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Geschickt eingefädelt

Molly O‘Keefe

Geschickt eingefädelt

Roman

Aus dem Amerikanischen von Barbara Alberter

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

So hatte Tara Jean Sweet sich ihre Verlobung nicht vorgestellt …

Sie thronte auf der Lehne des Rollstuhls ihres neunundachtzigjährigen Verlobten Lyle und trug einen Rock, der so kurz war, dass der Fotograf die besten Chancen hatte, einen Schnappschuss von ihrem Uterus zu machen.

Doch ganz oben auf der sehr langen Liste dessen, was an diesem Bild nicht stimmte, standen die Kühe.

Lyle Baker hatte höchstpersönlich zehn der dicken, stinkenden Tiere ausgewählt. Seiner Meinung nach durften sie auf dem Foto ebenso wenig fehlen wie sein großer Cowboyhut und der weite blaue Himmel über der Crooked Creek Ranch.

Seht mich an! Das schienen die Kühe zu verkünden. Seht mich an, ich bin so verdammt reich!

Wenn sie als junges Mädchen von ihrer Verlobung geträumt hatte, waren dabei selten Kühe involviert gewesen. Eigentlich nie.

Tara zerrte an ihrem rosa Lederrock, aber Lyle hob eine zitternde Hand und hielt sie zurück.

„Lass das so!“ Er keuchte schwer, denn er hatte sich geweigert, die Sauerstoffmaske bei der Aufnahme aufzusetzen – eine Entscheidung, die ihn wahrscheinlich wertvolle Minuten seiner sehr kurzen restlichen Lebenszeit kosten würde.

Aber Lyle war der Boss, deshalb hielt sie den Mund, was den Sauerstoff anging, versuchte die Kuh zu ignorieren, die ihr ins Ohr muhte, und ließ den Rock, wo er war.

Seufzend schmiegte sie sich so gut wie möglich an Lyle, ohne mit den diversen Monitoren und Drähten zu kollidieren, die an ihm hingen, als wäre er ein Supercomputer.

„Lächeln, Baby.“ Seine Stimme war ein gequältes Flüstern.

Ein Blitz leuchtete auf, und Tara Jean steigerte die Wattleistung ihres Lächelns, indem sie so viele Zähne und so wenig Hirn wie möglich einsetzte. Darin hatte sie Übung. Vier Jahre hatte sie so gelebt …

Lyle zog eine Zigarre – groß wie ihr Unterarm – aus der Verkleidung seines Rollstuhls. Die nahm sie ihm aus der Hand.

„Das soll wohl ein Scherz sein?“

„Gib sie wieder her“, schnaubte er. Seine Lippen waren aufgesprungen.

Um ihm klarzumachen, dass das Spiel auch andersherum laufen konnte, lächelte sie unfreundlich und erklärte: „Als deine Braut muss ich darauf bestehen.“

Der Fotograf lachte und Lyles finstere Miene hellte sich auf. Er lächelte verschmitzt.

„Glaubst du, dass es funktionieren wird?“ Sie legte dem alten Mann eine Hand an die fahle Wange. Er fühlte sich so glatt an; das Alter und seine Krankheit hatten ihn in einen Flusskiesel verwandelt.

Wie sind wir nur so weit gekommen, fragte sie sich, denn die Trauer half ihr, alles zu geben.

Mit offensichtlicher Anstrengung wandte Lyle sich ihr zu, und sie sah das Glitzern in seinen feuchten Augen. Nichts war besser geeignet als ein hinterhältiger Plan, um den alten Mann auf Hochtouren zu bringen.

„Du wirst schon sehen, wie sie angelaufen kommen!“

Als Luc Baker die Praxis des Mannschaftsarztes verließ, trat er direkt ins Blitzlichtgewitter der Reporter.

„Ach du heilige Scheiße!“ Sein Teamkollege Billy Wilkins, der nach seinem Termin beim Physiotherapeuten auf Luc gewartet hatte, wich vor den blendenden Leuchten zurück.

Luc hingegen blinzelte nicht einmal.

Zwanzig Jahre in der National Hockey League, die letzten sieben davon in Toronto … die Nattern gehörten einfach dazu. Und im Augenblick war das Natternnest wirklich mächtig in Aufruhr.

„Iceman!“, brüllten die Reporter Lucs Spitznamen.

„Stimmt es, dass dir eine schwere Gehirnoperation bevorsteht?“

„Hast du wirklich einen Hirnschaden?“

„Werden die Cavaliers deinen Vertrag auflösen?“

Wie ein Priester vor seiner Gemeinde hob Luc lächelnd die Hände, um die Parasiten vor ihm zu beruhigen.

„Luc?“ Jim Muggs vom Toronto Star übertönte das Geschnatter. „Was hat der Arzt gesagt?“

Narbengewebe auf dem Stirnhirnlappen. Verdacht auf hirnzersetzendes Protein. Erhöhte Gefahr einer anhaltenden kognitiven Beeinträchtigung.

Eine Sekunde lang sah Luc rot; am liebsten hätte er mit einer von Billys Krücken Schädel eingeschlagen und Kameraausrüstungen zerstört, bloß um die Frage nicht beantworten zu müssen.

„Dr. Matthews sagt, das nächste Jahr geht klar“, log er und zwang sich, die Lippen zu einem Lächeln zu verziehen. „Ich bin bereit, in der Saisonpause hart zu arbeiten und den Cup wieder nach Toronto zu holen.“

„Hirnschaden?“ Billy drehte sich auf seinen Krücken um und stellte sich vor Luc. „Ich schwöre bei Gott, ihr Typen seid schlimmere Klatschmäuler als der Kirchenverein meiner Großmutter …“

„Und Dr. Matthews hat noch etwas gesagt“, unterbrach Luc ihn lächelnd und merkte, wie sämtliche Kameras auf ihn gerichtet wurden. „Ich soll dafür sorgen, dass mein persönlicher Verteidiger wieder aufs Eis kommt.“

Er klopfte Billy auf die Schulter, und alle lachten.

Gilcot wäre niemals auch nur in Lucs Nähe gekommen, wenn sich Billy im dritten Finalspiel nicht das Knie verletzt hätte.

„Gilcot ist für die ersten drei Spiele der nächsten Saison gesperrt. Hältst du das für angemessen?“, fragte Muggs.

„Gilcot hat mir eins auf die Nuss gegeben“, verharmloste Luc schulterzuckend die Verletzung. „Schließlich veranstalten wir da draußen keine Teekränzchen.“

Aber in Wahrheit war es so, dass in der NHL Schläge wie der von Gilcot und Gehirnerschütterungen wie die von Luc viel zu häufig waren.

Ein paar Reporter lachten, und die Atmosphäre im Natternnest veränderte sich. Luc hatte sie genau da, wo er sie haben wollte. Bei diesen dämlichen Interviews war es nicht anders, als wenn er das Tempo auf dem Spielfeld kontrollierte.

Und niemand konnte das Tempo so vorgeben wie Luc Baker.

„Dr. Matthews leitet eine Studie über die Auswirkungen wiederholter Schädeltraumata bei Profisportlern. Wirst du daran teilnehmen?“, fragte Muggs.

Beinahe wäre Luc zusammengezuckt, denn die Frage fuhr ihm rasiermesserscharf in den Magen. Er und ein Haufen sabbernder Linebacker der National Football League, die an präseniler Demenz litten?

Nein danke.

Matthews hatte ihn zwar gefragt, aber Luc hatte den Vorschlag abgelehnt – so wie auch alle anderen guten Ratschläge des Arztes.

Setzen Sie sich zur Ruhe. Steigen Sie aus, solange Sie die Nase vorn haben.

„Nein“, antwortete er. „Dr. Matthews Arbeit ist für die Zukunft der Profisportler von großer Bedeutung, aber im Augenblick hat es nichts mit mir zu tun.“

„Luc wird einmal böse erwischt, und ihr Typen seid bereit, ihn zum Irren zu stempeln, nur um an eine Schlagzeile zu kommen“, warf Billy ein. „Das ist krank!“

Luc wusste Billys Loyalität zu schätzen und drückte ihm die Schulter. Aber sein Freund kannte nicht die ganze Geschichte.

„Es ist doch aber richtig, dass es nicht nur um einen bösen Schlag geht?“, meldete eine Frau sich zu Wort, und Lucs Beherrschung geriet ins Wanken.

Adelaide Eggers, na klar! Sie war die Schlimmste von allen. Nach so vielen Jahren, in denen sie sich in den Umkleidekabinen der Junior-A-Teams aller Sportarten im Nordwesten beweisen musste, hatte sie sich zu einer richtigen Bulldogge entwickelt.

Vor Addie Eggers konnte sich kein Mann verstecken, denn durch einen Scherz und einen schlüpfrigen Spruch ließ sie sich nicht täuschen. „Als Junge haben Sie in Texas am Kinderrodeo teilgenommen. Dabei kam es zu mehreren Gehirnerschütterungen mit Bewusstseinsverlust. Stimmt’s? Man nannte Sie das Knockout-Kid.“

„Adelaide.“ Luc lächelte in die Kamerablitze, die er abfing, wie er ein kontrolliertes Rutschen an die Bande abgefangen hätte. „Sie brauchen ein Leben außerhalb von Google.“

Die Reporter lachten, und Luc sah viele gebeugte Köpfe. Das Knockout-Kid würde es bis morgen früh auf die Top-Ten-Liste der scheußlichsten Spitznamen für Sportler schaffen.

Billy sah ihn von der Seite an. „Rodeo?“

Super! Jetzt hat Billy geschnallt, was wirklich los ist.

„Das war vor ewigen Zeiten“, wandte Luc sich an alle. „Mir geht es gut. Mein Kopf ist in Ordnung.“ Abgesehen von dem hirnzersetzenden Protein. „Wir sind bereit, diese Saison abzuhaken.“

Abermals klopfte er Billy auf die Schulter, und im Handumdrehen hatte er die Meute von seiner Gehirnerschütterung abgelenkt und die Fährte auf seinen Freund und dessen Knie gerichtet.

„Billy, wie läuft Ihre Physiotherapie?“, fragte Adelaide. „Ist es richtig, dass Sie den größten Teil des nächsten Jahres ausfallen werden?“

„Zum Teufel, nein.“ Billy hantierte etwas rücksichtslos mit seinen Krücken herum und schien kurz davor zu stehen, sie als Schläger gegen die Fersen des nächstbesten ESPN-Kameramanns einzusetzen. „Sechs Monate Rekonvaleszenz. Höchstens. Im nächsten Jahr bin ich vor der zweiten Hälfte wieder dabei.“

„Sechs Monate Rekonvaleszenz? Vielleicht für einen Mann, der halb so alt ist wie Sie.“ Die niederschmetternde Bemerkung unterstrich Addie, indem sie eine Augenbraue hob.

„Warum beißt ihr euch nicht lieber wieder an ihm fest?“ Mit einer ruckartigen Daumenbewegung wies Billy sie an Luc zurück.

„Lass mich aus dem Spiel.“

„Sie sind der älteste Mann in der Liga“, wandte Addie sich an Luc. „Siebenunddreißig ist …“

„Ich weiß, wie alt ich bin.“

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich zur Ruhe zu setzen?“

„Nicht ohne vorher den Cup für Toronto gewonnen zu haben.“

Luc war gegen Ende des letzten Viertels im siebten Spiel der Finalserie k. o. geschlagen worden. Die Cavaliers hätten es schaffen können, nachdem die Bulldogs bei einem Shootout verloren hatten. Sie waren nahe dran. So verdammt nahe dran! Wären er und Billy nicht aus dem Verkehr gezogen worden, würde er jetzt aus dem Cup trinken, anstatt Fragen zu beantworten, die ihm niemand stellen dürfte.

„Wie schätzen Sie Ihre Chancen für nächstes Jahr ein?“, fragte Addie.

„Wenn wir alle gesund bleiben, denke ich, dass unsere Chancen ausgezeichnet sind.“

„Und anschließend?“, fuhr Addie fort, ein hinterhältiges Grinsen im Gesicht.

Matthews hatte ihm keinen konkreten Beweis dafür nennen können, dass er dieses Tau-Protein tatsächlich hatte oder auch nur in Zukunft haben würde. Auf seinem Stirnhirnlappen hatte sich also ein Narbengewebe gebildet? Es gab keinen Profisportler, bei dem das nicht der Fall war. Ausgenommen vielleicht Baseballspieler. Aber das erhöhte Risiko bei zukünftigen Gehirnerschütterungen würde ein Problem sein, wenn sein Vertrag auslief.

Ein Post-Gehirnerschütterungs-Syndrom – kein Mensch wünschte sich das. Und er hatte es. Und es war aktenkundig.

Die Liga wurde nervös, wenn es um Kopfverletzungen ging. Niemand wollte einen Spieler auf dem Feld, der keinen Schlag einstecken konnte, ohne wegzutreten.

Aber einmal abgesehen von alledem – wenn Luc mit seinen siebenunddreißig Jahren nicht kurz vor dem Ablauf seines Vertrages stünde, wäre Matthews das Wort „Rücktritt“ nicht über die Lippen gekommen.

Als Luc protestierte, hatte Matthews ihm erklärt, er habe zu viele Sportler gesehen, die sich für ihren Traum unwiederbringlich selbst zerstörten.

Bei der nächsten Gehirnerschütterung ist ihre Karriere zu Ende. Beten Sie, dass Sie keinen weiteren Schlag auf den Kopf abbekommen – und beten Sie, nicht ausgetauscht zu werden. Wenn Billy Wilkins die Jungs nicht in Schach hält, sind Sie Freiwild. Es ist Ihr letztes Jahr in der Liga.

Und dieses nächste Jahr war das Jahr, in dem er das Spiel spielen würde, für das er geboren war, mit dem Team, das mit seiner Hilfe zusammengestellt wurde. Er würde Geschichte machen. Der älteste Mann in der National Hockey League, der den Cup in eine Stadt zurückholen würde, die ihn seit über fünfzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Niemand, nicht einmal sein alter Herr, würde sich das ansehen können und sagen, das sei keine große Sache.

„Iceman?“, hakte Adelaide nach, als er ihre Frage nicht beantwortete. „Ihr Vertrag läuft nach der nächsten Saison aus. Haben Sie vor, als ungebundener Spieler weiterzumachen?“

„Danach steige ich aus.“

Bei diesen Worten brannte ihm das Herz vor Schmerz, aber so lautete die Vereinbarung: ausruhen, wieder zu Kräften kommen, den Vertrag erfüllen und aussteigen.

Es entstand ein Gemurmel unter den Reportern, die angesichts der unerwünschten Ankündigung seines Rücktritts regelrecht zu rotieren schienen.

„Also wirklich“, machte Billy sich lustig. „Jedes Team wird dich für ein paar weitere Jahre haben wollen. Sieh dir Gary Roberts an. Ray Bourque. Für Erfahrung gibt es in jedem Team immer einen Platz. Zum Teufel, irgendwer muss dich einfach anheuern, nur um Lashenko mal beizubringen, wie man das verdammte Spiel spielt.“

Sämtliche Reporter lachten. Zwischen Billy und Lashenko bestand eine Blutfehde, die vor drei Jahren bei den Olympischen Spielen begonnen hatte.

Luc stieß die Bemerkung sauer auf. Er wünschte, er könnte Billy zustimmen. Er wünschte, er hätte noch zwei, drei weitere Jahre vor sich. Er wünschte, er könnte seine Karriere so lange wie möglich ausdehnen. Zum Teufel, er würde sogar nach Europa gehen und dort so lange spielen, bis er nicht mehr konnte.

Aber sein Körper – und nicht nur sein Körper, sondern ausgerechnet auch noch sein Gehirn – war schon jetzt dabei aufzugeben.

„Mir reicht es“, sagte er und unterdrückte seine Wut, die ihn von innen her aufzufressen schien.

Die Reporter bombardierten ihn mit weiteren Fragen, aber mit erhobener Hand bahnte er sich einen Weg durch die Menge.

In einem Jahr würde sein Leben gelaufen sein.

Eine Stunde später schob Luc den Schlüssel ins Schloss seines Penthouse-Apartments, als ihm plötzlich einfiel, dass er nicht allein sein würde und deshalb mit Ruhe und Frieden kaum zu rechnen war.

Aber noch bevor er den Schlüssel wieder herausziehen konnte, um zu Billy rüberzugehen oder sich in eine dunkle Bar auf der Front Street zu verziehen, schwang die Tür auf und gab den Blick auf seine Schwester frei – Victoria Schulman, dünn und angespannt wie eine Klaviersaite.

„Hey“, begrüßte er sie, beugte sich seinem Schicksal und trat ein. Er liebte seine Schwester, er vergötterte sie und ihren Sohn Jacob. Aber es war anstrengend, die Panik zu ignorieren, die sie vergeblich zu verbergen suchte.

Victoria, dachte er nicht zum ersten Mal, erlaube mir doch einfach, dir zu helfen!

Schließlich ging es nur um Geld, und davon besaß er reichlich.

„Wo ist Jacob?“ Über Victorias magere Schulter hinweg hielt er nach seinem siebenjährigen Neffen Ausschau. Seit einer Woche trug er nun schon ein Furzkissen in der Manteltasche mit sich herum und vergaß ständig, es ihm zu geben.

„Bei Danny“, antwortete sie. In ihrer Hand hielt sie einen weißen Briefumschlag, den sie so fest umklammerte, dass er schon fast völlig zerknittert war.

Er zog seinen Mantel aus und warf ihn nachlässig über einen Stuhl, den er genau zu diesem Zweck neben der Tür stehen hatte. Sie aber hüstelte leise und hob ihn seufzend wieder auf.

Ganz als wäre sie die Gastgeberin einer Party, zu der er eingeladen worden war, öffnete sie die Schranktür und reichte ihm einen Kleiderbügel. In seinem eigenen Appartement.

So etwas machte sie ständig; sie verkündete die Speisekarte fürs Abendessen, als warteten ausländische Würdenträger nur darauf, sich zu ihnen zu setzen und ein Chili mit ihnen zu verspeisen. Es gab sogar Blumen in seinem Penthouse. Überall. Rosa Blüten in Vasen, die er nie zuvor gesehen hatte.

Ihr Dasein als die Society-Queen Manhattans hatte sie nicht darauf vorbereitet, ohne einen Penny in der Tasche als Gast in der Wohnung ihres Bruders zu stranden. Ihr Mann – Joel, der Trottel – hatte ihr das einzige Leben versaut, in dem die Frau sich halbwegs wohlfühlte.

Am liebsten hätte er den Kerl deshalb zu Brei geschlagen.

Aber das hatte Joel vor einem Jahr schon selbst erledigt … mit einer Kugel, die er sich ins Hirn gejagt hatte.

Luc nahm ihr den Kleiderbügel aus der Hand. „Es ist nicht nötig, dass du so etwas machst“, sagte er.

„Okay, ich versuche nur zu helfen …“ Sie riss sich zusammen und hob lächelnd die Hände.

„So“, sagte er, als er seinen Mantel aufgehängt und die Schranktür wieder geschlossen hatte. Victorias Stress lag wie Rauch in der Luft, und er hatte das Bedürfnis, ihn zu vertreiben. „Alles in Ordnung?“

„Wir müssen miteinander reden.“ Sie hielt ihm einen zerknitterten Umschlag entgegen.

„Was ist das?“

Sie schüttelte den Umschlag, als wollte sie ihm damit drohen. „Sieh selbst … sieh es dir einfach an.“

Er verkniff sich ein Seufzen und zog zwei Stück Papier daraus hervor, eins größer, das andere kleiner. Das kleinere faltete er auseinander.

„Das ist nicht dein Ernst“, murmelte er, während er auf das Foto starrte, das seinen neunundachtzigjährigen Vater zeigte, umringt von den Angusrindern, die er so verdammt liebte. Und auf seinem Rollstuhl drapiert: eine Blondine in rosa Leder – und davon nicht viel.

„Sie sieht aus wie eine aufblasbare Sexpuppe“, sagte er und Victoria lachte.

„Das habe ich auch gedacht.“ Einen Augenblick löste sich die Spannung, aber sofort schwoll sie rasch wieder an. „Lies mal das andere.“

Luc drehte das große Stück Papier um und brauchte einen Moment, bis er begriff, dass er die Einladungskarte zu einer Hochzeit vor sich hatte.

Sein Vater gedachte also, eine Sexpuppe namens Tara Jean Sweet zu heiraten. Wer, zum Teufel, trug einen solchen Namen? Pornostars, zum Beispiel. Stripperinnen.

Das freudige Ereignis – mit anschließendem Schweinebraten – sollte im nächsten Monat auf der Crooked Creek Ranch stattfinden.

Auf einmal sah Luc alles in Zeitlupe, so wie sonst, wenn er hinter dem Netz stand und den Punkt erreicht hatte, wo das Eis offen vor ihm lag, und er jede Taktik, die die Spieler im Kopf hatten, vorhersehen und alle austricksen konnte.

Der Mistkerl wollte heiraten.

Komisch, damit hatte er nie gerechnet.

„Das soll ein Witz sein, oder?“, fragte Victoria. „Das muss einer sein.“

Er stopfte die Einladung und das lächerliche Foto wieder zurück in den Umschlag. Tara Jean Sweet. Also wirklich!

„Wen kümmert’s?“ Er legte den Umschlag auf das kleine Schränkchen im Foyer. Der Brief rutschte ab und landete auf dem Fußboden. Luc machte sich nicht die Mühe, ihn aufzuheben.

Aber Victoria stürzte sich darauf und nahm ihn an sich.

„Wen das kümmert?“ Sie folgte ihm über den Flur ins Wohnzimmer. „Mich kümmert das, Luc.“

„Sollte es aber nicht.“ Er lockerte seine Krawatte und warf sein Jackett auf die weiße Couch, die irgendein Designer für ihn ausgesucht hatte. Mit seiner Nachlässigkeit würde er Vicks noch wahnsinnig machen, aber das war ihm egal. „Hat er dich nicht enterbt?“

„Nein. Das heißt … ich glaube es jedenfalls nicht. Er hat mich nur rausgeworfen.“

Himmel! Ihm brummte der Schädel.

„Dieses Geld.“ Ihre Stimme wurde zunehmend schriller; jeden Augenblick würden die Hunde der Nachbarn ausrasten. „Ich brauche …“

Bevor er es verhindern konnte, entschlüpfte ihm – müde und ungeduldig – ein Seufzen. Daraufhin schloss sie den Mund und presste die Lippen aufeinander.

Der graue Tag vor den deckenhohen Fenstern passte gut zu seiner düsteren Stimmung, genau wie der Verkehrsstau auf der Yonge Street.

Er kam einfach nicht dazu, einmal durchzuatmen.

„Du brauchst gar nichts von ihm.“ Luc bemühte sich, wie eine unerschöpfliche Quelle der Geduld zu klingen, wie das personifizierte Einfühlungsvermögen. Aber das war nur vorgetäuscht, und Vicks wusste das.

„Wir haben nichts.“ Ihre Stimme klang so knarrend wie ein alter Holzfußboden, der unter dem ganzen Gewicht, das er zu tragen hatte, ächzte. „Jacob und ich …“

„Ich kann für dich und Jacob sorgen. Das weißt du doch.“

„Ich will keine Almosen von dir.“

„Aber von diesem Mistkerl schon? Du wärest also bereit, Geld von ihm anzunehmen?“

„Das Geld habe ich mir verdient.“ Sie reckte das Kinn. „Das gilt auch für dich. Es war harte Arbeit, das Kind dieses Mannes zu sein. Diese Sommer …“

„Ich will von Lyle nichts haben.“ Ende der Diskussion. Luc ging in die Küche, die ganz in Cremeweiß und Schwarz gehalten war. Auch hier hatte ein Innenausstatter seine Vorstellung von Männlichkeit ausgelebt. Luc öffnete den Edelstahlkühlschrank und nahm sich ein Bier heraus.

Er spürte, wie seine Schwester ihn anblickte, während er hin und her lief und sein Bier trank wie ein Gefangener in seinen mondänen Klamotten und der hässlichen Küche. „Du könntest dir einen Job suchen“, schlug er vor. „Zum Teufel, ich würde dich dafür bezahlen, wenn du diese Wohnung hier neu einrichtest.“

„Einen Job?“, fragte sie. Dabei klang sie, als hätte er ihr vorgeschlagen, sich als Killer zu verdingen. Er verstand ihre Einstellung nicht. Sie hörte sich an, als wäre arbeiten etwas, das für sie völlig unmöglich war. Früher hatte sie Jobs gehabt. Nichts Besonderes, aber sie hatte ihr eigenes Geld verdient. „Ich habe keinerlei Qualifikationen oder Erfahrungen.“

„Ich glaube kaum, dass meine Innenarchitektin welche hatte.“

„Das ist nicht lustig!“

„Ich lache auch nicht. Ich versuche nur, dir diese dumme Idee aus dem Kopf zu schlagen.“

„Aber ich brauche das Geld.“

„Vicks, wenn du nicht alles den Anwälten gegeben hättest …“

„Ich konnte dieses Geld nicht behalten.“ Seltsam, wie fest ihre Stimme auf einmal klang, wie entschlossen. „Joel hatte diese Leute bestohlen. Ein paar hat er sogar in den Ruin getrieben …“

„Ich weiß, ich weiß. Wirklich. Aber, lieber Himmel, du bist ein Dickkopf.“

Sie lächelte leicht. „Das habe ich von meinem großen Bruder gelernt.“

Er seufzte und stützte die Hände auf den Tresen. Sie würde nach Texas fahren und es mit ihrem Vater aufnehmen. Diese Absicht stand ihr wie eine Neonreklame ins blasse Gesicht geschrieben. „Zumindest sollten wir versuchen, herauszufinden, ob es wirklich stimmt.“

„Willst du Dad etwa anrufen?“

Er lachte und zog sein Handy aus der Tasche. „Besser, ich rufe seine Wärterin an.“ Luc gab eine Kurzwahlnummer ein und hielt das Telefon an sein Ohr.

„Maman“, sagte er und lächelte.

Vor einem Jahr war Victoria durch die Taten ihres Mannes gezwungen worden, ihren Stolz herunterzuschlucken. So schrecklich und erniedrigend die Erfahrung auch gewesen sein mochte, so seelenerschütternd und grauenhaft, sie hatte sie von ihrem Hochmut befreit. Von ihrer Überheblichkeit. Von allem, was ihr Leben ausgemacht hatte, mit Ausnahme von Jacob.

Gleichzeitig hatte sie Klarheit gewonnen. Eine Weltanschauung, bei der es ums Überleben ging.

Ihr Erbe hatte sie sich verdient. Sie brauchte es. Und es stand einfach völlig außer Frage, dass eine Frau, die sich Tara Jean Sweet nannte, ihr das nehmen könnte.

Vorsichtig setzte Victoria sich auf einen der schrecklich unbequemen Barhocker, die am Küchentresen standen. Luc telefonierte mit seiner Mutter Celeste. Sie war Lyles Ex-Frau und hatte viel Geld für Anwälte ausgegeben, um sich von dem alten Mann nicht über den Tisch ziehen zu lassen und ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wenn jemand herausfinden konnte, ob diese Hochzeit ein Scherz war, dann Celeste.

Luc fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare und rieb eine Stelle auf seiner Stirn, als gäbe es da etwas unter der Haut, das ihm zu schaffen machte. In letzter Zeit tat er das häufig. Victoria fragte sich bereits, ob dieser Schlag, den er bei seinem letzten Spiel abbekommen hatte, doch einen ernsthaften Schaden angerichtet hatte.

„Non. Non.“ Sein Lachen war entwaffnend und brachte sie selbst zum Lächeln. Anders als ihr Halbbruder Luc, sprach Victoria kein Französisch. Das lag daran, dass ihre eigene Mutter Lyles Ex-Geliebte war, eine gelangweilte New Yorkerin mit selbstzerstörerischen Neigungen. Celeste hingegen war französisch-kanadischer Herkunft, ein elegantes, versnobtes Model.

In den langen, trostlosen Sommern, die sie und Luc gemeinsam in Texas verbringen mussten, hatten sie beide gelernt, ihren Vater zu hassen. Gleichzeitig war es unwichtig geworden, dass sie nur Halbgeschwister waren. Sie waren im Abstand von achtzehn Monaten zur Welt gekommen, hätten aber ebenso gut Zwillinge sein können.

Lucs Gespräch mit seiner Mutter kam auf den Punkt. Die Fingerknöchel waren weiß, so fest umklammerten seine Hände Telefon und die Bierflasche. Victorias Magen grummelte, und ihr wurde ganz flau.

Es war kein Scherz.

Luc legte auf. Victoria fühlte, wie aller Mut sie verließ und Angst in ihr aufstieg. Mit zitternden Fingern glättete sie den Saum ihres grauen Wollrocks, als würde das helfen. Als wäre ein zerknitterter Saum alles, was sie von einem Leben in Sicherheit trennte. „Es stimmt also, nicht wahr?“, fragte sie und schaffte es nicht einmal, ihrem Bruder in die Augen zu sehen.

Sie wünschte, sie wäre eine andere Frau. Eine Frau, die besser für sich und ihren Sohn sorgen konnte. Aber das war sie nicht. Sie war Victoria Schulman, und gerade jetzt brauchte sie das Erbe ihres Vaters.

„Ja, es ist wahr“, antwortete er. „Maman wurde von ihrem Anwalt informiert, dass Dad vor zwei Wochen sein Testament geändert hat. Wenn er diese … diese Frau heiratet, wird sie alles erben.“

Seine Augen waren voller Mitleid. Sie konnte nicht so tun, als würde sie es nicht bemerken.

„Und ich werde alles verlieren.“

„Ich fahre nicht wieder dorthin, Vicks“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. Dann hob er die Schultern und spannte die Muskeln an, als hätte er vor, die Bierflasche durchs Zimmer zu schleudern. „Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr dort, und es ist mir scheißegal, wen er heiratet oder ob er stirbt. Ich gehe nicht mehr zurück.“

„Ich habe dich nicht darum gebeten.“ Aber natürlich tat sie genau das, auch ohne es auszusprechen. Und er wusste es. Mit ihrer Show konnte sie niemanden täuschen, am allerwenigsten ihren Bruder. „Du hast schon genug für mich getan. Ich werde allein fahren.“

„Ja klar“, höhnte er. „Du da unten bei ihm in Texas … allein? Einer von euch beiden wird dabei umkommen.“

„Es könnte auch Flittchen-Barbie treffen“, bemerkte sie mit einem Lächeln.

Luc lachte schnaubend. Es dauerte ein paar Minuten, aber sie sah, wie er seine Meinung änderte, so wie sie es erwartet hatte. Wenn es in dieser Welt jemanden gab, auf den sie sich verlassen konnte, dann war das ihr Bruder.

„Das will ich sehen“, erklärte er schließlich.

Die Erleichterung perlte durch ihren Körper wie billiger, viel zu süßer Sekt.

Luc nahm sein Telefon wieder in die Hand. „Aber zuerst müssen wir so viel wie möglich über diese Tara Jean Tussi in Erfahrung bringen. Hast du noch die Nummer von dem Privatdetektiv?“

Lucs Tatendrang war ansteckend. Victoria stand von dem Hocker auf, um ihre Handtasche zu suchen, in der sich Gary Thieles Visitenkarte befand. Als nach Joels Selbstmord die Gerichtsverfahren auf sie zuzurollen begannen, hatte sie den Privatdetektiv engagiert. Er sollte damals herausfinden, welche Forderungen echt und welche unberechtigt waren.

Sie reichte ihrem Bruder die abgegriffene Karte. Er umschloss ihre kalten Finger mit seiner warmen Hand.

In seinen dunklen Augen, die denen ihres Vaters so sehr glichen, sah sie Wärme, Zuneigung und Mitleid. Sie hasste diese Kombination zwar, hatte sich aber daran gewöhnt. „Wir werden dir dein Erbe beschaffen, Vicks. Das verspreche ich dir.“

Gott sei Dank!

2. KAPITEL

Tara Jean Sweet wurde von einer Dämonin angetrieben. Diese kleine Teufelin zählte eindeutig zum weißen Abschaum und stand in billigen Stilettos direkt hinter ihr.

Kürzer! kreischte die Dämonin. Tara drehte ihren Bleistift um, radierte den Saum in ihrer Skizze weg und setzte ihn ein paar Millimeter höher an.

Mehr Pink. Das muss ein kräftiges Rosa werden.

Und Fransen! Viele Fransen.

Oh, gurrte die Dämonin und zog an ihrer dünnen Zigarette … Und jetzt noch ein bisschen Glitzer.

„Nun hör aber auf! Ist das dein Ernst?“, murrte Tara. Sie betrachtete ihren Entwurf für den letzten Rock der Herbstkollektion von „Baker Leather“. Er war kurz, pink und mit Fransen versehen. Und außerdem …

Ich habe gesagt, du sollst ihn mit Strass besetzen!

„Na gut“, gab sie nach, korrigierte die Skizze noch einmal und notierte die Änderung in das dazugehörige Notizbuch.

Trotz all ihrer Fehler: Die kleine Teufelin wusste, was ledertragende Frauen wünschten. Darum enthielt die Kollektion auch ein höchst unbequemes Sortiment an Tangas.

Als Muse war die Dämonin eine echte Zicke. Aber sie irrte sich nie.

Tara breitete ihre Entwürfe vor sich aus – die kurzen Röcke, die engen Hosen, die Bustiers und die femininen Bikerjacken. Stiefel und Schuhe. Gürtel und Ohrringe. Handtaschen. Beutel. Fünfzig neue Produkte für die fünfhundert Ladengeschäfte von „Baker Leather“ in Texas und Oklahoma.

Die Kollektion sah gut aus. Die Dämonin hatte sich ihren Platz in Tara Jeans Kopf verdient.

Tara nahm sich eine Handvoll Fruchtdrops und sortierte die gelben aus. Sie fand, die schmeckten wie Seife. Das machte sie nun schon seit mehr als zwanzig Jahren so. Die restlichen Bonbons stopfte sie sich nacheinander in den Mund.

Aus der unteren Schublade ihres Aktenschranks holte sie drei dicke Mappen. Sie begutachtete die Entwürfe der letzten drei Jahre, um festzustellen, welche davon sie in die Herbstkollektion aufnehmen wollte. Sie entschied sich für den schwarzen Mantel mit der roten Federbordüre; sehr beliebt zu Halloween. Auch die Wildlederfäustlinge mit Pelzbesatz und dem dazu passenden Hut behielt sie; sie waren ein Dauerbrenner. Und die Bluse mit den hübschen herzförmigen Stanzmustern am Kragen. Tara stellte sich vor, dass Bibliothekarinnen, die sich für trendy hielten, diese Blusen kauften.

Ihre Dämonin nickte zustimmend.

Die letzte Zeichnung war schon alt. Drei Jahre, sagte der Datumsstempel auf der Rückseite. Das Papier war vergilbt, und an der oberen Ecke hatte eine Kaffeetasse einen Rand hinterlassen. Es war die Zeichnung, die sowohl ihr Leben als auch „Baker Leather“ von Grund auf verändert hatte.

Es war der Cowboystiefel aus rosa Kalbsleder mit den eingestanzten Verzierungen, den vier Zentimeter hohen Absätzen und der ziselierten Metallspitze.

Tara schüttelte die Schachtel mit den Fruchtdrops aus, aber es gab nur noch gelbe. Wie gemein, dachte sie, aß sie aber dennoch.

Ende Juli hatte sie einen Termin mit der Einkäuferin, die bei der Kaufhauskette Nordstrom für die Region vier zuständig war. Wenn alles gut ging, würde Nordstrom ihren Stiefel bald im gesamten Südosten der Vereinigten Staaten führen.

Das wäre … Tara schloss die Augen und suchte nach dem richtigen Wort. Schließlich war es nicht so, als hätte sie schon als Kind davon geträumt, Designerin zu werden. Auch rosa Cowboystiefel hatten sie immer völlig kalt gelassen.

Aber Geld … davon hatte sie geträumt. Sie war in einem Wohnmobil irgendwo im Nirgendwo von Arkansas aufgewachsen. Sie hatte von Geld geträumt wie von einem Märchenprinzen. Es würde sie aus dem Zigarettengestank und dem bierfleckigen Dreck retten, in den sie hineingeboren worden war.

Es war ganz einfach. Der Vertrag mit Nordstrom bedeutete Freiheit. Sie hatte ihre Seele verkauft, um das Fundament dafür zu legen. Jetzt musste sie nur noch liefern.

Nichts zu danken! krächzte die Dämonin.

„Danke, Momma“, flüsterte Tara. Die Dämonin war ein zweifelhafter Segen. Heute war sie da, um ihr zu helfen. Aber ein Leben lang hatte sie Tara hängen lassen, wenn sie ihre Mutter am meisten brauchte.

Tara beschloss, die zutiefst krankhafte Seite dieser ganzen Geschichte zu verdrängen.

Seufzend streckte sie sich und bewegte den Kopf hin und her. Dabei schaute sie durch die Glasscheiben des renovierten Gewächshauses, das sie als Büro und Atelier nutzte. Weiß wie ein Knochen stand der Mond hoch und voll am wolkenlosen Himmel. Der kleine Lichtkegel der Schreibtischlampe warf tiefe Schatten, und das Mondlicht machte alles irgendwie noch gespenstischer.

Sie war sehr viel länger geblieben, als ihr lieb war, denn nachts war es gruselig auf der Ranch. So viel Himmel. Dieser ganze leere Raum. Das war nicht normal. Es kam ihr vor, als würden all ihre Geheimnisse und Gespenster unter diesem Mond auf sie warten.

Lyle hatte darauf bestanden, dass sie von der Ranch aus arbeitete. So war es immer gewesen, seitdem Lyles Urgroßvater um die Jahrhundertwende begonnen hatte, Chaps und Stiefel zu fertigen. Die hatte er vom Stall aus an jeden Cowboy und Viehdieb im Umkreis von hundert Meilen verkauft.

Später hatte Lyles Großvater die Crooked Creek Ranch erworben. Von diesem Zeitpunkt an waren Land und Leder Hand in Hand miteinander weitergegangen.

Als Lyles Daddy starb, waren die Baker Shops schon im gesamten Südwesten verbreitet. Teenager trugen ihr Leder, Hausfrauen und Familienväter, und sogar einige Staatspolitiker.

Doch dann fiel das Geschäft in Lyles gleichgültige Hände, und es ging mit den Shops und der Marke bergab. Er interessierte sich viel mehr für die Zucht von Angusrindern als für den Verkauf ihrer rosa gefärbten Häute. Erst als Baker Leather kurz vor dem Konkurs stand, ging ihm auf, was er dem Familienerbe angetan hatte.

Vor fünf Jahren war Lyle mit dem Hut in der Hand zu seinem Sohn, dem erfolgreichen Eishockeyspieler, gegangen. Er hatte ihn gebeten, sich in einem Paar Baker-Stiefel fotografieren zu lassen. Luc hatte sich geweigert. Auch wenn es keinen medizinischen Beweis dafür gab, glaubte Tara, dass das für Lyles Gesundheit der Anfang vom Ende war. Ein Jahr später wurde er nach einer Reihe von Schlaganfällen ins Krankenhaus eingeliefert.

Zum Glück für alle war sie damals zufällig in sein Krankenzimmer gestolpert.

Tara packte die Zeichnungen wieder ein und schloss den verbeulten Metallschrank ab. Morgen musste sie früh hier sein. Edna und Joyce wollten im Morgengrauen kommen, um anzufangen, die Musterstücke nach den Zeichnungen zu fertigen.

Das gefiel der Dämonin.

Hochnäsige Zicken, schmollte sie dennoch und fuhr sich mit den rosa lackierten Fingernägeln durch den schwarzen Ansatz ihrer langen, blond gefärbten Haare. Edna missbilligte nämlich, dass die Röcke so kurz waren.

Tara schaltete das Licht aus. Die schwarz-weiße Schattenlandschaft ihres Büros irritierte sie und ließ sie Dinge sehen, die gar nicht da waren. Die kopflosen Schneiderpuppen schienen sich zu bewegen, als wollten sie Tara holen kommen. Sie fühlte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Er ist es nicht, beruhigte sie sich und schrieb sich ein paar Punkte dafür gut, dass sie nicht ausgerastet war.

Aber eines Tages, das wusste sie, würde er sie finden. Und er würde ohne Gnade seine Forderungen stellen.

Bis dahin aber waren es nur der Mond, ein paar Schneiderpuppen und ihre eigene Fantasie.

Sie zog sich ihre anliegenden lila Wildlederstiefel mit den schwarzen Absätzen an, die zu dem knielangen lilafarbenen Rock passten, den sie trug. Beide Teile stammten aus der etwas sittsameren Kollektion des vergangenen Jahres.

Du siehst aus wie eine Bibliothekarin, flüsterte die Dämonin.

Tara, dank der Absätze sechs Zentimeter größer, eilte aus dem Büro. Sie schloss die Tür hinter sich ab, was bei Wänden aus Glas natürlich mehr als dumm war. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitsstier. Auf dem Weg vom Gewächshaus zum Parkplatz knirschte der Kies unter ihren Füßen, und sie summte leise vor sich hin, um die dröhnende Stille zu füllen.

Hier draußen gab es so viele Tiere. Ansonsten meilenweit nichts. Es war schon seltsam, wie erdrückend flaches, endloses Land und ein Sternenhimmel sein konnten.

Sie umging die gelben Lichtvierecke, die aus den Küchenfenstern des Haupthauses fielen, und hielt sich in den dunklen Schatten. Tara hoffte, dass Ruby oder, was noch schlimmer wäre, Eli sie nicht sahen. Heute Abend wollte sie einfach nur nach Hause fahren, in ihrem eigenen Bett schlafen und sich morgen mit ihrem eigenen Kaffee auf den langen Arbeitstag vorbereiten. War das zu viel verlangt?

Während sie in ihrer dunkelvioletten Umhängetasche nach den Schlüsseln kramte, genoss sie schuldbewusst ihre Vorfreude: Vielleicht würde sie es ja tatsächlich einmal schaffen, unbemerkt das Anwesen zu verlassen.

Ganz unten in ihrer Tasche fand sie zehn Bleistifte, ein leeres Päckchen Kaugummi und zwei fusselige Weingummis in Form von Fischen.

„Da bist du ja“, murmelte sie und zog eine Halskette mit einem hübschen Schlüsselanhänger aus dem Lederbeutel. Der Verschluss war kaputt, und sie hatte geglaubt, das Schmuckstück verloren zu haben.

Diese blöden großen Handtaschen. Immer ging alles darin verloren.

Vor allem ihr Schlüsselbund, und das jeden verdammten Tag. Aha! Endlich fand sie ihn in der kleinen Vordertasche.

Als sie aufblickte, sah sie einen Mann, der im Schatten neben ihrem Wagen stand. Tara schlug das Herz so laut in der Brust, als wollte es versuchen, sich aus dem Gefängnis ihrer Rippen zu befreien.

Das ist er!

Sie war gelähmt vor Angst.

„Ich bin’s nur, Tara“, hörte sie eine tiefe volle Stimme. Eli trat ins Licht. Die Krempe des Huts, den er immer trug, warf Schatten auf sein Gesicht.

„Lieber Himmel, Eli“, keuchte sie, ganz benommen vor Erleichterung. „Du hast mir einen ziemlichen Schreck eingejagt.“

„Das passiert, wenn man versucht, sich davonzuschleichen.“

„Aber, Eli, wir wissen doch beide, dass sie nicht kommen werden.“

„Das wissen wir nicht …“

„Es ist jetzt neun Tage her, und wir haben nichts von ihnen gehört!“

Eli schob sich den Hut in den Nacken und lehnte seine große schlanke Gestalt an den Wagen. „Du warst einverstanden damit, Tara Jean.“ Er sprach langsam, seine Stimme war tief und schmeichelnd. Was er wirklich meinte, war klar: „Er hat dich gekauft, Tara.“ Doch Eli war ein Gentleman, und so etwas würde er nie sagen.

In ihrem Bauch regte sich ein Schuldgefühl.

„Also gut.“ Sie warf die Schlüssel wieder zurück in die Tasche. „Dann hörst du aber auch damit auf, den Gefängniswärter zu spielen. Ich weiß genau, dass du das machst, Eli.“

Sein Lachen wärmte sie in der kühlen Nacht.

Sie drehten sich um und gingen gemeinsam über den Kiesweg zur Steintreppe des großen, aus Eiche und Ziegeln gebauten Hauses. Sein Herzstück war nach wie vor der Teil, den Urgroßvater Baker seinerzeit mit dem Geld gekauft hatte, das er mit der Produktion seiner Chaps verdiente. Aber die nachfolgenden Generationen hatten das Gebäude erweitert, bis ein sechshundertfünfzig Quadratmeter großes architektonisches Ungetüm daraus geworden war.

Eine ums Haus laufende Veranda, ein Schlafzimmeranbau, Türme, zwei zweistöckige Seitenflügel, ein Glasvorbau: Das Haus wirkte, als seien zwei Architekten zu einem Spiel auf Leben und Tod angetreten, bei dem beide umgekommen waren.

Der Dämonin gefiel es.

Es hat Klasse, seufzte sie.

„Er wird ganz allein sterben, nicht wahr?“

Eli zuckte nur mit den Schultern, als spielte das keine Rolle. Im Laufe der letzten Jahre war er so etwas wie ein verschwiegener, wortkarger Ninja-Cowboy-Bruder für sie geworden, den sie nie hatte haben wollen.

Sie hasste die Vorstellung, dass Lyle Baker allein gehen würde. Er war in jeder Hinsicht ein Mistkerl und hatte wahrscheinlich noch ein paar weitere üble Seiten, von denen sie nicht wusste. Doch der Tod war jemand, dem man nicht allein gegenübertreten sollte.

„Er hat uns“, sagte Eli. Tara Jean lächelte, aber ihr Lächeln war bitter und schmerzvoll. Nach allem, was sie über den Mann wusste, war Eli ein Heiliger. Sie selbst war allerdings eine verlogene Betrügerin. Eine Diebin von fragwürdiger Herkunft, die sich und ihr falsches Lächeln im Austausch für finanzielle Freiheit an Lyle Baker verkauft hatte.

Ganz sicher hatte er etwas Besseres verdient.

„Kennst du seine Kinder?“, fragte sie. „Seine Ex-Frau?“

Tara wusste nur eins: In den vier Jahren, die sie jetzt an Lyles Seite war, hatte ihn niemals jemand aus der Familie besucht. Keiner hatte ihm geschrieben oder auch nur angerufen. Hätte ihr Ruby, die Haushälterin und Klatschtante des Anwesens, nicht von der katastrophalen Begegnung von Lyle und Luc in Dallas erzählt, hätte sie nicht einmal gewusst, dass der alte Mann Kinder hatte.

Eli nickte. Sein kantiger Kiefer war angespannt. Schon Elis Vater war Vorarbeiter auf der Ranch gewesen, und Eli war auf Crooked Creek aufgewachsen.

Tara seufzte und blieb auf der oberen Stufe stehen. „Eli, muss ich dir wirklich immer alles aus der Nase ziehen, wenn ich deine Meinung hören will? Kannst du mir nicht einfach sagen, was du denkst?“

„Celeste ist eine schöne Frau, und ich glaube, sie könnte Lyle geliebt haben. Aber er hat dafür gesorgt, dass sich das erledigte.“

Tara nickte. Fünf Minuten in Gesellschaft des alten Mannes reichten, um sich auszumalen, was er jemandem antun könnte, der ihn liebte. „Und die Kinder?“, fragte sie und befürchtete das Schlimmste.

Eli öffnete die Tür. Licht fiel auf sein hartes Gesicht.

„Eli?“

„Gemein.“

„Das ist alles? Gemein?“

„Und verzogen.“

„Verzogen, was meinst du damit? Wie ich?“

„Niemand ist so verzogen wie du.“ Seine Lippen kräuselten sich. Vielleicht war es ein Lächeln, vielleicht auch nur eine Blähung. Bei Eli war das schwer zu sagen.

„Eli …“

Er blinzelte. In seinen Augen lag auf einmal etwas Dunkles, Fremdes. Aber dann war der Moment vorbei.

Er sagte nichts mehr. So etwas machte Eli ständig. Die ganze Zeit.

„Dann ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass sie noch hier auftauchen“, stellte sie fest. Es tat ihr leid um Lyle, leid um sie alle, die in seinen verrückten Plan eingebunden waren.

Eli zuckte mit den Schultern. „Es steht eine Menge Geld auf dem Spiel. Und für Geld tun die Menschen praktisch fast alles.“

Sie spürte, wie sein Blick auf ihr ruhte, und zwang sich, ihm in die Augen zu schauen. Tara wollte ihn dazu bringen, sie direkt zu fragen. Oder, besser noch, ihr zu sagen, was er von ihr dachte. Dabei ging es ihr nicht nur um die Verlobung. Zum Teufel, im Vergleich zu ihrer Vergangenheit war ihr Verhältnis mit Lyle eine seriöse Geschäftsbeziehung.

Sprich es aus! schrie etwas in ihr, tobte regelrecht. Sie mochte auf den ersten Blick erscheinen wie eine Frau, die gern Süßes aß und tolle Brüste hatte. Aber tief in ihr wütete ein Zorn, der immer stärker wurde. Sprich es einfach aus!

Eli aber schwieg wie üblich.

Tara eilte an ihm vorbei in das große Haus, das vollgestopft war mit Kuhfellen und Jagdtrophäen mit Marmoraugen. Die Inneneinrichtung wirkte, als hätte eine Westernbar sich hier gründlich ausgekotzt.

„Wir sehen uns morgen früh“, sagte Tara und überließ sich dem Schicksal – und dem viel zu weichen Bett des Gästezimmers. Eli nickte und zog sich wortlos zurück. Fast schien es, als würde er mit der stillen, weichen Dunkelheit verschmelzen.

Ninja, dachte sie und wünschte sich sehnlichst, selbst diese Fähigkeit zu besitzen. Er ist durch und durch ein Ninja!

„Tara?“ Eine sanfte Stimme und ein weniger sanfter Schubs rissen Tara aus dem Tiefschlaf. Sie hob den Kopf aus dem Kissennest.

„Ruby?“, fragte sie und blickte zu dem noch dunklen Fenster. Sie konnte kaum mehr als ein paar Stunden geschlafen haben. „Was ist los?“ Sie fuhr auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Lyle?“

„Es geht ihm gut.“

„Braucht er Sauerstoff?“ Sie warf die Decken zurück. „Ich habe ihm gesagt, die Ärzte …“

Ruby Fernandez legte ihr eine Hand auf die Schulter. Tara bemerkte erst jetzt, dass die Haushälterin, die an ihrem Bett stand, einen schwarzen Morgenrock trug. Er lag wie ein Cape auf ihren Schultern. Ihre Schlafmaske hatte sie auf die Stirn geschoben, sie verdeckte das braune Haar, das langsam grau wurde.

Tara hatte nicht allzu viel Erfahrung mit Haushälterinnen. Sie war jedoch ziemlich sicher, dass sie normalerweise nicht aussahen wie eine spanische Version von Batman.

„Sie sind hier“, erklärte Ruby. „Ich hab sie ins Arbeitszimmer geführt. Ich wusste nicht …“

Tara blinzelte. In ihrem Hirn begannen sich die Gedanken zu drehen, bis ihr die Erkenntnis dämmerte. Sie. Sie waren also doch gekommen.

„Das ist gut, Ruby. Perfekt.“

„Ich habe nicht geglaubt, dass sie noch kommen.“

„Keiner von uns hat das getan.“

„Sie wollten ihn sofort sehen, aber ich habe Nein gesagt.“

„Gut so.“

„Das muss man sich mal vorstellen! Mitten in der Nacht tauchen sie hier auf und verlangen, einen sterbenden Mann zu sehen. Keine Spur von Schamgefühl.“ Ruby fluchte auf Spanisch. Tara neigte dazu, ihrer Meinung über Menschen, die so etwas taten, weitgehend zuzustimmen.

„Geh du wieder ins Bett. Ich werde … äh … ich kümmere mich um sie.“

Ruby verließ das Zimmer. Ihr schwarzer Morgenrock fegte über den Boden. Die Tür ließ sie offen, und ein Lichtstrahl fiel durch den Spalt auf das Bett und auf Taras Hände.

Wem gehören diese Hände? dachte sie, denn sie erkannte sie nicht so recht wieder. Diese Knochen und Venen, die langen, manikürten Nägel mit den weißen Spitzen. Aber dann ballte sie die Hände zu Fäusten, und die kannte sie.

Es ist nur ein weiterer Kampf, Tara Jean! sagte sie sich. Auf geht’s!

Sie zwang sich aufzustehen und machte den einen Knopf auf, der noch an dem alten Flanellhemd hing, in dem sie schlief. Nachdem Phase eins des Verlobungskomplotts erledigt war, hatte sie ein paar Sachen in der Kommode des Gästezimmers verstaut. Sie riss die erste Schublade auf. Dort lagen drei zarte Gebilde aus Seide und Spitze. Rot, Weiß und Schwarz, die Königsfarben der Verführung. Der Verruchtheit.

Sie dachte daran, was Eli über die Kinder gesagt hatte – Luc und das Mädchen. Wie hieß sie noch, Nicki? Gemein und verzogen.

Zehn Jahre war das Mädchen nicht mehr zu Hause gewesen und hatte auch kein einziges Wort mit seinem Vater gesprochen. Fünf Jahre waren vergangen, seit Luc seinem Vater das Herz gebrochen und ihn mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus befördert hatte; zwanzig Jahre, seit er zuletzt auf der Ranch gewesen war.

Zehn Jahre. Fünf Jahre. Zahlen, die dem alten Mann das Herz gebrochen hatten.

Sie entschied sich für Rot.

Das würde ein großer Spaß werden.

Luc stand kurz davor, aus der Haut zu fahren. Am liebsten hätte er sich die geröteten, müden Augen ausgerissen, die Klamotten, die er seit einem Tag trug, gewechselt und so getan, als wäre er gar nicht hier. An diesem Ort. Zurück.

Das verfluchte Arbeitszimmer seines Vaters.

Er kam sich vor wie ein Zehnjähriger, der sich irgendeinen dummen Streich erlaubt hatte. Wie ein Junge, der mit zitternden Händen und einem Knoten im Magen darauf wartete, dass sein alter Herr ihn bestrafte.

Er versuchte, äußerlich ruhig zu bleiben. So gut wie möglich verbarg er die Risse in seiner Rüstung, die seinen Zorn durchscheinen ließen.

Es ist nur ein Zimmer, sagte er sich.

Aber es half nichts. Er hasste es, der zu sein, zu dem er an diesem Ort wurde. Hasste das, was aus ihm wurde, wenn diese Wände ihn umgaben.

Der Sohn seines Vaters.

„Bring Jacob in eins der Gästezimmer“, sagte er zu Victoria.

„Es geht ihm gut.“ Luc blickte über seine Schulter und sah, dass sie sich auf eine der großen Couchen aus Holz und schwarzem Leder gesetzt hatte. Die Armlehnen waren mit geschnitzten Geweihen verziert. Über der Rückenlehne hing ein bunter mexikanischer Schal.

Jacobs Kopf lag auf ihrem Schoß. Sein Gesicht war vom Schlaf ganz warm und gerötet.

Dieser Anblick, das Aufblitzen ihrer blassen Finger in Jacobs dunklen Locken, erfüllte ihn mit einem mörderischen Zorn. Dass sein Vater es geschafft hatte, sie mit seinen Spielchen, seinen Intrigen hierher zu locken! Seine Schwester stand einem Nervenzusammenbruch so nahe, dass er es deutlich spüren konnte. Sein Neffe …

„Also, hallo alle zusammen“, schnurrte eine Stimme von der Tür her. Luc sah rot, und als er sich umdrehte, wurde es noch schlimmer. Tara Jean Sweet posierte im Türrahmen. Mit einer Hand stützte sie sich am Pfosten ab, die andere lag auf ihrer Hüfte. Sie sah aus, als hätte sie einen derartigen Auftritt schon tausend Mal hingelegt.

„Das muss ein Witz sein“, murmelte Victoria. Luc hörte sie kaum.

Flittchen-Barbie war ganz in rote Seide gehüllt, die glatt und weich wie ein karmesinroter Ölfilm über ihren kurvenreichen Körper floss. Auf ihrem Kopf türmten sich blonde Locken. Einige Strähnen hatten sich gelöst, streiften ihre Wangen und fielen auf ihre Schultern.

Luc knirschte mit den Zähnen, während die Wut in seinem Kopf aufplatzte wie Popcorn.

Er kannte diese Frau. Sie war ihm zwar nie zuvor begegnet. Dennoch wusste er genau, wer und was sie war, bis hinunter zu ihren nackten Füßen. Sie mochte lügen, was ihren Namen betraf, konnte ihn tausendmal ändern, aber sie konnte ihr wahres Wesen nicht verbergen.

Ein besseres Hockey-Häschen!

Sie war der Typ Frau, der sich in Sportstadien herumtrieb und sich den Kerlen an den Hals warf. Nur um hinterher sagen zu können, dass sie mit einem Profispieler im Bett gewesen war.

Geldgierig. Käuflich. Und eine Nutte. Etwas anderes war sie nicht.

Er machte sich auf einen Kampf gefasst. Er zog sein Jackett aus und schmiss es mit solcher Wucht auf einen der Clubsessel, dass er ihn beinahe umgeworfen hätte.

„Ich bin Tara Jean“, sagte die Frau und betrat das Zimmer, als würde es ihr bereits gehören. Aber laut Privatdetektiv Gary Thiele lautete ihr Name in Wirklichkeit schlicht und ergreifend Jane Simmons. Arm geboren in Arkansas und bemüht, das zu ändern.

Hier gab es keine Reporter. Es ging nicht um ein Spiel. Mit einem leisen Seufzer der Erleichterung ließ Luc seinen Zorn von der Leine und spürte, wie er ihm durch den Körper fuhr.

„Wo, zum Teufel, ist mein Vater?“, blaffte er sie an.

Die Blondine blinzelte ihn mit ihren leeren blauen Scheinwerferaugen an. Es schien, als würde sie nicht ganz begreifen. Dann aber lächelte sie, und ihre weichen vollen Lippen öffneten sich langsam, bis ihre weißen Zähne zu sehen waren. Eine Bewegung, so routiniert eingeübt, dass er praktisch schon die Musik des Orchesters hörte.

„Nun ja.“ Sie strich mit den Fingern über eine Locke, die über ihrer Brust baumelte. „Lyle hat sich ein wenig verausgabt.“

„Seien Sie nicht so widerlich“, zischte Victoria von der Couch. Tara Jean drehte sich leicht zu ihr um. Als das Negligé bei dieser Bewegung über ihre Brüste und Hüften glitt, regte sich in Luc etwas sündhaft Dunkles.

Er hatte diese Art von Hockey-Häschen gevögelt. Früher hatte er sie benutzt, genau so, wie sie es wollten.

„Oh, hallo“, sagte Tara und riss überrascht die Augen auf. „Wen haben wir denn da?“ Sie zeigte auf Jacob, als wäre er ein Waschbär in Hosen, der ins Haus marschiert war.

„Wo, zum Teufel, ist mein Vater?“ Luc brüllte fast, denn er wollte nicht, dass diese Frau Jacob auch nur ansah.

Es dauerte einen Augenblick, aber schließlich wandte Flittchen-Barbie ihre Aufmerksamkeit von Jacob ab.

„Es ist zwei Uhr morgens“, erwiderte Tara. Ihr Südstaatenakzent war so dick wie das Moos auf den Bäumen von Louisiana. „Ich muss zugeben, ihr habt uns ein bisschen überrascht. Wir waren nicht über eure Reisepläne informiert.“ Ihr Ton war scharf geworden. Luc begriff, dass sie ihn tadelte. Ihn tadelte!

Bull. Shit.

Mit großen Schritten ging er aus dem Zimmer und ließ sie mit ihren Brüsten und ihrer Empörung einfach stehen. Nicht eine Sekunde erlaubte er sich, die Flure und Bilder wiederzuerkennen. Die Räume, den Duft von zahllosen Holzfeuern in dem großen Kamin im Wohnzimmer. Die Angst, die ihm in den Nacken kroch, als wäre er wieder ein kleiner Junge, der wegen eines geringen Vergehens gleich verprügelt werden sollte. Er ging davon aus, dass der alte Mann noch immer das größte Schlafzimmer für sich beanspruchte. Schnell lief er zu der Doppeltreppe, die das große Foyer teilte. Als er die oberste Stufe erreicht hatte, eilte er weiter in Richtung des Ostflügels.

„Luc!“ Die Frau war ihm gefolgt. Sie musste rennen, um ihn einzuholen. „Es ist mitten in der Nacht. Er schläft …“

Vor den Türen des Hauptschlafzimmers blieb er stehen. Die Blondine hatte ihn erreicht. Sie war ganz rot im Gesicht, und ihre Brüste hoben und senken sich unter der dünnen Seide und Spitze dieses lächerlichen Negligés.

Sie war purer Sex – und sie war zu haben. Plötzlich wünschte er sich, derjenige zu sein, der sie sich nahm.

Oh ja, diese Hockey-Häschen waren immer ein Riesenspaß gewesen.

„Mach das nicht“, beschwor sie ihn. „Wirklich, Luc …“

Er sah ihr direkt in die babyblauen Augen und öffnete die Tür. Der Geruch von Krankheit schlug ihm entgegen, sauer und chemisch. Er wurde begleitet von dem gelegentlichen Piepen und rhythmischen Saugen medizinischer Geräte. Als er das Zimmer betrat, kam es ihm vor, als hätte Gilcot ihm einen weiteren Hieb auf den Kopf versetzt. Die Welt schien unter seinen Füßen auseinanderzubrechen.

In dem Krankenhausbett mit dem hochgestellten Kopfteil schlief ein Mann. Aber dieses … Skelett, das da im Bett lag, war nicht Lyle Baker. Nicht einmal annähernd. Der große Mann mit der breiten Brust und den haselnussbraunen Augen, der die Streiche eines kleinen Jungen schon sah, bevor er sie anstellte, war verschwunden. Dahingesiecht.

An seiner Stelle lag dort eine Leiche. Die vollen schwarzen Haare waren ihm ausgefallen, seine Gesichtsfarbe glich den weißen Laken unter seinem Kopf. Eine Beatmungsmaske war mit der Lungenmaschine verbunden. Neben ihm piepte ein Herzfrequenzmessgerät, durch unsichtbare Drähte an ihn gekoppelt.

Der alte Mann zuckte im Schlaf und kratzte mit den Fingern über das Laken, als wollte er Albträume vertreiben.

Luc wollte sich eigentlich darüber freuen, sogar begeistert sein, dass das Schicksal dem alten Mann endlich in den Hintern trat. Aber er war völlig fassungslos und am Boden zerstört.

„Zufrieden?“, fragte die Blonde, als wäre sie eine Art Wachhund.

Luc trat einen Schritt zurück, sodass die Tür ihm die Sicht auf den Geist im Bett versperrte. Rasch atmete er einmal tief durch und versuchte, seinen Verstand wieder einzuschalten.

Anscheinend besaß Flittchen-Barbie eine verborgene stahlharte Seite. Ihr Blick war so scharf, dass er ihm direkt in die Brust stach.

Gut! stieß der Wettkämpfer in ihm wütend aus. Lass sie diese Seite ruhig an mir austesten. Sie wird schon sehen, wie weit sie damit kommt.

„Mein Neffe ist müde“, sagte er. „Geben Sie ihm ein Zimmer.“

Sie blinzelte ihn verblüfft an. Zweifellos war sie empört über seinen Ton. Niemand wollte wie ein Dienstbote behandelt werden. Schon gar nicht eine Frau, die dabei war, genau in diese Rolle abzurutschen. Aber Tara Jean hob das Kinn und warf ihre lange blonde Mähne zurück.

„Der Westflügel ist für Sie vorbereitet. Ich bin sicher, Sie werden sich noch daran erinnern …“

„Mein altes Zimmer. Natürlich.“

Völlig entnervt ließ Luc die Frau stehen. So schnell er konnte, floh er vor so viel Krankheit und Schönheit.

3. KAPITEL

Das muss doch nicht jetzt sofort sein“, sagte Tara am nächsten Morgen, als sie Lyle in seinen warmen blauen Morgenrock half. Er wollte seine Familie nicht im Pyjama empfangen. Er beugte sich vor und lehnte seinen mageren, zitternden Körper an ihren Arm, während sie ihm die Ärmel überstreifte. Sie wünschte, der Velours wäre so schützend wie eine Rüstung.

„Natürlich muss es das.“ Trotz seiner Hinfälligkeit klang seine Stimme kräftiger als in den Tagen zuvor. Sie wusste, das kam von der Aufregung, weil seine Kinder gekommen waren, und würde nicht lange dauern. Wenn die Begeisterung abklang, würde er völlig erschöpft sein.

Sie werden ihn umbringen, dachte sie. Er ist so aufgeregt, und sie werden hier reinkommen und ihn einfach fertigmachen.

Sie tätschelte seine magere Brust. Unter dem Stoff des Morgenrocks konnte sie seine Rippen zwar nicht fühlen. Aber sie waren da, wie morbide Meilensteine auf dem Weg zum Ende.

„Sie sind sauer, Lyle. Luc …“

„Sein Taufname ist Wayne. Sein zweiter Vorname ist Luc.“

„Das sieht er anders, mein Lieber. Und wenn sie hier reinkommen, werden beide, Victoria und er, voller Wut sein.“

Lyle schaute sie an, und sie sah das Fieber unter seiner Haut. „Das ist ihr gutes Recht.“ Er verzog die dünnen Lippen zu einem Lächeln. „Aber sie sind hier, nicht wahr? Sie sind gekommen, um zu kämpfen. Mein Plan hat funktioniert.“

„Du bist so schwach“, flüsterte sie.

„Ich sterbe, Tara Jean. Und jetzt hör auf, dich wie meine Amme zu benehmen, und hol mir meine Kinder.“

Er hatte so viel Energie darauf verwendet, genau diesen Augenblick einzufädeln, dass sie nicht mit ihm streiten mochte.

Sie erhob sich vom Bettrand und ging zum Spiegel. Ihre Haare waren hochtoupiert, sie trug jede Menge Make-up, ein grasgrünes Seidenhemd, gerade weit genug aufgeknöpft, um ihr Dekolleté optimal zu präsentieren. Als sie sich leicht vorbeugte, um ihre Brüste noch einmal zurechtzurücken, fühlten sich ihre Finger kalt auf der Haut an. Unpersönlich. Ebenso gut hätte sie Früchte arrangieren können, so getrennt fühlte sie sich von ihrem Körper. Aber ihre Jeans saß eng, und die Absätze ihrer Schuhe waren hoch.

Sie trug das Kostüm eines männermordenden Vamps, und es war makellos.

Und der Mann, den sie mit Haut und Haaren verschlingen wollte, um hinterher seine Knochen auszuspucken, war Luc.

Sie ging über die stillen Flure zum Arbeitszimmer. Sie hatte Ruby gebeten, die Besucher dort zu platzieren. Die Vorstellung, Luc Baker zu manipulieren, an der Nase herumzuführen und überwachen zu lassen, verschaffte ihr eine enorme Genugtuung. Sie erinnerte sich daran, wie er sie letzte Nacht angesehen hatte. Als würde er jedes ihrer hässlichen kleinen Geheimnisse kennen, ein unangenehmes Gefühl. Und zweifellos würde es heute noch schlimmer werden.

Auf der Schwelle zum Arbeitszimmer blieb sie stehen, um ihren Gegner einen Moment zu beobachten. Luc ging vor dem großen Schreibtisch unruhig auf und ab. Seine ganze Wut und unterdrückte Energie brodelte unter der – wie sie zugeben musste – überaus attraktiven Oberfläche.

Sein dichtes schwarzes Haar war leicht gewellt und ließ überraschenderweise seine scharfen Gesichtszüge weicher erscheinen. Er hatte hohe Wangenknochen und ein kräftiges Kinn. Sie wusste, dass er Eishockeyspieler war, aber seinem Gesicht war das nicht anzusehen. Es war perfekt und wirkte vornehm.

Luc Baker war ein kräftiger Mann, groß, mit breiten Schultern und breiter Brust, aber schlank in der Taille. Der graue Nadelstreifenanzug, der gewiss tausend Dollar gekostet hatte, saß wie angegossen. Seine fuchsienfarbige Krawatte war ein heller, eleganter Farbtupfer. Da Tara keine Hockeyspieler kannte, hatte sie eher Jeans erwartet und dazu ein T-Shirt mit Bierflecken.

Interessant, dass er sich für einen Besuch bei seinem Vater anzog, als hätte er einen Termin beim Rechtsanwalt. Oder als würde er zu einer Beerdigung gehen.

Seine Bewegungen waren geschmeidig. Voller Kraft und Präzision. Er verschwendete keine Energie. Nichts war überflüssig. Er war wie ein Schwert, scharf und tödlich.

Wut schoss ihr vom Bauch in die Brust. Sie hatte nicht vor, sich von einem Mann einschüchtern oder bedrohen zu lassen, der nur des Geldes wegen gekommen war. Da konnte er so finster und bedrohlich dreinschauen, wie er wollte.

Was immer er versuchen mochte, es gab nichts, was sie nicht schon gesehen hatte.

„Also dann“, sagte sie und betrat das Arbeitszimmer. Luc lief wie ein Panther im Käfig umher, seine Miene war noch dunkler als seine Haare. Er verströmte Gefahr, und als er sich zu ihr umdrehte, spürte sie seine Wut wie einen Schlag in die Magengrube. „Ich hoffe, Sie haben alle gut geschlafen?“, fragte sie. Wie eine Dampflok geriet sie in Fahrt: „Und hat das Frühstück geschmeckt? Ich schwöre, Ruby macht wahrscheinlich die besten …“

„Wo ist mein Vater?“ Tara hatte Victoria nicht gesehen, die am Fenster stand. Groß und dünn wie ein Strich in der Landschaft verschmolz sie mit den dunklen Vorhängen. Ihr Gesicht wirkte verhärmt. Sie war weiß wie Porzellan, als hätte sie nie im Leben ein Sonnenstrahl berührt. Vielleicht besaß sie auch nur die Privatnummer des besten Hautarztes in New York City. Die Arme hatte sie so fest vor der Brust verschränkt, als wäre sie kaum in der Lage, sich zu beherrschen.

Ungewollt empfand Tara Mitleid. Sie wusste nur zu gut, was es hieß, allein auf sich gestellt zu sein. Ganz allein den Kräften zu trotzen, die einen zerreißen wollten.

Mitleid! So ein Müll!

Tara rief sich ins Gedächtnis, dass es nichts gab, was sie mit dieser Frau gemein hatte. Mit ihren Dämonen musste sie schon allein klarkommen. Hätte Victoria vor zehn Jahren Lyle nicht verlassen und niemals wieder mit ihm geredet, wäre sie jetzt vielleicht nicht so am Ende.

Noch immer konnte Tara kaum glauben, dass diese Frau einen Sohn hatte. Als die Sache mit Victorias Mann die Schlagzeilen beherrschte, hatte Lyle mal wieder im Krankenhaus gelegen. Tara hatte ihm aus der Zeitung vorgelesen. Aber schon bei der ersten Story über das Schneeballsystem, mit dem Victorias Gatte gutgläubige Anleger um ihr Geld gebracht hatte, musste Lyle so heftig lachen, dass es zu einem Herzstillstand kam.

Danach hatte Tara die Finger von den Nachrichten über Victoria und ihren Mann gelassen und Lyle lieber Todesanzeigen und Kreuzworträtsel vorgelesen. Ganz so, wie er es wollte.

Hätte Lyle gewusst, dass er einen Enkel hat, hätte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um den Jungen hierher zu holen. Und sich wahrscheinlich dabei umgebracht.

Der Gedanke daran, wie das Kind letzte Nacht auf dem Schoß seiner Mutter geschlafen hatte, die dunklen Locken feucht in der Stirn, warf Tara für einen Moment aus der Balance. Sie atmete tief durch und brachte sich zurück ins Gleichgewicht.

„Nun ja, Sie müssen den süßen Lyle schon entschuldigen, er kommt nicht mehr viel herum. Er möchte Sie alle gern sehen, aber das wird in seinem Zimmer passieren.“

„Schön“, blaffte Luc sie an. Tara sah, wie er sie mit seinen dunkelbraunen Augen verschlang, wie sein Blick über ihren Körper glitt, ihre Kleidung bis auf die Haut durchdrang, und tiefer bis ins Blut und ihre Knochen.

Ein Kribbeln durchfuhr ihren Körper und ließ ihn erzittern, so wie einen Wohnwagen im Tornado.

Jahrelang war sie wie betäubt gewesen. Tiefgefroren. Unbewegt.

Und ausgerechnet jetzt, als sie dem Zorn dieses Mannes ausgesetzt war, da bebte sie? Es war unglaublich. Geradezu schockierend.

Luc kam auf die Tür zu, als hätte er vor, wieder über die Flure zu rennen, wie er es letzte Nacht getan hatte. Doch Tara blieb stehen, wo sie war, hob einen Arm und stemmte eine Hand an den Türrahmen. Seine Augen sprühten vor Zorn. Er presste die Lippen zusammen, blieb jedoch wenige Zentimeter vor ihr stehen.

Die Luft war elektrisch aufgeladen. Zwischen ihnen tobte ein Energiegewitter, und sämtliche Härchen an ihrem Körper stellten sich zitternd auf.

Du kannst mich nicht einschüchtern, dachte sie und stemmte die Fersen in den Boden. Dabei sah sie ihm fest in die Augen und lächelte, gerade genug, um seinen Blick auf ihre roten, roten Lippen zu lenken.

Die Lippen einer Sünderin, wie Grant Wasinsky zu sagen pflegte. Er war der schlimmste aller Freunde ihrer Mutter gewesen. Als Momma seine Absichten endlich durchschaute und ihn vor die Tür setzte, war es leider schon viel zu spät. Aber immerhin, ihre Mutter hatte es versucht, das musste sie ihr zugutehalten.

Und die Glut in Lucs Blick bewies, dass er keineswegs so immun gegen ihre Reize oder so angewidert von ihr war, wie er es gerne gewesen wäre.

„Benimm dich“, flüsterte sie ihm zu und wartete, bis seine dunklen Augen wieder in ihre blickten. In seinem Gesicht mischten sich Lust und Abscheu. „Ich gehöre deinem Daddy.“

„Ignoriere sie einfach“, flüsterte Victoria, während sie Tara Jean und ihrem perfekt geformten Jeanshintern über die Flure folgten. Pausenlos quasselte Tara Jean über das Haus, als wüssten sie nichts darüber. Als wären sie nie in Pyjamas, auf nackten Füßen oder in Stiefeln über diese Flure gerannt – meist auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich vor dem Gürtel des alten Mannes verstecken konnten.

„Sie zieht dich nur auf“, fügte Victoria mit spitzen Lippen hinzu, „und du fällst darauf herein.“

Vicks hatte recht, das war ihm klar, aber das machte ihn nur noch wütender. Tara Jean war nichts. Weniger als nichts.

Vor der Schlafzimmertür blieben sie stehen. Tara Jean zögerte und schien etwas sagen zu wollen. Aber dazu ließ er ihr keine Möglichkeit. Ganz gleich, was geschehen würde, wie übel es auch werden mochte: Es ging nur Luc und seine Schwester etwas an. So war es immer gewesen.

„Es steht schlimm um ihn“, erklärte er Victoria und nahm ihre Hand. Jeden einzelnen ihrer Knochen konnte er fühlen und auch den Puls unter der Haut. „Wir müssen das nicht tun.“

Sie nickte ihm kurz zu und drückte seine Finger. „Lass uns reingehen.“

Er streckte den Arm aus und griff an Tara Jean vorbei nach dem Türknauf. Sie beobachtete ihn mit undurchdringlicher Miene. Luc öffnete die Tür so weit, dass der Blick frei war auf das Bett, die Maschinen und den Mann, den sie am Leben hielten.

Victoria rang nach Luft.

„Na, sieh mal einer an“, sagte das Skelett auf dem Bett.

So lebhaft sah das Skelett dem Vater, an den Luc sich erinnerte, sehr viel ähnlicher. Die strahlenden Augen, das Lächeln. Die Arroganz.

Der König lag zwar im Sterben, aber tot war er noch nicht.

„Warum nehmt ihr nicht Platz?“ Tara wollte sich an ihnen vorbeischieben und zu den beiden Stühlen gehen, die neben dem Bett standen. Luc streckte eine Hand aus, um sie zurückzuhalten. Er berührte sie nicht, aber er konnte die Wärme spüren, die ihr lächerlicher Körper ausstrahlte. Ihr Seidenhemd streifte seine Handfläche. Es fühlte sich an wie ein Elektroschock, der durch seinen Körper fuhr.

Benimm dich! erinnerte er sich, kochend vor Wut.

„Sie können gehen“, sagte er laut.

Lächelnd trat Tara etwas näher, sodass erst die Seide ihres Hemds und dann die straffe Haut an ihrem Bauch seine Hand berührte.

„Im Leben nicht.“

Sie huschte an ihm vorbei und ging um Lyles Bett herum. Erst schob sie nur eine ihrer wohlgeformten Hüften auf seine Matratze, dann schmiegte sie ihren ...

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