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Geständnis im Orchideengarten

1. KAPITEL

„Guten Tag, ist das hier das Büro von Sara Jane Fenchurch? Der Frau, die es soeben in die engere Wahl zur Unternehmerin des Jahres geschafft hat? Am Telefon wartet das Orchid Growers Monthly-Magazin, sie wollen unbedingt ein Exklusivinterview. Sind Sie das, Miss Fenchurch? Sehe ich da ein zufriedenes Grinsen auf Ihrem Gesicht?“

Sara lehnte sich in den alten Bürostuhl zurück, den sie neulich aus einem Abfallcontainer geangelt hatte, und ließ spielerisch einen Stift durch ihre Finger gleiten. Ihre beste Freundin Helen stöckelte auf gefährlich hohen Absätzen herein, wischte mit perfekt manikürten Händen den Staub von einem alten Esszimmerstuhl und ließ sich geziert auf der Kante nieder.

„Meinen Sie mich?“, fragte Sara mit gespieltem Erstaunen und legte affektiert ihre Hand auf die Brust. Dann klimperte sie dramatisch mit den langen Wimpern und sah auf den Zeitungsausschnitt an der Wand des kleinen Holzkabuffs, das ihr als Büro diente. Das Bild hatte ein Fotograf der Lokalpresse genau in dem Moment geschossen, als sie vom Vorsitzenden der Jury beglückwünscht wurde. Sie sah so erschrocken in die Kamera wie ein vom Scheinwerferlicht geblendetes Reh.

„Vielleicht hole ich dieses Jahr den Preis. Das wäre gut fürs Geschäft. Cottage Orchids könnte ein wenig Werbung gebrauchen.“

Helen schnaubte spöttisch und wischte eine Spinnwebe vom Rock ihres tadellos gepflegten bordeauxroten Kostüms. „Natürlich gewinnst du, und deine Orchideen werden weggehen wie warme Semmeln. Allerdings …“, mit strengem Blick musterte sie die Freundin, „… musst du mehr auf deinen Stil achten, wenn du die Jury überzeugen willst. Fangen wir doch gleich bei diesem komischen Kugelschreiber an.“

Sie versuchte, ihr den Stift aus der Hand zu nehmen, doch Sara war viel zu geschickt und hielt ihn nun außerhalb von Helens Reichweite in die Luft.

„Lass mir ja meinen Lieblingsstift.“

„Er ist giftgrün und hat eine Plastikblume als Aufsatz. Das wirkt nicht besonders professionell.“

„Er lag einer Bestellung von Orchideenerde als Werbegeschenk bei und schreibt wunderbar. Teure Füller sind was für verwöhnte Luxusgören. Ich muss jeden Penny umdrehen, um endlich mit dem Betrieb expandieren zu können.“

Seufzend schüttelte Helen den Kopf. Dann grinste sie Sara an und sagte mit gespielt hoher, übertrieben damenhafter Stimme: „Nein, dieser Mangel an Eleganz – es ist eine Schande!“

Sara prustete vor Lachen, steckte den Stift mit dem Blumenende nach vorn hinters Ohr und stemmte die Ellbogen auf den dicken Stapel Unterlagen, der auf dem alten Küchentisch, an dem sie arbeitete, lag. Die Rektorin der Schule, auf der sie und Helen sich kennengelernt hatten, war eine ehemalige Schauspielerin und liebte es, ihren Ermahnungen stets den nötigen dramatischen Akzent zu verleihen. Helen konnte sie hinreißend nachmachen.

„Immerhin hat ihr eine von uns beiden in der Hinsicht keine Schande gemacht.“ Lachend kniff Sara die Augen zusammen und fügte hinzu: „Du bist viel zu gut gelaunt für eine Frau, die eben ein Jahr älter wurde. Was führst du im Schilde? Lass mich raten: Du willst die Geburtstagsfeier hier in meinem idyllischen kleinen Heimatdorf abblasen und lieber mit deinem geliebten Caspar auf eine einsame Insel im Pazifik fliegen.“

„Spinnst du? Ich liebe dieses Fleckchen Erde, seit sich deine Großmutter während unserer Schulferien so liebevoll meiner erbarmte.“ Sie setzte einen unschuldigen Blick auf. „Nein. Es geht eher um dich.“

Grinsend ließ sie ihre teuer gepflegten, makellosen Zähne blitzen. „Es hat ein wenig Überzeugungsarbeit gebraucht, aber am Ende konnte Caspar seinen Kollegen Leo doch überreden, zu meiner Geburtstagsfeier zu kommen. Ist das nicht großartig?“

Sara schüttelte ganz langsam den Kopf. „Oh nein, das tust du mir nicht an. Nicht schon wieder. Nur weil ich keinen Freund habe, heißt das noch lange nicht, dass du mir jeden alleinstehenden, geschiedenen oder aus anderen Gründen freilaufenden Mann andrehen musst.“

Helen seufzte resigniert. „Er würde perfekt zu dir passen. Sieh es als kleines Dankeschön dafür, dass du uns das Hochzeitsbouquet gestaltest. Außerdem hat Caspar nicht viele Freunde, Leo Grainger wird also auch unser Trauzeuge sein. Komm schon. Ich finde die Vorstellung, dass ich heirate, während du noch nicht einmal einen Liebhaber hast, bestürzend. Vielleicht amüsiert ihr euch ja prächtig?“

Sara nahm einen Stapel hoch und ließ ihn geräuschvoll wieder auf den Tisch krachen. „Ich hab wirklich Wichtigeres zu tun. Gut, dass du erst in vier Wochen heiratest. Morgen Vormittag habe ich ein Treffen mit dem Veranstaltungsmanager des Hotels, um einen wichtigen Auftrag an Land zu ziehen. Ich habe wenig Zeit für Romantik im Augenblick. Außerdem war meine letzte Beziehung nicht gerade ein Volltreffer, wie du weißt.“

Helen hüstelte. „Das ist drei Jahre her, und ich will von dem Dreckskerl wirklich nichts mehr hören. Er hat dich damals auf übelste Weise sitzen lassen.“

„Abgehauen nach Australien, mit seiner kleinen Büroleiterin.“ Sara presste kurz die Lippen zusammen. „Nein, meine Liebe. Herzlichen Dank, aber kein Bedarf. Caspars Freund wird sich sicher auch ohne mich und meine langweiligen Geschichten übers Orchideenzüchten amüsieren.“

Helen schniefte dramatisch und sagte dann pikiert: „Wie du willst. Aber es ist der letzte Abend, den wir beide zusammen in Freiheit verbringen könnten, denn bereits in ein paar Wochen werde ich Mrs Caspar Kaplinski sein. Ich muss mich schon sehr anstrengen, um zu verstehen, dass du diese letzte Gelegenheit, noch dazu an meinem Geburtstag, nicht mit mir teilen willst. Ich werde es kaum ertragen, dass meine geliebte Brautjungfer heute Abend einsam und verlassen in ihrer Bude sitzt, während wir uns amüsieren.“

Sie schluchzte und betupfte dann bühnenreif die inneren Augenwinkel mit einem seidenen Taschentuch.

„Das ist seelische Erpressung. Und mein hübsches Häuschen hier ist keine Bude! Bis eben fandest du es allerliebst.“

„Dann sind wir uns ja einig“, sagte Helen mit einem breiten Grinsen und sprang auf. „Du spielst heute nicht Aschenputtel, sondern bereitest dich auf einen großen Auftritt vor. Ich erwarte dich um acht am Hintereingang mit den Kleidern und Requisiten. Leo wird bei deinem Anblick dahinschmelzen. Es wird ein unvergesslicher Abend, glaub mir.“

„Höre ich da Verkleidung? Helen, warte doch!“

Während Sara auf den Stuhl starrte, auf dem Helen eben noch gesessen hatte, war diese schon zur Tür hinaus. Was sollte das werden? Ein Kostümball oder ein Blind Date? Sie schloss die Augen und hatte den schrecklichen Verdacht, dass sie den Abend noch bereuen sollte.

„Hey, alter Knabe“, erklang Caspars Stimme durch die Freisprechanlage seines Autos. „Wo bist du, Leo? Helen ist schon panisch, weil sie fürchtet, du drückst dich vor deinem Blind Date heute Abend. Bitte hilf mir, sie zu beruhigen.“

„Du glaubst ja wohl nicht, dass ich vor einer schönen Frau davonlaufe?“ Leo stutzte. „Aber es ist doch hoffentlich nicht schon wieder eine von Helens alten Schulfreundinnen?“

Das Schweigen am Ende der Leitung bestätigte seine schlimmsten Vermutungen. „Aber sie ist anders als die anderen Mädchen vom Lande, sie ist wirklich smart und echt klasse.“

„Schon wieder ein Landei?“ Leo lachte auf. „Du weißt doch, dass ich ein Stadtmensch bin und Landpomeranzen nicht mein Ding sind. Hält Helen mich für dermaßen verzweifelt? Oder sattelt sie gerade um auf professionelle Kuppelei?“

„Helen ist ein Juwel! Sie sorgt sich eben aufopfernd um ihre Freunde. Aber mal im Ernst: Wann kommst du ungefähr an? Ich muss dein Kostüm noch besorgen.“

Leo sah aufs Navigationsdisplay. „In etwa zehn Minuten bin ich bei dir. Hotel Kingsmede Manor war schon am Ortseingang ausgeschildert.“ Dann hielt er inne. „Moment mal, Caspar. Hast du gerade Kostüm gesagt?“

„Großartig, dann klingle durch, sobald du dein Hotelzimmer bezogen hast.“

Caspar legte auf, und Leo fuhr die sonnendurchflutete Allee entlang, bis er das einzige Hotel dieses verschlafenen Nests erreicht hatte.

Ein Blind Date! Caspar hatte gut daran getan, es ihm erst wenige Minuten vor Ankunft mitzuteilen. Im Augenblick hatte er wirklich Wichtigeres zu tun, als sich auf solch einen Unfug einzulassen.

Doch er würde der Höflichkeit halber mitspielen und einen der seltenen Abende, die er mit Caspar verbringen konnte, trotzdem genießen. Zudem hatte Helen heute Geburtstag. Der Rest des Wochenendes würde allerdings harte Arbeit werden.

Er hatte Caspar bisher verschwiegen, dass er im Grunde wegen etwas anderem hier war. Seine Tante Arabella hatte ihn gebeten, mit niemandem darüber zu sprechen. Vor drei Jahren hatte sie Kingsmede Manor gekauft und für die Sanierung und Umgestaltung zu einem Hotel zusätzlich viel Geld bezahlt. Nun hatte sie seine Beratungsfirma für ein Erweiterungsprojekt beauftragt.

Sie war fest entschlossen, den maximalen Gewinn aus ihrer Investition herauszuholen. Der neueste Plan war, das Grundstück neben dem Hotel aufzukaufen und darauf einen Spa- und Wellnessbereich zu erbauen. Doch Arabella wollte eine zweite Meinung einholen, bevor sie den Startschuss gab, nämlich seine Meinung.

Normalerweise schickte er für solche Zwecke einen Mitarbeiter, doch in dem Fall verhielt es sich anders. Er verdankte seiner Tante so viel, er würde es ihr kaum je zurückzahlen können. Darum machte er sich persönlich auf den Weg in die Provinz und hinterließ einen Schreibtisch in London, auf dem sich die Arbeit türmte. Die letzten Monate waren extrem arbeitsintensiv und anstrengend gewesen.

Und nun musste er hier innerhalb von knapp einer Woche einen tragfähigen Erweiterungsplan ausarbeiten. Am nächsten Freitag wollte der Vorstand der Hotel-Gruppe in Kingsmede Manor tagen, um sich seine Vorschläge anzuhören.

Das an sich war für Leo nicht ungewöhnlich.

Als Unternehmensberater war er erfolgreich und wurde von vielen Firmen dafür bezahlt, in schwierigen Zeiten harte Entscheidungen zu treffen, um deren wirtschaftliches Überleben zu sichern. Er war bekannt dafür, genau das höchst professionell auszuführen. Doch diesmal hatte die Sache einen persönlichen Hintergrund.

Er umklammerte das Lenkrad.

Der Rizzi-Gruppe gehörten viele der schönsten Boutique-Hotels auf der Welt. Im Grunde war es ein Familienunternehmen, das von einer Person beherrscht wurde: von seinem Großvater Paolo Leonardo Rizzi. Dem Mann, der wie selbstverständlich davon ausging, dass jeder auf sein Kommando hörte, ganz besonders seine Familie. Dem Mann, den Leo für seine Unbarmherzigkeit hasste.

In Paolo Rizzis Welt gab es keinen Platz für Emotionalität oder Rücksichtnahme, alles, was zählte, war Business und sein Hotel-Imperium.

Seine Tante Arabella erwartete von ihm am Freitag also einen besonders ausgeklügelten Plan für die Weiterentwicklung des Hotels. Ein raffinierter Schachzug von ihr, denn so erhielt er endlich Gelegenheit, eine alte Rechnung mit dem Großvater zu begleichen, der vor vielen Jahren seine eigene Tochter und deren Familie verstoßen hatte.

Leo war entschlossen, ihm zu zeigen, dass er damals einen großen Fehler begangen hatte.

Er würde ihnen einen grandiosen Vorschlag unterbreiten, wie Kingsmede Manor mehr Profit abwerfen konnte, und bis Freitag würde er kein Sterbenswörtchen darüber verlieren, zu niemandem. Ganz einfach.

Leo verlangsamte das Tempo, um in die Hotelauffahrt einzubiegen, einer von Birken gesäumten Allee. Die Wipfel der alten Bäume bildeten ein grünes Dach, die tagsüber die Augen vor der Sonne schützten. Jetzt, um acht Uhr abends, zauberten sie ein prachtvolles Lichtspiel auf die Windschutzscheibe seines Sportwagens.

Diese Bäume waren ganz bestimmt schon vor langer Zeit gepflanzt worden, um die damals noch mit Kutschen vorfahrenden Gäste zu beeindrucken. Im Dossier zu Kingsmede Manor, das seine Tante ihm geschickt hatte, stand, dass das Hotel einst der Privatwohnsitz einer adligen Familie gewesen war, die vor drei Jahren hatte verkaufen müssen.

Das war ein wichtiger Punkt auf seiner Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal für das Hotel. Amerikanische Touristen waren ganz vernarrt in englische Gutshäuser, besonders wenn sie unter Denkmalschutz standen und früher einmal kauzigen Adligen gehörten.

Leo kniff die Augen zusammen, als am Ende der Allee das Hotel in den Blick rückte. Vor dem Eingang war eine große Brunnenanlage mit einer beeindruckenden Fontäne.

Leo lächelte anerkennend. Sehr beeindruckend. Kein Wunder, dass seine Tante sofort zugegriffen hatte. Sie hatte einen untrüglichen Geschäftsinstinkt und Geschmack obendrein.

Wenig später parkte er den Wagen vor dem Eingang, öffnete die Autotür und schwang sich mit den schwarzen Designerstiefeln voran elegant aus seinem Sportwagen, der Rest seines über eins fünfundachtzig großen, durchtrainierten Körpers folgte. Leo wusste genau, wie man ein kommerzielles Unternehmen auf Vordermann brachte; was er anpackte, wurde ein Erfolg. Jedenfalls stand das oft auf den Wirtschaftsseiten der internationalen Presse zu lesen.

In der globalen Geschäftswelt war sein Faible für edles Design bekannt, und er pflegte dieses Image. Seine Kunden erwarteten Prestige und Resultate auf höchstem Niveau, und beides bekamen sie von ihm. Ihnen war es gleichgültig, ob er einst, als Handlanger seiner Tante in einem ihrer Hotels in London angefangen hatte. Er wurde von ihnen bezahlt, um ihre Unternehmen voranzubringen, um den Gewinn zu steigern oder die Rendite zu erhöhen, alles andere war unwichtig. Es ging ums Geschäft, nicht um sein Privatleben.

Und so wollte er es auch im Fall von Kingsmede Manor halten.

Er öffnete den Kofferraum, um seine Reisetasche aus Leder herauszuholen. Er hoffte, dass sich dieses Hotel wenigstens dadurch auszeichnete, ausnahmsweise nicht überall diese langweiligen Orchideen auszustellen, die im Augenblick dem internationalen Standard und Geschmack zu entsprechen schienen. Jedenfalls daran gemessen, wie viele Hotels weltweit diese komischen Pflanzen herumstehen hatten. Sein Ding waren sie nicht.

Gegen neun Uhr abends durchquerte Sara in ihren Riemchensandaletten das Foyer mit dem weißen Marmorboden. Am Fuß der weit geschwungenen Flügeltreppe hielt sie inne, um den Schriftzug auf dem vom Geländer herabhängenden roten Spruchband zu lesen. Sie musste grinsen.

„Hollywood Nights“ war das Motto, das in goldenen Lettern dort prangte. Nichts Geringeres als Hollywood, schon gar nicht an Helens Geburtstag.

Fröhlich den Kopf schüttelnd ging sie weiter und nahm dabei wahr, dass die prachtvollen Orchideen, die sie vor ein paar Tagen angeliefert hatte, sehr prominent platziert waren.

Diese Nachtfalterorchideen waren ein Traum. In der Mitte der elfenbeinfarbenen Blüte prangte die purpurne Lippe mit goldgelben Sprenkeln. Natürlich ahnte hier niemand, wie viel Mühe und Zeit sie in die Zucht eines solchen Prachtexemplars steckte. Das Ergebnis konnte sich jedenfalls sehen lassen. Zuerst hatte sie eine andere Sorte vorgeschlagen, doch der Veranstaltungsmanager bestand auf der Nachtfalterorchidee. Das zarte Elfenbein korrespondierte perfekt mit dem Holz der großen antiken Konsole im Foyer und dem goldverzierten Spiegel, der einst ihrer Großmutter gehörte.

Ihr brach es damals fast das Herz, als das schöne Familienmobiliar an fremde Menschen versteigert wurde. Doch in dem Fall hatte ihre Mutter recht behalten: Um gebührend zur Geltung zu kommen, mussten schöne Möbel in großen Räumen stehen, nicht in winzigen Wohnungen oder Cottages. Außerdem hatten sie das Geld damals dringend gebraucht.

Die neuen Eigentümer von Kingsmede Manor waren klug genug, sich bei der Versteigerung die schönsten Stücke zu sichern.

Durch die große Eingangstür wehte frische Abendluft herein. Neue Gäste waren eingetroffen, die Sara jedoch nicht kannte. Das war auch kein Wunder, denn vor drei Jahren war sie bereits aus London weggezogen, wo sie sich mit Helen eine kleine Wohnung geteilt hatte. Ihre Freundin war danach ins Schmuckdesigngeschäft eingestiegen und verkehrte nun in völlig anderen Kreisen.

Sara blickte in den Spiegel über den Orchideen und strich die kurzen Fransen aus der Stirn. Früher war sie ein echtes City Girl gewesen, hatte teure Klamotten und hochhackige Schuhe getragen und sich einen Luxusfriseur geleistet. Jetzt konnte sie froh sein, dass verwuschelte Kurzhaarschnitte wieder in Mode kamen.

Sie sah auf die Uhr und merkte, dass sie spät dran war. Sehr spät sogar. Wahrscheinlich wartete ihr komisches Date schon längst auf sie und fühlte sich von ihr versetzt. Oder fürchtete den Moment der Begegnung genauso wie sie?

Sie reckte das Kinn, setzte ein Lächeln auf und betrat den einstigen Salon ihrer Großmutter. Auf Zehenspitzen hielt sie über die Köpfe der anderen hinweg nach ihrer Freundin Ausschau.

Helen war kaum über eins fünfzig groß, und neben ihr fühlte sich Sara immer wie eine Bohnenstange. Deshalb hatte sie die flachen Sandaletten zu dem raffiniert einfachen schwarzen Abendkleid gewählt, das sie – nebst anderen schönen Dingen – von ihrer Großmutter geerbt hatte. Von Helen stammten die Perlenkette und eine große Sonnenbrille, das ebenfalls angebotene unechte Diadem hatte Sara jedoch abgelehnt. Die langen schwarzen Satinhandschuhe und eine Zigarettenspitze reichten ihr, um Audrey Hepburn für eine Nacht zu werden.

Am anderen Ende des Raumes winkte jemand aufgeregt.

Sara arbeitete sich durch die kostümierte Menge zu Helens Tisch an der offenen Terrassentür vor. Von draußen wehte ein lauer Abendwind herein, es war herrlich.

„Wie gut, dass du endlich hier bist“, rief Helen. „Wir müssen sicherstellen, dass wir den Karaokewettbewerb später wirklich gewinnen. Du bist die Einzige im Team, die wenigstens einen Ton halten kann.“

Helen war als Dorothy aus dem Zauberer von Oz verkleidet und sah reizend aus, angefangen beim altmodischen Kleiderrock über ihre roten Glitzerschuhe bis hin zum Körbchen mit dem Stoffhund, der nicht fehlen durfte.

„Na prima, Dotty. Kichernd beugte sich Sara zu ihr hinab, um ihr, ohne die aufgemalten Bäckchen zu verschmieren, einen Kuss auf die Wange zu drücken. „Tut mir leid, dass ich zu spät komme. Ich musste meinen alten Kater noch zur Mäusejagd animieren. In den Gewächshäusern wimmelt es nur so davon, doch er war nicht aus seinem Katzenkorb zu bewegen.“

Sie zeigte auf die Kratzspuren am Unterarm. „Hat mich viel Make-up gekostet, um das zu vertuschen. Zum Glück hab ich die langen Handschuhe.“

Helen wedelte mit einer Hand in der Luft. „Ach, vergiss die blöde Katze und konzentriere dich ganz auf die Party. Unser Tisch muss siegen, also streng dich bitte besonders an.“ Sie stippte sich ungelenk mit dem Zeigefinger an die leicht gerötete Nase, und Sara fragte sich, wie viele Gläser Schampus sie wohl schon intus hatte.

Ein großer, breitschultriger Mann im Nadelstreifenanzug und schwarz-weißen Halbschuhen, mit Filzhut und Augenmaske kam auf sie zu. Er tippte an seine Krempe, griff nach Helens Hand, verbeugte sich hüftsteif und küsste sie auf die Handfläche. „Na, Puppe, wie wär’s denn mit uns zwei?“ Er versuchte, einen amerikanischen Gangsterjargon zu imitieren. „Darfst dein olles Schoßhündchen auch mitnehmen.“

„Hallo Caspar, du siehst wirklich elegant aus.“

Enttäuscht schob er die Maske hoch.

„Was hat mich verraten? Na sag schon, Sara?“

Sie deutete auf sein Handgelenk. „Ich glaube, solche Designeruhren waren den Herren des organisierten Verbrechens ziemlich unbekannt.“

Er knurrte leise. „Geschieht mir recht. Warum nehme ich auch von jeder Schmuckdesignerin, die ich heiraten will, Geschenke an?“ Helen und er strahlten sich an.

„Aber du siehst auch umwerfend aus.“

„Helen bestand auf meine Anwesenheit. Sie meint, es ist die letzte Gelegenheit, noch einmal Spaß zu haben, bevor sie sich endgültig vom jungen und freien Teil der Menschheit verabschiedet und sich dir für immer an den Hals wirft.“

Caspar schielte bereits hinüber zur Bar und nickte den Weinkellner mit den Champagnergläsern heran.

„Ich betrachte es als süße Pflicht, meiner zukünftigen Frau bei der Verwirklichung ihrer Ziele nicht im Weg zu stehen. Bin gleich wieder da mit frischen Drinks. Macht euch auf den berüchtigten Kaplinski-Cocktail gefasst.“ Dann schlappte er gangstermäßig mit wiegendem Gang und dramatischen Schulterbewegungen über den glatt polierten Holzfußboden in Richtung Bar.

Sara seufzte und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Dieser Mann ist fast zu gut für dich. Wie geht es dem Geburtstagskind?“

Ein wenig unsanft klopfte Helen ihr auf die Schulter. „Fantas-tisch. Ich werde mal eben nach dem Buffet sehen, und schauen, wo dein Blind Date abgeblieben ist. Du rührst dich nicht vom Fleck.“

„Du wirst mich doch nicht hier alleine stehen lassen?“, fragte Sara mit leiser Verzweiflung in der Stimme.

„Natürlich nicht, du musst dich nur ein bisschen unters Volk mischen, dann bist du nicht allein“, erwiderte sie. „Also nur zu, bin in fünf Minuten wieder zurück.“

Sara schüttelte lächelnd den Kopf, während sie Helen hinterhersah, die sofort von einem schwertbewehrten Piraten in ein Gespräch verwickelt wurde.

Dann stand sie auf, schulterte ihre Abendtasche und nahm sich eisgekühlten Champagner von einem Silbertablett, das ein Kellner herumreichte. Er zwinkerte ihr zu. Sie zwinkerte zurück. Es war der Postbeamte des Dorfs, und am Buffet sah sie auch schon dessen Frau mit Platten hantieren. Beide besserten ihr Einkommen auf, indem sie bei besonderen Anlässen im Hotel aushalfen.

Sara war froh, bekannte Menschen zu sehen, mit ihnen konnte sie sich später ein wenig unterhalten.

In dem Augenblick betrat ein großer, schlanker, dunkelhaariger Mann in einem eleganten schwarzen Anzug und einem auffälligen Cape mit rotem Innenfutter, das gut zu Graf Dracula passte, den Saal. Manieriert und etwas steif schritt er durch den Raum, als gehöre er ihm. Er wirkte gebieterisch und unnahbar und sah so unverschämt gut aus, dass Sara fast die Kinnlade herunterfiel. Die Genfee hatte diesen Burschen sehr gern gehabt und verwöhnt.

Er wirkte wie ein Prototyp der modernen, urbanen, internationalen Führungselite, zu der er zweifellos auch gehörte. Aalglatt und stahlhart, ein Mann, der an sich glaubte und gewohnt war, Verantwortung zu übernehmen, wahrscheinlich ein echter Industriekapitän.

Sara schnaubte leise bei der Erinnerung an all die Männer, mit denen sie früher hin und wieder ausgegangen war, die wie Klone dieses Prototyps aussahen. Sie kannte sie alle, war sie leid und immer wieder enttäuscht worden von den Typen, die in ihr nur die Tochter von Lady Fenchurch sahen und sich im Grunde für sie als Person nicht interessierten.

Zum Landadel zu gehören hatte eben auch seine Nachteile. Zumal sie nicht einmal einen eigenen Adelstitel hatte.

Caspar stürzte sich auf den Fremden, begrüßte ihn überschwänglich und schob ihn dann in Richtung Bar. Als er sich umdrehte, erhaschte sie einen kurzen Blick auf Graf Draculas Gesicht, in dem sie sich für den Bruchteil einer Sekunde wiedererkannte. Auch er kam sich hier sehr alleine, lächerlich und fehl am Platze vor. Als hätte ihn jemand gegen seinen Willen hergeschleppt und mit diesem Kostüm verkleidet.

Leo sah sich erst um und starrte dann mit Schrecken auf den dampfenden Drink, den ihm Caspar eben vor die Nase gestellt hatte. „Du bist dir hoffentlich bewusst, dass niemand außer dir es schaffen würde, mich in einem so lächerlichen Aufzug auf eine Geburtstagsfeier zu locken? Ich mache das Helen zuliebe. Nur dass das klar ist.“

„Wozu hat man Freunde?“ Caspar schwenkte seinen Kaplinski-Cocktail großspurig in der Hand.

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