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Geschenke aus dem Paradies

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Geschenke aus dem Paradies
    1. Widmung
    2. Danksagung
    3. Kapitel 1
    4. Kapitel 2
    5. Kapitel 3
    6. Kapitel 4
    7. Kapitel 5
    8. Kapitel 6
    9. Kapitel 7
    10. Kapitel 8
    11. Kapitel 9
    12. Kapitel 10
    13. Kapitel 11
    14. Kapitel 12
    15. Kapitel 13
    16. Kapitel 14
    17. Kapitel 15
    18. Kapitel 16
    19. Kapitel 17
    20. Kapitel 18
    21. Kapitel 19
    22. Kapitel 20
    23. Kapitel 21
    24. Kapitel 22
    25. Kapitel 23
    26. Kapitel 24
    27. Kapitel 25
  7. Glücklich gestrandet
    1. Widmung
    2. Danksagung
    3. Kapitel 1
    4. Kapitel 2
    5. Kapitel 3
    6. Kapitel 4
    7. Kapitel 5
    8. Kapitel 6
    9. Kapitel 7
    10. Kapitel 8
    11. Kapitel 9
    12. Kapitel 10
    13. Kapitel 11
    14. Kapitel 12
    15. Kapitel 13
    16. Kapitel 14
    17. Kapitel 15
    18. Kapitel 16
    19. Kapitel 17
    20. Kapitel 18
    21. Kapitel 19
    22. Kapitel 20
    23. Kapitel 21
    24. Kapitel 22
    25. Kapitel 23
    26. Kapitel 24
    27. Kapitel 25
    28. Kapitel 26
    29. Kapitel 27
    30. Kapitel 28
  8. Sommerküsse voller Sehnsucht
    1. Hinweis
    2. Widmung
    3. Danksagung
    4. Kapitel 1
    5. Kapitel 2
    6. Kapitel 3
    7. Kapitel 4
    8. Kapitel 5
    9. Kapitel 6
    10. Kapitel 7
    11. Kapitel 8
    12. Kapitel 9
    13. Kapitel 10
    14. Kapitel 11
    15. Kapitel 12
    16. Kapitel 13
    17. Kapitel 14
    18. Kapitel 15
    19. Kapitel 16
    20. Kapitel 17
    21. Kapitel 18
    22. Kapitel 19
    23. Kapitel 20
    24. Kapitel 21
    25. Kapitel 22
    26. Kapitel 23
    27. Kapitel 24
    28. Kapitel 25
    29. Kapitel 26
    30. Kapitel 27
    31. Kapitel 28
    32. Kapitel 29
    33. Kapitel 30
    34. Kapitel 31
    35. Kapitel 32
    36. Kapitel 33
    37. Kapitel 34
    38. Kapitel 35
    39. Kapitel 36
    40. Kapitel 37
    41. Kapitel 38
    42. Kapitel 39
    43. Kapitel 40
    44. Kapitel 41
    45. Kapitel 42
    46. Kapitel 43
    47. Kapitel 44
    48. Epilog
  9. Leseprobe – Eine unerwartete Affäre

Über dieses Buch

Geschenke aus dem Paradies

Nel weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht: in ihrem Geschenkeladen herrscht Chaos, die pubertierende Tochter macht ihr die Hölle heiß, und auch ihr eifersüchtiger Freund Simon sorgt nicht gerade für pure Glückseligkeit.

Als Nel dann zufällig unter einem Mistelzweig steht und von einem geheimnisvollen Fremden geküsst wird, herrscht vollkommene Verwirrung. Zwar fühlt sich Nel augenblicklich wie im siebten Himmel, aber dieser Zustand hält nicht lange an, denn plötzlich steht Simon vor ihr …

Glücklich gestrandet

Der Traum vom großen Glück ist für Nora erst mal ausgeträumt. Nach ihrer geplatzten Hochzeit sucht sie moralischen Beistand bei ihrer Freundin Jo, die auf einem Hausboot lebt. Das turbulente Leben auf dem Wasser zieht Dora schnell in seinen Bann. Und noch ehe sie weiß, wie sie ihre Netze am besten neu auswirft, scheint ihr jemand bereits zuvorgekommen zu sein …

Sommerküsse voller Sehnsucht

Wenn’s um die großen Gefühle anderer geht, hat Hochzeitsplanerin Sarah alles im Griff. Doch was ihre eigenen betrifft herrscht völliges Chaos.

Das scheint sich jedoch zu ändern, als ihr der charmant unkomplizierte Hugo begegnet. Leider gehört zu dem eine uncharmant komplizierte Freundin …

Oder etwa nicht?

Über die Autorin

Katie Fforde lebt mit ihrer Familie in Gloucestershire und hat bislang 21 Romane veröffentlicht, die in Großbritannien allesamt Bestseller waren. Ihre romantischen Beziehungsgeschichten wurden erfolgreich für die ZDF-Sonntagsserie HERZKINO verfilmt.

Katie Fforde

Geschenke aus
dem Paradies

Glücklich
gestrandet

Sommerküsse
voller Sehnsucht

Drei Romane in einem E-Book

Aus dem Englischen von Michaela Link (»Geschenke aus dem Paradies« und »Glücklich gestrandet«) und Barbara Ritterbach (»Sommerküsse voller Sehnsucht«)

Katie Fforde

Geschenke aus
dem Paradies

Roman

Aus dem Englischen von
Michaela Link

Für Kate Parkin, meine Herausgeberin und Freundin

Danksagung

Wie jedes Mal haben mir wieder viele Leute bei den Nachforschungen für dieses Buch geholfen. All diesen Menschen gilt mein tiefer, herzlicher Dank. (Aber wie viel Mühe sie sich dabei auch gegeben haben: Irgendwelche Fehler schlüpfen unvermeidlicherweise immer durch die Maschen aller eigens für sie ausgelegten Netze.)

Clare Gerbrands hat mir alles über den Bauernmarkt von Stroud gesagt, den sie ins Leben gerufen hat. Mein Dank auch an alle Standbesitzer auf dem Markt, die mir nicht nur wunderbare Produkte verkauft, sondern mir auch gestattet haben, ihre Zeit in Anspruch zu nehmen. Ich danke allen.

Ian Hamilton, Emma Gaudern, Anne Styles and Arabella McIntyre-Brown haben mir auf vielfache Weise bei juristischen Fragen weitergeholfen. Danke!

Dank auch an das Pflegehospiz Cotswold – bitte vergebt mir, dass ich alles falsch gemacht habe.

Vanessa Kemp stellt wahrlich inspirierende Kosmetik her. Auch ihr ein Dankeschön.

Dank an die Familie Williams: an Tom für seine Informationen über die Bienen, Miranda für alles über die Forest Green Rovers und an Lesley für Fragen, die die Gemeindeverwaltungen betreffen.

Wie immer ein Danke meinem Lektoratsteam bei Random House: meiner geliebten Kate Parkin, Kate Elton, Tiffany Stansfield, Justine Taylor und Georgina Hawtrey-Woore, die sich für mich mehr ins Zeug gelegt haben, als sie es hätten müssen.

Und nicht zu vergessen Richenda Todd, meine allererste Lektorin und die beste, gewissenhafteste und einfühlsamste Redakteurin auf der Welt.

Kapitel 1

Nel tat langsam der Arm weh. Die Mistelzweige, die sich zu ihren Füßen türmten, verkauften sich gut. Die sorgfältig mit roten Bändern zusammengeschnürten Bündel waren ihr bereits ausgegangen, und sie verkaufte jetzt die größeren Äste, die zu dick gewesen waren, um sie klein zu schneiden. Einen davon hielt sie einladend über ihren Kopf, doch langsam erwies er sich als zu schwer.

Sie wollte ihn gerade durch ein kleineres Exemplar ersetzen, als ein Mann auf sie zukam. Sie hatte ihn vage wahrgenommen, als er am Nachbarstand den Glühweinsirup und die kleinen Büschel getrockneter Blumen und Kräuter betrachtet hatte, die ihre Schöpferin als »Duftsträußchen« bezeichnete. Sie hatte gerade noch Zeit zu bemerken, dass er groß war, einen dunkelblauen Mantel trug und wie ein Städter aussah, als er auch schon eine Hand auf ihren Mistelzweig legte und sie küsste.

Sie konnte nicht recht fassen, dass es wirklich geschah. Niemand küsst einen Fremden vor den Augen der halben Welt auf die Lippen – oder zumindest küsste niemand Nel. Es war im Nu vorbei, und doch überkam sie, als seine kühlen, festen Lippen sich auf ihre legten, von den Bügeln ihres BHs bis zu den Knien ein seltsames Gefühl. Es raubte ihr den Atem, und sie fühlte sich, als hätte sie eine Grippe – ganz schwummrig im Kopf.

Es war erstaunlich, wie viele Leute diesen Kuss beobachteten. Nel verkaufte normalerweise nicht auf dem Markt – sie hatte keine Zeit dazu, da sie immer alle Hände voll damit zu tun hatte, ihn zu organisieren. Aber diesmal hielten ihre Waren sie an ihrem Stand fest, und in diesem Moment schien es, als hätten sämtliche Käufer und Verkäufer auf dem Markt den Blick in ihre Richtung gewandt. Sie versuchte, so zu tun, als sei sie nicht rot geworden, nahm die Münzen des Mannes entgegen, reichte ihm den großen Mistelzweig und sah ihm nach, als er weiterging, erleichtert darüber, dass er sie nicht in ein Gespräch verwickelte oder sonst irgendetwas tat.

Ihre Tochter kam mit blitzenden Augen herbeigelaufen. »Oh oh!«, sagte sie, und Nel hatte den Eindruck, dass die Leute sie daraufhin erst recht anstarrten. »Mum! Wer war das? Schnuckeliger Typ!«

Nel fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als wolle sie sich die Haare aus den Augen streichen, obwohl sie in Wirklichkeit nur Zeit gewinnen wollte, um sich zu fassen. »Er hat lediglich einen Mistelzweig gekauft, Fleur. Also, wie sieht’s aus bei dir? Bist du schon so weit, dass du für mich übernehmen kannst? Ich bin seit sieben Uhr heute Morgen hier, und ich muss noch mit einer Unmenge von Leuten sprechen.« Ob sie wohl immer noch leuchtend rot im Gesicht war, fragte sie sich?

Glücklicherweise hatte Fleur aufgehört, ihre Mutter anzusehen, und suchte in ihrer engen Hose und ihrer hellblauen Fleecejacke nach ihrem Handy. »Ich weiß, ich weiß. Bin gleich wieder da. Ich muss nur noch schnell Anna etwas simsen. Wir wollten heute Abend ausgehen.«

Fleur, achtzehn, blond und entzückend, förderte schließlich ein Handy zu Tage, das kaum größer war als eine Kreditkarte, und tippte drauflos. Warum ein Mensch, für den die Abfassung des kürzesten Aufsatzes eine Herkulesarbeit war, lieber eine SMS verschickte als zu telefonieren, überstieg Nels Begriffe. Was wahrscheinlich daran lag (hatte ihre Tochter ihr erklärt), dass Nel glaubte, man müsse jedes Wort ausschreiben: Sie kannte die Tastaturkürzel nicht und hatte noch nie etwas von Predictive Text gehört. Fleur hatte Nel eine freundliche, wenn auch unverständliche Erklärung gegeben, als ihre Mutter sie wegen der Höhe ihrer Handyrechnung ermahnen wollte. Wie es bei Nel und ihren Kindern so häufig geschah, verkehrten sich die Rollen, und am Ende belehrten sie Nel über Dinge, die sie ihrer Meinung nach wissen sollte, und der elterliche Tadel fiel ins Wasser.

Lavender, die passenderweise Weizenkissen und mit Lavendel gefüllte Produkte verkaufte, »aus reiner Selbstverteidigung, wegen meines Namens«, verließ zwar ihren Marktstand nicht, aber sie winkte ihr zu und zwinkerte anerkennend.

Sacha, die in blauen Glaskrügen in Kleinserie selbst hergestellte Schönheitscremes und -wässerchen verkaufte, zeigte mit dem Daumen nach oben.

Das war das Schlimme, wenn man jeden kannte, dachte Nel, man konnte nichts tun, ohne dabei beobachtet zu werden. Als sie seinerzeit hierher gezogen war, eine junge, unglückliche Witwe, war sie dankbar gewesen für die Anteilnahme und die Fürsorge der Leute in der kleinen Stadt, aber das hatte auch seine Schattenseiten. Sie konnte Reg an seinem Obst und Gemüsestand sehen, der ihr ebenfalls einen unverschämten Blick zuwarf. Das Leben in einer kleinen Gemeinschaft hatte tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Leben in einem Goldfischglas, und gelegentlich hatte Nel das Gefühl, der einzige Goldfisch zu sein.

Sie gab den Versuch auf, Mistelzweige zu verkaufen, und betrachtete die Marktstände, die hufeisenförmig auf den Feldern vor Hunstanton Manor aufgebaut waren. Es war ein entzückendes Bild mit all den weihnachtlichen Angeboten. An einem Stand wurden Wild und Geflügel angeboten: Riesige, bronzefarbene Truthähne mit glänzend schwarzem Gefieder hingen neben Fasanen, Enten und Gänsen. Ein kleines Stück weiter schmückten baumelnde Wurstkringel zwischen dicken Sträußen frischer Kräuter einen Stand, der Ökoschweinefleisch verkaufte. Dann waren da noch die Marktstände, die Nel bei sich die »Hippiebuden« nannte; dort wurden bunt marmoriertes Einpackpapier, selbst gemachte Kerzen und Krippenfiguren feilgeboten. Letztere waren (wie sie auf Nachfrage erfahren hatte) aus Weinflaschen und gipsgetränktem Musselin modelliert und anschließend bemalt worden. Die Ergebnisse waren ziemlich realistische, wenn auch ein wenig finstere biblische Gestalten.

Alle waren dort, und ausnahmsweise einmal war jeder mit dem ihm zugewiesenen Platz zufrieden gewesen. Sie wussten alle, dass dies der letzte Markt vor Weihnachten war, und sie waren fest entschlossen, das Ereignis auszukosten. Die Lebensmittelverkäufer gingen auch auf andere Märkte, aber die Übrigen waren dort meist nicht zugelassen, sodass der Paradise-Fields-Markt hier in Hunstanton sich bei den Handwerkern großer Beliebtheit erfreute. Die Besucher wussten ihn wegen der Mannigfaltigkeit des Warenangebots sehr zu schätzen.

Simon, der Mann, den Nels Kinder als ihren »Freund« bezeichneten, hatte Nel ebenfalls bei dem Verkauf des übergroßen Mistelzweigs beobachtet. Simon und Nel waren seit etwa sechs Monaten auf eine zurückhaltende Art und Weise miteinander verbandelt, und selbst Nel musste zugeben, dass er nicht besonders aufregend war, aber zumindest erledigte er kleine Arbeiten für sie – solche, die Nel lästig und Zeit raubend fand wie etwa das Säubern der Regenrinnen. Jetzt bahnte er sich gerade durch die Menge einen Weg zu ihr, und Nel konnte ihm ansehen, dass er verärgert war.

»Wer war das?«, wollte er wissen.

»Hallo, Simon. Wie geht es dir? Ich wusste gar nicht, dass du heute hier sein würdest.« Als sie sah, dass er eine Antwort haben wollte, fügte sie hinzu: »Das war einfach nur ein Mann, der Mistelzweige gekauft hat. Der Kuss war lediglich ein Weihnachtsbrauch. Schau mal!« Sie schüttelte ihre Schürze, deren Tasche voller Geld war. »Ich habe Unmengen davon verkauft.«

»Und du wirst sämtliche Einnahmen Sam geben, nehme ich an?«

»Nun, er hat wirklich sein Leben aufs Spiel gesetzt, um die Zweige abzuschneiden. Es ist nur fair, wenn er das Geld bekommt.« Nel nahm ihren ältesten Sohn, der seit seiner Kindheit süchtig danach war, auf Bäume zu klettern, und der jetzt auch auf Berge kletterte, immer in Schutz.

»Hm. Wenn das Stehlen von Äpfeln Diebstahl heißt, wie nennt man dann jemanden, der Mistelzweige stiehlt?«

Ohne auf die Frage einzugehen, blickte sie zwinkernd zu ihm auf: »Sei ein Schatz und kauf mir einen Hamburger. Sie sind aus Ökorindfleisch gemacht, und der Geruch treibt mich zum Wahnsinn. Ich möchte Majonäse und eine Gurkenscheibe und nur einen winzigen Spritzer Ketschup. Bitte! Ich bin halb verhungert. Ich hatte keine Zeit zum Frühstücken, und jetzt ist es fast zwei.«

Simon erwiderte ihren Blick mit ernster Miene. »Ich habe deine Reifen überprüft, und sie sind jetzt wieder in Ordnung.«

»Du bist ein Engel. Oder der Weihnachtsmann, du kannst es dir aussuchen.« Sie zog seinen Kopf zu sich herunter und küsste ihn, wobei sie sich flüchtig der Tatsache bewusst war, dass sie nichts anderes fühlte als seine glatte Wange unter ihren Lippen. »Also, wie sieht’s jetzt aus mit dem Hamburger?«

Er runzelte die Stirn. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie hygienisch einwandfrei sind. Sie werden im Freien gebraten und sind wahrscheinlich voller Salmonellen.« Sein Abscheu zeigte sich in dem unwillkürlichen Kräuseln seiner Lippen und dem ängstlichen Glitzern in seinen Augen.

Das warme Gefühl, das Nel für ihn verspürte, flaute ab. »Die Leute von diesem Bauernhof verkaufen Fleisch auf sämtlichen Bauernmärkten ringsum. Das könnten sie nicht tun, wenn sie keine Sondergenehmigung dafür hätten. Also, willst du mich verhungern lassen?«

Er zuckte die Achseln und ging.

Vivian hatte sich offensichtlich eigens für den Anlass in Schale geworfen. Sie war Physiotherapeutin von Beruf und hatte eine wunderschöne Körperhaltung. Als sie nun auf Nel zukam, sah sie einfach prachtvoll aus mit ihrem flammend roten Haar und dem dramatischen Samtmantel. Obwohl sie etwas jünger war als Nel, war sie ihre engste Freundin und der Grund, warum Nel und die Kinder nach dem Tod ihres Mannes in die Cotswolds gezogen waren.

Vivian strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich habe meinen letzten Honig verkauft und fast meinen ganzen Vorrat an Bienenwachs und Terpentinpolitur. Zu Weihnachten kaufen die Leute immer Unmengen davon. Ob das wohl bedeutet, dass das die einzige Zeit im Jahr ist, in der sie putzen?«

»Wenn du mich persönlich fragst, ja«, antwortete Nel, die mehrere Töpfe von Vivians selbst gemachter Politur zu Hause stehen hatte, die meisten davon noch ungeöffnet. »Aber das Zeug riecht himmlisch.«

»Ich weiß«, sagte Vivian. »Und das ist kein Zufall. Ich habe mit Sacha darüber gesprochen, ob ich ihr das Bienenwachs für ihren Lippenbalsam liefern soll, aber ich glaube nicht, dass ich die erforderliche Qualität jemals hinkriegen würde. Für ihre Sachen muss alles perfekt sein.«

»Deshalb sind sie auch so gut«, sagte Nel, erleichtert darüber, dass ihre Freundin offensichtlich gerade in die andere Richtung gesehen haben musste, als sie so unerwartet überfallen worden war.

Ihre Erleichterung war jedoch nur von kurzer Dauer. Vivian musterte sie argwöhnisch. »Verbirgst du eigentlich etwas vor mir? Wer war dieser Mann, der dich geküsst hat? Den hast du mir verheimlicht.«

»Nein, habe ich nicht. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen, und er hat Mistelzweige gekauft. Genau wie viele andere heute.«

»Hat dich jeder geküsst, der Mistelzweige kaufen wollte?«

»Viele haben es getan. Es ist ein Berufsrisiko. Obwohl es größtenteils Leute waren, die ich kenne und die mich wahrscheinlich ohnehin geküsst hätten. Es ist nichts dabei.«

Vivian, die sich eines aktiven und abwechslungsreichen Liebeslebens erfreute, missbilligte Nels gleichgültige Haltung. »Du hättest deine Chance besser nutzen sollen. Das war der attraktivste Mann, der mir seit Wochen untergekommen ist.«

»Und ich habe einen Freund, wie du sehr wohl weißt.«

»Simon, ja.« Vivian hielt nicht viel von Simon, und obwohl sie das niemals aussprach, war Nel sich dessen doch vollauf bewusst. »Oh, hm«, fuhr sie fort, »er muss wohl ein Pendler sein, der über Weihnachten hergekommen ist. Vielleicht wohnt er ja auch bei seinen Eltern. Er sieht jedenfalls jung genug aus, um noch Eltern zu haben. Oh, tut mir Leid, Nel.«

»Schon gut, meine Eltern sind vor Jahrzehnten gestorben. Aber ich wäre trotzdem noch jung genug, um welche zu haben.«

»Was meinst du?«, fragte Vivian. »Ob er sich vielleicht ein Cottage gemietet hat, um Weihnachten bei Freunden in den Cotswolds zu verbringen? Er war allein, also ist er wahrscheinlich nicht mit einer Freundin hier.«

»Ich habe keine Ahnung, und ich sehe keinen Sinn darin, Spekulationen anzustellen!«, sagte Nel abwehrend.

»Also, ich habe ihn bestimmt noch nie gesehen, sonst hätte ich mich an ihn erinnert.«

Nel dagegen hatte ihn durchaus schon einmal gesehen, beim Squashspielen im Freizeitzentrum. Als sie am Montag von den Weight Watchers nach Hause gefahren war, hatte sie auf den Squashplatz gesehen, um festzustellen, ob ihr Sohn dort war und vielleicht mitgenommen werden wollte. Statt zweier verschwitzter Teenager war dort jedoch dieser Fremde gewesen und hatte einen großen blonden Mann in Grund und Boden gespielt. Sie jagten beide wie junge Bullen über den Platz, dass die Sohlen nur so quietschten, und Squashbälle schossen wie Pistolenkugeln über das Spielfeld. Nel hatte sich damals gefragt, ob diese Art von Squash wohl besser zum Abnehmen geeignet war als das kalorienreduzierte Gebräu, das zu trinken sie sich gelegentlich zwang, wenn sie viel lieber zum Weinglas gegriffen hätte. Aber da die Koordination von Hand und Auge bei ihr einfach verheerend war, war es wahrscheinlich keine so tolle Idee – obwohl es vielleicht mehr Spaß gemacht hätte, als jede Woche stundenlang Schlange zu stehen, nur um herauszufinden, dass sie trotz all ihrer Anstrengungen immer noch genauso viel wog wie in der Woche zuvor und sich immer noch auf der fülligen Seite von Größe vierzig befand.

Sie erwähnte jedoch nichts von alledem Vivian gegenüber, bei der Diäten auf noch mehr Ablehnung stießen als Simon. »Hm, wenn du alles über ihn herausgefunden hast, einschließlich seiner Kragenweite, gibst du mir dann Bescheid, ja?«

Vivian lachte. Ihre Fähigkeit, Menschen – insbesondere Männern – in sehr kurzer Zeit ungeheure Mengen von Informationen zu entlocken, war ein Talent, an dem sie jahrelang gefeilt hatte.

Harry, Nels jüngerer Sohn, der seinem Vater geradezu unheimlich ähnlich sah, kam leicht atemlos herbeigelaufen. Ebenso wie Sam war er über Weihnachten von der Universität heimgekehrt. »Hallo, Mum – oh, hey, Viv –, Mum, ich habe gerade etwas aufgeschnappt, das dich interessieren könnte.«

»Oh?«, fragte Vivian. »Geht es zufällig um den heimlichen Verehrer deiner Mutter?«

Harry runzelte verwundert die Stirn. »Was? Nein! Diese Freundin von dir, die im Rathaus sitzt, du weißt, wen ich meine?«

»Fenella, ja?«

»Sie hat sich mit einer Frau unterhalten, während die beiden die Äpfel ausgesucht haben – mein Gott! Wie kann man nur so ein Theater um ein paar Äpfel machen! Da stand ich mit meiner offenen Papiertüte bereit, und diese Frauen haben sich jeden Apfel angesehen, als könnten Würmer drin sein.«

»Hm, so weit hergeholt ist das gar nicht«, bemerkte Nel, »aber was hast du denn aufgeschnappt?«

»Anscheinend soll eine Planungssitzung stattfinden. Und die beiden haben Paradise Fields erwähnt – in dem Augenblick habe ich dann die Ohren gespitzt. Es ging irgendwie um eine Bauplanungsgenehmigung. Wie dem auch sei, die Sitzung ist heute Abend. Ich habe Fenella danach gefragt, und sie meinte, jeder könne hingehen. Als ich sagte, dass du vielleicht Interesse hättest, antwortete sie, ja, das könnte sie sich denken. Also, hast du Interesse?«

Sowohl Nel als auch Vivian runzelten die Stirn, während sie versuchten, sich einen Reim auf diesen verworrenen Bericht zu machen. »Du hast nicht zufällig noch andere Informationen aufgeschnappt, nein?«, fragte Nel. »Ich meine, ich verstehe das nicht. Dieses Land gehört dem Hospiz. Wir benutzen es seit Jahren. Ich glaube wirklich nicht, dass irgendjemand anderes darauf bauen könnte.«

»Ist Fenella noch hier?«, wollte Vivian wissen und sah sich um. »Wir könnten sie fragen.«

Harry schüttelte den Kopf, sodass ihm das schlaff herunterhängende braune Haar in die Augen flog. »Nein. Sie meinte, sie habe es eilig. Ich habe ihr gesagt, dass sie dir wegen der Sitzung Bescheid sagen solle. Du sollst sie anrufen, wenn du Näheres erfahren willst. So aus dem Stegreif konnte sie sich nicht erinnern.«

»Oh Gott! Das klingt nicht gut!«, sagte Nel. Sie war verwirrt und ziemlich besorgt. »Aber danke, dass du es uns erzählt hast. Ich bin davon überzeugt, dass es keine Probleme gibt, aber wir kümmern uns besser trotzdem darum. Hast du heute Abend etwas vor, Viv?«

Vivian nickte. »Ein heißes Date. Neuer Mann. Könnte lustig werden.«

Nel seufzte. »In Ordnung, hm, ich gebe dir Bescheid, falls ich etwas Aufregendes erfahren sollte.«

»Oh ja. Ich möchte auf keinen Fall etwas verpassen. Ob Simon vielleicht etwas weiß? Wo er doch Makler ist, könnte das durchaus sein.«

»Wir können ihn ja fragen«, meinte Nel.

»Nein, vielen Dank.«

Um Viv von Simon abzulenken, bevor sie abermals andeuten konnte, dass Nel etwas Besseres verdient habe, wechselte Nel hastig das Thema. »Also, was für Pläne hast du für Weihnachten, Viv? Ich glaube nicht, dass ich dich schon danach gefragt habe.«

»Ich fahre zu meiner Tante in die Highlands. Du weißt schon: tosende Kaminfeuer, literweise Whisky und lange Spaziergänge. Vielleicht nehme ich das heiße Date mit, wenn er sich dem gewachsen fühlt. Was habt ihr denn vor?«

»Dasselbe wie immer, schätze ich.« Nel lächelte, um die Furcht zu vertuschen, die das Wort für sie barg. Sie mochte die Weihnachtslieder, die sie mit dem Hospizchor sang, sie mochte bunte Lichter, und sie mochte – nein, sie liebte den weihnachtlichen Bauernmarkt, auf dem sie sich gerade befanden. Aber seit dem Tod ihres Mannes war jede andere Freude an Weihnachten geheuchelt. Sie verstand sich so gut auf diese Art von Heuchelei, dass sie daran zweifelte, ob selbst ihre Kinder wussten, wie sie wirklich zu dem Thema stand.

»Was, ihr feiert bei euch, mit Simon und deiner Cousine und ihrem Mann? Was ist mit den Kindern? Werden sie auch da sein?«

Nel wusste sehr wohl, dass die Kinder die Weihnachtstage schon bald mit ihren jeweiligen Flammen würden verbringen wollen, aber bisher hatten sie nichts dergleichen gesagt. Nel hatte keine Ahnung, ob das die Dinge besser oder schlechter machen würde. Wenn Fleur und Harry nicht da waren, konnte sie ebenfalls wegfahren. Wenn sie nicht zu Hause wäre, würde der verwaiste Platz am Kamin, der nie erwähnt wurde, aber immer da war, weniger offenkundig sein.

»Simon fährt zu seiner Mutter, aber ich denke, die meinigen werden alle da sein«, erklärte sie Viv. »Aber ich mache mir ein wenig Sorgen um deine Patentochter. Sie hat einen neuen Freund. Er stammt aus London.«

Vivian lachte. »Das heißt nicht, dass er ein Vergewaltiger ist. London ist heutzutage doch ziemlich zivilisiert. Es gibt dort Polizisten und alles andere auch.«

Nel schnitt eine Grimasse. »Die beiden haben sich in einer Disko kennen gelernt. Es ist das erste Mal, dass sie mit einem Jungen ausgeht, dessen Mutter ich nicht kenne. Und wenn ich sie nicht persönlich kenne, kenne ich doch immer jemanden, der es tut. Es ist wohl eine Erfahrung, die zum Erwachsenwerden dazugehört.«

»Was? Für Fleur?«

»Nein, für mich. Oh, wunderbar, da kommt mein Hamburger.«

»Hey, Simon«, sagte Vivian. »Ich gehe dann mal besser wieder rüber. Ich habe deinem Sam die Verantwortung für meinen Verkaufsstand überlassen«, sagte sie und wandte sich zu Nel um. »Wenn ich ihn zu lange allein lasse und er sich langweilt, klaut er womöglich das Geld und kauft davon Drogen.«

Nel blickte lachend zu ihrem Sohn hinüber, der gerade einer Frau, die daran offensichtlich gar nicht interessiert war, zwei Bienenwachskerzen aufschwatzte.

Simon sah auf Nel hinab. »Ich verstehe dich nicht«, sagte er mit geheuchelter Verletztheit. »Du wirst sauer, wenn ich auch nur andeute, dass die Jungen ihre Füße vom Sofa nehmen sollen, solange sie Schuhe anhaben, aber wenn Vivian Sam Diebstahl und Drogenkonsum unterstellt, zuckst du nicht einmal mit der Wimper.«

Nel lächelte ihn an, als hielte sie seine Worte für einen Scherz. »Hast du ihre Füße mal ohne Schuhe gerochen?« Die Wahrheit wurde häufig als Scherz bemäntelt, und so war es auch diesmal. Aber sie wollte dieses Gespräch nicht jetzt führen – daher biss sie in ihren Hamburger. Die Majonäse sickerte auf höchst verlockende Weise an den Rändern heraus. »Hm, himmlisch! Das ist vielleicht das Köstlichste, was ich je gegessen habe, und du bist ein Held, weil du mir den Hamburger geholt hast. Und du hast dir auch einen mitgebracht. Eine gute Entscheidung! Nimm mal einen Bissen.« Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass er den Mund voll hatte und daher nicht sprechen konnte, fuhr sie fort: »Ich bin ja so froh, dass Sam hier ist. Er kann gleich auf meinen Stand aufpassen, damit ich noch eine letzte Runde über den Markt drehen kann. Ich habe meine Weihnachtseinkäufe immer noch nicht alle beisammen, außerdem muss ich den Leuten schonend beibringen, dass es eine Menge Papierkram geben wird, wenn wir unsere offizielle Genehmigung bekommen. Fleur ist offensichtlich irgendwohin verschwunden, und wer weiß, wo Harry steckt. Oh, Mist! Das wird nie mehr rausgehen.«

Ein großer Klecks mit Ketschup durchmischter Majonäse war auf ihrer Wachsjacke gelandet. Leise vor sich hin murrend wischte sie den Schlamassel mit dem Finger weg, wobei sie aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Mann erhaschte, der sie geküsst hatte. Er hielt den Mistelzweig vor sich hin, als sei er der Inbegriff der Peinlichkeit, und beobachtete Nel, wie sie die Majonäse ableckte. Er lächelte. Nel blieb nichts anderes übrig, als sein Lächeln zu erwidern; wenn sie sich jetzt zickig gab, würde sie noch lächerlicher wirken, als sie sich ohnehin schon vorkam. Nachdem sie gelächelt hatte, errötete sie. Oh, wenn sie doch nur ein Zehntel von Fleurs Selbstbewusstsein im Umgang mit Jungs hätte, dachte sie. Auch wenn er nicht gerade mehr ein Junge zu nennen war.

»Hier.« Simon reichte ihr ein Taschentuch. »Warum musst du nur so eine Schweinerei machen?«

Nel wischte sich den Finger ab und rückte dann dem Fleck auf ihrem Mantel zu Leibe. »Ich tue so etwas nicht mit Absicht. Außerdem ist der Mantel alt, also ist es nicht weiter schlimm.«

»Du wirst ihn in die Reinigung geben müssen«, sagte Simon. »Wirklich, du solltest vorsichtiger sein.«

Nel wollte gerade erwidern, dass es unmöglich sei, einen Hamburger zu essen, ohne dass dessen Inhalt sich überall breit machte, als ihr auffiel, dass Simon seinen bereits zur Hälfte verspeist hatte, und kein Tropfen davon war irgendwo anders gelandet als in seinem Mund. »Soll ich dein Taschentuch für dich waschen?«

»Nein, danke. Ich möchte nicht, dass es rosa wird.«

Ein wenig gekränkt, aber entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen, stopfte Nel Simon das Taschentuch wieder in die Tasche. »Nochmal danke, dass du mich vor dem Hungertod bewahrt hast, Simon.« Mit diesen Worten schob sie sich den Rest ihres Hamburgers in den Mund.

»Ich könnte es wieder tun. Hast du Lust, mit mir auszugehen? In der Nähe hat ein neues Restaurant aufgemacht, und ich habe gehört, dass es wirklich gut sein soll.«

Nel kaute hastig zu Ende. »Klingt verlockend, aber ich werde wohl todmüde sein. Ich denke, ich fläze mich einfach vor den Fernseher. Wenn ich hier fertig bin, muss ich noch meine Weihnachtskarten im Dorf verteilen. Das dauert eine Ewigkeit.« Die Sitzung erwähnte sie lieber nicht. Simon würde sie nur begleiten wollen und alles noch komplizierter machen.

»Du könntest einfach eine Briefmarke draufkleben.«

»Ich weiß, aber es ist eine gute Gelegenheit, mit den Leuten zu reden. Ich habe immer so viel um die Ohren, wenn wir die Stände aufbauen, dass einfach keine Zeit zum Plaudern bleibt. Sie haben bestimmt Fragen, was die Veränderungen betrifft, die wir durchführen müssen, um unser Niveau zu heben und zu einem offiziell anerkannten Markt zu werden.«

»Das wird eine Menge Arbeit nach sich ziehen. Ist es das wirklich wert?«

Nel holte tief Luft und schluckte ihren Ärger herunter. »Es gibt Zuschüsse, die wir beantragen können, und Websites, auf denen wir Reklame machen könnten. Als offiziell anerkannter Bauernmarkt würden wir viel mehr Publicity bekommen und damit mehr Besucher. Wenn ich der Gemeindeverwaltung einen richtigen Plan vorlege, meint Fenella, und den Leuten klar mache, dass alle sich an die Regeln halten werden, dass sie geeichte Waagen haben werden und solche Dinge, dann bekommen wir vielleicht die Zustimmung für unser Projekt. Je mehr Verkaufsstände wir haben, umso mehr Miete bekommt das Hospiz.«

»Nur weil Fenella bei der Gemeinde arbeitet, heißt das noch lange nicht, dass sie alles weiß«, erwiderte Simon verschnupft. Es gefiel ihm nicht, dass Nel außer ihm noch andere Informationsquellen hatte. »Und wollen wir wirklich noch mehr Verkehr hier im Ort?«

»Der Markt soll am Anfang nur einmal im Monat stattfinden!«

»Damit dürfte er sich kaum selbst tragen.«

»Oh Simon, verbreite nicht immer so viel Optimismus. Das ist so anstrengend!«

Simon lachte als Antwort auf ihre Meckerei. »Meiner Meinung nach wird diese Aufstockung des Marktes zu einem anerkannten Bauernmarkt einfach nur viel Arbeit mit sich bringen und keine nennenswerten Einkünfte. Jetzt, da deine Kinder praktisch das Haus verlassen haben, könntest du dir einen richtigen Job suchen.«

Nel wollte keinen richtigen Job. Marcs Versicherung hatte ihnen genug ausbezahlt, um gut zu Rande zu kommen, und Nel tat lieber Dinge, die sie interessierten, statt um eine Karriere zu kämpfen. Da sie dieses Gespräch schon viele Male geführt hatten und dies nicht der geeignete Zeitpunkt war, es ein weiteres Mal zu tun, lächelte sie nur.

Simon sah sie ungehalten an, verärgert darüber, dass es ihm nicht gelang, Nel dazu zu bewegen, Geld zu verdienen. »Und du hättest deine Weihnachtskarten einfach mitnehmen und sie gleich hier verteilen können.«

Tatsächlich hatte Nel genau das vorgehabt, aber als sie noch vor Sonnenaufgang aus dem Haus gestürzt war, hatte sie so viel im Kopf gehabt, dass sie die Post auf dem Tisch im Flur liegen gelassen hatte. »Ich habe doch gesagt, dass ich mit den Leuten reden muss. Und die Organisation des Marktes wird zwar eine Menge Arbeit nach sich ziehen, aber wir tun es für einen guten Zweck, und obendrein haben wir vielleicht viel Spaß dabei.« Sie runzelte die Stirn, als der Gedanke an eine Baulandausweisung für die Paradise Fields in ihr aufstieg. Das Land gehörte doch sicher dem Hospiz! Harry hatte das Ganze wahrscheinlich falsch verstanden. Er war viel verträumter als die beiden anderen. »Aber wie gesagt, ich möchte mit den Leuten reden.«

»Du lebst für Klatsch und Tratsch«, sagte Simon.

»Stimmt, stimmt vollkommen!«, pflichtete Nel ihm bei. »Welchen besseren Sinn könnte das Leben haben? Und da kommt jemand, der Mistelzweige braucht. He, Adrian! Kauf ein paar Zweige für deine Frau. Dieser große hier würde sich wunderbar in eurer Halle ausmachen.«

»Wir haben selbst Mistelzweige auf dem Hof, Nel.« Adrian Stewart bewirtschaftete einige Meilen außerhalb der Stadt einen Hof. Nel kannte ihn, weil sie früher im Catering-Unternehmen seiner Frau gearbeitet hatte.

»Das glaube ich gern, aber ich wette, ihr lasst sie einfach an den Bäumen. Mistelzweige nutzen nichts, wenn man sie nicht ins Haus holt. Mitten auf einer Weide voller Kuhfladen wird wohl kaum jemand einen Kuss bekommen wollen.«

Adrian lachte und schob die Hand in seine Tasche. »Wie viel willst du mir denn dafür abknöpfen?«

»Entscheide selbst, was die Zweige wert sind. Hier ist ein besonders schönes Exemplar. Sagen wir, ein Pfund. Es ist für eine gute Sache.«

»Ich dachte, du hättest gesagt, Sam bekäme das Geld«, meinte Simon.

»Sam ist eine gute Sache. Vielen Dank, Adrian. Grüß Karen von mir. Ich komme später noch mit meiner Weihnachtskarte bei euch vorbei.«

Adrian küsste Nel auf die Wange. »Das wird sie sicher freuen. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, kämpfte sie gerade mit einem Weihnachtskranz.«

»Oh, dabei will ich ihr gerne helfen! Wenn es für den Markt ein nächstes Jahr gibt, mache ich vielleicht selbst welche. Es macht so viel Spaß.«

Adrian griff nach seinem Mistelzweig. »Dir vielleicht. Jetzt muss ich dieses Ding in den Supermarkt mitschleppen.«

Nel nahm ihm das Bündel wieder ab. »Ich bringe euch die Zweige mit der Karte zusammen rüber.«

»Wenn du nicht so viel Zeit damit vergeuden würdest, anderen Leuten gefällig zu sein, hättest du mehr Zeit, um mit mir auszugehen«, sagte Simon, der für Nels Fähigkeit, so freundlich zu allen Menschen zu sein, nie richtiges Verständnis aufbringen konnte.

»Ich gehe schrecklich gern mit dir aus, Simon. Das weißt du doch.« Sie holte tief Luft. »Hör mal, warum kommst du nicht heute Abend einfach zu mir? Ich koche uns etwas – oder noch besser, ich kaufe uns eine Portion Fisch und Pommes frites –, und wir können ein Video ausleihen. Und eine Flasche Wein trinken.« Diese Einladung kostete sie eine gewisse Überwindung. Die Vorstellung, einen Abend lang einfach »herumzuhängen«, überstieg Simons Begriffe, und Nel hatte immer noch das Gefühl, dass sie das Haus vor seinen Besuchen aufräumen müsste. Trotzdem, mit ein wenig Glück würde die Sitzung nicht allzu lange dauern, sodass ihr noch genug Zeit zum Aufräumen blieb.

»Darfst du bei deiner Diät denn überhaupt Fisch und Pommes frites essen, Nel?«

»Es ist Weihnachten! Oder jedenfalls fast. Willst du nun kommen oder nicht?«

»Eigentlich habe ich selbst noch Verschiedenes zu erledigen. Ich führe dich stattdessen Sonntag zum Mittagessen aus.«

»Wunderbar. Lass uns bitte irgendwohin gehen, wo das Essen nicht zu fett ist.«

»Du hast doch gesagt, es sei Weihnachten.«

»Das stimmt, und gleichzeitig stimmt es auch nicht«, meinte Nel und fragte sich, ob Simon die Sache mit dem Abnehmen je verstehen würde oder ob das Ganze sein Vorstellungsvermögen ebenso überstieg wie das gemütliche Nichtstun am Abend. Da er selbst ausgesprochen fit war und alles essen konnte, was er wollte, glaubte er, die Leute hätten nur deshalb Gewichtsprobleme, weil sie sich voll stopften. Nur wer selbst darunter zu leiden hatte, konnte begreifen, dass die Dinge komplizierter lagen. In diesem Moment sah sie jemanden, den sie kannte, vom Käsestand kommen, wo man neben anderen Produkten einen einheimischen Käse kaufen konnte, der liebevoll ›Toms alte Socken‹ genannt wurde. Sie rief den Mann zu sich.

»Hallo, Ted! Hast du schon deinen obligatorischen Mistelzweig gekauft? Komm schon, kauf deinen Mistelzweig bei mir.«

»Hey, Nel. Na, dann gib mir schon einen. Meine bessere Hälfte wird sich freuen. Der Markt ist gut gelungen, wie?«

»Großartig. Aber nächstes Jahr, wenn wir ganz offiziell sind, dürfte es noch besser werden.«

»Dann wissen wir also nicht, was aus dem alten Grundstück wird?« Er zeigte auf das riesige, von vielen Anbauten umgebene Haus direkt gegenüber dem Markt. »Ich meine, Sir Geralds Erbe und seine Frau könnten vielleicht etwas dagegen haben, einen Markt quasi mitten in ihrem Garten stattfinden zu lassen.«

»Das ist nicht ihr Garten, und es gibt keinen Grund, warum sie Einwände haben sollten. Der Markt ist seit eh und je etwas Schönes, das vielen Menschen Freude macht. Außerdem hätten sie eben früher aus Amerika zurückkommen sollen, wenn sie etwas dagegen haben.«

»Dann weißt du also noch nicht, welche Pläne sie mit dem Grundstück haben?«

»Nein.« Jedenfalls, wenn man das hässliche Gerücht über die Felder nicht mitrechnete, das sie, Nel, gewiss nicht verbreiten würde. »Aber warum sollte ich auch Näheres wissen. Ich habe für Sir Gerald gearbeitet, und sein Sohn braucht mich nicht über seine Pläne zu informieren. Ich könnte mir vorstellen, dass es ein Vermögen kosten wird, das alles wieder in Ordnung zu bringen.«

»Mindestens eine Million, schätze ich. Wie es aussieht, ist der alte Knabe einfach von einem Raum zum anderen gewandert, wenn es ihm irgendwo auf den Kopf getropft hat.«

Nel seufzte, da sie das Gespräch überaus niederschmetternd fand. »Dann wollen wir hoffen, dass sie jede Menge Geld haben.«

»Hm, ich darf nicht länger hier rumstehen und schwatzen. Ich muss noch ein Geschenk für meine Frau besorgen. Irgendwelche Vorschläge, Nel?«

»Ich persönlich freue mich immer über Diamanten«, sagte sie ernsthaft.

Er lachte, was sie auch beabsichtigt hatte. »Da müsste sie aber verdammtes Glück haben!«

»Ich hoffe, das hat sie!«

Kapitel 2

Weihnachten kann manchmal so verdammt nervig sein!«, sagte Nel. »Ich meine, das ist wirklich ein wunderbarer Zeitpunkt, um zu erfahren, dass es seit Jahren eine Bauplanungsgenehmigung für Paradise Fields gibt. Wenn niemand da ist, um etwas deswegen zu unternehmen! Es ist unglaublich! Ich meine, ich war mir ganz sicher, dass das Grundstück dem Hospiz gehört. Mein Gott! Der Markt hat ihnen bisher sogar Pacht bezahlt! Der Gedanke an eine Eigenheimsiedlung dort ist einfach unerträglich!«

Vivian, die sich genauso darüber aufregte wie Nel, das Ganze aber ein wenig gelassener nahm, erwiderte: »Das ist wahrscheinlich der Grund, warum sie ausgerechnet jetzt den Antrag auf Erneuerung der Erlaubnis gestellt haben, weil sie hoffen, dass die Leute zu viel zu tun haben, um Notiz davon zu nehmen.«

Vivian sah zu, wie Nel einen Weihnachtskuchen mit kleinen Figürchen verzierte, die sie selbst geformt hatte. Nel war jedoch in Gedanken anderswo und machte immer wieder Fehler. Von oben kam das gedämpfte Dröhnen von Musik, ein Hinweis darauf, dass ein Junge im Haus war. Sie wusste nicht, welcher, denn obwohl die beiden ständig über die relativen Vorzüge von Breakbeat kontra Drum’n’Brass debattierten, konnte Nel das eine nicht vom anderen unterscheiden.

»Also, warum ist Weihnachten nervig? Ich dachte, du machst das alles furchtbar gern«, sagte Fleur und zeigte auf den Tisch, der mit Puderzuckerglasur und abgeschnittenen Biskuiträndern bedeckt war.

»Ich spreche nicht von dem Kuchen, Schätzchen, ich meinte die Tatsache, dass diese Geschichte ausgerechnet dann passiert, wenn jedes Büro im Land für vierzehn Tage geschlossen bleibt. Ich bin sofort zu den Anwälten gelaufen, um in Erfahrung zu bringen, wer dieser Gideon Freebody ist, nur um mir anhören zu müssen, dass erst nach Neujahr wieder jemand im Büro sein wird.«

»Oh.« Fleur knibbelte etwas scharlachrote Puderzuckerglasur ab, die eine Sekunde vorher noch der Hut des Weihnachtsmannes gewesen war, und formte sie zu einer Rose.

»Es nervt«, sagte Vivian, »aber ich glaube nicht, dass es schlimm ist. Schließlich kann auch sonst niemand etwas unternehmen. Wissen wir, wer die Bauplanungsgenehmigung beantragt hat?«

Nel schüttelte den Kopf. »Ich habe mit Fenella darüber gesprochen, und sie meinte, jeder könne für jedes beliebiges Gelände eine Bauplanungsgenehmigung beantragen. Du könntest sie für meinen Garten beantragen.«

»Das ist ja schrecklich!«

»Ich weiß. Ich sage mir immer wieder, dass ich nicht in Panik ausbrechen darf, aber solange ich nicht weiß, wie die Dinge liegen, kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Du hättest die Pläne sehen sollen, Viv! Sie wollen unzählige Häuser da unterbringen. Ich konnte es nicht fassen. Ich kann es immer noch nicht fassen. Obwohl ich das Gefühl habe, ich würde es wissen, wenn das Land den Hunstantons gehört hätte. Immerhin habe ich jahrelang für Sir Gerald gearbeitet! Und jetzt ist auch noch Michael weg.«

»Wer ist Michael?«, fragte Fleur, die gerade versuchte, in einer Schneelandschaft einen passenden Platz für ihre lebensgroße Rose zu finden.

»Unser Finanzmensch im Hospiz. Er ist Rechtsanwalt oder Steuerberater – irgendetwas Langweiliges. Er müsste Genaueres wissen.«

»Es geht nicht nur darum, dass alles für die Katz wäre, was wir getan haben, damit die Kinder Zugang zum Fluss erhalten«, sagte Vivian zu Fleur. »Das Gebiet ist außerdem sehr wichtig für die Pflanzen und Tiere dort. Ich kann einfach nicht glauben, dass jemand ein Bauvorhaben auf dem Gelände plant, ohne dass irgendeiner von uns es gewusst hat. Weiß Gott, wie viele Lebewesen ihre angestammte Heimat einbüßen würden, wenn die Sache durchginge.«

Obwohl Nel Vivian nun so lange kannte, überraschte sie sie immer wieder. Sie vereinte schillernde Eleganz mit einer echten Liebe für bodenständige Aktivitäten wie Bienenzucht, ausgedehnte Spaziergänge und Vogelbeobachtungen auf entlegenen Inseln. Weil sie überhaupt nicht so aussah, als beschäftige sie sich mit etwas Schmutzigerem als Einkaufsbummeln, vergaß man leicht ihre Reisen nach Galapagos, ihre Märsche durch den Regenwald und die Urlaube, die sie dem Naturschutz widmete.

»Ist dir aufgefallen, dass wir einfach davon ausgehen, dass dem Hospiz das Land doch nicht gehört?«, bemerkte Nel. »Was meinst du, woran liegt das?«

Vivian zuckte die Achseln. »Es liegt daran, dass diese Verwaltungsleute im Endeffekt immer Recht haben. Die Bank macht niemals einen Fehler; man hat sein Konto immer überzogen. Hast du etwas dagegen, wenn ich den Teekessel aufsetze?«

»Nein, ich hätte liebend gern eine Tasse Tee, aber ich wünschte doch, ihr zwei würdet aufhören, zu naschen. Die Reste könnt ihr meinetwegen gern essen, aber das war ein absolut tadelloser Schneemann, den du dir gerade in den Mund gesteckt hast, Fleur.«

»Übrigens, wie läuft deine Diät, Mum?«, fragte Fleur, die Zuckerguss und Feuchtwiesen gleichermaßen langweilig fand. Sie griff nach einem Gerät, das Nel noch nie zuvor gesehen hatte, und machte sich daran, ihr Haar damit zu glätten. In Kürze würde sie mit dem Bus nach London fahren. Da sie wusste, dass ihre Mutter sich deswegen Sorgen machte, verbrachte sie pro forma ein wenig Zeit mit ihr und Vivian, bevor sie aufbrach.

»Sie läuft nicht, sie steht. Ich nehme ein wenig ab, nehme ein wenig zu und wiege am Ende dasselbe.«

»Ich verstehe nicht, warum du dir überhaupt die Mühe machst«, sagte Vivian. Groß und gut gebaut, mit tadellosem Teint und blitzenden grünen Augen, konnte sie essen, was sie wollte.

»Du hast gut reden, du kannst es dir leisten, nicht darüber nachzudenken, was du dir in den Mund stopfst. Was ein Glück ist«, fuhr Nel fort, »wenn man bedenkt, wie viel Zucker du gegessen hast.«

»Aber du bist entzückend, Nel. Findest du nicht auch, Fleur?«

»Hmhm. Kuschelig und mamahaft.«

Nel, der diese Attribute nicht besonders gefielen, sagte: »Wenn ich einsfünfundneunzig groß wäre, wäre an meinem Gewicht nicht das Geringste auszusetzen. Leider oder vielleicht sogar glücklicherweise bin ich es nicht. Außerdem geht es in erster Linie um Selbstachtung und darum, dass man einen gewissen Standard wahrt.«

»Es ist Simon, nicht wahr?«, hakte Vivian nach. »Weil er so mager ist, denkt er, du solltest es ebenfalls sein.«

Nel errötete. »Nein, ich tue das für mich!« Sie wollte das Thema Simon nach Möglichkeit umgehen.

»Hast du denn Cellulitis?«, fragte Fleur. Sie hatte von ihrem Haar abgelassen und strich sich jetzt über die Hüften ihrer Hose. »Du weißt schon, Orangenhaut?«

»Ich weiß, was Cellulitis ist, Fleur, und ich glaube nicht, dass Orangenhaut die richtige Bezeichnung dafür ist.«

»Wie meinst du das?«, fragten Fleur und Vivian wie aus einem Mund.

Nel dachte nach. »Hm, es ist eher, sagen wir – stell dir vor, du hättest einen Eiskugelstecher und würdest Fladen von Kartoffelpüree oben auf meine Schenkel klatschen. Das dürfte dir eine gewisse Vorstellung davon geben, worüber wir hier reden. Orangenhaut ist einfach eine Beschönigung.«

Es folgte entsetztes Schweigen, dann inspizierten Nels Tochter und ihre Freundin beide Nels hosenbetuchtes Bein, um zu überprüfen, ob Nel die Wahrheit sagte. Nel neigte ein klein wenig zu Übertreibungen.

»Was ist mit deinem Hintern?«, wollte Fleur wissen.

»Eine der kleinen Gnaden im Leben«, sagte Nel, »ist die, dass ich meinen Hintern nicht sehen kann. Ich vermute, der ist ebenfalls mit Klecksen von Kartoffelpüree bedeckt.«

Vivian, die nichts Unziemliches unter Nels schwarzer Röhrenjeans entdeckt hatte, schüttelte den Kopf. »Was sagt denn Simon dazu? Meiner Erfahrung nach stehen nur Pädophile und Schwule auf ganz magere Frauen. Richtige Männer stehen auf Fleisch.«

»Simon hat mein Fleisch noch nicht gesehen. Zumindest nicht diesen Teil davon.«

»Was?« Vivian kreischte vor Erstaunen und Entsetzen. »Du meinst, du hast noch nicht mit ihm geschlafen? Aber ihr seid seit mehr als sechs Monaten zusammen!«

Fleur schluckte, offensichtlich unentschieden, welche von beiden Möglichkeiten die unheimlichere war: dass ihre Mutter überhaupt Sex hatte oder der Gedanke, dass eine Frau so lange mit einem Mann zusammen sein konnte, ohne mit ihm zu schlafen.

»Ich weiß, aber Simon ist sehr rücksichtsvoll und drängt mich nicht.«

»Das ist nicht Rücksicht! Das ist unterentwickelter Geschlechtstrieb!« Vivian, die eine ganze Kolonne von Ringen ihrer Exverlobten an der rechten Hand trug, war anerkanntermaßen die Expertin auf diesem Gebiet.

»Nein, das ist es nicht. Es liegt an mir. Es fällt mir einfach schwer, mir vorzustellen, mit einem anderen Mann zu schlafen.«

»Was meinst du mit einem ›anderen Mann‹?«, fragte Fleur brutal. »Dad ist seit Jahren tot!«

»Du meinst, es hat seit Marcs Tod niemanden mehr gegeben?«

Nel schüttelte den Kopf. Sie war älter als die beiden anderen: Warum kam sie sich plötzlich so naiv vor?

»Also, Mum, bei welcher Nummer bist du?«

»Wovon sprichst du?«

»Oh je! Von der Zahl der Männer, mit denen du geschlafen hast.«

»Oh«, murmelte Nel.

»Hm«, gestand Vivian, »als ich neulich abends nicht schlafen konnte, habe ich versucht, meine Zahl zu ermitteln, und festgestellt, dass ich so weit ohne einen Taschenrechner kaum zählen kann. So schlimm kann es bei dir doch nicht sein.«

»Hm, nein.« In gewisser Hinsicht war es schlimmer.

»Also, wie viele waren es? Mehr als die Finger beider Hände?«, bohrte Fleur weiter nach. Jetzt, nachdem sie ihre Mutter als geschlechtliches Wesen akzeptiert hatte, wollte sie Einzelheiten wissen.

»Du meinst, mehr als zehn? Quatsch.«

»Dann kannst du sie an den Fingern einer Hand abzählen?«, hakte Vivian nach.

»Das eigentlich auch nicht.«

»Was soll das denn heißen?«, fragten die beiden wie aus einem Mund.

Nel fand, dass sie ebenso gut das Schlimmste erfahren konnten. »Meine Süßen, ich kann die Männer, mit denen ich geschlafen habe, am Daumen einer Hand abzählen. Ich brauche meine restlichen Finger gar nicht.«

Die beiden anderen Frauen benötigten einen Augenblick, um zu begreifen, was das bedeutete.

»Oh, das ist wirklich süß!«, rief Fleur.

»Das ist ausgesprochen bedenklich«, sagte Vivian. »Und wahrscheinlich ungesund. Du solltest die Situation auf der Stelle korrigieren.«

»Hm, ich kann ja Simon ausrichten, was du gesagt hast.«

»Simon …«, hob Vivian zu sprechen an, und obwohl Fleur ihrer Patentante nicht einmal einen Blick zuwarf, wusste Nel, dass die beiden dasselbe dachten. »Es muss nicht unbedingt Simon sein«, beendete Vivian ihren Satz.

»Doch, muss es wohl! Wir sind schließlich zusammen! Mit wem soll ich denn sonst schlafen?«

»Wie wär’s mit dem Mann, der dich auf dem Markt geküsst hat?«, sagte Fleur.

Nel errötete. Genau derselbe Gedanke war auch ihr durch den Kopf geschossen. »Unmöglich. Ich kann unmöglich mit jemandem schlafen, mit dem ich keine feste Bindung habe.«

»Oder auf den du so scharf bist, dass du ihm am liebsten die Kleider vom Leib reißen würdest«, sagte Vivian.

»Ich bin nicht scharf auf Männer, jedenfalls nicht so, wie du es bist! Ich brauche Liebe, Bindung, Zeit, all diese Dinge. Außerdem«, fügte sie hinzu und fragte sich, ob sie jemals wieder echte Leidenschaft empfinden würde, »außerdem werde ich niemandem meine Kartoffelbreischenkel zeigen. Sobald mein potenzieller Partner sie zu Gesicht bekäme, würde er sich höflich entschuldigen und verschwinden.«

»Unsinn! Die körperliche Erscheinung ist nur ein Teil davon«, widersprach Vivian. »Lass dich endlich flachlegen, Mädchen!«

»Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich dich als Patentante für meine Tochter ausgesucht habe.«

»Ehrlich, Mum, sie hat Recht. Die Leute nehmen den Sex viel zu ernst.«

Nels Mutterherz krampfte sich zusammen. »Ich hoffe, du nimmst ihn ernst, Liebes.«

»Fang bloß nicht davon an! Ich weiß alles über sexuell übertragbare Krankheiten und dergleichen mehr. Und ich habe noch nicht mit Jamie geschlafen, also krieg dich wieder ein.«

Nel, der es ausgesprochen schwer fiel, zu akzeptieren, dass ihre Tochter keine Jungfrau mehr war und bereits eine höhere »Zahl« erreicht hatte als sie selbst, gab sich geschlagen. Hinzunehmen, was man nicht ändern konnte, war eine wichtige Lektion im Leben, und Fleur schien eigens auf die Erde gekommen zu sein, um Nel sämtliche wichtige Lektionen im Leben zu erteilen.

»Was du brauchst, ist eine Art Aufbaukurs in Sachen Bejahung des eigenen Körpers«, sagte Vivian.

»Für mich klingt das stark nach Fitnesscenter, und da wollen wir doch lieber nicht hingehen!«

»Ich tue es jedenfalls bestimmt nicht«, stimmte Vivian ihr zu, »viel zu langweilig. Obwohl einige der Männer ganz süß sind. Nein, ich meinte eine Art Therapie. ›Ich bin eine schöne Frau, und alle Männer fühlen sich sexuell angezogen von mir‹«, gab sie mit monotoner Stimme von sich.

»Das Problem ist, ich bin nicht schön«, sagte Nel.

»Doch, bist du wohl!«, riefen Fleur und Vivian im Chor. »Du bist bildhübsch. Vor allem seit du dir Strähnchen hast machen lassen«, fügte Vivian hinzu.

»Hört mal, ich bin ganz in Ordnung! Ich weiß, dass ich keine Vogelscheuche bin, aber niemand wird mich davon überzeugen, dass ›alle Männer‹ oder auch nur ›irgendwelche Männer‹ mich in meinem Alter sexy finden! Außerdem habe ich neulich ein graues Haar entdeckt.«

»Aber das ist mit den Strähnchen kein Problem«, versetzte Fleur. »Das Grau kommt nicht durch.«

»Das weiß ich, aber das Haar war nicht auf meinem Kopf!«

Wieder folgte entsetztes Schweigen. Nel war nie der Typ gewesen, der andere Leute mit Absicht schockierte, aber heute schien sie es recht oft zu tun. »Alter hat damit nichts zu tun«, fuhr Vivian fort. »Frauen können mit achtzig noch sexy sein.«

»Wirklich?« Diesmal waren es Nel und Fleur, die erstaunt klangen.

»Das weiß ich natürlich nicht aus persönlicher Erfahrung«, sprach Vivian, die die vierzig noch nicht erreicht hatte, weiter, »aber ich bin davon überzeugt, dass es stimmt. So etwas kommt von innen.«

»Dann hat es keinen Sinn, wenn ich einen Kurs mache«, bemerkte Nel.

»Genau das versuche ich dir doch gerade beizubringen, Schätzchen. Wenn du dich so fühltest, als seiest du die erotischste Frau auf Erden, würdest du es werden.«

»Ach ja?« Der Mann, der sie geküsst hatte, kehrte immer wieder in ihre Gedanken zurück, wie eine beharrliche Motte zu einer Glühbirne. Ihr war die Tatsache keineswegs entgangen, dass er schön gebogene Wimpern hatte, ebenso wie die Fähigkeit, Teile ihres Körpers anzusprechen, deren Existenz sie schon beinahe vergessen hatte.

»Nun, es würde helfen«, meinte Vivian.

»Ich werde mal in die Buchhandlung gehen und sehen, was sie in Richtung Selbsthilfe so auf Lager haben.« Vivian und Fleur sahen sie immer noch auf eine Art und Weise an, die Nel nervös machte. Allerdings neigten die beiden dazu, sich gegen sie zu verschwören. Im nächsten Augenblick würden sie darauf beharren, dass sie etwas Farbe in ihre Garderobe brachte, und dann würden sie ihr nie wieder erlauben, Schwarz zu tragen. Um sie abzulenken, sagte Nel: »Was ich wirklich brauche, ist ein Buch mit dem Titel Fit für eine Affäre. Ihr wisst schon, ein Buch, das einem erklärt, wie man seinen Körper in Schwung bringt, wenn man es erwägt, nach etlichen Jahren ohne Sex wieder mit einem Mann zu schlafen. Ich wette, so ein Buch gibt es nicht.«

»Hm, aber ich könnte eins schreiben«, meinte Vivian nachdenklich. »Mir würden da alle möglichen guten Tipps einfallen. Und nicht nur solche, an die auch alle anderen denken würden.«

»Als da wären?«, fragte Nel.

»Kleine Tricks eben. Man kann zum Beispiel einen Conditioner in sein Schamhaar geben oder in deinem Fall eher ein Tönungsmittel.«

Nel ignorierte diesen Seitenhieb. »Das tust du doch nicht wirklich, oder? Conditioner draufgeben?«

»Doch! Und warum auch nicht? Wir geben alle ein Vermögen für unsere anderen Haare aus. Warum sollte man da nicht auch dort ein wenig …?«

»Also ehrlich!« Fleur, die inzwischen ihr Make-up aufgelegt hatte, zog mit Gewalt den Reißverschluss ihrer Handtasche zu und stand auf. »Wenn man mit euch beiden zusammen ist, kommt man sich manchmal vor wie in einer Folge aus Sex and the City.«

»Ja, du darfst meinen Lidschatten nach London mitnehmen«, sagte Nel, die ihn in Fleurs Sammelsurium von Schminkutensilien entdeckt hatte, »wenn du mir versprichst, mich anzurufen, sobald du dort ankommst.«

»In London oder bei Jamie zu Hause?«

»Beides. Und …«

»Mach ich. Ich rufe dich an, ich werde der perfekte Hausgast sein, und ich werde in London auf mich Acht geben, und ich fahre nur für zwei Tage weg. Sam bringt mich zum Bus.« Fleur legte ihre kühle Wange an die ihrer Mutter. »Hab dich lieb. Wir sehen uns später. Hm, am Heiligen Abend.«

»Ich finde, es wird langsam Zeit, zum Wein überzugehen«, meinte Vivian, als die plötzliche Stille ihnen sagte, dass sie das Haus jetzt für sich allein hatten. »Hast du welchen da, oder soll ich uns schnell eine Flasche besorgen? Im Regal steht keiner.«

»In dem Schrank da, hinter den Cornflakes, habe ich die eiserne Ration. Ich muss die Flaschen verstecken, sonst nehmen sie die Kinder immer mit zu irgendwelchen Partys. Man sagt, das Leben sei zu kurz, um billigen Wein zu trinken. Ich finde, es ist zu lang, um es nicht zu tun. Ich mache das hier nur schnell fertig, dann versuche ich, einen Korkenzieher zu finden.«

»An dem Tag, an dem ich keinen Korkenzieher finde, werde ich Abstinenzlerin. Er liegt in dieser Schublade, nicht wahr?«

»Könnte sein. Er sollte dort liegen, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass er sich auch dort befindet«, sagte Nel zweifelnd.

»Ich hab ihn!« Vivian triumphierte. »Also, wollt ihr, du und die Kinder, den ganzen Kuchen allein essen?«

»Gütiger Himmel, nein! Er ist für den Weihnachtsbasar im Hospiz. Viv, du hast nicht das Gefühl, dass Fleur irgendwie anders ist als sonst? Nicht übermäßig schreckhaft oder so etwas in der Art?«

»Nein. Sie ist reizend wie eh und je, und sie wird dir von Tag zu Tag ähnlicher.«

Da Nel und Fleur ständig zu hören bekamen, wie sehr sie einander ähnelten, und keine der beiden diese Ähnlichkeit sehen konnte, ignorierte Nel die Bemerkung. »Es ist nur so … Simon hat neulich etwas in der Art gesagt und mich gefragt, ob sie Drogen nähme.«

»Das halte ich für höchst unwahrscheinlich.« Vivian schwieg kurz. »Machst du dir nur deshalb Sorgen, weil ihr Freund in London wohnt? Es gibt auch in Bristol Drogen. Und sogar hier bei uns.«

»Ich weiß! Es ist nur so, dass ich hier binnen Minuten bei ihr sein könnte, falls irgendetwas passiert.«

»Rauchen die Jungen Haschisch oder etwas in der Art?«

»Wahrscheinlich, aber sie tun es nicht hier, wo ich’s mitbekommen könnte.«

»Sie sind sehr rücksichtsvoll.«

»Ja. Aber was ist mit Fleur? Du findest wirklich nicht, dass sie irgendwie anders ist?«

»Nein, finde ich nicht. Ich denke, dass Simon zu übertriebener Sorge neigt. Und er bringt dich dazu, dir ebenfalls Sorgen zu machen, was noch schlimmer ist.«

»Er meint es nur gut.«

»Ich war immer schon der Meinung, dass das das Schlimmste ist, was man über jemanden sagen kann.«

Nel aß ein verunglücktes Stechpalmenblatt, das sie nicht wollte. »Ich meinte das nicht böse. Simon ist ein guter Mensch. Er macht sich Gedanken um meine Familie.«

Vivian tätschelte den Arm ihrer Freundin. »Ich weiß. Und ich bin davon überzeugt, dass er auch viele gute Seiten hat.«

Als Nel später allein war und darauf wartete, dass die Hunde die letzten Reste des verkleckerten Zuckergusses aufleckten und sie den Fußboden wischen konnte, dachte sie über die Feuchtwiesen nach.

Im ersten Sommer nach ihrem Umzug war sie mit den Kindern dort hingegangen. Es war während der Schulferien gewesen, und sie hatte sich große Mühe gegeben, etwas Schönes zusammen mit ihnen zu unternehmen. Etwas Normales.

Es spielten bereits andere Kinder dort; von kleinen Knirpsen, die gerade erst laufen konnten, bis hin zu Schulkindern waren alle Altersklassen vertreten. Einige der Älteren teilten die Jüngeren gerade für ein Ballspiel ein. Eine Gruppe von Müttern hatte sich um eine Bank geschart, und sie forderten Nel lächelnd auf, mit ihrer Decke zu ihnen herüberzukommen. Die Frauen fragten sie, ob sie neu in der Stadt sei, und waren sichtlich verlegen, als sie ihnen erzählte, dass sie verwitwet sei.

»Oh Gott«, sagte eine von ihnen. »Und da haben wir gerade die letzte halbe Stunde damit zugebracht, über unsere Männer und ihre nervigen Angewohnheiten zu jammern.«

»Schon gut«, sagte Nel. »Mein Mann glaubte immer, er mache sich nützlich, wenn er seinen Kaffeebecher ausspülte, wobei er überhaupt nicht mitbekam, dass er den Rand nicht mit abgespült hatte und auf der Außenseite überall noch Kaffeesatz klebte.«

»Und jetzt würden Sie alles darum geben, wenn er klebrige Kaffeebecher herumstehen ließe?«, fragte eine andere Frau.

»Und ihn schnarchen zu hören und im Bett furzen und all die anderen abscheulichen Dinge, die Männer so tun.« Nel hielt inne, um ihre Fassung wiederzugewinnen. »Aber trotzdem war es manchmal sehr ärgerlich.«

»Was hat er beruflich gemacht?«

»Er war in der City beschäftigt.« Nel zuckte die Achseln. »Um ehrlich zu sein, ich habe mich immer gefragt, ob der Stress bei der Arbeit etwas mit seiner Krankheit zu hatte.«

»Oh? War es ein Herzinfarkt?«

Nel schüttelte den Kopf. »Krebs. Es ging sehr schnell.« Dann lächelte sie, um die Tränen zu unterdrücken, die sich in ihren Augen sammeln wollten. »Aber die Versicherung hat sehr gut gezahlt!«

Eine Frau, die vielleicht gesehen hatte, wie nahe Nel den Tränen war, sagte: »Dann können Sie sich also die Pralinentherapie leisten?«

Nel nickte und biss sich auf die Lippen. »Nur leider können es meine Hüften nicht.«

Es war ein goldener Nachmittag gewesen, ein Wendepunkt für Nel und ihre Familie. Von diesem Tag an hatten sie sich als Teil der Gemeinschaft gefühlt, und obwohl ihre Trauer immer noch allgegenwärtig war, fiel es ihnen ein wenig leichter, damit zu leben.

Als die Hunde, ein Trio von King-Charles-Spaniels, sich bei ihrer Beschäftigung ekelhaft klebrige Ohren geholt hatten, kamen sie endlich zu dem Schluss, dass nichts mehr auf dem Fußboden zu holen war, und Nel griff zu ihrem Mopp. Nachdem sie einen Teil des Bodens gewischt hatte, beschloss sie, dass sie ebenso gut auch den Rest putzen konnte. Simon hatte gesagt, dass er vielleicht vorbeikommen würde, und da »vielleicht« bei ihm oft »bestimmt« bedeutete, konnte Nel sich auf keinen Fall vor den notwendigen Arbeiten im Haus drücken. Allerdings hätte sie einen ruhigen Abend allein vorgezogen.

Sie hatte Simon von Anfang an gesagt, dass sie den Gedanken an einen Stiefvater für ihre Kinder nicht ertragen könne, nicht solange sie noch zu Hause lebten. Ihre beiden Söhne waren die meiste Zeit fort, an der Universität oder auf Reisen oder sonst wo, aber sie wusste, dass ihnen ein Mann im Haus, der ihnen sagte, was sie zu tun und zu lassen hätten, nicht gefallen würde. Auch Nel war sich nicht sicher, ob ihr diese Vorstellung behagte. Sie würde vielleicht einige Dinge anders machen müssen, und das wollte sie nicht. Aber Simon war nett zu ihr, führte sie zum Essen aus und erledigte die Art von Arbeiten, die für größere, stärkere Menschen einfacher waren. Da sie so viele Jahre lang auf sich gestellt gewesen war, war sie sehr unabhängig geworden und durchaus in der Lage, die meisten Arbeiten im Haus selbst zu erledigen, aber manchmal war es angenehm, keine Leiter herbeischleppen zu müssen, sondern jemandem einfach die entsprechenden Werkzeuge reichen zu können.

Ihre behagliche Küche hatte sie zum Teil eigenhändig gebaut aus Elementen zur Selbstmontage. Außerdem hatte sie sich aus einer Kiste ein Weinregal gemacht und aus einer lackierten Holzkiste, die die Pfadfinderinnen weggeworfen hatten, ein nützliches Behältnis für Putzutensilien. Die Küche war ziemlich voll gestellt, aber genauso gefiel es ihr. Die damals zwölfjährige Fleur hatte ringsum direkt unterhalb der Decke mit Schablonen ein Blumenfries an die Wände gemalt, das inzwischen glücklicherweise zu akzeptabler Unkenntlichkeit verblasst war. Wenn die Küche aufgeräumt war, was kaum je einmal vorkam, war sie ausnehmend hübsch. Tatsächlich konnte man die Leute kaum dazu bewegen, sie wieder zu verlassen, was lästig war, wenn Nel für Gäste kochte und nicht beobachtet werden wollte. Morgens schien die Sonne hinein; wenn alle guter Laune waren, war sie groß genug für die Familie und reichte sogar aus, um Gäste zu bewirten, vorausgesetzt, diese waren nicht allzu sehr auf Förmlichkeit bedacht. Glücklicherweise kannte Nel solche Leute nicht.

Gegenüber der Küche führte vom Flur aus eine Tür ins Wohnzimmer. Es war mit zwei Sofas und einem Sessel möb-liert, es hatte einen Kamin, und der Fernseher stand dort: Zu viele Möbel eigentlich, aber die üppige Anzahl von Tischlampen, Bildern und Büchern verlieh dem Raum im Winter echte Behaglichkeit. Und im Sommer strömte durch das Fenster, das mit einer breiten Fensterbank die ganze Querseite des Zimmers in Anspruch nahm, helles Licht. Natürlich sah das Zimmer besser aus, wenn es dort nicht von Zeitungen, Coladosen, Gameboys und Hundehaaren wimmelte, aber wenn Nel die Kerzen auf dem Kamin anzündete (ungeachtet Simons Ermahnung, dass die Decke dadurch rußig wurde), fühlte Nel sich in ihrem Wohnzimmer sehr wohl.

Die vier recht kleinen Schlafzimmer lagen im ersten Stock. Ihres wurde fast zur Gänze von dem Doppelbett ausgefüllt, das sie sich früher mit Marc, ihrem Mann, geteilt hatte. Als sie nach seinem Tod hier hergezogen waren, hatten sie alle in dem Zimmer geschlafen, hatten sich in ihrer Trauer aneinander geklammert, bis sie, des Weinens müde geworden, beschlossen, es sei an der Zeit, ihr normales Leben wieder aufzunehmen.

Als der Küchenfußboden gesäubert war (zumindest dort, wo man es sehen konnte), saugte Nel noch rasch das Wohnzimmer wegen der Hundehaare. Sie hatte im Grunde gar nicht mehr die Energie für einen Gast, nachdem sie den ganzen Tag lang Weihnachtskuchen mit Zuckerguss verziert hatte, aber ihr letztes Telefongespräch mit Simon war mit einem Misston zu Ende gegangen. Sie hatte sich darüber geärgert, dass er nicht angemessen reagiert hatte, als sie ihm von der Bauplanungsgenehmigung für das Grundstück erzählte, von dem sie immer geglaubt hatte, es gehöre dem Hospiz. Simon hatte – ziemlich bissig – bemerkt, dass sie sich ja immer noch vor die Bulldozer legen könne. Außerdem war er schuld daran, dass sie sich jetzt – wahrscheinlich unnötig – um ihre Tochter sorgte. Wie Vivian bemerkt hatte, war Nels mütterliche Sorge schon stark genug ausgeprägt, ohne dass Simon ihr zusätzliche Nahrung gab. Aber um ihr schlechtes Gewissen zu besänftigen, würde sie ihm, falls er tatsächlich kam, anbieten, für ihn zu kochen.

Sie wählte seine Nummer, in der Hoffnung, dass ihm irgendetwas dazwischengekommen war und er nicht kommen könnte. Ihre Hoffnung erwies sich als vergeblich.

»Es wird nichts Exotisches geben«, warnte Nel ihn, um ihn vielleicht doch noch von einem Besuch abzubringen. »Aber die Kinder sind alle aus dem Weg, sodass wir ein wenig Ruhe hätten.«

»Du solltest auch Ruhe finden können, wenn sie zu Hause sind, Nel. Es ist ein entzückendes Haus, oder das wäre es jedenfalls, wenn es nicht so voll gestopft wäre mit dem Kram deiner Kinder. Sie haben schließlich alle ein eigenes Zimmer. Außerdem sind sie im Grunde gar keine Kinder mehr.«

Stille folgte. Selbst wenn Nel den Wunsch gehabt hätte, Simon bei sich einziehen zu lassen, hätte ihre Politik der Nichteinmischung in puncto Kindererziehung ihn gewiss abgeschreckt. Fleur würde im nächsten Jahr wie ihre Brüder zur Universität gehen, und Nel war sich im Klaren darüber, dass sie, was Simon betraf, bald zu einer Entscheidung kommen müsste. Aber dies schien nicht der richtige Zeitpunkt dafür zu sein. »Kinder bleiben für ihre Eltern immer Kinder, Simon. Denk an deine Mutter.«

Er kicherte. »Das tue ich, regelmäßig. Also, wann soll ich kommen?«

»Gegen acht. Ich mache uns ein Käsesoufflé.«

»Ein gutes Käsesoufflé ist ein echter Heiratsgrund, weißt du das?«

Nel lachte verlegen und verabschiedete sich. Als sie nach ihrem Gespräch mit Vivian und Fleur geputzt und die Kissen aufgeschüttelt hatte, hatte sie über ihr vor sich hin siechendes Liebesleben nachgedacht und über die Frage, ob oder wie sie es wiederbeleben sollte. Aber Sex war eine Sache, eine Heirat etwas ganz anderes. Außerdem würde sich Simons Mutter als genau die Art von Schwiegermutter erweisen, über die die Komiker so gern Witze rissen.

Jetzt holte sie Brennholz, um das Feuer anzuzünden, und wünschte, eins ihrer Kinder wäre zu Hause gewesen, um es für sie zu tun. Nel war durchaus im Stande, ein Feuer zu machen, aber ihre Kinder hatten vor langer Zeit befunden, dass sie es besser konnten, und da sie es nicht fertig brachte, sie zu irgendwelchen Arbeiten im Haus zu bewegen, war sie dankbar für alles, was sie von allein taten.

Als sie und Simon einander kennen lernten, hatte Simon Nel zu verstehen gegeben, dass sie ihre Kinder seiner Meinung nach verwöhne. Aber das, hatte er hinzugefügt, liege wohl daran, dass sie eine allein erziehende Mutter war und die Kinder keine Vaterfigur hatten. Nel hatte wütend erwidert, dass sie die Kinder genauso sehr verwöhnt habe, als Marc noch lebte. Danach hatte Simon ziemlich lange seine Meinung über ihre Kinder für sich behalten.

Als Simon eintraf, herrschte oberflächliche Ordnung. Die Hunde kuschten sich auf frisch ausgeschüttelten Decken und aufgeklopften Kissen. Frische Kerzen brannten, und das Feuer war so weit in Gang, dass es Simon nicht in allen zehn Fingern juckte, nach dem Schürhaken zu greifen. Nel hatte sogar daran gedacht, die Holzscheite von vorn nach hinten aufzuschichten, sodass er sich nicht verpflichtet fühlen würde, ihr zu erklären, dass dies die beste Methode sei.

Nachdem sie ihn mit der Zeitung und einem Glas Wein vors Feuer gesetzt hatte, zog sie sich in die Küche zurück. Während sie Käse raspelte und Mehl abwog, ging Nel zum wiederholten Male an diesem Abend durch den Kopf, was Fleur und Vivian gesagt hatten. »Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist«, hatte Vivian zu ihr bemerkt, nachdem Fleur gegangen war. Dies konnte der richtige Zeitpunkt sein. Vielleicht sollte sie eine Flasche Weißwein in den Kühlschrank legen, zusätzlich zu der, die Simon mitgebracht hatte. Vielleicht sollte sie auch ihr bereits aufgefrischtes Make-up noch einmal auffrischen und ihm schöne Augen machen.

Nel seufzte. Tatsächlich saßen sie häufig zusammen auf dem Sofa, um ein wenig zu schmusen, aber weiter war es bisher nie gegangen. Simon küsste nicht besonders gut, daher ermutigte sie ihn nicht dazu, und er legte niemals eine Hand auf ihre Brust. Manchmal legte er ihr allerdings eine Hand aufs Knie, über ihren Rock und ihre Strumpfhose, aber er ließ seine Finger nie weiter ihr Bein hinauf wandern. Stimmte etwas nicht mit ihm? Oder lag es an ihr? Sandte sie womöglich die falschen Signale aus? Vielleicht waren ihr die Worte »Rühr mich nicht an« unsichtbar auf die Stirn tätowiert, sodass nur Männer es lesen konnten. Wenn ja, hatte der Mann, der am Morgen Mistelzweige bei ihr gekauft hatte, nichts davon bemerkt.

Obwohl Nel den Zwischenfall der Feststimmung zugeschrieben hatte, konnte sie doch nicht ganz aufhören, an den Missetäter zu denken. Es war eine so kurze Berührung gewesen, nur der sanfte Druck seiner Lippen auf ihren, nur eine Sekunde lang. Sie mochte eine romantische Närrin sein, überhaupt daran zu denken, geschweige denn, Simon auf dem Sofa am Kamin durch diesen unbekannten Squashspieler zu ersetzen. Und doch, wenn sie das tat, konnte sie es sich plötzlich vorstellen, dass aus seiner freundschaftlichen Umarmung etwas Leidenschaftlicheres entstehen könnte. Es würde ganz einfach sein – sehr einfach sogar –, ihre Finger zwischen die Knöpfe seines Hemdes gleiten zu lassen und sie schließlich zu öffnen.

Energisch richtete sie ihre Konzentration auf die Arbeit in der Küche, und erst nachdem sie eine äußerst knoblauchhaltige Vinaigrette für den Salat gemacht hatte, fielen ihr ihre Pläne für das Sofa wieder ein. Danach musste sie Simon gegenüber eine Erklärung dafür suchen, warum sie plötzlich gekichert hatte.

Kapitel 3

Es kam ihr so vor, als hätte sie eine Million Telefongespräche geführt, und die Tatsache, dass es ihr endlich gelungen war, einen Termin bei den Anwälten zu bekommen, verringerte Nels Ärger nicht im Mindesten; tatsächlich verhielt es sich gerade umgekehrt. Wie gewöhnlich war sie zehn Minuten zu früh gekommen. Jetzt war der vereinbarte Termin seit einer Viertelstunde verstrichen, und ihre Wut und Langeweile hatten gefährliche Höhen erklommen.

Sie sah sich um, zupfte an der ausgefransten Armlehne ihres Sessels und fragte sich, wie Anwälte, die doch bekanntermaßen ein Vermögen verdienten, ihr Wartezimmer in einen solchen Zustand geraten lassen konnten.

Die Wände waren wahrscheinlich anfangs blasspink gewesen und hatten jetzt, befand Nel, einen Farbton erreicht, den der Denkmalschutz wahrscheinlich als billigstes Mansardengrau bezeichnet hätte. Die Vorhänge hätten so ziemlich jede Farbe haben können, aber als Nel einen Blick zwischen die Falten des Stoffs warf, entdeckte sie, dass sie ursprünglich einmal rosa gewesen waren. Unzweifelhaft antikes Potpourri, dachte sie und erwärmte sich langsam für dieses neue Spiel.

Als es ihr jedoch misslang, eine geistreiche Beschreibung für den Teppich zu finden, der zu verblichen war, um überhaupt eine Farbe zu haben, wandte sie sich auf der Suche nach Unterhaltung den Zeitschriften zu.

»Nun, sie werden wenigstens der Jahreszeit gerecht«, murmelte sie. Schließlich ist Weihnachten Jahr für Jahr ziemlich gleich, auch wenn es jetzt gut eine Woche zurücklag. Die Tatsache, dass sie immer noch die Frage erörtern, wie man die Jahrtausendwende feiern solle, fällt im Grunde nicht weiter ins Gewicht. Sie dachte darüber nach, dass Weihnachten eigentlich recht gut verlaufen war, insofern als niemand aus der Rolle gefallen und der Truthahn ordnungsgemäß zubereitet gewesen war. Dann griff sie nach einer anderen Zeitschrift, dankbar dafür, dass es fast ein Jahr dauern würde, bevor sie wieder über Weihnachten nachdenken musste. Nachdem sie gelesen hatte, welche Filme ihr 1999 entgangen waren, und sie sich anschließend eine weitere Zeitschrift vorgenommen hatte, nur um dort Anweisungen für den Bau eines kleines Pavillons in ihrem Garten vorzufinden, wurde ihr klar, dass die Zeitschriften keineswegs zur Jahreszeit passten: Sie waren schlicht und einfach alt.

Sie hatte gerade ein Taschentuch aus der Tasche gezogen und staubte die künstlichen Blumen ab (»Friedhofsblau«), als eine Frau, die ihr vage bekannt vorkam, den Raum betrat.

»Mr Demerand hätte jetzt Zeit für Sie«, sagte die Frau.

Nel stopfte das staubige Taschentuch wieder in die Tasche und stand auf. Sie fühlte sich ertappt und war wütender denn je. »Mr Demerand« hätte zumindest die Höflichkeit haben können, pünktlich zu sein.

Die Frau öffnete eine Tür. »Mrs Innes«, erklärte sie.

Nel trat ein. Es waren drei Personen im Raum, zwei Männer und eine Frau, aber der Einzige, den sie gleich zu Anfang sah, war der Mann, der sie unter dem Mistelzweig geküsst hatte.

Es war ein Schock. Nach ihrer Vorstellung war der Rechtsanwalt, der dafür verantwortlich war, dass sich jetzt alle große Sorgen machten, uralt und trug eine Halbbrille und einen steifen schwarzen Anzug wie die verderbten Bankiers in Mary Poppins oder irgendeinem Dickens-Roman. Wenn auch nicht besonders jung, war dieser Rechtsanwalt unübersehbar das, was ihre Tochter »fit« genannt hätte. Und da sie ihn beim Squash beobachtet hatte, wusste Nel, dass er auch im eigentlichen Wortsinne fit war.

»Ich muss mich für das Büro entschuldigen«, sagte er jetzt. »Wir sind gerade erst eingezogen. Wir haben es zum Teil deshalb gemietet, damit ich hier etwas Platz habe, wenn ich nicht in London bin. Ein paar neue Möbel könnten allerdings nicht schaden.«

Er verzog keine Miene und ließ nicht durchblicken, dass er Nel erkannte, und obwohl sie das nicht überraschte – tatsächlich war sie ungemein erleichtert –, brachte sie es dennoch fertig, sich gekränkt zu fühlen. Sie warf einen schnellen Blick durch den Raum. Das Büro war viel größer als das Wartezimmer und folgte ungefähr demselben Farbmuster. Die Möbel waren wuchtig und zerkratzt und in den Dreißigerjahren sicher sehr begehrt gewesen, aber jetzt gehörten sie auf den Müll.

»Dann ist das also Ihr Büro in der Provinz, und es wird den größten Teil der Zeit leer stehen?« Nel hatte nicht die Absicht gehabt, etwas zu sagen, bevor sie angesprochen wurde, aber ihr Mund hatte ihr Gehirn offensichtlich nicht zu Rate gezogen, und die Worte kamen ihr ungeheißen über die Lippen.

Eine Augenbraue wurde überrascht hochgezogen. »Ganz so ist es nicht …«, begann er.

Nel wandte ihre Aufmerksamkeit den anderen Personen im Raum zu. Sie waren ein wenig jünger als Nel, die Frau sogar erheblich jünger, außerdem auffallend gut gekleidet, und sie wirkte sehr selbstbewusst. Außerdem sahen beide so aus, als könnten sie sich so viel juristischen Beistand leisten, wie sie nur brauchten, um ihnen zu verschaffen, was immer sie haben wollten. Sie schienen zusammen mit dem Anwalt ein Team zu bilden. Nel hasste sie beide gleich auf den ersten Blick.

»Es wäre mir ein Vergnügen, dir bei der Einrichtung zu helfen«, sagte die junge Frau.

Als sie sie sprechen hörte, wurde Nel bewusst, dass sie nicht nur aussah wie ein Star aus einer amerikanischen Fernsehserie, die zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, nein, sie klang auch so. Sie hatte eine weiche, liebkosende Stimme, mit einem winzigen Hauch von Heiserkeit darin, die Art Frau, der Männer zuhören, einfach um des Vergnügens willen, ihrer Stimme lauschen zu dürfen.

»Kerry Anne ist Innenarchitektin«, erklärte der Mann, der Nel irgendwie bekannt vorkam. »Und sie ist gut, wirklich gut.«

Jetzt nahm Jake Demerand die Zügel in die Hand. »Mrs Innes, es tut mir Leid, dass ich Sie habe warten lassen.« Er ergriff ihre Hand und drückte sie kurz, aber in seinen Augen war immer noch kein Zeichen des Wiedererkennens zu entdecken. Hm, offensichtlich ein Monstrum, befand sie. Die Tatsache, dass er nicht aussah wie ein Scrooge des 21. Jahrhunderts, bedeutete nicht, dass er weniger schurkisch war.

»Darf ich Ihnen Mr und Mrs Hunstanton vorstellen?«, fuhr er fort. »Pierce und Kerry Anne. Mrs Innes?« Er zog eine dunkle Augenbraue in die Höhe. Offensichtlich erwartete er jetzt von ihr, dass sie ihren Vornamen nannte.

Sie musterte ihn einen Augenblick lang, bevor sie sagte: »Nel.«

»Wir sind uns schon einmal begegnet, denke ich«, bemerkte Pierce Hunstanton. »Als ich vor einigen Jahren das letzte Mal in England war. Sie haben für meinen Vater gearbeitet, nicht wahr?«

»Das ist richtig«, sagte Nel. »Ich erinnere mich daran, Sie kennen gelernt zu haben.« Pierce war zur Welt gekommen, als Sir Gerald vierzig war, lange nachdem er die Hoffnung auf einen Sohn aufgegeben hatte. Sie lächelte bei der Erinnerung daran, wie glücklich Sir Gerald gewesen war, als Pierce geheiratet hatte. Der Mann, den sie seinerzeit kennen gelernt hatte, war ihr durchaus freundlich erschienen, auch wenn er nicht so eine starke Persönlichkeit gewesen war wie sein Vater. Er war natürlich älter geworden, aber er wirkte immer noch freundlich. Wenn er nicht die Absicht gehabt hätte, ein Kinderhospiz um seinen rechtmäßigen Besitz zu bringen, hätte Nel ihn vielleicht gemocht.

Seine Frau dagegen war das, was Vivian als einen zähen Brocken bezeichnet hätte. Bekleidet mit einem entzückenden kleinen Kostüm, das niederschmetternd nach Chanel aussah, war ihr Make-up so perfekt, dass man kaum sehen konnte, dass sie geschminkt war. Sie sah einfach so aus, als strotze sie vor Gesundheit und Schönheit. Ihr Haar war eine glänzende Kappe, die ihre fein gemeißelten Wangenknochen betonte, und ihre perfekten Zähne waren eine Reihe gleichmäßiger Perlen. Ihre ganze Persönlichkeit bezeugte, dass man eine Frau vor sich hatte, die Berge verrücken konnte, ohne ihren Nagellack zu beschädigen. Nels Laune, die bereits im Keller war, sank noch tiefer.

Nachdem sie sich alle die Hände geschüttelt und sich niedergesetzt hatten, wünschte Nel, sie hätte Vivians Angebot, sie zu begleiten, angenommen, aber damals war ihr das absolut unnötig erschienen. Bei der kurzen Sitzung, die das Hospizkomitee vor ihrem Besuch anberaumt hatte, hatten die Mitglieder des Ausschusses sie einstimmig zur Sprecherin gewählt, vor allem deshalb, weil sie die Engagierteste von ihnen war. Nel hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich einsam fühlen würde. Das für die Finanzen zuständige Mitglied des Komitees weilte immer noch auf den Malediven und war unerreichbar, der Vorsitzende fuhr Ski. Trotzdem, beruhigte Nel sich, Wut und Leidenschaft konnten einen Menschen sehr mutig machen.

»Also, Mrs Innes«, ergriff Jake Demerand das Wort. »Was haben Sie uns zu sagen?«

Nel hatte sofort das Gefühl, von oben herab behandelt zu werden, obwohl sie keinen logischen Grund dafür sehen konnte. »Nichts Wichtiges. Ich möchte Sie lediglich darauf hinweisen, dass irgendjemand anscheinend eine Bauplanungsgenehmigung für ein Grundstück beantragt hat, das ihm nicht gehört.« Sie zwang sich zu einem Lächeln, von dem sie hoffte, dass es ebenso gönnerhaft wirkte wie das von Jake Demerand zuvor.

»Was bringt Sie auf den Gedanken, dass das Land nicht uns gehört?«, fragte Pierce ehrlich überrascht.

»Die Tatsache, dass Sir Gerald es vor Jahren dem Hospiz überschrieben hat, lange bevor ich mit den Dingen zu tun hatte. Das Grundstück ist von größter Bedeutung für uns. Wir benutzen es als Spielplatz für die Kinder, die sich dort erholen, wir halten dort Veranstaltungen ab, die dem Hospiz zusätzliche Gelder eintragen, und wir haben über dieses Stück Land Zugang zum Fluss. Es steht ein Boot bereit, das eigens für die behinderten Kinder umgebaut worden ist.«

»Die Kinder könnten doch sicher irgendwo anders spielen?«, fragte Kerry Anne, während sie das Büro betrachtete, in Gedanken offensichtlich mit Farbzusammenstellungen, falschen Wänden und Glasziegeln beschäftigt.

Ihr Desinteresse fachte Nels wachsenden Zorn noch an. »Das können sie wahrscheinlich! Aber wir können nirgendwo sonst eine Dampfbootrallye abhalten! Diese Veranstaltung bringt uns jedes Jahr Tausende ein, und im vorletzten Jahr haben wir das Geld dazu benutzt, eine Mole zu bauen und eine Straße, die dorthin führt. Abgesehen von allem anderen haben wir in dieses Grundstück investiert, und es gehört uns!« Sie wollte gerade von den Pachtgeldern erzählen, die der Markt dem Hospiz entrichtete, besann sich dann jedoch eines Besseren.

»Ich bin davon überzeugt, dass das Land für das Hospiz von großem Nutzen ist«, bemerkte Jake Demerand, »aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es dem Hospiz nicht gehört.«

»Wir müssen auf dem Grundstück bauen, um genug Geld für die Renovierung des Hauses aufbringen zu können. Ich fürchte, mein Vater hat den Besitz sträflich vernachlässigt«, sagte Pierce.

»Und ich freue mich schon darauf, mit der Renovierung anfangen zu können. Wir werden die Hauptwohnräume im Zeitstil erhalten, aber die Arbeiten am Rest des Hauses werden mir großen Spaß machen.« Kerry Anne lachte und warf Jake dann einen Blick zu, als wolle sie seine Reaktion sehen.

Nel knirschte hörbar mit den Zähnen. Die wichtigste Quelle des Hospizes, um Gelder zusammenzubekommen, wahrscheinlich sogar seine ganze Existenz, sollten geopfert werden, damit Kerry Anne »Spaß« haben und Pierce ein paar Reparaturen durchführen lassen konnte. Es war empörend, aber sie durfte weder weinen noch schreien oder sonst etwas tun, das sie noch hysterischer wirken ließ, als es ohnehin bereits der Fall war.

»Aber das Land muss dem Hospiz gehören!«, beharrte sie so gelassen wie möglich. »Ich weiß, dass Sir Gerald davon überzeugt war. Er hat mir erzählt, dass er schon vor Jahren entsprechende Vorkehrungen getroffen habe. Was sonst hätte er damit meinen können?«

»Ich kann unmöglich erraten, was er gemeint hat«, erwiderte Jake, »ich kann nur wiederholen, dass diese Felder nicht dem Hospiz gehören. Ich zeige Ihnen die Grundstücksurkunden von Hunstanton Manor.« Er förderte einen riesigen Stapel mit gefalteten Papieren zu Tage.

»Ich glaube kaum, dass die Schenkung in irgendwelchen uralten Urkunden verzeichnet ist«, sagte Nel. »Haben Sie sich irgendetwas angesehen, das jünger als dreißig Jahre ist?«

»Das habe ich, und die Dokumente ergeben eindeutig, dass das Land zum Besitz der Hunstantons gehört und immer gehört hat.« Jake Demerand sagte all das ohne jede sichtbare Regung von Gefühl oder Bedauern oder irgendetwas anderem als kühlem Desinteresse.

»Ich setze größtes Vertrauen in Sie, Jake«, bemerkte Kerry Anne und legte ihre Hand auf seine. »Ich weiß, dass Ihnen kein Irrtum unterlaufen ist.« Sie blinzelte ihn durch die Wimpern an. Das war etwas, das Nel einmal bei ihrem ersten Freund ausprobiert hatte und wobei sie sich heftige Kopfschmerzen eingehandelt hatte.

»Nun, irgendjemand muss sich aber geirrt haben!«, beharrte Nel und versuchte, Kerry Annes Benehmen zu übersehen. »Irgendein verdammter Rechtsanwalt! Ich weiß, dass Sir Gerald die Absicht hatte, dem Hospiz dieses Land zu überschreiben.«

»Das Hospiz hat dieses Grundstück lange Zeit nutzen dürfen, was überaus gütig von Sir Gerald war. Jetzt müssen Sie sich einen anderen Ort für Ihre Feten suchen«, sagte Jake Demerand.

Nel hätte ihm am liebsten gegen das Schienbein getreten. »Es ist keine Fete! Es ist ein – ein – ein Ereignis! Die Leute kommen aus dem ganzen Land!«

Er zuckte die Achseln, als sei ihr Einwurf reine Wortklauberei.

»Hören Sie«, fuhr Nel fort. »Ihnen kann das doch gleichgültig sein. Sie haben das Herrenhaus, Sie brauchen nicht auf diesem Grundstück zu bauen! Selbst wenn es uns nicht gehört, könnten Sie zumindest den Anstand haben, dem Hospiz weiter die Nutzung zu gestatten!«

»Die Renovierung des Herrenhauses wird fast eine Million Pfund kosten«, sagte Pierce Hunstanton. »Wenn wir auf diesem Grundstück nicht bauen, können wir uns das nicht leisten. Es wäre doch sehr traurig, wenn ein so wunderschönes Stück Geschichte einfach verschwinden würde, nur weil man es verfallen lässt.«

»Ja, und ich möchte meine Zeit wirklich in einem altmodischen Haus verbringen«, fügte Kerry Anne hinzu und verdarb damit die Wirkung der kleinen Ansprache, die ihr Mann soeben gehalten hatte.

»Ich möchte das Haus auch nicht verfallen sehen«, erwiderte Nel. »Aber was ist wichtiger? Die Rettung eines Herrenhauses oder eines Hospizes?« Sie versuchte, ihre persönliche Dankbarkeit gegenüber dem Londoner Hospiz, das ihnen in den letzten Wochen vor Marcs Tod so sehr geholfen hatte, beiseite zu schieben. »Was ist mit den Hoffnungen und Träumen der Kinder, die unter lebensbedrohlichen Krankheiten leiden? Das bedeutet, dass sie sterben werden«, sagte sie unfreundlich an Kerry Anne gewandt.

»Ich denke, wir wissen alle, was ein Hospiz ist«, sagte Jake Demerand. »Und ich bin davon überzeugt, dass es uns allen sehr Leid tut, dass das Land für die Kinder nicht länger zur Verfügung steht. Aber Tatsache ist, dass das Grundstück den Hunstantons gehört und sie darauf bauen müssen.«

»So viel kann es doch gar nicht kosten, ein altes Haus wieder herzurichten«, beharrte Nel, die die Sache nicht verloren geben wollte, bevor sie nicht alles versucht hatte. »Könnten Sie es nicht mit einer Hypothek belegen oder etwas in der Art? Was haben Sie eigentlich damit vor? Es ganz mit Marmor und Blattgold auszustaffieren?«

»Time-Sharing-Besitz«, sagte Kerry Anne nach einem schnellen Seitenblick auf ihren Mann. »Sehr elegante Appartements für Leute, die ab und zu gern ein paar Tage auf dem Land verbringen, vielleicht um Gäste zu bewirten, aber nicht dauerhaft dort leben wollen.« Ein leises Schaudern verriet, wie sie selbst zu dem Gedanken stand, auf dem Land leben zu müssen. »Wir werden die Dachböden zu einem Penthouse für uns selbst ausbauen. Obwohl ich bezweifle, dass wir viel Zeit dort verbringen werden.«

»Sie wollen nicht einmal dort leben, und trotzdem wollen Sie verhindern, dass der Markt weiter auf den Wiesen abgehalten werden kann?«, sagte Nel, die ganz vergaß, dass sie den Markt nicht hatte erwähnen wollen.

Pierce nickte.

»Das ist ungeheuerlich!«, fuhr Nel fort. »Wissen Sie – nein, ich nehme an, Sie wissen es nicht –, aber sämtliche Budenbesitzer bezahlen …« Gerade rechtzeitig konnte sie sich daran hindern, das Wort »Pacht« auszusprechen. Bei ihrem Glück würden die Hunstantons, wenn sie davon erfuhren, das Geld zurückverlangen.

»Was bezahlen Sie?«, fragte der Anwalt.

»Eine Spende – es ist eine Spende – sie geben einen kleinen Anteil von ihren Einkünften auf dem Markt dem Hospiz.«

»Von welchem Markt reden Sie?«, fragte Kerry Anne, ohne die Bemerkung über das Hospiz zu beachten.

»Zurzeit handelt es sich lediglich um einen inoffiziellen, sporadisch stattfindenden Bauernmarkt, der auf den Wiesen direkt vor dem Haus abgehalten wird«, erklärte Jake. »Es hat kurz vor Weihnachten noch einen gegeben.« Er sah Nel an, und obwohl sein Blick nichts dergleichen verriet, wusste sie, dass er diesen Kuss doch nicht vergessen hatte.

Kerry Anne schauderte. »Ich will auf keinen Fall, dass das Grundstück wie ein Flohmarkt aussieht, mit einem Haufen Bretterbuden, die Billigkleider und Gebrauchtmöbel verkaufen.«

»Die Art Markt ist es nicht«, erklärte Nel. »Wie Mr Demerand sagte, es ist ein Bauernmarkt. Irgendwie.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, dass nur Produkte höchster Qualität verkauft werden, einheimische, größtenteils Ökoprodukte – Gemüse, Fleisch, Käse, Jogurt und Sahne. Niemand verkauft Kleider.«

»Ich esse kein Fleisch«, sagte Kerry Anne.

Nel holte geduldig Luft. »Das mag sein, aber wenn andere Leute es nun einmal tun, wäre es Ihnen dann nicht lieber, dass sie Fleisch essen, das auf eine humane Art und Weise erzeugt wurde? Außerdem wäre da ja noch der Käse.« Bei der Vorstellung, Kerry Anne könne einen Käse essen, der ›Toms alte Socken‹ genannt wurde, biss Nel sich auf die Lippen.

»Wir essen auch keine Milchprodukte.«

»Nun, dann Gemüse! Irgendetwas müssen Sie schließlich essen.« Obwohl, wenn man dich so ansieht, befeuchtest du dich wahrscheinlich einfach mit ein paar Tropfen Bergtau und lebst allein davon, fügte sie im Geiste hinzu.

»Ich bin sehr vorsichtig mit dem, was ich in meinen Körper lasse.« Sie lächelte Jake auf eine Art und Weise zu, die ihn befürchten ließ, dass nun entweder ein Scherz oder eine zweideutige Bemerkung folgen würde. Es erwies sich als ein Klischee. »Schließlich ist der Körper ein Tempel.«

Nel zuckte zusammen. Ihr Körper war kein Tempel. Er war ein Mittel zum Zweck und brachte sie ohne Probleme von A nach B, aber niemand, nicht einmal Nel selbst, huldigte ihm. Und niemand, davon war sie fest überzeugt, würde ihren Tempel jemals so ansehen, wie Jake den von Kerry Anne ansah. Sie mochte zwar nur durch den Anblick seines Hinterkopfes zu diesem Urteil gelangen, war aber dennoch davon überzeugt, dass er praktisch sabberte. Wie hatte sie auch nur den flüchtigsten Gedanken an ihn verschwenden können? Er war wahrscheinlich ein Frauenheld. Simon brachte ihr Herz vielleicht nicht mit einem simplen Kuss zum Rasen, aber das zumindest konnte man ihm nicht vorwerfen.

Nel räusperte sich. »Manchmal haben wir auch eine andere Art von Markt dort, mit antiken Möbeln und Leinenwäsche, eine Menge davon aus Frankreich – brocanté. Als Innenarchitektin dürfte Sie das interessieren.« Bitte, lieber Gott.

»Ich mag es zwar gern, einen solchen Markt zu besuchen – ich halte immer Ausschau nach interessanten Stücken –, aber ich möchte so etwas nicht vor meiner Haustür haben.« Sie lächelte, und Nel fragte sich, ob ihre Zähne von Natur aus so weiß waren oder ob sie sie sich hatte bleichen lassen.

»Dann haben Sie also die Absicht, sich dauerhaft in England niederzulassen?« Wieder wandte Nel sich mit ihrer Frage an Pierce.

»Offensichtlich«, antwortete Kerry Anne. »Warum würden wir den Besitz sonst renovieren lassen? Aber wir werden natürlich den größten Teil unserer Zeit in London verbringen.«

Ein leises Klopfen an der Tür wurde hörbar, und die nette Frau, an die Nel sich jetzt eindeutig erinnerte, fragte: »Möchte vielleicht jemand Tee oder Kaffee?«

»Das wäre nett«, sagte Jake. »Kerry Anne, ich weiß, dass Sie gern Kräutertee trinken, und wir hätten Kamillentee da. Was darf es für Sie sein, Mrs Innes? Pierce?«

Nel und Pierce sagten beide: »Kaffee, bitte.«

»Das wäre also ein Kräutertee für Mrs Hunstanton und für uns andere Kaffee«, sagte Jake Demerand.

Nel lächelte der Frau zu, nur für den Fall, dass sie jemals einen Spion im feindlichen Lager benötigen sollte. Die Hunstantons mochten die rechtmäßigen Besitzer des Landes sein, aber sie würden nicht darauf bauen, nicht, wenn Nel dabei ein Wörtchen mitzureden hatte. Wenn sie jemanden brauchte, der belastende Dokumente fotokopierte, die Urkunden stahl oder Beweise für eine unmoralische Affäre offen legte, dann sollte sie das Büropersonal besser so schnell wie möglich auf ihre Seite bringen. Aber bei ihrem Glück würde ihre potenzielle Verbündete wahrscheinlich sagen, Jake Demerand sei »ein reizender Mann«, und sie würde nicht im Traum an einen Vertrauensbruch denken, geschweige denn daran, ohne Erlaubnis die Büroeinrichtung zu benutzen.

»Es geht nicht nur um das Hospiz«, sagte Nel. »Diese Baupläne würden hunderte von Einheimischen benachteiligen.«

»Einige Dutzend Einheimische würden davon profitieren«, wandte Pierce Hunstanton ein.

»Es dürften wohl kaum Einheimische sein«, widersprach Nel. »Sondern Zugezogene. Die Leute von hier, die Häuser brauchen, könnten sich keine so teuren Wohnungen leisten.«

Kerry Anne gähnte. »Oh Gott! Sagen Sie bloß nicht, dass wir in eine Spießergegend ziehen, wo die Leute jeden schief ansehen, dessen Familie nicht seit drei Generationen im Dorf geboren und erzogen wurde.«

»Drei Generationen verschaffen einem hier in der Gegend kaum das Wahlrecht.« Nel lächelte, um ihre Gehässigkeit zu verschleiern. »Obwohl sie mich alle sehr freundlich aufgenommen haben, als ich vor zehn Jahren mit meinen Kindern hierher kam. Aber ich habe hier gelebt, meine Kinder haben die Schulen hier besucht, und ich habe aktiven Anteil am Gemeindeleben genommen. Das tue ich immer noch. Was Dörflern und Kleinstädtern ein Dorn im Auge ist, sind Leute, die lediglich übers Wochenende kommen, keinen Beitrag zur einheimischen Wirtschaft leisten und dafür sorgen, dass der Ort während der Woche trostlos und verlassen wirkt.«

»Andererseits«, warf Jake ein, den Nel langsam als eine Art Teufel betrachtete, »wenn die Leute ihr Geld außerhalb der Gemeinde verdienen, es aber in der Gemeinde ausgeben, kommt das der einheimischen Wirtschaft sehr zugute. Denken Sie nur daran, wie viele Arbeitsplätze ein solches Bauvorhaben mit sich bringen würde.«

Zu Nels Glück hatte sie diese Auseinandersetzung schon hunderte von Malen geführt. Im Allgemeinen stand sie auf der anderen Seite und kämpfte an der Front, die Jake jetzt vertrat, aber die richtigen Argumente waren ihr trotzdem geläufig. »Es wäre nur eine kurzfristige Anstellung. Wenn das Gebäude fertig ist, werden die Handwerker und die Arbeiter alle wieder entlassen. Die Gemeinde hätte ein wertvolles Gelände verloren, und die Häuser würden den größten Teil der Zeit leer stehen.«

»Wir haben nicht die Absicht, kleine Häuser zu bauen«, erklärte Pierce Hunstanton. »Unsere Häuser werden wohl kaum von Wochenendgästen gekauft werden.«

»Aber es werden wohl auch kaum Einheimische sein, die sie kaufen. Was passieren wird, ist Folgendes: Leute, die in London arbeiten …« Sie warf einen hasserfüllten Blick auf Jake. »… werden ihre Ehefrauen und Familien die Woche über hier allein lassen. Die Kinder werden Internate besuchen, und die Mütter …« Sie hielt inne, da ihr gleichzeitig die Argumente und der Kampfgeist ausgingen.

»Nun, was werden die Mütter tun?« Jake, der bisher keine Spur von Humor offenbart hatte, schien sie auszulachen.

»Nichts besonders Konstruktives jedenfalls. Sie werden wahrscheinlich in Cheltenham einkaufen gehen.«

»Ich finde eine Einkaufstherapie sehr konstruktiv«, bemerkte Kerry Anne und lachte dann. Sie gab Nel das Gefühl, unerträglich spießig zu sein. Sie war jung und weltgewandt, und sie saß am längeren Hebel. Nel kam sich altjüngferlich und ungepflegt vor, eine Frau, die versuchte, gegen Windmühlen zu kämpfen. Beide Männer stimmten in Kerry Annes Gelächter ein, belustigt über ihre weiblichen Ränke und ihre Liebe zum Geldausgeben.

Nel erhob sich. Sie hatte nur das Recht auf ihrer Seite, und das hätte sie in diesem Augenblick mit Freuden gegen ein winziges Atom von Kerry Annes Selbstbewusstsein eingetauscht. Eines jedoch hatte das Treffen ihr eingebracht: Sie war fest entschlossen, den Hunstantons ein Schnippchen zu schlagen und Jake Demerand zu beweisen, dass sie nicht einfach eine Frau war, die man unter dem Mistelzweig küssen und dann beiseite schieben konnte. Sie hatte viele Freunde, und gemeinsam würden sie einiges ausrichten können. Es würde eine Welle von Protesten geben, die Leute würden in Bäumen kampieren, sich in Abwasserrohren vergraben und sich an Baumaschinen ketten. Zu guter Letzt würden die Hunstantons ihre Niederlage eingestehen müssen.

»Ich würde gern noch ein Weilchen mit Ihnen plaudern«, gurrte sie, »aber ich muss eine Kampagne organisieren. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.« Sie lächelte Kerry Anne und ihrem Mann zu. »Es war sehr informativ.«

Sie lächelte Jake nicht an, als sie über seine blank gewienerten Schuhe stieg, um zur Tür zu gehen, aber sie war sehr freundlich zu der Frau im Vorzimmer, an deren Namen sie sich endlich wieder erinnert hatte. Sie hieß Margaret.

Nel hatte sich nach der Sitzung in der hiesigen Weinstube mit Vivian verabredet.

»Es war schrecklich«, erzählte sie, als sie sich hinsetzte und an dem Weißwein nippte, den Vivian für sie bestellt hatte. »Absolut schrecklich. Das Land gehört dem Hospiz überhaupt nicht. Es gehört den Hunstantons, und sie können darauf bauen, wenn sie wollen.«

»Bist du dir da sicher?«

»Der Anwalt, Jake Demerand« – sie knirschte bei den Worten mit den Zähnen – »hat mir angeboten, einen Blick in die Grundstücksurkunden zu werfen. An dem Punkt ist mir klar geworden, dass es hoffnungslos ist.«

»Es ist nicht hoffnungslos; es heißt lediglich, dass das Land nicht uns gehört.«

»Das habe ich auch gedacht!«, stimmte Nel ihr zu. »Wir müssen sie lediglich daran hindern, auf dem Grundstück zu bauen, dann können wir es weiter benutzen. Wir werden eine Bürgerinitiative ins Leben rufen.«

»Wirst du denn Zeit dafür haben, wenn du auch noch den Bauernmarkt organisieren musst?«

»Oh ja, wenn du mir dabei hilfst!«

Vivian seufzte. Es kam überhaupt nicht infrage, dass sie ihr nicht helfen würde. Sie engagierte sich nicht nur genauso sehr für das Hospiz wie Nel, sie hätte Nel auch um ihrer selbst willen geholfen.

»Dann erzähl mir mal von den jungen Eindringlingen.« Vivian wusste gern Bescheid über die Menschen.

»Nun, Pierce Hunstanton ist ein wenig jünger als ich, nehme ich an, er sieht ganz gut aus, ist aber nicht besonders aufregend. Seine Frau ist allerdings ein so schillerndes Geschöpf, dass jede andere neben ihr schäbig wirkt. Jake Demerand war so vernarrt in sie, dass er ihr beinahe die Füße geküsst hätte.«

»Klingt nicht gerade viel versprechend.«

»Das war es auch nicht. Sie haben offensichtlich haufenweise Geld, aber wenn man ihnen Glauben schenken darf, wird die Renovierung des Hauses fast eine Million kosten, weshalb sie auch auf dem Grundstück bauen müssen.« Nel verzog angewidert das Gesicht.

»Wie ist denn dieser Jake Demerand so? Uralt, von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und mit Halbbrille?«

»Genau so etwas hatte ich erwartet! Wirklich komisch! Aber, nein.«

»Hm, Jake ist wohl auch ein ziemlich moderner Name. Also?«

Obwohl Nel davon überzeugt war, dass sie Vivian bis zu diesem Augenblick stets alles erzählt hatte, erzählte sie ihr aus irgendeinem Grund nicht, dass er der Mann war, der sie unter dem Mistelzweig geküsst hatte. »Er ist – hm, groß, dunkelhaarig und attraktiv. Ein bisschen wie aus einem Katalog entsprungen.«

»Hmhm. Es ist komisch, aber niemand beschreibt einen Mann jemals als klein, dick und attraktiv, habe ich nicht Recht? Und trotzdem haben viele der attraktivsten Männer in puncto Aussehen nicht allzu viel zu bieten. Er steht also auf lebende Barbiepuppen, ja?«

»Anscheinend. Aber du könntest ihn vielleicht zum Gegenteil bekehren.« Noch während sie das aussprach, dämmerte Nel, wie wenig ihr daran lag, dass Vivian Jake Demerand ins Bett lockte, selbst wenn es ihrer Sache dienlich wäre. Genauso wenig wollte sie jedoch zugeben, dass sie irgendetwas anderes als Abneigung für ihn empfand.

»Eigentlich habe ich zurzeit jemand anderen im Auge. Abgesehen davon finde ich, dass du dein Glück bei ihm versuchen solltest.«

»Du machst Witze! Er würde mich niemals ansehen, nicht in einer Million Jahren!« Nel hielt inne. Er hatte sie angesehen, jedenfalls für einen flüchtigen Moment. »Davon abgesehen ist er wahrscheinlich verheiratet.«

»Das wäre nicht unbedingt ein Hindernis. Mach schon, es wäre eine gute Übung für dich.«

»Vivian, ich war lange Zeit verheiratet; ich glaube an Treue. Ich würde niemals etwas mit jemandem anfangen, der in einer wie auch immer gearteten Beziehung lebt. Ich finde so etwas unmoralisch.«

Vivian gähnte. »Na schön, dann behalt deinen Keuschheitsgürtel an. Es war nur ein Vorschlag. Du musst etwas wegen deines Liebeslebens unternehmen, und Simon wird dir in dieser Hinsicht nicht behilflich sein.«

»Viv!«

Vivian griff nach der Speisekarte. »Was willst du essen?«

»Salat. Diese Frau war so dünn, dass die Ansagerin aus dieser Sendung, die Fleur so liebt, neben ihr fleischig wirken würde.«

»Klingt für mich, als wäre sie knochig.«

»Um der Wahrheit die Ehre zu geben, das war sie nicht. Sie strahlte förmlich vor Lebendigkeit. Aber deine Bemerkung neulich, dass Männer Fleisch mögen, ist offensichtlich Unsinn.«

»Das gilt natürlich nicht für alle Männer, aber ich habe dir auch gesagt, was ich von Männern halte, die nur mit Frauen schlafen wollen, die aussehen, als hätte man ihnen die Haut mit einer Spritzpistole auf die Knochen geklebt …«

»Pädophil oder latent homosexuell«, erklärte Nel ihr geduldig. »So sehr diese Theorie meiner Sache dienlich wäre, glaube ich nicht, dass sie hier gültig ist.«

»Also, was hatte sie an?«

»Ein entzückendes kleines Kostüm. Es sah nach Chanel aus, aber was weiß ich schon von diesen Dingen? TK Maxx ist für mich der Gipfel der Haute Couture. Ihre Schuhe waren ebenfalls himmlische Stiefeletten mit extrem hohen Absätzen. Aber wahrscheinlich hat sie furchtbar hässliche Füße. Modelschönheiten haben oft hässliche Füße.«

»Aber sie sah nicht nuttig aus?«

»Eigentlich nicht. Niederschmetternd.«

»Wäre vielleicht ein kleiner Einkaufsbummel jetzt das Richtige?«, schlug Vivian vor.

»Ich würde wirklich gern, aber ich habe kein Geld und keine Zeit.« Trotz ihrer vernichtenden Bemerkungen in der Anwaltskanzlei liebte Nel die Einkaufstherapie genauso wie alle anderen, selbst wenn sie sich an die Ständer mit Preisreduzierungen, Secondhandshops und den kräftezehrenden Einkauf bei TK Maxx hielt. »Ich hatte gehofft, dass ich die Hunstantons überreden kann, uns weiter das Grundstück für den Markt zur Verfügung zu stellen, bis wir die offizielle Genehmigung haben, obwohl ich vielleicht ein oder zwei Tage warte, bevor ich noch einmal gegen diese Barrikade anrenne. Ich habe alle Hände voll zu tun, und wir müssen unsere Bürgerinitiative in Gang bringen.« Ein junger Mann kam mit einem Bestellblock an ihren Tisch. »Was willst du essen?«, fragte Nel Vivian.

»Rösti mit Pilzen. Die sind zum Sterben gut.«

»Ich glaube, die nehme ich auch.«

»Ich dachte, du wolltest einen Salat essen.«

»Hab meine Meinung geändert. Es ist zu kalt. Und mit Kerry Anne könnte ich nicht konkurrieren, selbst wenn ich Größe sechsunddreißig hätte. Wir nehmen zweimal die Pilzröstis, und wir teilen uns einen Salat.«

Als der junge Mann wieder gegangen war, beugte Vivian sich vor. »Also, du willst Kerry Anne zeigen, was eine Harke ist, ja?«

»Nein! Natürlich nicht! Das habe ich dir doch gesagt.«

»Es ist nur so, dass ich in all den Jahren, die ich dich kenne, niemals erlebt habe, dass du eine Schwäche für jemanden gezeigt hättest.«

»Ich habe nie behauptet, dass ich eine Schwäche für Jake Demerand habe. Ich hasse ihn.«

»Was praktisch auf dasselbe hinausläuft, Schätzchen.«

Kapitel 4

Alles in Ordnung? Du siehst ein bisschen mitgenommen aus.« Reg, der Gemüsehändler, ließ die Tüte herumwirbeln, um sie an den Ecken umzuknicken.

Die aufmunternde Wirkung des Mittagessens mit Vivian konnte nicht lange angehalten haben, wenn Reg auffiel, wie niedergeschlagen sie war. »Es geht um diese Bauplanungsgenehmigung. Hast du sie gesehen? Sie wollen Häuser auf die Feuchtwiesen setzen – auf Paradise Fields. Wir dachten alle, dass das Grundstück dem Hospiz gehört. Tut es aber nicht.«

Reg schüttelte den Kopf. »Schlimme Sache. Wie soll das Hospiz ohne das Geld zurechtkommen, das die Veranstaltungen abgeworfen haben? Ganz zu schweigen von der Pacht, die die Marktverkäufer zahlen.«

»Sprich nicht davon! Wenn die Hunstantons das erfahren, verlangen sie das Geld vielleicht zurück! Ich hatte gehofft, dass wir noch wesentlich mehr einnehmen, wenn der Markt offiziell genehmigt ist und damit viel größer wird!«

»Vielleicht könntet ihr den Markt woanders abhalten«, meinte Reg.

»Ja, ich werde mich darum kümmern. Solange wir keine Gebühren an die Stadt entrichten müssen – oder wenigstens nicht allzu viel –, sollte der Markt eigentlich überleben. Aber ich muss – irgendwie – dafür sorgen, dass das Hospiz trotzdem davon profitiert! Wir brauchen das Geld so dringend! Und unsere großen Feste! Wie sollen wir die abhalten ohne einen Anlegeplatz für die Dampfboote am Fluss? Vielleicht organisiere ich eine Bürgerinitiative, um die Bauten zu stoppen, bis jemand einen seltenen Wassermolch oder etwas in der Art findet.«

»Gibt es denn dort überhaupt seltene Wassermolche?«

»Keine Ahnung, aber ich will es doch stark hoffen. Ich wüsste nicht, was uns sonst noch helfen würde.«

»Und nicht einmal das ist heutzutage eine Garantie.« Reg sortierte eine Pyramide Roter Bete um. »Ich hab eine Idee. Warum gehst du nicht einmal zum Vorsitzenden des Fußballvereins rüber? Er kann dir vielleicht helfen.«

»Warum sollte er?«

»Weil die Jungs den anderen Teil des Grundstücks benutzen, gegenüber der Straße. Die Juniormannschaften trainieren dort, damit das Spielfeld nicht so matschig wird.«

»Ich glaube nicht, dass ich das wusste.« Nel dachte kurz nach. »Wahrscheinlich liegt es daran, dass Fußball eine Winterbeschäftigung ist, und wir benutzen die Wiesen hauptsächlich im Sommer.«

»Dann spielen deine Jungs nicht Fußball?«

»Nein. Sie hatten kein Ballgefühl, wenn man ihrem Sportlehrer glauben darf. Du weißt nicht zufällig, wer der Vereinsvorsitzende ist, oder?«

»Leider nicht. Nicht, seit der alte Bill Chapman gestorben ist. Sie haben jetzt einen neuen. Aber wenn du ihn suchst, dann findest du ihn wohl am ehesten bei einem Spiel.«

»Ich war noch nie bei einem richtigen Fußballspiel, ich meine, mit Erwachsenen.«

»Dann wird es Zeit, damit anzufangen. Am Mittwoch findet eins statt. Da gehst du einfach hin und lässt dir von irgendjemandem den Vorsitzenden zeigen. Er wird begeistert sein, dich kennen zu lernen.«

Reg hatte, wie Nel wusste, eine Schwäche für sie und besaß obendrein ein gütiges Herz, trotz seines ein wenig schroffen Äußeren. Sie bezweifelte, dass der Vorsitzende der Meadow Green Rovers in übermäßiges Entzücken geraten würde, wenn er sie kennen lernte, aber vielleicht war er dankbar für ein wenig Unterstützung, wenn er erfuhr, dass auf dem Trainingsplatz seiner Juniormannschaften gebaut werden sollte. Andererseits hatten sie sich vielleicht schon etwas anderes gesucht, und es scherte ihn keinen Deut.

»Mit wem kann ich denn hingehen? Ich möchte nicht allein zu einem Fußballspiel gehen. Das wäre einfach zu traurig.«

»Wie wäre es denn mit deinen Prachtsöhnen?«

»Wie gesagt, sie stehen nicht auf Fußball. Sie würden mich begleiten, wenn ich sie darum bitte, aber da müssten sie extra von der Universität herkommen, und ich würde lieber mit jemandem hingehen, der das Spiel wirklich sehen will.«

»Da brauchst du nicht mich anzusehen, Schätzchen. Ich stehe auch nicht auf Fußball.«

Nel setzte ihren Einkaufsbummel fort und musterte jeden ihrer Freunde, dem sie begegnete, im Hinblick auf eine potenzielle Fußballleidenschaft. Schließlich erzählte sie in ihrer Verzweiflung einer Bekannten, die sie nicht allzu oft sah, von ihrem Dilemma. Sheila war ein äußerst positiver Mensch, und Nel nahm sich vor, sie in die Bürgerinitiative einzubeziehen. Auch was das Fußballspiel betraf, zeigte sie sich überraschend hilfsbereit.

»Oh, Suzy wird mit dir hingehen. Sie ist ein großer Fan von Meadow Green.«

»Würde es ihr auch wirklich nichts ausmachen? Ich habe Suzy nicht mehr gesehen, seit sie ein kleines Mädchen war, und sie hat wahrscheinlich gar keine Lust, mich zu einem Fußballspiel mitzunehmen.«

»Ganz im Gegenteil! Sie wird begeistert sein. Ich rede mit ihr, sobald ich nach Hause komme.«

»Wie läuft es denn mit ihrem Abitur?«

»Sie arbeitet sehr hart, aber man kann trotzdem nie wissen, oder?«

Nel schüttelte den Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob Fleur überhaupt arbeitete, geschweige denn hart. All ihre diesbezüglichen Fragen wurden mit besänftigenden Gebärden und einem »Mach dir keine Sorgen, Mum« beantwortet.

»Ich sage Suzy, sie soll dich später anrufen.«

»Das wäre wirklich nett, falls du dir sicher bist, dass sie nichts dagegen hätte.«

Suzy beteuerte Nel später am Telefon, dass sie sie mit Freuden mitnehmen würde. »Aber pack dich bloß warm ein und zieh bequeme Schuhe an oder Stiefel: Du wirst eiskalte Füße kriegen. Ich werde jemanden bitten, mich zu dir rüberzufahren.«

Obwohl Nel nicht zu ihrem Vergnügen zu dem Fußballspiel gegangen war, wurde sie am Mittwoch von der aufgeregten Stimmung der vielen Menschen mitgerissen, die alle in derselben Mission unterwegs waren: Sie wollten »das Spiel« sehen. Es fand am Abend statt, und die Dunkelheit verstärkte das Gefühl der Erwartung, das sich immer mehr aufbaute. Suzys ansteckende Begeisterung tat ein Übriges. Obwohl sie im gleichen Alter waren, war Suzy, wie Nel feststellte, ganz anders als Fleur. Suzy interessierte sich für Politik, für die Armut der Welt und die Ozonschicht. Fleur interessierte sich für ihre Freunde, ihre gesellschaftlichen Aktivitäten und ihre Kleidung. Da Nel mit beiden Mädchen viel gemeinsam hatte, fand sie sie gleichermaßen entzückend.

Als sie ihr Ziel erreicht hatten, parkte Nel den Wagen an der Stelle, die Suzy ihr vorschlug. »Dad parkt immer hier, weil man anschließend schnell wegkommt. Wir brauchen wirklich einen Parkplatz, aber andererseits brauchen wir auch viele andere Dinge.«

Nel war überrascht, wie viele Menschen zu dem Spiel strömten. »Ist hier immer so viel los?«

»Es ist ein wichtiges Spiel. Wenn wir es gewinnen, können wir aufsteigen, deshalb müssen wir auch unsere Truppe unbedingt auf Vordermann bringen. Aber keine Bange, die Leute sind sehr freundlich, sofern wir uns von den Anhängern des Gegners fern halten.«

»Wir müssen uns ja nicht unbedingt ins dichteste Gedränge mischen.«

Suzy schlang Nel einen Schal mit den heimischen Farben um den Hals. »Keine Angst, ich passe auf dich auf.«

Schon wieder ein Rollentausch.

»Ich habe ein Saisonticket, deshalb gehe ich hier durch«, erklärte Suzy, die sich als die perfekte Begleiterin erwies. »Du musst durch das Drehkreuz da gehen. Wir können jetzt Süßigkeiten kaufen oder bis zur Halbzeit warten und uns eine Pastete besorgen.«

»Nicht nötig, ich habe schon gegessen. In einer Pastete stecken ungefähr tausend Kalorien.«

»Ich weiß. Deshalb sind sie ja so köstlich, aber ich habe auch schon gegessen. Ich fürchte, der beste Stehplatz ist ganz da hinten.«

»Du weißt nicht zufällig, wer der Vorsitzende ist, nein? Du scheinst ja sonst jeden zu kennen.«

Suzy lachte. »Leider nicht. Er ist neu und kommt nicht zu jedem Spiel. Aber ich werde mich mal umhören. Hallo, Rob? Du weißt auch nicht, ob der Vorsitzende heute Abend hier sein wird, oder? Und wenn ja, wer er ist?«

»Doch, ich glaube, er ist hier. Und ich glaube, das ist er. Kannst du ihn sehen? Er steht mit dem Rücken zu uns und unterhält sich mit dem Mann in dem Anorak.«

Weder Suzy noch Nel konnten etwas sehen, aber die Tatsache, dass er hier war, war immerhin ein Anfang. Obwohl Nel sich besser amüsierte, als sie erwartet hatte, hätte es ihr Leid getan, den Abend für jemanden zu verschwenden, der gar nicht auftauchte.

Während sie auf den Anpfiff warteten, fachsimpelten die Dauerkarteninhaber miteinander. Nel verstand nicht viel von dem Fußballjargon, sie konnte nur die Gesprächsfetzen nachvollziehen, die sich um den schrecklichen Zustand der Gebäude drehten.

»Die Duschen sind so schlecht, dass die Spieler sich aufwärmen können, indem sie hin und her rennen, um die Tropfen zu erwischen«, bemerkte jemand.

»Ja, und das Wasser ist ganz braun von Rost. Unser Kevin hat mal hier in der Juniormannschaft gespielt. Ich glaube nicht, dass sich seither etwas verändert hat.«

»Hey, es geht los!«

Mit Suzy an ihrer Seite, die ihr alles erklärte, fand Nel unerwartet Gefallen an dem Spiel. Sie geriet aus dem Häuschen, wenn ein Tor geschossen wurde, und obwohl sie nicht in die Sprechgesänge einfiel (alle anderen schienen den Wortlaut zu kennen, noch bevor die ersten Rufe laut wurden), fand sie die ganze Erfahrung ausgesprochen vergnüglich.

»Es ist nicht so«, erklärte sie Suzy in der Halbzeit, während sie zusammen eine Tausend-Kalorien-Pastete verspeisten, »dass ich hier Stammgast werden will, aber ich verstehe, warum die Leute sich so dafür begeistern. Es tut mir nur Leid, dass meine Söhne kein Interesse daran hatten. Möglicherweise habe ich sie nicht genug motiviert.«

»Mein Bruder will auch nichts von Fußball wissen, obwohl Dad sich sehr dafür interessiert, es ist also wahrscheinlich nicht deine Schuld«, meinte Suzy. »Willst du ein paar Pommes frites?«

»Dir ist doch sicher klar, dass ich soeben schon mit der Pastete eine ganze Woche Diät in den Wind geschossen habe. Wenn ich jetzt auch noch Pommes frites esse, bin ich bis Montag ein Kloß auf Beinen.«

»Warum Montag?«

»Dann werde ich gewogen.«

»Ich glaube nicht, dass Diäten einem gut tun.«

»Es ist witzig, aber das sagen nur Leute, die das selbst nicht nötig haben.«

Als die Meadow Green Rovers ihr Spiel gewonnen hatten, hatte Nel tatsächlich eiskalte Füße. »Das heißt, dass sie aufsteigen können«, wiederholte Suzy, die immer noch voller Enthusiasmus war, aber langsam die Hoffnung aufgab, dass Nel jemals die Feinheiten des Spiels begreifen würde.

»Das ist schön. Dann habe ich wenigstens Gesprächsstoff, wenn ich mit dem Vorsitzenden rede. Was meinst du, kann ich einfach auf ihn zuspazieren und Hallo sagen, oder gibt es irgendwelche Benimmregeln, von denen ich wissen müsste?«

»Keine Ahnung. Ich nehme an, du kannst ihn einfach ansprechen. Er ist schließlich kein Prinz.«

»Kommst du mit mir? Oder willst du reden?«

»Ich stoße später wieder zu dir. Hast du dein Handy dabei?« Nel nickte. »Dann schick mir eine SMS, wenn du so weit bist.«

»Ich schicke keine SMS. Ich bin über dreißig.«

»Mum tut es aber! Und sie ist ein ganzes Stück über dreißig!«

»Das bin ich auch. Ich gehe jetzt rüber. Bis nachher.«

Alle, die Nel kannten, hielten sie für freundlich und selbstbewusst. Nur sie allein wusste, dass sie in Wahrheit extrem schüchtern war. Jetzt, zum Beispiel, war sie, obwohl sie den Kopf hochhielt und ein Lächeln aufgesetzt hatte, fest davon überzeugt, dass der Vorsitzende nicht mit ihr würde reden wollen, dass sie sich eine Abfuhr einhandeln und sich unverrichteter Dinge den Rückweg durch die Menge bahnen müsste.

Sie stand mitten im Gedränge, bevor sie schließlich jemanden bat, ihr den Vorsitzenden zu zeigen. Der betreffende Jemand erfüllte ihren Wunsch, und Nel zwängte sich zu dem dunkelblauen Mantel durch, zu dem sie geschickt worden war.

Sie räusperte sich. »Entschuldigung! Oh! Sie sind das.«

Jake Demerand war der letzte Mensch, den sie sehen wollte.

»Ich habe nach dem neuen Vorsitzenden gesucht. Man hat mir gesagt, Sie seien das. Können Sie mir den Mann bitte zeigen?«

»Ich fürchte, ich bin es selbst.«

»Was?«

»Ich bin der neue Vorsitzende der Fußballmannschaft.«

Nels Füße taten weh. Sie fror, und die Pastete verursachte ihr Magendrücken. »Oh Gott! Das ist ja schrecklich!«

»Warum? Sie haben sich doch nicht etwa selbst Hoffnungen auf diese Position gemacht, oder?«

»Natürlich nicht! Ich wollte nur den Vorsitzenden der Mannschaft um Unterstützung für meine Bürgerinitiative bitten.«

»Welche Bürgerinitiative?«

»Verd…!« Nel hörte, dass sie genauso klang wie Fleur, aber es scherte sie nicht. »Ich spreche von der Bürgerinitiative, die ich ins Leben rufen will, um Ihre millionenschweren Mandanten daran zu hindern, auf den Feuchtwiesen am Fluss zu bauen!«

»Wenn meine Mandanten Millionäre wären, müssten sie dort nicht bauen.«

»Sie brauchen auch so nicht zu bauen, es geht lediglich darum, dass diese Frau das ganze Gelände zu etwas ummodeln will, das sie in die Lifestyle-Magazine bringt. Was Hunstanton Manor braucht, sind ein paar neue Ziegel auf dem Dach, und alles wäre in Ordnung! Die Ansprüche der Leute sind einfach zu hoch!«

Er lachte, und ihr wurde klar, dass sie sich lächerlich machte. Es war der Schock, plötzlich Jake Demerand gegenüberzustehen, wo sie einen freundlichen, angegrauten Mann in einem Schaffellmantel erwartet hatte, der ihr die Schulter tätscheln und sagen würde: »Überlassen Sie das alles ruhig mir, Kind. Wir werden schon verhindern, dass diese feinen Pinkel ihre Häuser auf die Feuchtwiesen dort pflanzen.« Vielleicht war ihre EastEnders-Sucht doch gefährlich.

»Hören Sie, Mrs Innes – Nel –, warum setzen wir dieses Gespräch nicht bei einem Drink fort?«

Unter allen anderen erdenklichen Umständen hätte Nel Ja gesagt, Simon hin, Simon her. Jetzt holte sie tief Luft. »Weil Sie nicht nur in Klischees reden, Herr Anwalt, sondern weil es auf der ganzen Welt keinen Löffel gibt, der lang genug wäre.«

»Was reden Sie da?«

»Sie haben den Ausdruck sicher schon einmal gehört. ›Wer mit dem Teufel frühstücken will, braucht einen langen Löffel.‹«

Ein kurzes Schweigen folgte. »Tut mir Leid, dass Sie einen Teufel in mir sehen, Mrs Innes. Denn ich versichere Ihnen, dass ich Sie ganz bestimmt nicht so sehe.«

»Ach nein? Nun, das werden Sie aber noch. Wenn ich erst meine Bürgerinitiative auf die Beine gestellt habe, werden Sie kleine Wachspuppen von mir anfertigen und Nadeln hineinstechen.«

»Wirklich?« Ärgerlicherweise huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

»Oh ja. Sie werden feststellen, dass ich eine Macht bin, mit der man rechnen muss. Sie sollten Ihren Mandanten raten, in ihren Plänen zurückzustecken, denn solange ich lebe und atme, wird auf diesem Land nicht gebaut werden.«

»Nun, ich hoffe doch, dass Sie weiter leben und atmen werden, aber ich fürchte, was das Bauvorhaben betrifft, irren Sie sich. Es wird durchgeführt werden. Es sind auch einige Vorführhäuser geplant, und der Gemeinderat wird begeistert sein.«

»Mein Gott! Ich glaube, Sie wollen, dass diese Feuchtwiesen für immer verloren gehen! Wussten Sie, dass die Juniorfußballmannschaft dort trainiert?«

»Nein, das wusste ich zufälligerweise nicht. Aber ich weiß es jetzt.«

»Und ändert das die Sachlage nicht für Sie? Arme kleine Jungen, durchgefroren, in Shorts, ohne einen Trainingsplatz.« Zu spät dämmerte ihr, dass sie diese negativ klingenden Umstände wahrscheinlich besser nicht erwähnt hätte.

»Nun, es ist natürlich eine Schande, dass wir kein schönes, warmes, überdachtes Stadion für sie haben.«

»Sie hatten nicht die Absicht, eins zu bauen, oder?«

»Nein. Aber es erklärt, warum Sie mich nicht für dieses ausgesprochen feuchte Gelände, dass Sie soeben beschrieben haben, begeistern können.«

»Woher wissen Sie, das es feucht ist?«, erwiderte Nel nach kurzem Bedenken.

»Weil ich manchmal die Juniormannschaft trainiere.«

»Oh.« Ernüchtert hielt Nel inne. Aber dann geriet sie schnell wieder in Fahrt. »So lange können Sie das noch gar nicht getan haben. Sie sind neu in der Gegend hier.«

»So neu nun auch wieder nicht. Sie sind lediglich erst vor kurzem auf mich aufmerksam geworden.«

»Ich bin nicht ›auf Sie aufmerksam geworden‹! Ich würde Ihnen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken, wenn ich nicht geglaubt hätte, dass Sie – oder vielmehr der Vorsitzende der Mannschaft – meine Bürgerinitiative unterstützen würden!«

»Nein? Ich habe aber gesehen, dass Sie mich beim Squashspielen beobachtet haben.«

»Was?«

»Ich habe gesehen, dass Sie mich und meinen Freund beim Squash beobachtet haben. Was führt Sie eigentlich montagabends ins Freizeitzentrum?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, log sie, obwohl sie es nur allzu gut wusste.

»Oh doch, das tun Sie. Sie hatten keine Sporttasche dabei. Also, weshalb waren Sie dort?«

»Das werde ich Ihnen nicht auf die Nase binden! Es geht Sie nichts an.«

»Es müssen die Weight Watchers sein. Ich verstehe nicht, warum Sie sich damit abgeben. Sie haben eine wunderbare Figur.«

»Ach, fi…« Nel biss sich auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, was sie gerade hatte sagen wollen.

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich nehme an, ich habe es verdient.«

»Ich hatte nicht die Absicht, mich zu entschuldigen. Und verdient haben Sie es ganz bestimmt.«

»Es ist einfach so, dass Sie keine Durchschnittsfrau sind.«

»Keine Frau ist ›eine Durchschnittsfrau‹, wie schrecklich, so etwas zu sagen«, gab Nel entrüstet zurück.

»Irgendwie fordern Sie mich dazu heraus, schreckliche Dinge zu sagen. Und ich habe offensichtlich die gleiche Wirkung auf Sie.«

»Was soll das heißen?«

»Sie wollten mir doch gerade sagen, dass ich mich – ähm – wie soll ich es ausdrücken?«

»Führen Sie mich nicht in Versuchung, Ihnen auf die Sprünge zu helfen! Wir sehen uns vor Gericht!«

Während Nel sich durch die inzwischen nicht mehr so dichte Menge ihren Weg zurück zu Suzy bahnte, wusste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Wie sehr sie es auch versuchte, sie konnte die Tatsache nicht ignorieren, dass Jake Demerand nicht nur der attraktivste Mann war, der ihr seit Jahren begegnet war, er war einer der attraktivsten Männer, die ihr jemals begegnet waren. Und die Tatsache, dass offensichtlich eine Art Funken zwischen ihnen übergesprungen war, machte die Dinge auch nicht besser. Er war der Feind. Sie machte ihn noch mehr für die Baupläne verantwortlich als seine Mandanten. Wahrscheinlich hatte er sie überhaupt erst auf die Idee gebracht.

»Ich gehe dann besser mal«, sagte Nel, nachdem sie Vivian bei einem hastigen Drink einen kurzen Bericht über ihre Begegnung mit dem Vorsitzenden der Fußballmannschaft, auch bekannt als Jake Demerand, gegeben hatte. »Heute Abend muss ich zu den gefürchteten WW, und ich habe mich vor Weihnachten das letzte Mal dort sehen lassen. Ich habe bestimmt zehn Pfund zugenommen.«

Vivian gähnte. »Wenn es so wäre, hättest du es an den Kleidern gemerkt.«

»Ich glaube, ich habe sie einfach ausgedehnt. Ich ruf dich an, falls irgendetwas Interessantes passiert.«

»Ich will alles hören, was interessant ist«, sagte Vivian. »Nicht nur Dinge, die mit dem Hospiz oder dem Bauernmarkt zu tun haben.«

»Beides ist eng miteinander verbunden. Der Bauernmarkt ist ein hübsches kleines Zubrot für das Hospiz.«

»Oh, schwirr schon ab zu deiner Selbstfolter!«

Nel traf gerade noch rechtzeitig ein, bevor die Sitzung losging. Es war ihr zu spät bewusst geworden, dass man den Weißwein, den sie getrunken hatte, vielleicht in ihrem Atem riechen konnte. Außerdem trug sie nicht die geziemend leichte Kleidung, mit der sich noch ein Pfund auf der Waage gutmachen ließ.

Sie holte ihr Portemonnaie hervor und suchte vergeblich nach ihrer Karte, die sie schließlich zuallerunterst in ihrer Handtasche fand. Sie bezahlte die Gebühr, anschließend zog sie, während sie alles in einer Hand hielt, mit der anderen ihre Stiefel aus und ging zur Waage, wo die Gruppenleiterin wartete. Dann warf sie alles auf den Boden und sagte: »Es tut mir furchtbar Leid, ich hab’s einfach nicht geschafft. Na ja, genau genommen ist es mir immer so gegangen …« Wie gewöhnlich machte Nel in diesem qualvollen Augenblick jämmerliche Scherze, als könne Niedergeschlagenheit die grässliche Wahrheit irgendwie abwehren. »Ich war vor Weihnachten das letzte Mal hier, aber das wissen Sie ja.«

»Kein Problem, Sie sind ja jetzt hier«, sagte die junge und hübsche Frau, die Gerüchten zufolge drei Kinder hervorgebracht hatte, ohne auch nur ein einziges Pfund auf ihren gertenschlanken Hüften davon zurückzubehalten. »Wie sind Sie denn mit den Festtagen klargekommen?«

»Nun ja, um ehrlich zu sein, ich habe nicht an die Diät gedacht. Ich habe einfach gegessen, was ich wollte.«

Sie stand auf der Waage, zog den Bauch ein und hielt den Atem an, um sich leichter zu machen.

»Nun! Das muss eine Premiere sein! Sie haben zwei Pfund abgenommen! Wissen Sie, wie Sie das gemacht haben?«

Nel zuckte die Achseln, hocherfreut, aber vollkommen ratlos. »Ich bin wahrscheinlich einfach viel hin und her gelaufen.«

»Bewegung.« Die Gruppenleiterin gab Nel ihre Karte zurück. »Ich sage meinen Damen immer, dass sie sich aufraffen und sich bewegen sollen!«

Nel lächelte, nahm das Büchlein entgegen, das ihrer Karte folgte, und hob ihre Stiefel auf. Ob es wohl als Bewegung galt, sich ein Fußballspiel anzusehen, ging es ihr durch den Kopf. Oder musste man selbst mitspielen?

Da sie die Prozedur nicht aufhalten wollte, kaufte Nel mehrere Schachteln mit Weight-Watcher-Schokoriegeln und klemmte sie unterm Kinn fest, ängstlich darauf bedacht, die Flucht zu ergreifen, bevor die Gruppenleiterin ihr ein schlechtes Gewissen machen konnte, wenn sie vor dem Vortrag wieder ging. Sie wusste durchaus, dass es half, zu bleiben, aber sie hatte einfach keine Zeit dazu. Also stolperte sie unter der Last schmackhafter Schokoriegel durch die Tür, die Stiefel noch in der Hand und wohl wissend, dass sie ganz rot im Gesicht war.

Was hatte sie denn nun anders gemacht?, überlegte sie. Sie hatte während der Feiertage so oft auswärts gegessen. Vielleicht lag es daran, dass sie im Restaurant stets Salat bestellt hatte, und wenn sie zu Hause geblieben war, hatte sie häufig Nudeln gegessen. Vielleicht sollte sie ein Diätbuch mit dem Titel Gehen Sie jeden Abend auswärts essen schreiben – es könnte ein Begleitband für Vivs Fit für eine Affäre werden.

Nel blieb wie angewurzelt stehen. Sie mochte ihren Augen nicht trauen. Als sei eine finstere Alchemie am Werke gewesen, hatte sie genau den Mann heraufbeschworen, der in ihr den Wunsch nach einer Affäre geweckt hatte. Sie war so erschrocken, dass sie all ihre Schachteln und die Stiefel fallen ließ.

Jake wirkte keineswegs schockiert, er lachte unverhohlen und strahlte vor lauter Amüsement über das ganze Gesicht. Teufel hin oder her, sein Lachen war zu ansteckend, um nicht darauf zu reagieren. Sie war ertappt worden, und Nel war stets bereit, über sich selbst zu lachen. »Ich bin total aufgeflogen!«, sagte sie. Sie hob einen Stiefel auf und zog ihn an.

Er trug seine Squashkleidung: schwarze Shorts, weißes
T-Shirt und dazu ein attraktives Glitzern von Feuchtigkeit auf der Haut. Als er sich bückte, um ihre Schachteln aufzuheben, fiel ihr auf, wie riesig seine Füße in den Squashschuhen waren. Was sagte man noch gleich über Männer mit großen Füßen? Sie unterdrückte den Gedanken.

»Sie sind in der Tat aufgeflogen!« Er richtete sich auf, gab ihr die Schokoriegel und blickte ihr in die Augen. »Sie haben es absolut nicht nötig, zu den Weight Watchers zu gehen, aber ich freue mich trotzdem, dass Sie es getan haben. Haben Sie Lust, irgendwo etwas mit mir zu trinken? Oder bin ich immer noch der Feind?«

In gewisser Hinsicht war er mehr denn je der Feind, denn er flirtete geradezu unwiderstehlich und brachte sie dazu, das Gleiche zu tun. »Ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

Wenn er sie doch nur nicht so ansehen würde! Er tat es absichtlich, um sie zu peinigen! Sie wusste, dass er sich nicht für sie interessierte, weshalb also benahm er sich so? Nun, sie würde jedenfalls nicht weich werden. Er konnte seinen Charme an Kerry Anne ausprobieren, sie würde weitaus empfänglicher dafür sein.

»Ich muss zurück.«

»Warum?«

Sie holte tief Luft. »Ich habe Fleur versprochen, ihr eine Fernsehsendung aufzunehmen, und das kann ich nur tun, wenn ich zu Hause bin, wenn die Sendung anfängt.«

Er nickte. »Wirklich schade. Dann vielleicht nächste Woche?«

Das ging eindeutig über ihre Kräfte. Er war die Gegenseite. Sie konnte nicht mit ihm ausgehen: Sie durfte ihn nicht einmal treffen, wenn er weiter eine solche Wirkung auf sie hatte. Nel kam zu dem Schluss, dass sie nie wieder montags zu den Weight Watchers gehen würde. Sie würde sich eine andere Gruppe suchen – oder aufgeben.

»Ich glaube nicht.« Diesmal klemmte sie sich ihre Schokoriegel fester unters Kinn. »Jetzt muss ich aber wirklich los, sonst verpasse ich den Anfang der Sendung.«

Es war Samstagmorgen, und Nel war in der Drogerie und studierte die Drei-kaufen-zwei-bezahlen-Angebote. Sie dachte gerade darüber nach, ob es wirklich ein Schnäppchen war, einen Zahnpastavorrat für sechs Monate auf einmal zu erstehen, als sie den einzigen Menschen auf der Welt erblickte, den sie verabscheute.

Vivian hatte Nel immer wieder erklärt, dass sie sehr stur sei, wenn es darum ging, Leute nicht zu mögen. Wenn Nel dagegen jemanden nicht ausstehen konnte, brauchte sie den Betreffenden nur ein wenig besser kennen zu lernen, dann hieß es plötzlich: »Sie ist ganz in Ordnung, wenn man sie kennen lernt. Sie verkauft sich einfach nicht besonders gut.«

Diesmal, beschloss Nel, während sie Kerry Anne Hunstanton bei der Begutachtung von Körperpeelings beobachtete, diesmal würde sie die Frau weiter hassen und nichts über ihre schwierige Kindheit erfahren oder über einen alkoholabhängigen Vater und am Ende Mitleid mit ihr empfinden oder schlimmer noch, sie zu mögen. Sie musterte die andere Frau; warum hatte sie Pierce geheiratet? Wegen seines Geldes? Wegen seines baufälligen Prachthauses?

Nel unterdrückte ihre jähe Neugier, warf drei Riesentuben in ihren Einkaufskorb und ging zu der Abteilung weiter, die beschönigend als »weibliche Hygiene« bezeichnet wurde. Hier waren die Sonderangebote ziemlich unförmig, und während sie gerade versuchte, eine Logik in der Verpackung besagter Gegenstände zu finden, blickte sie auf und sah Kerry Anne direkt vor sich stehen.

»Oh, hallo.« Vielleicht, schoss es ihr durch den Kopf, würde ich diese junge Frau nicht gerade mögen, wenn ich mir die Mühe machte, sie kennen zu lernen, aber ich könnte immerhin herausfinden, was eigentlich vorgeht. Es wäre der Hoffnung zu viel gewesen, dass Kerry Anne in der Lage sein könnte, das Bauvorhaben zu stoppen, aber Nel lächelte dennoch.

»Hallo! Ihr Name ist Nel, nicht wahr? Vielleicht können Sie mir ja helfen. Irgendwie finde ich hier keine anständigen Kosmetikartikel. Was ich wirklich haben will, ist …« Sie nannte eine Marke, von der Nel kaum je gehört hatte und die man in einer kleinen Niederlassung einer Drogerie in einer kleinen Stadt gewiss nicht finden würde.

»Ich fürchte, wenn Sie etwas in der Art suchen, werden Sie nach Cheltenham fahren müssen.«

Kerry Anne schüttelte ungeduldig den Kopf. »Da war ich gestern. Nichts. Ich habe es in jedem Laden versucht, und keiner hatte irgendetwas, das ich auf mein Gesicht geben möchte.«

»Hm, wie Sie sehen, ist dies eine kleine Zweigstelle …«

»Aber wo kaufen Sie denn Feuchtigkeitscreme und solche Sachen? In London? Sie haben eine wunderbare Haut.«

Letzteres war offensichtlich nicht als Kompliment gedacht, sondern eher eine Tatsachenfeststellung, aber Nel fühlte sich dennoch geschmeichelt. Außerdem bestand immerhin die winzige Möglichkeit, dass sie hier den Schlüssel fand, um an Kerry Annes gute Seite heranzukommen. Es wäre eine Schande gewesen, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen.

»Ich kaufe all diese Dinge bei einer Frau, die ihre eigenen Produkte herstellt. Sie verkauft sie auf dem Markt«, fügte sie hinzu. Sie fühlte sich versucht, eine kleine Drohung folgen zu lassen: Wenn Kerry Anne ihren Mann nicht dazu bewegen könne, alle Pläne für ein Bauvorhaben auf den Feuchtwiesen aufzugeben und den Markt weiter auf dem Gelände stattfinden zu lassen, dann würde sie ihr nicht sagen, wo man diese Kosmetikartikel sonst noch kaufen konnte.

»Sie stellt ihre Kosmetik selbst her?«, wiederholte Kerry Anne. »Wie bizarr! Ich interessiere mich sehr für Kosmetik. Ich meine, es ist so wichtig, seiner Haut keine minderwertigen Produkte zuzumuten.«

»Absolut«, murmelte Nel.

»Aber ich finde es doch merkwürdig, seine Kosmetik selbst herzustellen.«

»Eigentlich nicht. Schließlich stellen all diese Firmen« – sie zeigte auf die Theke – »ihre eigene Kosmetik her. Meine Freundin tut das lediglich in ihrem Haus, statt in einer riesigen Fab-rik. Sie benutzt natürliche, reine Zutaten, kombiniert sie miteinander und verkauft sie dann in blauen Glastiegeln.«

»Und taugen sie etwas?«

»Oh ja. Ihr Antifaltenserum ist wirklich hervorragend. Nicht dass Sie sich um Falten sorgen müssten – noch nicht.«

Allein das Wort ließ Kerry Anne erschaudern. »Nun, wo kann ich diese Sachen denn kaufen? Wenn sie wirklich so gut sind?«

Nel dachte hastig nach. Kerry Anne war reich und offensichtlich eine Frau, die bereit war, eine Menge Geld für den Erhalt ihrer Schönheit auszugeben. Wenn Nel sie zu Sacha brachte, würde Kerry Anne ein Vermögen ausgeben. Sacha wäre bestimmt begeistert über eine Kundin mit einem so großen Portemonnaie, und ein Besuch bei ihr würde Kerry Anne vielleicht ein wenig weicher machen – und nicht nur an der Oberfläche. Vielleicht würde es ihre Meinung über das Bauvorhaben auf den Feuchtwiesen am Fluss ändern.

»Nun«, sagte Nel, »Sie könnten einfach auf den nächsten Markt warten. Oder nach Bath fahren. Ich glaube, Sacha verkauft ihre Sachen dort …« Sie machte eine aufreizende Pause.

»Oder was?« Zu Nels großer Zufriedenheit begriff Kerry Anne sofort, dass sie eine Alternative in petto hielt.

»Oder Sie können zu ihrem so genannten Fabrikverkauf fahren und sie direkt dort kaufen.« Es überraschte Nel nicht, dass Kerry Annes Augen sich interessiert weiteten. Fast alle Frauen liebten Schnäppchen, und das Wort »Fabrikverkauf« deutete die Möglichkeit eines billigeren Einkaufs an. Nel würde Sacha natürlich vorwarnen und dafür sorgen, dass Kerry Anne doppelt so viel bezahlte wie alle anderen.

»Können Sie mir sagen, wo ich hin muss?«

»Das könnte ich, aber ich bin zu gut erzogen«, murmelte Nel und fuhr dann lauter fort: »Es wäre besser, wenn ich Sie begleite. Es ist ziemlich schwer zu finden. Sie könnten aber auch einfach auf den nächsten Markt warten. Er findet in drei Wochen statt.«

»Ich glaube nicht, dass Pierce den Markt zulassen wird«, erwiderte Kerry Anne. »Wir halten es für besser, wenn die Leute sich an den Gedanken gewöhnen, dass das Gelände ihnen nicht länger zur Verfügung steht.«

»In dem Fall«, sagte Nel liebenswürdig, »kann ich Sie unmöglich zu meiner Freundin bringen. Sie können nicht erwarten, dass sie Sie willkommen heißt, wenn Sie gleichzeitig beabsichtigen, sie von ihrer Haupteinnahmequelle abzuschneiden.«

Kerry Annes Augen wurden schmal. Sie schien hin und her gerissen zu sein zwischen Enttäuschung und dem Wunsch, klarzustellen, dass sie sich nicht erpressen ließ.

»Es wäre nur fair, einen letzten Markt stattfinden zu lassen, finden Sie nicht auch?«, fuhr Nel fort. »Auf diese Weise hätten die Marktverkäufer die Gelegenheit, den Kunden zu sagen, wo sie ihre Produkte sonst noch kaufen können. Schließlich werden Sie nächsten Monat noch nicht hier leben? Wahrscheinlich nicht einmal im nächsten Jahr. Es würde Sie gar nicht betreffen.«

Kerry Anne seufzte. »Wahrscheinlich haben Sie Recht. Ich könnte mit Pierce darüber reden.«

Nel lächelte honigsüß. »Reden« und »befehlen« waren für Kerry Anne offensichtlich austauschbare Vokabeln. »Tun Sie das. Und dann können Sie sich, falls er einverstanden ist, bei mir melden, wenn ich Sie zu dem Haus bringen soll, in dem meine Freundin ihre Produkte herstellt. Man kann es nicht direkt als Fabrik bezeichnen. Ich denke wirklich, dass es Sie interessieren würde.«

Kerry Anne stöberte in ihrer Prada-Tasche und förderte eine Visitenkarte zu Tage. »Hier. Da steht meine Handy-Nummer drauf.«

Nel fand einen abgebrochenen Bleistift und eine zerknitterte Quittung in ihrer Tasche und notierte etwas darauf. »Und hier haben Sie meine Telefonnummer. Versuchen Sie, Pierce zu überreden, ja?«

»Wunderbar, vielen Dank.« Kerry Anne blickte in Nels Korb, in dem unter einigen Päckchen mit Binden die Zahnpasta und das Shampoo begraben waren. »Brauchen Sie all das Zeug immer noch?«

Nels Nackenhaare stellten sich auf. »Oh ja. Ich benutze es, um den Meditationsraum in meinem Haus zu isolieren, damit ich meine Urschreie üben kann.« Sie lächelte schief und ging weiter. Sie wusste nicht, ob die Ironie offensichtlich gewesen war; womöglich würde Kerry Anne sie jetzt nicht nur für uralt, sondern obendrein für eine Hexe halten. Das verflixte Frauenzimmer denkt wahrscheinlich, ich sei um die sechzig. Kein Wunder, dass sie meinte, ich hätte eine schöne Haut. Ich wünschte, ich wäre eine Hexe. Ich würde ihr die Cellulitis auf den Leib hexen.

Als sie etwa zur gleichen Zeit wie Kerry Anne auf die Straße trat, sah Nel zu ihrer Verlegenheit Jake Demerand vor sich. Warum um alles in der Welt tauchte er überall auf, wo sie sich gerade befand? Sie wurde den Mann einfach nicht los. Ärgerlicher noch war die Tatsache, dass er die beiden Frauen entdeckt hatte. Angenommen, Kerry Anne erzählte ihm, was sie gesagt hatte? Dann würde auch er sie für ein verrücktes altes Weib halten.

»Oh, Sie beide haben nähere Bekanntschaft geschlossen?«, fragte er, ein wenig überrascht, aber erfreut.

»Oh ja, Nel will mich zu einem Haus bringen, wo jemand seine eigenen Schönheitsprodukte herstellt. Der Gedanke gefällt mir. Übrigens, nochmal vielen Dank für den Abend, Jake. Ich habe mich großartig amüsiert.«

Jake nahm diese Bemerkung freundlich zur Kenntnis, und Nel verspürte plötzlich eine leise Übelkeit.

»Also, ich muss weiter«, sagte Nel, ohne Jake anzusehen. »Hab noch viel zu tun.«

»Sie bringen mich zu Ihrer Freundin, ja?«, sagte Kerry Anne.

»Wenn Sie es wirklich wollen. Rufen Sie mich an. Jetzt muss ich aber wirklich weiter!« Am unteren Ende der Hauptstraße wäre sie um ein Haar mit Simon zusammengestoßen.

»Nel! Hallo! Du siehst ja so …«

»Was?«, fuhr Nel ihn mit ungewohnter Gereiztheit an. »Wie sehe ich denn aus?«

»Hübsch, finde ich. Du siehst hübsch aus.«

Nel lächelte warm, tätschelte Simons Mantel und ging weiter. »Tut mir Leid, ich hab’s eilig«, rief sie, während sie bereits weiterlief. »Ich muss mit Fleur reden. Wir sehen uns heute Abend.«

Als sie nur zehn Minuten nach Ablauf ihres Parkscheins bei ihrem Wagen ankam, ging ihr plötzlich auf, dass Simon noch nie gesagt hatte, sie sei hübsch. Was um alles in der Welt war über ihn gekommen? Warum sagte er es jetzt?

Kapitel 5

Fleur saß am Küchentisch, einen Becher Tee vor sich, die Ellbogen aufgestützt.

»Hallo, Liebes«, sagte Nel, als sie durch die Gartentür eintrat. »Hast du schon gefrühstückt? Ich habe Croissants mitgebracht.«

Als ganz junge Mutter hatte Nel den Vorsatz gefasst, an jedem Tag zuerst etwas Positives zu ihren Kindern zu sagen. Obwohl es ihr manchmal sehr schwer gefallen war, vor allem wenn die Jungen sich weigerten, rechtzeitig zur Schule aufzustehen, bedeutete es doch, dass die Streitereien erst gut zehn Minuten später begannen. Fleur war über Weihnachten eindeutig ein wenig schreckhaft gewesen, aber da jedes ihrer Kinder Freunde mit nach Hause gebracht hatte, hatte Nel noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihrer Tochter zu reden. Daher freute sie sich über diese Stunde, die sie für sich allein hatten.

»Hm, danke, Mum.«

Dies schien ihr kein günstiger Augenblick zu sein. Fleur war noch nie ein Morgenmensch gewesen, aber heute trat diese Eigenschaft noch deutlicher zu Tage als sonst.

»Müde?«

Fleur nickte.

Nel biss sich auf die Unterlippe. Sie fragte sich oft, ob sie sich als allein erziehende Mutter Sorgen für zwei machte, konnte aber nicht dagegen an. »Du wirst diesen Aufsatz doch fertig schreiben, oder?«

»Mum! Ich hab’s dir doch gesagt! Mach dir keine Sorgen. Ich treffe mich mit Jamie, aber ich werde mich trotzdem um den Aufsatz kümmern, obwohl ich es unfair finde, dass sie uns so kurz vor dem Anfang des neuen Halbjahrs noch einen aufgegeben haben.«

»Deine Prüfungen stehen bevor, und Jamie wohnt in London.«

»Weiß ich. Ich habe nämlich seine Adresse«, fügte sie gereizt hinzu. »Für den Fall, dass du es vergessen hast, ich bin praktisch jedes Wochenende dort.«

Nel überhörte die ironische Bemerkung, wandte sich von ihrer Tochter ab und setzte den Teekessel auf. Sie hatte keineswegs vergessen, dass Fleur alle Wochenenden in London verbrachte, und sie hoffte, dass Fleur ihrerseits ihr festes Versprechen nicht vergessen hatte: dass sie das Haus nicht verlassen würde, bevor der Aufsatz fertig war. Nel war nie die Art von Mutter gewesen, die jetzt hätte sagen können: »Du wirst dieses Haus nicht verlassen, bevor du deinen Aufsatz geschrieben hast, junge Dame! Und komm mir nicht mit frechen Antworten!« Sie hatte ihren Kindern gegenüber schon sehr früh auf Vernunft und Erklärungen gebaut und ihren kritischeren Freundinnen erklärt, dass man eben nur die Art Mutter sein könne, die man war. Man kann nicht so tun, als sei man streng und entschieden, wenn man es nicht ist. Vor allem Simon fand das schwer nachvollziehbar.

»Schätzchen«, begann sie. »Du hast doch versprochen …«

»Ja! Und ich tue es auch! Jetzt hör auf zu meckern …!«

»Wenn du glaubst, das sei Gemecker …!«

»Nein, ich weiß, dass es kein Gemecker ist, aber es ist noch früh am Morgen, und ich bin eben kein Morgenmensch.«

»So früh ist es gar nicht. Ich war schon beim Drucker, um die Flugblätter und die Formulare für unsere Petition in Auftrag zu geben, ich bin einkaufen gewesen und mit den Hunden Gassi gegangen.«

»Aber du bist eine Lerche. Ich bin eine Eule. Nein, Villette, du darfst nicht aufstehen. Ich bin zu müde, um dich zu kraulen. Und du auch nicht, Shirley.« Die Hunde zogen sich in ihren Korb zurück, wo sie sich – gemütlich? – übereinander legten.

Nel küsste ihre Tochter auf die Wange, dann holte sie die Croissants aus der Tüte und schob sie in den Ofen. »Soll ich den Tisch abräumen, damit du hier arbeiten kannst? Oder willst du es in deinem Zimmer machen?«

»Schon gut, Mum, ich mache es im Wohnzimmer.«

»Bei laufendem Fernseher, vermute ich.«

Fleur lächelte. »Stimmt. Haben wir Kirschmarmelade da?«

Nel kramte das gewünschte Glas aus dem Kühlschrank, wohl wissend, dass es nicht Fleurs Hausaufgaben waren, die sie beunruhigten. Irgendwie schaffte sie es am Ende, rechtzeitig fertig zu sein. Auch Jamie war nicht der Grund für ihre Sorgen. Obwohl sie ihn noch nicht kennen gelernt hatte (»Als hätte er Lust, hier rauszukommen, Mum!«), war sie doch halbwegs glücklich mit der Beziehung, nachdem sie einmal mit seiner Mutter telefoniert hatte, als Fleur ihr Handy zu Hause vergessen hatte. Es waren vielmehr Simons Bemerkungen über den Drogenkonsum junger Frauen, die sich wie ein Knoten von Furcht in ihrem Unterbewusstsein zusammengeballt hatten.

Als er das Thema zum ersten Mal angesprochen hatte, hatte sie es als eine der Bemerkungen abgetan, die Simon eben zu machen pflegte. Aber obwohl sie damals beteuert hatte, dass sie es wissen würde, wenn ihre Tochter Drogen nähme, war sie sich dessen gar nicht so sicher. Woher sollte sie es wissen? Wie sollte sie die Warnsignale erkennen, wenn sie keine Ahnung hatte, worin diese Warnsignale bestanden? Wenn es doch nur eine Art Sensor gegeben hätte, den man seinen Kindern an die Stirn kleben könnte und der flackern würde, wenn sie etwas Unzuträgliches konsumierten. Da dies nun mal nicht möglich war, wünschte Nel, ihr ältester Sohn wäre zu Hause gewesen. Er und Fleur standen einander sehr nah, und sie würde ihm vielleicht Dinge erzählen, die sie ihrer Mutter nicht erzählte. Obwohl sie und Fleur eine innige und liebevolle Beziehung hatten, neigten ihre Kinder doch dazu, Nel vor Dingen zu schützen, die ihr Sorgen machen würden.

»Keine Kirschmarmelade. Wie wär’s mit Himbeere?«, sagte Nel schließlich, nachdem sie eine kleine Ansammlung von Gläsern zu Tage gefördert hatte, deren Inhalt unter einem Mikroskop sehr interessant ausgesehen hätte.

»Hauptsache, sie ist rot.« Fleur stand auf. »Bringst du mir die Croissants rüber, wenn sie fertig sind? Ich hole meine Schultasche.«

»Ich verwöhne dich, weißt du das?«

»Ich weiß. Aber du tust es doch gern.«

Als Fleur einige Zeit später den Aufsatz geschrieben, aber noch nicht abgetippt hatte, fuhr Nel sie zur Bushaltestelle.

»Du wirst den Bus zurück am Sonntag nicht verpassen, nein? Du darfst jetzt auf keinen Fall in der Schule fehlen.«

»Mum, habe ich jemals den Bus verpasst?«

»Noch nicht, ich will nur sicher gehen, dass du’s diesmal auch nicht tust. Ich mache mir ein bisschen Sorgen, weil du so viel mit Jamie zusammen bist, obwohl ich ihn noch nicht kenne.«

»Du würdest ihn mögen, Mum, wirklich. Das Problem ist nur, dass hier unten nichts los ist.«

Nel verkniff sich eine Erwähnung der wunderschönen Landschaft, die man durchstreifen konnte, der alten Gebäude, die es zu bewundern gab, und der allgemein wohltuenden Wirkung der Natur. Schließlich war noch Winter.

»Hm, frag ihn, ob er nicht mal zu uns kommen will. Es ist nicht in Ordnung, dass du immer den weiten Weg nach London machst. Er sollte mal ein paar Stunden im Bus sitzen und sein ganzes Taschengeld ausgeben!«

»Ich werd’s ihm vorschlagen, aber ich glaube nicht, dass er Lust hat, herzukommen. Es gibt hier unten keine guten Diskos.«

»Es gibt Diskos in Bristol!« Nel erinnerte sich nur allzu gut an ihre Unruhe, als ihre Söhne angefangen hatten, dort hinzugehen.

»Kein Vergleich mit denen in London. Jetzt mach dir mal keine Sorgen, Mum, ich komme schon klar. Ich kann auf mich selbst aufpassen.«

»Ich hatte eigentlich gehofft, dass Jamie auf dich aufpassen würde.«

»Mum! Du bist ja so was von altmodisch! Übrigens, was macht eigentlich dein Liebesleben?«

»Du meinst Simon?« Nel verstand ihre Tochter absichtlich falsch.

»Nein. Ich meine den Mann, der dich unter dem Mistelzweig geküsst hat.«

»Er ist nicht mein Liebesleben, er hat lediglich unter einer kurzfristigen Verirrung gelitten, und ich habe seither herausgefunden, dass er eine Ausgeburt der Hölle ist. Also, um wie viel Uhr fährt dein Bus?«

Erst auf dem Heimweg ging Nel auf, dass Fleur abermals das Thema gewechselt hatte, um ihre Mutter abzulenken. Sie beschloss, Sam an der Universität anzurufen, etwas, das sie nicht häufig tat.

»Hallo, Mum, was liegt an?«, sagte er, nachdem man ihn an den Apparat geholt und Nel gut fünf Minuten lang verschiedenen Musikstücken gelauscht hatte.

»Es geht um Fleur. Hast du sie in letzter Zeit mal gesehen? In London, meine ich?«

»Hm, sie und ich hören nicht die gleiche Musik, also nein, eher nicht.«

»Aber weißt du denn, welche Diskos sie und Jamie besuchen?«

»Eigentlich nicht. Warum?«

»Ich mache mir nur ein wenig Sorgen um sie. Irgendetwas stimmt da nicht. Ich habe Angst, dass sie vielleicht Drogen nimmt oder so etwas.«

»Oh Mum!«

»Es ist eine vollkommen legitime Sorge. Sie verbringt so viel Zeit in London, und ich bin Jamie noch nie begegnet.«

»Er ist vollkommen in Ordnung«, sagte Sam beschwichtigend.

»Bestimmt. Ich weiß bloß nichts über ihn, und du kennst mich doch, ich mache mir Sorgen.«

»Eine Disziplin, in der du olympiaverdächtige Leistungen aufweist, Mum.«

»Bisher hat mir niemand eine Medaille angeboten. Aber darum geht es nicht. Ich wollte dich bitten, ob du in Erfahrung bringen kannst, wohin sie und Jamie gehen. Und dann möchte ich wissen, ob es sich um die Art von Lokalen handelt, wo man Drogen bekommen kann.«

»Man kann überall Drogen bekommen.«

»Sag so was nicht! Aber manche Lokale sind doch bestimmt schlimmer als andere, meinst du nicht auch?«

»Wahrscheinlich. Wo wir gerade miteinander reden, Mum, du kannst mir nicht vielleicht einen Scheck schicken, oder? Ich habe die Stromrechnung bekommen, und sie ist riesig.«

Nel seufzte. »Geht in Ordnung.«

»Ich zahl’s dir in den Ferien zurück, wenn ich arbeite.«

»Kein Problem. Finde nur für mich heraus, wohin Fleur geht, ja?«

Im Allgemeinen vermied Nel es, mit Simon über irgendwelche Probleme mit ihren Kindern zu sprechen, aber als er sie an diesem Abend zum Essen in einen Pub im Dorf ausführte, brachte sie das Gespräch schließlich doch auf Fleur.

»Ich weiß, ich habe gesagt, dass ich es wissen würde, wenn sie Drogen nähme, aber dann ist mir klar geworden, dass das wahrscheinlich ein Irrtum ist. Die Eltern wissen so etwas nie, jedenfalls nicht in den Fällen, über die man in der Zeitung liest.«

Simon zupfte eine Muschel aus ihrer Schale. »Es wäre einfacher, wenn du ihr verbieten würdest, so viel Zeit in London zu verbringen.«

»Ich weiß, aber Jamie ist dort, und obwohl ich immer wieder vorschlage, dass er uns besuchen könnte, sagt sie, hier unten sei nichts los. Und das ist es wahrscheinlich auch nicht, nicht für junge Leute.«

»Du könntest ihr Hausarrest geben.«

»Nein, könnte ich nicht. Ich bin nie die Art Mutter gewesen, ich kann jetzt nicht damit anfangen. Außerdem habe ich nie gewusst, wie man so etwas macht – ich meine, du sagst den Kindern, dass sie nicht rausgehen dürfen, aber wenn sie dir nicht gehorchen, wie willst du sie dann daran hindern?«

»Du streichst ihr Taschengeld oder so etwas. Andere Eltern schaffen das auch.«

»Ja, aber bei uns ist das anders.« Inzwischen bereute sie es gründlich, dass sie das Thema Fleur und ihr Liebesleben zur Sprache gebracht hatte. »Sind die Muscheln gut?«

»Hervorragend. Wie ist dein Salat?«

»Der ist auch sehr lecker. Hast du etwas Neues über das Bauvorhaben gehört, wie die Pläne aussehen? Dir ist sicher klar, was ich von dir hören will: Dass die Häuser alle birnenförmig werden sollen und dass keine Gemeindeverwaltung auf Erden jemandem erlauben würde, solche Häuser auf die Wiesen zu setzen.«

»Ich fürchte, den Gefallen kann ich dir nicht tun«, sagte Simon, den Mund voller Baguette. »Obwohl ich, um fair zu sein, auch keine gegenteiligen Informationen habe. Solche Dinge brauchen Zeit, selbst nachdem eine Bauplanungserlaubnis erteilt worden ist.«

»Das erleichtert mich.« Nel faltete ein Lollo-Rosso-Blatt zusammen und schob es sich in den Mund. »Das heißt, ich habe jede Menge Zeit, Leute zu mobilisieren.«

»Du wirst vielleicht nicht so viel Unterstützung bekommen, wie du denkst. Außerdem ist es sowieso unwahrscheinlich, dass das Ganze irgendetwas nutzen wird. Die Gemeinden müssen ein gewisses Kontingent an Neubauten erfüllen. Sie werden nichts ablehnen, was auch nur annähernd annehmbar ist.«

»Ich bin ja nicht gegen Häuser im Allgemeinen, nur gegen Häuser auf den Wiesen am Fluss! Abgesehen von dem Hospiz ist das Gelände so ein wunderbares Erholungsgebiet. Und dann wäre da noch die Natur.«

»Das mag sein, aber Menschen brauchen nun mal Häuser, und unterm Strich sind Menschen wichtiger als Wassermolche und Frösche.«

»Das wissen wir nicht«, erwiderte Nel, die schon zwei Gläser Wein getrunken hatte. »Wir wissen nicht, ob nicht Wassermolche und Frösche vielleicht alles sind, was zwischen uns und der totalen Ausrottung allen Lebens steht.«

Simon zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ich denke, das wissen wir durchaus, Nel.«

»Trotzdem, ich kann nicht einfach daneben stehen und zusehen. Selbst wenn ich scheitere, muss ich mein Möglichstes versuchen, sonst hätte ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Häuser sehe.«

»Du hast wegen zu vieler Dinge ein schlechtes Gewissen, weißt du das?«

»So sind Frauen eben. Das hängt mit dem Östrogen zusammen.«

»Du bist manchmal ein komisches kleines Ding, Nelly.«

Es gab Gelegenheiten, bei denen Nel sich ganz gern ein komisches kleines Ding nennen ließ, aber jetzt – wahrscheinlich weil sie sich Sorgen machte – wäre es ihr lieber gewesen, Simon hätte ihr erklärt, dass sie stark und unabhängig sei und Berge versetzen könne, wenn sie es wollte.

»Nimmst du Nachtisch?«, fragte sie.

»Was, nach meinem Steak? Ich glaube nicht. Warum?«

»Ich hätte nur gern etwas davon abgehabt, das ist alles.«

»Warum nimmst du nicht selbst einen Nachtisch?«

»Weil ich keine ganze Portion möchte.« Nel wünschte plötzlich, sie hätte sich ihr Essen nicht mit dem Gedanken an ihre Diät ausgesucht. Sie hatte Heißhunger auf einen Löffel klebrigen Karamellpudding oder Banoffietorte. In gewisser Hinsicht war Simon ein unbefriedigender Gefährte beim Essen. Er wusste es einfach nicht genug zu schätzen.

Es war eine Woche später, und Nel war gerade vom letzten Abendspaziergang mit den Hunden nach Hause gekommen, als Sam anrief. »Ich habe deinen Spionageauftrag erfüllt, Mum.«

»Spionage? Ich dachte, du beschäftigst dich mit Medienstudien?«

»Dummerchen. Nein, ich habe in Erfahrung gebracht, wo Fleur und Jamie abhängen. Es ist eine Disko namens Chill. Die Musik da ist aber gar nicht mein Ding.«

»Die Musik interessiert mich nicht, was ist mit den Drogen?«

»Ich hab dir doch schon gesagt, die Drogen sind so ziemlich überall gleich.«

»Verflixtes Kind! Ich meine, ist das Chill in dieser Hinsicht besonders schlimm? Nimmt jeder Drogen, der dort hingeht?«

»Mum, wenn du glaubst, dass Fleur Drogen nimmt, warum fragst du sie nicht einfach?«

»Wenn sie es nicht tut, wäre sie furchtbar gekränkt, und ich wäre am Boden zerstört, wenn sie es täte. Außerdem würde sie es mir vielleicht nicht erzählen. Ich würde es lieber zuerst selbst rausfinden und dann entscheiden, wie ich damit umgehe.«

»Das liegt bei dir. Gib mir Bescheid, wenn ich dich begleiten soll oder so etwas«, sagte Sam geduldig.

»Wohin würdest du mich begleiten?«

»In die Disko. Wenn du dort hingehen willst, wirst du es sicher nicht allein tun wollen.«

»Oh Gott! Darüber habe ich ja überhaupt nicht nachgedacht!«

»Ich glaube wirklich, dass du dir unnötig Sorgen machst, Mum.«

»Aber das glaubst du immer.«

»Und in neunundneunzig von hundert Fällen habe ich Recht. Aber ich sage dir was, ich höre mich mal um, und wenn mir irgendetwas zu Ohren kommen sollte, von dem ich denke, dass du es wissen müsstest, sage ich es dir. In Ordnung?«

»Hauptsache, du und ich, wir haben die gleichen Vorstellungen davon, was ich wissen sollte und was nicht.«

»Mum, du redest Unsinn.«

»Oh, na schön. Ich werde versuchen, mir keine allzu großen Sorgen zu machen.«

Nel wusste nicht, ob sie sich zu viele Sorgen machte oder nicht – Tatsache war, dass sie sich welche machte, während sie in der Küche herumwerkelte. Obwohl sie gern mit ihren heranwachsenden Kindern zusammen war, sehnte sie sich doch ein wenig nach den Tagen, da sie noch jederzeit gewusst hatte, wo sie waren. Fleur war bei Jamie in London; sie würde sie erst Sonntagabend wiedersehen, und das wäre dann gewiss kein guter Zeitpunkt, um sie zu fragen, ob sie Drogen nimmt. Montagmorgen würde nicht besser sein, eher noch schlimmer. Vivian würde mit Fleur sprechen, wenn sie sie darum bat, aber Fleur würde fuchsteufelswild sein. So sehr sie Vivian auch liebte, würde es ihr mit Sicherheit zutiefst missfallen, wenn Vivian zum Abendessen vorbeikäme und Fleur dann erzählte, dass ihre Mutter sich um sie sorgte – auf diese Weise würde ein Vertrauen, das etwas Besonderes war, zerstört werden. Ebenso wenig konnte sie Jamies Mutter in die Sache hineinziehen. Fleur würde ihr nie verzeihen, wenn sie Jamies Eltern anrief und zu erfahren verlangte, ob ihr Sohn einen schlechten Einfluss auf ihre Tochter ausübe. Nein, sie würde dieses Problem allein lösen müssen.

Sie hatte gerade die Spülmaschine eingeschaltet, als das Telefon noch einmal klingelte.

»Tut mir Leid, dass ich so bald wieder anrufe, Mum«, sagte Sam. »Liegst du schon im Bett?«

»Ich war gerade auf dem Weg. Was ist los?«

»Mir sind gerade ein paar Gerüchte über das Chill zu Ohren gekommen. Ich glaube, da ist doch vielleicht ein wenig mehr los als in den meisten anderen Diskos.«

Obwohl sich Schweißperlen auf Nels Haaransatz gebildet hatten, bemühte sie sich um einen ruhigen Tonfall. »Aber das heißt nicht, dass Fleur und Jamie dabei mitmachen.«

»Nein, das heißt es nicht. Aber wenn du willst, dass ich dich begleite, um Näheres in Erfahrung zu bringen, tue ich das. Nur nicht nächstes Wochenende. Angela hat mich zu ihren Eltern eingeladen.«

»Wer ist Angela?«

»Neue Freundin. Aber das Wochenende danach würde gehen.«

Nel konnte auf keinen Fall geschlagene vierzehn Tage warten, bevor sie herausfand, ob Fleur gefährliche Substanzen konsumierte. »Nein, schon gut. Ich kümmere mich darum.«

»Bist du dir sicher, Mum?«

»Natürlich. Schließlich ist sie meine Tochter. Außerdem findet in London ein Bauernmarkt statt, den ich sehen möchte, und zwar in dieser Woche. Ich werde hingehen und dann bleiben.«

»Wenn du wirklich meinst, dass du klarkommst …«

»Ehrlich!«

In der kommenden Woche war Nel vollauf damit beschäftigt, Anträge für die offizielle Einrichtung des Bauernmarktes zu verteilen und jeden Laden und jedes Büro in der Stadt – ganz zu schweigen von jeder Grundschule, jedem Kindergarten und jeder Spielgruppe – zu fragen, ob sie ein Petitionsformular für den Protest gegen die Baupläne haben wollten. Dennoch fand Nel immer wieder Zeit, Fleur ins Verhör zu nehmen. Es musste ein sehr subtiles Verhör sein, und Nel fand, dass sie ihre Sache gut machte. Fleur war anderer Meinung.

»Mum, wenn du wissen willst, ob ich Drogen nehme, warum fragst du mich nicht einfach?«

»Und?«

»Es geht dich nichts an. Ich bin fast achtzehn!«

»Und du wirst definitiv dieses Wochenende zu Jamie fahren?«

»Ja! Und das Wochenende danach bin ich, wie du weißt, bei Hannah. Sie wird achtzehn.«

Das war zumindest ein Samstagabend, an dem Nel sich keine Sorgen um sie zu machen brauchte. Hannahs Mutter war berüchtigt für ihre Strenge und gab Nel immer das Gefühl, eine unzulängliche Mutter zu sein. Aber wenn Hannahs Mutter damit durchkam, dass sie von ihren Kindern verlangte, jeden Samstagabend bis elf zu Hause zu sein, konnte Nel nur dankbar dafür sein.

»Also«, sagte Fleur, »wenn du mit deinem Verhör fertig bist, gehe ich jetzt ins Bett! Ich habe morgen Früh Schule!«

All diese Ausweichmanöver waren so untypisch für Fleur, dass Nel wusste, was sie am nächsten Samstagabend tun würde; sie würde eine Runde durch die Diskos machen.

Am Donnerstagabend rief sie Simon an, um ihn zu bitten, mit ihr zu gehen. Sie hatte versucht, es zu vermeiden, aber all ihre anderen potenziellen Opfer hatten triftige Gründe, warum sie sie nicht begleiten konnten.

Vivian hätte es getan, aber sie musste am Sonntagmorgen früh aufstehen, daher hatte Nel ihr Angebot abgeschlagen. »Außerdem, wer wird sich um meine Tiere kümmern, wenn wir beide weg sind?«, hatte sie hinzugefügt.

Nel und Vivian hatten in dieser Hinsicht eine auf Gegenseitigkeit basierende Vereinbarung. »Aber ich würde schrecklich gern ein andermal hinfahren; wir könnten Simon als Hundesitter engagieren. Bist du dir wirklich sicher, dass du nicht stattdessen nächste Woche Samstag hinfahren kannst? Wir könnten bei meiner Freundin aus dem College wohnen. Das wäre ein Spaß!«

»Klingt reizvoll, aber nächstes Wochenende ist Fleur bei Hannah. Sie wird achtzehn.«

»Hannah mit der Furcht erregenden Mutter? Oh, Mist.«

»Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich so eine amüsante Gesellschafterin abgäbe, wenn ich Fleur nachspioniere, während ihr beide durch die Kneipen zieht.«

»Stimmt. Was ist mit Sam, oder wäre ihm das Ganze zu peinlich?«

»Sam ist nichts peinlich, aber die Eltern seiner Freundin haben ihn übers Wochenende eingeladen.«

»Ich wusste gar nicht, dass er eine Freundin hat.«

»Ich auch nicht«, antwortete Nel mit einem Stoßseufzer.

»Dann wirst du also Simon bitten, dich zu begleiten?«

»Ja.«

Vivian machte eine taktvolle Pause, bevor sie fragte: »Bist du sicher, dass Simon auf Diskos steht?«

»Das spielt keine Rolle! Ich mache mir Sorgen um Fleur; ich will mich nicht amüsieren.«

»Dann ist Simon der perfekte Begleiter. Wo werdet ihr wohnen?« Vivian überspielte diesen kleinen Seitenhieb.

»Simon hat Freunde in London, bei denen wir sicher unterkommen können. Wir haben bei ihnen übernachtet, als er mich neulich ins Theater ausgeführt hat.«

»Oh ja, als ich fand, er hätte dich in ein fabelhaftes Hotel führen sollen.«

»So ist es nicht zwischen uns! Außerdem muss ich jetzt Schluss machen. Ich habe Simon nämlich noch gar nicht gefragt.«

»Mach dir keine allzu großen Sorgen um Fleur – sie ist ein vernünftiges Mädchen.«

»Das weiß ich doch, aber ich bekomme es einfach nicht aus dem Kopf. Trotzdem, so schlimm ist es gar nicht! Ich habe ganz vergessen, dir zu erzählen, dass ich zwei Pfund abgenommen hatte, als ich das letzte Mal bei den Weight Watchers war!«

»Zwei Pfund! Das ist doch gar nichts! Es hat keinen Sinn, dich zu Tode zu hungern, um zwei Pfund abzunehmen.«

»Das ist eine Tüte Zucker, und das ist nicht nichts. Jetzt muss ich aber wirklich Simon anrufen. Ich weiß, dass er nicht ideal ist, aber er ist alles, was ich habe.«

Ein paar Sekunden später wurde Nel jedoch bewusst, dass sie Simon keineswegs hatte. Er weigerte sich, mit ihr zu fahren.

»Ich finde es lächerlich, dass du nach London hetzt, um festzustellen, ob Fleur Drogen nimmt. Wenn du dir Sorgen machst, solltest du ihr einfach verbieten, nach London zu fahren.«

»Ich will einen Bauernmarkt besuchen!«

»Also ehrlich, wie kann man in London einen Bauernmarkt abhalten? Dort gibt es überhaupt keine Bauernhöfe!«

»Die Produkte müssen aus der Nähe stammen; alles, was in einem Umkreis von hundert Meilen um die M25 erzeugt wird, darf auf dem Markt verkauft werden. Die Sachen sind sehr beliebt. Die Leute kaufen gern direkt vom Erzeuger.«

»Du brauchst nicht nach London zu fahren, um das herauszufinden, aber ich mache dir keine Vorwürfe, dass du dich um Fleur sorgst. Neulich stand wieder ein Artikel in der Zeitung; ein törichtes junges Mädchen hatte an seinem Geburtstag Ecstasy genommen und ist daran gestorben.«

»Pst …«, zischte Nel. Sie las keine Zeitungen, mit Ausnahme der Lifestylespalten und des Kreuzworträtsels, und es war ihr gelungen, bei den Nachrichten, die sie im Radio gehört hatte, nicht allzu viele Einzelheiten über das fragliche Mädchen aufzunehmen. Sie brauchte Simon nicht, um sie daran zu erinnern.

»Bitte, Simon. Ich bitte dich, mich zu begleiten, mir zuliebe.«

»Und ich sage dir zuliebe nein. Ich finde nicht, dass du nach London fahren solltest. Du verbringst viel zu viel Zeit damit, deinen Kindern nachzulaufen, obwohl sie gar keine Kinder mehr sind.«

»Also, obwohl ich dich darum bitte, dich sogar anflehe, mich zu begleiten, willst du nicht mitkommen?«

»Nein.«

»Schön.«

»Nel, nimm es nicht persönlich …«

Da sie nicht wusste, wie sie es sonst nehmen sollte, legte Nel auf.

Nel ließ die Hunde nachts nicht gern allein im Haus, aber Vivian hatte versprochen, herzukommen und noch einmal nach ihnen zu sehen, daher würde es ihnen wohl an nichts fehlen. Am Samstagmorgen fütterte sie sie, ging mit ihnen Gassi und gab ihnen Schweineohren zum Kauen, dann nahm sie den Frühzug nach London. Wenn sie zu einer annehmbareren Zeit gefahren wäre, wäre der Bauernmarkt vorüber gewesen, bis sie dort ankam.

Es war immer eine heikle Sache, sich auf dem Land für zwei verschiedene Vorhaben in der Stadt anzuziehen, befand Nel. Sie wünschte, Vivian hätte sie begleitet. Dann hätte es vielleicht sogar Spaß machen können. Wie die Dinge lagen, wählte sie schließlich eine schwarze Hose, ein kleines schwarzes Top, einen Pullover mit V-Ausschnitt, der ebenfalls schwarz war, und eine bequeme Jacke, die lang genug war, um ihre Hüften zu bedecken. Dann zog sie einen Wintermantel an, der Marc gehört hatte. Er war ausgesprochen schwer, aber auch ausgesprochen warm. Sie entschied sich für ihn, für den Fall, dass sie den letzten Zug nach Hause verpasste und auf einer Bank schlafen musste: Der Mantel würde eine Art Zelt abgeben. Außerdem trug sie gern etwas von Marc – Socken, einen Pullover, ein T-Shirt –, wenn sie etwas Beängstigendes tat, das die Kinder betraf. Auf diese Weise konnte sie sich vorstellen, dass sie als allein erziehende Mutter nicht so ganz allein dastand. Ein fuchsienfarbener Pashmina über dem Top würde ihre Aufmachung tagsüber ein wenig passender erscheinen lassen als unbarmherziges Schwarz.

Als sie zwölf Stunden später mit der U-Bahn von Notting Hill Gate zum Oxford Circus gefahren und Sams Wegbeschreibung zur Disko gefolgt war, war es eine ziemlich ernüchternde Erfahrung, vor verschlossenen Türen zu stehen. Ihre Füße brachten sie um; sie war den ganzen Tag unterwegs gewesen, und obwohl der Besuch auf dem Markt faszinierend und äußerst nützlich gewesen war, hatte das Unternehmen sie doch sehr angestrengt.

Als der Markt vorüber war, hatte sie den größten Teil des Nachmittags in Kunstgalerien verbracht. Dann war sie in ein kleines Programmkino gegangen und hatte dort einen sehr intellektuellen Schwarz-Weiß-Film verschlafen. Aber sie hatte den Mittagsschlaf dringender gebraucht als eine Verbesserung ihrer Kenntnisse über den Spanischen Bürgerkrieg, betrachtet durch die Augen eines blinden Kindes und seiner Großmutter.

Jetzt, nach einer Tasse starkem Kaffee, war sie endlich am richtigen Ort angelangt, und es war alles verschlossen. Ein Plakat an der Tür besagte, dass die Disko nicht vor zehn Uhr öffnete! Sie wusste, dass in London alles sehr viel später anfing, aber zehn Uhr! Kein Wunder, dass Fleur immer so müde war.

Als ihr der Gedanke kam, Fleur könne sie vor dem Gebäude herumlungern sehen, ging Nel die Seitenstraße hinunter, in der sie sich befand, und suchte nach Schaufenstern. Es gab keine. Es gab überhaupt nichts, was sie hätte tun können. Sie konnte nur darauf warten, dass die Disko öffnete, und da sich keine Schlange bildete, vermutete sie, dass das noch eine Weile dauern würde.

Sie machte sich auf den Weg in Richtung Oxford Street; dort waren zumindest Geschäfte. Sie war eine weitere Nebenstraße hinuntergegangen, in der wenigstens schöne Schuhe zu sehen waren, als plötzlich ein Taxi hinter ihr bremste. Ein Blick sagte ihr, dass es voller Männer war, und sie wandte sich hastig wieder etwas Rosafarbenem mit einem seltsam geformten Absatz zu. Einer der Männer stieg aus und sagte ihren Namen.

Es war Jake. »Nel? Was machen Sie denn hier?«

Nel schluckte vor Schreck und Verwirrung. Was tat er hier, dass er einfach so aus dem Nichts vor ihr auftauchte? Es war noch unheimlicher als der Film. Da sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen, zuckte sie die Achseln. Hätte sie sich auf vertrauterem Territorium befunden, hätte sie eine lebhaftere Antwort gegeben. »Ich lungere nur ein wenig herum.«

»Warum?«

»Das geht Sie nichts an. Steigen Sie wieder in Ihr Taxi, Ihre Freunde warten.« Sie wollte auf keinen Fall sein Mitleid erregen.

»Nicht bevor ich herausgefunden habe, warum Sie so spät am Abend auf der Oxford Street herumlungern.«

»Ich warte darauf, dass die Diskos aufmachen.« Sie lächelte. Trotz ihrer Nervosität fand sie das Ganze dennoch komisch.

»Warum?«

»Damit ich hineingehen kann natürlich.«

Jake runzelte die Stirn und drehte sich nach dem wartenden Taxi um. »Hören Sie, wir können hier nicht reden. Kommen Sie mit.«

»Nein! Machen Sie sich nicht lächerlich! Sie sind mit Ihren Freunden zusammen, und warum sollte ich Sie begleiten?«

»Weil ich Sie nicht hier auf der Straße stehen lassen kann.«

»Doch, können Sie wohl. Ich bin eine freie Frau und über einundzwanzig. Was kann mir schon zustoßen?«

»Ihnen würde ich alles zutrauen. Rutscht rüber, Jungs, wir haben noch einen Fahrgast.«

»Aber …«

»Zwingen Sie mich nicht, Sie ins Taxi zu zerren. Normalerweise brauche ich mich nicht derart ins Zeug zu legen, und mein Ruf würde sich nie davon erholen.«

Nel zögerte.

»Bitte?«

Dann lachte Nel – verhängnisvoll, wenn man versucht, einem Angebot zu widerstehen, das man im Grunde gern annehmen würde, wie zum Beispiel zu einem bekannten, wenn nicht sogar freundlichen Menschen ins Taxi zu steigen, statt auf einer Londoner Straße herumzulungern und eine Ein-Frau-Drogen-Razzia zu planen. »Oh, also gut.«

Einer von Jakes Begleitern rutschte zu einem anderen auf den Notsitz, sodass auf der Rückbank beinahe genug Platz für Nel und ihren Mantel war. Schon bevor Jake ihr folgte, hatten vier Männer in dem Wagen gesessen. Es war ein ziemliches Gedränge.

»Wir nehmen Sie mit ins Restaurant«, erklärte Jake. »Dann machen wir eine Tour durch die Diskos. Alle mal herhören, das ist Nel Innes. Sie will einen Kneipenbummel machen, und es ist noch zu früh, daher wird sie mit uns essen. In Ordnung?«

»Jake, ich kann mich unmöglich so aufdrängen!«

»Doch, das können Sie«, sagte einer der anderen Männer, die, nachdem Nel sie nun besser sehen konnte, alle schrecklich jung zu sein schienen. »Wir bekommen Jakes Herzensdame nicht oft zu sehen.«

Nel kicherte nervös. »Ich bin nicht Jakes Herzensdame! Ich bin nur jemand vom Land, den er zufällig kennt.«

»Kommen Sie, ich stelle Sie den anderen vor«, sagte Jake.

Nel wurde sofort klar, dass sie, da die Männer alle die gleiche Frisur hatten und sehr ähnlich gekleidet waren, keine Chance hatte, sich ihre Namen zu merken, bevor sie sie ein wenig näher kennen lernte.

»Das ist eine Art Arbeitsessen«, erklärte Jake. »Wir machen das normalerweise nicht samstagabends, aber da keiner hier im Augenblick eine Freundin hat, haben wir uns für heute verabredet. Wir werden zuerst etwas essen und dann irgendwo hingehen.«

»Um einen draufzumachen?«, fragte Nel ernsthaft.

Der junge Mann ihr gegenüber nickte. »Genau.«

»Ich werde Ihnen nicht im Weg sein. Ich habe mein eigenes Programm.«

»Da sind wir schon bei Luigi«, sagte jemand, als das Taxi an den Straßenrand fuhr. »Das Taxi bezahlt die Firma, nicht wahr?«

Kapitel 6

Die Männer in Jakes Begleitung waren ausgesprochen nett zu ihr, fand Nel.

»Geben Sie mir Ihren Mantel«, sagte einer. »Mein Gott! Der wiegt ja eine Tonne!«

»Er hat meinem Mann gehört und davor seinem Vater, er ist also uralt, aber sehr warm.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Jake lebhaft, als er ihn für sie an die Garderobe hängte.

Die Männer waren in dem Restaurant offensichtlich gut bekannt. »Ciao, ragazzi!«, sagte der Oberkellner. »Oh, Sie bringen eine Dame mit. Nett!«

Nel versuchte, ihr Lächeln der Stimmung ihrer Begleiter anzupassen. »Hallo.«

»Sie gehört zu Jake, Luigi«, sagte einer der Männer, die, wie Nel sich immer wieder ins Gedächtnis rufen musste, nicht als Jungen bezeichnet werden konnten.

»Ach ja?« Luigi musterte Nel kritisch, aber anerkennend. Nel hätte sich gekränkt fühlen können, tat es aber aus irgendeinem Grund nicht.

Luigi zog den Tisch von einer Eckbank ab, und Nel zwängte sich durch die Lücke, um Platz zu nehmen.

»Jetzt lasst uns um Himmels willen ein paar Drinks bestellen«, sagte Jake. »Nel, nehmen Sie einen Brandy Alexander, der wird Ihnen gut tun.«

»Was ist das?«

»Nehmen Sie ihn einfach«, sagte Jake ungehalten. »Und wir nehmen die gewohnte Anzahl von Bieren, etwas Wasser und eine Flasche Rotwein. Alle Mann einverstanden?«

Ihrem Gesichtsausdruck nach waren »alle Mann« ziemlich überrascht von Jakes Schroffheit.

»Du bist der Boss«, sagte einer.

»Das reicht, Dan. Und jetzt sollten wir uns endlich setzen.«

»Ich bin dafür, dass wir uns noch einmal vorstellen«, sagte Dan, »sonst hat Nel keine Chance, sich all unsere Namen zu merken.«

»Sie braucht sich eure Namen nicht zu merken«, blaffte Jake ihn an.

»Doch, braucht sie wohl«, widersprach Nel. »Ich bin zwar ein hoffnungsloser Fall, was das betrifft, aber es ist eine gute Übung. Außerdem kann ich sie nicht alle mit ›Sie da‹ anreden.«

»Also schön«, ergriff Dan die Initiative. »Wir arbeiten alle zusammen. Ich bin Dan, das ist Nathan, Paul und Jezz. Und wir sitzen alle an einem Samstagabend ohne Date da, deshalb haben wir beschlossen, zusammen auszugehen.«

»Einen draufmachen, wie Sie es nannten«, bemerkte einer, wahrscheinlich Paul.

Nel beschloss, diesen Einwurf zu überhören. »Und ich bin Nel.«

»Das wissen wir«, antwortete Dan. »Sie sind nur eine, daher ist es für uns nicht schwierig, uns Ihren Namen zu merken.«

»Ich gehe zum Klo«, erklärte Jake und stand auf.

»Also, das ist ja ein Knüller«, sagte Dan, als Jake weg war. »Wir wussten nicht, dass Jake eine Freundin auf dem Land hat.«

»Oh, ich bin nicht seine Freundin! Gott bewahre! Ich meine, er ist bestimmt schrecklich nett und so weiter, aber …«

»Aber was?«

»Es ist purer Zufall, dass wir uns heute Abend begegnet sind.«

»Das wissen wir«, warf der Mann neben ihr – Jezz? – ein. »Aber wenn Sie nur eine Bekannte wären, wäre er nicht so aus dem Häuschen gewesen, als er Sie gesehen hat, oder?«

»Ich weiß nicht, wie aufgeregt er war, aber eigentlich sind wir Gegner. Er vertritt die Hunstantons …«

»Und Sie sind diejenige, die Einspruch erhoben hat? Jetzt verstehe ich alles.«

»Also«, fuhr Nel fort, die es sich nicht verkneifen konnte, auf den Busch zu klopfen, »also brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, dass er seine Freundin in London betrügt.«

»Hat er eine Freundin in London?«, fragte Paul. »Die hat er uns verschwiegen!«

»Natürlich hat er keine«, sagte Dan. »Wenn er eine hätte, wüssten wir es.« Dan wandte sich zu Nel um. »Jake ist vor ungefähr drei Jahren geschieden worden. Seither hat er keinerlei Interesse an einer anderen Frau gezeigt.«

»Gebranntes Kind scheut das Feuer, schätze ich«, sagte Nel.

»Was ist mit Ihnen? Sind Sie verheiratet? Geschieden?«

»Verwitwet, wenn Sie es wissen wollen, aber nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung.« Nel hatte nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass Jakes Londoner Kollegen sich allzu sehr für sein Privatleben interessierten.

»Warum nicht?«, fragte der mit dem ganz kurzen Haar und dem glänzenden Gesicht, von dem Nel vermutete, dass es Nathan sein müsse.

»Das geht dich nichts an, Paul«, sagte Jake, der gerade wieder an ihren Tisch getreten war. »Ich muss mich für meine Kollegen entschuldigen, Nel. Sie sind schlimmer als ein Haufen Mädchen; sie wollen jeden unter die Haube bringen. Habt ihr alle bestellt?«

»Nein!«, antworteten sie im Chor.

Nel begann sich zu amüsieren. In Gesellschaft dieser freundlichen, unterhaltsamen Männer vergaß sie beinahe, warum sie überhaupt nach London gekommen war.

»Für Anwälte sind Sie alle ziemlich locker«, bemerkte sie.

»Soll das eine Beschwerde sein?«, erkundigte sich Dan.

»Ganz bestimmt nicht, ich hatte nur nicht mit so viel Fröhlichkeit gerechnet. Ich hätte gedacht, Sie verbringen Ihre Freizeit damit, über die Finessen des Gesetzes zu diskutieren.«

Das schallende Gelächter, das diese Bemerkung nach sich zog, hätte unfreundlich wirken können, wäre Nel nicht daran gewöhnt gewesen, von ihren Kindern ausgelacht zu werden, und durchaus im Stande, wohlmeinende Erheiterung zu erkennen.

»Ich fürchte, Rechtsanwälte sind genauso schlimm wie alle anderen auch«, sagte Jake.

Nel musterte ihn. »Und in manchen Fällen noch schlimmer.«

Der Augenblick des Schweigens wurde hastig von einem anderen Scherz überbrückt, aber Nel wünschte trotzdem, sie hätte sich diese Bemerkung verkniffen. Sie war unpassend. Jakes Einstellung zu dem Bauvorhaben und zu ihren ziemlich fruchtlosen Versuchen, dagegen zu protestieren, mochten ihr noch so sehr missfallen, im Augenblick war er nett zu ihr: Die Schroffheit war verschwunden, und er erwies sich als ebenso unterhaltsam wie seine Kollegen.

Sie konnte die Bemerkung nicht einfach im Raum stehen lassen. Sie legte eine Hand auf seine, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Ich habe das nicht ganz so gemeint, wie es klang.«

Er drückte kaum merklich ihre Finger, um ihre Entschuldigung anzunehmen, und der peinliche Augenblick war vorüber.

Jake lachte nicht ganz so viel wie seine Kollegen. Sie waren jünger als er, aber Nel gewann den Eindruck, dass er normalerweise ein wenig lebhafter war als jetzt. Es lag an ihrer Anwesenheit, wurde ihr klar. Sie hatte ihm den Abend verdorben. Sie beschloss, sich nicht zum Bleiben überreden zu lassen und zu gehen, sobald sie eine Tasse Kaffee getrunken hatte. Sie konnte mit dem Taxi zurück zur Disko fahren.

»Wer ist für Nachtisch?«, sagte Dan. »Nel, probieren Sie die Zabaglione, die ist zum Sterben gut.«

»Ich denke, ich sollte mich langsam …«

»Setzen Sie sich«, sagte Jake entschieden. »Essen Sie noch einen Nachtisch. Und was die Zabaglione betrifft, hat Dan Recht. Sie macht nicht einmal dick.«

Nel funkelte ihn an, mit einer Mischung aus Entsetzen und Zorn. »Woher wissen Sie das?«

»Sie kann nicht dick machen, sie besteht praktisch aus Luft. Außerdem«, Jake legte seine Hand auf ihre, »außerdem ist es noch viel zu früh, um ins Chill zu gehen.«

»Wollen Sie ins Chill?«, fragte Paul. »Kommen Sie lieber mit uns. Wir gehen runter in die Billardhalle. Die Drinks kann man vergessen, aber die Musik ist große Klasse.«

Nel musste wider Willen lachen. Ein Brandy Alexander und zwei Gläser Rotwein hatten ihrer Sorge die Spitze genommen. »Ich will keine Kneipentour machen«, erklärte sie fest. »Ich will feststellen, was meine Tochter dort tut.«

»Ist sie hübsch?«

»Sehr«, sagte Nel. »Finde ich wenigstens.«

»Sie ist sehr hübsch«, sagte Jake.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie sie kennen gelernt haben.«

»Habe ich auch nicht, aber ich habe sie neulich auf dem Markt gesehen. Ich habe sie ohne weiteres erkannt, sie sieht genauso aus wie ihre Mutter.«

Nel wurde klar, dass in diesen Worten irgendwo ein Kompliment steckte, aber sie konnte es nicht annehmen. »Das tut sie nicht. Sie ist blond und blauäugig, und ich bin … das nicht.«

»Sie sehen sich trotzdem ähnlich. Irgendetwas an den Augen.«

Nel seufzte. Sie konnte die Ähnlichkeit einfach nicht erkennen.

»Also, eine Zabaglione für alle?«

»Für mich nicht, wirklich nicht«, sagte Nel. Sie hatte eine Visakarte bei sich und eine gewisse Menge Bargeld, aber sie wollte nicht alles für ihren Anteil am Essen ausgeben.

»Dann also nur für die Jungs, danke, Luigi«, sagte Dan.

»Wenn es immer noch zu früh ist, um wie viel Uhr kann ich dann in der Disko auftauchen?«, fragte Nel.

»Frühestens um Mitternacht«, erklärte Paul.

»Gütiger Gott!«

»Geht sie noch zur Schule?«

»Ja. Kurz vor dem Abitur.«

»Ich habe nie im Leben so hart gearbeitet wie für mein Abitur, weder vorher noch nachher«, bemerkte einer der Männer.

»Ich auch nicht. Die mittlere Reife war der reinste Spaziergang. Das Abi war grauenhaft.«

»Ihre Eltern müssen sehr stolz auf Sie sein.« Nel war plötzlich ganz mütterlich zu Mute, ein Gefühl, das sie den ganzen Abend über nicht gehabt hatte.

»Ja, wahrscheinlich. Sie waren begeistert, als ich gute Noten nach Hause brachte. Haben Sie abgesehen von Ihrer Tochter noch weitere Kinder?«

»Ja, zwei Söhne auf der Universität. Einer studiert in London, und er wäre mit mir in die Disko gegangen, aber er konnte nicht.«

»Sie sehen nicht alt genug aus, um Kinder auf der Universität zu haben«, sagte Paul.

Nel lächelte auf eine Art und Weise, die vollkommen klar machte, dass sie wusste, dass man ihr ein Kompliment machte, und dass sie es nicht glaubte. »Vielen Dank. Außerdem bin ich Maienkönigin.«

»Nein, wirklich«, beharrte Dan. »Findest du nicht auch, Jake?«

Jake antwortete nicht sofort. »Ich finde, dass Nel eine sehr attraktive Frau ist. Alter hat damit nichts zu tun.«

Zum Glück für Nel, die vollkommen sprachlos war, kam in diesem Augenblick der Nachtisch. Hohe Gläser voller goldenem Schaum wurden vor sämtliche Männer hingestellt.

»Sind Sie sicher, dass Sie Ihre Meinung nicht doch noch ändern wollen?«, fragte Dan.

»Ganz sicher. Aber es sieht himmlisch aus.«

»Hier.« Jake reichte ihr seinen Löffel über den Tisch. »Probieren Sie mal.« Er schob ihr den Löffel in den Mund, und obwohl sie sich in einem überfüllten Raum befanden, an einem Tisch voller lachender Menschen, fand Nel die Geste plötzlich seltsam intim, als sei es etwas, das er nicht in der Öffentlichkeit hätte tun sollen.

»Es ist köstlich«, sagte sie. Und das war es: warm, duftig und alkoholhaltig.

»Nehmen Sie noch einen Löffel«, sagte Jake.

Sie öffnete den Mund, um abzulehnen, und abermals wurde ihr der Löffel zwischen die Lippen geschoben. »Wirklich, das reicht jetzt«, sagte sie, nachdem sie geschluckt hatte.

Jake sah ihr ernst in die Augen. »Dann gehen wir jetzt zum Kaffee über.«

Nel trank nicht oft Kaffee, aber als die anderen bestellten, nickte sie. Wenn ihre Erfahrungen in Sachen Nachtleben erst nach Mitternacht beginnen sollten, würde sie ein wenig nervöse Energie brauchen.

»Grappa?«

»Bitte?« Nel konnte einfach nicht anders, als mit Dan zu flirten. Er war so ungefährlich und freundlich.

Er erwiderte ihr Lachen. »Schmeckt nach einer leichteren Sorte Benzin, ist aber irgendwie köstlich. Trinken Sie einen.«

Nel befand, dass es irgendwo auf dem Weg zur Disko wahrscheinlich einen Geldautomaten geben würde und dass sie einfach aufhören sollte, sich Gedanken um das Geld zu machen, und anfangen sich zu amüsieren. Es war immer noch erst halb zwölf.

Drei Tassen Kaffee, zwei Grappas und mehrere Amarettokekse (deren Einwickelpapier samt und sonders angezündet und von Wünschen begleitet worden war) später, stand Nel auf, um zur Damentoilette zu gehen.

Dort zog sie sich ein paarmal die Finger durchs Haar und legte ein wenig Lippenstift auf, bevor sie sich ihrem Spiegelbild stellte. Sie hatte vor langer Zeit begriffen, dass es sinnlos war, zu wissen, wie schrecklich man den ganzen Abend lang ausgesehen hatte. Sobald sie diese Vorkehrungen getroffen hatte, musterte sie sich gründlich.

Ihr langer, schwarzer Pullover machte zufrieden stellend schlank. Er kaschierte ihren Bauch und ihre Hüften, und mit ihren schwarzen Hosen und der langen Jacke war der Gesamteindruck durchaus schmeichelhaft, wenn auch ein wenig düster. Sie hatte nie Schwarz getragen, um ihren Mann zu betrauern, aber jetzt, da die Gesellschaft Trauerkleidung nicht mehr für passend erachtete, trug sie sie häufig. Sie hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, und Schwarz machte sie nicht blass, wie das bei so vielen Leuten der Fall war.

Aber ihr wurde langsam heiß; ihre Wangen waren bereits ein wenig gerötet. Marcs Mantel würde auf dem Weg zur Disko warm genug sein, daher ging sie wieder in die Toilettenkabine und zog den Pullover aus. Darunter trug sie ein kleines schwarzes Top, bei dem es sich um Unterwäsche handeln konnte, das aber genauso gut ein normales Kleidungsstück sein konnte. Mit der Jacke darüber wäre es halbwegs akzeptabel gewesen, wenn es nicht gar so viel von ihrem Dekolletee gezeigt hätte.

Nel inspizierte ihr Dekolletee. Es war, befand sie, ganz hübsch. Aber war es passend, so viel davon zu zeigen, selbst wenn es einer ihrer größten Vorzüge war? Wenn man jung ist, überlegte sie, mag man manche Teile seines Körpers nicht und hat das Gefühl, dass man perfekt wäre, wären da nicht die Oberschenkel oder die Nase. Jetzt, da sie über vierzig war, brachte sie eine kurze kritische Musterung zu dem Schluss, dass ihre Zähne, ihre Haut und ihr Dekolletee ganz … nun ja, ganz in Ordnung waren, aber den Rest von ihr ignorierte man am besten. Marc hatte ihr Busen immer gefallen. Simon hatte wahrscheinlich noch nie so viel davon zu Gesicht bekommen, wie sie jetzt zur Schau stellte, und Jake …? Sie zog ihr Top ein wenig hoch. Was Jake von ihrer oberen Körperhälfte hielt, war gehopst wie gesprungen.

Sie zog ihre Jacke wieder an. Ihre Arme gehörten zu den Körperteilen, die sie nicht länger gern zeigte, außer im Sommer, wenn sie braun waren.

Sie stopfte den Pullover in ihre geräumige Handtasche, fuhr sich noch ein paarmal mit den Fingern durchs Haar, teils aus Nervosität, und kehrte zu den anderen zurück. Es war ein Glück, dass ihre Frisur eine solche Behandlung vertrug, dachte sie. Einen eleganten Nackenknoten hätte sie schon vor langer Zeit vollkommen zerzaust.

»Ich bringe Sie in Ihre Disko«, erklärte Jake. »Die anderen gehen in die Billardhalle.«

Es war eindeutig riskant, eine Gruppe von Männern allein zu lassen, um zur Toilette zu gehen: Auf diese Weise gab man ihnen Gelegenheit, Entscheidungen zu treffen, ohne dass man mit einbezogen wurde. Aber die Vorstellung, wirklich allein in diese Disko zu gehen (falls man sie überhaupt hineinließ), war unglaublich niederschmetternd. Es war eine Sache, zu wissen, dass sie das Richtige tat, dass sie es für Fleur tat, dass sie sich einredete, es müsse einfach sein. Es dann wirklich zu tun, und das allein, war eine ganz andere Sache. Das Wissen, dass sie es nicht zu tun brauchte, war eine große Erleichterung.

Nels Mutter hatte ihren Mann, Marc, immer als einen Menschen beschrieben, mit dem man »Pferde stehlen« konnte. Von Jake hätte sie wahrscheinlich dasselbe gesagt – nur dass sie in diesem Fall vollkommen falsch gelegen hätte, dachte Nel, was bewies, dass nicht einmal Tote alles wussten. Was ihre Mutter wohl von Simon gehalten hätte? Während sie noch darüber nachdachte, warum sie ausgerechnet diesen Augenblick ausgewählt hatte, um sich diese Frage zu stellen, kam Nel zu einer Entscheidung. Ihre Mutter hätte gesagt, Simon sei ein netter Mann, aber keiner, der jemals die Welt in Flammen gesetzt hätte.

Jetzt sagte sie: »Oh, in Ordnung. Was ist mit meinem Anteil an der Rechnung? Wenn ich zwanzig Pfund dazugebe, ist das in Ordnung?«

»Die Firma zahlt«, sagte Dan. »Das ist sie uns schuldig. Und wir haben ein Spesenkonto, das ernsthaft unterfordert ist. Also stecken Sie Ihr Geld wieder ein.«

Nel legte den Kopf schräg. »Ich habe den Verdacht, dass Sie sich diese kleine Ansprache im Voraus zurechtgelegt haben.«

»Ja, hm, Jake meinte, Sie würden bestimmt Schwierigkeiten machen, wenn wir bezahlen wollen.«

Sie sah ihn an, unsicher, ob sie entrüstet sein sollte oder nicht. »Ich habe keine Ahnung, wie Sie auf diesen Gedanken gekommen sind!«

»Erfahrung«, erwiderte Jake. »Sie machen immer Schwierigkeiten.«

Solchermaßen zum Schweigen gebracht, gestattete Nel Dan, ihr in den Mantel zu helfen.

Draußen fuhr ziemlich bald ein Taxi vor, und Jake öffnete Nel die Tür. »Wir nehmen dieses hier. Steigen Sie ein, Nel.«

»Aber ich habe mich noch gar nicht verabschiedet!«

Jeder der vier Männer küsste sie herzlich auf die Wange, eine Geste, die sie nicht minder herzlich erwiderte. Sie waren sehr glatt rasiert und rochen nach Eau de Cologne. Nel fand, dass es hübsch war, geküsst zu werden, und während sie sich in ihrem Taxi niederließ, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, ob es wohl ein Zeichen des Älterwerdens war, wenn man eine Schwäche für jüngere Männer entwickelte. Sie waren erst wenige Meter weit gefahren, als sie zu dem Schluss kam, dass es stimmte.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte sie ein oder zwei Sekunden später. »Ich wäre auch allein klargekommen, und ich habe Ihnen den Abend verdorben.«

»Sind Sie schon jemals in einer Disko gewesen?«

Nel dachte an ihre äußerst behütete Jugend. Das war das Problem, wenn man jung heiratete; man hatte nicht viel Zeit, um sich danebenzubenehmen. »Na ja, ab und zu mal in einer ziemlich gemütlichen, Sie wissen schon.«

»Genau. Und Sie haben mir nicht den Abend verdorben. Ich verbringe viel Zeit mit diesen Burschen.«

»Also leben und arbeiten Sie größtenteils in London? Nicht auf dem Land?«

»Im Augenblick pendle ich hin und her. Wir haben eine Kanzlei bei Ihnen übernommen …«

»Oh ja, die mit diesen entzückenden Büros.«

»Die inzwischen endlich gestrichen worden sind.«

»Und hat Kerry Anne die Farben ausgesucht?«

»Hören Sie, ich dachte, Sie hätten mich gefragt, ob ich in London oder auf dem Land arbeite. Ich versuche, es Ihnen zu erklären. Hören Sie auf, mich zu unterbrechen.«

Nel hörte auf, vor allem, weil sie sich für seine Erklärung interessierte.

»Die Kanzlei bei Ihnen am Ort hatte Probleme. Wir waren ihr traditionell verbunden, deshalb werde ich das Geschäft wieder in Gang bringen, und während ich das tue, entscheide ich, ob ich von London wegziehen will.«

»Und haben Sie sich schon entschieden?«

»Nein. Das hängt von verschiedenen Dingen ab.«

Nel brachte es fertig, nicht zu fragen, ob Kerry Anne eins dieser Dinge war. Wenn ja, würde er es wohl kaum zugeben. Schließlich war Kerry Anne mit einem seiner Mandanten verheiratet. Sie seufzte und wies sich im Geiste zurecht, dass sie gleichzeitig altmodisch und eifersüchtig war.

»Ich habe meine Schulferien in diesem Teil der Welt verbracht, und der Freund, bei dem ich sie verbracht habe, wohnt immer noch dort«, fuhr Jake fort. »Er war der Mann, mit dem ich Squash gespielt habe, als Sie mich das erste Mal gesehen haben.«

»Oh?«

»Ja. Da wären wir.«

Nel stellte den Kragen ihres Mantels auf und versuchte, angemessen cool auszusehen – kein leichtes Unterfangen, wenn man in mehrere Kilo Wolle gehüllt war. Sie ließ Jake den Taxifahrer bezahlen, hielt aber ihr Portemonnaie bereit, um für sie beide den Eintritt ins Chill zu bezahlen.

Der Rausschmeißer musterte sie, sagte aber nichts, obwohl Nel das Gefühl hatte, dass der Mann sich gewiss fragte, warum sie dort waren. Ohne Jake wäre es eine Million Mal schlimmer gewesen, das wusste sie. Tatsächlich hätte man sie vielleicht nicht einmal hineingelassen. Da sie wusste, dass sie, wenn sie erst einmal in der Disko waren, nicht mehr mit ihm würde reden können, legte Nel ihm eine Hand auf den Arm. »Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mitgekommen sind. Ohne Sie hätten sie mich vielleicht gar nicht hineingelassen.«

»Kein Problem. Lassen Sie uns Ihren Mantel an der Garderobe abgeben, und dann stürzen wir uns ins Getümmel.«

Nel hatte befürchtet, Fleur könnte sie entdecken und furchtbar wütend werden. Jetzt, da sie endlich in der Disko war, wurde ihr klar, dass es höchst schwierig werden würde, Fleur zu entdecken, selbst wenn sie aufmerksam nach ihr Ausschau hielt. Und wenn es ihr tatsächlich gelang, sie inmitten der anderen blonden Mädchen mit schwarzen Hosen und Spaghettiträgertops zu erkennen, würde sie wissen, ob sie Drogen nahm? Ihr ganzer Plan erschien ihr plötzlich unglaublich dürftig. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

»Etwas zu trinken?«, brüllte Jake sie an, um die Musik zu übertönen.

Nel nickte. »Mineralwasser, bitte!«

Während sie allein war, inspizierte sie die Menge und lauschte auf die Musik. Niemand nahm Notiz von ihr, stellte sie fest, und langsam entspannte sie sich ein wenig. Auch die Musik gefiel ihr ganz gut, aber andererseits hatte ihr Fleurs Musik immer besser gefallen als das, was aus den Zimmern der Jungen kam. Die Musik ihrer Söhne hatte keine Texte, keine Melodie und viel zu viel Elektronik für ihren Geschmack, und Fleurs Musik war zu »konventionell« für die beiden Jungen.

Als Jake zurückkam, drückte er ihr ein Glas in die Hand. Nel lächelte zum Dank und nahm einen Schluck davon. Es war schon seltsam, mit Jake in einer Disko zu sein, mit eben dem Mann, der für sie bis vor kurzem der Mann gewesen war, der sie unter dem Mistelzweig geküsst hatte. Und danach hatte er sich in den leibhaftigen Teufel verwandelt, der dem Hospiz praktisch im Alleingang Paradise Fields raubte.

»Das ist kein Wasser!«

»Nein, es ist ein Wodka Tonic. Ich dachte, Sie brauchen ein bisschen Zivilcourage.«

»Aber ich wollte Wasser haben!«

»Das können Sie beim nächsten Mal bekommen.«

»Nächstes Mal hole ich die Drinks!«

Jake lächelte. »Trinken Sie aus, dann können wir tanzen.«

Nel konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie wollte tanzen, sie tanzte gern. Einer von Marcs wenigen Fehlern war seine Tanzfaulheit gewesen, und wenn er es doch einmal tat, dann nur mit äußerstem Widerstreben – und sehr schlecht.

Nel verlor schnell ihre Hemmungen und war ganz auf die Musik konzentriert, als Jake ihr eine Hand auf die Schulter legte und in eine Ecke des Raums deutete. Es war Fleur. Sie war mit einem hoch gewachsenen, jungen Mann zusammen, der gleichzeitig attraktiv und wohlhabend aussah, aber nicht bedeutend älter als Fleur.

Jake zog Nel an sich und sagte ihr ins Ohr: »Was wollen Sie jetzt tun?«

Nel drehte sich um, und Jake beugte sich vor, um sie besser verstehen zu können. »Ich will sie einfach nur beobachten und feststellen, ob jemand versucht, ihr etwas zu geben, oder ob Geld den Besitzer wechselt.«

»Ich bezweifle, dass das hier auf der Tanzfläche passieren würde«, bemerkte Jake.

»Ich werde es wissen, wenn sie etwas Merkwürdiges tut. Zumindest hoffe ich, dass ich es wissen werde!«

Jake nahm Nel in die Arme. »Es wird leichter für Sie sein, Fleur auszuspionieren, wenn Sie nicht auf und ab hüpfen. Und auf diese Weise verringert sich das Risiko, dass sie Sie entdecken wird.«

»Sie wollen doch damit nicht etwa andeuten, dass ich Aufmerksamkeit errege, wenn ich tanze, oder?« Sie versuchte, sich von ihm zu lösen, aber er ließ sie nicht los. In jedem Fall war es einfacher zu reden, wenn sie einander nah waren.

»Ihre Art zu tanzen ist sehr originell«, sagte er.

Nel stöhnte und überließ sich Jakes Führung.

Es war wirklich sehr angenehm, mit Jake zu tanzen, dachte sie. Wenn sie nicht die ganze Zeit über Fleur hätte beobachten müssen, hätte sie die Augen schließen und sich ganz zufrieden der Musik überlassen können. Er roch wunderbar. Sein Rasierwasser war nicht zu durchdringend, aber es war offensichtlich etwas sehr Teures. Und seine Anzugjacke fühlte sich sehr weich an. Wahrscheinlich Kaschmir, befand sie. Er hatte seine Krawatte abgenommen, und in den violetten Lichtstrahlen, die ein Zickzackmuster über den Boden huschen ließen, wirkte sein Hemd bläulich.

Sie konnte natürlich nicht erkennen, ob es ihm genauso viel Spaß machte, sie in den Armen zu halten, aber sie hatte doch den Eindruck, dass er hie und da mit den Lippen ihr Haar berührte, obwohl das natürlich Einbildung sein konnte. Aber als er ihr durchs Haar strich, wusste sie, dass ihre Fantasie ihr keinen Streich gespielt hatte. Und das Gefühl gefiel ihr sehr viel besser, als sie zugegeben hätte. In dem Bemühen, sich von dem Gefühl seiner Berührung auf ihrem Hals abzulenken, überlegte sie, ob sie wohl deshalb so viel an ihrem Haar herumzupfte, weil ihr Marcs Liebkosungen fehlten. Simon berührte niemals ihr Haar – wahrscheinlich weil er es am liebsten ordentlich hatte, etwas, das praktisch nie vorkam.

Aus ihrer nicht gerade standortfesten Perspektive betrachtet, schien Fleur sich vollkommen normal zu benehmen. Sie trank etwas aus einer Flasche, und es sah so aus, als tanze sie mit einer Menge Leuten gleichzeitig, aber das war in Ordnung.

Nel taten langsam die Füße weh, auf eine Art und Weise, wie ihr das seit ihrem letzten Besuch in einer Disko nicht mehr passiert war. Jake langweilte sich wahrscheinlich zu Tode. Sie wollte seinen Kopf zu sich hinunterziehen, damit sie mit ihm sprechen konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde er sie küssen. Aber dann bot er ihr sein Ohr dar, nur wenige Zentimeter von ihrem Mund entfernt.

»Ich denke, ich habe genug gesehen. Wollen wir gehen?«

»Wenn Sie möchten. Es ist ein bisschen laut hier.«

»Und ich glaube nicht, dass Fleur noch irgendetwas besonders Aufschlussreiches tun wird.«

»Dann lassen Sie uns von hier verschwinden.«

Er bahnte ihnen einen Weg durch die Menge – gerade noch rechtzeitig, wie sie feststellte. In dem Moment, als sie gingen, drehte Nel sich zu einem letzten Blick in Fleurs Richtung um und sah ihre Tochter die Stirn runzeln, als habe sie ihre Mutter erkannt. Ich werde lügen müssen, dachte sie. Ich werde erzählen, ich sei in der Stadt gewesen, hätte mit Freunden – einem Freund – zu Abend gegessen, und dann hatten wir noch Lust, irgendwo tanzen zu gehen. Ich werde sagen, dass ich sie überhaupt nicht gesehen habe, denn sonst wäre ich natürlich rübergekommen und hätte Hallo gesagt.

»Schnell!«, murmelte Nel leise, da das Mädchen an der Garderobe eine Ewigkeit brauchte, um ihren Mantel zu finden. »Ich bin mir sicher, dass Fleur mich entdeckt hat«, sagte sie zu Jake. »Vielleicht hat sie mich nicht mit absoluter Sicherheit erkannt, aber ich möchte wirklich nicht, dass sie mir folgt. Das ist nicht der richtige Ort für eine Auseinandersetzung.«

»Nun, freut mich, dass Sie endlich dahintergekommen sind«, bemerkte Jake und legte eine Zweipfundmünze in den Unterteller, während das Mädchen an der Garderobe Nels Mantel brachte.

»Wie meinen Sie das?« Nels Stimme schien eine Oktave höher zu sein als gewöhnlich und klang sehr schrill.

»Kommen Sie. Gehen wir nach Hause.«

Kapitel 7

Okay, ich fahre zur Paddington Station rüber«, sagte Nel, als das Taxi vorfuhr. »Kann ich Sie mitnehmen?«

Jake brummte etwas Unverständliches und öffnete die Tür; Nel stieg ein. Dann nannte er dem Fahrer eine Adresse.

»Aber ich will zur Paddington Station! Um einen Zug zu erwischen!«

»Ich kenne den Fahrplan auswendig, und ich kann Ihnen versichern, dass um halb eins am Morgen kein Zug mehr fährt.«

»Nun, dann kann ich dort eben auf den nächsten Zug warten!«

»Nein, können Sie nicht! Wofür halten Sie mich eigentlich?«

Nel holte tief Luft und tat alles in ihren Kräften Stehende, um ihren aufkeimenden Zorn zu unterdrücken. »Hören Sie, Jake, ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar für Ihre Unterstützung heute Abend. Wirklich dankbar«, wiederholte sie und dachte daran, wie wenig hilfsbereit Simon gewesen war. »Aber ich darf Ihnen keinen Augenblick länger zur Last fallen. Ich habe Ihnen schon den Abend ruiniert. Jetzt möchte ich einfach nach Hause fahren. Und wenn ich auf einen Zug warten muss, na wenn schon. Ich komme klar, bestimmt.«

»Haben Sie jemals eine ganze Nacht auf einem Bahnhof verbracht, noch dazu im Winter?«

»Darum geht es gar nicht …«

»Doch, genau darum geht es. Betrunkene werden Sie belästigen, Bettler werden Sie schikanieren, und man wird Ihnen Ihren Mantel stehlen.« Seine Mundwinkel zuckten, und zu Nels maßlosem Ärger taten es ihre ebenfalls.

»Mein Mantel wird wie ein Zelt sein«, gab sie zurück und kämpfte wie ein Löwe, um nicht auf sein schiefes Lächeln zu reagieren, das ihr plötzlich so unglaublich sexy erschien.

»Das wird er sicher, aber Sie werden nicht darin schlafen. Nicht heute Nacht.«

»Nun, bei Ihnen werde ich nicht übernachten!«

»Hören Sie, Nel, ich verstehe vollkommen, dass Sie mir in keiner Weise Ungelegenheiten bereiten wollen, und ich weiß Ihre Rücksichtnahme zu schätzen. Aber offen gesagt, ich bin müde, ich möchte nicht die ganze Nacht damit verbringen, mit Ihnen zu streiten, und wenn Sie sich weigern, mit mir nach Hause zu kommen, werde ich mich verpflichtet fühlen, Sie selbst aufs Land rauszufahren. Und ich denke, ich bin überm Limit.«

»Oh.«

»Oder ich könnte ein Minitaxi rufen, aber das wird ein Vermögen kosten. Ich bin nicht geizig, aber es widerstrebt mir doch, irgendjemandem mehr als fünfzig Pfund zu zahlen, der Sie vielleicht nicht einmal sicher nach Hause bringen wird.«

»Ich könnte in ein Hotel gehen«, beharrte Nel halsstarrig.

»Oh, hören Sie endlich mit diesem lächerlichen Theater auf. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Fahrt. Ich habe ein hervorragendes Couchbett, auf dem Sie schlafen können.«

»Ich habe keine Zahnbürste dabei oder was man sonst noch so braucht.«

Jake seufzte tief und beugte sich dann vor, um mit dem Fahrer zu sprechen. »Könnten Sie wohl anhalten, wenn Sie eine Drogerie sehen, die die ganze Nacht geöffnet ist, bitte? Madam braucht eine Zahnbürste.«

»Also wirklich! Jetzt wird er denken, dass wir miteinander schlafen!«

»Unsinn. Ich habe schließlich nicht gesagt, Sie bräuchten Kondome.«

Nel kuschelte sich in ihren Mantel, zitternd vor Entrüstung. Als an einer Straßenecke eine Nachtdrogerie in Sicht kam, stieg sie aus dem Taxi, ging in den Laden und fragte sich, ob sie sich später vielleicht weigern sollte, wieder in das Taxi einzusteigen. Während sie durch die Gänge stolzierte und nach den Dingen suchte, die sie brauchte, wurde ihr bewusst, dass es etwas unglaublich Zwielichtiges hatte, mitten in der Nacht eine Zahnbürste zu kaufen, ganz gleich, welch unschuldige Absichten man hegte. Sie legte noch einen Topf Feuchtigkeitscreme in ihren Korb, und einen Moment lang schwebte ihre Hand über den Kondomen. Sie wollte sie nicht; sie bezweifelte, ob sie sich überhaupt noch daran erinnerte, wie man sie benutzte; es war so lange her – bevor sie geheiratet hatten –, dass sie und Marc sich mit den schwer zu öffnenden Tütchen herumgeplagt hatten. Aber in einem Anfall von Trotz verspürte sie den Wunsch, sie einfach obendrauf auf ihre harmloseren Erwerbungen fallen zu lassen. Es hatte etwas mit dem Wunsch zu tun, dem Ruf wenigstens gerecht zu werden, den sie mittlerweile gewiss bereits haben musste.

Sie tat es nicht. Wenn Jake sie zu Gesicht bekäme, und sie traute es ihm durchaus zu, dass er in ihre Einkaufstüte sah, würde er denken, sie wolle ihn ins Bett locken, und sie würde sterben, buchstäblich sterben, bevor sie das zuließ.

»Sie haben sich aber Zeit gelassen«, sagte er, als sie sich wieder neben ihn setzte.

»Nun, ich habe nur überlegt, welche Zeitschrift ich kaufen sollte.«

Er blickte in ihre Tüte, gerade so, wie sie es vermutet hatte. »Aber Sie haben keine gekauft!«

»Nein, und ich habe auch nicht herumgetrödelt, um nach einer zu suchen! Es hat einfach eine Weile gedauert, die Zahnpasta zu finden. Der Laden hat nämlich keine eigene Abteilung für die Bedürfnisse loser Frauenzimmer!«

»Sind Sie ein loses Frauenzimmer?«

»Nein, aber in diesem Laden bin ich mir so vorgekommen. Der Verkäufer hat bestimmt gedacht, ich hätte die Absicht, mit meinem vornehmen Freund zu schlafen, und sich gefragt, wer um alles in der Welt den Wunsch haben könnte, mit mir zu schlafen.«

Jake starrte sie an. »Oh, das hat er gewiss nicht gedacht.«

Nel wandte sich ab, um aus dem Fenster zu blicken, wohl wissend, dass sie viel zu viel geredet hatte. Das Zusammensein mit Jake wirkte sich irgendwie auf ihr Identitätsgefühl aus; sie war da nicht mehr Mutter, sondern Frau, und das verunsicherte sie.

Als sie ihren Bestimmungsort erreichten, bestand Nel darauf, das Taxi zu bezahlen, und stieß Jake mit solcher Heftigkeit von dem Fenster weg, dass er beinahe umgefallen wäre.

Seine Wohnung war winzig und beruhigend voll gestopft. Er knipste eine Tischlampe an, die er auf Glühwürmchenhelligkeit herunterdimmte, und schaltete die Deckenlampe aus, aber die Unordnung war immer noch unübersehbar. Auf jedem Stuhl lagen Papierstapel, und der Tisch war unter einem Haufen Aktenordner kaum mehr zu erkennen.

Jake fegte die Zeitungen mehrerer Sonntage vom Sofa auf den Fußboden. »Entschuldigen Sie die Unordnung. Ich bin nicht oft genug hier, um etwas dagegen zu unternehmen.« Das Chaos war ihm sichtlich peinlich, und sie fragte sich, ob sie ihm ähnlich wäre, was Unordnung und andere Menschen betraf.

»Ich fürchte, ich habe nur ein Schlafzimmer«, fuhr er fort. »Ich würde Ihnen ja das Bett anbieten und selbst auf dem Sofa schlafen, aber ich weiß, dass Sie dann einen Mordswirbel machen würden.«

»Ich mache keinen Wirbel. Ich bin ein sehr vernünftiger Mensch.«

»Sie sind ein verrücktes Huhn. Und jetzt geben Sie mir Ihren Mantel.«

Ohne den Mantel fühlte Nel sich plötzlich zu spärlich bekleidet. Sie zupfte an ihrem Top, um das üppige Dekolletee zu verbergen, das sie jetzt zur Schau stellte.

»Lassen Sie das«, sagte Jake und legte ihren Mantel vorsichtig über die Rückenlehne eines Stuhls. »Damit lenken Sie nur die Aufmerksamkeit darauf, und das lenkt ab. Sie haben das schon den ganzen Abend getan.«

»Habe ich das? Tut mir Leid.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es ist die Art Ablenkung, die mir gefällt.«

»Ach ja?«

Einen Augenblick später hatte er die Arme um sie gelegt und küsste sie.

Nel war müde und hatte ziemlich viel getrunken. Außerdem schien ihre Anspannung Fleurs wegen sich aufgelöst zu haben. Ihre Sorgen, sie könne Drogen nehmen, waren wahrscheinlich eine reine Neurose, geschürt durch Simon. Jetzt war ihre Abwehr auf dem Nullpunkt angelangt, und es war nur allzu einfach, sich an Jake zu schmiegen, die Augen zu schließen und seinen Kuss zu erwidern.

Ohne seine Lippen von ihren zu nehmen, manövrierte er sie zum Sofa und zog sie mit sich hinunter. Dann waren sie beide in der Horizontalen, er halb über ihr. Als er endlich innehielt, um Luft zu holen, sagte sie: »Was um alles in der Welt mache ich da?«

»Sie küssen mich«, sagte Jake entschieden. »Und Sie machen es sehr gut, vielen Dank.«

»Aber ich …« Sie öffnete den Mund, und das war ein gefährlicher Fehler; Jake verschloss ihn im Nu wieder mit einem Kuss.

Das ist so schön, dachte Nel. So wunderschön. Ich hatte ganz vergessen, wie herrlich es ist, neben jemandem zu liegen und zu küssen. Aber ich sollte das nicht tun, wirklich nicht. Sie kämpfte sich los. »Jake, ich …«

Jake, solchermaßen daran gehindert, ihren Mund zu küssen, presste die Lippen auf das Dekolletee, über dessen stark ablenkenden Charakter er sich beschwert hatte. Es fühlte sich himmlisch an. Nels ganze unterdrückte Sexualität brach sich Bahn. Plötzlich genügte es nicht mehr, seine Lippen dort zu haben, wo ihre Brüste sich trafen, sie wollte ihre Brüste nackt haben, damit er sie liebkosen und die Spitzen ihrer Brüste in den Mund nehmen konnte.

Er zog das kleine schwarze Top hinunter (bei dem es sich tatsächlich um Unterwäsche handelte) und entblößte ihren BH. Oh Gott, dachte Nel, mein BH. Es war einer von der Sorte, die Architekten für eine Fernsehsendung entworfen hatten, und obwohl er ausgesprochen bequem, stützend und praktisch war, war er ungefähr so sexy wie eine Ritterrüstung. Aber – Nel dankte Gott mit mehr Inbrunst, als sie es seit langer Zeit getan hatte – er war schwarz. Ihre weißen BHs blieben ungefähr zwei Wochen lang weiß.

Sie richtete sich auf, versuchte, die Willenskraft heraufzubeschwören, mit dem, was ihr solches Vergnügen bereitete, aufzuhören. Jake nutzte ihre Position, um ihr die Jacke auszuziehen. Dann waren ihre Arme, die niemand je sah, außer im Sommer, mit einem Mal freigelegt, und sie spürte Jakes festen Griff. Sie war sich nicht sicher, ob Arme auf die Liste erogener Zonen gehörten, aber seine Berührung dort ließ sie genauso dahinschmelzen wie alles andere, was er tat.

Nel kam zu dem Schluss, dass sie zu passiv war; ihre Kleider wurden mit Blitzgeschwindigkeit heruntergerissen. Jake hatte seine Krawatte in der Tasche, war ansonsten aber noch vollkommen bekleidet. Sie fingerte an seinen Hemdknöpfen herum und hatte Mühe, den ersten zu öffnen.

»Wie sind die Leute nur klargekommen, als die Männer noch Manschettenknöpfe trugen«, hauchte sie und ließ von dem Knopf ab, während er die Hände auf ihren Rücken legte, um ihren BH zu öffnen.

»Ich nehme an, es war eine Technik, die zu meistern die Leute gelernt haben«, sagte er und offenbarte seine eigene Sachkenntnis auf diesem Gebiet, während er ihr den BH auszog.

Nel schluckte, und ihre Atemzüge gingen unregelmäßig. Seit sehr langer Zeit hatte kein Mann mehr ihre Brüste gesehen, und zuerst war sie furchtbar gehemmt, aber als sie Jakes Reaktion darauf sah, fühlte sie sich einfach sexy und machtvoll.

Sie unternahm einen weiteren Versuch mit seinem Kragen, aber er schob ihre Hände weg und zog einfach die beiden Hälften auseinander, bis der Knopf absprang. Einen Moment lang beschäftigte sie die Frage, wer ihn wohl wieder annähen würde, bis sein Hemd und seine Jacke herunterfielen und sie seinen Oberkörper sah. Wenn sie darüber nachgedacht hätte, hätte sie gewusst, dass er fit war, bei all dem Sport, den er trieb. Aber der Anblick seiner nackten Brust mit den gut ausgebildeten Muskeln unter dem dunklen Haarflaum entlockte ihr ein Ächzen. Sie verspürte das überwältigende Verlangen, seinen Körper auf ihrem zu fühlen, ihre Brustwarzen über seine Muskeln streifen zu lassen.

»Sollen wir ins Bett gehen?«, flüsterte Jake. »Das wäre bequemer.«

Nel schüttelte den Kopf. Leidenschaft hatte sie übermannt, aber sie wusste, wenn sie den Schauplatz wechselten, würde die Vernunft zurückkehren und sie würde aufhören. Sie wollte nicht aufhören. Sie wollte nicht vernünftig sein. Sie wollte, mehr als alles andere auf der ganzen weiten Welt, weiter das tun, was sie tat, wollte mit Jake schlafen. Es war das erste Mal seit zehn Jahren, und sie wollte nicht, dass sich ihr Gehirn, ihr Gewissen oder sonst etwas zwischen sie und diese herrliche Erfahrung drängte.

»Dann warte einen Moment.« Jake beugte sich vor und machte sich an der Armlehne des Sofas zu schaffen. Ein Knirschen folgte, dann ein Ruck, gleich darauf klappte die Rückenlehne zurück und die Sitzfläche glitt nach vorn. »So ist es besser.« Er drückte sie auf das Polster, sodass sie flach auf dem Rücken lag, dann tat er, auf einen Ellbogen gestützt, all die Dinge, die ihre Brüste sich von ihm gewünscht hatten …

Ein Weilchen später kämpfte er mit dem Reißverschluss ihrer Hose.

»Du musst ihn etwas zusammendrücken, sonst verfängt er sich«, hauchte sie. Einen Augenblick später bedauerte sie diesen Ratschlag, da ihr ihr Slip wieder eingefallen war. Hoffentlich sind Liebestöter gerade in, dachte sie, wohl wissend, dass es nicht so war, wohl wissend, dass man heutzutage einen Tanga trug, wenn man ein heißer Feger sein wollte.

Jake bemerkte nichts dazu, er sah nicht einmal hin, als er ihr Hose, Schlüpfer und Strumpfhose gleichzeitig vom Körper streifte. An ihren Stiefeln kam er nicht mehr weiter.

»Das ist doch lächerlich«, flüsterte Nel und versuchte, sich hinzusetzen.

»Nicht bewegen.« Er drückte sie wieder auf das Polster zurück und hielt sie dort fest, indem er ihren Bauch streichelte, während er sich mit einer Hand an dem Reißverschluss abmühte. Ob er wohl die Abdrücke auf ihrer Haut fühlen konnte, fragte sie sich? Würde er sie abstoßend finden?

Als sie endlich nackt war, seufzte sie, und er tat dasselbe. »Mein Gott, du bist so sexy«, flüsterte er.

Nel hörte auf, sich Gedanken über ihren Slip oder die Abdrücke des Reißverschlusses zu machen, und lachte. Sie fühlte sich sexy. Sie fühlte sich begehrenswert, lüstern und durch und durch weiblich. Sie fingerte an dem Haken an seinem Hosenbund herum. Voller Ungeduld schob er ihre Hände weg und tat es selbst.

»Dann wirst du sie nicht einfach auseinander reißen?«

»So viele Anzüge habe ich auch wieder nicht, und das hier ist nicht schwierig.«

Das Gefühl von Haut auf Haut war Ekstase pur. Es war so lange her, seit Nel diese Elektrizität gespürt hatte. Sie ließ sich auf den Rücken sinken, und er legte sich über sie. Einen Moment lang drückte sein Gewicht sie in das Polster, dann rollte er auf die Seite und zog sie über sich. Sie hielt kurz inne, bevor sie sich aufrichtete und seinem Körper jene Aufmerksamkeit widmete, die er ihrer Meinung nach verdient hatte. Sie wollte seinen Körper mit den Fingern lesen, jede Wölbung untersuchen und jede Vertiefung kennen lernen. Ihr Gedächtnis mochte die Freuden und die Schönheit eines Männerkörpers vergessen haben, aber ihre Sinne hatten es nicht getan. Als sie jeden seidigen Zentimeter seiner Brust erforscht hatte, wiederholte sie die Bewegungen ihrer Finger mit dem Mund. Sie nahm seine Brustwarzen sanft zwischen die Zähne und spürte sofort, wie sie reagierten. Er stöhnte leise, und sie widmete sich seinen Brusthaaren, indem sie mit den Lippen daran zupfte. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, richtete sich auf und übernahm.

Nel hatte in ihrem ganzen Leben nur mit einem einzigen Mann geschlafen, aber irgendwie kamen sie und Jake schnell dahinter, wie sie einander glücklich machen konnten. Das lag wahrscheinlich daran, überlegte sie, dass alles, was er mit ihr machte, einfach himmlisch war, und alles, was sie mit ihm machte, ihm zu gefallen schien. Erst nachher, als er von ihr abrückte und sie beide atemlos und erhitzt von ihren Anstrengungen waren, gestattete Nel ihrem Gehirn, wieder die Kontrolle über ihre Gedanken zu übernehmen.

»Das war absolut fantastisch«, sagte Jake, der immer noch schwer atmete. »Du bist die wunderbarste, erotischste Frau, die ich kenne.«

Nels Körper war satt, glücklich von dem Sex, der kein Recht hatte, so ungeheuer befriedigend zu sein. Aber jetzt schlugen die Gefühle über ihr zusammen: Zweifel, Schuldbewusstsein und die grässliche Erkenntnis, dass sie soeben Sex gehabt hatte, zum ersten Mal seit zehn Jahren, und das mit einem Mann, den sie kaum kannte.

»Kann ich dir irgendetwas holen?«, fragte er, beunruhigt von ihrem Schweigen.

Nel richtete sich auf, griff nach allen Kleidungsstücken, die sie finden konnte, und drückte sie an sich, obwohl einige davon Jake gehörten. Der Jubel, den sie noch wenige Sekunden zuvor verspürt hatte, wurde plötzlich von einer ebenso überwältigenden Mutlosigkeit verdrängt. Sie hatte ihr Leben unwiderruflich verändert, und sie hatte es getan, ohne nachzudenken. Es war genauso wahnsinnig gewesen, als hätte sie sich aus einem Impuls heraus von einer Klippe gestürzt. Irgendwie musste sie diesen Anfall von Irrsinn überwinden und zur Vernunft zurückfinden, zu dem, was sie kannte und schätzte und dem sie vertrauen konnte. Wenn sie diese ganze Erfahrung aus ihrem Gedächtnis hätte löschen können, hätte sie es getan.

»Hör mir zu, Jake.« Gott, was sollte sie sagen? Sie versuchte es noch einmal. »Das war sehr schön. Sehr, sehr schön, um genau zu sein, aber es hätte nicht passieren dürfen. Und ich möchte nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, mich anzurufen oder sonst irgendwie in Kontakt mit mir zu treten.« Sie hielt inne, denn plötzlich stieg Angst in ihr auf. »Genau genommen darfst du es nicht tun. Wir werden einfach einen Strich unter diese Geschichte ziehen und weitermachen. Und wenn ich jetzt bitte dein Badezimmer benutzen dürfte.«

»Nel – Liebling, ist irgendetwas nicht in Ordnung?«

»Ich denke, du weißt sehr wohl, was nicht in Ordnung ist. Das, was wir soeben getan haben, ist nicht in Ordnung.« Als sie seine maßlose Verwirrung sah, verwandelte Nels Angst sich in heftige Panik. Sie musste nachdenken. »Könntest du mir bitte einfach sagen, wo das Badezimmer ist?«

Jake stand auf, und Nel versuchte, an seinem prachtvollen, squashgestählten Körper vorbeizuschauen, während er eine Tür öffnete. »Hier«, sagte er und nahm etwas aus einem Schrank. »Nimm ein sauberes Handtuch mit. Möchtest du deine Zahnbürste und die anderen Sachen?«

Nel nickte und umklammerte die Kleider mit aller Kraft, obwohl niemand versuchte, sie ihr wegzunehmen.

Als sie ihre Plastiktüte in der Hand hielt und die Badezimmertür sicher geschlossen war, brach sie in Tränen aus. Sie konnte nicht klar denken: Zu viele Gefühle tobten in ihr. Sie drehte die Dusche auf, schon allein, um ihr Schluchzen zu übertönen, und kaltes Wasser spritzte in den Raum, als sie die Kontrolle über den Duschkopf verlor.

Schließlich riss sie sich so weit zusammen, dass sie den Duschkopf wieder aufhängen, die Temperatur einstellen und in die Kabine steigen konnte.

Das heiße Wasser, das über ihren Körper rann, tat ungeheuer gut. Das musste eine Powerdusche sein, dachte sie, während sie willkürlich ein paar Flaschen zur Hand nahm. Sie würde natürlich ihr Haar waschen müssen; sie öffnete eine Flasche Vosene. Das passte zu Jake, dass er Vosene benutzte, dachte sie, so ein abscheulicher Geruch. Dann begann sie wieder zu weinen. Marc hatte das gleiche Shampoo benutzt.

Eine Viertelstunde später trat sie aus dem Bad, ein Handtuch um den Kopf geschlungen und bekleidet mit einem Bademantel, der nach Jake roch. Sie hielt ein Bündel Kleider umklammert, obwohl sie wusste, dass einige davon – die von Jake – sich von ihrer Erfahrung vielleicht nicht wieder erholen würden.

Jake trug jetzt eine Jeans und ein Sweatshirt und brachte es trotzdem fertig, beunruhigend sexy auszusehen. Nel wusste, dass ihr Gesicht rot war, sie trug kein Make-up, und ihre Augen waren wahrscheinlich geschwollen und rot geädert von einer Mischung aus Tränen und Shampoo.

»Hier«, sagte Jake. »Ich habe dir einen Pyjama herausgesucht, in dem du schlafen kannst. Und ich habe Kaba gemacht. Magst du Kaba?«

Nel nickte nur, da sie ihrer Stimme immer noch nicht traute. Jake nahm ihr behutsam die Kleider ab, während sie sich auf die Kante dessen hockte, was jetzt wieder ein Sofa war.

Sie räusperte sich. »Ich fürchte, die Sachen sind ein bisschen nass geworden. Ich musste einen Ringkampf mit der Dusche bestehen, und die erste Runde hat sie gewonnen.«

»Die Dusche ist ein wenig ungebärdig. Warum hast du meine Sachen mitgenommen?«

»Ein Irrtum.« Nel nippte an ihrem Kaba; das tröstliche, eklig süße Getränk tat ihr gut. »Das Ganze war ein schrecklicher Irrtum. Deshalb musst du mir auch versprechen, nie, nie wieder davon zu sprechen. Wir müssen einfach so tun, als sei es nicht passiert.«

Jake sah sie erstaunt an. »Aber es ist passiert. Und es war fantastisch. Wie kannst du so tun, als sei nichts gewesen? Oder möchtest du nicht, dass es wieder passiert? Ich hätte dich nicht für eine Frau gehalten, die auf One-Night-Stands steht.«

Sie rutschte unbehaglich auf dem Sofa hin und her. »Das bin ich auch nicht. Ich habe normalerweise überhaupt keinen Sex. Das hier war einfach ein Anfall von geistiger Umnachtung.«

»Du hast überhaupt keinen Sex? Warum denn nicht, um Himmels willen?«

Nel zuckte die Achseln. »Ich bin Witwe.«

»Ja, aber du bist auch eine Frau! Eine sehr erotische und attraktive. Wie lange ist dein Mann jetzt tot?«

»Zehn Jahre.«

»Zehn Jahre! Und du willst mir erzählen, dass du gerade zum ersten Mal seit zehn Jahren mit einem Mann geschlafen hast?«

Nel nickte. Trotz ihrer Reue, die sie zu überwältigen drohte, fühlte sie sich doch ein klein wenig geschmeichelt, dass er nichts davon bemerkt hatte.

»Nun, du hast jedenfalls nicht vergessen, wie es geht.«

Sie zuckte die Achseln. »Nun ja, ich nehme an, es ist wie Fahrradfahren …«

»Schätzchen, wenn du glaubst, das wäre wie Fahrradfahren gewesen, bist du mehr als zehn Jahre nicht mehr gefahren!«

Sie gestattete sich ein Lächeln. »Das habe ich zwar durchaus getan, aber ich glaube nicht, dass ich es in absehbarer Zeit wieder tun werde.«

Er setzte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. »Komm, lass uns ins Bett gehen, und morgen Früh sehen wir mal, ob du dich immer noch daran erinnern kannst, wie es geht.«

Nel rückte von ihm ab. »Nein! Es war mir ernst mit dem, was ich gesagt habe. Wir müssen so tun, als sei nichts passiert, wir dürfen niemals davon sprechen, wir müssen einen Strich unter diese Sache ziehen. Ich werde hier schlafen.«

»Aber warum? Das mit uns könnte absolut fantastisch sein!«

»Wir könnten fantastischen Sex haben, das gebe ich zu, aber mehr nicht. Und ich bin keine Frau, die einfach nur Sex hat. Das hier war ein einmaliger Ausrutscher. Es hatte nichts zu bedeuten.«

Jake stand stirnrunzelnd auf. »Ich glaube, du bist verrückt.«

»Das weiß ich. Aber ich möchte trotzdem, dass du mir versprichst, mich nicht anzurufen oder zu besuchen oder sonst irgendwas. Es tut mir Leid, dass ich so bin, so … so …«

»Neurotisch? Arrogant?« Sie konnte nicht sagen, ob sein Gesichtsausdruck Kränkung oder Zorn verriet.

Sie nickte. »Arroganz trifft es so ziemlich, nachdem du so nett zu mir warst. Aber ich fürchte, genau so wird es laufen.«

»Aber warum? Warum können wir nicht mal miteinander ausgehen? Und feststellen, ob wir abgesehen von fabelhaftem Sex noch mehr gemeinsam haben?« Jetzt sah sie, dass sein Gesichtsausdruck Ungläubigkeit widerspiegelte. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, wie viel Glück er gehabt hatte.

»Weil wir nicht nur in einer Angelegenheit, die mir sehr, sehr wichtig ist, auf gegnerischen Seiten stehen, sondern weil ich außerdem drei erwachsene Kinder habe. Ich kann nicht einfach eine Beziehung mit irgendjemandem eingehen.«

»Kannst du wohl! Außerdem hast du doch diesen Simon.«

Sie war entsetzt. Jetzt würde er nicht nur denken, dass sie leicht ins Bett zu bekommen war, er würde sie auch noch für eine Schlampe halten. »Wieso weißt du das mit Simon?«

»Ich habe dich mit ihm auf dem Bauernmarkt gesehen, und ich habe mich erkundigt.«

»Nach mir?«, quiekte Nel.

»Ja, nach dir.«

»Ich nehme an, du wolltest wissen, mit was für einer Art von Wahnsinnigen du es zu tun hattest.«

»Das könnte man so sagen«, murmelte er mit einem Anflug von Verärgerung.

»Also, ich finde, ich sollte jetzt ins Bett gehen.«

»Schön. Ich suche dir Bettzeug heraus.«

»Ich brauche nicht viel. Ein Schlafsack würde mir genügen.«

»Ach, sei still!« Jetzt war er eindeutig wütend.

Er förderte einige Kissen zu Tage, eine Decke und ein Laken. »Soll ich dir das Bett machen?«

»Rede keinen Unsinn! Geh schlafen!« Ihr Versuch, Autorität zu zeigen, wurde von dem Beben ihrer Stimme stark beeinträchtigt.

»Ich möchte zuerst noch ins Bad, wenn du nichts dagegen hast.«

»In Ordnung! Oh, und Jake …«

»Was?«

»Danke, dass ich bei dir übernachten darf.«

Er warf ihr einen Blick zu, der ihr bedeutete, dass sie möglicherweise zu weit gegangen war, dass er vielleicht im nächsten Augenblick zu einer Wiederholungsvorstellung dessen ansetzen würde, was zuvor passiert war. Zu ihrer Erleichterung und Enttäuschung tat er es nicht. Er sagte lediglich gepresst: »Nicht der Rede wert. Es war mir ein Vergnügen.«

Während sie in der Dunkelheit lag, sann Nel darüber nach, wie merkwürdig Männer doch waren. Er hätte begeistert sein müssen, dass sie keine Beziehung wollte. Er würde keine Beziehung mit einer Frau wollen, die durchaus ein paar Jahre älter sein konnte als er. Sie. Sie ließ ihn ungeschoren davonkommen. Fantastischer Sex – sie seufzte –, aber keine der damit verbundenen Komplikationen.

Als ihrer Schätzung nach langsam der Morgen graute, stand sie auf. Sie knipste eine Stehlampe an und suchte nach ihren Kleidern. Einige davon waren noch nass, aber sie fand den Pullover, den sie im Restaurant ausgezogen hatte, in ihrer Tasche. Der war Gott sei Dank trocken. Dann zog sie den Mantel an.

Sie hatte gehofft, lautlos die Wohnung verlassen zu können; sie hatte nicht bemerkt, dass Jake am Abend zuvor eine Alarmanlage angestellt hatte. Aber zumindest stand sie bereits sicher im Aufzug, als das durchdringende Schrillen das ganze Haus auf ihren Aufbruch aufmerksam machte.

Draußen war es noch dunkel, und als Nel unter einer Straßenlaterne auf ihre Armbanduhr blickte, sah sie, dass es erst fünf war. Zu früh, als dass sie Jake hätte wecken können. Die Sache mit der Alarmanlage tat ihr Leid, aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern, die Menschen in London waren so sicherheitsbewusst. Und sie hatte wirklich gehen müssen. Sie konnte ihm unmöglich wieder gegenübertreten, nicht bevor sie Zeit gehabt hatte, sich zu erholen. Was möglicherweise ziemlich lange dauern würde.

Als sie auf die nächste Ampel zuging, wo die Chancen auf ein Taxi ein wenig größer waren, fragte sie sich, ob sie wohl anders aussah. Würde man ihr ansehen können, dass sie Sex gehabt hatte? Orgasmen? Würden ihre Kinder es bemerken, Vivian, Simon? Oh Gott, hoffentlich nicht! Das würde sie nicht überstehen. Ihr Ruf würde für alle Zeit dahin sein. Statt des guten, tugendhaften Menschen, für den alle sie hielten, würde man sie als die Hure erkennen, die sie tief im Innern offensichtlich war. Sie seufzte. Nun, nicht direkt eine Hure, das ging wohl doch etwas zu weit, auch wenn sie sich, metaphorisch gesprochen, Asche aufs Haupt streute. Aber sie war eindeutig ein loses Frauenzimmer.

Im Augenblick fühlte sie sich jedenfalls so schrecklich, wie man sich nur fühlen konnte, ohne etwas wirklich Furchtbares getan zu haben, wie eine alte Dame auszurauben oder einen Mord zu begehen. Aber sie hatte mit ihm schlafen wollen. Sie hatte es sogar sehr gewollt.

Als sie zu einem Zeitungskiosk kam, der gerade öffnete, kaufte sie sich einen Stadtplan. Dann ging sie mit ihren hochhackigen Stiefeln, die Jake ihr am Abend zuvor so lässig ausgezogen hatte, zur Paddington Station. Sie würde immer noch stundenlang auf einen Zug warten müssen.

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