen, wie sie aus Erfahrung wusste. Sie war darüber depressiv geworden, und Charlie hatte sich mehr und mehr in den Alkohol geflüchtet.

Seufzend schob sie die Hände in die Manteltaschen. Sie hatte ihn wegen des Regens heute Morgen angezogen. Inzwischen schien die Sonne, und es war warm. Trotzdem hatte sie ihn wieder übergestreift. Sie fühlte sich so irgendwie geschützter. Cathys Verhalten hatte sie ziemlich verunsichert.

„Entschuldigung?“

Jenny drehte sich um. Vor ihr stand der attraktive Mann aus dem Café und lächelte umwerfend. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um ihn vor Überraschung nicht einfach dumm anzustarren. Es war schon so lange her, seit sie … Nein, denk gar nicht erst in diese Richtung, ermahnte sie sich sogleich.

„Sind Sie Jenny? Kann ich mit Ihnen reden?“

Er sprach mit, wie sie vermutete, mit spanischem Akzent, der in jedem Fall sehr sexy war. Jenny bekam weiche Knie. Hey, du bist kein Teenager mehr, rief sie sich zur Vernunft.

„Ja, ich bin Jenny.“ Verflixt, sie klang ziemlich piepsig. Schnell räusperte sie sich und versuchte es erneut. „Natürlich können Sie mit mir reden.“

„Die Frau im Café sagte, Sie seien an einem Job interessiert. Ich suche jemanden, der mir hilft.“

Jenny bemerkte seinen abschätzenden Blick und wünschte sich plötzlich, sie hätte etwas anderes an. Nicht die abgewetzten Jeans und den alten Mantel, der nie mehr als nützlich hatte sein sollen, sondern Sachen, die ein wenig Schick besaßen.

Wenn das nicht verrückt war. Was sollte sie mit modischen Klamotten? Sie war unterwegs nach Hause, wo sie wie jeden Tag die Füße hochlegen und nach dem Fernsehen ins Bett gehen würde.

Er will mit dir über einen Job sprechen, dachte sie und ermahnte sich zur Ruhe. Alle großen Jachten, die Seaport ansteuerten, brauchten ein, zwei Deckshilfen. Doch die Skipper waren die Einzigen an Bord, die vom Eigner vernünftig bezahlt wurden.

Trotzdem fanden sich fast in jedem Hafen solche billigen Kräfte. Es waren zumeist junge Leute, die ein Abenteuer suchten und sich für kurze Zeit anheuern ließen. Glaubte dieser Mann allen Ernstes, sie wäre an so einem Job interessiert?

„Meine Freundin hat sich auf meine Kosten einen Scherz erlaubt.“ Wie gut, sie klang wieder normal, obwohl ihre Knie noch ein wenig weich waren. „Es tut mir leid, aber ich bin etwas zu alt, um alles stehen und liegen zu lassen und eine Fahrt ins Ungewisse zu machen.“

„Ist man dazu je zu alt?“

„Ja“, antwortete sie bissig und fing sich dann wieder. „Entschuldigung. Doch ich muss jetzt weiter.“

„Also haben Sie kein Interesse.“

„Im Jachtklub gibt es ein Schwarzes Brett. Dort hängen immer Anzeigen von jungen Leuten, die einen Job suchen. Ich habe bereits einen.“

„Das stimmt“, sagte er lächelnd.

Aus der Nähe betrachtet, sah er noch umwerfender aus. Er war groß und hatte einen schlanken, durchtrainierten Körper. Seine Augen waren meerblau, und die Fältchen deuteten darauf hin, dass er gern lachte. Auch wirkte er auf eine angenehme Weise selbstbewusst.

„Und falls Sie die Muffins gebacken haben“, fuhr er fort, „sind Sie sehr gut in Ihrem Job. Sollten Sie als Arbeitskraft verfügbar sein, wäre man dumm, Sie nicht anzuheuern.“

„Aber das bin ich nicht.“ Warum hatte sie erneut bissig geantwortet? Eigentlich war er ein netter Kerl. „Entschuldigung. Doch nein danke.“

„Haben Sie einen Pass?“

„Ja, aber …“

„Ich breche nach Europa auf, sobald ich eine helfende Hand gefunden habe. Für einen Alleingang ist meine Route nicht geeignet.“

„Ums Kap Hoorn?“ Sie spürte, wie ihr Interesse erwachte.

„Ja, das ist der schnellste Weg.“

Das stimmte. Vermutlich hatte der Eigner der Jacht einen Segelurlaub in Australien gemacht. Jetzt war er wohl nach Europa zurückgeflogen und hatte seinen Skipper angewiesen, das Schiff baldmöglichst zurückzubringen.

„Dann viel Glück.“ Jenny setzte sich in Bewegung, und der Fremde gesellte sich an ihre Seite.

„Das Angebot ist ernst gemeint.“

„Die Ablehnung ebenfalls.“

„Ablehnungen mag ich nicht.“

„Ihr Pech. Die Zeiten sind vorbei, in denen Männer betrunken gemacht und an Bord geschleppt wurden. Presspatrouillen sind illegal.“

„Sie würden mir das Leben erleichtern.“

„Nein.“ Seine Nähe machte sie immer nervöser. „Eine zwangsverpflichtete Crew, die auf hoher See verkatert aufwacht, sorgt nicht gerade für eine ruhige Fahrt.“

„Ich bin nicht auf Ruhe aus.“

Sie blieb unvermittelt stehen. Seine Antwort war ein Echo ihrer Gedanken, die sie heute beschäftigt hatten. Energisch rief sie sich zur Vernunft. „Ruhe ist wichtig“, stieß sie hervor und befahl sich, weiterzugehen. „Vielen Dank, aber ich habe bereits Nein gesagt. Wollen Sie sonst noch etwas?“

„Ich zahle gut.“

„Ich weiß, was Deckshilfen bekommen.“

„Sie wissen nicht, was ich zahle. Warum fragen Sie nicht?“

„Weil es mich nicht interessiert.“

„Verstehen Sie sich wirklich aufs Segeln?“

Jenny schritt schneller aus, doch er ließ sich nicht abschütteln. „Früher bin ich viel gesegelt … Bevor das Leben ernst geworden ist.“

„Ihr Leben wurde ernst? Inwiefern?“ Besorgt sah er sie an und fasste dann nach ihrer Hand. Nein, sie trug keinen Ring. „Haben Sie einen Partner?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Aber ich möchte es trotzdem wissen.“

Sein Englisch war ausgezeichnet und sein Akzent ebenso charmant wie sein Lächeln. Lass dich bloß nicht verzaubern, ermahnte sie sich. Sie musste hart bleiben. Doch er wartete auf eine Antwort. Warum befriedigte sie seine Neugier nicht ein wenig, um ihn loszuwerden? „Ich bin ein glücklicher Single.“

„Sie haben gesagt, Ihr Leben sei ernst geworden. Dann können Sie kein so glücklicher Single sein. Vielleicht ist ein Törn genau das, was Sie brauchen.“

Ärgerlich entzog sie ihm die Hand. „Ich bin kein Teenager auf Abenteuersuche. Ich habe hier Verpflichtungen. Sie bieten mir also einen Trip nach Europa an? Und was habe ich davon? Ich würde für eine geringe Heuer wie eine Blöde schuften, irgendwo in der Fremde landen und nicht genug Geld verdient haben, um nach Hause zurückzukehren. Ich bin kein Rucksacktourist, Mr. Namenlos, und ich lebe hier. Ich kenne Sie nicht, vertraue Ihnen nicht und bin an dem Job nicht interessiert.“

„Ich heiße Ramón Cavellero und bin sehr vertrauenswürdig“, erklärte er mit einem Lächeln, das Jenny vom Gegenteil überzeugte. „Und ich segle die Marquita. Haben Sie sie gesehen?“

Jeder in Seaport hatte das große Schiff gesehen. Gleich nachdem es vor vier Tagen in den Hafen eingelaufen war, hatte die Lokalpresse ein Bild abgedruckt. Die Marquita war die herrlichste Jacht, die Jenny je erblickt hatte, und vermutlich auch die teuerste.

Wenn er der Skipper ist, dachte sie, dürfte er einen anständigen Lohn zahlen können. Schnell verdrängte sie den Gedanken, bevor er sich in ihrem Kopf festsetzte. Sie würde Seaport noch auf Jahre nicht verlassen können und musste vernünftig sein.

„Hören Sie, Mr. Cavellero.“ Sie blieb stehen und wandte sich zu ihm. „Ihr Boot ist das schönste im Hafen. Man wird sich um den Job reißen. Aber was mich betrifft … Meine Freundin hat sich nur einen Scherz erlaubt. Das ist alles. Vielen Dank und goodbye.“

Jenny nahm seine Hand und schüttelte sie, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Doch Ramón ließ ihre Rechte nicht los. Oder zog sie sie vielleicht nicht wirklich zurück?

Bevor sie sich darüber klar werden konnte, hielt plötzlich ein Wagen neben ihnen. Sie sah zur Seite und stöhnte auf. Es war Charlie. Und er schien wieder einmal alkoholisiert zu sein.

Irgendwann würde ihn die Polizei erwischen. Einerseits hoffte sie, es würde bald geschehen, doch sie wusste auch, dass er dann nur noch übler gelaunt wäre. Als er noch nicht getrunken hatte, war er ein netter Kerl gewesen. Inzwischen erlebte sie ihn allerdings praktisch nie mehr nüchtern.

Jenny wappnete sich für die Begegnung, denn er stieg aus und kam auf sie zu. Sie entzog Ramón die Hand, und er ließ sie los, stellte sich aber näher zu ihr. Charlies Körpersprache war zweifellos aggressiv.

Wer immer Ramón ist, er beschützt offenbar seine Leute, schoss es ihr durch den Kopf. Seine Leute? Welch ein dummer Gedanke. Trotzdem war sie plötzlich froh, dass er da war.

„Hey, ich will mit dir reden, du blöde Kuh. Lass deinen Freund stehen.“

Anscheinend hatte ihr Boss von dem Vorfall im Café erfahren. Einer der Gäste musste es ihm erzählt haben. Charlie hatte sich überall unbeliebt gemacht. Wenn eine seiner Angestellten sich nach einem Job umsah, würde man ihm dies gern unter die Nase reiben.

Und Ramóns Anwesenheit wird die Situation weiter verschärfen, überlegte Jenny. Sie sollte sich wirklich besser von ihm verabschieden. „Bis dann.“ Demonstrativ wandte sie sich ihrem Boss zu. „Hallo, Charlie.“

„Was, zum Teufel, ist dir eingefallen, während deiner Arbeitszeit in meinem Café eine persönliche Anfrage zu starten?“, erkundigte er sich wütend. „Du suchst einen anderen Job? Wenn du bei mir aufhörst, wird der Kredit noch am selben Tag fällig. Du weißt, was du mir schuldest. Du wirst die nächsten drei Jahre bei mir arbeiten, oder ich ruiniere dich und deine Freundin gleich mit. Ich könnte dich jetzt rauswerfen, und deine Freundin würde ihre Wohnung verlieren. Du würdest ihr ganz schön was einbrocken. Als Wiedergutmachung wirst du die nächsten vier Wochenenden umsonst arbeiten, oder du fliegst raus.“

Jenny schloss die Augen. Charlie war imstande, seine Drohungen wahr zu machen. Dieser Mann war zu allem fähig. Warum hatte sie sich bloß je Geld von ihm geliehen?

Weil sie verzweifelt gewesen war. Es war am Ende von Mattys Krankheit gewesen. Sie hatte alles verkauft, was sie besaß. Doch dann war da noch diese Behandlung gewesen – eine letzte kleine Chance.

Sie hatte damals vier Stunden täglich im Café gearbeitet, um die Miete zu bezahlen, und die restliche Zeit bei Matty verbracht. Eines Nachmittags hatte sie im Hinterzimmer geweint. Cathy war dort aufgetaucht, und kurz darauf auch Charlie.

Er hatte angeboten, ihr das Geld zu leihen. Sie sollte es über fünf Jahre zurückzahlen, indem sie zum halben Lohn arbeitete. Allerdings brauche er eine Sicherheit, falls sie sich aus dem Staub mache, hatte er gesagt.

„Sie wird sich nicht aus dem Staub machen“, hatte Cathy protestiert. „Wenn Matty gesund ist, wird sie zur Ruhe kommen und glücklich und zufrieden weiterleben.“

„Trotzdem brauche ich eine Sicherheit.“

„Ich vertraue ihr und verpfände meine Wohnung.“

Cathy und sie waren so aufgewühlt gewesen, dass sie die Sache nicht durchdacht hatten. Sie hatte nur schnellstens zu Matty ins Krankenhaus zurückkehren wollen. Alles andere war ihr egal gewesen.

Sie hatte sich bei der Freundin für die Großzügigkeit bedankt und nicht erkannt, welche Fesseln sie sich anlegte. Nun gab es nur noch diese Fesseln, denn Matty war einen Monat später gestorben.

Selbst Cathy hat nicht gesehen, wie real die Gefahr einer Zwangsvollstreckung war, überlegte Jenny deprimiert. Die Freundin hatte den Kreditvertrag kaum eines Blickes gewürdigt und vollstes Vertrauen in sie gehabt. Und natürlich war sie ihrer Verpflichtung nachgekommen.

Cathy hatte das hübsche Apartment mit Blick auf den Hafen von ihrer Mutter geerbt. Es war alles, was sie besaß. Sie war Künstlerin und lebte von der Hand in den Mund.

Du hast keine Wahl, dachte Jenny und schob die Hände in die Manteltaschen. Wie schon so oft schluckte sie eine ärgerliche Antwort hinunter. „Es tut mir leid, Charlie. Selbstverständlich werde ich die Wochenenden umsonst arbeiten.“

„Wie bitte?“ Ramón, der noch immer da war, klang erstaunt und ansatzweise wütend. „Was soll das? Der Lohn von vier Wochenenden für zwei Minuten Spaß?“

„Das geht Sie nichts an“, erwiderte Charlie. „Verschwinden Sie gefälligst.“

„Ich war im Café. Das Ganze war ein Scherz.“

„Aber ich scherze nicht. Und mischen Sie sich nicht ein. Jenny wird die Wochenenden absolvieren. Ihr bleibt nichts anderes übrig.“ Charlie grinste sie an, kehrte leicht wankend zum Auto zurück und fuhr davon.

Wie sollte sie Ramón erklären, was gerade geschehen war? Nein, sie konnte es nicht. Stumm setzte sie sich in Bewegung und hoffte, er würde sie ihrem Schicksal überlassen.

Ramón sah dem davonbrausenden Wagen hinterher und nahm dann das Handy aus der Hosentasche. Nachdem er kurz telefoniert hatte, folgte er Jenny und gesellte sich erneut an ihre Seite.

„Wie viel schulden Sie ihm?“

Verblüfft wandte sie den Kopf. „Wie bitte?“

„Sie haben mich sehr wohl verstanden. Also?“

„Ich glaube nicht, dass es Sie etwas …“

„… angeht. Das hat Ihr Boss mir bereits erzählt. Doch als Ihr zukünftiger Arbeitgeber kann ich es zu meiner Angelegenheit machen.“

„Sie sind nicht mein zukünftiger Arbeitgeber.“

„Verraten Sie es mir einfach, Jenny“, sagte er so warmherzig, dass sie ihm die Summe zu ihrer eigenen Überraschung nannte.

„Das ist nicht so viel“, meinte er, nachdem er einen Moment nachdenklich geschwiegen hatte.

„Für Sie vielleicht nicht, aber für mich schon … Meine beste Freundin bürgt mit ihrer Wohnung für den Kredit. Wenn ich nicht zahle, verliert sie ihr Zuhause.“

„Sie könnten einen anderen Job annehmen. Sie müssen nicht bei diesem Mistkerl bleiben. Warum beantragen Sie kein Darlehen bei der Bank?“

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