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Gestade der Leidenschaft

1. KAPITEL

Die südliche Karibik, 1535.

Sie würde sterben.

Dieses Wissen sollte sie in Panik ausbrechen, weinen, schreien lassen. Doch Maria Gonzales verspürte nur eine seltsame kalte Ruhe. Als ginge sie dieses infernalische Szenario nichts an.

Der Sturm begann plötzlich zu wüten, als sich ihr Schiff, die Santa Theresa, auf der Mona-Passage, einer von Unwettern heimgesuchten, zwischen den Inseln Hispaniola und Puerto Rico gelegenen Seefahrtsstraße, befand. Schwarze, sich auftürmende Wolken jagten über den Himmel, verdunkelten alles und ließen sie in extremer Dunkelheit zurück. Der Wind heulte von achtern und trieb ihr mächtiges Schiff durch die wogende See, als sei es aus Spänen gemacht.

Der Regen schüttete vom Himmel; Wellen, die hoch und stark genug waren, um einen Mann über Bord zu schwemmen, brachen sich am Bug. Das Schiff bäumte sich auf und wurde hin und her geworfen wie ein Spielzeug. Als die Masten, an denen die Segel nur noch in Fetzen hingen, brachen und sie der Gnade des Meeres auslieferten, wusste Maria, dass sie verloren waren.

Sie drängte sich unter Deck an Contessa Isabella und deren andere Zofen, und zusammen knieten sie im Brackwasser, während Vater Ignacio betete.

„Oh, allmächtiger und barmherziger Gott, der Du Deinen Engeln befohlen hast, uns zu führen und zu schützen …“, rief er, und trotz der tröstenden Worte war seine Stimme schrill vor Angst.

Die Augen von Contessa Isabella waren fest geschlossen, ihre zarten Finger hoben sich schneeweiß von den Perlen des Rosenkranzes ab. Ihre Zofen schluchzten und klammerten sich an den samtenen Mantel, doch Marias Augen waren geöffnet. Wenn das ihre letzten Augenblicke sein sollten, wollte sie alles sehen. Sie wollte ihr Ende kommen sehen, den Tod, wie er in Form einer kalten silbernen Welle über sie hereinbrach.

Sie sah aber nur die bedrückende Enge, Vorratsfässer, die im ansteigenden Wasser trieben und die gebrochenen Masten, die das Schiff in verschiedenen Winkeln durchbohrten. Eine Regenflut stürzte durch die Risse in der Decke auf sie hinab. Das Heulen des Windes übertönte das Schluchzen der Frauen sowie die Gebete des Priesters, und alles was Maria hörte war die Stille in ihrem Kopf.

Dies war nicht, was sie sich erhofft hatte, als sie Sevilla verließ. Nachdem ihre Eltern bereits einige Zeit tot waren, und sie von dem Sohn des Hufschmieds, den sie zu lieben geglaubt hatte, verlassen worden war, wusste sie, dass ihre Zukunft die eines Barmädchens war, die daraus bestand, Böden zu schrubben, einzukaufen und schwitzende alte Männer zu bedienen, die sie begrapschen wollten. Eine wahrlich düstere Aussicht.

Doch dann, als sei es eine Gabe der Heiligen Jungfrau selbst, erhielt sie die Möglichkeit, in den Dienst der Contessa Isabella zu treten. Isabella sollte ihren Verlobten, den Neffen des Gouverneurs seiner Majestät, auf der Insel Hispaniola in der Neuen Welt treffen. Für Maria eine neue Chance, weit weg von Spanien.

Natürlich hatte Maria erschreckende Geschichten von diesen Inseln gehört. Geschichten von mörderischen, heidnischen Eingeborenen, blutdürstigen Piraten, tödlichen Fiebern und seltsamen Nahrungsmitteln. Dennoch, es konnte nicht schlimmer sein als ihr Leben in Sevilla! In Havanna könnte sie jemand vollkommen anderer sein.

Anfangs verlief die Reise gut. Es gab viel zu Essen, neue Kleidung, eine Schlafkoje, die sie mit den anderen Zofen teilte – und keine fetten alten Männer, die versuchten, sie in die Kehrseite zu kneifen. Ihre Pflichten waren einfach: mit der Contessa nähen, ihr morgens beim Anziehen helfen, ihr zuhören, wenn sie laut aus dem Leben der Heiligen vorlas. Die Contessa war jung, schüchtern, freundlich und sehr, sehr gläubig.

Und im Gegensatz zu Maria hatte sie Angst vor dem, was sie in Havanna erwartete.

„Ich wäre so gern Nonne geworden“, hatte sie Maria einmal flüsternd anvertraut, als sie an Deck flanierten. „Aber mein Vater bestand darauf dass ich den Mann heirate, den er ausgesucht hat. Was ist, wenn … oh, was ist, wenn er mich nicht mag? Was, wenn ich es nicht ertragen kann, so weit von zu Hause entfernt zu sein?“

Maria fand, dass es nicht so schlecht klang, mit dem Neffen eines königlichen Gouverneurs verheiratet und Herrin über einen eigenen Haushalt zu sein. Ein Haushalt, das war ein echtes Heim, keine zugige Dachkammer wie Marias letzte Unterkunft oder das rußgeschwärzte Häuschen des Hufschmieds. Es musste schön sein, edle Gewänder und Juwelen zu besitzen und sich keine Sorgen ums Sattwerden zu machen.

Aber sie nickte Isabella nur zustimmend zu, murmelte verständnisvoll irgendetwas, und Isabella beschloss, dass sie nun Vertraute waren. Sie sprach von der Zukunft auf den Inseln, und davon, dass Maria dort in ihren Diensten bleiben sollte.

Nichts davon war mehr wichtig, nun, da das Schiff unter Ihnen schwankte und sich bedrohlich neigte. Sie waren alle dem Untergang geweiht.

Maria, die immer noch seltsam ruhig war, schaute sich um und sah in die verängstigten Gesichter. Sollten sie das Letzte sein, das sie in ihrem Leben sah? Der Gestank nach Salzwasser, Teer, verrottendem Fisch und beißender Angst das Letzte, was sie je riechen würde?

Die Angst brachte die Blase der Ruhe, in der sie sich befand, zum Platzen, und sie vergrub ihre Hände in dem weichen Leinen ihres Unterkleids. Der Sturm war so plötzlich aufgekommen, dass keine Zeit geblieben war, sich anzukleiden. Geschweige denn, sich darauf vorzubereiten, die Heiligen zu treffen, die Isabella so sehr verehrte.

Ich bin erst zwanzig, dachte Maria traurig. Es hätte in meinem Leben noch so viel mehr geben sollen.

Isabella öffnete die Augen und begegnete Marias Blick. In ihren braunen Augen, in Farbe und Form fast nicht von Marias zu unterscheiden, gab es weder Trauer noch Furcht. Nichts von dem Schrecken der anderen Zofen. Nur Freude.

„Gott ruft uns zu sich, Maria“, sagte sie und streckte die Hand aus. Ihr rubinbesetzter Verlobungsring leuchtete blutrot an ihrem weißen Finger. „Spürst du es nicht?“

Maria fühlte nur die schreckliche Kälte des Wassers. Sie erschauerte, und Isabella legte ihr ihren Samtmantel um die Schultern. Sie löste auch ihre Halskette, ein schweres Smaragdkreuz, das an einer Goldkette hing, und legte es um Marias Hals.

„Wir haben nichts zu befürchten“, sagte Isabella. Sie stand auf, nur in ihr weißes, seidenes Unterkleid gehüllt, und hob die Arme, als wolle sie einen Liebhaber begrüßen.

In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen, laut wie ein Kanonenschuss. Maria hielt sich schreiend die Ohren zu, als das Schiff unter ihnen zerbarst. Die entsetzliche Angst, die von ihrer vorherigen Starre ferngehalten worden war, brach über sie herein.

Sie versanken alle im Meer, die stürmischen Wellen zogen sie unbarmherzig hinab in die schwarzen Tiefen.

Einen Moment lang konnte sie nicht denken. Das eiskalte Wasser traf sie wie tausend Schwerter. Doch dann hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf. Nicht die Gottes oder der Heiligen, sondern die Stimme ihres Vaters. Eines Seemanns, der gestorben war, als sie noch ein Kind war.

„Fürchte dich nie vor dem Wasser, Maria mia“, sagte er irgendwo aus den Tiefen ihrer Erinnerung. „Nutze es, mach es zu deinem Freund. Beweg dich in den Wellen, tritt mit den Beinen, und bewege deine Arme, als wärst du ein Frosch. Schwimm dich frei.“

Maria riss sich von dem schweren Mantel los und kämpfte sich aufwärts zu dem schwachen Licht über ihrem Kopf. Sie tauchte auf, in die brutale Welt der schäumenden Wellen, des heftigen Regens und der zersplitterten Überreste des Schiffs.

Und der Schreie der Ertrinkenden.

Maria holte tief Atem und trat weiter, bewegte sich weiter, bis sie sich an einer großen schwimmenden Planke festklammern konnte. Sie zog sich auf die Planke hinauf, schlang ihre Arme fest um das raue Holz und hielt sich fest, während das Meer um sie herum tobte.

Sie spürte das Smaragdkreuz an ihrer Brust. „Hilf mir“,

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