Logo weiterlesen.de
Gespenster-Krimi 0069 - Horror-Serie

(Teil 1 von 2)

von Marlene Klein

Prolog

Die Düsternis lag wie ein Tuch aus dunkelgrauer Seide über der Landschaft. Der silberklare Vollmond und das glitzernde Sternenzelt verhinderten eine komplette Nachtschwärze, sodass die Konturen der Felder, Wiesen und Bäume erkennbar waren, aber wie durch einen diffusen Schleier verschwammen.

Die Ebene schien endlos zu sein. In der Finsternis waren Hügel in der Ferne auszumachen, ihre Entfernung war bei diesen Lichtverhältnissen nicht abzuschätzen. Sanft bildeten ihre Kuppen einen weichen Übergang von Land und Firmament. Hier war man so weit von jedweder menschlichen Ansiedlung entfernt, dass keine künstliche Lichtquelle die Dunkelheit durchdrang. Die Nacht war feucht und eiskalt ...

Schneidend eisiger Wind fegte durch die Äste der kahlen Bäume. Die Tiere des Feldes und des nahen Waldes spürten die Gefahr und flohen in verschiedene Richtungen. Sie hinterließen eine unheimliche Stille. Selbst der Wind stellte seinen kalten Atem ein. Eine absolute Ruhe legte sich über das Land. Doch die winterliche Stille war trügerisch. Es war, als zöge sie die Kreaturen der Nacht an, die sich zielstrebig der Ebene näherten, um Verderben und Tod über ihre Feinde zu bringen.

Dunkel gekleidete, blasse Gestalten traten aus dem Wald am Rand des Feldes. Ihre Anzahl war nicht abzuschätzen. Dutzende, Hunderte, Tausende. Die meisten von ihnen waren bewaffnet mit einem Speer, dessen scharfe Klinge aus reinem Silber bestand. Die roten, blutunterlaufenen Augen zeigten keine Angst, aber Respekt. Nicht alle teilen die Meinung ihres Anführers, aber Opposition gab es nicht im Heer der Vampire. Ihr Anführer duldete nur bedingungslosen Gehorsam.

Am Horizont erschienen auf den Hügeln vereinzelte Kreaturen. Sie wurden immer zahlreicher und schon nach wenigen Sekunden unzählbar. Die Augen der Vampire fokussierten ihre Gegner. Das zottelige Fell wurde nun erkennbar, auch die gewaltigen Kiefer und Klauen. Und die Waffen, die sie wiederum in ihren Pranken trugen.

Auch hier war nicht jeder Krieger bewaffnet. Nur etwa die Hälfte hielt Schwerter in der Hand, der Rest musste sich mit den körperlichen Stärken eines Werwolfs in den Kampf stürzen.

Mitternacht war ausgemacht worden. Keine Sekunde zu früh stürmten beide Seiten begleitet von einem unheimlichen Kampfgeheul und Geschrei aufeinander zu.

Das Ende der Stille. Der Beginn der Schlacht!

Wie zwei Wellen aus verschiedenen Richtungen prallten beide Fronten gegeneinander. Die Köpfe der Vampire wurden von den Schultern getrennt und kullerten wie Kohlköpfe vor die Füße der noch kämpfenden Kameraden. Die Wölfe, die von den Speeren getroffen wurden, stürzten zu Boden. Ihr Todeskampf war lang und qualvoll, die vom Silber geschlagenen Wunden waren schmerzhaft und tödlich. Die gewaltigen Heere dezimierten sich gegenseitig immer mehr.

Nach Stunden des Kampfes setzte der Regen ein. Ein eisiger Winterregen. Das zottelige Werwolffell verklebte. Eisbrocken kristallisierten in den Haaren. Die Werwölfe hatten das Gefühl, zu erfrieren. Die klamme Kälte durchdrang das Fell bis auf die Haut. Die Kreaturen begannen zu zittern. Ihre Extremitäten waren so weit ausgekühlt, dass sie Probleme hatten, sich weiterhin auf den Beinen zu halten und die eingefrorenen Klauen zu öffnen, um ihre Krallen in die Vampirkörper zu schlagen.

Die Vampire waren hier im Vorteil, sie waren bereits tot und von Hitze- und Kälteempfinden unabhängig. Trotzdem gab keine der Seiten einen Millimeter nach. Es ging um das Überleben der eigenen Art. Und so rollten weiter die Köpfe, öffneten Werwolfklauen tiefe Wunden und rissen Herzen heraus.

Die Zeit stand auf Seiten der Werwölfe. Die Vampire konnten das Sonnenlicht nicht ertragen. Was die Wölfe in den letzten Stunden nicht geschafft hatten, schaffte das erste Licht des Morgengrauens in wenigen Minuten. Die letzten drei verbliebenen Vampire flohen in den nahen Wald, wo Pferde auf ihre Besitzer warteten, die nie mehr kommen würden. Drei alleine von Tausenden hatten diese Schlacht überlebt. Eine Schlacht, die das Ende ihrer Art hätte bedeuten können.

Doch auf der Seite der Werwölfe sah es nicht besser aus. Der letzte Werwolf nahm einen seiner toten Brüder in den Arm und stieß ein grollendes, gutturales Geheul aus. Dann ließ der Wolf, der als Eiswolf in die Legende eingehen sollte, von seinem toten Freund ab und zog sich allein auf den Hügel zurück, den er Stunden zuvor in Begleitung von tausenden Kameraden hinuntergerannt war, um sich in den Kampf zu stürzen, ohne ahnen zu können, wie verlustreich und hart dieser werden würde.

Er setzte sich wie ein Hund auf die Hinterläufe und blickte zurück auf das Schlachtfeld im Tal. Sein schwarzes, zotteliges Fell hatte durch den Schrecken der Schlacht seine Farbe verloren und erstrahlte in einem leuchtenden weiß. Noch immer war es voller Eiskristalle und -zapfen.

Er spürte die Dämmerung und die Anzeichen der anstehenden Rückverwandlung in einen Menschen. Er ging zu Boden, krümmte sich und kämpfte im Übergang zwischen Nacht und Tag einen letzten Kampf – diesmal mit seinem eigenen Körper.

Die aufgehende Sonne riss brutal die Szene aus der Dunkelheit. Wohin man in der Ebene blickte, lagen tote Körper. Die Wölfe hatten sich nach ihrem Tod wieder in ihre menschliche Gestalt zurück verwandelt. Die Sonne unterschied zwischen totem Mensch und erlöstem Vampir, indem sie alle gefallenen Wiedergänger zu Staub zerfallen ließ. Wie eine Welle ging die Verwandlung der Leichen mit der Grenze zwischen Licht und Schatten über das Schlachtfeld und hinterließ dort graue Hügel, wo eben noch Vampirkörper gelegen hatten.

Der nicht enden wollende Regen tat sein Übriges. Vampire, die seit Jahrhunderten auf dieser Erde gewandelt hatten, wurden zu einer Lache aus Matsch und Staub. Das war alles, was von ihnen übrig blieb.

Ian Sean McRander erhob sich. Ein junger, aber gebrochener Mann. Der frostige Wind spielte mit seinem weißen, langen Haaren. Wortlos drehte er sich um und ging.

Die männliche D-Jugend Fußballmannschaft aus Exmouth spielte das letzte Spiel der Saison. Es war an diesem Vormittag auf dem kleinen Sportplatz schon schwül-warm, die Jungs, die auf dem Feld hin und her rannten, schwitzen.

Der Elfjährige Nick McRander saß auf der Bank neben seinem Trainer und beobachtete seine Mannschaft. Geschickt passten die Jungs den Ball von einem zum anderen, bis er Colin direkt vor die Füße fiel. Ihn trennten noch etwa fünfzehn Meter vom Tor.

Er rannte los!

Und wurde schon nach wenigen Metern von einem gegnerischen Spieler gestoppt, der ihn fast schon brutal von den Beinen trat. Foul! Nick konnte kaum glauben, dass der Schiri einen Elfmeter pfiff.

Mr. Meyers, sein Trainer, zog ihn sanft am Trikot. »Du bist dran!«

Nick schnaufte aufgrund der hohen Verantwortung. Ausgerechnet er sollte diesen Elfmeter verwandeln! Er erhob sich von der Bank und hüpfte ungelenk auf und ab, um seine Muskeln aufzuwärmen. Colin humpelte vom Platz, klatschte sich mit ihm ab. Nick lief zum Elfmeterpunkt und legt sich den Ball zurecht. Die anderen Jungs standen hinter ihm, geschlossen Arm in Arm, und beobachteten ihn.

Es stand 2:2 kurz vor Ende der Partie. Würde er diesen Ball ins Netz versenken, hätten sie gewonnen. Nicks Blick fixierte den Torwart, er hoffte, erahnen zu können, in welche Ecke er sich werfen würde. Nick trat ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und legt alle Kraft in den Abschuss des Balls – der meterweit über das Tor hinweg in den wolkenlosen südenglischen Himmel segelte.

Er blickte zu seinen Mannschaftskameraden, die sich schimpfend und fluchend abwandten. Als Nick hinter ihnen her schlich und die Kabine betrat, würdigte keiner ihn eines Blickes. Er saß noch alleine auf der Bank der Umkleide, als alle anderen schon gegangen waren. Lachend und scherzend und sich für den Nachmittag am Strand verabredend. Nick wurde nicht gefragt. Scheiße.

Exmouth in Devon, England, war eine wunderbare Kleinstadt, um dort seine Kindheit zu verbringen. Im Süden wurde der Ort durch das Meer begrenzt, im Norden durch dichte Wälder. Es gab gute Schulen und viele Vereine. Genügend Möglichkeiten also, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen, durch die herrliche Natur zu streifen und Streiche auszuhecken.

Wenn man sich denn traute, mit anderen Kinder zu sprechen. Nick wohnte mit seinen Eltern in der Portobello Road, und Nick traute sich nicht. Er ging hier zur Schule und spielte Fußball im Verein, aber er fühlte sich nie wirklich akzeptiert. Er wurde nicht offen gemobbt, aber er wurde auch nie angerufen, um über die Hausaufgaben zu sprechen. Oder um sich in der kleinen Spielhölle am Strand zu verabreden. Es war, als ob er für die anderen Kinder gar nicht existierte. Er war anwesend und doch irgendwie unsichtbar.

Er war sich sicher, dass die anderen Kinder über ihn redeten, sobald er ihnen den Rücken zudrehte. Und aus Angst, etwas Blödes zu sagen, sagte er gar nichts. Womit er genau das Gegenteil erreichte und sich noch mehr isolierte.

Nick wünschte sich Freunde, wie jedes Kind. Einmal cool und beliebt sein, Pyjamapartys schmeißen, auf dem Pausenhof mit den beliebtesten Jungs abhängen. Trotzdem fühlte er, dass dies alles nicht seine Welt war, dass er sich unwohl und unsicher in der Gegenwart der anderen Kinder fühlte.

So blieb er lieber von vornherein für sich, durchstreifte die Natur und beobachtete auf einer Wiese liegend das Spiel der Wolken am endlosen Himmel, während er spürte, wie das Gras ihn an der Nase kitzelte und Käfer und Ameisen den unnatürlich Hügel seines Körpers erklommen.

Wie an jedem Wochenende war es war schon fast Mittag, als Nick die Treppe hinunterkam und nach seiner Mutter suchte. Ada McRander stand in der Küche. Sie hielt einen Einkaufszettel in der Hand und öffnete mit einem prüfenden Blick die Kühlschranktür, als Nick den Raum betrat.

»Guten Morgen, mein Schatz!«, begrüßte sie ihn und verwuschelte in einer schnellen Geste Nicks soeben sorgfältig gekämmte Frisur.

Dieser strich sich sofort wieder mit den Händen darüber. Das hatte denselben Effekt wie der Kamm zuvor. Die Haare standen immer noch in alle Richtungen ab, wie immer.

Nicks Mutter trug Shorts und T-Shirt, den sommerlichen Temperaturen angepasst, und hatte die langen dunklen Haare im Nacken zu einem Zopf gebunden.

Nick nuschelte einen Morgengruß und setzte sich erwartungsvoll an den Esstisch.

»Wir bekommen neue Nachbarn«, sagt seine Mutter. »Hast du den Umzugswagen gesehen?«

»Echt?« Nicks Interesse war geweckt.

Kurz sah er aus dem Küchenfenster, hatte von dieser Perspektive aber keinen guten Blick auf die Straße und das Nachbarhaus, sodass er durch die offene Terrassentür schnell in den Garten huschte.

Neugierig reckte er seinen Kopf über den Zaun. Viel Verkehr war nie in der ruhigen Portobello Road. Ein Junge auf einem Fahrrad fuhr freihändig auf der Straße, an deren Grundstücksgrenzen sich Zäune und Hecken abzuwechseln schienen. Wirklich reiche Leute lebten in Strandnähe, hier wohnten Familien mit Kindern und Rentner, die ihre Häuser ihr gesamtes Leben schon bewohnten.

Der Anblick seiner Straße war Nick vertraut. Neu war der große LKW, der vor dem Nachbarhaus parkte, aus dem eine Familie und ein paar Umzugshelfer im Blaumann eine Kiste nach der anderen ins Haus trugen. Gut ein halbes Jahr hatte es jetzt leer gestanden, seit der alte, grantige Mr. Wilson verstorben war.

Die neue Familie machte einen netteren Eindruck. Besonders interessierte er sich für den Jungen in seinem Alter, der sich in die Ameisenstraße aus Menschen und Kisten eingereiht hatte. Die Kapuze seines Shirts hatte er tief ins Gesicht gezogen. An der Art, wie dieser Junge ging, wie er den Karton trug und auch verstohlen in seine Richtung blickte, merkte er sofort, dass er anders war als die coolen Jungs in seiner Klasse. Er war neu hier, schüchtern und allein. Und genauso fühlte sich auch Nick. Irgendetwas war ihm an diesem Jungen sofort sympathisch, ohne dass er genau sagen konnte, was.

Er rannte die paar Schritte den Zaun entlang bis zum Tor, stieß es auf und flitzte nach nebenan. Der Erste, der ihm begegnete, war wohl der Vater des Jungen. Das Alter konnte er schlecht einschätzen, für ihn waren alle jenseits der 40 uralt. Und in diese Kategorie zählte auch dieser Mann, der Turnschuhe, eine kurze Jeans und ein T-Shirt trug.

Da die Sonne für Ende Juni genauso erschreckend erbarmungslos vom Himmel brannte wie gestern beim Fußball, war er verschwitzt. Das hellgrüne Shirt zeigte feuchte Flecken und die von grauen Strähnen durchzogenen Haare waren klatschnass.

»Hi, ich bin Nick, ich wohne hier gleich nebenan. Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Nick etwas atemlos.

Zum einen sprach er durch seinen kurzen Sprint wirklich etwas hastig, zum anderen musste er die Frage schnell loswerden, bevor ihn wieder der Mut verließ, fremde Leute ohne triftigen Grund anzusprechen.

Doch seine Sorge war unbegründet. Der neue Nachbar reagierte außerordentlich freundlich und reichte ihm die Hand. »Oh, das ist aber nett von Dir! Ich bin Miles Lekowski, wir können jede Hilfe gebrauchen! Du musst ungefähr im Alter meines Sohnes sein. Wie alt bist du?«

»Elf«, antwortete Nick wahrheitsgemäß.

»Mein Sohn ist zwölf!« Es folgte ein energischer Ruf in Richtung des Hauses: »David!«

Kurz darauf trottete der Gerufene aus der Haustür. Aus seiner Kapuze lugten etwas längere, blonde Haare hervor.

Miles Lekowski legte seinem Sohn die Hand auf die Schuler und schob ihn etwas in Nicks Richtung. »Sag Hallo zu deinem neuen Freund. Das ist Nick, er wohnt gleich nebenan.«

»Hi«, mehr brachte Nick nicht hervor.

Artig gab er auch David die Hand, der auch ein kurzes »Hi« herauswürgte.

Nick konnte Davids Blick nicht recht sehen und von daher auch nicht deuten. War er einfach nur schüchtern, oder lag sogar etwas Angst oder Trotz in seinem ganzen Verhalten? Und was sollte diese alberne Kapuze?

Nick griff zu einer Umzugskiste mit der Aufschrift »David« und trug sie hinter ihrem Besitzer ins Haus. Erstaunt sah er sich um. Von der muffigen Bude des alten Mr. Wilson war nichts zurück geblieben. Die Wände waren frisch in einem blendenden Weiß gestrichen, die Fliesen des Bodens wirkten wie neu. Die dicken Vorhänge waren von den Fenstern verschwunden.

Nick folgte David die Treppe hinauf. Er bog in ein Zimmer auf der linken Seite. Noch war es sehr ungemütlich, aber recht groß. Ein Bett war schon aufgebaut, der Schrank lehnte in Einzelteilen an der Wand neben der Tür. Die Umzugskisten stapelten sich.

David stellte seine Kiste ab und nahm darauf Platz, Nick tat es ihm nach. Ihm fiel auf, dass David den Kopf immer noch gesenkt und er ihn bisher noch nicht einmal direkt angesehen hatte.

Dies änderte sich jetzt schlagartig. David blickte hoch und schlug die Kapuze seines Shirts zurück. Nick erschrak, und unwillkürlich zog er scharf die Luft ein. David war entstellt. Großflächig war die Haut in seinem Gesicht vernarbt. Es begann rechts am Haaransatz und zog sich über die gesamte obere rechte Gesichtshälfte. Das vernarbte Gewebe teilte seine Nase in eine linke und rechte Hälfte und endete unter der Nasenspitze kurz oberhalb der Lippe. Auf der Wange hatte die Narbe sich zusammengezogen und einen Wulst gebildet, der sein unteres Augenlid in diese Richtung zog. Das Weiße im Auge rund um die blaue Pupille war von roten Äderchen durchzogen.

Nick, der sowieso nie wusste, was er sagen sollte, fehlten die Worte. Er spürte, wie er unruhig wurde. Er hatte Angst, dass er die Situation vermasselte, David brüskierte, verlegen machte oder wütend. Aber auch David schwieg. Beide Jungen schienen sich zu belauern, als ob es ein Wettstreit wäre, wer am längsten schweigen könnte.

David verlor.

»Du sagst ja gar nichts.« Seine Stimme klang hart und zynisch.

Nick zuckte mit den Schultern. »Was soll ich denn sagen?«

»Na, was alle sagen: Narbengesicht, Frankenstein, Monster ...«

»Ich glaube nicht, dass du ein Monster bist, nur weil du eine Narbe hast. Die ist ja nur äußerlich, die sagt doch über deinen Charakter gar nichts aus.«

David lachte trocken und höhnisch. »Ja, das sagen alle Schönlinge, wie du einer bist!«

Nick protestierte: »Ich bin kein Schönling!«

»Ach nein? Schau dich doch mal an! Braune Haare mit so nem kessen Wirbel, braune Knopfaugen und vor allem: eine makellose Haut! Dich finden alle bestimmt total süß!«

David konnte nicht ahnen, wie weit er mit seiner Einschätzung von der Realität entfernt war. Nick fühlte sich zunehmend in die Ecke gedrängt. In seiner Welt gab es dann nur einen Lösung: Flucht. Also stand er auf, um das Zimmer zu verlassen, wie immer, wenn er kritisiert wurde. Aber hier fand er es so ungerecht, dass er doch noch etwas sagen musste: »Ich wollte einfach nur dein Freund sein. Da ist es mir egal, ob du eine Narbe hast. Weil mich nämlich keiner süß findet, sondern alle nur ...« Nick fehlten die Worte, um zu beschreiben, wie ihn die anderen Kinder sahen. Er winkte nur ab: »Aber wenn du so gemein bist, brauchst du dich nicht zu wundern, dass keiner mit dir spielen will. Dann tu dir doch einfach selbst leid, und sei auf mich neidisch, obwohl mein Leben auch total beschissen ist.«

Wütend rannte Nick aus dem Zimmer und schlug die Tür zu. Er hatte so große Hoffnungen in den neuen Nachbarn gesteckt, er hätte so gerne einen einzigen richtigen Freund gehabt. Und tief in seinem Herzen, war er sich immer noch sicher, das David ein sehr netter Kerl war. Nach diesem Gespräch mehr noch als vorher.

Entgegen seinem ersten Impuls rannte er nicht nach Hause in sein Zimmer. Unentschlossen stand er im Flur neben Davids Zimmer. Aber auch hier fühlte er sich zunehmend unwohler. Emsig trugen Leute Kisten und Möbel ins Haus, er konnte sie deutlich im Erdgeschoss hören.

Aber je länger er hier stand, desto deutlicher hörte er noch etwas anderes. Und das drang aus der Zimmertür neben ihm. Davids Zimmer. Er brauchte einen Moment, um das Geräusch zu identifizieren. Dann war er sich sicher. David weinte. Nick überlegte, was er tun sollte, und entschied aus dem Bauch. Obwohl David ihn eben durch seine Worte verletzt hatte, sprang er jetzt über seinen Schatten.

Langsam öffnete er erneut die Tür zu Davids Zimmer und setzte sich. Diesmal zog er die Umzugskiste so, dass er neben ihm saß. David hatte die Kapuze wieder übergezogen und versuchte, Nick zu ignorieren. Kein Laut drang mehr darunter hervor.

»Wäre es dir lieber, wenn ich gehe?« fragte Nick zögerlich.

David schüttelte den Kopf, was Nick Hoffnung gab.

»Wie ist das denn passiert?«

»Tee«, lautete Davids knappe Antwort.

»Tee?«

»Ich war ein Jahr alt, meine Mutter hatte eine frisch aufgebrühte Tasse Tee auf den Tisch gestellt und ich war klein und dumm und bin gegen den Tisch gelaufen.«

»Und die Tasse ist runtergefallen?«

David nickte nur. Er schlug die Kapuze zurück. Er fasste Vertrauen zu Nick. »Das tut mir leid, das mit deinem Gesicht.«

Nun war es an David, mit den Schultern zu zucken. »Muss es nicht. Es ist, wie es ist. Von Mitleid geht es auch nicht weg.« Er nestelte an den Schnürsenkeln seiner Turnschuhe herum, obwohl diese nicht offen waren.

»Mein Wirbel ist übrigens nicht kess, sondern echt ätzend. Ich kann machen, was ich will, meine Haare stehen immer irgendwie ab. Das sah früher noch viel schlimmer aus. Ich würde dir ja Fotos zeigen, aber ich weiß im Moment nicht, wo die sind.«

Die Jungs mussten ein klein wenig lachen. Und das tat ihnen nach der Anspannung der letzten Minuten gut. Es war Nick, der David die Hand hinhielt, und David schlug ein.

Nick und David wurden unzertrennlich. Und die Freundschaft, die sie verband, tat beiden gut, sie wurden offener und begannen auch, auf andere Kinder zuzugehen. Ein traumhaftes Leben für die beiden. Das allerdings genauso jäh und abrupt enden sollte, wie es begonnen hatte.

Seit dem Kennenlernen der beiden waren etwa zwei Jahre vergangen. An dem Abend, an dem sich Nicks Leben für immer veränderte, kam er erst spät von David zurück. Er hatte sich dazu entschlossen, heute doch nicht bei seinem Freund zu schlafen. Er musste morgen früher raus als sonst, weil seine Klasse einen Ausflug machte.

Er schloss besonders leise und vorsichtig die Haustür auf. Er wollte seine Eltern nicht wecken, falls die schon schliefen. Schließlich war es schon nach elf Uhr. Aber diese Sorge war unbegründet, er hörte seine Eltern im Wohnzimmer laut miteinander reden. Offensichtlich hatten sie gar nicht bemerkt, dass er zurück war. Eine gewisse Spannung lag in der Luft, er konnte spüren, dass dies kein positives Gespräch war.

Er schlich zur angelehnten Wohnzimmertür und beobachtete seine Eltern durch den Türspalt. John McRanders Hände hielten krampfhaft die hohe Lehne eines Stuhls umklammert, sodass die Knöchel der starken, prankenartigen Finger seines Vaters weiß hervortraten.

Seine Mutter konnte er nur als Schattenriss erkennen, da die Lampe über dem Tisch ihn blendete und John McRanders massige Gestalt einen großen Schatten warf. Er sah aber ihre abweisende Körperhaltung, sie hielt die Arme vor ihrem Körper verschränkt.

»Ada, der Junge ist jetzt 13!«, hörte er seinen Vater eindringlich sagen.

»Ich weiß, wie alt mein Kind ist«, zischte seine Mutter zurück und betonte dabei jedes einzelne Wort.

Es ging anscheinend um ihn, ein Grund mehr für Nick, weiter an der Tür zu lauschen. Der Vater sprach wieder weiter: »Wir müssen hier weg. Wir können hier nicht bleiben.«

Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Das ist sinnlos, John! Wo willst du denn hin? Du kannst dem nicht davonlaufen. Und Nick auch nicht. Er wird damit genauso leben müssen wie du auch!«

»Trotzdem! Wenn wir vielleicht ein einsames Bauernhaus ...«

Nicks Mutter ließ ihn nicht ausreden und berührte ihn am Arm. »John, in diesem Zustand kannst du in kürzester Zeit Kilometer zurücklegen! Was nutzt Dir ein Bauernhaus? Willst Du an den Nordpol ziehen?«

Überrascht und schockiert riss Nick hinter der Tür die Augen auf. Wegziehen? Warum?

Seine Mutter fuhr fort: »Wir müssen auf die Anzeichen achten. Du hast das doch damals auch alles mitgemacht. Wir können damit umgehen, John. Wir sind vorbereitet. Und wir wussten seit seiner Geburt, dass der Tag irgendwann kommen wird.«

»Und wenn wir die Zeichen nicht sehen? Wir riskieren Menschenleben, ist dir das klar?«

»Wir müssen mit ihm reden. Nein, Du musst mit ihm reden. Er ist alt genug, um zu wissen, was er ist.«

Einige Sekunden nur ließ Nick die Worte, mit denen er nichts anfangen konnte, auf sich wirken. Dann öffnete er ruckartig die Tür. Was versuchten seine Eltern ihm seit seiner Geburt zu verschweigen?

»Nur los, ich bin da!«, stieß er zornig hervor. »Redet mit mir!«

Seine Mutter zuckte ertappt und erschrocken zusammen. Sein Vater blieb ganz ruhig. Beide sahen überrascht in seine Richtung, bevor John McRander sich als Erstes wieder fing und die Gelegenheit nutzte: »Komm, mein Sohn.&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Gespenster-Krimi 69 - Horror-Serie" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen