Logo weiterlesen.de
Geschichte der deutschen Literatur, Band 4: Vormärz und Realismus

UTB-Logo

Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage

Böhlau Verlag · Wien · Köln · Weimar

Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto

facultas.wuv · Wien

Wilhelm Fink · Paderborn

A. Francke Verlag · Tübingen

Haupt Verlag · Bern

Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn

Mohr Siebeck · Tübingen

Nomos Verlagsgesellschaft · Baden-Baden

Ernst Reinhardt Verlag · München · Basel

Ferdinand Schöningh · Paderborn

Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart

UVK Verlagsgesellschaft · Konstanz, mit UVK/Lucius · München

Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen · Bristol

vdf Hochschulverlag AG an der ETH · Zürich

Geschichte der deutschen Literatur

Band 1. Humanismus und Barock

Band 2. Aufklärung

Band 3. Goethezeit

Band 4. Vormärz und Realismus

Band 5. Moderne

Gottfried Willems

Geschichte der
deutschen Literatur
Band 4

Vormärz und Realismus

BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2014

Gottfried Willems war Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und
Neueste deutsche Literatur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über https://dnb.ddb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich
unter www.utb-shop.de.

 

 

 

© 2014 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien
Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes
ist unzulässig.

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in the EU

 

UTB-Band-Nr. 3874 | ISBN 978-3-8252-3874-2

1     Einleitung

1.1     Das 19. Jahrhundert in der Literaturgeschichte

„Langes“ oder „kurzes Jahrhundert“?

Wo beginnt das Jahrhundert? Mit der französischen Revolution, mit Napoleon oder mit dem Wiener Kongreß? Mit der Demokratie, dem Militärdespotismus oder der Diplomatie? (GS 2, 69)

So fragte man bereits im 19. Jahrhundert, fragte etwa schon Karl Gutzkow, einer der umtriebigsten und bestinformierten Autoren der ersten Jahrhunderthälfte, in seinen „Zeitdiagnosen“ von 1837. Wenn der Literarhistoriker heute vom 19. Jahrhundert spricht, dann denkt er dabei im allgemeinen noch nicht an die Zeit der Französischen Revolution von 1789 oder an die Ära des „Militärdespoten“ Napoleon – die Zeit von 1799 bis 1815 – und noch nicht einmal an die Jahre im Umfeld des Wiener Kongresses von 1814/15, mit dem die Epoche der Französischen Revolution und des Revolutionskaisers Napoleon an ihr Ende kommt; dies alles wird er noch der „Goethezeit“, der Epoche von Klassik und Romantik zurechnen. Er läßt das 19. Jahrhundert in der Regel erst um 1830, mit dem Ausgang der „Goethezeit“, beginnen, um es bereits um 1890, an der Schwelle zur ästhetischen Moderne, schon wieder enden zu lassen; so hat es sich jedenfalls in der Germanistik eingebürgert.

Die Literaturgeschichte verfährt hier anders als die politische Geschichte, die das 19. Jahrhundert meist als ein „langes Jahrhundert“ behandelt und von der Französischen Revolution von 1789 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 dauern läßt. Denn die Französische Revolution hat das gesamte 19. Jahrhundert beschäftigt; an dem, was damals an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf den Weg gebracht worden war, hat es sich unausgesetzt abgearbeitet, einschließlich seiner Literatur. Und diese Auseinandersetzung kam erst mit der deutschen Revolution von 1918 zu einem vorläufigen Ende, [<<7] als Deutschland nach dem Debakel des Ersten Weltkriegs der Monarchie den Garaus machte und sich die Verfassung einer Republik gab, so wie es das revolutionäre Frankreich bereits 1792 getan hatte.

In der Literaturgeschichte hat sich eine andere Einteilung durchgesetzt. Hier hat es sich als günstig erwiesen, das 19. Jahrhundert als ein „kurzes Jahrhundert“ zu behandeln und sich bei der Frage nach den epochalen Zusammenhängen mit dem Zeitraum von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren zu begnügen. Die Literaturgeschichte ist zwar wie die gesamte Kulturgeschichte eng mit der politischen Geschichte verknüpft, doch verlaufen die Entwicklungen in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens keineswegs synchron; was sich in ihnen jeweils als Epoche abzeichnet, läßt sich nur selten zur Deckung bringen, im Grunde nie. Denn wie die Menschen leben, was sie denken und tun, was sie an Haltungen und Vorstellungen entwickeln und in ihrer Literatur ausarbeiten und reflektieren, ändert sich nicht mit einem politischen Ereignis, von einem Tag zum andern; solcher Wandel braucht stets einen längeren Atem.

Um 1830 endet für die Literaturgeschichte die Goethezeit, die Epoche von Spätaufklärung, Klassik und Romantik, und sie endet im Grunde ohne einen äußeren Anhaltspunkt in der politischen Geschichte, ohne Bezug auf ein markantes politisches Datum. Und um 1890 erlebt sie einen weiteren tiefen Einschnitt, wiederum ohne einen solchen Bezugspunkt – und gerade hier ist das Auseinanderklaffen von Ereignisgeschichte und kultureller Entwicklung besonders deutlich – insofern nun mit den Bewegungen des Naturalismus und des Symbolismus, mit Arno Holz und Gerhart Hauptmann, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke etwas durchaus Neues beginnt: die moderne Literatur im engeren und eigentlichen Sinne, die ästhetische Moderne mit ihrem programmatischen Modernismus und ihren immer neuen Avantgarden.

Vormärz, Realismus, Gründerzeit

Die Zeit von 1830 bis 1890 wird in der Regel wiederum in zwei Epochen unterteilt, in die Jahre vor und nach 1850. Der Abschnitt vor 1850 umfaßt die späteste Romantik, das Biedermeier und den Vormärz, wie er sein Profil wesentlich der literarisch-politischen Bewegung des „Jungen Deutschland“ verdankt. Vormärz: so nennt man die Jahrzehnte vor der Märzrevolution von 1848, vor den beiden Revolutionsjahren 1848 und 1849. Aus der Vormärzzeit haben sich vor allem die Namen von [<<8] Heinrich Heine (1797–1856) und Georg Büchner (1813–1837) im kulturellen Gedächtnis erhalten, und so soll ihr Werk hier denn auch mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden. Daneben sollen einige Arbeiten des Heine-Freunds Karl Leberecht Immermann (1796–1840) und des Büchner-Förderers Karl Ferdinand Gutzkow (1811–1878) mit herangezogen werden, als von Autoren, bei denen das Typische des Vormärz besonders deutlich zu greifen ist.

Und die Jahre nach 1850 gelten als Epoche des Realismus, oder, wie vielfach auch zu lesen ist, des „bürgerlichen Realismus“ oder „poetischen Realismus“. Hier ist in erster Linie an Adalbert Stifter (1805–1868), Friedrich Hebbel (1813–1863), Theodor Storm (1817–1888), Gottfried Keller (1819–1890), Theodor Fontane (1819–1898), Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) und Wilhelm Raabe (1831–1910) zu denken, aber auch an Autoren, die heute nicht mehr ganz so bekannt sind, etwa an Otto Ludwig (1813–1865), Gustav Freytag (1816–1895) und Friedrich Spielhagen (1829–1911).

Diese Aufteilung ist freilich nicht ohne Probleme, wie jede Einteilung in Epochen. So gehört zum Beispiel der konsequenteste und radikalste der Realisten, Büchner, bereits der Epoche des Vormärz an und nicht, wie man vermuten möchte, erst der des Realismus; Büchner ist ja schon 1837 im Alter von 23 Jahren gestorben. Mit Epochenbegriffen ist es nun einmal nicht anders: sie sind nicht zu entbehren, wo man sich ein Bild von der Literaturgeschichte machen will, aber wer zu rigide Begriffe von ihnen hat und sich zu starr an bestimmte Daten klammert, den können sie mit Blindheit schlagen.

Für die Zeit nach 1871 gebraucht man auch gerne den Begriff der Gründerzeit oder Gründerjahre. Damit sind die Jahrzehnte nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und der Wieder- oder Neugründung des Deutschen Reichs durch Otto von Bismarck mit ihren vielen großen und kleinen Gründergestalten gemeint, wobei nicht nur an politische Größen, sondern auch an solche des Wirtschaftslebens zu denken ist, an die Gründer von Industriebetrieben, Handelshäusern und Banken. Denn es handelt sich um die Zeit eines gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwungs, um die Jahre, in denen die Industrialisierung in Deutschland in ihre entscheidende Phase eingetreten und zu einem flächendeckenden Phänomen geworden ist. Die Gründerzeit wird im allgemeinen noch der Epoche des Realismus [<<9] zugeschlagen, als deren zweite Phase; das Gros der Literatur, die dem „bürgerlichen“ oder „poetischen Realismus“ zugerechnet wird, ist ja auch erst hier entstanden.

1.2     Literaturgeschichte und Kulturgeschichte

Prinzipien der Darstellung

Damit ist der Zeitraum umrissen, dessen Literatur hier zum Gegenstand einer Einführung werden soll. Mit Einführung ist nun keineswegs gemeint – um noch einmal einige der Prinzipien in Erinnerung zu rufen, die im Vorwort zu Band 1 dieser Literaturgeschichte dargelegt worden sind – daß im folgenden auf eine besonders elementare Weise von der Literatur des 19. Jahrhunderts gehandelt werden soll; daß es nur um eine erste Orientierung und Basisinformationen für den Anfänger in der Wissenschaft gehen soll, etwa um einen Überblick über die wichtigsten Daten, Namen und Werke. Vielmehr soll versucht werden, möglichst viel von dem in den Blick zu bekommen, was diese Literatur „im Innersten bewegt“; was die Autoren und ihre Leser seinerzeit umgetrieben hat, was für sie die großen Themen, die entscheidenden Fragen und Probleme gewesen sind und was sie für deren Durchdringung und Bewältigung an formalen Lösungen gefunden haben. Der heutige Leser soll damit in die Lage versetzt werden, ein Verständnis, um nicht zu sagen: ein Gefühl für die Texte des 19. Jahrhunderts zu entwickeln, ein Gespür für ihre spezifischen thematischen Obsessionen und formalen Mittel; denn dessen bedarf er vor allem, wenn er mit ihnen ins Gespräch kommen will.

Das kann aber nur gelingen, wenn auf jeden Anspruch der Vollständigkeit verzichtet und eine Auswahl, eine Entscheidung für eine überschaubare Zahl von Autoren und Werken getroffen wird; nur so wird eine Intensität der Auseinandersetzung möglich, die in der Tat ins Zentrum der Verstehensprobleme führt. Dabei kann freilich davon ausgegangen werden, daß das, was sich in solch exemplarischen Studien in Erfahrung bringen läßt, dazu verhilft, auch mit anderen Autoren und Werken besser zurechtzukommen. Denn was den einen Autor umgetrieben hat, hat im allgemeinen auch die anderen beschäftigt, wie die Zeitgenossen überhaupt. Das gilt jedenfalls für die Autoren, deren Werke ein breiteres Publikum erreicht haben und in den Kanon der [<<10] Literaturgeschichte eingegangen sind; wenn sie nicht den Nerv der Zeit getroffen hätten, hätten sie kaum einen solchen Erfolg haben können.

Den Leser erwartet hier also kein lexikalischer Aufmarsch von literaturhistorischen Daten und Fakten, keine auf Vollständigkeit angelegte Aneinanderreihung von Stichwortartikeln zu literarischen Bewegungen, Autoren und Werken. Er wird nicht über alle literarischen Erscheinungen, Strömungen und Gruppierungen informiert werden, mit denen sich die Literaturwissenschaft beim Blick auf das 19. Jahrhundert zu befassen pflegt und die sie unter diesem oder jenem Gesichtspunkt als bedeutsam einstuft. Wer Vollständigkeit sucht, der möge zu einem der vielen Handbücher greifen, die Entsprechendes bieten, zu Autoren-, Werk- und Begriffslexika. Hier soll es vor allem darum gehen, dem Leser einen Zugang zu dem zu eröffnen, was die Literatur des 19. Jahrhunderts „im Innersten bewegt“, ihm möglichst viel von dem mitzugeben, was es ihm erlaubt, ein Verständnis für ihre Texte zu entwickeln und auf eigene Rechnung in das Gespräch mit ihnen einzutreten.

Literatur- und Kulturgeschichte

Dem wird eine Einführung wie diese aber nur genügen können, wenn sie sich an etwas versucht, das man eine Kulturgeschichte der Literatur nennen könnte, oder auch eine Literaturgeschichte der Kultur, genauer: wenn sie beides in einem zu geben versucht, eine Geschichte der Kultur, wie sie sich in der Literatur bezeugt, und eine Geschichte der Literatur, wie sie sich an den kulturgeschichtlichen Gegebenheiten abarbeitet. Denn die Literatur bezieht ihre Stichworte, ihre Motive und Fragen sowie die Möglichkeiten zu deren Verhandlung weithin aus den geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnissen, in die sie eingelassen ist, und aus dem Repertoire von Vorstellungen, von Diskursen, die ihr die zeitgenössische Kultur zur Verfügung stellt. Insofern läßt sich Literaturgeschichte nur als Kulturgeschichte schreiben; ohne das Eingehen auf die weiteren kulturgeschichtlichen Zusammenhänge, in die die Autoren und ihre Werke eingebettet sind, würde die Auseinandersetzung mit ihnen zu einem windigen Unternehmen, bliebe sie notwendigerweise beliebig und oberflächlich.

Die anthropologische Dimension der Literatur

Dabei ist allerdings zu bedenken, daß die Literatur nicht völlig in der Kulturgeschichte und den historischen „Diskurskonstellationen“ aufgeht. Es bleibt immer ein Rest, jedenfalls bei den Werken von Bedeutung, und gerade dieser Rest ist für den Leser im allgemeinen [<<11] von besonderem Interesse. Nicht alle Fragen der Literatur sind gleichermaßen kulturgeschichtliche Fragen. Die Literaturgeschichte weiß von einer Fülle von Themen, die den geschichtlichen Wandel überdauern, von einem Grundbestand an Fragen, die mit dem Menschsein überhaupt zu tun haben, die von anthropologischer Bedeutung sind. Gerade diese hat die Literatur seit jeher mit Vorliebe aufgesucht, wie immer die geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse ausgesehen haben mögen, unter denen sie ihnen Ausdruck zu verleihen suchte.

Man denke nur an Themen wie Liebe und Tod, wie Begehren, Sehnsucht, Hoffnung, Erfüllung und Enttäuschung, wie Freundschaft und Rivalität, Macht und Ohnmacht, Glück und Unglück, Erfolg und Scheitern, Schuld und Unschuld. Was heißt es, Kind zu sein, heranzuwachsen, sich einen Platz im Leben zu suchen, sich mit anderen Menschen und mit einem gesellschaftlichen Umfeld ins Verhältnis zu setzen, Anerkennung zu gewinnen, Anerkennung zu verlieren, alt zu werden und sein Leben hinter sich zu haben? Was heißen Schicksal, Freiheit, Gerechtigkeit? Was ist der Mensch und was ist ihm die Welt? Die Reihe der Fragen, die die Literatur zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden gleichermaßen beschäftigt haben, ließe sich unschwer verlängern.

Der literarische Text als Dokument und Monument

Gerade um solcher und ähnlicher Fragen willen sind literarische Texte der Vergangenheit nicht nur für den Historiker interessant, zählen sie nicht nur als Dokumente, als historische Quellen für die Erkenntnis bestimmter kulturgeschichtlicher Verhältnisse und Entwicklungen, gewinnen sie vielfach darüber hinaus auch die Qualität von Monumenten, von Werken, die die Menschen über allen Wandel der Verhältnisse hinweg immer wieder neu anzusprechen und zu erreichen vermögen, kann es zum Beispiel für uns als Menschen des 21. Jahrhunderts interessant sein, uns Werke des 19. Jahrhunderts zu Gemüte zu führen. Solches Dauern-Können, solches Interessant-bleiben-Können verdankt die Literatur vor allem ihren ästhetischen Qualitäten; diese machen es ihr möglich, jene ewigen Probleme des Menschen so auszuarbeiten, daß ihre Werke über den Wechsel der Zeiten hinweg faszinierend und aufschlußreich bleiben.

Es ist freilich nicht allein der „monumentale“ Charakter, der uns die Literatur des 19. Jahrhunderts nahebringt; es sind durchaus auch die Züge, die sie zu einem Dokument der geschichtlichen Verhältnisse [<<12] und Prozesse machen. Denn diese markieren Stationen eines Wegs, auf dem wir heute noch immer begriffen sind. Sie bezeichnen nämlich Etappen in dem Prozeß, den die moderne Sozialwissenschaft Modernisierung nennt. Die geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse und Prozesse, die sich in der Literatur des 19. Jahrhunderts bezeugen und mit denen sie sich auseinandersetzt, ergeben sich wesentlich aus dem Projekt und den Problemen der Modernisierung, und diese sind heute im Prinzip noch dieselben wie im 19. Jahrhundert.

1.3     Modernisierung im 19. Jahrhundert

Der Glaube an den Fortschritt

Wenn man die geschichtlich-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Literatur des 19. Jahrhunderts entstanden ist, auf eine kurze Formel bringen wollte, so könnte man sagen: die Welt wird modern, sie wird nun ein für allemal, auf unumkehrbare Weise modern. Zwar nimmt sich das meiste von dem, was aus dem 19. Jahrhundert auf uns gekommen ist – Stadtlandschaften, Gebäude, Möbel und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Bilder und die Menschen und Dinge, die in ihnen dargestellt sind – in unseren Augen inzwischen reichlich altmodisch aus, trägt es für uns deutlich das Gepräge des Überholten. Doch wissen wir zugleich, daß es dem, was uns selbst zur Zeit gerade als modern gilt, nicht anders ergehen wird; daß man auch darauf binnen kurzem als auf etwas Veraltetes zurückblicken wird. In der modernen Welt ist es nun einmal nicht anders: jeder erlebt nur seine unmittelbare Gegenwart als modern und empfindet alles Frühere als Schnee von gestern. Vor allem an dieser Dynamik des ständigen Überholens und Überholtwerdens, genauer: an dem Bewußtsein von solcher Dynamik, an dem allgegenwärtigen Gefühl des Verfallenseins an die Geschichte erkennt man die Moderne.

Die Welt wird modern – das heißt zunächst, daß der Glaube unter den Menschen mehr und mehr an Boden gewinnt, die Gesellschaft bedürfe des Fortschritts, und daß dieser Glaube immer entschiedener ihr Handeln bestimmt; daß er sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Geltung verschafft, von der großen Politik und dem staatlichen Verwaltungshandeln bis hin zu den Lebensformen, die den Alltag der kleinen Leute bestimmen, von der Wirtschaft und [<<13] der Arbeitswelt bis hin zu den Bezirken der Kultur im engeren Sinne, bis hin zu Bildung und Erziehung, Religion, Wissenschaft, Kunst und Literatur. In Worten Gutzkows:

Modern ist es, die Welt anzuerkennen, wie sie geworden ist, aber das Recht zu bezweifeln, ob sie so bleiben darf, wie sie ist. (GS 2, 131)

Eben in diesem Sinne wird die Welt im 19. Jahrhundert modern. Der Begriff des Fortschritts wird zu einem Schlüsselwort in allen gesellschaftlichen Diskursen.

Eine Gesellschaft ist dann eine moderne, wenn in ihr der Glaube zu einer bestimmenden Macht geworden ist, daß sie sich ständig modernisieren müsse, daß sie nur dann etwas tauge und eine Zukunft habe, wenn sie jederzeit und überall am Fortschritt arbeite. Solcher Glaube lebt aus der Überzeugung, daß alles, was der Mensch tut und macht, von Veraltung bedroht sei und deshalb immer wieder durch Neues, Besseres ersetzt werden müsse. Der Glaube an den Modernisierungsbedarf aller menschlichen Dinge ist vor allem von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts auf den Weg gebracht worden. In der Französischen Revolution von 1789 ist dann sichtbar geworden, welche Dimensionen die Modernisierung annehmen kann und was ihre Chancen, aber auch ihre Gefahren sind. Und im 19. Jahrhundert ist die Welt schließlich in endlosen Kontroversen um das Wohl und Wehe des Fortschritts in einen Modernisierungswirbel hineingerissen worden, der sich bis heute ständig beschleunigt hat und sich offenbar immer nur weiter beschleunigen kann. So kann Gutzkow schon 1837 feststellen: „Alles ist Hebel für die Zukunft geworden (…)“ (GS 2, 119).

Fortschritt und Wissenschaft

Die wichtigste Quelle der Modernisierung ist die Wissenschaft, sind vor allem die modernen Naturwissenschaften; die Wissenschaft ist für die moderne Gesellschaft so etwas wie die zentrale Agentur des Fortschritts. Denn sie ist dank ihrer eigentümlichen Forschungslogik unausgesetzt damit beschäftigt aufzuzeigen, daß man die Dinge auch anders sehen und machen kann als bis dato üblich, und das heißt, daß sie ständig altgewohnte Vorstellungen und Praktiken für überholt erklärt und damit einen immer neuen Modernisierungsbedarf definiert. Modern ist, „(a)lles durch Rede und Schrift in Erörterung zu ziehen“ (GS 2, 146). In eben diesem Sinne ist die Wissenschaft im [<<14] 19. Jahrhundert zu einem unentbehrlichen Faktor, ja zu einem Eckpfeiler des gesellschaftlichen Lebens geworden.

Man kann das schon äußerlich daran erkennen, daß die Institutionen, die dem Erwerb und der Ausbreitung des wissenschaftlichen Wissens dienen, hier in völlig neue Dimensionen hineinwachsen, von den Universitäten bis hin zu den höheren Schulen und den anderen Einrichtungen von Forschung und Lehre. Das Wissen, mit dem sich die Gesellschaft organisiert und ihre Geschäfte betreibt, erfährt eine durchgreifende Akademisierung, ja die Gesellschaft selbst wird mehr und mehr akademisch. Immer mehr Menschen studieren, werden mit einer akademischen Ausbildung ausgestattet, um in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft mit dem neuesten Wissen der Wissenschaft für die Modernisierung tätig zu werden. Das heißt auch, daß man ohne akademische Diplome nun nicht mehr viel werden kann.

Industrielle Revolution

Der wichtigste Transformator für die Modernisierungsenergie, die durch die Wissenschaft erzeugt und freigesetzt wird, ist die Arbeitswelt, und hier wiederum besonders jener Bereich, in dem sich die Organisation der Arbeit vollzieht, die Ökonomie; diese gibt sich zu eben diesem Zweck die Form der modernen kapitalistischen Wirtschaft. So kann das von der Wissenschaft erarbeitete neue Wissen, können insbesondere die von ihr ermöglichten neuen technischen Produktionsverfahren in großem Stil umgesetzt werden. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit der „industriellen Revolution“, des Übergangs zu der von der Wissenschaft ermöglichten technisch-industriellen Produktionsweise, ein Prozeß, der in der ersten Jahrhunderthälfte zunächst vor allem in England Fahrt aufgenommen hat – aus England kommen die Dampfmaschine, die Eisenbahn und viele andere Leittechniken der industriellen Revolution – um in der zweiten Jahrhunderthälfte und insbesondere in den Gründerjahren dann auch weite Teile Deutschlands zu erfassen.

Soziale Dynamik und „soziale Frage“

Die Industrialisierung erzeugt eine soziale Dynamik, die nach und nach von immer mehr Menschen Besitz ergreift. Alle Verhältnisse geraten in Bewegung, „Ruhe wird unmöglich“ (GS 2, 119). Modernisierung heißt wesentlich „Mobilmachung“, Mobilisierung der Massen. Immer mehr Menschen werden in Bewegung versetzt, werden aus ihrer gewohnten Umgebung, aus der Welt ihrer Herkunft herausgerissen, um an andere Orte und in andere soziale Zusammenhänge verpflanzt [<<15] zu werden; sie werden, wie man es seinerzeit empfunden hat, ihrer Wurzeln beraubt, erleiden eine „Entwurzelung“.

Dank der modernen Landwirtschaft mit ihrer reicheren Produktion von Lebensmitteln und dank der Segnungen der modernen wissenschaftlichen Medizin und Hygiene wächst die Bevölkerung. Dieses Wachstum ist freilich für viele und gerade für weite Teile der Landwirtschaft treibenden Landbevölkerung selbst zunächst mit Verarmung verbunden, da sich zugleich das gesamte Gefüge der Ökonomie im Sinne der kapitalistischen Geldwirtschaft verändert, und damit der Zugang zu den erwirtschafteten Gütern; es kommt zur Landflucht, wie sie die Menschen bald in die nahen Städte und bald in ferne Länder führt, etwa in die neuen amerikanischen Staaten auswandern läßt. Um die neuen Produktionsstätten, die Fabriken herum breiten sich die Städte immer weiter aus; es entsteht die moderne Großstadt. In ihr wächst ein Industrieproletariat heran, das wie die verarmte Landbevölkerung ständig um das Existenzminimum ringen muß. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Pauperismus oder, ins Politische gewendet, von der sozialen Frage.

Zugleich werden einige wenige über der Industrialisierung extrem reich, und das müssen sie auch, denn zur Finanzierung der industriellen Massenproduktion bedarf es gewaltiger Mittel, bedarf es neuer Formen der „Akkumulation von Kapital“ (Karl Marx). Es bildet sich eine neue Schicht der Gesellschaft, die Bourgeoisie, gekennzeichnet durch neue Typen von Besitzbürgertum wie den Kapitalisten, den „Entrepreneur“ – den Unternehmer –, den Industriekapitän, den Finanzjongleur und den Börsenspekulanten, Typen, die bald schon eine große gesellschaftliche Bedeutung erlangen und dementsprechend auch in die Literatur einwandern.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: hier die neuen Superreichen – da die verarmte Landbevölkerung und das kaum weniger arme Industrieproletariat. „Durch alle unsere Verhältnisse“, konstatiert Gutzkow, „zieht sich der gewaltige sociale Riß, diese klaffende Wunde des Jahrhunderts“ (GS 2, 169). So hat die Dynamik der Modernisierung im 19. Jahrhundert unausgesetzt sozialen Sprengstoff produziert; die Kollateralschäden des Fortschritts werden unübersehbar.

Progressiv vs. konservativ

Darauf konnte und kann man auf unterschiedliche Weise reagieren. Zwei typische Wege zeichnen sich bereits zu Beginn des [<<16] 19. Jahrhunderts deutlich ab. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die die negativen Folgen des Fortschritts durch ein Noch-Mehr an Fortschritt, durch einen besseren, tiefergreifenden, fortschrittlicheren Fortschritt überwinden wollen – der Weg der Progressiven, der sich alles in allem durchgesetzt hat und bis heute in den meisten praktischen Belangen den Kurs der Gesellschaft bestimmt. Und da sind auf der anderen Seite diejenigen, die den Fortschritt an die Kette legen, im Rückgriff auf die Tradition begrenzen, zähmen, domestizieren wollen, die ihn in altbewährte Strukturen einfangen und so eine gewisse Stabilität in den Wandel bringen wollen – der Weg der Konservativen.

Solche konservativen Gedanken haben das 19. Jahrhundert nicht weniger bewegt als der Fortschritt, weshalb man von ihm auch als von einer Zeit der „defensiven Modernisierung“ (Hans-Ulrich Wehler) gesprochen hat. Sie haben sich vor allem an den Mobilisierungseffekten der Modernisierung entzündet, an der immer weiter um sich greifenden, immer totaler werdenden Mobilmachung von Natur und Gesellschaft, über der sich die Welt in einen einzigen gewaltigen Verschiebebahnhof für Menschen und Dinge zu verwandeln schien – an eben dem, was man „Entwurzelung“ nannte. Und so ist das 19. Jahrhundert nicht nur ein Jahrhundert der Begeisterung für den Fortschritt geworden, sondern zugleich auch das Jahrhundert des Historismus, einer immer intensiveren Beschäftigung mit dem kulturellen Erbe, insbesondere mit überkommenen Modellen einer weniger mobilen, stabiler scheinenden Gesellschaftsordnung.

Nicht jeder vermag bekanntlich bei der Modernisierung gleich gut mitzuhalten. Früher oder später kommt auch der flexibelste Mensch in seinem Leben an einen Punkt, wo ihm der ständige Wandel der Lebensverhältnisse, die permanente Transformation des Wissens, der Anforderungen der Gesellschaft, der sozialen Beziehungen, der Arbeitswelt und des Alltags über den Kopf wachsen und er nicht mehr mitgehen kann und will – die anthropologische Grenze der Modernisierung. Denn zur Grundausstattung des Menschen gehört nicht nur die Neugier; er ist nicht nur „rerum novarum cupidus“, auf Neues begierig, und insofern auf Erneuerung hin angelegt. Er ist auch ein Gewohnheitstier; Gewohnheit ist, wie schon Aristoteles wußte, seine zweite Natur. Und dieses Gewohnheitstier im Menschen beginnt sich zu wehren, wenn es sich durch die Modernisierung überfordert fühlt, beginnt [<<17] zumindest von der „guten alten Zeit“ zu träumen, als von einer Zeit, in der noch weniger Bewegung in der Welt gewesen wäre, in der die Welt überhaupt noch in Ordnung gewesen wäre und man sich leichter in solche Ordnung hätte finden können.

Historismus

Und so hat das 19. Jahrhundert wie die Zukunftsvisionen des Fortschrittsglaubens, so auch den Blick zurück in die Geschichte kultiviert,1 in der Hoffnung, der Gegenwart als einem „System der Unordnung“ (GS 2, 71) entkommen und in einer besseren, weniger unruhigen, weniger konfliktgeladenen und bedrohlichen Welt ankommen zu können. Das Interesse richtete sich vor allem auf Modelle einer stabileren gesellschaftlichen Ordnung, auf Modelle, deren Wiederbelebung dazu verhelfen sollte, dem Fortschritt Zügel anzulegen und ihn auf Menschenmaß zu bringen, ihn nämlich auf das Maß an Veränderung zu reduzieren, das das Gewohnheitstier im Menschen allenfalls noch würde verkraften können. Das ist das zentrale Motiv des Historismus.

Dieser Historismus wurde zu einer Quelle immer neuer Projekte und Moden, wie er überhaupt seinerzeit die tollsten Blüten trieb. Das 19. Jahrhundert liebte das historische Kostüm. Wenn Borsig in Berlin eine neue Fabrik für Lokomotiven baute oder wenn in einer der ständig wachsenden Städte ein neuer Bahnhof errichtet wurde, dann gab man diesen Gebäuden eine Fassade, die bei einem gotischen Dom, einem Palazzo der Renaissance oder einem Lustschloß des Rokoko abgeguckt war. Die Werke des Fortschritts wurden historisch maskiert, damit sie noch irgendwie nach etwas Menschlichem, dem Menschen Gemäßen aussähen. Am deutlichsten zeigt sich dieses eigentümlich zwiespältige Verhältnis zum Fortschritt in der Architektur und der Bildenden Kunst. Da finden sich nebeneinander sämtliche Stile des alten Europa wieder, Romanik und Gotik, Renaissance und Barock, Rokoko und Klassizismus, und womöglich nicht nur nebeneinander, sondern an ein und demselben Objekt. Man denke nur an Gebäude wie den Reichstag in Berlin oder die alten Hauptbahnhöfe der großen Städte. Ein früher Vertreter dieses Historismus war der preußische Staatsbaumeister [<<18] Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), ein Architekt, der sich sowohl auf die neuesten, fortschrittlichsten Bautechniken verstand als auch die Kunst beherrschte, einem Gebäude jedes gewünschte historische Kostüm anzumessen.

1.4     Literatur und Modernisierung im 19. Jahrhundert

Die Welt wird modern. Die Modernisierung nimmt Fahrt auf und entfaltet eine Dynamik, die nach und nach das gesamte Leben verändert. Hier macht sie es leichter, da erschwert sie es, die einen läßt sie Karriere machen, die anderen stürzt sie ins Elend. So versetzt sie die Menschen bald in Begeisterung und bald in Angst und Schrecken. Und so arbeitet man sich unausgesetzt an ihren Folgen ab, sei es daß man sich im Sinne des Progressismus darum bemüht, den Fortschritt immer fortschrittlicher zu machen, oder daß man ihn im Sinne des Konservatismus mit Mitteln des Historismus einzuhegen und zu zähmen versucht. Damit haben wir nun einen ersten großen Komplex von Fragen vor uns, der die Literatur des 19. Jahrhunderts „im Innersten bewegt“. Demgemäß finden sich in ihr auch die beiden Grundhaltungen zur Modernisierung wieder, und zwar, vereinfacht gesprochen, der Progressismus als Realismus und der Konservatismus als Romantizismus.

Romantizismus

Die Ausbildung des Denkens, das die Probleme der Modernisierung im Sinne von Konservatismus und Historismus angeht, ist eng mit der Geschichte der romantischen Bewegung verknüpft. Ein Grundimpuls der Romantik2 ist die Vorstellung, daß die moderne Welt im Grunde nicht zum Ansehen sei, daß sie in ihrem Mangel an Schönheit, in ihrer monströsen Häßlichkeit nur schwer zu ertragen sei und daß Kunst und Literatur dem modernen Menschen vor allem dann etwas würden geben können, wenn sie ihn anderes schauen ließen als diese moderne Welt, wenn sie ihn wenigstens in der Phantasie Verhältnisse erblicken [<<19] ließen, die nicht vom Wirbel der Modernisierung erfaßt wären und bei deren Schönheit er sich beruhigen und wieder zu sich kommen könnte.

Solche Verhältnisse will der Romantizismus vor allem in zwei Bereichen entdecken: in der Natur, genauer: in der von der Modernisierungsdynamik noch nicht erfaßten, der „unberührten“, „freien Natur“; und in der Geschichte, wie sie den modernen Menschen mit den wohlgeordneten Verhältnissen einer „guten alten Zeit“, mit vormodernen, traditionalen Gesellschaften bekanntmacht. Bei letzterem denkt der romantisch Gestimmte vor allem an das Mittelalter, als an eine Zeit, in der das gesellschaftliche Leben noch in eine stabile Ordnung eingegossen gewesen wäre, mit Kaiser und Reich, Gott und Vaterland, und in der die Menschen noch keine Kapitalisten, Karrieristen und Intellektualisten gewesen wären, sondern schlicht, fromm und tugendhaft. So etwa hat Novalis das Mittelalter in seiner Rede über „Die Christenheit oder Europa“ (1799) dargestellt.

Realismus

Demgegenüber läßt sich die Bewegung des „bürgerlichen“ oder „poetischen Realismus“3 als ein Versuch von Kunst und Literatur verstehen, mit der modernen Welt ihren Frieden zu machen, wie immer sie im einzelnen aussehen und zu bewerten sein möge. Die Modernisierung ließ sich ja doch nicht aufhalten, der Fortschritt nicht wieder einfangen; er ließ sich allenfalls kritisch begleiten, und vielleicht mitgestalten und über solcher Mitgestaltung zum Guten wenden. Hier sollte also nicht mehr versucht werden, den Blick gegen die modernen Verhältnisse abzuschirmen und zu Natur und Geschichte hinüberzulenken. Vielmehr sollte ihn die Kunst nun dahin bringen, auf der Gegenwart, auf den „zivilisatorischen Realitäten“ (Gottfried Benn) der Moderne zu verweilen, ja sich den neuen Lebensformen – der modernen Arbeitswelt und Ökonomie, dem modernen Leben, den Großstädten, den sozialen Problemen in Stadt und Land, den Problemen einer modernen Bildung – überhaupt zu stellen, sich ihnen in jenen Formen gesteigerter Aufmerksamkeit und Bewußtheit zuzuwenden, die die Sache der Kunst ist. [<<20]

Zu einer solchen Ausrichtung der Literatur auf die moderne Welt kam es zuerst in Frankreich und in England, als den beiden avanciertesten Ländern in Europa.4 Für Frankreich ist hier vor allem Honoré Balzac (1799–1850) zu nennen, für England vor allem Charles Dickens (1812–1870), von denen der eine um 1830, der andere um 1840 zu einem neuartigen Realismus fand, jeder auf seine Weise. Bei Balzac zieht die Literatur erstmals ohne Wenn und Aber in die moderne Großstadt ein, um sich deren Boulevards und Plätze zu erobern und ihre verschiedenen Lebensbereiche zu erkunden, von den Palästen der alten und neuen Reichen bis hin zu den Elendsquartieren der alten und neuen Armen, ja um die gesamte moderne Gesellschaft von oben nach unten und von unten nach oben zu durchmessen. Sie begibt sich in die Zentren der Macht, an die Börse und in die Unterwelt, in die Fabriken und auf das verarmte Land; sie läßt den Minister, die Marquise und den Großkapitalisten ebenso ihre Auftritte haben wie den Kleinkrämer, den Bauern und den Arbeiter. Die deutsche Literatur vermag dem nur mit einer gewissen Verzögerung zu folgen, vor allem weil es in Deutschland erst später als in England und Frankreich zu jenen Formen von Modernisierung kam, die die Literatur des Realismus in den Blick nahm; weil die neuen Realitäten hier noch nicht Gestalt angenommen hatten oder jedenfalls noch nicht mit der gleichen Deutlichkeit sichtbar geworden waren wie dort.

Übergangs- und Zwischenformen

Geht man näher auf die Literatur des 19. Jahrhunderts ein, zeigt sich freilich, daß sich der romantische und der realistische Grundimpuls kaum je in Reinkultur und keineswegs in einem deutlichen Nacheinander Geltung verschafft haben, daß sie vielmehr nebeneinander zur Wirkung gelangt sind und dabei die verschiedensten Verbindungen eingegangen sind. Und wie sollte es anders sein, da Literatur, wenn sie denn wirklich Kunst ist, wenn sie einmal ein gewisses gedankliches und ästhetisches Niveau erreicht hat, nie einseitig ist; was ihre Zeitgenossen an Einseitigkeiten kultivieren, wird von ihr aufgegriffen und in Gebilden verarbeitet, die die unterschiedlichsten Motive in ein spannungsreiches Beziehungsleben einstellen. So hat der Romantizismus durchaus progressive Züge anzunehmen vermocht, wie sich der [<<21] Realismus auch konservativ hat gebärden können. Daraus sind eine Reihe von Übergangs- und Zwischenformen entstanden, die ein Gutteil, wenn nicht das Gros der Literatur des 19. Jahrhunderts ausmachen.

Biedermeier

Zu diesen Übergangs- und Zwischenformen zählen mitunter ganze kulturelle Bewegungen, denen man wie dem Biedermeier oder der „jungdeutschen“ Literatur des Vormärz den Status einer epochalen Tendenz zugesprochen hat. Der Biedermeier5 der Zeit von 1820 bis 1850 zieht seinen Kopf ein, damit er ihm im scharfen Wind der Modernisierung nicht davonfliegt, und verdrückt sich in die geschichtsfernen Zonen seines unmittelbaren Lebensumfelds. Dieser seiner Lebenswelt wendet er sich aber nicht nur zu, um sie im Sinne der Romantik zu „poetisieren“; er faßt sie auch mit einem geschärften Realitätssinn ins Auge, der auf den Realismus der zweiten Jahrhunderthälfte vorausweist. Man denke nur an Autoren wie Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), Eduard Mörike (1804–1875) und Adalbert Stifter (1805–1868), wie sie, jeder auf seine Weise, den Abschied von der Romantik und Übergang zum Realismus markieren.

Vormärz

Etwas Ähnliches findet sich bei den Autoren des Vormärz,6 beim „Jungen Deutschland“7 und bei Heinrich Heine. Wenn sie auch mit einem unerbittlichen Realismus die Probleme der Gesellschaft ihrer Zeit analysieren und einen Fortschritt einklagen, der diesen Namen verdient hätte, so bleiben sie doch „mit dem Herzen“ und mit ihren Ansprüchen der Poesie der Romantik verhaftet. Es ist das blutende Herz des Romantikers, wie es Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zur Darstellung bringt (HS 7, 592–595), was sie zu Kritikern der Verhältnisse macht.

Historischer Roman

Und auch einige der beliebtesten Gattungen leben gleichermaßen aus romantischen und realistischen Impulsen heraus, so zum Beispiel der Historische Roman seit Walter Scott (1771–1832) und die [<<22] Dorfgeschichte seit Berthold Auerbach (1812–1882). Im Historischen Roman8 huldigt der Realismus, der doch eigentlich seinen Frieden mit der Gegenwart machen und die moderne Welt zur Darstellung bringen will, dem Historismus, indem er sich ältere Zeiten zum Schauplatz wählt. Während aber die Romantik bewußt ein poetisch unscharfes Bild von den älteren Zeiten gepflegt hat, ein Bild, das sich in seiner poetischen Unschärfe leichter idealisieren und zur „guten alten Zeit“, zum „Goldenen Alter“ stilisieren ließe – man denke nur an Novalis und seinen Roman „Heinrich von Ofterdingen“ (1802) – geht der Historische Roman des Realismus den geschichtlichen Verhältnissen mit der faktenbesessen-antiquarischen Attitüde des Historikers nach, bemüht er sich darum, ein möglichst getreues, detailgenaues Bild von der Vergangenheit zu zeichnen – aber eben ein Bild der Vergangenheit und nicht der Gegenwart. In diesem Sinne haben die meisten der großen Realisten auch historische Romane und Erzählungen geschrieben; einer von ihnen, Conrad Ferdinand Meyer, hat überhaupt nur Historisches verfaßt.

Dorfgeschichte

Und in der Dorfgeschichte,9 wie sie mit Auerbachs „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ von 1843 in Mode kam, sucht der Realist in der Landschaft der Gegenwart Lebensformen auf, die noch nicht von der Modernisierung erfaßt und umgekrempelt worden sind, „grüne Stellen“ (Friedrich Theodor Vischer),10 die weithin noch durch die Nähe zur Natur und durch traditionale Lebensformen geprägt sind. Da will er des Menschen auf eine Weise ansichtig werden, die ihm in der modernen Großstadt nicht mehr möglich scheint, und er widmet sich diesem im Grunde romantischen Unternehmen durchaus mit dem geschärften Blick des Realisten, ja vielfach mit einer fast schon wissenschaftlich zu nennenden ethnologisch-volkskundlichen Akribie. Dabei muß er sich freilich darüber hinwegsetzen, daß das Landleben inzwischen weithin dem Pauperismus anheimgefallen ist und die Landflucht eingesetzt hat, der Zug der Menschen in die Städte, [<<23] die ihnen ein besseres Leben verheißen. Am Dorfeingang rennen sich sozusagen der moderne Intellektuelle, der die Lebensformen des flachen Landes sucht, und die Landbevölkerung, die vor ihnen davonläuft, wechselseitig über den Haufen.

Auf solche Weise gehen der romantische und der realistische Grundimpuls in der Literatur des 19. Jahrhunderts die unterschiedlichsten Verbindungen ein. Dessen unbeschadet sind sie aber zunächst einmal zu unterscheiden, als literarische Möglichkeiten, die aus zwei grundverschiedenen Einstellungen zur Moderne heraus erwachsen, aus dem Fortschrittszweifel und dem Fortschrittsglauben, aus der konservativen und der progressiven Haltung. Diese Haltungen zeigen sich natürlich auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, und sie lassen sich dort oft sehr viel deutlicher greifen als in der Literatur. Das gilt zumal für das politische Leben, dessen Diskurse anders als die literarische Rede zu plakativer Eindeutigkeit neigen. So haben die Begriffe des Progressiven und des Konservativen denn auch hier ihre scharfen Konturen erhalten.

1.5     Literatur und Politik im 19. Jahrhundert

Politisierung der Kultur

Während des gesamten 19. Jahrhunderts ist das gesellschaftliche Leben durch den Kampf zwischen den Kräften des Fortschritts – Demokratiebewegung, Liberalismus, Sozialismus – und den Mächten der Vergangenheit – Monarchie, Adel, Kirche – geprägt, ein Kampf, der sich letztlich in einem Wechselspiel von Revolutionen und Restaurationsversuchen niedergeschlagen hat. Darum verhandeln die Historiker das 19. Jahrhundert oder vielmehr seine erste Hälfte auch gerne unter der Überschrift „Revolution und Restauration“.11

Zunächst ist freilich festzuhalten, daß das 19. Jahrhundert überhaupt ein Jahrhundert fortschreitender Politisierung gewesen ist, der Politisierung sowohl immer größerer Teile der Bevölkerung als auch immer weiterer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, einschließlich [<<24] der Literatur. Politik ist nun nicht mehr allein die Sache einer winzigen Elite, des Adels, der „Standespersonen“, der politischen Beamten; sie wird mehr und mehr zu jedermanns Sache. Ein jeder fühlt sich nun „immer mitten in der Agitation der politischen Leidenschaften inne leben“ (GS 2, 71).

Das ist vor allem ein Werk der Presse, die im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Es entstehen immer neue „Journale“, immer neue Tageszeitungen, wie sie bis heute nicht aus dem politischen Leben wegzudenken sind, und sie werden von immer mehr Menschen gelesen. Die moderne Öffentlichkeit nimmt nun endgültig eine Form an, wie wir sie kennen. Der Journalist betritt die Bühne der Geschichte, um sie nicht wieder zu verlassen, und er avanciert rasch zu einer Leitfigur des modernen Lebens. Auch viele Autoren von Literatur haben zumindest zeitweise als Journalisten gearbeitet, denn von der Literatur allein konnten die meisten von ihnen im 19. Jahrhundert noch immer nicht leben. Vor allem die Autoren des Vormärz haben sich als Journalisten versucht – man denke nur an Heine und Gutzkow – aber auch unter den Realisten haben viele noch ihr Brot mit Arbeiten für die Presse verdient, so etwa Fontane.

Politisierung und Modernisierung

Der tiefere Grund für die fortschreitende Politisierung der Menschen und des gesellschaftlichen Lebens ist natürlich die Modernisierung. Schon an der Schwelle zum 19. Jahrhundert hat einer ihrer engagierten Vorkämpfer, einer der größten Mobilmacher, den die Menschheit bis dahin gesehen hatte, der französische Kaiser Napoleon, den Ausspruch getan: „Die Politik ist das Schicksal“, und so ist es auch überall gekommen, wo sich die Modernisierungsmaschine in Gang gesetzt hat. Der Fortschritt, die unausgesetzte Mobilisierung von Menschen und Dingen, natürlichen und kulturellen Ressourcen, der große Verschiebebahnhof der Moderne verlangt nach Organisation und Steuerung, und er verlangt nach ihnen in einem Maße, das alles in den Schatten stellt, was die Menschheit zuvor an Organisations- und Steuerungsbedarf erlebt hat. Die Folgen zeigen sich zum einen im Anschwellen der Verwaltungsapparate – das 19. Jahrhundert ist auch die Zeit eines exponentiellen Wachstums der Bürokratie – und zum andern eben in der Politisierung. Denn Politik ist ja nichts anderes als die Gesamtheit der Diskurse, mit denen eine Gesellschaft die Prozesse zu steuern versucht, in denen sie sich organisiert. [<<25]

Was es mit alledem auf sich hat, hatte sich in der Zeit der Revolution von 1789 mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gezeigt. Da trat mit einem Schlag das ganze Panorama der modernen Politik vor die staunenden Augen der Welt: das große Forum des Parlaments, das Drama der Wahlen, die Parteipolitik, die kritische Begleitmusik der Presse, die professionelle Bearbeitung der Öffentlichkeit, die Typen des Berufspolitikers, des Politingenieurs und des politischen Journalisten. Politik wurde hier für alle sichtbar zum parteipolitischen Kampf zwischen Modernisierern und Modernisierungsgegnern, zwischen Erneuerern und Bewahrern, und hier wiederum zwischen radikalen und moderaten Erneuerern – Revolutionären und Reformern – und zwischen moderaten und radikalen Bewahrern – Konservativen und Reaktionären. Hier entstanden übrigens auch die Begriffe von „linker“ und „rechter“ Politik, abgeleitet von der Sitzordnung der Französischen Nationalversammlung.

Das Wechselspiel von Revolution und Restauration

Seinen deutlichsten Ausdruck fand der politische Kampf um den Fortschritt aber eben im Wechselspiel der Revolutionen und der Restaurationsversuche. So bezeichnen Revolutionen die wichtigsten Daten im politischen Leben des 19. Jahrhunderts. Die erste in der langen Reihe ist die Französische Revolution von 1789, eine Revolution, die auch für Deutschland die größten Folgen gehabt hat, obwohl es hier nur in einem einzigen Fall zur Gründung einer Republik gekommen ist, in Mainz, und im übrigen allenfalls zu Reformen wie zur Abwicklung des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ und zu den inneren Reformen in Preußen und einigen anderen deutschen Fürstenstaaten. Die Epoche der Französischen Revolution ging mit dem Wiener Kongreß von 1814/15 zu Ende, der eine Wiederherstellung der alten Mächte Monarchie, Adel und Kirche brachte, die sogenannte Restauration von Thron und Altar. Auf dem Boden des Alten Reichs ließ er die Verhältnisse entstehen, die ihre Kritiker nach dem führenden Staatsmann Österreichs, dem Fürsten Clemens von Metternich (1773–1859), das System Metternich nannten.

Das Ziel Metternichs und seiner Mitstreiter war es, den Geist, der 1789 aus der Flasche gefahren war, wieder in die Flasche zurückzupraktizieren, und sie scheuten dabei kein Mittel der Gewalt. Spätestens seit den Karlsbader Beschlüssen der deutschen Fürsten von 1819 gab es überall in Deutschland das, was man Demagogenverfolgung nannte, [<<26] gab es eine staatliche Zensur, ein ausgedehntes Spitzelwesen und die ganze Palette repressiver polizeilicher Maßnahmen, wenn sich auch nicht alle Fürstenstaaten mit der gleichen Intensität daran beteiligten. Davon war auch die Literatur betroffen, denn gerade die Literaten hörten nicht auf, die Ziele der Französischen Revolution – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – und die Ziele der sogenannten Befreiungskriege von 1813/15 – „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ – zu bereden, zu besingen und überhaupt in jeder erdenklichen Form präsent zu halten.

Aber der Geist des Fortschritts ließ sich nicht wieder in die Flasche zurückzwingen. Auch politisch war er weiter am Werk, nicht nur in der Literatur, so zum Beispiel in der Verfassungsbewegung, also im Ringen darum, daß sich die Fürstenstaaten Verfassungen gäben, die gewählte Parlamente vorsähen. Die Wahlen, an die man dabei dachte, waren allerdings noch keine „freien, gleichen und geheimen Wahlen“, wie wir sie kennen; nur ein kleiner Kreis wohlhabender Bürger sollte an ihnen teilnehmen können, insofern das Wahlrecht an einen „Zensus“, an Besitz und Einkommen geknüpft blieb.

Bereits 1830 kam es zu einer zweiten Revolution, der sogenannten Juli-Revolution, die freilich nur in ihrem Ursprungsland Frankreich zu einer Veränderung der politischen Verhältnisse führte; in Deutschland blieb die Unruhe überschaubar. Dafür war die Reaktion der Machthaber um so heftiger; die Zügel der „Demagogenverfolgung“, der Zensur und Repression wurden weiter angezogen, so daß viele namhafte Literaten wie Heinrich Heine und Ludwig Börne (1786–1837) nach Paris ins Exil gingen. Denn in Frankreich hatte die Juli-Revolution in der Tat ein Mehr an Freiheit gebracht, eine Stärkung des Parlaments unter dem neuen König, dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe, und vor allem ein Mehr an Pressefreiheit.

Das dritte große Revolutionsjahr ist das Jahr 1848, das Jahr der März-Revolution. Wiederum ging die Revolution von Frankreich aus, aber sie erfaßte nun auch weite Teile Deutschlands, und sie brachte endlich die von den Liberalen ersehnten Wahlen. Das Parlament, das aus ihnen hervorging, das berühmte Parlament in der Frankfurter Paulskirche, hat sich aber nicht auf Dauer etablieren können und seine Macht bald wieder verloren. Frankreich wurde zunächst zum zweiten Mal eine Republik, um sich 1852 erneut in ein Kaiserreich [<<27] zu verwandeln, mit einem Neffen Napoleons, Napoleon III., an der Spitze. Dieses wurde 1871, nach dem verlorenen Krieg gegen Deutschland, zum Schauplatz einer vierten Revolution und überdies auch des Aufstands der Pariser Kommune, einer Revolution in der Revolution, bei der man erstmals mit dem Kommunismus Ernst zu machen suchte. Deutschland hingegen mußte bis 1918 auf die nächste Revolution warten.

Deutschland und Europa

Der Blick auf das Wechselspiel von Revolution und Restauration zeigt, daß man, wenn man von der politischen Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert spricht, immer auch an Frankreich denken muß. Denn das politisch bewegte Deutschland schaute auf Frankreich, so wie das ökonomisch interessierte nach England, dem Land der industriellen Revolution und des Kapitalismus. Das künstlerische Deutschland zog übrigens weithin noch immer eine andere Orientierung als die nach Westen vor; es blickte – wie all die Jahrhunderte zuvor seit den Zeiten der Renaissance – nach dem Süden, nach Italien, dem Land, auf dessen „klassischem Boden“ (Goethe) man die Antike und deren künstlerisches Erbe studieren konnte. Italienreisen blieben auch im 19. Jahrhundert noch ein fester Programmpunkt in der Ausbildung des Künstlers.

Allerdings kamen nun immer mehr Reisen nach Frankreich und England hinzu, freiwillige Reisen ebensowohl wie politisch erzwungene, und das waren eben keine Reisen zur Antike mehr, sondern Reisen in die Moderne. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Durchbruch der ästhetischen Moderne im engeren Sinne, wird Paris schließlich vollends zur Hauptstadt der Kunst und löst damit Rom als Ziel von Künstlerreisen ab. Naturalisten wie Michael Georg Conrad (1846–1927) und Symbolisten wie Stefan George (1868–1933) machen ihre entscheidenden künstlerischen Erfahrungen nicht mehr in Italien, sondern in Paris. Das gilt es festzuhalten, denn auch darin kann man etwas von der Entwicklung von Kunst und Literatur im 19. Jahrhundert greifen; Künstlerreisen haben ja eine eigene Logik und Aussagekraft.

Bürgertum vs. Adel

Zurück zur Politik. Wenn das 19. Jahrhundert nacheinander so viele Revolutionen erlebt hat, so lag das vor allem daran, daß auf jede Revolution ein offener oder schleichender Restaurationsversuch folgte, der die revolutionären Kräfte erneut herausforderte. Restauration hieß hier vor allem, die Monarchie, das „Gottesgnadentum“ des [<<28] Souveräns zu stärken und die Position des Adels als der politisch-gesellschaftlichen Elite zu sichern. Solche Restauration der „legitimen“, durch Erbschaft zur politischen Führung berechtigten Mächte gelang jedoch nur noch in Grenzen. Denn die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung war längst auf das Bürgertum übergegangen. Im Zuge der industriellen Revolution errang es sich vollends die ökonomische Macht, und die wollte es nun auch in politische Macht ausgemünzt sehen, schon allein um die Rahmenbedingungen seines Wirtschaftens mitbestimmen zu können. Das Prinzip der Monarchie wurde durch den Verfassungsgedanken ausgehöhlt, die Fürstenstaaten wurden konstitutionelle Monarchien mit gewählten Parlamenten. Und der Adel, dieses Relikt des mittelalterlichen Feudalwesens, dessen existentielle Basis der Landbesitz und die Gutswirtschaft waren, geriet nicht nur ökonomisch gegenüber dem potenteren Bürgertum ins Hintertreffen.

Schon der Wiener Kongreß hatte mit dem Gedanken, die „legitimen“ Mächte zurückzubringen, nicht wirklich Ernst gemacht. Von den an die dreihundert staatlichen Gebilden des Alten Reichs blieben gerade einmal 37 übrig, die anderen wurden „mediatisiert“, von größeren Nachbarstaaten geschluckt. Viele fürstliche Familien waren also auf Dauer entmachtet und saßen nun frustriert und scheeläugig auf den Schlössern herum, die ihnen geblieben waren; und je weniger sie noch zu sagen hatten, desto mehr bestanden sie auf ihren Privilegien und desto verbissener kultivierten sie ihre Prätentionen. Aber auch so und gerade so blieb der Adel ein gesellschaftlich bedeutsamer Faktor; nach wie vor wurde er bei Hofe, beim Militär und im Staatsdienst bevorzugt und beanspruchte er überall im gesellschaftlichen Leben besondere Beachtung. So stellt sich die Gesellschaft im 19. Jahrhundert zwar nicht mehr als eine Ständegesellschaft dar wie noch im 18. Jahrhundert, wohl aber als eine Dreiklassengesellschaft, wie sie Karl Marx seinerzeit analysiert und beschrieben hat, bestehend aus den Klassen des Adels, des Bürgertums und des großen Rests, der Bauern, Tagelöhner, Handwerker und Industriearbeiter.

Einen guten Einblick in diese Verhältnisse gewähren die Romane von Karl Immermann. Zugleich erhellt aus ihnen, in welchem Maße und auf welche Weise sie die zeitgenössische Literatur beschäftigt haben. Deshalb sollen sie hier als Leitfaden für eine erste Annäherung an die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts dienen. [<<29]

1 Friedrich Jaeger, Jörn Rüsen: Geschichte des Historismus. München 1992. – Annette Wittkau: Historismus. Göttingen 1992. – Moritz Baßler u. a. (Hrsg.): Historismus und literarische Moderne. Tübingen 1996.

2 Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. Stuttgart 1998. – Detlef Kramer: Romantik. Stuttgart Weimar 2001. – Ernst Müller: Romantisch/Romantik. In: Ästhetische Grundbegriffe. Bd. 5. Stuttgart 2003, S. 315–344.

3 Hugo Aust: Realismus. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart Weimar 2006. – Bernd Balzer: Einführung in die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Darmstadt 2006. – Christian Begemann (Hrsg.): Realismus. Epochen – Autoren – Werke. Darmstadt 2007.

4 Reinhard Lauer (Hrsg.): Europäischer Realismus. Wiesbaden 1980.

5 Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. 3 Bde. Stuttgart 1971–1980.

6 Peter Stein: Epochenproblem Vormärz. 1815–1848. Stuttgart 1974. – Walter Jaeschke (Hrsg.): Philosophie und Literatur im Vormärz. 2 Bde. Hamburg 1995. – Martina Lauster u. a. (Hrsg.): Vormärzliteratur in europäischer Perspektive. 3 Bde. Bielefeld 1996–2000.

7 Helmut Koopmann: Das Junge Deutschland. Eine Einführung. Darmstadt 1993.

8 Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart Weimar 1994.

9 Jürgen Hein: Dorfgeschichte. Stuttgart 1976. – Uwe Baur: Dorfgeschichte. München 1978.

10 Friedrich Theodor Vischer: Ästhetik. 3 Teile. Reutlingen Stuttgart 1846–1857. Teil 3, S. 1305.

11 Dieter Langewiesche: Europa zwischen Restauration und Revolution. 1815–1849. München 2007.

2     Modernisierungskrisen im Vormärz

2.1     Zeit- und Krisendiagnosen in Immermanns „Epigonen“

Immermann als Chronist des Vormärz

Karl Leberecht Immermann12 ist heute weithin vergessen. Wer sich mit der Literatur des Vormärz beschäftigt, wird jedoch bald auf seinen Namen stoßen, denn hier gehörte er zu den zentralen Figuren des literarischen Lebens. 1796 in Magdeburg geboren, lebte er seit 1827 als Richter in preußischen Diensten in Düsseldorf, wo er 1840 auch verstarb. Das Schreiben war für ihn also nur eine Nebenbeschäftigung. Das hat ihn freilich nicht daran gehindert, eine ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit zu entfalten, die ihn mit vielen literarischen Größen seiner Zeit in Verbindung brachte, so etwa noch mit dem alten Goethe, vor allem aber mit den Literaten im Umkreis des Jungen Deutschland, mit Karl Gutzkow, der seinerseits der wichtigste Förderer von Georg Büchner war, mit Heinrich Laube (1806–1884), Ferdinand Freiligrath (1810–1976) und Christian Dietrich Grabbe (1801–1836). Eine Zeitlang arbeitete er eng mit Heine zusammen, der ja in Düsseldorf beheimatet war; so haben beide in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung wechselseitig ihre Manuskripte durchgesehen.

Immermann hat neben einer Reihe von Trauer- und Lustspielen, einem Komischen Epos, Gedichten und Memoiren vor allem zwei große Romane hinterlassen, „Die Epigonen“ (1836) und „Münchhausen“ (1838/39), die durchaus einen höheren Bekanntheitsgrad verdient hätten. Wenn sie vielleicht auch nicht jedem [<<31] ästhetischen Anspruch genügen, so sind sie doch besonders aufschlußreich für die Verhältnisse und die literarischen Interessen der Zeit. Beide versuchen sie sich an einer umfassenden Bestandsaufnahme der Epoche, und sie nehmen darüber geradezu den Charakter von Kompendien der sozial-, wirtschafts-, kultur- und literaturgeschichtlichen Entwicklungen an. So können sie hier genutzt werden, um einen Zugang zu den Lebensverhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu den Vorstellungen zu gewinnen, mit denen sie die Menschen zu verarbeiten suchten. Autoren aus der zweiten Reihe machen derlei dem Leser mit ihren Werken oftmals leichter als die großen „Originalgenies“, die in den Olymp der Kunst eingegangen sind. Das Zeittypische wird bei ihnen vielfach deutlicher als bei diesen, wo es bald hinter der originellen Verarbeitung verschwindet und bald über dem Ringen um zeitlose Wahrheit, um die „monumentalen“ Qualitäten der Kunst in den Hintergrund tritt.

Grundzüge von Immermanns Zeitdiagnose

Immermann begreift seine Zeit als eine „Übergangsperiode“ (IW 3, 416). Das Alte ist nicht mehr zu halten, und worauf es mit dem Neuen hinauswill, vermag noch niemand zu sagen. Aber mit dem Gedanken des „Übergangs“ hat sich Immermann getäuscht, wie so viele seiner Zeitgenossen. Denn von einem „Übergang“ zu reden meint ja doch, daß das Neue das Alte irgendwann abgelöst und sich stabilisiert, eine feste, dauerhafte Form angenommen haben wird. Die moderne Welt kennt jedoch nur einen Wandel, der nicht wieder zum Stillstand kommt. Modern sein heißt, in einen Prozeß eingetreten zu sein, in dem jede Neuerung früher oder später durch eine weitere abgelöst wird. Die Modernisierung kennt, wenn sie denn einmal in Gang gekommen ist, kein Halten, sie weiß nur von einem Immer-weiter-Müssen.

In seinen Romanen versucht Immermann, sich Rechenschaft davon zu geben, was der Wandel der Verhältnisse mit dem Menschen, mit seinem Kopf und seinem Herzen macht. Er sieht sich und seine Zeitgenossen von einem „öden Wanken und Schwanken“ ergriffen, das er eine „moralische Seekrankheit“ nennt (IW 3, 135). Auf hoher See ist alles in Bewegung, da gibt es nichts Festes, so daß sich nach und nach ein Gefühl existentieller Unsicherheit breitmacht. Von diesem durch den Modernisierungswirbel ausgelösten existentiellen Schwindelgefühl handelt im Grunde die gesamte Literatur des Vormärz. [<<32]

Immermann und die Dorfgeschichte

Mit seinem „Münchhausen“13 ist Immermann übrigens auch zu einem Wegbereiter der Dorfgeschichte geworden. Nebeneinander werden von ihm hier zwei Welten zur Darstellung gebracht, von denen die eine dann eben ein Muster für die Dorfgeschichte abgegeben hat. Da ist auf der einen Seite die Welt des titelgebenden Herrn von Münchhausen, eine Welt, in der alles, was modern ist oder als modern gilt und was zumal das Leben des modernen Intellektuellen ausmacht, in gedrängter, zugespitzter Form zur Darstellung gebracht wird, um mit den Mitteln der Satire auf Herz und Nieren geprüft zu werden. Und da ist als deren idyllisches Gegenbild die Welt des „Oberhofs“, eines alten westfälischen Bauernguts, wo die Menschen noch in den überkommenen Formen, auf vormodern-traditionale Weise leben; diese wird von Immermann keineswegs satirisch, vielmehr mit großem Ernst und Respekt zur Darstellung gebracht.

Die Oberhof-Kapitel des Romans sind bald schon ohne die Münchhausen-Passagen separat zum Druck gebracht worden und in dieser Gestalt zu einem der populärsten Bücher des 19. Jahrhunderts geworden – ein postumer Erfolg, der viel über den Geschmack des breiten Publikums in der zweiten Jahrhunderthälfte sagt. Von Immermanns grundkritischen Zeitdiagnosen wollte es bald nichts mehr wissen; die Idylle hingegen war ihm willkommen. Daß durch die Auslösung der Oberhof-Kapitel die Struktur des Münchhausen-Romans und damit das gesamte Projekt Immermanns zerstört wurde, scheint kaum jemanden unter seinen Lesern gestört zu haben, so kunstbeflissen sie sich auch gaben.

Immermanns „Epigonen“

Hier soll zunächst von den „Epigonen“14 die Rede sein, auch weil der Begriff des Epigonentums für die Literatur des 19. Jahrhunderts [<<33] zentrale Bedeutung hat. „Die Epigonen“ sind ein Entwicklungs- und Bildungsroman in der Nachfolge von Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, des großen Musters aller Entwicklungs- und Bildungsromane, die die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Der Held, ein junger Mann von ungewisser Herkunft mit Namen Hermann – ein Name mindestens so deutsch wie Wilhelm, wenn nicht noch ein wenig deutscher – ist in der Welt des frühen 19. Jahrhunderts unterwegs auf den Spuren des Geheimnisses seiner Herkunft und auf der gattungstypischen Suche nach einem „Platz im Leben“.

Dabei bewegt er sich unausgesetzt zwischen dem Lebensraum des alten Adels und dem der neureichen Bourgeoisie hin und her, zwischen Schlössern und Fabriken, Landgütern und städtischen Zirkeln und nicht nur zwischen den Klassen und ihren unterschiedlichen Milieus, sondern zwischen dem Alten und dem Neuen überhaupt sowie zwischen den verschiedenen Haltungen, in denen deren Gegeneinander verarbeitet wird, zwischen Fortschrittsglauben und Historismus, Romantizismus und Realismus. Gegen Ende des Romans wird sich das Rätsel der Herkunft schließlich lösen, wird sich symbolischerweise herausstellen, daß Hermann das uneheliche Kind eines Adligen und einer Bürgerlichen ist – kein Wunder also, wenn er sich weder in dem einen noch in dem anderen Lebensraum zu Hause fühlt.

Zwischen Adel und Bourgeoisie

Da gibt es auf der einen Seite eine weitverzweigte Adelssippe, die Familie eines Herzogs, dessen kleiner Fürstenstaat wie so viele andere in der „Franzosenzeit“ „mediatisiert“, von einem größeren geschluckt worden ist und der diesen Absturz, dieses Herausfallen aus der Macht nicht verwinden kann. So läßt er denn auf seinem Schloß Ritterspiele aufführen, mit denen er an die große Vergangenheit seines Hauses erinnert, was Hermann allerdings nur noch mit Gefühlen der Peinlichkeit quittieren kann. Hier zeigt sich bereits, daß die romantische Ritterherrlichkeit in den Augen Immermanns durchaus nicht so naiv und unschuldig ist, wie sie sich gibt; daß sie alles andere als die Ausgeburt eines rein poetischen und poetisch reinen Sinnes ist. Wie Heine acht Jahre später in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ sucht sie Immermann hier bereits als Ideologie zur Legitimation der Ansprüche des Adels zu entlarven, der sich ja vom mittelalterlichen Rittertum herleitet und von ihm aus die „Legitimität“ seiner Privilegien behauptet. Und [<<34] da gibt es auf der anderen Seite einen bürgerlichen Onkel Hermanns, den „Oheim“, einen neureichen Unternehmer, einen „Entrepreneur“ neuen Stils, der Fabriken baut, Kapital aufhäuft und dem überschuldeten Adel seine Schlösser und Ländereien abkauft.

Hermann wollen beide Welten nicht gefallen. Den Adel kann er nur noch als eine „Ruine“ (IW 3, 158) begreifen, in der die Gespenster der Vergangenheit umgehen. Da findet er nichts Überzeugendes, Lebensfähiges mehr, nurmehr noch eine hochproblematische Mischung von Überlebtem und von Prätentionen, die durch nichts gerechtfertigt scheinen. Aber die neue Welt der Industrie und des Kommerzes gefällt ihm auch nicht viel besser. Er beobachtet mit großer Aufmerksamkeit, wie die Industrialisierung und der Kapitalismus die Natur und die alte Kulturlandschaft zerstören, wie sie die Menschen „entwurzeln“, der Scholle entfremden, in eine mörderische Arbeitswelt hineinstoßen und über solcher verzehrenden Arbeit auch noch verelenden lassen. Nichts von dem, was sich an „Kollateralschäden“ des Fortschritts zeigt, entgeht seinem Blick, und er träumt davon, als Erbe des „Oheims“ die Fabriken wieder zu schließen und die Menschen aus den Industriestädten auf das Land zurückzubringen, zurück in gesündere, stabilere, menschlichere Verhältnisse.

Die Landschaft der Industrialisierung

Der eigentümlich aufgebrochene, durch schroffe Gegensätze geprägte, konfliktschwangere Handlungsraum, in dem sich Hermann bewegt, wird von Immermann bei Gelegenheit in die folgende Szenerie gefaßt; es handelt sich dabei um eine der frühesten Darstellungen der durch die Industrialisierung veränderten Landschaft, die sich in der deutschen Literatur finden.15

Abermals sah Hermann das tiefe, gewundene Tal vor sich liegen, aus welchem die weißen Fabrikgebäude des Oheims hervorleuchteten. Die Maschinen klapperten, der Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft; Lastwagen und Packenträger begegneten ihm und verkündigten durch ihre Menge die Nähe des rührigsten Gewerbes. Ein Teil des Grüns war durch bleichende Garne und Zeuche (Zeuge) dem Auge entzogen; das Flüßchen, welches mehrere Werke trieb, mußte [<<35] sich zwischen einer Bretter- und Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen. Zwischen diesen Zeichen bürgerlichen Fleißes erhoben sich auf dem höchsten Hügel der Gegend die Zinnen des Grafenschlosses, in der Tiefe die Türme des Klosters. Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschäftszwecken. Auch die geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft (der Franzosen zur Zeit Napoleons) zu billigem Preise erworben. Lange Gebäude, mit einförmigen Trockenfenstern versehen, unterbrachen die Linien der gotischen Architektur auf der Höhe und in der Tiefe; der Wald, welcher die Hügel bedeckte, war fleißig gelichtet.

Gräfin Theophilie kam ihm entgegen, in einem Buche lesend. – „Was führt Sie her?“ fragte sie ihn. Er gab eine allgemeine, ausweichende Antwort, und da er von ihr manches über den Oheim zu erfahren wünschte, so trug er sich ihr zum Begleiter an. Sie gingen über angenehme Busch- und Wiesenplätze. Die Bleichen und Betriebsamkeitsstätten vermied sie; nach anderen Gegenden strebte sie mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin. Er sah an solchen Stellen Rasenbänke oder Überbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel.

Sie stiegen den Berg hinauf und standen nach einer kurzen Wendung vor dem Seitenflügel des Schlosses. „Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt und die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt, so kommen Sie immerhin noch ein wenig zu mir“, sagte sie.

Als er sich oben nach kurzem Gespräch von ihr beurlauben wollte, hielt sie ihn angelegentlich zurück und rief: „Sie sehen ein, wie wohl es mir tut, mit jemand mich zu unterhalten, auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben steht, oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften!“ (…)

Sie ging hinaus, um einige Bestellungen für das Abendessen zu geben, welches er mit ihr einnehmen sollte, und er benutzte diese Pause, sich in ihrem Zimmer umzuschauen. Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln (Ahnentafeln, Stammbäume) der ersten Familien des Landes hing an den Wänden umher; zwischen denselben sah man viele vornehme Gesichter in Miniaturporträts. Als er den Inhalt eines kleinen Bücherschranks musterte, erblickte er sämtliche Jahrgänge des „Gothaer Historisch-Genealogischen Kalenders“ (eines Kompendiums der adligen Familien) in Reihe und Glied aufgestellt, damals einundsechzig an der Zahl, welche in solcher Vollständigkeit sich wohl schwerlich in der Bibliothek einer zweiten Dame versammelt haben mögen. [<<36]

„Das ist mein Zirkel“, sagte sie lächelnd, als sie ihn in die Betrachtung dieser Dinge versenkt fand. „Die Stammbäume habe ich selbst gezeichnet und mich dabei im Gedächtnis der Personen erfreut, die ich gekannt, und wenn ich die Blätter der Kalender aufschlage, so blühen mir bei jeder Familie Geschichten entgegen. Die Gegenwart kann mir nicht gefallen, Zukunft hat ein armes Fräulein bei Jahren nicht mehr; da suche ich denn an der Vergangenheit, in der das Leben etwas wert war, meine Tage zu fristen.“ (IW 4, 7–9)

Die Gräfin ist auf dem Schloß ihrer Väter nur noch geduldet, denn es gehört inzwischen einem neureichen Fabrikanten, eben dem „Oheim“, dem Onkel Hermanns. Der hat es dem Vorbesitzer, dem Vater der Gräfin, in der Franzosenzeit abgekauft. Der alte Graf hatte sich wie viele seiner Standesgenossen zur Aufrechterhaltung seiner aufwendigen adligen Lebensführung mehr und mehr verschuldet, hatte am Ende die Zinsen nicht mehr zahlen können und sich von seinem Besitz trennen müssen – seinerzeit ein gar nicht so seltener Vorgang.

Großbürgerliches Selbstbewußtsein

Die Einstellung des „Oheims“, der auf solche Weise von der Mißwirtschaft des Adels profitiert, das neue bürgerliche oder vielmehr großbürgerliche, bourgeoise Selbstbewußtsein äußert sich in einem Gespräch mit Hermann wie folgt:

„Auch ist es endlich einmal Zeit, daß eine beßre Ordnung in der Welt gestiftet wird. Das Herz blutet einem, wenn man sieht, wie sie (die Adligen) mit dem Ihrigen wirtschaften. So erfuhr ich im Vorüberfahren, daß der Herzog einen herrlichen Kalkbruch, der ihm jährlich die sicherste Rente abwerfen würde, aus bloßem Eigensinne nicht aufbrechen läßt. Weil sie nie etwas zu erringen brauchten, so denken sie auch nicht an das Vermehren, kaum an das Bewahren.

Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, und wenn sie sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt, so ist des Verwunderns kein Ende. Du weißt es nicht, denn du bist noch zu jung, wie uns andre dieses bevorzugte Geschlecht drückte, peinigte, verdrängte, wie es sein Gift in das Innerste unserer Häuser spritzte! Ja, mir kann groß zu Mute werden, wenn ich an manches, was vorgefallen ist, mich erinnere und nun bedenke, daß ich es bin, der das Messer in der Hand hat, um …“

Seine Augen blitzten, die hagre Gestalt wurde länger, seine Gebärde hatte etwas Erhabnes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht und fuhr [<<37] in gleichgültigem Tone fort: „Es ist noch nicht so gar lange her, daß wir nur mit dem Beisatze Bürgerkanaille genannt wurden, wenngleich das jetzt schon wie veraltet klingt. Wir Mittelleute (Leute der Mittelklasse) haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtnis für unsre Kränkungen und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen, wie die Sündflut oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin deuten, daß man an tausend Ecken und Orten mittelbarer- oder auch unmittelbarerweise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gnädigen Öhme und Basen zurückzuführen. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem Platze bestreben, die alten Feudaltürme und Burgverließe zu sprengen.“ (IW 3, 296–297)

Die Frage nach der Zukunft des Schönen

Hermann und sein Freund Wilhelmi sehen den Adel im Grunde nicht viel anders als der Oheim.

„(…) der Adel ist (…) eine Ruine“, sagte Hermann. „Ich muß immer lächeln, wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe. Was macht den Adel? Die Abgeschlossenheit, das Kastenmäßige. Nun aber haben die Bessern sich längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt. Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände.“ (…)

Wilhelmi lachte bitter. – „Sie Neuling Sie in der Welt, trotz aller Reisen und Bekanntschaften!“ spottete er. „Ja freilich ist der Adel im Kern verwest; aber das Gehäuse steht noch aufrecht, und man kann sich daran noch immer die Stirn einrennen. Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus. Andre Menschen sind selbstsüchtig aus Not, böser Gewöhnung, angeeigneter Maxime. Der Edelmann ist es von Natur, er muß es sein; mit der Muttermilch saugt er, wie etwas sich von selbst Verstehendes, die Überzeugung ein, daß er da sei um seiner selbst willen und daß er die Kräfte andrer von Rechts wegen benutzen dürfe.“ (IW 3, 158–159)

Aber diese bürgerliche Perspektive auf den Adel ist bei den beiden Freunden nicht alles. Anders als der „Oheim“ sehen sie auch, daß mit der adligen Lebensweise eine ästhetische Kultur verlorengeht, um die es schade ist; daß der Fortschritt auch hier negative Folgen hat. Das deutet sich etwa in einer Szene wie der folgenden an: [<<38]

Teils Wilhelmi, teils der Herzog hatten ihn (Hermann) im Schloß und in den Umgebungen, die nicht leicht ansprechender gefunden werden konnten, umhergeführt. Überall stieg ihm das Bild eines würdigen, still-prächtigen Daseins entgegen, welches auf den Erwerb verzichtet, weil es in seiner Fülle genug hat. Und wie in einer schönen Landschaft ein klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklärt wiedergibt, so erhielt dieses Bild adligen Lebens zuletzt sein seelenvolles Auge in der Anmut der Herzogin. (…)

Bei ihr angemeldet, war er nach einem Gartenkabinette beschieden worden. Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wände dieses Zimmers, weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen herab sahen die Büsten der großen Dichter. Heitre und doch ernsthafte italiänische Landschaften füllten die Zwischenräume aus; auf einem runden Tische lagen rote vergoldete Bände. Der Advokat schlug einige derselben auf und fand (Goethes) „Hermann und Dorothea“, „Tasso“, „Iphigenia“, Homer, die Gesänge unsres Schiller. (…)

Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer trüber, je länger er diese gewölbten Marmorstirnen, diese Prospekte (Ausblicke) auf Felsen und Palmen, Himmel und Meer betrachtete oder in die glühenden Georginenbeete der holden Fürstin schaute. (…)

Schon erblickte er hier, wo das Schöne gute Menschen beseligt hatte, ein ödes rechnendes Comtoir (Kontor, Büro); schon sah er dort draußen, quer über die armen Blumen, über den samtnen Rasen einen Weg für Karren und Schleifen zu irgend einer trostlosen Fabrikhütte führen. Er kam sich selbst hassenswürdig und niedrig vor, daß er zu solchem Beginnen die mithelfende Hand bieten wollte. (IW 3, 109–110)

Die Industrialisierung zerstört die Schönheit, macht mit der Lebensform des Adels einer Kultur den Garaus, die sich überall zur Heimstatt des Schönen zu gestalten suchte – eine Entwicklung, die Hermann nur mit Gefühlen des Trübsinns quittieren kann.

Die Folgen der Industrialisierung

Noch bedrängender werden die zwiespältigen Erfahrungen, die Hermann auf seiner Reise macht, als er die moderne kapitalistische Wirtschaft des Oheims näher kennenlernt. Das Bild, das Immermann von dieser Wirtschaft zeichnet, vermittelt einen guten Eindruck davon, in welchen Formen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung auf dem flachen Land vollzog und wie sich die [<<39] Lebensverhältnisse der Bevölkerung darüber veränderten. Immermann mag dabei an die Regionen um Wupper und Ruhr gedacht haben, die besonders früh von der Industrialisierung erfaßt worden waren und die man von Düsseldorf aus gut im Blick hatte.

In den folgenden Tagen durchstreifte er (Hermann) mit einem erfahrenen Führer, welchen der Oheim ihm beigegeben hatte, die Gegend und besah die Fabriken. Fast alle Zweige dieser Art menschlicher Tätigkeiten hatten sich hier im Umkreise weniger Stunden abgelagert. Man mußte wirklich über den Geist des Mannes erstaunen, der in verhältnismäßig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte. Aus einfachen Landbauern waren Garnspinner, Weber, Bleicher, Messer- und Sägenschmiede, Glasbläser, Töpfer, Vergolder, ja sogar Zeichner und Maler gemacht worden.

Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte, welche diese Verwandlung bewerkstelligt hatten, sagten sie, daß nichts leichter gewesen sei. Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb besonders bei den jüngeren Leuten rege geworden, da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen Geistes, sehr froh gewesen wären, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden. (…)

Mußte Hermann diesen Ausweg für eine Menge durch die Geburt hintangesetzter Menschen sehr ersprießlich finden, und sah er auf allen Maschinenstätten, in jedem Lager und Speicher die größte Ordnung und Nettigkeit, wurde es ihm hier recht klar, welch ein großes Ding das Geld und ein diese Weltkraft bewegender verständiger Geist sei, so fehlte auf der andern Seite viel, daß ihn alle die nützlichen und lehrreichen Anschauungen, welche er auf dieser Wanderung einsammelte, erfreut hätten. Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen die mathematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleißes, gegen die Verdrängung lebendiger Mittel durch tote, und er konnte dieses Gefühls nicht Herr werden, so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah, so große Achtung er vor dem Oheim und seinen Helfern haben mußte.

Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch [<<40] dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, daß seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschäftigungen, die natürliche und die künstliche, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze. Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ. (…)

Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schlosse des Herzogs verglich, so fühlte er sich nur noch unbehaglicher erregt. Es ist wahr, hier gehörte alles tätig der Gegenwart an, und dort zehrte man von Erinnerungen, bestrebte sich umsonst, der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen; aber jene Örtlichkeiten und ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung, während er hier vergeblich danach rang, den Knäuel der dumpfen und niederdrückenden Wirklichkeit sich zum Gespinste zu entfalten. Entschieden war es ihm, wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag.

Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze, traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. (IW 4, 21–23)

Diese Erfahrungen mit dem Übergang zur technisch-industriellen Produktionsweise, zu Formen der Arbeit, die auf der „mathematischen Berechnung menschlicher Kraft“ und der „Verdrängung lebendiger Mittel durch tote“ beruhen und die demgemäß für Schönheit keinen Platz mehr lassen, ja die Verhältnisse heraufführen, die durch und durch unmenschlich scheinen, suchen Hermann und Wilhelmi in langen Gesprächen in jenen weiteren Entwicklungszusammenhang einzuordnen, der hier mit Begriffen wie Modernisierung, Mobilisierung und Entwurzelung umschrieben worden ist – freilich immer unter der Voraussetzung, daß es sich dabei um Erscheinungen einer bloßen „Übergangsperiode“ handeln würde. [<<41]

Romantischer Historismus

In der folgenden Szene entzündet sich ein solcher Versuch an einer der Aktivitäten, wie sie typisch für den Historismus sind, an dem Sammeln von Antiquitäten. Wilhelmi ist ein Liebhaber von Altertümern und hat unter anderem das Statut einer Bauhütte aus dem Mittelalter an sich gebracht, eine jener Zunftordnungen, in denen nicht nur das Arbeitsleben, sondern die gesamte Lebensführung der Zunftgenossen aufs genaueste und strengste geregelt war. Es war noch gar nicht so lange her, daß die Zünfte, die alten Zwangsgenossenschaften der Handwerker, der Geschichte anheimgefallen waren; erst in der Revolutionsepoche waren sie weithin aufgehoben worden, im Namen einer Gewerbefreiheit, die es jedermann erlauben sollte, an jedem Ort jedes beliebige Gewerbe zu betreiben.

Gewöhnlich brachte Hermann, wenn die Gesellschaft auseinandergegangen war, noch einige Stunden bei Wilhelmi zu. Dieser war ein erklärter Liebhaber alles Alten und Veralteten; er besaß die seltensten Sachen und Pergamente. In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei, woraus sich das schönste Licht über die großen Bauverbrüderungen des Mittelalters verbreitete. Alles war darin bestimmt: wie der Gesell dienen soll, wie jeder verpflichtet sei, sein Zeichen zu führen, wie Hader, Schimpf und Unzucht in der Hütte (Bauhütte) zu meiden, wie, wenn einer der Bauleute mit einer anrüchigen Person notwendig sprechen müsse, er sich mit ihr über Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe, und was dergleichen Vorschriften mehr waren, welche alle auf die strengste, sittlichste Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten. (…)

„Schöne Denkmale einer untergegangnen Zeit!“ rief Hermann. „Man verwundert sich weniger über jene Riesengebäude (die mittelalterlichen Kathedralen), wenn man dergleichen Urkunden durchliest. Und noch klarer begreift man, daß sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind, und daß alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen. Aber was hilft es, Unwiederbringliches zu beklagen? Wir müssen doch vorwärts! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zurückkehren.“

„Und doch müssen die Zünfte wiederhergestellt werden, wenn wir künftig vor Wind und Wetter geschützt wohnen wollen“, sagte Wilhelmi. „Jetzt, wo jeder baut, wie er Lust hat, sind wir nahe an den Stand der Nomaden zurückgeführt. Das ist auch eine von den Früchten der gepriesenen Gewerbefreiheit, die denn wieder zu den Blüten unsrer Kultur gehört! Aber [<<42] diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein, der wir entgegengehn, oder vielleicht schon verfallen sind. Denn, wenn die frühere darin bestand, daß niemand oder wenige etwas wußten, so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswürdig, wo alle zu verstehn glauben, was kaum einer oder der andre überwältigt (bewältigt). Das ist eben das traurige Gefühl, was man gar nicht los wird, daß man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muß und mit seinem Verstande sich doch vorhält, wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte, was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist.“ (IW 3, 157–158)

Hermann und Wilhelmi sind von der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts überzeugt – „Wir müssen doch vorwärts!

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Geschichte der deutschen Literatur Band 4" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen