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Geständnis auf der Jacht

1. KAPITEL

Zum ersten Mal seit zehn Jahren betrat Sergio Torrente den Palazzo Azzarini.

Die prächtige Villa lag mitten in der Toskana und war berühmt für die vom bedeutendsten Architekten des sechzehnten Jahrhunderts inspirierte Bauweise. Rundbögen und Marmor prägten den Stil, die Harmonie der Formen war schon oft gelobt worden. Auf den Weinbergen, die den Palazzo umgaben, wurde der in der ganzen Welt bekannte Azzarini-Wein angebaut. Die Pinien verströmten ihren würzigen Duft, und so weit das Auge reichte, reihten sich die sanften Hügel dieser lieblichen Landschaft aneinander.

Im Inneren des Palazzos jedoch hatten finanzielle Rückschläge der Familie in der letzten Zeit ihre Spuren hinterlassen. Die atemberaubende Kunstsammlung war verschwunden, und eine leichte Schäbigkeit war an die Stelle einstiger Pracht getreten. Aber jetzt gehört alles mir, freute sich Sergio. Jeder Stein und jedes Körnchen des fruchtbaren Bodens. Und er war reich genug, um die Uhr zurückzudrehen und der Verwahrlosung ein Ende zu bereiten.

Er hatte sich genommen, was ihm seit seiner Geburt versprochen war. Sollte er in diesem Moment nicht Triumph empfinden? Doch er hatte schon vor langer Zeit aufgehört zu fühlen. Zuerst war es nur ein Schutzmechanismus gewesen, aber nach und nach war es ihm zu einer Gewohnheit geworden, die er nicht mehr missen wollte. Auf diese Weise litt er nicht mehr unter emotionalen Höhenflügen und Abstürzen. Wenn er das Bedürfnis hatte, sich lebendig zu fühlen, suchte er sich körperliche Herausforderungen. Er betrieb mehrere Extremsportarten und kannte keine Furcht. Doch es gab auch nichts, was ihn wirklich berührte.

Ohne Eile schlenderte Sergio durch die leere Eingangshalle, in der das Echo seiner Schritte widerhallte. Früher einmal war der Palazzo ein Ort des Glücks und er selbst ein liebender Sohn gewesen. Die Zuneigung der Familie, Wohlstand und Sicherheit hielt er stets für selbstverständlich. Doch diese angenehmen Erinnerungen waren fast wie weggewischt von den albtraumhaften Ereignissen, die auf die glückliche Zeit folgten. Inzwischen wusste Sergio mehr über die menschliche Gier, als ihm lieb war. Sein attraktives Gesicht wirkte plötzlich düster. Er trat auf die Terrasse hinaus. Auch im Garten waren Zeichen der Verwahrlosung zu erkennen. Die Sträucher waren schon lange nicht mehr beschnitten worden, und in den Beeten wucherte das Unkraut. Doch die blühenden Rosen, die an den uralten Mauern des Palazzos emporrankten, verströmten noch den gleichen süßen Duft wie vor zehn Jahren. Bei dem Geräusch von näher kommenden Schritten drehte Sergio sich um. Eine Frau kam auf ihn zu.

Platinblonde Locken umrahmten Grazias ebenmäßiges Gesicht. Das weiße eng anliegende Kleid betonte die Rundungen ihres Körpers und ließ keinen Zweifel daran, dass sie unter dem Seidenstoff vollkommen nackt war. Grazia hatte schon immer gewusst, was einen Mann an einer Frau am meisten anzog: Es war nicht die Kunst gepflegter Unterhaltung.

„Wirf mich nicht raus!“ Der Blick aus ihren fast türkisfarbenen Augen wirkte neckend und flehend zugleich. „Ich würde alles tun, um eine zweite Chance bei dir zu bekommen.“

Spöttisch hob Sergio eine Augenbraue. „Vergiss es.“

„Auch nicht, wenn du die Regeln machst? Ohne jede Bedingung von meiner Seite? Ich kann sehr stilvoll um Verzeihung bitten!“ Mit einem provozierenden Blick sank sie anmutig vor ihm auf die Knie und streckte die Hand nach seinem Gürtel aus.

Für den Bruchteil einer Sekunde versteifte Sergio sich, dann brach er in anerkennendes Lachen aus. Grazia scherte sich nicht um Moral, doch immerhin stand sie dazu. Die schöne Aristokratin war immer zu einem Abenteuer bereit. Sergio kannte sie gut, denn einmal hatte sie ihm gehört. Eines Tages aber wurden seine Träume zerschlagen, denn sie wandte sich seinem Bruder zu. Liebe zählte für Grazia nicht; sie ging dorthin, wo das Geld war. Inzwischen hatte die Zeit gewaltige Veränderungen mit sich gebracht, und jetzt war Sergio Milliardär. Die Weinberge von Azzarini stellten nur einen kleinen Teil seines Unternehmens dar.

„Du bist die Frau meines Bruders“, erinnerte er sie leise. Er lehnte seine schmalen Hüften gegen die Brüstung, nur wenige Zentimeter außerhalb der Reichweite von Grazias Händen. „Und ich bin kein Ehebrecher, cara mia.“

Sein Handy klingelte. „Entschuldige mich“, sagte er kühl und ging wieder ins Haus, während sie immer noch unterwürfig auf den harten Fliesen der Terrasse kniete.

Der Anruf kam von seinem Sicherheitschef Renzo Catallone in London. Sergio unterdrückte einen Seufzer. Der ehemalige Polizeioffizier nahm seine Aufgabe sehr ernst. In seinem Büro in London hatte Sergio ein wertvolles Schachspiel aufgebaut und vor ein paar Wochen entdeckt, dass jemand das „Bitte-nicht-berühren“-Schild ignorierte und die Schachpartien berühmter Spieler löste, die er auf dem Spielbrett nachstellte. Der Unbekannte hatte jeden seiner Züge beantwortet.

„Wenn es Sie so sehr bekümmert, installieren Sie doch eine versteckte Kamera“, schlug Sergio nun vor.

„Dieser Unfug mit dem Schachbrett macht mir mein ganzes Team verrückt“, gab Renzo zu. „Wir sind fest entschlossen, den Spaßvogel zu schnappen.“

„Und was sollen wir mit ihm machen, wenn Sie ihn erwischen?“, fragte Sergio trocken. „Ihn dafür verurteilen, dass er mich zu einer Partie Schach herausgefordert hat?“

„Es ist ernster, als Sie denken“, entgegnete der ältere Mann. „Der Vorraum befindet sich direkt neben Ihrem Büro, doch irgendjemand geht dort ein und aus, wie es ihm passt. Es ist eine gefährliche Sicherheitslücke. Ich habe das Spielbrett heute Nachmittag überprüft, aber ich kann nicht erkennen, ob wieder irgendwelche Figuren versetzt wurden.“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen“, erklärte Sergio freundlich. „Ich werde es sofort merken, wenn ich wieder zurück in London bin.“

Sein unbekannter Gegner war überaus erfinderisch. Immerhin nutzte er das Schachspiel, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Bei dem Täter konnte es sich nur um einen ehrgeizigen Angestellten handeln, der ihm unbedingt seine strategischen Fähigkeiten beweisen wollte.

Der junge Mann war so beschäftigt damit, Kathy anzustarren, dass er beinahe über einen Stuhl stolperte, als er das Café verließ.

„Du bist ausgesprochen gut fürs Geschäft!“, sagte Bridget Kirk, die Besitzerin. Die sechsundvierzigjährige lebhafte Brünette mit dem gutmütigen Gesicht lächelte amüsiert. „Alle Männer wollen von dir bedient werden. Wann verabredest du dich endlich mal mit einem?“

Kathy senkte die Lider über ihre grünen Augen, damit Bridget ihre Verlegenheit nicht sah, und zwang sich zu einem Lachen. „Ich habe keine Zeit für einen Freund.“

Während sie zusah, wie ihre junge Angestellte sich die Jacke anzog, um nach Hause zu gehen, unterdrückte Bridget einen Seufzer. Kathy Galvin war einfach wunderbar und erst dreiundzwanzig Jahre alt, aber sie lebte wie eine Einsiedlerin. „Ein bisschen Zeit kann man immer erübrigen. Du bist nur einmal jung. Du jedoch scheinst nur zu arbeiten und zu studieren. Ich hoffe, du machst dir keine Sorgen wegen der alten Geschichte. Das ist vorbei und vergessen.“

Kathy widerstand der Versuchung, ihr zu antworten. Die Vergangenheit ließ sie niemals los. Die Narbe auf ihrem Rücken erinnerte sie ständig daran, Albträume quälten sie, und selbst am helllichten Tag fühlte sie sich selten wirklich sicher. Sie hatte am eigenen Leibe erlebt, dass man nichts Böses getan haben musste, damit einem alles genommen werden konnte. Als sie neunzehn war, geriet ihr Leben aus den Fugen, ohne dass sie etwas dazu beigetragen hätte. Wie aus dem Nichts tauchten die Schwierigkeiten auf und zerstörten sie beinahe. Kathy überlebte, aber die Erfahrung veränderte sie. Früher war sie selbstbewusst, kontaktfreudig und gutgläubig gewesen. Sie hatte an die Unfehlbarkeit der Justiz geglaubt, ebenso wie daran, dass jeder Mensch in seinem tiefsten Inneren gut sei. Doch vor vier Jahren wurden diese Überzeugungen auf eine harte Probe gestellt. Jetzt blieb sie lieber allein für sich, anstatt das Risiko einzugehen, zurückgewiesen und verletzt zu werden.

Bridget tätschelte Kathy die Schulter. Sie musste sich dazu auf die Zehenspitzen stellen, denn sie war ein gutes Stück größer als sie selbst. „Es ist vorbei“, sagte sie sanft. „Hör auf, ständig darüber zu grübeln.“

Auf dem Heimweg dachte Kathy, wie glücklich sie sich schätzen konnte, für jemanden wie Bridget zu arbeiten, die sie trotz ihrer Vergangenheit eingestellt hatte. Ehrlichkeit war der reinste Luxus, wenn sie einen Job haben wollte. Sie musste ziemlich erfinderisch sein, um die klaffende Lücke in ihrem Lebenslauf nicht auffallen zu lassen. Um zu überleben, hatte sie zwei Jobs: Abends reinigte sie Büros, und tagsüber bediente sie im Café. Sie brauchte jeden Penny, um die Rechnungen zu zahlen, und am Ende des Monats blieb nichts übrig. Doch Kathy war froh, dass sie wenigstens das hatte. Nur wenige Menschen waren so großzügig und aufgeschlossen wie Bridget.

Wie immer war sie erleichtert, die Tür ihres möblierten Zimmers hinter sich schließen zu können. Die Privatsphäre war ihr wichtig, und sie genoss es, dass sie keine lauten Nachbarn hatte. Sie brauchte dieses Refugium, denn schon als Kind hatte sie eine ganze Menge durchgemacht. Als sie zehn war, starb ihre Mutter bei einem Eisenbahnunglück, und kurz darauf erkrankte ihr Vater schwer. Sie pflegte ihn, und daneben führte sie den Haushalt und erledigte die Schularbeiten. Die Liebe zu ihrem Vater gab ihr die nötige Kraft, und ihr einziger Trost war es, dass er starb, bevor er zusehen musste, wie das Leben seiner Tochter zerstört wurde.

Es war bereits Abend, als Kathy den Bürokomplex betrat, in dem sie fünf Nächte in der Woche arbeitete. Inzwischen gefiel ihr das Putzen sogar. Hier hatte sie ihre Ruhe, und solange sie ihre Arbeit ordentlich erledigte, kommandierte niemand sie herum. Außerdem gab es hier nur sehr wenige Männer, die sie belästigten. Sie stellte rasch fest, dass niemand dem Reinigungspersonal große Beachtung schenkte. Es war, als sei sie unsichtbar, und das passte ihr ganz ausgezeichnet. An die Blicke der Männer, die sie sonst oft genug auf sich zog, konnte sie sich einfach nicht gewöhnen.

Sie leerte gerade einen Papierkorb, als ein Mann ihr vom anderen Ende des Korridors ungeduldig etwas zurief.

„Sind Sie die Putzfrau? Kommen Sie in mein Büro – ich habe etwas verschüttet.“

Kathy wirbelte herum. Der Mann im dunklen Anzug hielt sich nicht damit auf, sie anzuschauen, und hatte sich bereits wieder umgedreht. Als sie hinter ihm her eilte, verschwand er in dem protzigen Privatbüro, vor dem das wertvolle Schachspiel stand. Ihre Lippen zuckten, und mit einem Blick überflog sie das Spielbrett, als sie daran vorbeiging. Ihr unbekannter Gegner hatte einen weiteren Zug getan. In der Pause, wenn sie allein war, würde sie wieder ziehen.

Das riesige Büro war imposant und bot einen fabelhaften Blick über die Skyline von London.

Kurz musterte Kathy den Mann. Er drehte ihr den Rücken zu, während er in einer fremden Sprache telefonierte. Er war sehr groß, hatte breite Schultern und schwarzes Haar. Mit diesen Beobachtungen erlosch ihr Interesse auch schon wieder, denn sie entdeckte die Bescherung. Bei einer Kaffeetasse war der Henkel abgebrochen, und der Inhalt hatte eine große Pfütze hinterlassen. So gut es ging, wischte sie den Kaffee auf und holte dann frisches Wasser.

Sergio beendete sein Telefonat und setzte sich an seinen Schreibtisch. Erst jetzt bemerkte er die Putzfrau, die auf der anderen Seite des Büros auf dem Boden kniete und eifrig den Teppich schrubbte. Das lange Haar schimmerte wie poliertes Kupfer und war im Nacken hochgesteckt.

„Danke. Ich bin mir sicher, dass das jetzt reicht“, rief er ihr zu.

Kathy blickte auf. „Der Fleck wird bleiben, wenn ich es so lasse“, warnte sie.

Mit großen grünen Augen schaute sie ihn an. Die Wimpern waren so lang, dass sie fast wie gemalt wirkten. Ihr herzförmiges Gesicht war so ungewöhnlich und aufsehenerregend schön, dass Sergio, der niemals eine Frau anstarrte, den Blick nicht von ihr lassen konnte. Selbst der formlose Overall konnte die Anmut ihres schlanken Körpers nicht verbergen. Das konnte keine gewöhnliche Putzfrau sein! Vielleicht war sie Schauspielerin, die gerade kein Engagement hatte, oder ein Model. So schöne Frauen brauchten keine Böden zu scheuern, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Hatte sich einer seiner Freunde einen Scherz erlaubt? Oder verfolgte diese Lady ihre ganz eigenen Absichten?

Als ihr Blick auf den Mann hinter dem Schreibtisch fiel, starrte Kathy ihn einige Sekunden an. Er sah umwerfend aus. Das glänzende Haar war kurz geschnitten, die dunklen Augen schimmerten wie schwarze Perlen, die Wangenknochen wirkten wie gemeißelt, und die gerade Nase verlieh ihm ein aristokratisches Äußeres. Die glatte Haut war leicht gebräunt, nur über dem Kinn lag ein dunkler Schatten. Kathys Herz schien fast stehen zu bleiben, so schwer und dumpf schlug es.

„Ein Fleck. Auf dem Teppich“, brachte sie hervor. Sie erinnerte sich kaum noch, warum sie hier in diesem Büro war. Unsicher stand sie auf und wollte gehen.

Sergio verdrängte den Gedanken an ihre makellose Erscheinung. Gut aussehende Frauen waren nichts Neues für ihn. Doch er versuchte immer noch herauszufinden, was ihn so in den Bann zog, dass es ihm schwerfiel, den Blick abzuwenden. Mit vorgetäuschter Trägheit lehnte er sich in seinem Schreibtischsessel zurück. „Dann machen Sie weiter“, erklärte er mit heiserer Stimme. „Aber vorher beantworten Sie mir eine Frage. Welcher von meinen Freunden hat Sie hierhergeschickt?“

Sie hob ihre perfekt geschwungenen Brauen und fühlte sich sichtbar unbehaglich. Ein rosiger Schimmer überzog die blasse elfenbeinfarbene Haut. Sie wandte den Blick ab, nur um sich ihm wie unter Zwang erneut zuzuwenden.

„Verzeihung, ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ich werde später wiederkommen und den Teppich reinigen.“

„Nein, machen Sie es jetzt.“ Ein kurzer Befehl von Sergio reichte, und sie blieb. Offensichtlich war sie über seine Frage sehr verwirrt. Zweifel überkamen ihn, ob er mit seinem Verdacht richtig lag.

Arrogant, fordernd, eingebildet … Im Stillen belegte Kathy ihn mit einer ganzen Reihe wenig schmeichelhafter Eigenschaften, während sie vor Ärger rot wurde. Sie wollte raus aus diesem Büro, schließlich war sie nicht dumm und wusste genau, was er dachte. Es machte sie wütend, dass sie sich solche Dinge allein aufgrund ihres Äußeren gefallen lassen musste. Sie machte ihren Job, und sie hatte genau wie jeder andere das Recht, ihre Arbeit in Ruhe erledigen zu können! Bevor sie sich wieder hinkniete, warf sie zufällig einen Blick in die schwarzen Augen, in denen sich das Licht wie goldene Flammen spiegelte, und war einen Moment wie versteinert. Ihr stockte der Atem, und der Mund wurde trocken. Dann blinzelte sie, riss sich mit aller Kraft von dem Anblick los und stellte fest, dass ihr Kopf wie leer gefegt war. Die Gegenwart dieses überwältigend attraktiven Mannes verdrängte jeden vernünftigen Gedanken.

Sergio beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sie unternahm keinen Versuch, seine Blicke bewusst auf sich zu ziehen. Sie bewegte sich ruhig und provozierte nicht. Doch sie hatte etwas Besonderes an sich, das seine Aufmerksamkeit weckte. Der rosige Schimmer auf der hellen Haut wirkte ausgesprochen sinnlich. Die Augen waren beinahe so grün wie die bittersüßen Äpfel im Garten seines englischen Großvaters, und ihr Blick war überraschend offen. Ihre vollen erdbeerroten Lippen zu betrachten reichte bereits, um ihn zu erregen.

Kathy bearbeitete weiter den Fleck auf dem Teppich, obwohl sie wusste, dass sie ihn mit ihren Mitteln nicht restlos beseitigen konnte. Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Erstaunlich, welche Wirkung dieser Mann auf sie hatte. Seit Gareth hatte kein Mann mehr diese Reaktion bei ihr hervorgerufen – und selbst er hatte sie nie so durcheinandergebracht, dass sie kaum wusste, was sie tat. Ihre Reaktion auf den attraktiven Mann im Anzug erinnerte sie daran, dass sie wie jeder andere Mensch für sinnliche Reize empfänglich war. Vielleicht sollte sie sich darüber freuen, dass ein gebrochenes Herz sie nicht der Fähigkeit beraubt hatte, wie eine normale Frau zu empfinden.

„Entschuldigen Sie …“, murmelte sie höflich und ging durch den großen Raum in Richtung Ausgang.

Instinktiv sprang Sergio auf. Kurz vor der Tür hob sie den Kopf, und er sah die Anspannung in ihren grünen Augen. Die amüsierten Worte, die ihm bereits auf den Lippen lagen, um sie zurückzuhalten, blieben ihm im Hals stecken. Madonna mia, sie war eine Putzfrau und er ein Torrente! Er straffte sich und gewann seine eiserne Selbstdisziplin zurück. Was war ihm da eben nur durch den Sinn gegangen? Er konnte immer noch nicht an einen Zufall glauben, dass eine so schöne Frau in seinem Büro arbeitete und bequemerweise sofort zur Stelle war, wenn er sie brauchte. Es musste eine Falle sein!

Sein Aussehen und sein Reichtum machten ihn zu einer ständigen Zielscheibe weiblicher Intrigen. Frauen griffen zu den unglaublichsten Mitteln, um an ihn heranzukommen. Schon als Teenager hatte er einen bitteren Zynismus entwickelt, weil zu viele Mädchen mit allen erdenklichen Tricks um seine Aufmerksamkeit buhlten. Mit seinen einunddreißig Jahren hatte er bereits unzählige Angebote bekommen, manche diskret, die meisten keck und ein paar geradezu unverschämt.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, holte Kathy zitternd Luft. Sie fragte sich, wer der Mann war, und verwarf den Gedanken sofort wieder. Was spielte es für eine Rolle, ob sie es wusste? Als sie an dem Schachspiel mit den Spielfiguren aus poliertem Metall und glitzernden Edelsteinen vorbeikam, zögerte sie kurz. Sie studierte die Stellung der Figuren und opferte rasch einen Bauern, in der Hoffnung, dass durch diesen Zug die Wachsamkeit ihres Gegners nachließ. War er der andere Spieler? Das hielt sie für unwahrscheinlich, denn dieses Vorzimmer führte noch in zwei weitere riesige Büros. In einem davon standen ein halbes Dutzend Schreibtische. Ein piekfeiner Kerl mit goldenen Manschettenknöpfen und einem unterkühlten Oberklassenakzent schien ihr nicht der richtige Kandidat für eine Schachpartie mit einem völlig Unbekannten zu sein. Sie eilte den Korridor hinunter, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

Als das Telefon klingelte, wollte Sergio gerade seinen Laptop ausschalten.

„Wir haben seit gestern Ihren geheimnisvollen Schachspieler auf Video, Sir“, erklärte Renzo zufrieden. „Ich denke, es wird Sie überraschen, was wir entdeckt haben.“

„Also, dann überraschen Sie mal“, drängte Sergio und unterdrückte seine Ungeduld.

„Es ist eine junge Frau von der Reinigungsfirma. Sie heißt Kathy Galvin und hat vor einem Monat hier angefangen.“

Verblüffung spiegelte sich in Sergios Gesicht und wurde kurz darauf von Neugier verdrängt. „Schicken Sie mir die Bilder.“

Sergio sah sich auf dem Bildschirm den Filmausschnitt an, während Renzo am Telefon wartete. Da war sie: die hinreißende Rothaarige. Er beobachtete, wie sie vom Sofa im Vorraum aufstand, auf dem sie offensichtlich ein Nickerchen gehalten hatte. Sie streckte sich, warf einen flüchtigen Blick auf das Schachbrett und versetzte den weißen Springer. Ob jemand ihr am Handy Anweisungen gab, welchen Zug sie machen sollte? Jetzt öffnete sie die Haarspange und zog aus ihrem Overall eine Bürste hervor, um das zerzauste Haar zu bändigen. Sergio fragte sich, ob sie von der Kamera wusste, während er fasziniert ihr schönes Gesicht beobachtete und das Bild auf dem Computer speicherte.

„Dieses Verhalten können wir nicht durchgehen lassen, Sir“, erklärte Renzo eifrig.

„Meinen Sie?“ Sergio erhob sich und nahm das Telefon mit, als er hinausging, um einen Blick auf das Schachbrett zu werfen. Sie war unvorsichtig geworden und hatte einen weiteren Zug gemacht, gleich nachdem sie sein Büro verlassen hatte. Ohne Zweifel legte sie es darauf an, dass er so schnell wie möglich herausbekam, gegen wen er spielte, und nach dem Köder schnappte. Als Putzfrau zu arbeiten musste eine ernste Herausforderung für eine Frau sein, die nur darauf aus war, ihn kennenzulernen.

„Wir müssen sie bestrafen, am besten sogar rauswerfen …“

„Nein. Überlassen Sie die Sache mir, und sprechen Sie mit niemandem darüber“, unterbrach Sergio ihn leise. „Ich werde mich selbst darum kümmern.“

„Sie, Sir?“, fragte Renzo hörbar erstaunt. „Sind Sie sicher?“

„Natürlich. Außerdem möchte ich, dass die Überwachungskamera auf der Stelle ausgeschaltet wird.“ Sergio beendete das Gespräch. Seine Augen funkelten spöttisch. Sie war also tatsächlich keine hart arbeitende, ehrliche Putzfrau, die seinen Respekt verdiente. Wie hatte er das nur fünf Minuten lang glauben können? Bei diesem hinreißenden Gesicht und dem fantasievollen Schachspiel brauchte er nur eins und eins zusammenzuzählen, um zu erkennen, dass er eine weitere Goldgräberin vor sich hatte.

Die Jagdsaison ist eröffnet, dachte Sergio mit einem boshaften Lächeln. Er war ein verdammt guter Jäger und würde schon auf seine Kosten kommen. Und zwar lieber früher als später, denn er würde London am nächsten Morgen wieder verlassen und erst in zehn Tagen zurückkehren.

Er machte sich auf die Suche nach seiner Beute. Als er sie fand, staubte sie gerade einen Schreibtisch ab. Im Schein der Deckenlampe schimmerte ihr prachtvolles Haar in warmen Rottönen. Als sie sich aufrichtete und ihn an der Tür stehen sah, machte sie ein überraschtes Gesicht. Gegen seinen Willen amüsierte Sergio diese gekonnte Reaktion, doch er musste zugeben, dass sie ihre Rolle perfekt beherrschte. Wenn man ihren fragenden Blick sah, würde man nie darauf kommen, dass sie ihn seit drei Wochen zum Narren hielt und jeden Abend aufs Neue herausforderte.

„Lass uns die Partie zu Ende bringen, bella mia“, erklärte Sergio mit seidenweicher und zugleich kühler Stimme. „Heute Abend. Wenn du gewinnst, bekommst du mich. Wenn du verlierst, bekommst du mich trotzdem. Wie kannst du also verlieren?“

2. KAPITEL

Gute zehn Sekunden lang starrte Kathy ihn an. Sie hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber gewiss nicht damit, dass dieser mächtige Mann sie aus heiterem Himmel herausforderte. Für gewöhnlich ging sie keine Risiken ein und sorgte dafür, dass man keine Notiz von ihr nahm. Doch jetzt hatte dieser Fremde sie bemerkt. Entmutigt gestand Kathy sich ein, dass sie selbst nicht wenig dazu beigetragen hatte.

Zu ihrem Ärger fesselte seine verwegene männliche Schönheit erneut ihre Aufmerksamkeit. Gewinnen oder verlieren, und er war der Preis? Meinte er das ernst? Wenn ja, sollte sie es wagen, die Herausforderung anzunehmen? Während der Arbeit hatte sie sich einzureden versucht, dass er nicht halb so attraktiv war, wie sie glaubte. Doch jetzt stand er erneut in Fleisch und Blut vor ihr, und alle Gelassenheit und Vernunft schienen sich in Luft aufzulösen. Allein der Anblick der stolzen, wie in Marmor gemeißelten Gesichtszüge bereitete ihr Lust. Sie öffnete den Mund, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. „Ich … äh …“

Er musterte sie mit durchdringendem Blick.

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