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Hautnah und näher – Gesetz der Lust

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Der feuerrote Truck raste die Einfahrt entlang. Staub wirbelte auf, und die Kühe hinter dem Zaun sprangen erschrocken beiseite.

Marc Savin kniff die Augen zusammen. Am liebsten wäre er ins Haus gegangen und hätte die Tür hinter sich abgeschlossen. Er wusste ganz genau, wer sein Besucher war. Doch er hatte keine Lust auf Gesellschaft, selbst wenn es ein Mann war, den er respektierte.

Alexander “Lynx” Stone, sein Partner und Freund. Marc hatte ihn zwei Jahre lang nicht gesehen. Er war ein guter Mann, wenn man Unterstützung brauchte. Doch Marc brauchte Lynx jetzt nicht. Phantom hatte sich zurückgezogen. Für immer. Nichts, was Lynx sagen würde, konnte dies ändern.

Ein Mann war ausgelaugt, wenn die Frau, die er geliebt hatte, durch seine Schuld umgebracht worden war.

Marc blickte auf die Staubwolke, die sich langsam legte, dann nahm er einen Schluck Bier. Mit der anderen Hand rieb er über die Narbe auf seiner Schulter. Die Narbe und auch die Erinnerungen waren zwei Jahre alt. Die Narbe schmerzte nicht.

Der Wagen hielt an, und Alex kletterte vom Fahrersitz. Marc sah zu, wie sein Freund mit langen Schritten auf die Veranda kam.

“Hey”, begrüßte er ihn.

“Hey”, antwortete Marc. “Sag bloß nicht, dass du zufällig in der Nähe warst …”

“… und da dachte ich, ich komme mal vorbei”, beendete Alex den Satz und grinste. Doch Marc sah den besorgten Blick in seinen Augen. Er fragte sich, wie viel sein Freund wohl vermutete, nachdem er sich das selbsterwählte Exil auferlegt hatte. Aber was machte das schon.

“Hübsch hast du es hier.” Alex betrachtete das Ranchhaus, die Scheune und die eingezäunten Weiden. Pferde grasten ein Stück weiter, auf einer anderen Weide schlug ein Preisbulle mit dem Schwanz nach den Fliegen.

“Mir gefällt es. Aber würdest du mir bitte sagen, was zum Teufel du hier zu suchen hast?”, wollte Marc wissen.

“Es geht um Spider …”

“Nein.”

“Verdammt, Marc, wirst du mir wenigstens zuhören …”

“Nichts, was du zu sagen hast, interessiert mich …”

“Die ganze verdammte Sache geht in Flammen auf.” Jetzt war es Lynx, der sprach – nicht länger sein Freund Alex. “Es hat drei Verräter gegeben, Marc.”

Diese Bemerkung weckte Marcs Interesse, trotz seiner Entschlossenheit, sich nicht beeinflussen zu lassen.

“Wer?”

“Curtis, Michaels … und Krista.”

Marc war die Treppe hinunter, noch ehe er selbst wusste, was er tat. Wütend ging er auf den Freund los.

“Du bist ein stinkender Lügner!”

“Es ist wahr, Marc.” Alex wich nicht zurück, er sah ihn nur voller Mitleid an. “Sie war von Anfang an Doppelagentin …”

Marc ließ ihm keine Möglichkeit, den Satz zu beenden, mit einem harten Schlag landete seine Faust auf Alex’ Kinn. Alex stolperte zurück, fiel gegen den Wagen und rieb dann sein Kinn. “Ich weiß, es fällt dir schwer, das zu glauben.”

“Nein!” Die Qual in Marcs Stimme war nicht zu überhören. “Nein, du verdammter Schuft. Nein!” Er packte Alex beim Hemd und zog ihn vom Wagen weg.

Alex wich den Schlägen aus, er weigerte sich zurückzuschlagen. Doch schließlich konnte er nicht mehr anders, er versetzte Marc einen Schlag in den Magen. Beide Männer waren erfahrene Kämpfer, beide hatten Ahnung von Angriff und Verteidigung. Es vergingen beinahe zehn Minuten, ehe sie voneinander abließen.

“Du bist wirklich blöd, Mann”, flüsterte Alex. “Sie hat sich gegen ihr Land gewandt und auch gegen dich. Sie war verdorben, Marc.”

“Halt verdammt noch mal den Mund und verschwinde von meinem Land. Und komm nicht wieder zurück.”

“Komm mit mir nach Marezzo”, gab Alex zurück. “Wir brauchen dich.”

Was Alex ihm von Krista erzählt hatte, hatte Marc überwältigt. All die Wut und der Schmerz, all der Kummer waren mit einem Schlag wieder da, als seien erst wenige Tage vergangen und nicht Jahre.

Zwei Jahre.

“Sie sind tot, Marc. Alle.”

“Halt den Mund …”

“Die königliche Familie. Der König und die Königin von Marezzo und ihr Sohn und ihre Tochter. Man hat sie exekutiert.”

Marc öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Wort kam heraus.

“Spider besitzt jetzt die Insel, Marc. Sie haben sie übernommen, und der Himmel allein weiß, was sie als Nächstes planen. Also, spiel du hier nur den Cowboy, aber ich werde morgen abreisen und versuchen, sie aufzuhalten.” Alex wandte sich um und ging zu seinem Wagen, ohne Marc noch eines Blickes zu würdigen.

Marc starrte seinem Freund nach und rieb sich das Kinn. Alex wusste noch immer, wie man zuschlagen musste.

Er wartete und hoffte, dass Lynx einfach in den Wagen steigen und abfahren würde. Stattdessen nahm sein Freund einen dicken Umschlag vom Beifahrersitz und kam damit zurück.

“Lies das und weine, du störrischer Hund.” Alex warf den Umschlag auf die Veranda, wandte sich um und ging zum Wagen. Er öffnete die Tür, stieg ein und ließ das Fenster herunter. “Und versuche, nachts zu schlafen, wenn du daran denkst, womit diese Schlächter davonkommen!”

Marcs Hals war ganz eng. Er musste es Alex erklären. Es war gar nicht so, dass er nicht wollte. Er hatte keine andere Wahl. Auf einer Mission wäre er nutzlos.

“Alex.” Lynx zögerte, ehe er den Wagen startete. “Alex”, sagte Marc noch einmal. “Ich … ich kann nicht.”

Etwas in seinem Ton musste seinen Partner erreicht haben, denn Alex blickte auf seine aufgeschürften Fingerknöchel und schwieg. Als er endlich sprach, klang seine Stimme sanft.

“Sag mir zum Teufel, was hier eigentlich los ist. Warum hast du dich in den letzten zwei Jahren geweigert, eine Mission zu übernehmen?”

Marcs ganzer Körper spannte sich an. “Das ist doch nichts Besonderes. Ich war beinahe die Hälfte meines ganzen verdammten Lebens in dem Geschäft. Die Hälfte meines Lebens habe ich die Kriege anderer Leute gekämpft. Ich wollte aufhören.” Es war keine völlige Lüge, doch die Wahrheit war es auch nicht. Aber es musste genügen. “Pass auf dich auf”, murmelte Marc und schämte sich des Gefühls, das in ihm aufstieg. “Sei kein Dummkopf, wenn du dort bist.”

“Darauf gebe ich dir mein Wort.” Alex’ leuchtend grüne Augen blitzten. “Aber eines musst du mir versprechen. Wenn ich versage, Kumpel, dann musst du kommen und mich rausholen.”

“Hau ab.”

“Versprichst du es mir?”

“Wirst du abhauen, wenn ich es dir verspreche?”

“Okay.”

“Also gut. Ich verspreche es dir, Kumpel.”

Alex wollte die Stimmung ausnutzen. “Aber ich könnte ein wenig Gesellschaft gebrauchen.”

“Hau ab!”

Marc sah dem Wagen nach. Alex würde wiederkommen.

Er setzte sich auf die Stufen der Veranda. Der Umschlag lag hinter ihm, doch er beachtete ihn nicht.

Es dauerte vier Tage, bis er den Mut fand, ihn zu öffnen. Nach weiteren drei Tagen kam die Nachricht, dass Lynx tot war.

1. KAPITEL

Das Gefühl, dass jemand sie beobachtete, weckte Victoria Jones auf. Sekundenlang lag sie ganz still, mit geschlossenen Augen, und ihr Herz schlug heftig.

Das einzige Geräusch im Zimmer war das Knistern des Feuers. Sie fühlte die Hitze, und durch die geschlossenen Augenlider sah sie das Flackern der Flammen. Sie hörte nichts, doch sie wusste, dass jemand im Zimmer war.

Um ihre Angst zu betäuben, zählte sie bis hundertzwanzig, dann öffnete sie die Augen. Es war dämmrig im Zimmer, doch das Feuer erhellte ein Paar Beine in Stiefeln am anderen Ende des Zimmers. Torys Augen erkannten eng anliegende Jeans und lange Beine. Der große schlanke Körper des Mannes war im Dunkeln.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie sich aufsetzte. Sie hatte gar nicht einschlafen wollen, und jetzt war sie benommen und erschöpft. Ihr Haar war zerzaust und hing lose auf die Schultern herunter. Sie stellte die Füße auf den Boden und suchte nach ihren Schuhen, während sie gleichzeitig versuchte, die Haarsträhnen wieder in einem Knoten festzustecken.

Trotz der ungewöhnlichen Situation, in der sie sich befand, vergaß sie nicht ihr gutes Benehmen. “Entschuldigung, ich muss wohl eingeschlafen sein”, sagte sie und warf dem Mann am anderen Ende des Zimmers einen vorsichtigen Blick zu.

“Was ist passiert? Konnten Sie Ihr Hotel nicht finden?” Die Stimme des Mannes war tief und ein wenig rau. Tory hatte nie zuvor eine so männliche Stimme gehört.

“Es tut mir leid, ich leide noch unter der Zeitverschiebung. Ich wusste gar nicht …” Tory zog ihre Jacke zurecht.

“Wenn man bedenkt, dass ich überhaupt nicht weiß, wer Sie sind, und dass ich mich auch nicht daran erinnern kann, dass wir eine Verabredung hatten …”

“Ich bin Victoria Jones”, sagte Tory leise und errötete.

“Sehr nett.” Marc verriet ihr nicht, dass er das bereits herausgefunden hatte, als er den Führerschein in ihrer Tasche kontrolliert hatte. “Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir zusammen Tee trinken sollten, während Sie versuchen, mir eine Enzyklopädie zu verkaufen oder was immer Sie verkaufen wollen. Aber ich kaufe nichts. Ich hatte einen schrecklichen Tag, mir ist kalt, und ich bin müde und hungrig.”

“Sind Sie Marcus Savin?”

“Der bin ich.” Seine Stimme klang ein wenig belustigt, während er die Hand ausstreckte und das Licht anmachte.

Tory blinzelte in der plötzlichen Helligkeit. Marc Savin war nicht so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Seine Augen waren grau, doch es war kein warmes Grau. Sie waren eisig-grau, wie der Himmel kurz vor dem Frost, wie die kahlen Äste der Bäume im Winter.

Sie sah seine Ablehnung, deshalb reckte sie sich und stand auf. Mit ausgestreckter Hand machte sie auf dem dicken Perserteppich ein paar Schritte auf ihn zu.

“Mr. Savin, ich bin …”

“Sie haben mir bereits gesagt, wer Sie sind, Miss Jones. Ich weiß nur nicht, was Sie hier wollen.”

Einen Augenblick ließ Tory die Hand ausgestreckt, bis sie begriff, dass er nicht die Absicht hatte, sie zu begrüßen. Trotz all der Stunden, in denen sie sich diese Begegnung vorgestellt hatte, wusste sie plötzlich nicht weiter.

Sie konnte sich gut vorstellen, wie sie aussah – eine erschöpfte Frau mit zerzaustem Haar und zerknitterter Kleidung. Ihr Arm schmerzte, doch sie würde ihre Angst nicht zeigen. Sie hob das Kinn und erwiderte seinen Blick.

Als er den Gipsverband an ihrem Arm entdeckte, zogen sich seine Augen zusammen. “Wie ist das passiert?”, fragte er.

“Ich bin gefallen.”

Er betrachtete den schmutzigen Verband, dann sah er in ihr Gesicht. Ein Muskel an seiner Wange zuckte. “Hören Sie auf mit dem Unsinn, Lady. Sagen Sie mir, wer Ihnen das angetan hat.”

“Ich habe Ihnen doch gesagt, ich bin gefallen.”

Es gab viele Möglichkeiten, einen Lügner zu überführen, sogar einen guten Lügner. Marc brauchte erst gar nicht zu sehen, wie sich die Pupillen ihrer großen grünen Augen zusammenzogen, oder zu hören, wie ihre Stimme zitterte. Victoria Jones war eine lausige Lügnerin. Er entspannte sich ein wenig.

Victoria sah vor sich auf den Teppich, erst nach einer Weile hob sie den Blick wieder.

“Ich will es einmal so ausdrücken, Miss Jones. Ich stelle hier die Fragen, Sie brauchen nur zu antworten. Wenn mir nicht gefällt, was ich höre, dann werden Sie so schnell hier verschwunden sein, dass Ihnen schwindlig wird. Verstanden? Was ist mit Ihrem Arm passiert?”

Tory fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. “Ich wurde am Flughafen überfallen.”

“Und kein Ehemann ist hinter Ihnen her?”

Dieser Schuft. “Ich bin gar nicht verheiratet.”

“Irgendwie überrascht mich das nicht.”

Tory bückte sich, um ihre Tasche aufzuheben. Ihr Mund war trocken, und sie fühlte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Dieser Mann ängstigte sie sehr. Er war so … so überwältigend.

Sein Haar, das so dunkel war wie ihres, hatte er in einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden, und in einem Ohr trug er einen kleinen Diamanten. Mit gespreizten Beinen stand er vor ihr und musterte sie von Kopf bis Fuß.

Offensichtlich schien er nicht beeindruckt von dem, was er sah. “Was kann ich für Sie tun, Miss Jones? Es muss ja ziemlich wichtig sein, wenn Sie so lange gewartet haben.” Er blickte zu dem Sofa hinter ihr.

Nie in ihrem Leben hatte ein Mann sie so angesehen. Es war beunruhigend. Ein Blick zum Fenster sagte ihr, dass es draußen dunkel geworden war, während sie geschlafen hatte. Der Wind wehte durch die kahlen Äste der Bäume und rüttelte am Fenster. Tory wandte sich dem Mann wieder zu. “Ich brauche Ihre Hilfe.”

“Warum sollte ich Ihnen helfen?”, fragte Marc, ging zur Bar hinüber und goss sich einen Drink ein. “Ich habe Sie noch nie in meinem Leben gesehen.”

Victorias Zunge glitt erneut über ihre trockenen Lippen. “Kann ich auch einen Drink haben?”

“Sicher, was wollen Sie?”

“Dasselbe wie Sie.” Ihre Finger schmerzten, so stark hatte sie den Griff ihrer Tasche umklammert. Sie versuchte sich zu entspannen, ging zur Terrassentür hinüber und legte die Hand auf die schweren blauen Samtvorhänge.

Es hatte zu schneien begonnen, sanfte weiße Flocken. Wieder erschauerte Tory, die vielen Wochen der Angst und Ungewissheit hatten sie erschöpft. Sie biss die Zähne zusammen und wandte sich um.

Der Raum wurde von dem knisternden Feuer im Kamin erwärmt, der Schein der Flammen tanzte über den Holzfußboden und die beiden blauen Ledersofas, die vor dem Kamin standen. Große Bücherregale, vom Boden bis zur Decke, waren an den Wänden.

Nachdenklich betrachtete Victoria die vielen Bücher, sie zuckte zusammen, als Marc ihr das Glas reichte.

Marcus Savin war so ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Zunächst einmal war er jung. Nun ja, nicht sehr jung, aber er war sicher Mitte dreißig, also etwa zwanzig Jahre jünger, als sie geglaubt hatte. Wenn er das Haar nicht zurückgebunden hätte, wäre es ihm sicher bis auf die Schultern gefallen. Er trug eine verwaschene Jeans und einen cremefarbenen Pullover.

Victoria nahm das Glas und trank einen großen Schluck. Die Flüssigkeit war angenehm kühl und schmeckte großartig – bis sie wie Feuer in ihrem Hals brannte.

Der Whiskey trieb ihr Tränen in die Augen, doch Savin betrachtete sie ungerührt. Victoria brauchte all ihre Willenskraft, um nicht zu husten, doch sie schaffte es. Sie warf ihm einen mörderischen Blick zu.

“Das nächste Mal bitten Sie besser um Wasser.”

“Das nächste Mal bieten Sie mir besser Wasser an.”

Marc sank auf das Ledersofa und starrte sie an. Victoria wich seinem Blick nicht aus, sondern hob die Nase noch ein wenig höher.

“Sie kennen meinen Bruder.” Sie beugte sich vor und stellte ihr Glas auf den Tisch. “Alex – Alexander Stone.”

Er kniff die Augen ein wenig zusammen. “Ich kenne niemanden, der so heißt. Tut mir leid, mein Schatz.”

“Lynx”, sagte sie. “Sie kennen Lynx. Sie haben ihn vor sieben Monaten nach Marezzo geschickt.” Sie reckte sich. “Ich bin seine Schwester. Und sagen Sie nicht, dass Sie ihn nicht kennen. Er hat mir von Ihnen erzählt.” Marc sagte nichts, er sah sie nur an, als sie weitersprach.

“Ich weiß zum Beispiel, dass die Organisation, für die Sie arbeiten, eine Eliteeinheit ist. Eine verdeckte Antiterroreinheit, die noch über dem CIA steht. Eine geheime Truppe mit Namen T-FLAC. Ich weiß, dass Mitglieder Ihrer Einheit viele fremde Regierungen und Militärorganisationen in der ganzen Welt unterwandert haben.”

Ein kleines triumphierendes Lächeln lag um ihren Mund, als sie sah, wie er sich anspannte. Im nächsten Augenblick schon stand er neben ihr und umfasste hart ihren Oberarm. Victoria schrie leise auf, als er sie vom Sofa hochzog.

“Wer zum Teufel sind Sie?”

Sie versuchte, ihm noch einmal ihren Namen zu sagen, aber sie war so erschrocken, dass kein Wort über ihre Lippen kam. Plötzlich wurde ihr klar, dass niemand wusste, dass sie hier war. Er konnte alles mit ihr machen, und wahrscheinlich würde er das auch tun. Er schüttelte sie so heftig, dass ihre Zähne klapperten. “Mein Bruder …”

“… würde all das niemals verraten haben!” Wieder schüttelte er sie. “Ich gebe Ihnen zwei Sekunden, dann sagen Sie mir, wer Sie sind und …”

“Ihr Codename ist Phantom”, sagte Victoria rasch. “Himmel, hören Sie auf, mich so zu schütteln! Mir wird gleich übel.” Abrupt ließ er sie los, und Victoria verschwand schnell hinter dem Sofa. “Mein Bruder lebt, und es geht ihm nicht sehr gut in Marezzo, Mr. Macho. Es ist ganz gleich, ob Sie mich schütteln oder foltern, es ändert nichts an der Tatsache. Und der einzige Grund, warum ich hier bin, ist der …”

“Er hatte gar keine Angehörigen.”

“Von wegen, Mr. Savin! Ich bin Alex’ Zwillingsschwester, und ich bin sehr lebendig. Und sprechen Sie von ihm bitte nicht in der Vergangenheit, denn Alex lebt.”

Verdammt, war das möglich? Natürlich war Lynx so gerissen, dass er nichts von einer Schwester erzählt hatte. Er war sehr verschlossen, und er hatte gewusst, dass Victoria ein leichtes Ziel für jemanden war, der ihm Böses wollte. Aber es war auch möglich, dass sie log.

“Woher soll ich wissen, dass Sie seine Schwester sind?”

“Machen Sie sich nicht lächerlich. Würde ich hier sein, wenn ich es nicht wäre?”, gab sie zurück, und ihre Augen, die denen ihres Bruders so ähnlich waren, blitzten ihn an. Sie kam hinter dem Sofa hervor. “Er hat ein Muttermal in Form eines Halbmondes an der rechten Hüfte.” Ihr war gar nicht klar, wie viel sie ihm von ihrem Körper zeigte, als sie den Rock hochzog, damit er ihr eigenes Muttermal sehen konnte.

“Darüber lässt sich streiten, nicht wahr?”, gab Marc zurück. “Er ist gestorben, als er im Urlaub war.” Und wenn er noch nicht tot war, dann würde er es sein, wenn Marc ihn erst gefunden hatte. Er dachte daran, was er in den letzten sechs Monaten durchlitten hatte. Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf. War Lynx damals nur zur Ranch gekommen, um ihn in eine Falle zu locken?

“Er wurde gefangen genommen, als er im Einsatz war”, korrigierte Victoria ihn. “Sie haben ihn dort hingeschickt, und es ist Ihre Aufgabe, ihn dort herauszuholen.”

“Ich habe seine Leiche gesehen.”

Victoria zuckte zusammen. “Und ich habe ihn vor zwei Wochen lebend gesehen. Sie haben ihn nach Marezzo geschickt, und da ist er noch immer. Seit beinahe sieben Monaten ist er gefangen. Man … hat ihn gefoltert.”

Mit ihren großen Augen sah sie ihn an, und Marc fluchte leise. Es war unmöglich. Er hatte die Leiche von Alex gesehen. Sie war so sehr verbrannt gewesen, dass man sie nicht mehr hatte identifizieren können, aber die Untersuchung der Zähne … Es war Lynx gewesen, dessen war er sicher. Und er war das ganze Geschäft so leid. Jedes Mal, wenn man sein Herz an jemanden hängte, verlor man ihn. Lynx war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Marc war zu alt für diese Art von Arbeit.

Er hob den Kopf, als ihm plötzlich klar wurde, was sie gesagt hatte. “Was meinen Sie damit, Sie haben ihn lebend gesehen?”

Lieber Himmel, konnte das wahr sein? War diese verrückte Frau wirklich nach Marezzo gefahren und hatte ihren Bruder gefunden? Hatte sie das geschafft, was ein Team seiner Agenten hätte tun sollen?

“Ich habe ihn dort gesucht.”

Marc schloss die Augen. Als er sie wieder ansah, sagte er langsam: “Marezzo ist nicht gerade ein Ferienparadies, mein Schatz. Es ist der Stützpunkt einer kleinen Gruppe gemeiner Terroristen, bekannt als Spider. Man kann nicht so einfach in ihren Stützpunkt eindringen und so tun, als sei man ein Urlauber!” Ihm wurde ganz übel bei dem Gedanken, dass ein Zivilist diese kleine Insel in der Tyrrhenischen See besuchte. “Die Terroristen haben die Kontrolle über die Insel, sie lassen Touristen nur auf die Insel, um den Anschein von Normalität zu wecken. Sie würden Sie ohne nachzudenken umbringen, falls es so aussieht, als wollten Sie sich in ihre Geschäfte einmischen. Es sind große böse Leute, und Marezzo ist nicht der Ort für eine kleine Miss Unschuld.”

Marc sah, wie ihr Gesicht bei seinen Worten alle Farbe verlor. “Was ich von der Insel gesehen habe, war sehr hübsch”, gab sie zurück. “Aber ich kann es verstehen, dass der Tourismus zurückgegangen ist. Mir ist zweimal die Brieftasche gestohlen worden.” Zuerst glaubte er, dass sie einen Spaß machte, doch als er sie ansah, war ihm klar, dass sie es ernst meinte.

“Sie haben Glück gehabt, dass es nur Ihre Brieftasche war!” Die Flammen warfen einen rosigen Schein auf ihr Gesicht, und in dem Licht sah sie sehr anziehend aus.

Für ihn natürlich nicht. Frauen wie sie machten ihn verrückt. Ihre Naivität war irritierend. Er wünschte, sie würde den Rock wieder hinunterziehen. Ihre Haut war wie Elfenbein und sah seidig und verlockend aus.

Er warf einen anzüglichen Blick auf ihre Beine, und sie zuckte zusammen und zog errötend den Rock glatt.

“Wie alt sind Sie eigentlich?”

“Sechsundzwanzig. Was hat mein Alter damit zu tun?”

Es wurde Marc zu eng im Haus. Er wollte raus, unter den freien Himmel. Doch als er aus dem Fenster sah, bemerkte er, dass es angefangen hatte zu schneien. Großartig. Einfach großartig. Er stand auf und lief zwischen dem Sofa und der Tür hin und her. Dann warf er noch ein Stück Holz in den Kamin. “Sie wollen also, dass ich hinfahre und ihn raushole, stimmt’s?”

Victoria hob das Kinn. “Sie haben ihn schließlich hingeschickt. Da ist es doch nur recht und billig.”

“Lady, nichts in der Welt ist recht und billig. Ihr Bruder war …”

“Ist!”

“Falls er noch leben würde, dann wüsste ich das.”

“Sie wissen es nicht”, gab sie zurück, stand auf und trat neben ihn. Sie legte den Kopf zurück und sah zu ihm auf. Marc zuckte zusammen, als sie ihm die Hand auf den Arm legte.

“Sie halten ihn im Südwesten der Insel gefangen, in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes, Pescarna. Es geht ihm wirklich schlecht …” Sie schluckte, und plötzlich standen Tränen in ihren Augen. “Er ist schwer verletzt. Er … er hat mich nicht einmal erkannt.” Jetzt liefen die Tränen über ihre Wangen, ihre Hand schloss sich fester um seinen Arm. “Bitte. Helfen Sie mir.”

“Nein.”

Sekundenlang starrte Victoria ihn an. “Nein? Sie sagen Nein? Obwohl Sie es waren, der meinen Bruder nach Marezzo geschickt hat, wollen Sie ihn jetzt nicht retten?”

Marc Savin lehnte sich an den Kamin. “Sie haben richtig verstanden, Miss Jones. Ihr Bruder ist ein guter Agent, und wie alle guten Agenten kennt er das Risiko.”

“Aber Sie haben geglaubt, er sei tot. Jetzt, wo Sie wissen, dass das nicht stimmt …”

“Es macht keinen Unterschied, Miss Jones. Ich habe im Augenblick niemanden, den ich entbehren könnte. Und selbst, wenn es so wäre …”

“Was sind Sie für ein Mann? Mein Bruder wird gefoltert. Wie können Sie hier nur so ruhig stehen und so tun, als mache Ihnen das gar nichts aus?”

Panik überkam sie, als Marc Savin im nächsten Augenblick auf sie losging.

“Diese Ranch ist das Einzige, was mich im Augenblick aufrecht erhält und mir das Gefühl gibt, Teil der menschlichen Spezies zu sein, Miss Jones”, fuhr er sie an. “Nur weil Ihr Bruder Ihnen meinen Namen genannt hat, gibt Ihnen das noch lange nicht das Recht, in mein Haus einzudringen und etwas von mir zu verlangen. Verstanden?”

Er war ihr so nahe, dass Tory die kleinen Fältchen um seine Augen deutlich sehen konnte. Sie roch den Duft seiner Seife und sah benommen zu ihm auf.

Als sie schwieg, sprach er weiter. “Ich habe beinahe die Hälfte meines Lebens in der Hölle zugebracht, damit Leute wie Sie nachts sicher schlafen können. Ich bin im Augenblick nicht daran interessiert, einer Dame aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Am Anfang glaubte ich noch, dass meine Arbeit einen Sinn hätte, jetzt bin ich so weit, dass es mir gleichgültig ist.”

“Sie herzloser … Ich kann nicht glauben, dass ein Mensch so gefühllos sein kann! Alex hat immer geglaubt, Sie seien sein Freund.”

“In unserem Geschäft hat man keine Freunde.”

“Du liebe Güte, ich kann verstehen, warum das so ist.” Tory spürte, wie ihr Herz raste. “Dann habe ich keine andere Wahl. Ich werde zurückfahren und versuchen müssen, ihn allein da herauszuholen …”

Marc lachte. “Seien Sie realistisch, Lady. Sie haben gesagt, Sie waren schon in Marezzo. Wenn Sie es geschafft hätten, ihn herauszuholen, dann wäre er jetzt schon hier.”

“Ich kann aber auch in die Stadt fahren und mich mit den Leuten von der Tageszeitung unterhalten”, meinte sie und sah ihn mit unschuldigem Blick an. “Es gibt doch eine Tageszeitung in Brandon, nicht wahr? Ich bin sicher, die würden sich mit Begeisterung auf die Geschichte stürzen. Wissen die Leute in der Stadt, dass Sie ein Agent sind?”

Tory hörte zwar die Worte, die sie sprach, dennoch war sie erstaunt, dass sie den Mut dazu hatte. Ihre Hände waren feucht, die Knie zitterten, als sie zu ihm aufsah.

Marcs Augen unter den dichten Brauen blitzten wütend auf. Seine Lippen waren zusammengepresst, ein Muskel in seiner Wange zuckte. Sein Ohrring blitzte auf, als er ihr einen Finger unter das Kinn legte und seinen Kopf senkte, bis ihre Augen auf gleicher Höhe waren. “Sie sind entweder sehr mutig oder sehr dumm, Miss Jones”, meinte er leise. “Niemand weiß, dass Sie hier sind, nicht wahr?” Ehe sie noch etwas sagen konnte, sprach er schon weiter. “Ist Ihnen eigentlich schon einmal der Gedanke gekommen, dass Sie zu viel wissen? Dass ich Sie nicht wieder hier weglassen kann, wenn ich wirklich der bin, für den Sie mich halten? Niemand würde etwas davon erfahren, wenn Sie verschwänden, Miss Jones. Wenn also die Tageszeitung in der Stadt dringend eine aufregende Story braucht, dann könnte sie vielleicht über eine Leiche berichten, die man am Fluss gefunden hat … um Himmels willen, werden Sie bloß nicht ohnmächtig!”

Er fing sie auf, als sie mit den Augen rollte und zusammensank. Der Gipsverband stieß gegen den Kamin, als Marc sie auf die Arme hob, zum Sofa hinüberging und sie dort etwas unsanft hinlegte. Als sie die Augen nicht öffnete, zog er eine Decke über sie und öffnete dann die Knöpfe ihrer Bluse.

Seine Worte waren nur teilweise ein Bluff gewesen. Victoria Jones wusste in der Tat viel mehr, als gut für sie war. Marc betrachtete sie mit gerunzelter Stirn.

Ihre nackte Haut unter seinen Fingern war warm und sanft. Er öffnete ihre Bluse und zog sie dann über ihren Brüsten ein wenig zusammen. Dann kniete er neben dem Sofa nieder und versuchte, ihr etwas Whiskey einzuflößen.

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