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Gesetze der Lust

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Tiffany Reisz

Gesetze der Lust

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ivonne Senn

 
 
 

  

Für Gina Scalera, meinen Engel. Du fehlst mir.
Für Eve, die wahre Sünderin.
Und für Andrew Shaffer, viele Wasser …

1. TEIL

1. KAPITEL

„Süßkram.“

Nora hing kopfüber vom Bett und sah, dass die Sonne in bedrohlich steilem Winkel durchs Fenster fiel. Søren stieß so tief in sie, dass sie vor Lust zusammenzuckte.

„Eleanor, denkst du etwa jetzt ans Essen?“

Noch einmal stieß Søren zu und kam mit einem unterdrückten Seufzer.

Nora lachte laut auf. Einerseits, weil sie gerade ebenfalls gekommen war, andererseits, weil es so absurd war, in dieser Position dieses Gespräch zu führen. „Du hast doch gesagt, dass ich an Sonntagen nicht fluchen darf. Also: Süßkram, ich komme zu spät zum Gottesdienst, Meister.“

Søren neigte den Kopf und gab ihr einen sanften Kuss in den Nacken.

„Ich weiß aus sicherer Quelle, dass dein Priester sehr ungehalten wäre, wenn du dich verspäten würdest“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Dann muss mein Priester aber meine Beine von den Bettpfosten losbinden.“

Søren erhob sich und schaute auf sie herunter. Unschuldig klimperte sie mit den Wimpern.

„Bettel darum!“, sagte er, und Nora knurrte. Arroganter Hurensohn.

Er hatte nichts davon gesagt, dass sie auch in Gedanken nicht fluchen durfte. Nur dass sie es nie laut aussprechen sollte.

Søren legte einen Finger über ihre Lippen.

„Nicht knurren. Betteln.“

Sie biss die Zähne zusammen und atmete tief durch.

„Bitte, Meister, würdet Ihr mich losbinden, damit ich meinen Allerwertesten nach Hause schwingen, eine Dusche nehmen, zum ersten Mal in dieser Woche etwas frühstücken, mir etwas überwerfen und zurück zur Kirche fahren kann … Um dort geschniegelt und gestriegelt in meiner Bank zu sitzen und mir dich nackt vorzustellen, während du eine Predigt über die Sünde hältst und wie sehr – oh Schreck – sie Gott missfällt? Bitte, bitte, bitte?“

Søren schlug ihr so hart auf die Rückseite ihres Oberschenkels, dass sie aufschrie. Trotzdem streckte er dann die Hände aus und löste die schwarzen Seidenbänder von ihren Knöcheln. Widerwillig zog er sich zurück und rollte sich auf die Seite.

Kaum hatte er sie befreit, kletterte Nora aus seinem Bett.

Søren streckte sich genüsslich auf den weißen Laken aus. Sie würde ihn nicht anschauen. Wenn sie es täte, würde sie sofort wieder zu ihm zurückkriechen …

„Bist du ein wenig in Eile, meine Kleine?“

„In Eile, dich zu verlassen? Nein. In Eile, nicht zu spät zur Messe zu kommen und mir damit eine weitere Tracht Prügel für diese Woche einzuhandeln? Ja.“ Søren griff nach ihrer Wade, und Nora drehte sich zu ihm um, um ihn mit ihren Blicken zu erdolchen. „Möchten Sie, dass ich zu spät komme, Meister?“

Seufzend zog Søren seine Hand zurück.

Es war aber auch wirklich nicht fair: Das Pfarrhaus war zu Fuß keine zwei Minuten von der Kirche entfernt, und da er sich keine Gedanken darüber machen musste, was er anziehen sollte, konnte Søren innerhalb von zehn Minuten fertig sein.

„Was für eine gemeine Anschuldigung, Eleanor. Natürlich würde ich nicht absichtlich etwas tun, damit du zu spät kommst. Immerhin bist du für die jungen Leute in der Kirche ein Vorbild.“

Mit einem schnaubenden Lachen fing Nora an, ihre Kleidung zusammenzusuchen. Sie zog ihr T-Shirt von der Spitze des Bettpfostens, an den sie letzte Nacht gefesselt gewesen war, während Søren sie besinnungslos gepeitscht hatte. Ihr Rock lag in einem Knäuel auf dem Boden, wo er gelandet war, nachdem Søren den Reißverschluss geöffnet und ihn hatte fallen lassen, bevor er sie über sein Bett gebeugt und ihre Knöchel an einem Spreizbalken festgebunden hatte. Irgendwo unter seinem Bett fand sie ihren BH. Ihre restliche Unterwäsche war zu Hause in der Schublade. In Sørens Gegenwart Slips zu tragen wäre eher kontraproduktiv.

„Ein Vorbild? Nora Sutherlin – Erotikautorin und Exdomina. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Sie streckte Søren ihre Hand hin, doch der schaute sie nur an und hob eine Augenbraue.

„Für Michael bist du definitiv ein Vorbild. Er himmelt dich an.“

„Aber Michael ist einer von uns, Meister.“ Sie lächelte bei dem Gedanken an das Geschenk zum Jahrestag, das Søren ihr letztes Jahr gemacht hatte: die Jungfräulichkeit des vermutlich hübschesten Teenagers der ganzen Welt. Hübsch, versaut und unglücklicherweise zutiefst verstört. „Natürlich habe ich einen Platz in seinem Herzen. Oder besser: in seiner Hose. Aber wie auch immer, keiner der Vanilla-Idioten in der Kirche muss zu mir aufschauen.“

Nora zog sich die Schuhe an, während Søren aus dem Bett stieg. Ihr Herz klopfte beim Anblick dieses eins zweiundneunzig großen, perfekt geformten, unverschämt nackten Körpers, der auf sie zukam. Niemand, der ihn so sähe, würde je glauben, dass Søren siebenundvierzig Jahre alt war. Und niemand, der letzte Nacht und heute Morgen beobachtet hätte, wie er sie geschlagen und in immer neuen, ausgefallenen Posen gefickt hatte, würde glauben, dass er einer der angesehensten katholischen Priester von ganz New England war.

„Du gibst ihnen Hoffnung, dass man ein erwachsener Katholik sein kann, ohne spießig oder herablassend zu sein.“

„Du willst mir damit sagen, dass die Kids mich ‚cool‘ finden?“

„Genau das.“

Sie wandte sich ihm für einen kurzen Abschiedskuss zu, doch er beugte sich vor und küsste sie lange und langsam … intensiv, besitzergreifend. Niemand hatte sie je so geküsst wie Søren. Es war, als wäre er in ihrem Körper, obwohl er nur in ihrem Mund war. Nach ungefähr fünf leidenschaftlichen Minuten zog er sich schließlich zurück.

„Eleanor, du solltest wirklich nicht so herumtrödeln.“ Seine stahlgrauen Augen blitzten boshaft.

Nora schaute ihn an. „Du Bas…“, fing sie an, verstummte jedoch sofort, als sie Sørens Blick sah. Diese Regel, am Sonntag nicht zu fluchen, würde sie noch umbringen. Aber sie würde es versuchen, komme, was wolle. „Du Bastion böser Absichten. Du hast mir gerade fünf Minuten gestohlen, indem du mich geküsst hast. Allmächtiger Gott.“

„Junge Dame, wenn du nicht aufhörst, den Namen des Herrn zu missbrauchen, muss ich wohl den Rohrstock wieder hervorholen. Hast du dich gerade wirklich darüber beschwert, dass ich dich geküsst habe?“

„Ja. Du schummelst. Du willst, dass ich zu spät komme, damit du eine Entschuldigung hast, mich zu schlagen.“

„Als wenn ich dafür eine Entschuldigung bräuchte.“ Søren lächelte, und Nora war hin- und hergerissen zwischen dem Drang, ihm eine zu scheuern und ihn erneut zu küssen.

„Ich bin jetzt weg. Auf Wiedersehen. Ich liebe dich, ich hasse dich, ich liebe dich. Wir sehen uns um elf, und ich werde mir größte Mühe geben, deiner Predigt zu lauschen, anstatt von letzter Nacht zu fantasieren. Aber ich kann nichts versprechen.“

Nora ging zur Tür.

„Eleanor … hast du nicht etwas vergessen?“

Nora wirbelte herum und kam zu ihm zurück. Sie schlang die Arme um seinen Hals. „Habe ich, Meister?“

Er beugte sich vor, um sie noch einmal zu küssen.

„Das Bett.“

Nora verdrehte die Augen. Sie löste sich von ihm, zog die Laken glatt und schüttelte die Kissen auf.

„Da, Meister. Zufrieden?“

Søren zog sie an sich und strich mit zwei Fingern über ihre Wange.

„Natürlich bin ich das. Schließlich bist du hier.“

Seine Worte und seine Berührung entlockten Nora ein Seufzen. In den Jahren, die sie und Søren zusammen verbracht hatten – diese wundervollen zehn Jahre, in denen sie sein Halsband trug, bis zu dem Vorfall, als sie ihn verlassen hatte – waren sie nicht mehr als zwei bis drei Nächte pro Woche zusammen gewesen. Nach einer fünfjährigen Trennung war sie zu ihm zurückgekehrt, und seitdem verbrachte sie beinahe jede freie Minute mit ihm – im Pfarrhaus, im Stadthaus in Manhattan, das ihrem Freund Kingsley gehörte, oder im 8. Zirkel, dem berüchtigten Untergrund-S&M-Club, in dem Søren beinahe kultisch verehrt wurde. In letzter Zeit hasste sie es, allein in ihrem eigenen Haus zu sein. Es kam ihr zu groß, zu leer, zu still vor.

Søren ließ seine Finger von ihrem Gesicht zu ihrem Hals gleiten. Sie hörte ein Klicken, spürte, dass etwas gelockert wurde, und erkannte dann, dass Søren ihr weißes Lederhalsband gelöst hatte. Wie immer wurde ihr in diesem Moment eng ums Herz. Søren öffnete das Rosenholzkästchen, das auf seinem Nachttisch stand, nahm sein Kollar heraus und legte Noras Halsband hinein. „Jeg elsker dig. Du er mit hjerte.“

Ich liebe dich. Du bist mein Herz.

Nora ließ sich gegen seine Brust sinken und stöhnte lustvoll auf.

„Weißt du eigentlich, wie sehr es mich anmacht, wenn du dänisch sprichst?“

„Ja. Aber du musst jetzt gehen. Du bist spät dran, und ich glaube, du erinnerst dich noch, was letztes Mal passiert ist, als du zu spät zur Messe gekommen bist.“

„Ja, tue ich. Aber mir hat es irgendwie gefallen, deshalb ist das keine sonderlich wirkungsvolle Drohung.“

„Ich könnte dir eine Woche Zölibat androhen, aber da ich auf keinen Fall zu spät kommen werde, sehe ich keinen Grund, mich selber zu bestrafen. Eleanor, du könntest hier in die Nähe ziehen. Hast du darüber einmal nachgedacht?“

Ja, das hatte sie. Für ungefähr fünf Sekunden, bevor sie entschieden hatte, dass sie sich lieber einen Arm abhacken als ihr Haus verkaufen würde.

„Ich liebe mein Zuhause. Ich will es behalten.“

„Liebst du das Haus oder die Erinnerungen, die darin wohnen?“

Nora schaute zu Boden.

„Bitte zwing mich nicht umzuziehen.“

Søren hatte sie vor über einem Jahr gebeten, näher zu ihm und der Kirche zu ziehen. Sie hatte damals Nein gesagt und sagte es auch jetzt. Sie wusste, er konnte es ihr befehlen, und sie würde diesem Befehl Folge leisten, wenn er es verlangte. Aber bisher war es noch nicht dazu gekommen. Søren nickte, und Nora löste sich von ihm.

„Wir treffen uns nach der Kirche, oder?“, fragte Nora von der Schlafzimmertür aus. Die Sonntagnachmittage gehörten ihnen. Sørens Gemeindemitglieder ließen ihn dann immer in Ruhe. Sie nahmen an, er würde die Zeit benötigen, um zu beten. Damit lagen sie nicht ganz richtig…

„Wenn Gott keine anderen Pläne hat.“

„Andere Pläne, Father Stearns?“ Nora warf ihr Haar mit einer gespielt hochmütigen Geste zurück. „Gott sollte es inzwischen besser wissen.“

Mit einem letzten Lächeln über die Schulter und einem sehnsüchtigen Blick verließ Nora das Zimmer. Søren hatte mit Abstand das attraktivste Gesicht, das sie je bei einem Mann gesehen hatte. Dazu den wachsten Geist, die sündigste Libido, den heißesten Körper und das ergebenste Herz … Von den fünf Jahren, die sie ohne ihn gelebt hatte, waren vier die reinste Qual gewesen. Und jetzt waren sie seit über einem Jahr wieder zusammen, und alles war perfekt.

Nun ja, beinahe perfekt.

Wie üblich wachte Michael lange vor seinem Wecker auf. Er lag mit der Hand in seinen Boxershorts in seinem Bett und überlegte, sich einen Gürtel zu nehmen, um sich noch zusätzlich zu stimulieren. Aber er hatte Father S. versprochen, sich nicht mehr selber zu verletzen. Father S. hatte nichts gegen autoerotische Strangulationen, aber er hatte Michael verboten, es alleine zu tun. „Wir haben dich bereits einmal beinahe verloren, Michael. Das würde ich ungern noch einmal erleben“, hatte Father S. gesagt, und Michael wusste, er würde es sich nie vergeben, wenn er seinem Priester – dem Mann, der sein Leben gerettet hatte – erneut Sorgen bereiten würde.

Stattdessen schloss Michael deshalb nur die Augen und rief sich das Bild von Nora Sutherlin vor Augen, die ihn fesselte, sich auf ihn setzte und sich so fest um ihn schloss, dass er zusammenzuckte. Der Gedanke daran erregte ihn so sehr, dass er schon nach wenigen Sekunden schnell und heftig kam.

Ohne sich die Mühe zu machen, sich die Hand abzuwischen, ging er unter die Dusche. Er ließ sich Zeit – viel mehr Zeit als die meisten Jungen seines Alters. Natürlich hatten die meisten Jungen seines Alters auch keine bis auf die Schultern reichenden Haare und eine Vorliebe dafür, sich selber Schmerzen zuzufügen. Heißes Wasser machte nicht ganz so viel Spaß wie flüssiges Kerzenwachs, aber es war besser als nichts.

Nach der Dusche trocknete Michael sich ab und zog sich an. Er rubbelte seine langen Haare trocken und fasste sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann bügelte er sein weißes Button-down-Hemd und die schwarze Cargohose. Zuletzt band er sich sogar eine Krawatte um. Nicht aus erotischen Gründen … außer man wollte den Versuch, Nora Sutherlin zu beeindrucken, dazu zählen.

Wie üblich rollte er vor dem Verlassen des Schlafzimmers die Ärmel hoch und verrieb flüssiges Vitamin E auf den weißen Narben auf seinen beiden Handgelenken. Das Vitamin E sollte seine Narben angeblich verblassen lassen, aber bislang war davon kaum etwas zu spüren. Er wand das breite Lederband seiner Armbanduhr um das rechte Handgelenk und ein schwarzes Schweißband um das linke, bevor er zum Zimmer seiner Mutter ging.

Er klopfte an ihre Tür.

„Geh ohne mich“, rief sie, wie er es schon geahnt hatte. Trotzdem musste er jedes Mal fragen. „Lass mir den Wagen hier. Ich muss heute Morgen noch Besorgungen erledigen.“

Lass mir den Wagen da … Na toll! Gut, dass die Sacred Heart nur wenige Blocks entfernt war.

Er setzte die Sonnenbrille auf, schnappte sich sein Skateboard und seinen Rucksack und ging auf die Straße hinaus. Er fuhr direkt bis vor die Stufen der Kirche, trat so auf das Board, dass es in seine Hand sprang, und klemmte es sich unter den Arm. Bevor er das Kirchenschiff betrat, ging er ins Kirchenbüro und verschickte ein Fax.

Als er danach die Kirche betrat, sah er, dass Nora noch nicht da war. Er setzte sich in die zehnte Reihe, zwei Reihen hinter Noras üblichem Platz. Ihr kleiner Schatten, der sieben Jahre alte Owen Perry, wartete immer darauf, dass Miss Ellie auftauchte. Owen bewunderte Nora – Miss Ellie – und machte auch keine Anstalten, das zu verbergen. Er saß während des Gottesdienstes neben ihr, und manchmal rollte er sich sogar auf ihrem Schoß zusammen. Einmal war Michael an ihnen vorbeigegangen und hatte gesehen, dass Nora den halb schlafenden Jungen in ihrem Schoß abwesend über die Stirn streichelte. Beide hatten pechschwarzes Haar. Jeder, der sie zum ersten Mal zusammen sähe, würde denken, dass Nora die Mutter des Jungen war.

Es störte ihn, Owen und Nora so nah beieinander zu sehen. Er beneidete den Kleinen darum, dass er Nora so völlig furchtlos seine Zuneigung zeigen konnte. Michael würde ihre Füße küssen, wenn sie ihn nur etwas näher an sich heranlassen würde. Aber auch Nora war beneidenswert. Sie hatte wenigstens jemanden, der keine Angst hatte, sie in der Öffentlichkeit zu berühren. Michael konnte sich nicht erinnern, wann ihn das letzte Mal seit der Nacht mit Nora jemand berührt hatte. Selbst seine Mutter hatte nach dem Auszug des Vaters aufgehört, ihn in den Arm zu nehmen.

Nora hatte nicht nur Menschen, die sie öffentlich berührten. Sie hatte auch Father S., der sie im Privaten … berührte.

Insgeheim machte er sich Sorgen, dass jemand das mit Father S. und Nora herausfinden könnte. Alle wussten, dass Nora erotische Romane schrieb, und die Kirchengemeinde war unter der Hand ein wenig stolz, eine Prominente in ihrer Mitte zu haben. Und Father S. wurde sowieso von allen verehrt. Aber Nora und Father S. hatten sich ineinander verliebt, als sie erst fünfzehn gewesen war. Wenn das herauskäme … Michael wollte gar nicht dran denken, wie böse das ausgehen würde.

Mit einem Blick auf die Uhr sah Michael, dass er noch genügend Zeit hatte, um draußen einen Schluck Wasser zu trinken. Er stand schnell auf und ging zur Tür. Gerade als er das Kirchenschiff verließ, rauschte Nora in einem engen weißen Rock und einer maßgeschneiderten schwarzen Bluse durch die Eingangstür. Ihr langes Haar hatte sie in einem losen Knoten hochgesteckt, und um ihre knallroten, vollen Lippen spielte ein kleines Lächeln. Er konnte sich ungefähr vorstellen, was Father S. mit ihr an diesem Morgen angestellt hatte, um ihr dieses Lächeln ins Gesicht zu zaubern – er konnte es sich vorstellen, und er tat es auch oft.

Nora kam auf ihn zu, und Michael erstarrte. Sie sprachen nie miteinander – nicht mit Worten zumindest, nicht seit dieser einen gemeinsamen Nacht. Aber wie immer winkte er ihr kurz zu. Anstatt jedoch zurückzuwinken, streckte Nora ihre Hand aus und umfasste die seine sanft. Sie drückte seine Finger kurz, ließ sie sofort wieder los und ging davon, als wäre nichts gewesen.

Michael schaute verdutzt auf seine Hand. Nora hatte ihn eben tatsächlich berührt.

Als er wieder hochguckte, sah er, dass einer der verheirateten Männer der Gemeinde, der gerne mit Nora flirtete, ihn anstarrte. In seinem Blick lag etwas, das Michael als Neid erkannte. Michael straffte seine Schultern ein klein wenig und ging zu seiner Sitzreihe zurück. Er verharrte einen Moment, änderte dann seine Meinung und machte zwei Schritte vor, um sich direkt neben Nora zu setzen. Sie schaute ihn nicht an, sondern unterhielt sich mit Owen über ein Bild, das er für sie gemalt hatte. Doch sie streckte erneut ihre Hand aus und kniff Michael so fest in den Oberschenkel, dass er wusste, er würde dort morgen einen blauen Fleck haben.

Michael lächelte. Oh ja, er liebte Sonntage. Als Suzanne erwachte, hatte Patrick seinen Arm um sie geschlungen und knabberte sanft an ihrem Hals.

„Patrick, ich schlafe.“ Sie schob ihn von sich. „Ich leide immer noch unter Jetlag.“

Lachend küsste Patrick sie auf die Schultern. Suzanne drehte sich zur Seite.

„Sex ist ein homöopathisches Heilmittel gegen Jetlag. Das habe ich mal irgendwo gelesen.“

Suzanne schloss die Augen, zog die Decke bis ans Kinn und versuchte sich daran zu erinnern, wann genau sie gestern Abend gedacht hatte, es wäre eine gute Idee, mit ihrem Exfreund zu schlafen – vermutlich irgendwann zwischen dem vierten und sechsten Cuba Libre.

„Der Sex von gestern Nacht hat dir nicht gereicht?“ Sie erinnerte sich vage an zwei, vielleicht auch drei Male – einmal im Wohnzimmer und zwei Mal in ihrem Bett. Wobei das dritte Mal vielleicht nicht wirklich zählte.

„Ich erinnere mich nicht mehr an viel von letzter Nacht. Es war aber eine beeindruckende Willkommensfeier.“ Patrick vergrub seine Nase an ihrem Hals.

„Meinst du das ernst?“, sagte Suzanne, als sie seine Erektion an ihrem unteren Rücken spürte. Patrick konnte manchmal wirklich unersättlich sein – in ihren Augen war das einer seiner Vorzüge. Natürlich hatte sie ihm das aber nie gesagt.

„Es ist Sonntagmorgen. Lass uns eine Weile vögeln, während die ganzen Gutmenschen in der Kirche sind.“

„Die Erwähnung der Kirche bringt dir bei mir keine Pluspunkte ein, Patrick.“

Das Bett bewegte sich, als Patrick sich aufsetzte. Suzanne drehte sich so, dass sie ihm in die Augen schauen konnte.

Vor zwei Wochen war außerhalb von Kabul eine Bombe nicht weit von dem Konvoi explodiert, mit dem sie unterwegs gewesen war. Es war nicht etwa ihr Leben, an das sie in diesem Moment gedacht hatte, sondern an Patrick: sein Gesicht, sein zerzaustes braunes Haar, die seelenvollen Augen und das spielerische Lächeln … Er ist aus gutem Grund mein Exfreund, sagte sie sich. Manchmal fiel es ihr schwer, sich an diesen Grund zu erinnern. Heute Morgen jedoch wusste sie es.

„Mist, Suz, ich bin so ein Idiot. Ich wollte nicht … Gott, ich war so froh, dass du zurückkommst, und jetzt habe ich es schon wieder vermasselt.“

„Halt den Mund“, sagte sie nicht unfreundlich. „Ich glaube, ich habe mein Faxgerät gehört.“

Sie schnappte sich Patricks Hemd, das auf dem Boden lag, und zog es auf dem Weg zum Badezimmer über. Ihr kleines Büro befand sich in einer Ecke des Wohnzimmers. Bücher und Notizblöcke ließ sie einfach auf den Boden fallen. Die Leser lobten ihre Artikel in Zeitschriften und Zeitungen für ihre Klarheit und Stringenz. Diese Leser wären vermutlich höchst überrascht zu sehen, in welchem Chaos sie ihre strukturierten, gut recherchierten Artikel verfasste.

Hinter dem zweiten Bücherstapel fand sie ihr mit einer dicken Staubschicht bedecktes Faxgerät. Ein einzelnes Blatt Papier lag in dem Ausgabefach. Sie riss die Augen weit auf, als sie das Logo und den Briefkopf sah.

„Patrick!“

„Was ist los?“ Er war noch dabei, seine Jeans zuzuknöpfen, als er ins Wohnzimmer kam.

„Lies das.“ Sie drückte ihm das Blatt in die Hand.

„Ein anonymer Tipp?“

„Siehst so aus. Kein Deckblatt. Keine Faxnummer unten auf der Seite. Bizarr.“

Suzanne sah, wie Patrick die Seite mit seinen Augen scannte. Er schüttelte den Kopf – entweder aus Schock oder vor Verwirrung.

„Ist es das, was ich denke?“

Suzanne nahm ihm das Blatt weg und las es noch einmal. „Die Diözese in Wakefield – was weißt du über sie?“, fragte sie.

Patrick fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und schaute nach oben. Sie wusste, dass er das immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Als wenn Gott oder die Decke ihm eine Antwort liefern würde. „Wakefield … Wakefield … kleine Diözese in Connecticut. Sicher, sauber, spießig. Einigermaßen liberal und ziemlich langweilig.“

Suzanne hörte das Zögern in Patricks Stimme.

„Spuck es aus, Patrick. Ich kann es vertragen.“

„Fein“, sagte er seufzend. „Einer ihrer Männer, Father Landon, hätte die Nachfolge von Bischof Leo Salter übernehmen sollen. In letzter Minute ist er über eine dreißig Jahre alte Anklage wegen Missbrauchs gestolpert. Anstatt Bischof zu werden, wurde er dahin geschickt, wo auch immer sie Kinderschänder hinschicken.“

„Normalerweise ist das eine andere Kirche voller Kinder.“ Suzannes Hände zitterten vor kaum unterdrückter Wut.

Patrick zuckte mit den Schultern und nahm ihr das Fax ab. Unter den investigativen Journalisten galt Patrick als wandelnde Enzyklopädie, was die kirchlichen Skandale im Dreistaateneck anging. Er und Suzanne hatten sich vor drei Jahren kennengelernt, als sie beide für die gleiche Zeitung gearbeitet hatten.

„Suzanne“, sagte Patrick mit warnendem Unterton. „Tu das nicht. Bitte. Lass es gut sein.“

Suzanne sagte nichts. Sie setzte sich in ihren Drehstuhl, zog die Knie an die Brust und griff nach dem gerahmten Foto, das auf ihrem Schreibtisch stand. Ihr älterer Bruder lächelte sie darauf an. Auf dem Bild war er achtundzwanzig. Jetzt war sie genauso alt – und er, Adam, war fort.

„Suzanne“, sagte Patrick feierlich. Einen Moment lang hörte sie das Echo ihres Vaters in Patricks besorgter Stimme. „Das ist die katholische Kirche. Die ist quasi ein eigenes Land mit einer eigenen Armee, und sie besteht zum Großteil aus Anwälten. Ich weiß, du hasst die Kirche. Das würde ich an deiner Stelle auch tun. Aber du musst vorher darüber nachdenken, ehe du dich blindlings in etwas hineinstürzt.“

„Ich bin nicht blind. Ich weiß genau, womit ich es zu tun habe. Ein anonymer Hinweis, der mir sagt, dass etwas faul ist im Staate Wakefield. Und ich werde herausfinden, was das ist.“

Patrick atmete geräuschvoll aus. „Okay“, sagte er. „Aber du lässt mich dir helfen, ja?“

Suzanne verdrehte die Augen und versuchte nicht zu lächeln.

„Gut. Wenn du darauf bestehst.“

„Also, wo fangen wir an?“, wollte er wissen.

Suzanne zeigte auf den einzigen Namen auf dem Fax, der sie interessierte.

Father Marcus Stearns, Sacred Heart, Wakefield, Connecticut.

„Wir fangen mit ihm an.“

Patrick holte seinen Laptop aus seiner Tasche, die er am Vorabend auf dem Sofa hatte liegen lassen.

„Das sollte kein Problem sein.“ Er fuhr seinen Mac hoch. „Was willst du über ihn wissen?“

Suzanne schaute erneut Adams Foto an. Wäre er nicht gestorben, wäre er diesen Monat vierunddreißig geworden.

„Alles.“

Nora musste sich ein Grinsen verkneifen, als Michael sich zum ersten Mal überhaupt neben sie setzte. Armer Junge – ein ganzes Jahr lang wartete sie nun schon darauf, dass er den Mut aufbringen würde, sie anzusprechen. So jung und zerbrechlich, wie er war, wollte sie ihn nicht drängen. Michael war zwar der Name von Gottes Erzengel und oberstem Krieger, aber der Michael neben ihr war vermutlich der sanftmütigste junge Mann, dem sie je begegnet war. Mit einer Mischung aus Zuneigung und purem heidnischem Übermut kniff sie ihn hart ins Bein, während Owen ihr ein weiteres seiner selbst gemalten Bilder überreichte. Dieses Mal handelte es sich um einen siebenarmigen Oktopus. Sie erklärte, es wäre eines George Condos würdig, faltete es vorsichtig zusammen und verstaute es in ihrer Handtasche.

Bisher war es ein äußerst befriedigender Morgen – sie war von ihrem Lieblingsmann gefickt, von ihrem Lieblingsjungen umarmt und schweigend von ihrem liebsten Engel angehimmelt worden. Aber ihre Fröhlichkeit schwand, als ein unbekannter Priester in der ersten Reihe Platz nahm. Er warf ihr einen verächtlichen Blick zu, was sie weder überraschte noch schockierte. Sie hatte in ihrem Leben schon genügend missbilligende Blicke des Klerus geerntet … vor allem von Søren. Aber dann wanderte sein Blick von ihr zu Michael. Der mysteriöse Priester sah den Jungen mit einer Mischung aus Mitleid und Ekel an. Als Michael das bemerkte, wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

Noras Herz schlug schneller. Wusste der Priester etwas über sie? Darüber, wie sie und Søren damals Michael „geholfen“ hatten, sich von seinem Selbstmordversuch zu erholen?

Bevor Nora richtig in Panik verfallen konnte, läuteten die Glocken und Musik setzte ein. Søren kam aus der Sakristei und stellte sich vor den Altar.

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“, sagte Søren. Der andere Priester blieb sitzen. Ein schlechtes Zeichen. Normalerweise nahm ein Geistlicher, der in einer anderen Gemeinde zu Gast war, immer aktiv an der Messe teil. Dass er einfach nur dasaß und zuschaute, hatte etwas zu bedeuten. Etwas Schlechtes.

„Amen“, sagte Nora mit dem Rest der Gemeinde zusammen. Søren wirkte so ruhig und gelassen wie immer. Der fremde Priester schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Doch das beruhigte sie auch nicht. Selbst inmitten eines Bombenhagels würde Søren vollkommen ruhig bleiben.

Nora sah, dass Søren seine Finger seitlich an das Pult legte und drei Mal auf die Ecke tippte. Für jeden anderen war es eine bedeutungslose Geste. Doch Nora wusste: Es war ein Signal an sie. Er wollte, dass sie nach dem Gottesdienst in sein Büro kam, anstatt sich gleich in sein Bett zu begeben. Irgendetwas war im Gange. Wenn Gott keine anderen Pläne hat, hatte Søren gesagt. Nora hasste jegliche Art von göttlicher Einmischung.

Sie schaute Michael an. In seinen seltsamen silberfarbenen Augen spiegelte sich ihre eigene Angst. Dann schaute sie wieder zu Søren und flüsterte verängstigt vor sich hin.

„Fuck.“

2. KAPITEL

Nach der Messe brachte Nora den kleinen Owen noch zu seinen Eltern, die ebenfalls am Gottesdienst teilgenommen hatten. Das hielt sie ein paar Minuten auf. Als sie endlich vor Sørens Büro ankam, lehnte Michael bereits mit verschränkten Armen neben der Tür an der Wand.

„Dich hat er auch herbeizitiert?“, fragte sie und setzte sich auf die Bank, die gegenüber von Sørens Bürotür stand.

Michael nickte.

„Fühlt sich ein bisschen so an, wie zum Direktor gerufen zu werden“, sagte Nora. „Ich habe gehört, dass du dieses Jahr der Abschlussredner bist, also hast du vermutlich nie vor dem Büro des Rektors warten müssen, oder?“

Nora wartete, doch Michael antwortete nicht. Er lächelte, sagte aber keinen Ton.

„Michael? Hast du Angst, dass ich gleich die neunschwänzige Katze auspacke?“

Er lachte … leise.

„Na endlich.“ Nora atmete erleichtert aus. „Hast du irgendeine Ahnung, weshalb wir hier sind?“

Michael zuckte mit den Schultern. „Nein. Ich glaube allerdings, dass es nichts Gutes zu bedeuten hat.“

„Michael, du hast doch mit niemandem über, du weißt schon … über uns gesprochen, oder?“

Michael schaute sie so verletzt an, dass sie sich sofort ärgerte, auch nur für einen Moment gedacht zu haben, Michael könnte mit irgendjemandem darüber geredet haben.

„Nora“, seine Stimme war kaum ein Flüstern, „ich spreche nicht mal mit mir selber.“

Jetzt war es an ihr zu lachen.

„Tut mir leid, Engel, ich bin ein wenig paranoid.“

„Ist schon okay. Ich habe nichts gesagt, versprochen. Ich rede nie.“

Nora stand auf und ging zu Michael. Sie stellte sich neben ihn und schaute ihm offen ins Gesicht. Er wollte den Blick abwenden, aber sie schnippte mit den Fingern vor seiner Nase und zeigte auf ihre Augen. Sofort vertieften sich seine silbernen Augen in ihre grünen.

„Du hast in der Nacht mit mir gesprochen“, hauchte sie an seinem Ohr.

Mit hochroten Wangen flüsterte Michael: „Das war nur ein Traum.“

Nora blies sanft gegen seinen Hals.

„Dann haben wir dasselbe geträumt.“

Michaels Pupillen weiteten sich, und sie wusste, dass er sich an die Nacht erinnerte, in der Søren ihn ihr überlassen hatte – als Geschenk und als Test. Sie hatte das Geschenk genossen und war beim Test durchgefallen.

„Geht es dir gut?“ Sie trat einen Schritt zurück, um ihm etwas Raum zum Atmen zu geben.

Michael rieb sich nervös über die Arme.

„Ja, ganz gut, glaub ich.“

„Hat Søren dir das Buch gegeben?“

„Ja. Es hat geholfen. Danke.“ Nora hatte ihm ihre abgegriffene Ausgabe von Der andere geheime Garten überlassen, ein Klassiker über die Psychologie sexueller Unterwerfung.

„Gern geschehen. Telefoniert unser Priester?“

Michael nickte.

„In welcher Sprache?“

„Erst auf Französisch.“ Michael lehnte sich weiter in Richtung Tür. „Jetzt auf Dänisch.“

„Hm … das sind gute und schlechte Neuigkeiten.“

„Wieso?“

Nora kehrte zur Bank zurück und schlug ihre Beine übereinander – eine Bewegung, die Michaels Aufmerksamkeit erregte.

„Französisch ist schlecht. Französisch bedeutet, er spricht mit Kingsley.“

„Wer ist Kingsley?“

Nora kicherte. Wer war Kingsley? Kingsley Edge, der König der Perversen in New York City. Halb Franzose – durch und durch versaut. Ihr gelegentlicher Liebhaber und Sørens bester Freund. Nun ja, zumindest an den Tagen, an denen Søren nicht drohte, ihn umzubringen.

„Französisch ist schlecht, weil er Kingsley immer anruft, wenn es um zweifelhafte Machenschaften geht. Aber Dänisch ist gut. Søren ruft sonntags nach der Messe immer seine Nichte in Kopenhagen an. Was auch immer gerade passiert, ist also nicht so wichtig, dass es seine Routine durcheinanderbringen würde.“

„Father S. hat eine Nichte?“ Die Vorstellung schien Michael zu überraschen.

Nora grinste ihn an. Søren wirkte oft so, als ob er der Prototyp des vollkommenen Menschen sei und über allen weltlichen Dingen stände. Man konnte ihn sich nur schwer als kleinen Jungen vorstellen, der Eltern hatte, zur Schule ging und seine Hausaufgaben machte. Aber sie wusste alles über seine Familie – das Gute und das Schlechte.

„Zwei Nichten, einen Neffen. Und …“, sie hielt drei Finger in die Höhe, „drei Schwestern. Zwei in Amerika, eine in Dänemark.“

Michael schaute zur Decke.

„Wow.“

„Kannst du dir vorstellen, ihn …“, sie zeigte auf die geschlossene Tür, hinter der sich einer der beeindruckendsten Männer aller Zeiten befand, „… als Bruder zu haben? Beängstigender Gedanke, oder?“

„Ihre Freunde beneide ich auf jeden Fall nicht.“

Sie lachten zusammen, obwohl Nora wusste, dass Søren die Möglichkeit verwehrt geblieben war, ein normales brüderliches Verhältnis mit seinen Schwestern aufzubauen. Er und Freja waren in verschiedenen Ländern aufgewachsen, und Claire war fünfzehn Jahre jünger als er. Und Elizabeth … nun, das war eine ganz andere Geschichte.

„Komm her und lass mich dich anschauen.“ Nora verdrängte die düsteren Überlegungen. „Wie groß bist du jetzt?“

„Einen Meter achtundsiebzig.“ Michael kam gehorsam näher. „Ich wusste, dass du noch nicht ausgewachsen warst“, sagte sie und erinnerte sich daran, wie sie ihn, als er in jener Nacht schlief, ganz genau gemustert hatte. „Deine Größe passt jetzt endlich zu deinen Händen. Allerdings hast du nicht wirklich zugenommen.“

Er verzog das Gesicht. „Erinner mich nicht daran.“

„Komm mir nicht mit deinen Teenagersorgen, Engel. Du bist groß, dünn, hast eine perfekte Porzellanhaut und die Wangenknochen eines Supermodels. Und anders als meine Fransen wissen deine langen schwarzen Haare sich zu benehmen. Du, junger Mann, bist der hübscheste Kerl, den ich je gesehen habe.“

Nora musterte ihn. An seiner Schule wurde Michael vermutlich für sein Aussehen gehänselt. Er war nicht übertrieben feminin, aber er hatte das Stadium des hübschen Jungen schon lange hinter sich gelassen und war jetzt einfach nur wunderschön. Die Mädchen beneideten ihn wahrscheinlich darum, dass er morgens nach dem Aufwachen zauberhafter aussah als sie nach einer Stunde schminken – und die Jungen hassten ihn vermutlich dafür, dass er in ihren fiebrigen Teenagerhirnen homoerotische Fantasien auslöste.

„Wenn du das sagst.“

„Ja, das sage ich. Und ich habe, was so etwas angeht, immer recht. Bist du denn inzwischen endlich volljährig, Kleiner?“, neckte sie ihn.

Er errötete. „Ich bin letzten Monat siebzehn geworden.“

„Damit bist du in diesem Staat sexuell mündig.“ Sie zwinkerte ihm zu. Das Rot seiner Wangen vertiefte sich. Michael wollte gerade etwas sagen, da öffnete sich die Tür zu Sørens Büro. Ohne ein Wort winkte Søren sie beide mit einem Fingerzeig zu sich und verschwand wieder in seinem Allerheiligsten.

Nora atmete tief ein.

„Das ist unser Stichwort.“ Sie stand auf und streckte den Arm aus. Michael zögerte nur eine Sekunde, bevor er seine zitternden Finger in ihre Hand legte.

Hand in Hand betraten sie Sørens Büro. Obwohl sie ihn bereits seit gut zwanzig Jahren kannte, hatte sie relativ wenig Zeit in diesem Raum verbracht. Jedes Mitglied der Sacred-Heart-Gemeinde kannte „Father Stearns’ Regeln“: Der Zutritt zu seinem Büro war Kindern unter sechzehn Jahren nur in Begleitung ihrer Eltern gestattet; niemand durfte sich allein mit ihm im Büro aufhalten, wenn die Tür nicht offen stand, private Unterhaltungen waren allein der Beichte vorbehalten, und niemand, absolut niemand, durfte jemals das Pfarrhaus betreten.

Außer Nora natürlich.

Die Regeln waren streng, aber in der krisengebeutelten katholischen Kirche notwendig und wirkungsvoll. In all seinen Jahren in der Sacred-Heart-Gemeinde hatte es um Søren nicht den kleinsten Hauch eines Skandals gegeben.

Nora und Michael setzten sich auf die Stühle vor Sørens Schreibtisch. Als sie sich umschaute, fiel Nora auf, dass sich in diesem Zimmer nur wenig verändert hatte, seitdem Søren die Sacred Heart vor gut zwanzig Jahren übernommen hatte. Sein aufgeräumtes und elegantes Büro war reichlich ausgestattet mit Büchern und Bibeln in beinahe zwei Dutzend verschiedenen Sprachen. Auf dem riesigen Eichentisch stand ein gerahmtes Foto seiner wunderhübschen Nichte Laila. Laila musste in Michaels Alter sein. Seit ihrer letzten Reise nach Dänemark hatte Nora sie nicht mehr gesehen. Nora liebte ihre seltenen gemeinsamen Ausflüge in fremde Länder – nur auf einem anderen Kontinent konnten sie und Søren Händchen haltend die Straßen entlangschlendern. Aber er war schon Priester gewesen, als sie sich ihm hingegeben hatte, und er hatte sie, bevor sie ihm ihr Gelöbnis gab, gewarnt, dass sie niemals eine normale Beziehung führen würden. Mit achtzehn hatte es ihr nichts ausgemacht, ihm zu versprechen, dass sie für ihn nur zu gerne alle Opfer auf sich nähme. Mit vierunddreißig würde sie immer noch die gleiche Entscheidung treffen wie damals, aber vielleicht würde sie ihr nicht mehr ganz so leichtfallen.

Nora richtete ihren Blick auf Søren. Sie hielt zur Beruhigung immer noch Michaels Hand. Doch ob es sie oder ihn mehr beruhigte, konnte sie nicht sagen.

„Eleanor, Michael“, sagte Søren. „Wir haben ein Problem.“

„Fuck, ich wusste es.“ Als Nora für ihr Fluchen nicht von Søren gescholten wurde, wusste sie, dass es schlimm sein musste … denn normalerweise rückte er von seinem Gebot, an Sonntagen nicht zu fluchen, niemals ab.

„Eleanor, beruhige dich. Ich sagte, wir haben ein Problem, keine Krise. Der Priester, der heute zu Besuch war …“

„Der Typ, der Michael und mich so blöd angeglotzt hat?“

„Ja, der“, bestätigte Søren mit kaum verhohlener Belustigung. Schön, dass wenigstens einer von ihnen diesen Albtraum amüsant fand. „Das war Father Karl Werner …“

„Oh Gott, ich hasse deutsche Katholiken“, sagte Nora, geborene Eleanor Schreiber, die nicht nur mit einem, sondern mit zwei deutschen katholischen Großelternpaaren gesegnet war.

„Father Karl“, Søren tat so, als hätte er sie nicht gehört, „ist sehr konservativ. Wenn er dich finster angeschaut hat, Eleanor, dann nur, weil dein Ruf dir vorauseilt.“

„Und Michael?“, fragte sie. Michael war erst siebzehn, und abgesehen davon, dass er sich skandalöserweise für eine öffentliche anstatt für eine katholische Schule entschieden hatte, war er ein vorbildliches Mitglied der Sacred-Heart-Gemeinde: schweigsam, fleißig und einer der Besten seines Jahrgangs.

Michael seufzte, hob seine Hände und drehte seine Handgelenke bedeutungsvoll nach außen. Sie musste die Narben nicht erst sehen, um zu wissen, was er meinte.

„Ja“, in Sørens Stimme schwang Mitgefühl mit. „Father Karl ist nicht erfreut, dass wir …“

„Einer wandelnden Todsünde Zuflucht gewähren?“, beendete Michael den Satz für Søren. Nora schlang ihre Finger um Michaels Handgelenk. Sie ließ den Zeigefinger unter das Schweißband gleiten und streichelte die raue weiße Narbe, die sich, wie sie wusste, darunter befand. Vor etwas mehr als zwei Jahren, damals war Michael gerade vierzehn gewesen, hatte sein konservativer Vater herausgefunden, dass Michael ein stetig wachsendes Interesse an BDSM entwickelte. Ähnlich wie sie als Teenager verletzte Michael sich oft selber, einfach nur wegen des sexuellen Reizes. Anders als sie jedoch war es sein eigener, voreingenommener Vater und nicht sein empathischer Priester, der ihn dabei erwischt hatte. Sein Vater hatte ihm solche Schuldgefühle eingeredet, dass Michael sich eines Tages die Pulsadern aufgeschnitten hatte und beinahe gestorben wäre. Für einige Katholiken, besonders aus der älteren Generation, war Selbstmord die absolute Todsünde. Ohne Zweifel fand Father Karl, dass Michael eine andere Kirche besuchen sollte. Bevorzugt eine, auf der nicht immer noch Michaels Blutflecken auf dem Holzfußboden zu sehen waren.

„Father Karls Meinung über euch beide hat nichts mit seinem heutigen Besuch zu tun“, fuhr Søren fort. Sein Tonfall verriet, dass ihm Father Karls Meinung zu jedem Thema vollkommen gleichgültig war. „Der Grund für seinen Besuch hat einzig mit mir zu tun. Wie ihr beide vielleicht wisst, ist Bischof Leo an Darmkrebs erkrankt und wird bald in Rente gehen.“

„Und Father Landon tritt seine Nachfolge an?“, fragte Nora.

„Father Landon sollte seine Nachfolge antreten. Doch vor drei Tagen sind gewisse Anschuldigungen gegen ihn erhoben worden.“

„Heiliger Gott“, stöhnte Nora. „Ich kapier einfach nicht, wieso Priester ihre heiligen Schwänze nicht in der Hose behalten können.“

Michael atmete scharf ein, und Nora zog eine Grimasse. Sie lächelte Søren entschuldigend an. Er hob mahnend seine Augenbrauen.

„Anwesende natürlich ausgeschlossen“, fügte sie hinzu.

„Natürlich.“

Søren stand auf und kam um den Tisch herum. Nora sah zu ihm auf. Alles an ihm war so aristokratisch. Selbst in Dänemark, wo hellblonde Haare und blaue Augen die Regel waren und keine Ausnahme wie hier in Amerika, stach er durch seine Größe und seine unübersehbare Attraktivität aus der Menge hervor.

„Durch Father Landons Versetzung stellt sich die Frage, wer Bischof Leo nun ersetzen soll.“ Søren machte eine kleine Pause. Die Bedeutung seiner Worte traf Nora härter als ein Rohrstockschlag auf den Oberschenkel.

„Ach du Scheiße!“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund. „Schön gesagt.“ Er nickte.

„Was ist los?“, fragte Michael. „Das ist schlecht, oder?“

„Sehr schlecht.“ Nora drehte sich so, dass sie ihn anschauen konnte. „Unser Father Stearns hier könnte der nächste Bischof dieser Diözese werden.“

Michael schaute Søren eindringlich an.

„Oh, Mist“, sagte er dann.

„Ich fürchte, dem kann ich nicht widersprechen. Dass Father Karl persönlich hierhergekommen ist, bedeutet, dass ich zumindest in die engere Auswahl der Kandidaten gekommen bin.“

Nora schloss die Augen. Wenn Søren Bischof würde, wäre er das Oberhaupt aller Priester in der Diözese. Er müsste das Pfarrhaus verlassen, in dem ihm mehrere Hundert Bäume beinahe totale Privatsphäre garantierten, und in ein Haus ziehen, in dem auch andere Priester wohnten. Sein sowieso schon gut gefüllter Terminkalender würde noch voller werden, und sie würde ihn selten bis kaum jemals mehr zu sehen bekommen. Vorausgesetzt er bekam die Stelle – was beinahe sicher zu sein schien, solange nichts von ihren und Sørens außerkirchlichen Aktivitäten an die Öffentlichkeit gelänge.

„Kannst du ihnen nicht einfach absagen?“

„Nicht ohne Unmut und Verdacht zu wecken. Zum Bischof ernannt zu werden wird als große Ehre angesehen.“

„Scheiß auf die Ehre!“, sagte Nora und sah, dass Michael ein Lachen unterdrückte. „Ich meine das nicht wörtlich“, fügte sie hinzu. „Okay, vielleicht doch.“

„Eleanor, fünf Minuten Anstand, mehr erwarte ich gar nicht“, ermahnte Søren sie.

„Tut mir leid.“ Das meinte sie ehrlich. „Ich habe nur ein wenig Angst. Wie lautet dein Plan?“

Sie kannte Søren. Er würde sie nicht mit solchen Neuigkeiten in Panik versetzen, wenn er nicht schon einen Plan hätte.

„Normalerweise dauert der Auswahlprozess für einen neuen Bischof ein bis zwei Jahre. Da Leo von Tag zu Tag schwächer wird, werden sie versuchen, spätestens im August einen Nachfolger zu ernennen.“

Heute war der sechzehnte Mai.

„Was tun wir also in den nächsten zweieinhalb Monaten?“

„Ihr beide werdet gar nichts tun.“ Søren musterte sie und Michael. „Ich werde mich darum kümmern. Die Diözese wird mich natürlich überprüfen. Das beunruhigt mich aber nicht. Selbst wenn sie etwas über unser Privatleben erfahren, Eleanor, wird die Kirche das tun, was sie immer tut, wenn sie sich mit einem drohenden Skandal konfrontiert sieht.“

„Es vertuschen“, bot Nora an, und Søren widersprach nicht. „Aber?“

„Aber morgen früh wird in der Times ein Artikel über Father Landon erscheinen. Die Presse wird sich höchstwahrscheinlich auf die Diözese stürzen und sich ausführlich in die Untersuchungen einmischen.“

„Die Presse. So so. Das erklärt, wieso du heute schon mit Kingsley telefoniert hast.“

Kingsley hatte eine faszinierende Beziehung zu den Medien – auf die Art faszinierend, wie die Plünderung Roms durch die angreifenden Barbarenhorden faszinierend war. Eine Reporterin hatte einmal gedroht, einen Artikel zu schreiben und darin einen von Kingsleys Kunden – einen international bekannten Anwalt für Menschenrechte – als Transvestiten mit multiplen sexuellen Fetischen bloßzustellen. Zwei Tage, bevor der Artikel erscheinen sollte, spielte ein Sexvideo, das die Journalistin mit ihrem Ehemann zusammen gedreht hatte, als Endlosschleife auf jedem Computer an der exklusiven Privatschule ihres sechsjährigen Sohnes. Das Video war nicht zu löschen. Alle zweihundert Computer hatten komplett neu aufgesetzt werden müssen. Der Artikel war nie erschienen.

„Ich würde mich lieber nicht auf eine von Kingsleys Methoden verlassen müssen, um unser Privatleben geheim zu halten“, sagte Søren. Søren mochte zwar ein Sadist sein, dennoch tat er nur Menschen weh, die es wollten. „Aber seine Informationen sind oft sehr nützlich. Sei versichert, Eleanor, ich werde eine Möglichkeit finden, nicht zum nächsten Bischof gewählt zu werden. Deshalb habe ich euch beide aber nicht hergerufen.“

„Ich sterbe schon vor Neugierde, endlich zu erfahren, was du uns zu sagen hast“, erklärte Nora. Irgendetwas in Sørens Augen warnte sie, dass ihr das, was er zu sagen hatte, nicht gefallen würde.

„Du und Michael, ihr seid die einzigen beiden Mitglieder der Sacred-Heart-Kirche, die wissen, wer und was ich bin. Die Presse wird kommen und Fragen stellen. Ich kann euch nicht bitten, für mich zu lügen. Und da ich weiß, dass keiner von euch die Wahrheit sagen wird, wenn man ihn befragt …“

„Verdammt richtig“, sagte Michael unterdrückt. Nora stieß ein kleines Dankgebet für seine Loyalität aus. Sie wusste, Michael sah Søren als seinen Lebensretter an. Sie hatte nie die ganze Geschichte erfahren, aber sie wusste, dass Søren damals seine Karriere riskiert hatte, als er Michael die Wahrheit über sich selber und seine Beziehung zu Nora erzählt hatte. Die Nacht, die sie und Michael vor über einem Jahr miteinander verbracht hatten, war Sørens Belohnung dafür, dass Michael es ein ganzes Jahr lang geschafft hatte, sich nicht selber zu verletzen. Obwohl er damals wie heute ein ungewöhnlich weiser Teenager war, hatte er in der Nacht mit gerade erst einmal fünfzehn Jahren seine Unschuld verloren. In Connecticut und New York war man jedoch erst mit sechzehn, nicht schon mit fünfzehn, sexuell mündig, was ihre gemeinsame Nacht zu einem Verbrechen machte. Sie hatte sein Alter damals nicht gewusst – aber Søren.

„Okay. Also Michael und ich dürfen, was dich betrifft, nicht lügen. Heißt dass, wir sollen ein Schweigegelübde ablegen?“

Søren lächelte. „Dass du ein Schweigegelübde ablegst, Eleanor, ist genauso unwahrscheinlich wie dass du dich dem Zölibat verschreibst. Nein, ich denke, es ist am besten, wenn ihr beide die Stadt verlasst, solange das hier andauert. Und zwar gemeinsam.“

Schweigen legte sich wie ein Tuch über den Raum.

„Kann ich bitte eine Minute mit dir alleine reden, Meister?“, bat Nora. Søren stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Michael, würde es dir etwas ausmachen?“

Michael stand auf und verließ das Büro.

„Bist du verrückt geworden?“

„Meine Kleine, wem gehörst du?“

Nora sank auf ihren Stuhl zurück.

„Dir, Meister. Aber du willst wirklich …“

„Eleanor! Was würdest du tun, wenn ein Reporter dich fragt, ob wir ein Paar sind?“

„Ich würde ihm sagen, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern. Dann würde ich Kingsley bitten, einfach nur aus Spaß eine Woche lang seine Kreditkarten und Bankkonten einzufrieren.“

Søren hob eine Augenbraue.

„Okay, ich hab’s verstanden“, sagte sie.

„Ich möchte in der Lage sein, mich dieser Situation zu stellen, ohne dass ich mir Sorgen um dich machen muss. Doch der weitaus wichtigere Teil ist Michael. Er braucht dich.“

„Wofür braucht er mich?“

„Für das, worin du am besten bist“, sagte Søren einfach.

„Du erwartest, dass ich Michael ausbilde?“ Nora war schockiert. „Ich war eine gut bezahlte Domina, erinnerst du dich? Die Ausbildung von Nachwuchs war nicht mein Gebiet. Sicher gibt es jemand anderen, der …“

„Es gibt niemanden sonst, dem ich vertraue. Und niemanden, dem Michael vertraut. Er fängt im Herbst mit dem College an. Dieser Sommer ist unsere letzte Chance, ihm zu helfen.“

Nora hörte einen seltsamen Unterton in Sørens Worten, und ein Schauer überlief sie. Sie hatte seit ihrer gemeinsamen Nacht kaum mit Michael gesprochen, aber der Junge lag ihr immer noch sehr am Herzen.

„Ihm helfen? Das letzte Mal, als ich ihm geholfen habe, hattest du Angst, er würde erneut versuchen, sich umzubringen. Was stimmt mit ihm nicht?“

„Ich fürchte, das kann ich dir nicht sagen.“

Seufzend erhob sich Nora und wanderte zu dem Buntglasfenster in Sørens Büro. Anders als die Buntglasfenster in der Kirche zeigte dieses keine Heiligen oder biblischen Szenen, sondern eine aufblühende blutrote Rose. Nora fuhr mit der Fingerspitze eine der kühlen metallenen Dornen nach.

„Wir sind erst seit einem Jahr wieder zusammen“, erinnerte sie ihn. Nur ungern ließ sie ihn für einen Tag allein, ganz zu schweigen von einem ganzen Sommer.

„Ich weiß, Eleanor.“ Søren trat hinter sie und schlang seine Arme um ihre Taille. „Aber du musst mir vertrauen, dass ich weiß, was ich tue. Ich brauche dich, um Michael zu helfen. Ich brauche dich, um mir zu helfen.“

Ich brauche dich … Die berüchtigte Untergrundgemeinde, zu der sie gehörten, sah Søren geschlossen als ihren allmächtigen Dom an. Søren hatte sich sogar den Spitznamen „Alpha- und OmegaMann“ verdient. Aber diese Worte – ich brauche dich – waren öfter über seine Lippen geschlüpft als die meisten, die ihn kannten, glauben würden. Während der fünf Jahre ihrer Trennung war Nora oft früh am Morgen von einem Anruf geweckt worden, um diese drei Worte von Søren zu hören. Obwohl sie ihn verlassen hatte, sagte sie ihm bei diesen seltenen Anrufen niemals Nein. Manchmal konnte selbst er seine dunkelsten Begierden nicht zügeln. Ich brauche dich jetzt, hatte er dann gesagt, und Nora war aus dem Bett geklettert und hatte einfach nur gesagt: „Okay, wann und wo?“

„Gut“, willigte sie ein. „Wann soll ich wohin?“

„So bald wie möglich, fürchte ich. Und das Wohin überlasse ich dir. Ich würde nur vorschlagen, dass du weit genug wegfährst, sodass niemand auf die Idee kommt, dir zu folgen.“

„England?“, fragte sie. „Zach und Grace versuchen, ein Kind zu kriegen. Dabei könnte ich ihnen helfen. Oder sie zumindest, du weißt schon … unterstützen.“

„Auf gar keinen Fall“, sagte Søren. „Ich weiß, wie du dich in anderen Ländern benimmst. Dass du überhaupt noch einen Reisepass hast, zählt zu den großen Mysterien des Universums.“

„Das war nicht meine Schuld“, erwiderte sie. „Das Konsulat hat mich von allen Vorwürfen freigesprochen.“

„Eleanor …“

„Gut. Wir fahren zu Griffin“, sagte sie. „Er hat die Pferdefarm seiner Großeltern geerbt und drängt mich schon seit Monaten, dass ich ihn mal besuchen komme. Was hältst du davon?“

Søren stieß einen gequälten Seufzer aus. „Ausgerechnet Griffin …“

Nora unterdrückte ein Lachen. „Komm schon, Griffin ist in Ordnung. Sonst wäre er nicht einer meiner besten Freunde.“

„Er ist verwöhnt, kindisch und ein Feigling.“

Außerdem reich, umwerfend und toll im Bett … aber daran erinnerte sie Søren lieber nicht.

„Du nennst ihn immer einen Feigling. Verrätst du mir, wieso?“ Sie drehte sich zu ihm um.

„Nein. Aber ich schätze, Griffin hat eine zweite Chance verdient.“

Obwohl sie zu gerne gewusst hätte, was Søren mit zweiter Chance meinte, wusste Nora, dass sie ihn besser nicht danach fragen sollte. Einen Moment lang stand Søren schweigend da. Er tippte sich ans Kinn, wie immer, wenn er irgendeinen Plan ausheckte.

„Ich erlaube dir, den Sommer mit Griffin zu verbringen“, sagte er schließlich. „Aber er darf Michael nicht anrühren, sonst werde ich ihm seinen Schlüssel zum 8. Zirkel wegnehmen und ihm den Kontakt zu dir verbieten! Verstanden?“

Nora erbleichte. Das war eine ernst zu nehmende Drohung. „Ja, Meister.“

„Wo liegt die Farm seiner Großeltern?“

„Nördlich von hier“, sagte sie. „In der Nähe von Guilford.“

Søren schaute sie scharf an, seine Mundwinkel zuckten vor unterdrückter Schadenfreude.

„Lebt deine Mutter nicht ganz in der Nähe?“, fragte er. „Vielleicht könntest du dir einen Tag freinehmen und sie besuchen?“

„Denk nicht einmal daran.“ Die Angst, dass Søren ihr befehlen könnte, ihre Mutter zu besuchen, ließ sie schaudern. „Ich würde lieber in der Hölle joggen gehen. An einem heißen Augusttag, auf Stilettos …“

„Eleanor.“

„Ja, Meister?“

„Dein Dekolleté zwitschert.“

Nina schluckte und zog ihr Handy aus dem BH, wo sie es vor der Messe hingesteckt hatte.

„Tut mir leid. Ich habe vergessen, es auszustellen.“ Nora schaltete es schnell stumm.

Søren starrte sie an. Sie starrte zurück. Wie immer wandte sie als Erste den Blick ab.

„Ja, das war Wes“, gestand sie, ohne dass sie auf die Nummer hätte schauen müssen. Sonntagnachmittags war es immer Wesley.

Søren musterte sie. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen.

„Ruft Wesley dich oft an?“

Nora nickte. „Einmal in der Woche“, gab sie zu. „Jeden Sonntag nach der Kirche.“

„Und warum höre ich heute zum ersten Mal davon?“

„Weil es egal ist. Ich gehe nie ran.“

„Warum gehst du nicht ran, wenn Wesley anruft?“ Søren stellte die Frage in dem gleichen Ton, den er im Beichtstuhl benutzte – mit einer leichten Neugierde, die sie unbändig wütend machen konnte.

„Weil du mir nicht die Erlaubnis dazu gegeben hast.“

„Du hast mich nie darum gebeten. Hattest du Angst, ich würde ablehnen?“

Nora biss sich auf die Unterlippe, eine nervöse Angewohnheit, die Søren versuchte ihr abzugewöhnen, seitdem sie fünfzehn gewesen war. Zärtlich strich er mit seinem Daumen über ihren Mund. Nora schaute ihn an.

„Ich hatte Angst, du würdest mir die Erlaubnis erteilen.“

Søren nickte langsam.

„Ich liebe dich.“ Sie straffte die Schultern. „Und ich werde dich diesen Sommer über verlassen, aber nur, weil du es so verlangst. Aber wenn sie dich zum Bischof ernennen, werde ich nach L. A. ziehen und Scientology beitreten. Nur damit du gewarnt bist.“

Beim Anblick seines strahlenden Lächelns verspürte sie große Erleichterung. Doch sie wusste, dass sie mit der Unterhaltung über Wesley noch nicht fertig waren.

„Michael wartet draußen auf dich. Du solltest ihm die Lage erklären und ihn nach Hause fahren.“

„Das mache ich“, sagte sie und ging zur Tür. Bevor sie das Büro verließ, hielt sie noch einmal kurz inne und drehte sich herum. „Ich kann nicht glauben, dass ich nur wegen dieser dummen Beförderung den ganzen Sommer ohne dich verbringen muss.“

Søren sagte nichts, aber Nora sah etwas in seinen Augen aufblitzen.

„Es geht doch nur um die Beförderung, oder?“, fragte sie. „Da steckt nichts anderes hinter, richtig?“ Mit einmal wurde Nora von Angst gepackt, der Angst, dass Søren sie aus irgendeinem Grund nicht in seiner Nähe haben wollte.

„Kingsley hat angerufen. Gestern Nacht ist jemand in sein Stadthaus eingebrochen.“

Nora riss die Augen auf.

„Geht es ihm gut? War Juliette da? Was ist passiert?“ Ihr Herz raste, und ihre Gedanken beschworen sofort die schlimmsten Szenarien herauf – dass Kingsley und seine wunderschöne haitianische Sekretärin verletzt worden waren.

„Ihm und Juliette geht es gut. Sie waren letzte Nacht … abgelenkt. Jemand hat die Hunde betäubt und eine Akte aus Kingsleys Büro gestohlen.“

Nora sackte auf einem nahe stehenden Stuhl zusammen. Wer auch immer der Dieb war, er musste Eier aus Stahl haben. Kingsleys Name allein verschreckte normalerweise schon jeden, der sich für die Akten, die er über beinahe jeden Polizisten, Richter, Politiker und Anwalt in der Gegend besaß, interessierte. Und wenn sein Name die Diebe nicht abschreckte, taten es normalerweise seine abgerichteten Rottweiler.

„Nur eine Akte? Das ist ja wenigstens etwas.“

„Eleanor – es war deine Akte.“

„Meine? Wieso meine? Ich bin überhaupt keine Domina mehr.“ Die Worte auszusprechen war schmerzhafter, als sie erwartet hatte. Während ihrer Zeit als Domina in Kingsleys Diensten hatte sie sich ständig über ihren Job beschwert. Nun, wo sie ihn nicht mehr ausübte, vermisste sie ihn irgendwie. Noch etwas für ihre „Dinge, die mir jeden Tag fehlen“-Liste, die langsam gefährlich lang wurde.

„Ich wünschte, ich wüsste es, meine Kleine. Kingsley glaubt, es könnte ein alter Kunde sein, der versucht, alle Beweise, die ihn betreffen, zu vernichten.“

„Das klingt logisch – glaube ich.“ In ihren Tagen als Domina las sich Noras Kundenliste wie das Who’s who der Reichen, Berühmten … und Perversen. Vorstandsmitglieder der wichtigsten Firmen, hochrangige Politiker und Rockstars hatten Unmengen dafür bezahlt, ihr die Stiefelspitze küssen zu dürfen. „Es ist aber auch egal. Wer auch immer es ist, er wird die Akte sowieso nicht lesen können.“

Kingsley und Juliette waren das perfekte Team. Kingsleys Akten waren aus zwei Gründen berüchtigt. Zum einen enthielten sie die Geheimnisse einer ganzen Stadt, und zum anderen waren sie für jeden außer ihn und Juliette vollkommen unlesbar. Nur sie konnte die Aufzeichnungen entziffern, die in verschlüsseltem haitianischem Kreolisch verfasst waren.

„Mich beunruhigt auch eher die Motivation hinter dem Verbrechen als das Verbrechen selber“, sagte Søren. „Noch ein Grund mehr, warum du den Sommer außerhalb der Stadt verbringen solltest, während Kingsley und ich uns darum kümmern.“

„Ich könnte euch dabei helfen, wenn ihr mich lasst. Ich bin nicht mehr fünfzehn, falls dir das entgangen sein sollte.“

Søren stand auf und kam zu ihr. Er nahm ihre Hand, zog sie daran sanft auf die Füße und schaute Nora in die Augen.

„Du bist mein Herz“, sagte er. Diese gleichen Worte hatte er am Morgen zu ihr gesagt. Aber da hatten sie liebevoll und spielerisch geklungen. Jetzt sagte er sie, als wären sie eine anatomische Tatsache. „Ich werde dich nicht verlieren. Ich schicke dich weg, um dich in Sicherheit zu wissen. Verstehst du das? Sag ‚Ja, Sir‘.“

Nora nickte und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter.

„Ja, Sir.“

Søren neigte den Kopf und küsste sie langsam und innig. Als ihre Lippen sich trennten, legte sie ein Ohr an seine Brust und entspannte sich in seinen Armen. Sie genoss es, das stete Klopfen seines Herzens zu hören. Sie nannte Søren gefährlich, und für Leute, die sich ihm in den Weg stellten, war er das sicherlich auch. Wer immer ihre Akte gestohlen hatte … sie beneidete ihn nicht. Aber Søren war nicht bösartig. Von allen Männern, die sie kannte, hatte er das reinste Herz. Ein starkes und gutes Herz.

„Mein Herz“, flüsterte sie und schaute zu ihm auf.

„Glaube mir, meine Kleine.“ Søren strich besitzergreifend mit der Hand von ihrem Nacken über ihren Rücken. „Ich schicke dich vielleicht weg, aber ich werde dir einen Abschied bereiten, den du den ganzen Sommer über nicht vergessen wirst.“

Michael wartete vor dem Büro von Father S. und hoffte, dass er genau das tun sollte. Er saß auf der Bank, hatte die Füße auf sein Skateboard gestellt und rollte es gedankenlos vor und zurück, während er sich jedes Wort ins Gedächtnis rief, das Nora und Father S. gesagt hatten. Der Priester, der zum Bischof gewählt werden würde, müsste umziehen. Father S. stand auf der Liste möglicher Kandidaten für diese Aufgabe. Father S. wollte, dass er und Nora den Sommer über wegfuhren. Er, Michael, sollte den ganzen Sommer mit Nora Sutherlin verbringen.

Den gesamten Sommer … mit Nora Sutherlin …

Michael hatte Träume, die so ausgingen. Gerade erst letzte Nacht hatte er etwas in dieser Art geträumt.

Nora trat mit einem Lächeln aus dem Priesterbüro.

„Gut. Ich bin froh, dass du gewartet hast. Soll ich dich nach Hause bringen?“

Michael zuckte mit den Schultern und stand auf. Er konnte es immer noch nicht glauben – ein Jahr, ohne dass sie auch nur ein einziges Wort miteinander gewechselt hatten, und jetzt bot sie ihm an, ihn nach Hause zu fahren?

„Gerne. Danke.“

Der Parkplatz war leer bis auf ein glänzendes zweisitziges Cabriolet.

„Gefällt es dir?“ Nora drückte auf den Knopf an ihrem Schlüssel, um die Türverriegelung zu öffnen.

„Ja. Der ist super.“ Michael ging einmal um das Auto herum. Er biss sich auf die Lippe und unterdrückte ein Lachen, als er Noras Wunschkennzeichen sah: NC-17 – mit diesem Kürzel kennzeichnete die Prüfstelle Filme, die nicht jugendfrei waren.

Nora stand vor ihrem Auto und musterte es.

„Ich habe es mir letzten Monat als Belohnung geschenkt. Er ist natürlich nicht so schön wie mein Aston Martin, aber andererseits ist ein BMW Z4 Roadster auch nichts, worüber man die Nase rümpfen kann. Ich bin ein großer Fan deutscher Ingenieurskunst.“

Michael ließ seinen Blick über ihren festen, kurvigen Körper gleiten – so viel zum Thema vollendete deutsche Ingenieurskunst. Er wollte das gerade laut sagen, weil er wusste, sie würde über dieses Kompliment wegen der Anspielung auf ihre deutsche Herkunft lachen, aber wie immer kamen ihm die Worte nicht über die Lippen.

„Hier, du fährst.“ Sie warf ihm den Schlüssel zu.

Michael streckte die Hand aus und fing den Schlüssel mit den Fingerspitzen.

„Du willst, dass ich deinen brandneuen BMW fahre?“

„Du hast doch einen Führerschein, oder?“ Sie öffnete die Beifahrertür und schaute ihn über das Wagendach hinweg an. „Und angesichts der Tatsache, dass ich dich in meinen Körper hineingelassen habe, ist es doch gar nicht so weit hergeholt, dass ich dich auch mein Auto fahren lasse, oder?“

Sie ließ sich auf den Sitz gleiten und schloss die Tür.

Bei ihren Worten waren Michaels Knie ganz weich geworden. Mit einem tiefen Atemzug öffnete er die Fahrertür. Er legte sein Skateboard hinter den Sitz und ließ sich andächtig hinter dem Lenkrad nieder.

Während er das Auto startete und vom Parkplatz fuhr, sagte Nora: „Lass uns reden.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu. „Okay, du fährst, also solltest du nicht reden. Aber du kannst mir zuhören.“

„Bitte sag nur nicht …“

„Nur nicht was?“

„Nur nicht wieder so Sachen wie eben, sonst baue ich auf der Stelle einen Unfall.“

Nora lachte und drückte seinen Oberschenkel.

„Okay, Engel, wenn du darauf bestehst, verspreche ich, nicht über die Nacht zu sprechen, in der ich dich gefesselt und deiner Jungfräulichkeit beraubt habe.“

„Nora, bitte“, flehte er. Es gefiel ihm, dass sie ihn immer noch Engel nannte. Außer ihr tat das niemand.

„Gut, ich benehme mich. Zumindest für den Moment. Wie auch immer, hier ist der Deal: Søren will, dass wir den Sommer über verreisen, damit er sich um einige Sachen kümmern kann. Ich denke, er weiß, wenn jemand anfängt, mir nachzuspionieren, würde ich demjenigen gehörig in den Arsch treten. Und das wäre in dieser Situation zugegebenermaßen nicht sonderlich hilfreich.“

„Vermutlich nicht.“

„Und wenn man bedenkt, dass ich in der Nacht, als ich mit dir zusammen war, Unzucht mit Minderjährigen betrieben habe … nun ja, ich denke, er versucht, mich so weit wie möglich aus der ganzen Sache herauszuhalten. Und dich auch.“

Sie kamen an eine Kreuzung, und Michael setzte den Blinker. Alle Richtungen waren frei. So nervös, wie er war, hoffte er, dass ihnen auf dem ganzen Weg nach Hause kein anderes Auto begegnen würde.

„Du hast keine Unzucht begangen, Nora. Ich wollte es doch auch. Ich war fünfzehn, beinahe sechzehn, und nicht fünf.“

Er konnte kaum glauben, dass er endlich mit ihr über die Nacht sprach. Er wusste, dass Nora und Father S. über die momentane Situation unglücklich waren, aber für ihn war heute der vermutlich beste Tag seines Lebens.

„Den Gerichten ist es leider egal, wer womit einverstanden war, wenn es um minderjährige Jungen und berühmte Schriftstellerinnen geht. Aber hey, jetzt bist du ja nicht mehr unmündig.“

„Was sollen wir also tun?“ Michael schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel. Hoffentlich hatte er es sich nicht nur eingebildet, dass Father S. ihn zusammen mit Nora wegschicken wollte.

„Ich habe einen Freund namens Griffin Fiske. Er lebt auf einer Farm in Upstate New York. Ich denke, wir sollten den Sommer bei ihm verbringen, bis diese Katastrophe überstanden ist.“

„Griffin Fiske?“

„Ja, er ist der Sohn von John Fiske, dem Vorsitzenden der Börse an der Wall Street. Griffin ist ein typisches Trust-Fund-Baby, reich und verwöhnt … Aber eigentlich ein ganz Süßer. Søren kann ihn trotzdem nicht ausstehen.“

„Ist er … “ Michael hielt inne. Er musste sich zwingen, die Worte auszusprechen. „Du weißt schon, einer von uns?“

Nora grinste. „Lass es mich so sagen: In der Szene ist er als ‚Griffin Fist‘ bekannt.“

Michaels Magen zog sich zusammen.

„Oh Gott.“

„Wem sagst du das.“ Nora tätschelte sein Knie. Sie musste wirklich aufhören, ihn anzufassen. „Der Plan ist also, dass wir uns bei Griffin verstecken.“

„Verstecken und was tun?“

Michael bog in die Auffahrt vor dem kleinen Bungalow, in dem er mit seiner Mutter lebte. Zum Glück schien sie gerade nicht zu Hause zu sein.

„Hier wohnst du?“ In Noras Stimme schwang ein Hauch Neugierde mit, aber sonst nichts.

„Ich weiß, es ist nicht toll, aber das Viertel ist ganz nett.“

„Verglichen mit dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, ist das hier ein Palast. Gefällt es dir denn?“

Michael zuckte mit den Schultern. „Mit meiner Mom läuft es nicht so gut“, sagte er. „Sie wird vermutlich erleichtert sein, wenn ich endlich aufs College gehe.“

„Wohin gehst du?“

„Nach Yorke. Ich habe ein Vollstipendium. Heute Morgen habe ich die Zusage abgeschickt.“

„Yorke? Das ist eine gute Schule. Meine frühere Mitbewohnerin war da. Wie auch immer“, sie schüttelte eine plötzliche Traurigkeit ab, „Søren sagte, dieser Sommer könnte vielleicht unsere letzte Chance sein, dir zu helfen. Was kann er damit gemeint haben?“

Michael antwortete erst nicht. Aber sein Instinkt sagte ihm, er könne Nora vertrauen. Nein: Er könnte ihr nicht nur vertrauen, er sollte es auch.

Er lehnte sich im Sitz zurück und schaltete den Motor aus.

„Vor zwei Wochen … hätte ich beinahe etwas mit einer angefangen, die ich im Internet kennengelernt habe.“

„Eine Domina?“, fragte Nora.

Michael nickte stumm.

„Michael, hast du eine Ahnung, wie gefährlich das ist?“

„Ich weiß, ich weiß. Father S. hat mir deswegen auch die Hölle heißgemacht. Ich war nur …“

„Was, Engel?“

„Einsam. Ich habe mich nach dir gesehnt.“

Nora streckte die Hand aus und berührte sein Gesicht. Sein Herz flatterte in seiner Brust, als ihre zarten Finger die Kontur seiner Lippen nachfuhren, den Bogen seines Wangenknochens.

„Jetzt musst du nicht mehr einsam sein. Du hast mich den ganzen Sommer lang. Søren meinte, du wärst so weit, ausgebildet zu werden. Ich denke das auch.“

„Ausgebildet?“

„Ja, ein Sub zu sein, ein Sklave.“ Nora zog ihre Hand zurück. Dann stieg sie aus dem Auto, und Michael folgte ihr.

„Ich dachte, ich wäre …“ Michael schaute sich um, ob einer der Nachbarn in der Nähe war. Er würde sterben, wenn einer von ihnen herausfände, worauf er stand. „Ich dachte, ich wäre schon submissiv.“

Nora lehnte sich gegen ihr Auto. Automatisch fiel sein Blick auf ihre wohlgeformten Beine.

„Søren hat mich zwei Jahre lang ausgebildet, bevor er mich das erste Mal geschlagen oder gefickt hat, Kleiner. Subs müssen genauso gut ausgebildet werden wie Dominas, wenn man es richtig machen und keine Schmerzen erleiden will.“

„Ich steh’ aber auf Schmerzen.“

„Das ist eine andere Art von Schmerz.“

Michael riskierte ein kleines Lächeln.

„Michael“, fing Nora an, und jede Fröhlichkeit war aus ihrer Stimme verschwunden. „Eine Sub zu sein ist schwer. Ein männlicher Sub zu sein noch viel schwerer. Eine Frau, die sagt, sie möchte gefesselt werden, finden alle sexy. Einen Mann, der das Gleiche sagt, halten alle für …“

„Für einen Schwulen“, beendete er den Satz für sie. „Zumindest glaubt mein Dad das. Er meint, ich brauche eine Therapie, um mir den Fetisch auszutreiben.“

„Vergiss, was dein Dad denkt. Ich bringe dir bei, der beste verdammte Sub im Untergrund zu sein. Und um den weisen und mächtigen Kingsley zum Thema Fetisch zu zitieren.“ Sie fuhr mit einem übertriebenen, aber sexy klingenden französischen Akzent fort: „Fetische … sie sind das Haustier, das du fütterst, oder das Biest, das dich frisst. Wir füttern dein Biest, bis es gezähmt ist, oui?“

Er musste lachen. Das Biest zu füttern hörte sich in seinen Ohren großartig an.

Oui.“

„Gut. Also bist du dabei?“

„Davon träume ich schon seit … einer Ewigkeit. Wenn du und Father S. glauben, dass ich bereit bin …“

„Das ist egal. Glaubst du, dass du bereit bist?“ Ob er bereit war? Für Nora Sutherlin: immer! Deshalb nickte er. „Ja, ich bin dabei.“

„Super. Bleibt nur die Frage, wie wir deine Mom überzeugen.“

„Du kennst meine Mom nicht. Sie wird erleichtert sein, wenn ich eine Weile verschwinde. Oder für immer.“

Nora schob sich die Sonnenbrille auf den Kopf. In ihren grünen Augen schimmerte Mitgefühl.

„Ich bin sicher, dass sie dich liebt, Engel. Wenn sie nicht einlenkt, hast du immer noch uns. Ich bin mit fünfzehn in ziemliche Schwierigkeiten geraten, und meine Mom hat jegliche Verantwortung für mich abgelehnt. Danach hat unser Priester mich quasi aufgezogen. Und, wie bin ich geworden?“

„Umwerfend“, sagte er, und Nora knickste.

„Deine Mutter wird sich irgendwann damit abfinden. Zum Teufel, vielleicht wird sich sogar meine Mutter irgendwann damit abfinden.“

Wie gerne würde er glauben, dass sie recht hatte. Seine Mutter fehlte ihm. Sie lebten unter dem gleichen Dach und doch in zwei verschiedenen Welten.

„Ich werde ihr einfach erzählen, dass ich einen Sommerjob in Upstate New York gefunden habe. Letztes Jahr habe ich auch fast den ganzen Sommer über als Betreuer in einem Jugendcamp gearbeitet.“

Nora dachte darüber nach.

„Wann ist deine Abschlussfeier?“, fragte sie. „Du bist der Redner, also musst du da sein, oder?“

„Die ist Mittwochabend. Ich muss da aber nicht hin. Weil ich in Physik durchgefallen bin, bin ich auch nicht mehr der Abschlussredner.“

„Oh, das tut mir leid, Michael.“

„Mir nicht. Ich bin absichtlich durchgefallen.“

„Warum?“

„Ich wollte die Rede nicht halten.“

Er erwartete, von Nora wegen seiner Dummheit gescholten zu werden, aber stattdessen lachte sie nur.

„Deine Art gefällt mir. Aber hör zu, geh zu deiner Abschiedsfeier. Selbst ich bin zu meiner gegangen. Ich schicke dir Donnerstagvormittag einen Wagen.“ Sie zog Zettel und Stift aus ihrer Tasche und schrieb etwas auf. „Hier. Das ist meine E-Mail-Adresse. Wir bleiben in Kontakt, okay? Frag mich alles, was dir in den Sinn kommt.“

Mit leicht zitternden Fingern nahm Michael das Blatt an sich und gab ihr den Autoschlüssel.

„Nora?“, sagte Michael, als sie die Fahrertür öffnete.

„Was, Engel?“

Michael schaute auf das Blatt in seiner Hand.

„Danke.“

Lächelnd sah sie ihn an. „Gern geschehen.“

„Was Father S. angeht … er bekommt das doch wieder hin, oder?“

„Er hat so eine Art, immer seinen Willen durchzusetzen. Wenn er nicht Bischof werden möchte, wird er einen Weg finden, es zu umgehen.“

Michael nickte, weil er ihr glauben wollte. Der Gedanke, dass Nora und Father S. Probleme bekommen könnten, nur weil sie ineinander verliebt waren …

„Glaubst du wirklich, dass er sich mit der Presse herumschlagen muss?“

„Die Medien sind im Moment ganz heiß auf Sexskandale in der Kirche. Also ja.“

„Was wird er tun?“ Michaels Magen hatte sich zu einem engen Knoten zusammengezogen, aber Nora lächelte nur.

„Vermutlich tut er genau das, was ich auch immer tue, wenn ich mit Reportern spreche … er wickelt sie mit seinem Charme ein.“

„Hast du schon was?“ Suzanne streckte ihre schmerzenden Arme aus.

„Nicht viel. Jedes Mal, wenn ich auf einen Link zu diesem Marcus Stearns klicke, bekomme ich nur einen Aufsatz über die Vertreibung der französischen Hugenotten.“

„Ich auch“, sagte Suzanne und klappte ihren Laptop zu. Sie schaute auf ihre Notizen. In vier Stunden intensiver Onlinesuche hatten sie und Patrick nichts über Father Stearns herausgefunden. Oder zumindest nichts Nützliches. Das anonyme Fax, das sie erhalten hatten, enthielt kaum mehr als eine Liste von Namen. Am unteren Ende der Seite war das Sternchen mit zwei ominösen Worten erklärt worden: „möglicher Interessenkonflikt“. Die Liste mit den Namen verriet ihr zwei wichtige Wahrheiten – Father Marcus Stearns stand auf der Nominierungsliste für den nächsten Bischof der Diözese. Und er hatte etwas zu verbergen.

„Ich habe auch auf Facebook und so gesucht. Einige seiner Gemeindemitglieder haben ihn erwähnt“, sagte Patrick und blätterte durch seien Notizen. „‚Father Stearns hat eine wundervolle Traupredigt aus dem Buch Jesus Sirach gehalten‘“, zitierte er. „‚Ich kann nicht glauben, dass Matthew nicht geweint hat, als Father Stearns ihm das Weihwasser über die Stirn goss.‘ Nichts Aufregendes. Nach allem, was ich gefunden habe, ist er ein perfekter Priester, der von seiner Gemeinde verehrt wird.“

„Das kaufe ich ihm nicht ab. Niemand ist so perfekt. Und außerdem habe ich ein Sternchen an seinem Namen, das etwas anderes behauptet.“ Suzanne hielt das Fax in die Höhe. Den ganzen Tag lang hatte sie es wieder und wieder zur Hand genommen und auf das Zeichen neben Father Stearns’ Namen gestarrt.

„Suzanne“, Patrick schaute sie ruhig an. „Das Wort ‚Interessenkonflikt‘ kann alles Mögliche bedeuten, das ist dir klar, oder? Er kann Geld an einen Politiker gespendet haben, der der Kirche nicht gefällt. Es bedeutet nicht automatisch, dass er ein Kinderschänder ist.“

Energisch schüttelte Suzanne den Kopf. „Wenn es so harmlos wäre, hätte sich der anonyme Absender bestimmt nicht die Mühe gemacht, mir das Fax zu schicken. Wir müssen weitergraben.“

„Okay. Also, was nun?“ Patrick zog Suzanne auf seinen Schoß. Sie wusste, er hoffte, sie würde sagen, Nun geben wir auf und wenden uns anderen Dingen zu. Aber das würde nicht passieren. Sie hatte gerade erst angefangen.

„Nun telefonieren wir herum. Finden heraus, was die Einheimischen so über ihn klatschen und tratschen.“

Suzanne entzog sich ihm und nahm ihr Handy in die Hand.

„Du bist der Profi“, sagte sie und reichte es Patrick. „Ich bin nur Kriegsreporterin. Zeig mir, wie ein investigativer Journalist arbeitet.“

Patrick seufzte schwer und klappte seinen Laptop wieder auf. Suzanne schaute über seine Schulter zu, wie er die Telefonnummer des Chefredakteurs der Zeitung von Wakefield heraussuchte. Er wählte die Nummer und ließ sich durchstellen.

„Patrick Thompson von der Evening Sun“, sagte er. Suzanne war erstaunt, dass er seinen echten Namen und den seiner Zeitung verwendete. „Ich untersuche einen Vorfall, der sich vor einigen Jahren an der katholischen Sacred-Heart-Kirche ereignet hat. Ich bin sicher, Sie wissen, wovon ich rede.“

Suzanne hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Lachen zu unterdrücken. Was für ein Geniestreich. Sie und Patrick hatten überhaupt keine Ahnung, ob jemals etwas in der Sacred-Heart-Gemeinde vorgefallen war.

Am Anfang des Telefonats hatte Patrick gelächelt, doch dieses Lächeln schwand, je länger er der Stimme am anderen Ende zuhörte.

„Vor zwei Jahren“, wiederholte Patrick und kritzelte etwas auf den Notizblock, den er auf seinem Knie balancierte.

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