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Hilmar Sack

Geschichte im politischen Raum

Theorie – Praxis – Berufsfelder

Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG

A. Francke Verlag Tübingen

Inhalt

  • Zusatzmaterial
  • 1 Einleitung
    • Die Themen
  • 2 Erinnerungskultur: Leitbegriff in Wissenschaft und Gesellschaft
    • 2.1 Von der Sehnsucht nach Geschichte in Zeiten globalen Wandels
    • 2.2 Dreiklang der geschichtswissenschaftlichen Gedächtnisforschung: Kollektives, kommunikatives und kulturelles Gedächtnis
    • 2.3 Zur Relevanz politischer Mythen
    • 2.4 Geschichtspolitik und Geschichtsgefühl
    • 2.5 Kein Recht auf Vergessen? Und wo bleibt die Zukunft?
  • 3 Zur Zukunft des Gedenkens – neue Herausforderungen der Geschichtspolitik
    • 3.1 Das Ende der NS-Zeitzeugenschaft
    • 3.2 Erinnern in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung
    • 3.3 Erinnern in der Einwanderungsgesellschaft
  • 4 Deutsche Geschichtsbezüge und die großen geschichtspolitischen Debatten
    • 4.1 Geschichtsbezüge
      • In weiter Ferne so nah: Das Mittelalter und die regionale Identitätsstiftung
      • Preußens langer Schatten
      • Die Gewaltgeschichte zwischen 1914 und 1945
      • Doppelte Diktaturerfahrung: Die DDR
      • Vom langen ‚Sonderweg‘ nach Westen: Deutsche Freiheits- und Demokratiegeschichte
    • 4.2 Geschichtsdebatten
      • Kontroverse reloaded: Die Kriegsschuldfrage
      • Die Mutter aller Debatten – der ‚Historikerstreit‘
      • ‚Ganz normale‘ Deutsche? Goldhagen-Debatte und Wehrmachtsausstellung
      • Die DDR: ein Unrechtsstaat?
  • 5 Politische Symbolik: Von Verfassung, Hoheitszeichen und Architektur
  • 6 Erinnern und Gedenken als kulturpolitisches Handlungs- und Berufsfeld
    • 6.1 Von der Vergangenheitsbewältigung zur Aufarbeitung
      • 6.1.1 Begriffsbestimmung
      • 6.1.2 Fallbeispiel: Die politische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit
    • 6.2 Grundlagen und Akteure deutscher Kulturpolitik
      • Berufsfelder
      • Das Berufsfeld Kulturpolitik: 3 Fragen ...
    • 6.3 Das Gedenkstättenkonzept des Bundes
    • 6.4 Nationalfeiertag und Gedenktage
      • Der Nationalfeiertag
      • Politische Gedenktage
    • 6.5 Arbeiten am authentischen Ort: Die Gedenkstätte
      • Das Berufsfeld Gedenkstätte: 3 Fragen ...
    • 6.6 Forschungseinrichtungen, Museen und außerschulische Bildungsträger
      • Das Berufsfeld politisch-historische Bildung: ...
    • 6.7 In Stein gemeißeltes Erinnern: Deutsche Denkmalspolitik
      • Politischer Totenkult: Die „Neue Wache“
      • Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas: NS-Vergangenheit im Mahnmal
      • Steinerne Freiheits- und Demokratietradition: Das Einheitsdenkmal
  • 7 „Auch Reden sind Taten“: Geschichte in der politischen Rhetorik
    • 7.1 Politische Reden und die Rolle von Geschichte
    • 7.2 Gelungene, misslungene und überhörte Reden: Drei Fallbeispiele
      • Ein Anlass, zwei Bundespräsidenten, gänzlich unterschiedliche Wirkung: Reden zum 8. Mai
      • Die „Jenninger-Rede“ zum 9. November und ihre Folgen
    • 7.3 Redenschreiben ist keine Wissenschaft – aber eine Kunst
    • 7.4 Redenschreiben als Beruf
      • Das Berufsfeld Redeschreiben: 3 Fragen ...
  • 8 Geschichtspolitik und Medien
    • Das Berufsfeld Verlagswesen und ...
  • 9 Glossar
  • 10 Wichtige Institutionen, Ansprechpartner, Zeitschriften und Links
    • Verbände, Arbeitskreise
    • Staatliche Institutionen
    • Zentralen für politische Bildung
    • Stiftungen/Vereine
    • Gedenkstättenportale
    • Forschungsinstitute (Auswahl – wichtig sind vor allem die Institute an den jeweiligen Universitäten)
    • Wichtige Zeitschriften und Webportale
  • 11 Literatur
  • 13 Abbildungsnachweis
  • Personenregister
  • Sachregister

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1 Einleitung

„Die Erinn’rung ist eine mysteriöse

Macht und bildet die Menschen um.

Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.

Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.“

(Erich KästnerKästner, Erich, „In memoriam memoriae“)

1989 provozierte Francis FukuyamaFukuyama, Francis mit einer steilen These: Angesichts des Niedergangs des realexistierenden Sozialismus prognostizierte der amerikanische Politikwissenschaftler im Siegeszug des Liberalismus mit seinen westlichen Ordnungsmodellen Demokratie und Marktwirtschaft die Überwindung aller weltpolitischen Widersprüche, mithin das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama 1989). Im Gegensatz dazu gab zwei Jahrzehnte später der große Liberale Lord Ralph DahrendorfDahrendorf, Ralph (19292009) einem Sammelband seiner seit 1989 publizierten Essays den Titel „Der Wiederbeginn der Geschichte“ (Dahrendorf 2004). Dahrendorf sah gerade im Systemgegensatz des Kalten Krieges – Ost gegen West – den Geschichtsverlauf zu einem künstlichen Stillstand gekommen und erst mit dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs den historischen Prozess wieder machtvoll neu beginnen. 1989 – Ende oder Anfang? Die revolutionären Veränderungen in Mittelost- und Osteuropa verlangten nach historischer Einordnung und inspirierten zu gänzlich unterschiedlichen Interpretationen. Vieles, was bislang gegolten hatte, galt nun nicht mehr. Solche historischen Aneignungsprozesse sind eminent politisch. Denn, um KästnersKästner, Erich Eingangsverse aufzugreifen: Was war eigentlich schön und was war schlimm? Was soll warum erinnert, was besser vergessen werden? Welche Erinnerung hilft weiter, welches VergessenVergessen macht blind und führt womöglich in die Katastrophe – und vor allem: Wer bestimmt darüber?

 

Geschichte und Politik sind untrennbar aufeinander bezogen, sie sind miteinander ‚verwoben‘, wie der Politikwissenschaftler Werner WeidenfeldWeidenfeld, Werner (1987, 13) formuliert: „Geschichte konstituiert Politik – und Politik konstituiert Geschichte.“ Das vorliegende Buch stellt dieses „doppelte Bezugsverhältnis“ (WolfrumWolfrum, Edgar 2010, 21) ins Zentrum. Es thematisiert damit die politische Dimension der Angewandten Geschichte/Public History – ein potentiell uferloses Thema, das Begrenzung erfordert. Deshalb bleiben die großen, politisch wirkmächtigen Interpretationen der Geschichtsphilosophie, wie etwa der Historische Materialismus, unberücksichtigt; und auch eine Einführung in die politische Ideengeschichte wird ausgespart. Es ist zudem unvermeidlich, sich in Zeit und Raum zu begrenzen: Der Fokus liegt auf der Zeitgeschichte und es wird vorrangig eine nationale, nämlich deutsche Perspektive eingenommen – allerdings um dort zeitlich auszuholen und auf andere Länder oder transnationale Prozesse zu verweisen, wo dies sinnvoll oder notwendig ist.

 

An mehreren deutschen Universitäten haben sich im Hinblick auf Angewandte Geschichte/Public History Studienangebote etabliert, die mit Hilfe von Theorien und Forschungsansätzen der Fachwissenschaft die Studierenden in praxisorientierter Ausbildung darauf vorbereiten, Geschichte zu vermitteln – sei es in MuseenMuseen, im Tourismus oder in den Medien. Die politische Dimension der Geschichte, also Fragen von ErinnerungskulturErinnerungskultur und GeschichtspolitikGeschichtspolitik, stehen überall auf den Lehrplänen, sie zählen zum Basiswissen der Absolventen – und sie werden folglich auch in diesem Buch thematisiert. Der politische Raum als ein eigenes Praxisfeld der Geschichtsvermittlung – und damit nicht zuletzt als ein potentielles Berufsfeld für Historiker – bleibt demgegenüber in den Curricula unterbelichtet. Dieses Lehrbuch, das sich an interessierte Studierende in Bachelor- und Master-Studiengängen richtet, soll den Grundbestand im Werkzeugkasten des künftigen Geschichtsvermittlers im politischen Raum erweitern, es dient der Praxisorientierung zwischen Fachwissenschaft und einschlägigen Berufsfeldern.

 

Im Zentrum stehen (kultur-)politische Handlungsbereiche, für die geschichtliche Erfahrung Bedeutung hat oder die direkt auf unsere Vorstellung von Geschichte einwirken. Wenn dabei vom ‚politischen Raum‘ gesprochen wird, dann deshalb, um den Blickwinkel nicht auf die Politik zu verengen, mit der gemeinhin der Staat und seine politischen Akteure in Regierung, Verwaltung und Parlament gemeint sind. Der politische Raum konstituiert sich vielmehr im Zusammen- und Gegenspiel einer Vielzahl von Akteuren, zu denen neben den Repräsentanten und Institutionen des Staates sowie den politischen Entscheidungsträgern unter vielen anderen auch Medien, Wissenschaft und Vertreter aus der Zivilgesellschaft gehören.

Die Themen

Geschichte ist en vogue. War das schon immer so? Und warum ist das eigentlich heute so? Detaillierter gefragt: Was wurde bzw. was wird erinnert, welche Vergangenheit erweist sich – bei wem und zu welchen Zeiten – als politisch anschlussfähig und ist noch immer aktuell? In diesem Kontext ist der schillernde Begriff ‚ErinnerungskulturErinnerungskultur‘ allgegenwärtig und zählt längst zum Grundwortschatz der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung. Er verweist auf transdisziplinäre Forschungsansätze der Wissenschaft, die sich seit einigen Jahrzehnten intensiv mit dem individuellen und kollektiven GedächtnisGedächtniskollektives befassen. In einem ersten Abschnitt werden zentrale Theorien vorgestellt und Sichtachsen durch das Geflecht einer verwirrenden, quasi-babylonischen Begriffsvielfalt geschlagen: vom kommunikativen und kulturellen GedächtnisGedächtniskulturelles über politische MythenMythos, politischer und ErinnerungsorteErinnerungsorte bis zum GeschichtsbewusstseinGeschichtsbewusstsein, der Vergangenheits- und/oder GeschichtspolitikGeschichtspolitik (→ Kapitel 2).

Öffentliches Erinnern und Gedenken unterliegen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Welche (geschichts-)politischen Implikationen ergeben sich daraus? Dies wird an drei Beispielen diskutiert: der EuropäisierungEuropa und GlobalisierungGlobalisierung, der Zuwanderung sowie der Folgen des Aussterbens der Generation von ZeitzeugenZeitzeuge des NationalsozialismusNationalsozialismus (→ Kapitel 3).

Die Geschichte an sich gibt es nicht; es gibt tote, ‚kalte‘ Vergangenheit, die erst im Zugriff der Gegenwart zur lebendigen, politisch ‚heißen‘ Geschichte wird. Im Kontrast zu Diktaturen, in denen die Propaganda gewünschte Geschichtsbilder diktiert, vollzieht sich die Verständigung über die Geschichte in pluralistischen, demokratischen Gesellschaften im Widerstreit unterschiedlicher Erinnerungen und konkurrierender Vorstellungen von der Vergangenheit; es herrscht ein permanenter Deutungskampf, ein Wettstreit der Geschichtsbilder. Zentrale Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit aus den letzten Jahrzehnten werden exemplarisch vorgestellt (→ Kapitel 4). Neben diesen Geschichtsauffassungen, die sich diskursiv herausgebildet haben, werden historische Repräsentationen benannt, in denen sich staatliche Vergangenheitsbezüge materialisieren: im GrundgesetzGrundgesetz etwa, in den Staatsymbolen oder – hier nicht selten kontrovers diskutiert – in der Staatsarchitektur (→ Kapitel 5).

Geschichte ist heute längst nicht mehr alleine eine Disziplin der wissenschaftlichen Experten. Dieses Lehrbuch weist deshalb vom Höhenkamm wissenschaftlicher Debatten den Weg immer auch in die vermeintlichen Niederungen des Feuilletons und vor allem der praktischen Politik als potentiellem Berufsfeld für den angehenden Historiker. Das eigentliche politische und staatliche Handlungsfeld im Bereich der ErinnerungskulturErinnerungskultur ist die Gedenkpolitik. Sie wird vor allem mit Blick auf GedenktageGedenktage, Denkmale, Gedenkstätten sowie ForschungseinrichtungenForschungseinrichtungen, MuseenMuseen und außerschulische Bildungsträger dargestellt. Weiter wird herausgearbeitet, wie Politik und Justiz in den vergangenen Jahrzehnten die doppelte Diktaturerfahrung in Deutschland aufgearbeitet haben (→ Kapitel 6).

Dass dem gesprochenen Wort im Rahmen politischen Gedenkens eine besondere Rolle zukommt, liegt auf der Hand und wird deshalb in einem gesonderten Kapitel über politisch-historische RedeRede, politisch-historischen beleuchtet. Es legt als herausgehobener Praxis-Teil dieses Buches den Schwerpunkt auf das RedenschreibenGhostwriting/Redenschreiben (→ Kapitel 7).

Schließlich: Der politische Raum konstituiert sich in der Öffentlichkeit über vermittelnde Medien: Bücher, Presse, Rundfunk und Fernsehen sowie das Internet. Dieser Themenkomplex wird mittels eines Gesprächs mit dem Historiker und Journalisten Sven Felix KellerhoffKellerhoff, Sven Felix sowie mit Fragen an einen Vertreter der Verlagsbranche beleuchtet (→ Kapitel 8).

 

Die Kapitel führen in den wissenschaftlichen Forschungsstand ein und benennen zentrale theoretische Fragestellungen, sie beschreiben Instrumentarien und geben Hinweise auf notwendiges Basiswissen und Berufsqualifikationen. Infokästen und ein Glossar vermitteln Hintergründe und dienen der Definition von Begriffen. In der Rubrik „3 Fragen …“ beantworten Praktiker aus Politik und Kultur, was sie unter GeschichtspolitikGeschichtspolitik verstehen, und berichten, welche Bedeutung sie in ihrem Arbeitsalltag hat. Das Lehrbuch bleibt zwangsläufig fragmentarisch, es kann das Zusammenspiel von Geschichte und Politik weder in seiner thematischen Bandbreite noch erschöpfend behandeln. Vielmehr ähnelt es einem Rundflug über eine facettenreiche Landschaft. Deshalb geben Verweise auf weiterführende Literatur am Ende jedes Kapitels die Möglichkeit zur Vertiefung skizzierter Fragestellungen, ebenso wie die Bibliografie und eine Liste relevanter Institutionen, die diesen Band komplettieren.

2 ErinnerungskulturErinnerungskultur: Leitbegriff in Wissenschaft und Gesellschaft

2.1 Von der Sehnsucht nach Geschichte in Zeiten globalen WandelsGlobalisierung

„Die Suche nach der Erinnerung hat eingesetzt“, verkündete 1982 ein Sammelband über Geschichte und demokratische Identität in Deutschland (Ruppert 1982, 9). Was damals vermeintlich erst begann, gehört heute unbestritten zu den prägenden Zeittendenzen: die Hinwendung zur Vergangenheit. Das Erinnerungspostulat ist so allgegenwärtig, dass sich kaum mehr vorstellen lässt, dies sei einmal anders gewesen. Doch tatsächlich bedurfte es dazu eines tiefgreifenden Mentalitätswandels. Zuvor hatte eher der Begriff „Geschichtslosigkeit“ (Heimpel 1957, 4) das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik bestimmt. Mit dem Zivilisationsbruch zwischen 1933 und 1945 schien die Brücke zur nationalen Vorgeschichte abgebrochen – ein Eindruck, der sich mit der Fixierung auf die nationalsozialistische Diktatur im Generationenkonflikt der 1960er Jahre und durch die intensivierte AufarbeitungVergangenheitsbewältigung dieser Epoche in der Folge zunächst noch verstärkte.

 

Heute sagt Paul NolteNolte, Ernst hingegen: „So viel Geschichte war selten“ (Nolte 2003, 24). Der Trend wechselte rasant von der „Geschichtsvergessenheit“ zur „Geschichtsversessenheit“ (Assmann/Frevert 1999). Erinnern wurde zu einer gesellschaftlichen Leitinstanz und „ErinnerungskulturErinnerungskultur“ (→ Glossar) avancierte zum dominierenden Begriff in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – mit ihr weitete sich das Interesse auf andere Epochen der Geschichte, auch wenn die NS-AufarbeitungVergangenheitsbewältigung in Deutschland geschichtspolitisch stets im Mittelpunkt blieb. Numerisch lässt sich das historische Interesse, das über Wissenschaft, Feuilleton und Politik hinaus längst in der Breite der Gesellschaft anzutreffen ist, an der hohen Zahl von MuseenMuseen ablesen. Binnen weniger Jahrzehnte wuchs sie in Deutschland um ein Drittel auf heute weit über 6000. Neben zahlreichen von Vereinen getragenen kleineren Dorfmuseen und Heimatstuben ziehen Ausstellungen großer staatlicher Museen als gesellschaftliches Ereignis regelmäßig die Massen an. Daneben folgen seit den 1970er Jahren viele historisch interessierte Bürger in lokalen Geschichtswerkstätten dem Aufruf: „Grabe, wo Du stehst!“ Parallel zu diesen Formen gewissenhafter (wissenschaftlicher) AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der Vergangenheit hat sich das ‚Histotainment‘ entwickelt, das vom aufwendig inszenierten Ritterspektakel über das Computerspiel bis zur interaktiven App fester Bestandteil der Tourismus- und Unterhaltungsindustrie geworden ist. Geschichte erweist sich obendrein als film- und fernsehtauglich, sogar als quotenstark. Auf den Bestsellerlisten erscheinen historische Romane, dazu Biographien und Memoiren. Magazine füllen regelmäßig ihre Titelgeschichten mit Serien zu historischen Ereignissen und Persönlichkeiten. Selbst vor der Wirtschaft und ihren Unternehmen macht der Trend nicht Halt: „Zukunft braucht Herkunft“ – Odo MarquardsMarquard, Odo Kurzformel zur nachhaltigen Bedeutung der Vergangenheit für Gegenwart und ZukunftZukunft (Marquard 2003) ist bis in die Etagen der Marketingabteilungen vorgedrungen. Als eingängiger ‚Claim‘ legitimiert sie hier in Abgrenzung zu klassischen Kommunikationsmaßnahmen eine populäre, spezifisch historische Ausrichtung von Werbung und Marketing.

 

History rules – and sells. Was hat diesen Paradigmenwechsel bewirkt? Die Forschung verweist auf mehrere Prozesse, die seit den 1970er Jahren zu einer „grundlegenden mentalitätsgeschichtlichen Wende“ geführt haben (Cornelißen 2003, 553; zum Folgenden vor allem auch SchmidSchmid, Harald 2009c, 56ff.). So sei mit der ersten großen Energie- und Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit der Fortschrittsglaube aus der Gründungsära verloren gegangen. Mehr noch: Neue soziale und ökologische Bewegungen, die die ‚Grenzen des Wachstums‘ und soziale Ungerechtigkeiten in einem globalen Rahmen problematisierten, hätten den planvollen Zukunftsoptimismus der Moderne grundsätzlich in Frage gestellt. An seiner Stelle seien Skepsis und Krise getreten. Überdies sei es nach den ideologischen ‚Sechzigern‘ zu einer Abkehr von politischen Utopien gekommen, habe etwa der Marxismus, nicht zuletzt angesichts der ernüchternden Erfahrung mit dem realexistierenden Sozialismus, an Strahlkraft verloren. Orientierung versprach man sich nun weniger von Ideologien und ihren ZukunftsentwürfenZukunft, sondern vom Blick zurück: von den Erfahrungen der Vergangenheit. Nach der Wende 1989/90 beschleunigte sich zudem ein in jeder Hinsicht grenzenloses Phänomen gesellschaftlichen Wandels: die GlobalisierungGlobalisierung. Rasante technische Neuerungen, insbesondere auf dem Feld der Kommunikationsmittel, ließen die Welt zum Dorf schrumpfen. Nationale Ereignisse bekommen heute globale Bedeutung, Entwicklungen in weiter Ferne nehmen unmittelbar Einfluss auf das eigene Land. Dies führt nicht nur zwangsläufig zur Universalisierung der Erinnerung an historische Ereignisse (→ Kapitel 3.2). Die Komplexität der Welterfahrung lässt in einer Gegenreaktion zugleich auch lokale und regionale Traditionen an Bedeutung gewinnen. Mit dem Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ und der Wiedervereinigung erfuhr zudem die Nation als identitätsstiftender Rahmen einen Bedeutungszuwachs, jedenfalls in Deutschland und in den jungen mittelost- und osteuropäischen Demokratien. Konträr zum zeitlich parallel verlaufenden europäischen Einigungsprozess wurden verschüttete nationale Traditionen neu in den Blick genommen. Und noch etwas nährte das Interesse an der Vergangenheit: Die untergegangene DDRDDR forderte nach AufarbeitungVergangenheitsbewältigung (so wie die alte Bundesrepublik nach Historisierung). Gleichzeitig vergegenwärtigten sich ehemalige DDR-Bürger in wiederkehrenden nostalgischen Schüben ihrer Alltagserfahrungen jenseits von Diktatur und Staatssicherheit – heftige politische Kontroversen darüber inbegriffen.

 

Der Antiquitäten- und Flohmarktboom in Deutschland, die Rekonstruktionen ganzer Bauensembles oder die politische Idee der UNESCO-WeltkulturerbesUNESCO-Weltkulturerbetätte: Sie alle sind Ausdruck von gesellschaftlichen Musealisierungsprozessen. Was liegt diesem Großtrend zugrunde? Aufschlussreich ist die Kompensationstheorie eines Kreises liberalkonservativer Denker um Joachim RitterRitter, Joachim (19031974), unter ihnen Hermann LübbeLübbe, Hermann und Odo MarquardMarquard, Odo (19282015) (siehe Hacke 2006). Die sich von Tradition und Vergangenheit entfremdende Moderne entwickelt demnach eine paradoxe Eigendynamik, indem sie selbst wieder die Beschäftigung mit der Vergangenheit produziere. Nur so seien die beschleunigten Modernisierungsprozesse, die ja erst zur Geschichtslosigkeit geführt hätten, auszuhalten (Lübbe 1982, 18). Als diagnostischer Erklärungsansatz für die dynamische Hinwendung zur Vergangenheit ist diese Theorie einleuchtend und bis heute wirkmächtig. Widerspruch löst hingegen aus, sie normativ zu begreifen. Den Geisteswissenschaften und den kulturellen Akteuren würden dann nämlich, so lautet die Kritik, nur eine gesellschaftsstabilisierende Funktion zufallen, indem sie – ökonomische und soziale Defizite ausgleichend – „Modernisierungsschäden“ (Marquard 1986, 105) kompensierten.

Infobox
UNESCO-WeltkulturerbeUNESCO-Weltkulturerbe

1972 verabschiedete die Generalkonferenz der UNESCO in Paris die „Internationale Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“. Stätten von „außergewöhnlichem universellen Wert“ stehen seitdem unter der Obhut der gesamten Menschheit. Die Unterzeichner (die Bundesrepublik trat 1976 bei) verpflichten sich dazu, diese ausgewählten Orte im eigenen Land zu pflegen und für die Nachwelt zu erhalten. In Deutschland sind heute 41 Natur- und Kulturdenkmale (Stand: Herbst 2016) auf der Welterbeliste der UNESCO verzeichnet. Das Spannungsverhältnis von moderner Stadtentwicklung und Schutz des Welterbes zeigten in der jüngeren Vergangenheit die heftigen Debatten um die Bebauung am Kölner DomKölner Dom und um die Waldschlösschenbrücke im Dresdner Elbtal.

Mit dem gesellschaftlichen Bedeutungsgewinn der Vergangenheit verband sich ein gewachsenes Bewusstsein für die Geschichte als Politikum. Wer sich politisch auf Vergangenes bezieht, strebt in der Regel nach Sinnstiftung, ihm geht es um Identität, um Bindungen und Loyalitäten – und immer auch darum, politisches Handeln zu begründen und zu legitimieren. Erinnern sei ein politisches Auseinandersetzungsfeld par excellence, vielleicht das wichtigste, sagt der Sozialpsychologe Harald WelzerWelzer, Harald, es ginge darum, wer die richtige Erinnerung definiere. Dieser Kampf werde eher schärfer, Erinnerung sei nicht auf dem Rückzug, sondern auf dem Vormarsch: „Erinnerung gilt als Wert an sich, und sie wird immer mehr zur Obsession“ (Feddersen/Reinecke 2005).

 

Halten wir also fest: In Zeiten des Wandels gewinnt das historische Bewusstsein als eine kulturelle Fähigkeit immens an Bedeutung. Erinnern avancierte seit den 1970er Jahren in Deutschland, und nicht nur hier, zum „neuen kategorischen Imperativ“, hat sich überall als eine „kulturelle, soziale und politische Wirklichkeit ersten Ranges durchgesetzt“ (François 2009, 23, 36). Und angesichts einer Welt im rasanten globalen Wandel ist ein Ende des ‚Erinnerungsbooms‘ nicht absehbar – vielmehr öffnen sich vielfältige Berufsperspektiven für angehende Historiker, die Freude am öffentlichen Diskurs haben und sich daran aktiv beteiligen wollen. Zu den wichtigsten Akteuren – und potentiellen Arbeitgebern – gehören der Staat mit seiner offiziellen Gedenkpolitik genauso wie die Medien und zahlreiche Initiativen und Projekte der Zivilgesellschaft – und natürlich die Wissenschaft. Mag letztere in der öffentlichen Debatte zwar in die Defensive gedrängt sein, so liefert sie ihr dennoch die grundlegenden Theorien und notwendigen Stichworte. Sie stellen ein unerlässliches Basiswissen für jeden angehenden ‚Erinnerungsarbeiter‘ dar. Um sie geht es in den folgenden Kapiteln.

Weiterführende Literatur

Cornelißen 2003: Christoph Cornelißen, Was heißt ErinnerungskulturErinnerungskultur? Begriff – Methoden – Perspektiven. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54, 2003, 548563.

Frevert 2003: Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited. Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 4041, 2003, 613.

Zeitschrift für Politikwissenschaft 25. Jg. 4 (2015), Schwerpunkt: Wie wirkungsmächtig ist Geschichte in der Politik?, 559591.

SchmidSchmid, Harald 2008: Harald Schmid, Kommodes Gedenken: die ErinnerungskulturErinnerungskultur des vereinten Deutschlands. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 53, H. 11, 2008, 91102.

WinklerWinkler, Heinrich August 2004a: Heinrich August Winkler, Aus der Geschichte lernen? Zum Verhältnis von Historie und Politik in Deutschland nach 1945. In: Die Zeit, 25.3.2004.

WolfrumWolfrum, Edgar 2010: Edgar Wolfrum, ErinnerungskulturErinnerungskultur und GeschichtspolitikGeschichtspolitik als Forschungsfelder. Konzepte – Methoden – Themen. In: Jan Scheunemann (Hg.), Reformation und Bauernkrieg. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im geteilten Deutschland (Leipzig 2010) 1347.

2.2 Dreiklang der geschichtswissenschaftlichen Gedächtnisforschung: Kollektives, kommunikatives und kulturelles GedächtnisGedächtniskulturelles

Seit den 1970er Jahren vollzog sich ein Richtungswechsel im Forschungsinteresse vieler Historiker. Ihr Augenmerk ruhte nicht mehr allein auf der Geschichte, wie sie sich vollzogen hat, sondern zugleich darauf, wie sie rezipiert und interpretiert wurde. Dadurch wurde ‚das GedächtnisGedächtnis‘ zum zentralen Gegenstand eines eigenen Forschungsschwerpunkts innerhalb der Geschichtswissenschaft. Diese Perspektivverschiebung führte zu einer Vielzahl von Theorien und Konzepten, die sich oft wechselseitig aufeinander beziehen. Mit stets neuen Begriffen bestellt die Wissenschaft ihr noch immer junges Forschungsfeld (siehe z.B. Frei 1996; König/Kohlstruck/Wöll 1998; Kohlstruck 2004; Reichel 1995; Wolfrum 1996). Der souveräne Umgang mit ihnen ist für den Historiker, der sich beruflich auf das weite Feld der ErinnerungskulturErinnerungskultur begibt, unabdingbar.

Infobox
Geschichtsbewusstsein, Geschichtskultur, Vergangenheitspolitik

Die Reflexion über den Umgang mit der Vergangenheit hat eine eigene (Begriffs-)Geschichte, von der Edgar Wolfrum (2013, 37) sagt, sie sei die „reine Kakofonie“. Bis heute prägend ist der Ausdruck Geschichtsbewusstsein, den die Geschichtsdidaktik in den 1970er Jahren einführte und seitdem theoretisch füllte (siehe Jeismann 1988). Schnell fand dieser Begriff auch umgangssprachlich Gebrauch. Geschichtsbewusstsein als die individuelle „Vorstellung von und Einstellung zur Vergangenheit“ (Jeismann 1977, 12f.) verleiht Gegenwart und Zukunft Sinnhaftigkeit und schafft Orientierung. Geschichtsbewusstsein umfasst nach Hans-Jürgen Pandel mehrere Dimensionen, vor allem ein Zeitbewusstsein, d.h. die Erkenntnis und Deutung der miteinander verwobenen Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Außerdem baut es darauf, zwischen Realität und Fiktion unterscheiden sowie Kontinuität und Wandel erkennen zu können. Hinzu kommen gesellschaftlich-soziale Dimensionen des Geschichtsbewusstseins, die auf Identitäten, Machtstrukturen, soziale Ungleichheiten und Moralvorstellungen verweisen (Pandel 1993).

Während beim Geschichtsbewusstsein das Individuum und sein subjektiver Umgang mit der Zeiterfahrung in den Blick genommen werden, bezieht sich Geschichtskultur auf die „Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte umgeht“ (Pandel 2009, 86). Geschichtskultur, die vor allem Jörn Rüsen und Bernd Schönemann theoretisch ausdifferenziert haben, wirkt weit über die Geschichtsdidaktik hinaus, ist aber ein Begriff der Wissenschaft geblieben (siehe Rüsen 1994; Schönemann 2006). Deutlich ist die inhaltliche Nähe zur Erinnerungskultur, die sich begrifflich auch im vorwissenschaftlichen Raum, sogar alltagssprachlich durchgesetzt hat. Auch der jüngste Terminus Geschichtspolitik hat längst die Grenzen der Wissenschaft verlassen und wird jenseits des eingegrenzten historischen Theorie- und Forschungsansatzes allgemein für den öffentlichen Umgang mit Geschichte benutzt. Gelegentlich wird als Synonym von Vergangenheitspolitik gesprochen. Das ist insofern begrifflich ungenau, als der Historiker Norbert Frei diesen Begriff 1996 nur für den zeitlich und thematisch begrenzten rechtlichen und materiellen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Frühphase der Bundesrepublik prägte (Frei 1996). Daran anknüpfend widmen sich inzwischen weitere Forschungen der Aufarbeitung von Diktatur und Gewalt in der Übergangsphase zur Demokratie in anderen Ländern (siehe Vergangenheitspolitik 2006; Oettler 2004).

 

„Es gibt keine kollektive Erinnerung, wohl aber kollektive Bedingungen möglicher Erinnerungen“, postulierte im Jahr 2000 Reinhart KoselleckKoselleck, Reinhart (19232006). Er plädierte für ein Vetorecht persönlicher Erfahrungen gegenüber jeder Vereinnahmung in ein Erinnerungskollektiv: „So wie es immer überindividuelle Bedingungen und Voraussetzungen der je eigenen Erfahrungen gibt, so gibt es auch soziale, mentale, religiöse, politische, konfessionelle Bedingungen – nationale natürlich – möglicher Erinnerungen“ (Koselleck 2000, 20). Koselleck fand dafür das anschauliche Bild von Schleusen, die die persönlichen Erfahrungen filtern, damit sich klar unterscheidbare Erinnerungen festsetzen können. Die moderne Gedächtnisforschung fasst die Vergangenheit als eine kulturelle Schöpfung auf, die erst dadurch entsteht, dass man sich auf sie bezieht. Bereits 1925 betonte der Soziologe Maurice HalbwachsHalbwachs, Maurice (18771945) die sozialen Bezugsrahmen, ohne die sich kein individuelles GedächtnisGedächtnis konstituieren und erhalten könne (Halbwachs 1985; ders. 1985a; siehe Welzer 2001). Die Individuen erinnern sich demnach zwar an ihre eigene Geschichte, das Erinnern unterliegt aber gesellschaftlichen Wahrnehmungsrahmen (cadres sociaux), die Menschen der gleichen Gruppe teilen. Erinnerung entsteht nach Halbwachs durch Kommunikation und bezieht nicht nur die selbst gemachten, sondern auch die von anderen mitgeteilten Erfahrungen ein. So besteht zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis eine enge Bindung. Letzteres definiert Halbwachs als den Gesamtbestand von Erinnerungen, die eine Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren könne.

 

Jan und Aleida AssmannAssmann, Jan entwickelten darauf aufbauend eine für zahlreiche nachfolgende Forschungsarbeiten instruktive Theorie des kollektiven GedächtnissesGedächtniskollektives (Assmann 1992; Assmann 1999). Darin kontrastieren die Begriffe Kommunikatives und Kulturelles GedächtnisGedächtnis zwei wesentlich voneinander zu unterscheidende Erinnerungsformen. Das „kommunikative GedächtnisGedächtniskommunikatives“ zielt auf einen Erinnerungsraum aus persönlich erlebter Vergangenheit und aus Kenntnissen, die durch Kommunikation mit Zeitgenossen angeeignet werden. Das kulturelle GedächtnisGedächtniskulturelles richte sich dagegen auf Fixpunkte bzw. schicksalhafte Ereignisse in einer absoluten Vergangenheit. Diese Erinnerung, die vorrangig im Fokus dieses Lehrbuches steht, sei gestiftet und geformt, ihre Pflege obliege Spezialisten. Das kollektive Gedächtnis rekonstruiere aber nicht nur die Vergangenheit, sondern es organisiere auch die Erfahrung von Gegenwart und Zukunft, sei also Teil der Sinnstiftung einer Gesellschaft.

 

Neben dem sozial-konstruktivistischen Ansatz von HalbwachsHalbwachs, Maurice regten die Forschungen des französischen Historikers Pierre NoraNora, Pierre über die „lieux de memoire“ (dt.: ErinnerungsorteErinnerungsorte) die Auseinandersetzung mit der erinnerten Vergangenheit an (Nora 1990). An die Stelle eines ‚lebendigen‘ Gedächtnisses sieht Nora ‚Erinnerungsorte‘ treten, die sich als kulturelle Kristallisationspunkte historischer Erfahrung im kollektiven GedächtnisGedächtniskollektives ablagern und auf das historische Selbstverständnis einer Gesellschaft verweisen. Auch Nora interessierte sich in seinen Forschungen also nicht mehr für die Vergangenheit als solche, sondern für die kulturell überformte Gegenwart der Vergangenheit, die – in seinen Worten – Geschichte zweiten Grades. Von Frankreich aus trat das Konzept seinen Siegeszug durch ganz EuropaEuropa an, es folgten vergleichbare Mammutprojekte zu Erinnerungsorten in Italien (19961997), Österreich (20042005), den Niederlanden (2006/2007), Luxemburg (2007), Russland (2007) und auch in Deutschland (François/Schulze 2001). Es gibt aber auch Kritik. Etienne FrançoisFrançois, Etienne, der selbst zu Erinnerungsorten geforscht hat, verweist neben der begrifflichen Verschwommenheit, die zu missverständlicher und missbräuchlicher Verwendung verleite, vor allem auf den Primat des nationalen Rahmens. Der ließe andere mögliche Perspektiven bei der Konstruktion von Gedächtniskulturen, z. B. lokale und regionale, unberücksichtigt (François 2009). Dafür hat sich die Wissenschaft bei der Erforschung von Gedächtniskulturen mit dem aufwändigen Projekt deutsch-polnischer Erinnerungsorte inzwischen transnationalen Ansätzen gegenüber geöffnet (Hahn/Traba 2011).

 

Auch einen anderen Kritikpunkt unterschlägt François nicht: So würde die Perspektive der ErinnerungsorteErinnerungsorte-Forschung stark von institutionellen, politischen und kulturellen Akteuren dominiert. Die nicht-politischen, sozialen, emotionalen, ‚erlebten‘ Dimensionen des Gedächtnisses blieben hingegen unterbelichtet. Davon unbenommen betont FrançoisFrançois, Etienne die grundsätzliche Bedeutung der jüngeren Forschungsdisziplin: Das Bemühen um die Historisierung des Gedächtnisses habe nämlich dazu beigetragen, den Gegensatz zwischen GedächtnisGedächtnis und Geschichtswissenschaft zu überwinden. Historiker würden heute im Gedächtnis „eine grundlegende historische Wirklichkeit [erkennen], in die sie eingebettet sind und an der sie in gleichem Maße als Akteur wie als Beobachter teilnehmen“ (François 2009, 36) – oder in den Worten des Historikers Harald SchmidSchmid, Harald (2009a, 10): Der „Gegensatz zwischen dem auf Identitätsbildung zielenden, emotionalisierend-konfliktträchtigen Gedächtnis und der auf Erkenntnis zielenden, objektivierend-kritischen Geschichtswissenschaft [ist] durch eine Historisierung des ersteren in professionelle und fruchtbare Bahnen gelenkt.“

Weiterführende Literatur

Assmann 1999: Aleida AssmannAssmann, Aleida, Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen GedächtnissesGedächtniskulturelles (München 1999).

Assmann 1992: Jan AssmannAssmann, Jan, Das kulturelle GedächtnisGedächtniskulturelles: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (München 1992).

NoraNora, Pierre 1990: Pierre Nora, Zwischen Geschichte und GedächtnisGedächtnis (Berlin 1990).

François/Schulze 2001: Etienne François/Hagen Schulze (Hg.), Deutsche ErinnerungsorteErinnerungsorte, 3 Bde. (München 2001).

2.3 Zur Relevanz politischer MythenMythos, politischer

Man könnte annehmen, die aufgeklärte Moderne mit ihrer „Entzauberung“ (Max WeberWeber, Max) schaffe eine mythenlose, weil rationale Welt. Doch stimmt das? Führt der menschliche Fortschritt geradewegs vom Irrationalen zum Rationalen, vom Erzählen zum Erklären, von der Weltdeutung zur Erkenntnis, kurz: vom Mythos zum Logos (Nestle 1940)? Man muss nicht nur die bunte Mythenwelt der Populärkultur aufrufen, deren Figuren Bestseller und Blockbuster bevölkern, um daran Zweifel zu hegen. Für Odo MarquardMarquard, Odo (1979, 41) ist die Entmythologisierung ohnehin selbst ein Mythos, „und daß so der Tod des Mythos selber zum Mythos wird, beweist ein wenig des Mythos relative Unsterblichkeit. Es ist zumindest ein Indiz dafür, daß wir ohne Mythen nicht auskommen.“ Wer sich in den politischen Raum begibt, wird unweigerlich mit Mythenerzählungen konfrontiert. Sie nach ihren Mechanismen und Funktionen hinterfragen zu können, ist eine wichtige Methodenkompetenz, die den Historiker auszeichnet – sei es, um sie bloßzustellen oder aber an ihrer Generierung teilzuhaben.

 

Dem Mythos begegnet man heute alltäglich und überall, schnell wird etwas zum Mythos erklärt, um es positiv hervorzuheben, oder im Gegenteil: um es als falsch und überholt zu brandmarken. Doch was ist ein Mythos? Es scheint einfacher, geläufige Mythen zu benennen, als den Mythos terminologisch zu fassen. Als Begriff ist er unpräzise, eher eine „Verhüllungsvokabel“ (Hacke/Münkler 2009a, 15). Alle Definitionsansätze bewegen sich in einem Geflecht komplementärer Begriffe, mit denen er in Verbindung steht bzw. gegenüber denen der Mythos abzugrenzen ist: der Ideologie und Utopie, der Legende, der Fiktion und Lüge – ein großes Thema der Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart (siehe Blumenberg 1979; Bohrer 1983). Im Folgenden soll es um dezidiert politische MythenMythos, politischer gehen (siehe Dörner 1996; eine Definition ebd. 76f.).

 

Politische Mythen können sich an historische oder sagenhafte Ereignisse und Dinge binden (die NibelungenNibelungensage, die BefreiungskriegeBefreiungskriege etc.), an Orte und Landschaften (den ‚deutschen‘ Rhein, den ‚deutschen‘ Wald) und Zeiten (das ‚deutsche‘ MittelalterMittelalter), aber genauso an Personen (von ArminiusArminius/Hermann der Cherusker über LutherLuther, Martin, Friedrich den GroßenFriedrich II., preuß. König, Königin LuiseKönigin Luise bis zu BismarckBismarck, Otto v. und AdenauerAdenauer, Konrad). Und sie müssen keineswegs ausschließlich auf die Vergangenheit gerichtet sein. Neben gegenwartsfundierende Geschichts- und Gründungsmythen treten in die ZukunftZukunft gerichtete Erzählungen, die die Gegenwart gerade in Frage stellen. Bei ihnen übernimmt die Erwartung die Funktion historischer Erinnerung. Prominentes Beispiel dafür ist der Revolutionsmythos (siehe Speth 2000).

 

Mythen sind Narrative, betont Herfried MünklerMünkler, Herfried (2008): Sie werden immer wieder neu erzählt: literarisch, wissenschaftlich, politisch. Sie finden in Bildern ihre ikonische Verdichtung und werden rituell öffentlich inszeniert. Aber Mythen sind mehr als bloß Erzählungen, „sie stiften politische Bedeutung, […] strukturieren die Vergangenheit und haben Einfluss auf die Gegenwart.“ Als wesentliche Bestandteile des kulturellen GedächtnissesGedächtniskulturelles generieren Mythen Gruppenidentitäten, indem sie Selbstbilder schaffen und Fremdvorstellung formen. Sie konzentrieren Loyalitäten und wirken komplexitätsreduzierend, während sie gleichzeitig als Projektionsfläche für ZukunftserwartungenZukunft fungieren (siehe Berding 1996; Bizeul 2000; Speth 2000). Als Ursprungserzählung dienen sie der Sinnbedürftigkeit des Menschen: So wie es ist, ist es nicht zufällig, es hat vielmehr seinen Sinn. Mythen schaffen damit Vertrauen, sie stiften Zuversicht und haben mobilisierende Kraft – bis hin zur Opferbereitschaft. Während sie Münkler zufolge in ruhigen Phasen bloß die Funktion eines „Erinnerungsreservoirs“ haben, stellen sie in Zeiten großer politischer Herausforderungen „Krisenbewältigungsressourcen“, auf die die Politik nicht verzichten könne. Münkler (2007, 171) betont vor allem das Motivationsvermögen mythischer Narrationen: „Die politische Kraft zu folgenreichen Entscheidungen und Entschlüssen, deren Umsetzung einen langen Atem erfordert, erwächst vor allem aus Erzählungen und Verheißungen und weniger aus einem sorgsamen Delibrieren des Für und Wider.“ Zu einfach sei es deshalb, Mythen nur als Ausdruck von Irrationalität zu begreifen. „Eher handelt es sich dabei um große Erzählungen, die nicht nur das kollektive GedächtnisGedächtniskollektives einer politischen Gemeinschaft speisen, sondern auch ihren Erwartungshorizont abstecken und so für die Orientierung und Perspektive sorgen“ (ebd. 172).

Exkurs: Nationalmythen der Deutschen

Nationen produzieren Mythen, sie bedürfen geradezu eines Gründungsmythos als gemeinschaftsstiftendes „emotionales Fundament“ (François/Schulze 1998; kritisch dazu Fischer u.a. 2015). „Es macht das Wesen eines Nationalmythos aus, dass es nicht bloß eine Erzählung von fernen geschichtlichen Ereignissen oder ein bedeutender literarischer Text ist, sondern zur Metanarration der politischen Weltwahrnehmung wird. Politische Mythen stellen eine Grammatik für die Versprachlichung des Politischen dar“ (Münkler 2007, 166). Auch die Deutschen verfügen über ein Arsenal an Geschichtsmythen, die vor allem im national gesinnten 19. Jahrhundert geprägt wurden und mit deren – teils fataler – früherer Wirkung der Historiker, der sich heute in den politischen Raum begibt, vertraut sein sollte (siehe Wülfing/Bruns/Parr 1991; Flacke 1998; Münkler 2009):

Aus den Untiefen deutscher Mythenerzählungen ragt das Epos von Siegfried und dem Schatz der NibelungenNibelungensage heraus. Dem 19. Jahrhundert bot es reichen Stoff zur Heldenerzählung (siehe Heinzle 2013; Oberste 2008). Die Bedeutung der Nibelungensage als Steinbruch deutscher Mythenerzählung belegen zwei geschichtspolitisch verhängnisvolle Bilder: die Nibelungentreue und der Dolchstoß. Das Leitmotiv der Sage – die unerschütterliche Treue bis in den Untergang – begleitete Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst das Bündnis zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn. Reichskanzler Fürst von BülowBülow, Bernhard v. benutzte die Wendung erstmals 1909 in einer Reichstagsrede, später zählte sie zum Arsenal der Propaganda im Ersten WeltkriegErster Weltkrieg, als die Mittelmächte „in Nibelungentreue fest vereint“ dem Bündnis aus Großbritannien, Frankreich und Russland gegenüberstanden. Im NationalsozialismusNationalsozialismus erhielt das Treue-Motiv eine Umwidmung, nun meinte es die bedingungslose Gefolgschaft der Deutschen zu HitlerHitler, Adolf. Nicht minder nachhaltig hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Legende vom DolchstoßDolchstoß gewirkt, die an die hinterhältige Ermordung Siegfrieds anknüpfte und statt der Treue den Verrat ins Zentrum rückte: So wie der Held der Sage durch einen Speerstich in den Rücken starb, sei 1918 das unbesiegt im Feld stehende Heer durch das Versagen an der Heimatfront quasi von hinten zur Strecke gebracht worden – eine Entlastungslüge der Militärs, um die Schuld an der Niederlage auf die zivilen Kräfte abzuwälzen. Den Aufbau einer demokratischen Nachkriegsordnung in der Weimarer RepublikWeimarer Republik untergrub die Dolchstoßlegende nachhaltig.

Von besonderer Wirkmacht für den deutschen Nationalismus waren die Mythen um den Germanen ArminiusArminius/Hermann der Cherusker (= Hermann der CheruskerArminius/Hermann der Cherusker), der 9 n. Chr. im Teutoburger Wald die Römer unter ihrem Feldherrn Varus besiegt hatte (siehe Dörner 1996), und um Kaiser BarbarossaFriedrich I., Kaiser (Barbarossa) (siehe Berg 1994; Kaul 2007). Als Sehnsuchtsmotiv wurde das national gedeutete mittelalterliche Kaisertum der Nationalbewegung in einem zersplitterten Deutschland zum Sinnbild von Einheit und Größe verklärt. Dieser maßgeblich an Kategorien der Macht orientierte Reichsmythos fand sein eingängiges Bild im schlafenden Kaiser Barbarossa, der im KyffhäuserDenkmalKyffhäuser auf den Moment neuer deutscher Größe wartet (Abb. 1). Als mit der kleindeutschen Reichseinigung 1871 der deutsche Partikularismus überwunden schien, feierte die Legende von der Auferstehung des schlafenden ‚Rotbarts‘ mehr als nur eine Renaissance. In Kaiser Wilhelm I.Wilhelm I., Kaiser, der die deutsche Sehnsucht nach Einheit endlich erfüllt hatte, und seinem rauschenden weißen Bart fand sie eine erzählerische Äquivalenz: Dem Barbarossa trat der Barbablanca zur Seite. Das Nachwirken des überzeichneten Bildes von imperialer, missionarischer Größe des mittelalterlichen KaiserreichsKaiserreich zeigte sich noch Jahrzehnte später im Decknamen „Unternehmen Barbarossa“, den HitlerHitler, Adolf 1941 dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gab.

Immer wieder sind es gerade Schlachten und Kriege, die der mythenbeladenen Identitätsbildung dienen: die wundersame Wendung von PreußensPreußen aussichtsloser Lage im Siebenjährigen KriegSiebenjähriger Krieg (17561763), der Mythos der „BefreiungskriegeBefreiungskriege“ gegen NapoleonNapoleon, Bonaparte (siehe Carl 2000), der sich im VölkerschlachtdenkmalDenkmalVölkerschlacht von Leipzig (→ Kapitel 6.7) materialisiert hat, der Kult um den Sieg gegen Frankreich 1871. Gerade letzterer zeigt, dass politische MythenMythos, politischer nicht unsterblich sind, denn der Sedan-Mythos ist heute völlig aus dem Erinnerungshorizont der Deutschen verschwunden.

Abb. 1: Deutscher Reichsmythos: Kaiser Rot- und Weißbart am Kyffhäuser-DenkmalDenkmal

Einer der wirkmächtigsten deutschen Mythen kommt völlig unmilitärisch daher: Der Mythos Deutschlands als KulturnationKulturnation. Er knüpft sich an Orte (vor allem Weimar und Königsberg), an Epochen (Aufklärung, deutsche Klassik etc.) und Persönlichkeiten aus Literatur (von LessingLessing, Gotthold Ephraim über GoetheGoethe, Johann Wolfgang v. und SchillerSchiller, Friedrich v. bis Thomas MannMann, Thomas und Bertolt BrechtBrecht, Bertolt), Philosophie (von KantKant, Imanuel über NietzscheNietzsche, Friedrich bis HeideggerHeidegger, Martin), Musik (von Bach und HändelBach, Johann Sebastian über Beethoven bis WagnerBeethoven, Ludwig van) und Kunst (von den alten Meistern über die Romantiker bis zu den Malern der Moderne). Gerade in Zeiten staatlicher Schwäche, ob im partikular zersplitterten 19. Jahrhundert oder in der geteilten Nation nach 1945, blieb es das einigende Band, auf das sich die Deutschen über alle realen und ideologischen Grenzen hinweg beziehen konnten. Dass die Stilisierung der Deutschen als Kulturnation in Kriegszeiten auch zum Instrument kulturchauvinistischer Propaganda taugt, zeigte sich im Ersten WeltkriegErster Weltkrieg, als deutsche Intellektuelle den Krieg gegen Frankreich zum Kampf zwischen deutscher Kultur und ‚welscher‘ (= romanischer, v.a. französischer) Zivilisation erklärten.

 

Mythen kennen Konjunkturen, das heißt auf Latenzphasen folgen Perioden, in denen die Narrationen wieder aktiviert werden, um Gegenwartserfahrungen zu verarbeiten. Und sie können sich aufeinander beziehen, sich gegenseitig verstärken. Im nationalen Diskurs der Deutschen verbanden sich etwa der Mythos um den Römerbezwinger ArminiusArminius/Hermann der Cherusker mit den herausragenden Mythenfiguren aus der frühen Neuzeit, dem „deutschen LutherLuther, Martin“, der mit der Reformation den Kampf gegen den römischen Katholizismus aufnahm (siehe Lehmann 2000), sowie Friedrich dem GroßenFriedrich II., preuß. König, dessen protestantisches PreußenPreußen dem katholischen Habsburg die Stirn bot und sich gegen eine Welt von Feinden durchsetzte. Im 19. Jahrhundert wurde daraus eine immens wirkungsvolle nationale Großerzählung des Kampfes gegen ausländische Bevormundung konstruiert, die als einigendes Band die Vorstellung einer spezifisch „teutschen Freiheit“ transportierte. In BismarckBismarck, Otto v. fand sie ihren Abschluss als ‚Reichseiniger‘, der im Ringen „deutscher Kultur“ gegen „welsche (d.h. romanische) Zivilisation“ den modernen Nationalstaat durch Blut und Eisen „schmiedete“ – eine wirkmächtige Mythoserzählung, die zur bedingungslosen Opferbereitschaft noch in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts anstiftete (siehe Gerwarth 2007).

 

Und heute? Die eingangs erwähnte Präsenz konstruierter moderner Konsum-, Marken- und Lebensstilmythen steht in einem auffallenden Kontrast zur Verdrängung nationaler Mythen aus der staatlich-politischen Sphäre. Während in der DDRDDR der AntifaschismusAntifaschismus zu einem staatstragenden Gründungsmythos aufstieg, tat sich die Bundesrepublik schwer mit einer auf Mythen basierenden Staatsrepräsentation. Vom übersteigerten Nationalismus und der NS-Diktatur desavouiert und im staatlichen Provisorium der geteilten Nation ihres nationalstaatlichen Bezugsrahmens beraubt, blieben die überkommenen nationalen Großerzählungen auf der Strecke (siehe Hacke/Münkler 2009; Cammann/Hacke/Schlak 2005). Aus der mythenarmen bundesdeutschen Geschichtserzählung ragt insbesondere ein positiver Gründungsmythos heraus: das WirtschaftswunderWirtschaftswunder (siehe Gries 2005; Münkler 2004). Seine Erzählung zielt politisch auf die im Wirtschaftsaufschwung gewonnene demokratische Stabilität. Er bot der noch jungen Demokratie Orientierung – zusätzlich verstärkt durch die Komplementärgeschichte des Scheiterns der Weimarer RepublikWeimarer Republik in Inflation und Wirtschaftskrise. Das Wirtschaftswunder als Gründungsmythos der Bundesrepublik fand seine ikonische Verdichtung in der DM, in den Bildern sich füllender Schaufenster – eine Ursprungserzählung, die sich vom Konzept der Sozialen Marktwirtschaft bis in die Werbung großer Unternehmen hinein bis heute wiederholt. Im Bild „blühender Landschaften“, das Helmut KohlKohl, Helmut nach 1990 für die neuen Bundesländer bemühte, wurde die Wirtschaftswunder-Narration auch für das wiedervereinigte Deutschland anschlussfähig und um ein neues Kapitel erweitert. Die Erzählung vom rasanten Aufschwung zum Exportweltmeister hat ihre Stärke dabei weniger im Politischen. Kein DenkmalDenkmal transportiert sie, und kein Staatsakt muss ihrer gedenken. Das Wirtschaftswunder ist genuin und auch in der Erinnerung vieler eine Geschichte des Konsums – und damit auch die Geschichte seiner Marken. Vom „Wir sind wieder da“ der Markenprodukte bis zum „Wir sind wieder wer“ im Behelfsmythos „Wunder von Bern“ (dem Gewinn des Fußball-WM-Titels 1954) tradiert sich die bundesrepublikanische Ursprungserzählung aus den Wirtschaftswundertagen wirkungsvoll in den Markenmythen der Populärkultur. Denn auch die Werbung ist längst ein Erinnerungsträger, sie bedient eine Erinnerung „en passant“ (Welzer 2001, 12).

 

Und welches mythische Potential entfalten die historischen Ereignisse von 1989/90? Die Erzählung von einer nach Freiheit strebenden Bürgerbewegung, die Mauern niederzureißen vermochte, hat in der dichten Folge von immer stärker inszenierten Gedenkveranstaltungen bereits Kontur gewonnen. Sie gründet aber nur in der Erfahrung eines (zudem bedeutend kleineren) Teils der Bevölkerung – so wie der Achtundsechziger-Mythos, der die Protestbewegung zum eigentlichen Begründer der liberalen Gesellschaftsordnung in der Bundesrepublik stilisiert, ein rein westdeutsches Phänomen ist. Die mythische Überhöhung einer einzelnen Person, die historisch im BismarckBismarck, Otto v.-Mythos begegnet, blieb bislang aus – wohl auch, weil der zum „Kanzler der Einheit“ erkorene Helmut KohlKohl, Helmut durch eine Parteispendenaffäre sein Bild wenn auch vielleicht nicht endgültig so doch nachhaltig demontiert hat. Außerdem erweist sich das Personaltableau der deutschen Einheit von Willy BrandtBrandt, Willy bis Michail GorbatschowGorbatschow, Michail als durchaus heterogen und die Wiedervereinigung vollzog sich in enger Verbindung zum parallel laufenden europäischen EinigungsprozessEuropa, der über die Nation hinausweist.

 

Prägend für die ErinnerungskulturErinnerungskultur in Deutschland ist vor diesem Hintergrund also weniger ein unhinterfragbarer Mythos – jedenfalls dann, wenn die negative Ursprungserzählung der deutschen Demokratie aus der Erfahrung des HolocaustsHolocaust/Shoah nicht als ein solcher bezeichnet werden soll. Vielmehr ist es die lebendige und kontroverse Erinnerungspolitik, die in der AufarbeitungVergangenheitsbewältigung einer doppelten Diktaturerfahrung gründet (→ Kapitel 6.1). Der Grund für die Schwäche politischer MythenMythos, politischerbildung liegt aber nicht alleine in der nachhaltigen ‚Kontaminierung‘ deutscher Geschichte durch die NS-Vergangenheit und der jahrzehntewährenden deutschen Teilung. Sie ist auch der veränderten Medialität mythischer Erzählungen geschuldet: der Dominanz neuer Mythenproduzenten wie Film und Fernsehen, die die alten mythischen Ausdrucksformen, vom Buch über das DenkmalDenkmal bis zum Fest, herausfordern. Da jedenfalls, wo der Versuch zur offiziellen Inszenierung eines positiv konnotierten Staatsmythos im wiedervereinigten Deutschland gewagt wird, begegnet dieser eher als geschichtspolitisches Rätsel. So werden nur die wenigsten Besucher des vor dem Brandenburger Tor gelegenen „Platz des 18. März“ (Abb. 2) die mit der Namensgebung intendierte demokratische Traditionsbildung nachvollziehen: Eher angestrengt als überzeugend wird hier eine Linie vom 18. März 1848 (deutsche Revolution) zum 18. März  1990Gedenktage18. März (erste freie Wahlen zur Volkskammer in der DDRDDR) gezogen. Und doch kommt eine neue Tendenz zum Vorschein, nationale Identitätsangebote zu machen, für die nicht der Bruch mit der negativen Vergangenheit, sondern eine positive Traditionsbildung konstitutiv ist. Offen bleibt allerdings, ob sich dies fort- oder sogar durchsetzt.

Abb. 2: Geschichtspolitisches Rätsel: Welche Deutung verbirgt sich hinter dem Platz des 18. März?

Weiterführende Literatur

Berding 1996: Helmut Berding (Hg.), Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit (Frankfurt a.M. 1996).

Bizeul 2000: Yves Bizeul (Hg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen (Berlin 2000).

Flacke 1998: Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. (= Ausstellung des Deutschen Historischen MuseumsMuseenDHM vom 20. März 1998 bis 9. Juni 1998) (München/Berlin 1998).

Hacke/MünklerMünkler, Herfried 2009: JensJens, Walter Hacke/Herfried Münkler (Hg.), Wege in die neue Bundesrepublik. Politische Mythen und kollektive Selbstbilder nach 1989 (Frankfurt a.M. 2009).

MünklerMünkler, Herfried 2009: Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen (Berlin 2009).

2.4 GeschichtspolitikGeschichtspolitik und GeschichtsgefühlGeschichtsgefühl

Alle Geschichte, postuliert Heinrich August WinklerWinkler, Heinrich August (2004, 7), sei eine Geschichte von Kämpfen um die Deutung von Geschichte. Was meint er damit? Erinnerungen sind an die Gegenwart gebunden, die Deutungen von Geschichte also zeitimmanent und kontextabhängig. Damit sind divergierende Interpretationen möglich, um historischen Ereignissen Sinn zu verleihen, unterschiedliche Geschichtsbilder treten in Konkurrenz zueinander. Da diese aber auf das gesellschaftliche Selbstverständnis zielen, erwächst dem Streit um die historische Deutungshoheit eine eminent politische Dimension (siehe Steinbach 2013). Beim „Griff nach der Deutungsmacht“ (Winkler 2004) geht es also immer auch um die politische Diskurshegemonie. Der politische Kampf wird zum Geschichtskampf, die Deutung von Vergangenheit zur „GeschichtspolitikGeschichtspolitik“ (siehe Schmid 2009 und 2009c; Troebst 2013).

 

Edgar WolfrumWolfrum, Edgar hat maßgeblich dazu beigetragen, den im ‚HistorikerstreitHistorikerstreit‘ (→ Kapitel 4.2) als „publizistischen Kampfbegriff“ (Schmid 2009c) geprägten Terminus zu einem eigenständigen Theorieansatz fortzuentwickeln (siehe Wolfrum 1996; ders. 1998; ders. 2001). Wolfrum versteht unter GeschichtspolitikGeschichtspolitik die Untersuchung eines Handlungs- und Politikfeldes, „auf dem verschiedene politische Akteure die Vergangenheit mit bestimmten Interessen befrachten und in der Öffentlichkeit um Zustimmung ringen“ (Wolfrum 1998b, 4f.). Weil die Praxis der politischen Indienstnahme von Geschichte und die Erforschung dieser Praxis begrifflich nicht getrennt voneinander sind, sondern beides unter ‚Geschichtspolitik‘ firmiert, unterstreicht Wolfrum (2013, 37) die Ideologiefreiheit der Forschungen zur Geschichtspolitik: Sie „wollen mitnichten Rezepte für den Umgang mit Vergangenheiten liefern. Sie wollen vielmehr herausfinden, wer, wann, warum und mit welchen Mitteln Vergangenheit nutzt, sich auf sie beruft, sie politisch deutet und ummodelt“. Ergebnisse dieser Forschungen sind mithin auch gerade für den interessant, der heute selbst an historisch fundierter politischer Sinnstiftung mitwirken möchte oder daran bereits teilhat.

 

Das geschichtspolitische Forschungsinteresse liegt weniger auf dem mythisch verdichteten und verinnerlichten Ereignis als vielmehr auf den Akteuren des Deutungskampfes, die die Mobilisierungs- und Integrationskraft der kollektiven Vorstellungen, Denk- und Weltbilder in den Dienst ihrer politischen Interessen stellten (siehe Fröhlich/Heinrich 2004). Die geschichtspolitische Forschung richtet ihren Blick über die ‚Höhenkammliteratur‘ hinaus wesentlich auf den außerwissenschaftlichen Raum. Denn gerade politische Eliten geben nachhaltig Impulse auf die öffentlich zirkulierenden Geschichtsbilder, die in politischen Debatten Breitenwirkung entfalten (Wolfrum 1996, 390). Nicht nur das Verhältnis von Geschichte und Politik, sondern auch das zwischen Politiker und Historiker ist delikat. Zitate zweier Repräsentanten aus Wissenschaft und Politik veranschaulichen die Selbstwahrnehmung der jeweils eigenen Rolle: Während sich BundespräsidentBundespräsident Richard von WeizsäckerWeizsäcker, Richard v. (19202015) auf dem Historikertag 1988 bescheiden als „Verbraucher“ geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse präsentierte (Weizsäcker 1990,115), formulierte der Historiker Lothar GallGall, Lothar (1997, 1) bei gleicher Gelegenheit acht Jahre später das Verhältnis aus Sicht des Wissenschaftlers so: „Und der Historiker war über Jahrhunderte oft nicht mehr als ein zur Dienstleistung für andere Zwecke herbeigezogener Knecht, seine Wissenschaft eine Dienstmagd, eine ancilla.“ Die Indienstnahme von Geschichte in der Politik hat eine Orientierungsfunktion, sie soll Öffentlichkeit mobilisieren, politisieren und als Bindemittel dienen, um nationale, soziale und andere Gruppen zu integrieren, sie kann ausgrenzen, Gegner diffamieren und gleichzeitig das eigene Handeln legitimieren (Wolfrum 2001, 5f.). Daher lauten zentrale Fragestellungen geschichtspolitischer Forschung, wer die Geschichte wie und mit welchem Kalkül in die politische Debatte einbringt, welche Reaktionen sie provozierte und welche Grenzen ihrer Wirksamkeit gesetzt sind.

 

Welche Rolle spielt dabei der Staat mit seinen Institutionen und Repräsentanten? Er greift einerseits mit seiner Gedenkpolitik aktiv ein, andererseits bündeln sich in den quasi staatlich sanktionierten Geschichtsbildern die gesellschaftlich mehrheitsfähigen Deutungen. Derart kulturell gestiftetes Erinnern tritt zwangsläufig in Konkurrenz zu den privaten Erinnerungen, die in Familien über Generationen weitergegeben werden. Nach Einschätzung von Aleida AssmannAssmann, Aleida (2006, 4) entwickeln sich in vielen Gesellschaften Zweigleisigkeiten zwischen einem offiziellen und einem inoffiziellen GedächtnisGedächtnis: „Unter den monumentalen Deklamationen und Zeichensetzungen des Staates erhält sich das Netz eines sozialen Gedächtnisses, das eine kognitive Dissonanz produziert, damit aber auch eine kritische Distanz zur offiziell verordneten Gegenwartsdeutung ermöglicht.“ Neben den großen nationalen und heute nicht selten europäischen Narrativen eines verordneten offiziellen Gedächtnisses, in dem den ‚alten‘ Institutionen des Kulturbetriebs eine Vermittlerrolle zukommen, existieren – neben den ganz privaten – zahlreiche weitere, für die Alltagswelt der Menschen dabei oftmals drängendere und anschlussfähigere Erinnerungsbezüge. In diesem Kontext werden Gefühle als die eigentlichen Konservatoren der Erinnerung relevant. Jede Erfahrung transportiert und überträgt sich demnach durch Gefühle, die ihrerseits die Erfahrung im Gedächtnis bewahren. Sie verknüpfen Vergangenheit und ZukunftZukunft, indem sie Erfahrungen und Erinnerungen in Erwartungen überführen – angstvolle oder auch optimistische (Frevert 2000, 102).

 

Vor und nach der Jahrtausendwende erlebte Deutschland eine „emotionale Schleusenöffnung“ (Seitz 2006). Lange verschüttete und neue Themen von hoher Sprengkraft bestimmten die Debatten: Deutsche als Opfer von FluchtFlucht und Vertreibung, Vertreibung und alliiertem Luftkrieg, aber auch DDRDDR-Nostalgiewellen unterliefen die üblichen Prämissen des Gedenkens, die auf rationale AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der doppelten Diktaturgeschichte zielen. Parallel dazu führte 2002 der Schriftsteller Martin WalserWalser, MartinAffärenWalser einen Begriff in die Debatte ein, von dem Kritiker spitz sagen, er scheue die Definition wie Walser den intellektuellen Standpunkt (Cammann/Hacke/Schlak 2003, 12). Er hat trotzdem (oder gerade deshalb) in der Folge eine erstaunliche Karriere gemacht: das „GeschichtsgefühlGeschichtsgefühl“. Dolf SternbergerSternberger, Dolf (1987, 733) postulierte einst, Geschichte sei „leichenstarr“, und darum könne man Geschichte nicht „erleben“: „Fängt man an, Geschichte für das Erlebnis zuzubereiten, so löscht man ihre Geschichtlichkeit, hebt ihre unwiderrufliche Faktizität auf.“ Walser hingegen rückte gerade das emotionale Erlebnis ins Zentrum seines Vergangenheitsbezugs und verwies auf Grenzen einer bloß rational argumentierenden Identitätsstiftung: „Eine Zugehörigkeit muss man erleben, nicht definieren. Auch die Zugehörigkeit zu einem Geschichtlichen hat man nicht zuerst als Erkenntnis parat, sondern als Empfindung, als Gefühl. So kommt es wenigstens bei mir zu einem Geschichts-Gefühl. Frage sich jeder selbst, ob er, wenn er versucht, das Wort Nation zu definieren, nach dem Definieren mehr weiß als er vorher durch Empfindung wusste.“ (Walser 2002) Man könne durch Empfinden wissend werden, hielt Walser seinen Kritikern entgegen: „Wer als Intellektueller glaubt, er könne oder müsse gar über Nation gefühlsfrei denken, den darf man wohl mit allem Respekt einfältig nennen. Mein Geschichtsgefühl Deutschland betreffend ist der Bestand aller Erfahrungen, die ich mit Deutschland gemacht habe – mit dieser Nation.“ (ebd.) Ein Sturm der Entrüstung entlud sich über den Schriftsteller, auch weil Walser in seinem Plädoyer für ein „Geschichtsgefühl“ zwar von den Karolingern bis zu den Hohenzollern, vom Rhein bis zu den Alpen einige „historische Ströme“ benannte, die er „erleben“ könne, die dunklen Phasen der deutschen Geschichte aber aussparte. Walsers geschichtsgefühliger Einwurf wurde als Kampfansage an den Intellekt und die kritische Geschichtswissenschaft verstanden, als Angriff auf die Grundlagen des kulturell gestifteten kollektiven GedächtnissesGedächtniskollektives und unseren Umgang mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts (→ Kapitel 4, Infobox AffärenAffären). Die Frage, was angesichts erfahrener Gewalt erinnert und was vergessen werden soll, ist, wie im folgenden Kapitel gezeigt wird, so alt wie die Menschheit. Die Antwort darauf war allerdings lange eine andere als heute.

Weiterführende Literatur

Cammann/Hacke/Schlak 2003: Alexander Cammann/JensJens, Walter Hacke/Stephan Schlak (Hg.), GeschichtsgefühlGeschichtsgefühl. In: Ästhetik und Kommunikation. 34 (2003), H. 122/123.

Fröhlich/Heinrich 2004: Claudia Fröhlich/Horst-Alfred Heinrich, GeschichtspolitikGeschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten? (Stuttgart 2004).

SchmidSchmid, Harald 2009: Harald Schmid (Hg.), GeschichtspolitikGeschichtspolitik und kollektives GedächtnisGedächtniskollektives: ErinnerungskulturenErinnerungskultur in Theorie und Praxis (Göttingen 2009).

François u.a. 2013: Etienne François/Kornelia Konczal/Robert Traba/Stefan Troebst (Hg.), GeschichtspolitikGeschichtspolitik in EuropaEuropa seit 1989: Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich (Göttingen 2013).

WinklerWinkler, Heinrich August 2004: Heinrich August Winkler (Hg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der GeschichtspolitikGeschichtspolitik in Deutschland (Göttingen 2004).

WolfrumWolfrum, Edgar 2001: Edgar Wolfrum, Geschichte als Waffe. Vom KaiserreichKaiserreich bis zur Wiedervereinigung (Göttingen 2001).

2.5 Kein Recht auf Vergessen? Und wo bleibt die Zukunft?

„Das Zukünftige nimmt ab, das Vergangene wächst an,

bis die Zukunft verbraucht und das Ganze vergangen ist.“

(AugustinusAugustinus, Bekenntnisse XI)

Das VergessenVergessen hat gegenwärtig keinen guten Leumund. Doch das war nicht immer so. „Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört“, schreibt Friedrich NietzscheNietzsche, Friedrich (18441900) in seiner für die Gedächtnisforschung inspirierenden Abhandlung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (Nietzsche 1893, 209). Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, „der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen leben sollte“ (ebd. 212). Das berühmte Philosophen-Fazit lautet deshalb: „Es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben“ (ebd.).

 

Erinnern und VergessenVergessen sind zwei Seiten der gleichen Medaille. NietzschesNietzsche, Friedrich Einwand antizipiert ein Unbehagen, das sich gegenüber dem dominierenden Erinnerungsimperativ zu regen beginnt: Gibt es nicht auch das Recht, vielleicht sogar die Notwendigkeit zu vergessen? Mit Blick auf zahlreiche historisch aufgeladene Konflikte formuliert Jan AssmannAssmann, Jan einen naheliegenden Gedankengang (ohne ihn sich gemein zu machen): „Allen wäre geholfen, wenn die Vergangenheit begraben, ein Schlussstrich gezogen und endlich eine gemeinsame Zukunft gefunden werden könnte. […] Die Vergangenheit hat uns im Griff, sie verengt unseren Blick für die Zukunft und beschränkt unsere Handlungsfreiheit. In solchen Fällen wäre mit Vergessen viel zu erreichen“ (Assmann 1999a, 25). Der Althistoriker Christian MeierMeier, Christian hat dazu unter dem Titel „Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“ einen anregenden Essay vorgelegt (Meier 2010). Seine Untersuchung zum öffentlichen Umgang mit „schlimmer Vergangenheit“ bürstet das gegenwärtige Erinnerungsdogma gehörig gegen den Strich. Meier zeichnet nach, dass die Menschheit über Jahrtausende auf das Vergessen und gerade nicht das Erinnern setzte, um den gestörten Frieden untereinander wiederherzustellen. Von der Antike über das MittelalterMittelalter bis zur Neuzeit enthielten die Verträge nach Kriegen und Bürgerkriegen ...

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