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Geschändet

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Ich bin der Mann, der tief gebeugt worden ist

durch die Rute seines Zorns.

Mich hat er verjagt und in die Finsternis geführt

und nicht ans Licht.

Nur gegen mich kehrt er immer wieder

seine Hand den ganzen Tag.

Die Klagelieder Jeremias, 3:1-3

Was Menschen Übles tun, das überlebt sie.

Das Gute wird mit ihnen oft begraben.

William Shakespeare

Julius Caesar, 3. Akt, 2. Szene

1. KAPITEL

Das Taxi rollte eine Straße entlang, die am östlichen Stadtrand von Buffalo im Dunkel der Nacht verschwand.

Mit quietschenden Bremsen kam der Wagen neben einem weitläufigen Park zum Stehen.

Ein paar Sekunden lang betrachtete Jolene Peller das undurchdringliche Gebüsch, ehe sie den Fahrer bezahlte.

„Wollen Sie wirklich hier aussteigen?“, fragte er.

„Ja. Können Sie die Uhr abstellen und auf mich warten?“

„Nee. Das war meine letzte Fuhre. Ich muss den Wagen zurückbringen.“

„Bitte! Ich muss unbedingt meine Freundin finden.“

Der Fahrer gab ihr eine Fünfdollarnote zurück und deutete mit dem Kopf auf den Weg. Das Licht seiner Autoscheinwerfer reichte nur ein paar Meter weit.

„Sind Sie sicher, dass Ihre Freundin sich dort aufhält?“

„Ja. Ich muss sie nach Hause bringen. Sie macht gerade eine schwere Zeit durch.“

„Tagsüber ist der Park ja wunderschön, aber Sie wissen doch, was manche Leute nachts dort treiben.“

Das wusste Jolene nur zu gut.

Inzwischen führte sie jedoch ein anderes Leben – wenn man es denn Leben nennen konnte.

„Können Sie nicht ein paar Minuten warten?“, bat sie.

„Das geht alles von meiner Freizeit ab. Außerdem fangen meine Ferien an, sobald ich den Wagen zurückgebracht habe.“

„Bitte!“

„Hören Sie, Miss, weil ich Sie so nett finde, bringe ich Sie wieder nach Hause. Und da ich sowieso dieselbe Strecke zurückfahren muss, schalte ich auch die Uhr nicht ein. Aber ich werde auf keinen Fall hier warten, während Sie da draußen auf der Suche nach Ihrem Problem sind. Also – steigen Sie aus oder kommen Sie mit? Entscheiden Sie sich endlich!“

Doch Jolenes Entschluss stand fest. Sie hatte nur diese eine Nacht, um das Richtige zu tun.

„Ich muss bleiben“, sagte sie.

Der Fahrer zuckte mit den Achseln, und Jolene stieg aus. Das Taxi rollte davon. Die roten Rücklichter verschwanden, und Jolene war allein.

Sie musste es tun.

Als sie den Weg entlangeilte, schweifte ihr Blick über das Lichtermeer der großen Häuser auf den Hügeln der Vorstadt, die etwa eine halbe Meile vom Park entfernt lagen. Wenn sie Bernice erst gefunden hätte, würden sie zu einem Laden an der Straßenecke gehen und ein Taxi bestellen, das sie zu Bernice’ Apartment bringen würde. Von dort wollte Jolene mit einem anderen Taxi zum Busbahnhof fahren, ihre Reisetasche an der Gepäckausgabe abholen und den nächsten Bus nehmen.

Doch erst wenn sie Bernice gefunden hatte.

Sie musste ihre Freundin retten.

Fast hätte sie es heute Nacht schon einmal geschafft. Einen Moment lang hatte sie es jedenfalls geglaubt.

Vor etwa einer Stunde hatten sie in der Stadt in einem Lokal gesessen, wo Jolene auf sie eingeredet hatte.

„Honey, hör endlich auf, dir Vorwürfe zu machen wegen Dingen, für die du überhaupt nichts kannst.“

Tränen waren Bernice übers Gesicht gelaufen.

„Du musst clean werden und deinen College-Abschluss machen.“

„Es ist schwer, Jo. Furchtbar schwer.“

„Ich weiß, aber du musst mit diesem Leben aufhören. Wenn ich es geschafft habe, schaffst du es auch. Versprich mir hier und jetzt, dass du es heute Abend nicht machst.“

„Es tut so weh. Ich habe überall Schmerzen. Ich brauche etwas, um noch einen Tag durchzuhalten. Ich brauche das Geld. Übermorgen höre ich auf.“

„Nein!“

Ein paar Gäste warfen ihnen müde Blicke zu. Jolene senkte die Stimme.

„Du machst dir doch selber nur etwas vor. Versprich mir, dass du dich heute Abend mit niemandem triffst und dass du nach Hause gehst.“

„Aber es tut so weh.“

Jolene ergriff Bernice’ Hände, verschränkte die Finger mit ihren und drückte sie fest.

„Du musst das tun, Honey. Du kannst so nicht weitermachen. Versprich mir, dass du nach Hause gehst. Versprich es mir, ehe ich in den Bus steige und die Stadt verlasse.“

„Okay, Jo, ich verspreche es dir.“

„Schwöre.“

„Ich schwöre, Jo.“

Jolene schloss sie ganz fest in den Arm.

Aber nachdem sie ins Taxi gestiegen und einige Häuserblocks gefahren war, wurde sie auf einmal unsicher. Sie bat den Fahrer umzukehren, damit sie noch einmal nach Bernice schauen konnte.

Natürlich stand sie da. An der Einmündung der Niagara Street, einer finsteren Gasse, wartete sie auf einen Freier. Das Taxi blieb vor einer Ampel stehen. Jolene umklammerte den Türgriff und war im Begriff, aus dem Wagen zu springen und Bernice von der Straße zu zerren.

Aber sie tat es nicht.

Zum Teufel mit diesem Mädchen!

Jolene bat den Taxifahrer, sie zum Bahnhof zu bringen. Für derlei Auseinandersetzungen hatte sie keine Zeit. Jedenfalls nicht im Moment. Heute Abend würde sie nach Florida fahren, wo sie gemeinsam mit ihrem kleinen Jungen ein neues Leben anfangen wollte. Bernice war erwachsen und alt genug, um auf sich selber aufzupassen.

Jolene hatte oft genug versucht, ihr zu helfen.

Und sie hatte sich wirklich sehr viel Mühe gegeben.

Doch mit jedem Häuserblock, an dem sie vorbeifuhr, wuchs ihr Schuldgefühl. Bald verschwammen die Neonlichter vor ihren Augen. Fluchend wischte sie sich die Tränen fort. Mit dem Bild ihrer Freundin im Kopf, die allein an einer Straßenecke stand, konnte sie Buffalo heute Abend unmöglich verlassen. Sie würde sich immer daran erinnern.

Bernice war süchtig. Sie war krank. Sie brauchte Hilfe. Jolene war ihr Rettungsanker.

Und ihre innere Stimme sagte ihr, dass an diesem Abend etwas schrecklich falschlaufen würde.

Der Fahrer knurrte mürrisch, als sie ihn bat, wieder umzukehren. Als sie jedoch die Gasse erreichten, wo Bernice gewartet hatte, war sie bereits mit einem Freier verschwunden.

Jolene hatte ein ungutes Gefühl.

Aber sie wusste genau, wo sie sich aufhielten.

Weiter unten am Fluss.

Schon seltsam, überlegte Jolene jetzt, als sie dem wegfahrenden Taxi hinterherschaute. Tagsüber war der Park ein Erholungsort für ganz normale Menschen, die hier spazieren gingen, joggten oder am Wasser für ihre Hochzeitsfotos posierten.

Und hier ihren Träumen nachhängen konnten.

Die meisten Einheimischen, die ein glückliches und zufriedenes Leben führten, hatten keine Ahnung, dass hier nach Einbruch der Dunkelheit Prostituierte auf ihre Kunden warteten.

Das ist der Ort, an dem man die wirkliche Welt verlässt, wo man seine Würde verliert. Wo jedes Mal, wenn du deinen Körper als Überlebenshilfe benutzt, ein Teil von dir stirbt.

Jolene kannte sich aus. Das war früher auch ihr Leben gewesen, vor dem sie geflohen war, als sie Cody bekam. Er war das wichtigste Argument für sie gewesen, all das hinter sich zu lassen. Sie hatte sich geschworen, dass er keine süchtige Mutter haben würde, die ihren Körper für Rauschgift verkaufte.

Er hatte etwas Besseres verdient.

Genau wie Bernice.

Sie war im Stich gelassen und misshandelt worden, aber sie hatte hart gearbeitet, um es aufs College zu schaffen. Aber auch dort war sie mit Problemen konfrontiert worden, die sie mit Drogen in den Griff zu bekommen versuchte. Doch die Sucht hatte sie nur immer tiefer hinuntergezogen. Das Tragische daran war, dass es nur noch ein paar Monate bis zu ihrem Abschluss als examinierte Krankenschwester gedauert hätte.

Bernice gehörte nicht in dieses Leben.

Pfeif auf den Bus! Jolene würde sie finden und nach Hause bringen, und wenn es das Letzte war, das sie tat. Jolene hatte keine Angst davor, sich nachts in dieser Gegend aufzuhalten. Sie kannte sie gut und wusste sich zu schützen.

Sie hatte ihr Pfefferspray dabei.

Sie erreichte den sandigen Parkplatz. Er war Teil einer ehemaligen Zufahrtsstraße, die zu dem Pfad führte, der sich am Fluss entlangschlängelte. Der Parkplatz war leer.

Nichts deutete darauf hin, dass hier kürzlich jemand gewesen war.

Die Grillen zirpten, und Jolene ließ ihren Blick über das Gelände und hinauf zu den Baumkronen schweifen, deren Silhouetten sich gegen einen Dreiviertelmond abhoben. Sie kannte die verborgenen Pfade und abgelegenen Wiesen, wo Drogen genommen, Freier bedient und alle möglichen dunklen Geschäfte getätigt wurden.

Hinter einer Baumgruppe entdeckte sie etwas Chromblitzendes. Es sah aus wie der Kühlergrill eines Wagens, der auf einem weiter entfernten Parkplatz abgestellt war. Ein Lastwagen möglicherweise. Jolene ging näher. Sie hatte ihr Ziel fast erreicht, als ein Schrei sie erstarren ließ.

„Nein, um Himmels willen, nein! Hilfe!“

Jolenes Nackenhaare richteten sich auf.

Bernice!

Der Schrei kam aus dem dunkelsten Teil des Parks nahe beim Fluss. Jolene hastete in diese Richtung. Zweige schlugen ihr ins Gesicht und verhakten sich in ihrer Kleidung.

Das Gebüsch war dichter, als sie es in Erinnerung hatte. Da sich ihre Augen noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten, lief sie nahezu blind über das hügelige Gelände.

Plötzlich trat sie ins Leere und schlug mit dem Gesicht auf den Boden.

Mühsam kam sie wieder hoch und lief weiter.

Weiter vorne bewegte sich etwas. Schattenrisse im Mondlicht.

Geräusche.

Lautlos griff Jolene in ihre Handtasche. Ihre Finger umklammerten das Pfefferspray.

Eine Ladung in das Gesicht dieses Mistkerls. Ein Tritt in die Weichteile. So etwas hatte Jolene schon früher mit kranken Typen getan, die sie schlagen und würgen wollten.

Sie schluckte hart, bereit zum Kampf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie herauszufinden versuchte, was sie erwartete. Jemand bewegte sich; sie sah die Umrisse eines Körpers.

Bernice? War das ihr Gesicht auf dem Boden?

Ein metallisches Klirren.

Werkzeuge? Was ging da vor?

Unmittelbar neben Jolene explodierte die Luft, als ein aufgescheuchter Vogel aufgeregt in den Himmel flatterte. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück, stolperte und stürzte auf trockenes Laub und morsche Zweige.

Sie war nicht verletzt.

Jetzt war es totenstill.

Jemand lauschte.

Jolene rührte sich nicht.

Die Person schien nachzudenken.

Das Blut pochte ihr in den Ohren.

Ein Zweig knackte. Die Person kam näher.

Jolene hielt den Atem an.

Noch näher.

All ihre Sinne waren bis zum Äußersten gespannt.

Mit der Hand tastete sie über den Boden, doch sie konnte ihre Tasche nicht finden. Voller Panik suchte sie auf dem schmutzigen Boden nach ihrem Pfefferspray, bekam einen Stein zu fassen, einen Ast.

Alles Mögliche.

Ihr Puls raste, und sie hielt den Atem an. Nach ein paar qualvollen Sekunden ließ die Anspannung nach. Die Bedrohung schien von einer Windbö, die durch die Baumkronen rauschte, fortgeweht worden zu sein.

Gott sei Dank!

Entschlossen verscheuchte Jolene die letzten Reste ihrer Furcht, um die Suche nach Bernice fortzusetzen, als sie ein greller Blitz mitten ins Gesicht traf.

Blinzelnd hob sie ihre Hand gegen die blendende Helligkeit. Jemand grunzte, ein Schatten zeichnete sich ab. Sie wollten losrennen, doch in diesem Augenblick explodierten zahllose Feuerwerkskörper in ihrem Kopf und schleuderten sie ins Nichts.

3. KAPITEL

Gannon lief zum Parkplatz des Sentinel, wo sein Wagen stand, ein gebrauchter Pontiac Vibe mit zerkratzter Windschutzscheibe und verbeultem hinterem Kotflügel.

Die Redaktion lag mitten im Zentrum in der Nähe der Scott und Washington Street, nicht weit vom Stadion, in dem die Sabres spielten. Der schnellste Weg zum Tatort führte über die Niagara-Teilstrecke des New-York-State-Zubringers Richtung Norden zum Highway 90.

Den Springsteen-Song immer noch im Ohr, überlegte Gannon, wie es mit seinem Leben weitergehen sollte, während er den Wagen aus der Parklücke rangierte. Er war vierunddreißig, ledig und arbeitete seit zehn Jahren beim Buffalo Sentinel.

Er betrachtete die Stadt, die sich vor ihm erstreckte. Seine Stadt.

Und es gab keine Möglichkeit, ihr zu entkommen.

Schon als Kind hatte er Reporter werden wollen – Reporter in New York City. Fast hätte er es geschafft, mit seiner Sensationsstory über den Absturz eines Flugzeugs in den Erie-See.

Er war für den Pulitzer-Preis nominiert worden und hatte Jobangebote aus Manhattan erhalten.

Doch als er die Auszeichnung nicht bekam, lösten sich die Stellenangebote in Luft auf.

Inzwischen sah es so aus, als würde er es nie bis nach New York schaffen. Vielleicht war er nicht für den Job als Reporter geeignet? Vielleicht sollte er etwas anderes versuchen.

Niemals.

Der Beruf steckte ihm doch in den Genen.

Noch ein Jahr.

Er dachte an das Ultimatum, das er sich beim Begräbnis gestellt hatte.

Noch ein Jahr, um einen Job in New York zu ergattern.

Ansonsten?

Er wusste es nicht. Dieser törichte Traum war alles, was er hatte. Seine Mutter war tot. Sein Vater war tot. Seine Schwester war – nun, sie war verschwunden. Sein Ultimatum saß ihm im Nacken. Das Ultimatum, das er sich selbst gestellt hatte, als die Särge seiner Eltern vor elf Monaten in die Grube gesenkt worden waren.

Die Zeit wurde knapp.

Wer weiß? Vielleicht bin ich gerade unterwegs zu der Story, die ich so dringend brauche, versuchte er sich zu überzeugen, während er sein Fahrzeug zum Tatort am Ufer des Ellicott Creek steuerte, der sich am Rand eines üppig grünenden Parks befand.

Schon von Weitem bemerkte Gannon das flackernde Licht der Streifenwagen, das die Blätter blutig rot färbte.

Uniformierte Beamte drängelten sich neben dem Absperrband. Hinter ihnen erstreckte sich der dichte, waldähnliche Park. Mit unbewegter Miene studierte ein Beamter Gannons Ausweis, ehe er ihn passieren ließ.

„Es ist weiter vorn. Fotos könnt ihr Zeitungsgeier aber für heute vergessen.“

Die anderen feixten.

Gannon zuckte mit den Achseln. Er war in seinem Leben schon an mehr Mordschauplätzen gewesen als dieses Arschloch. Außerdem hatten ihn solche Wichtigtuer noch nie von etwas abhalten können. Wenn überhaupt, bestärkten sie ihn eher noch in seiner Zielstrebigkeit.

Okay, Kumpel, wenn’s hier eine Story gibt, werde ich sie kriegen, dachte er.

Nachdem er rund eine halbe Stunde lang Detectives in Zivil und Gerichtsmediziner in ihren Overalls beobachtet hatte, die in den Park hineinliefen und irgendwann wieder herauskamen, knöpfte Gannon sich einen Ermittler der Bundespolizei vor, der mit einem Klemmbrett zu seinem Zivilfahrzeug eilte.

„Entschuldigen Sie. Jack Gannon vom Buffalo Sentinel. Sind Sie hier der Boss?“

„Nein. Ich assistiere nur.“

„Worum geht’s denn eigentlich?“

Gannon warf einen verstohlenen Blick auf das Klemmbrett. Die Notizen schienen Zeugenaussagen zu sein.

„Wir werden später eine Presseerklärung herausgeben“, wich der Ermittler aus.

„Können Sie mir nicht jetzt schon was erzählen?“

„Wir haben noch nicht viel. Gerade mal ein paar magere Fakten.“

„Ich kaufe alles.“

„Spaziergänger haben heute Morgen die Leiche einer Frau gefunden.“

„Mord?“

„Sieht ganz so aus.“

„Wie alt und welche Hautfarbe hat das Opfer?“, wollte Gannon wissen.

„Ich schätze sie auf Mitte zwanzig. Weiß oder eingeborene Amerikanerin, da sind wir noch nicht sicher.“

„Ist sie schon identifiziert?“

„Nein. Dafür benötigen wir eine Autopsie.“

„Kann ich mit den Spaziergängern reden?“

„Die sind schon nach Hause gegangen. Es war eine sehr verstörende Szene.“

„Verstörend? Wieso?“

„Mehr kann ich nicht sagen. Ich bin hier nicht der Boss.“

„Können Sie mir Ihren Namen sagen oder Ihre Karte geben?“

„Nein, nein. Ich möchte nicht zitiert werden.“

Mehr konnte Gannon nicht aus ihm herausbekommen. Per Telefon übermittelte er seine Informationen unter der Schlagzeile „Grausiger Fund“ für die Internetausgabe in die Redaktion. Inzwischen waren weitere Nachrichtenteams eingetroffen. Lee Watson, Fotograf beim Sentinel, rief Gannon auf dem Handy an.

„Steckst du in einem Zementmischer, Lee?“, fragte Gannon, als er lautes Dröhnen im Hintergrund hörte.

„Ich sitze in einer gemieteten Cessna. Die Redaktion will eine Luftaufnahme vom Tatort.“

Gannon schaute zu dem kleinen Flugzeug hinauf.

„Halte Ausschau nach einer Brandy Soundso“, fuhr Watson fort. „Das ist die Freie, die sie losgeschickt haben, um Fotos von der Umgebung zu machen. Zeig ihr alles.“

Als Brandy McCoy Kaugummi kauend eintraf, führte Gannon die freiberufliche Fotografin sofort von der Pressemeute und den Polizisten, die vor dem Absperrband standen, zu dem Zivilfahrzeug des Ermittlers, mit dem er zuvor gesprochen hatte.

Der Detective war in den Park zurückgegangen. Sein Wagen war leer; nur das Klemmbrett lag auf dem Beifahrersitz. Gannon sah sich um, um sicherzugehen, dass niemand mitbekam, was er und die Fotografin vorhatten.

„Zoomen Sie da rein und fotografieren Sie die Seiten auf dem Brett. Ich brauche die Infos.“

„Kein Problem.“

Brandys Kinnmuskeln bearbeiteten das Kaugummi, während sie ein paar Aufnahmen schoss und sie Gannon zeigte.

„Prima“, lobte er und schrieb die Informationen in sein Notizbuch. „Kommen Sie. Mein Wagen steht da drüben.“

Zwanzig Minuten später steuerten Gannon und Brandy die Eingangstür des prächtigen Kolonialhauses von Helen Dodd an. Laut den polizeilichen Notizen von den Fotos war sie Immobilienmaklerin. Ihre Freundin Kim Landon besaß eine Kunstgalerie in Williamsville.

Gannon hoffte, dass Brandys Anwesenheit hilfreich sein würde. Kaum älter als ein Teenager, wirkte sie – besonders mit ihrem strahlenden Kaugummi-Lächeln – absolut harmlos.

Die Haustür wurde in dem Moment geöffnet, als sie sie erreichten. Zwei Frauen umarmten sich zum Abschied.

„Entschuldigen Sie“, unterbrach sie Gannon, „ich bin Jack Gannon, und das ist Brandy McCoy. Wir sind vom Buffalo Sentinel. Wir möchten zu Helen Dodd und Kim Landon.“

Die beiden Frauen wechselten einen überraschten Blick.

„Sind Sie das?“

Kim nickte. Helen sah unbehaglich drein. Sie sahen beide so aus, als hätten sie geweint. Aber Gannon würde nicht lockerlassen.

„Können wir mit Ihnen kurz über heute Morgen sprechen?“, bat er.

„Woher haben Sie diese Adresse?“, wollte Helen Dodd wissen.

„Nun, wir waren gerade im Park“, erklärte Gannon. „Wir haben mit Polizeibeamten und Ermittlern gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass Sie die Frau gefunden haben.“

Ein betretenes Schweigen entstand, das von Brandy unterbrochen wurde.

„Das muss schrecklich gewesen sein.“

Wieder nickte Kim.

„Es war schrecklich“, bestätigte sie.

„Darf ich mir Notizen machen?“, fragte Gannon.

„Ich weiß nicht.“ Unschlüssig betrachtete Helen ihre Presseausweise. „Sie wollen das im Sentinel veröffentlichen?“

„Ja. Wir schreiben einen Artikel darüber.“

„Das werde ich im Leben nicht vergessen“, begann Kim. „Zuerst hatten wir gedacht, jemand erlaube sich einen schlechten Scherz. Wenn man so etwas sieht, wird einem erst bewusst, was wirklich wichtig ist. Das war so entsetzlich. Ich meine, Kinder aus der Nachbarschaft spielen in diesem Park.“

„Ich hoffe, sie finden den Schweinehund, der das getan hat“, sagte Helen. „Auf jeden Fall rufe ich die Leute von der Wach- und Schließgesellschaft an, die sich um mein Haus kümmern. Sie sollen es von jetzt an besonders gut im Auge behalten.“

„Können Sie uns erzählen, wie Sie sie gefunden haben?“, bat Gannon.

„Wir gehen jeden Morgen in dieser Gegend spazieren. Dort haben wir es auch entdeckt. Sie“, verbesserte Kim sich. „Auf den ersten Blick sah sie aus wie eine Puppe, die im Gebüsch lag. Aber als uns klar wurde, was es wirklich war, sind wir nicht näher gegangen.“

„Was haben sie genau gesehen?“, hakte Gannon nach.

„Wir hatten schon öfter gehört, was da draußen nachts los ist. Aber bisher habe ich es nie glauben wollen. Jetzt sind uns zum ersten Mal Kondome und Spritzen aufgefallen“, antwortete Kim.

„Sie lag in einem flachen Grab“, fuhr Helen fort. „Wir haben dunkle Haare gesehen, einen Arm, der in einer Schwimmerpose über einem Kopf lag – als ob sie in die Erde eintauchen wollte.“

Nach dem Gespräch fuhr Gannon Brandy zurück zum Tatort und bat sie, bis zum Abtransport der Leiche zu bleiben.

Er musste zurück in die Redaktion.

Sieht nach einem ziemlich hässlichen Mord aus, überlegte er, als er an seinem Schreibtisch saß. Während er ein Sandwich aus der Cafeteria aß, ging er am Computer die Liste mit den Personen durch, die in der näheren Umgebung und im ganzen Land vermisst wurden, wobei er besonders auf die Suchkriterien „eingeborene Amerikanerin oder weiß“ und „Mitte zwanzig“ achtgab.

Diese Beschreibung passt auf so viele, dachte er. Gab es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen diesem Fall und der vermissten Frau aus Vermont oder Connecticut, deren Fall er recherchierte? Er betrachtete ihre Gesichter und las aufmerksam die Personenbeschreibungen.

War eine von ihnen möglicherweise die unbekannte Tote vom Ellicott Creek? Wer war sie? Und auf welche Weise war sie ums Leben gekommen? Sie war jemandes Tochter; vielleicht auch Ehefrau oder Schwester.

Erinnerungen an seine Schwester Cora schossen ihm durch den Kopf.

Was mochte aus ihr geworden sein?

Darüber konnte er jetzt nicht nachdenken. Er konzentrierte sich wieder auf seine Geschichte.

„Weiß man schon, wer sie ist?“ Tim Derrick, der Ressortleiter, hatte die unangenehme Angewohnheit, sich von hinten an seine Kollegen heranzuschleichen und über ihre Schultern mitzulesen.

„Noch nicht.“

Gannon klickte die letzte Aktualisierung der Ermittler an. Mit seinem Kugelschreiber klopfte er auf die Wörter „unbekannte weibliche Person, Mitte zwanzig“.

„Sie war halb in einem flachen Grab vergraben“, erklärte Gannon.

„Jesus!“, rief Derrick. „Na ja, wir haben gute Luftaufnahmen und die Aussagen von den Spaziergängerinnen. Das wird die Titelgeschichte. Schreib etwa tausend Wörter. Und sorg dafür, dass die Onlineredaktion sie bekommt.“

„Klar.“

Derrick klopfte Gannon auf die Schulter.

„Gute Arbeit.“

„He, Tim. Was ist eigentlich dran an den Gerüchten von den Stellenstreichungen?“

Derrick schob die Unterlippe vor und schüttelte den Kopf.

„In unserem Job gibt’s doch andauernd solches Gerede.“

Als Gannon ein paar Stunden später letzte Hand an seinen Artikel legte, klingelte das Telefon.

„Hi, Jack, ich bin’s, Brandy.“

„Was tut sich draußen bei Ihnen?“

„Der Gerichtsmediziner hat die Leiche soeben abtransportieren lassen. Ich habe ein paar gute Aufnahmen gemacht und sie an die Fotoredaktion gemailt.“

„Danke. Ich werde sie mir sofort ansehen.“

Nachdem er seine Geschichte zu Ende geschrieben hatte, ging er hinüber zum Redakteur der Spätschicht, der am Schreibtisch von Paul Benning stand, dem für den Nachtdienst zuständigen Bildredakteur. Gemeinsam begutachteten sie Fotos.

„Die sind alle klasse.“ Benning klickte die besten Aufnahmen an, während er seinen Milch-Shake austrank.

Auf einer Luftaufnahme mit außergewöhnlicher Tiefenschärfe erkannte man die leuchtend gelbe Abdeckplane, die wie ein Alarmsignal mitten in einem üppig wuchernden Gebüsch lag.

Auf einem anderen Foto war das Team des Gerichtsmediziners zu erkennen. Mit grimmiger Miene luden sie einen schwarzen Leichensack, der auf eine Bahre geschnallt war, in einen Transporter.

Ein drittes Bild zeigte Helen Dodd und Kim Landon. Ihren Gesichtern war der Schock noch anzumerken. Auf einem weiteren schaute Kim zur Seite, in ihren Augen ein besorgter Ausdruck.

„Geh noch mal zurück zu dem Luftbild“, bat Gannon.

Geräuschvoll sog Benning die Reste seines Shakes durch einen Strohhalm.

„Hast du was entdeckt?“

„Möglich. Kannst du es mal vergrößern?“

Benning tat wie gewünscht.

Ruckartig kam die Abdeckplane näher – und mit ihr ein weißer Fleck an der linken Ecke. Mit jedem Klicken wuchs der Fleck, und schließlich konnte man eine Hand erkennen.

Die Hand des Opfers, die unter der Abdeckplane zum Vorschein kam.

Die Frau streckte sie aus ihrem Grab heraus, als wollte sie dem Betrachter zuwinken und ihn, quasi als letzte Bitte vor ihrem Tod, dazu auffordern, der Welt mitzuteilen, wer das getan hatte.

Damit es nicht wieder passierte.

4. KAPITEL

Etwa sechsunddreißig Stunden später, nachdem die Leiche aus ihrem flachen Grab abtransportiert worden war, fand die Obduktion im Erie County Medical Center auf der Grider Street statt, einer Querstraße vom Martin Luther King Expressway.

Als Todesursache wurde Mord festgestellt.

Mithilfe von Finger- und Zahnabdrücken konnte die Tote als Bernice Tina Hogan, dreiundzwanzig Jahre, aus Buffalo, New York, identifiziert werden. Die genaueren Umstände ihres Todes wurden von der Polizei in einer kurzen Pressemitteilung bekannt gegeben.

Kein Wort über ihr verkorkstes Leben, dachte Gannon, während er einen langen Artikel über sie schrieb. Nachdem ihr Name veröffentlicht worden war, hatten sich einige ihrer früheren Klassenkameraden bei ihm in der Redaktion gemeldet.

„Bernice hatte es nicht leicht gehabt“, erzählte ihm einer ihrer Freunde.

Ihre leiblichen Eltern hatte sie nie kennengelernt. Man hatte ihr erzählt, dass ein wenig Blut amerikanischer Ureinwohner in ihren Adern floss, möglicherweise von den Seneca. Sie war einige Jahre in einem Reservat aufgewachsen. In Allegany oder Cattaraugus, da war sie sich nicht sicher. In ihrem kurzen Leben war Bernice sich vieler Dinge nicht sicher gewesen, berichteten ihre Freunde.

Einige schickten ihm Fotos.

Auf den Bildern, steif und verlegen, ein kräftiges Mädchen mit wenig Selbstvertrauen, missbraucht von ihrem Pflegevater, der auch ihre Pflegemutter geschlagen hatte.

Irgendwie schien sie damit jedoch zunächst klargekommen zu sein. Bernice war gut in der Schule gewesen, hatte anschließend eine Schwesternpflegeschule an der Buffalo State University besucht und kurz vor ihrem Abschluss gestanden, als sie auf einer Party mit Drogen vollgepumpt und vergewaltigt worden war.

„Danach war sie vollkommen verzweifelt. Es sah so aus, als hätte sie sich aufgegeben. Sie begann den Unterricht zu schwänzen“, berichtete eine Freundin.

Bernice war cracksüchtig geworden. Nur wenige Leute wussten, dass sie auf ihrem Weg nach unten in die Prostitution abgerutscht war – ein Weg, der in einem provisorischen Grab unter dem Gestrüpp von Ahornbüschen am Ellicott Creek endete.

Gannon hätte gern mit Bernice’ Familie gesprochen, aber niemand wusste, wer ihre Pflegemutter gewesen war oder wo sie wohnte. Deshalb führte er in den nächsten Tagen zahlreiche Telefongespräche, bis er auf eine Spur stieß.

„Ihr Name ist Catherine Field, aber von mir wissen Sie das nicht“, verriet ihm ein Mitarbeiter des städtischen Sozial- und Wohnungsamtes.

Catherine Field war eine neunundfünfzigjährige, zuckerkranke Witwe, die in einem der älteren Stadtbezirke westlich der Main Street wohnte und von der Wohlfahrt lebte. Gannon war mehrfach zu der angegebenen Adresse gefahren, jedoch jedes Mal vergebens.

Es war nie jemand zu Hause.

Doch so schnell gab er nicht auf. Er würde sie schon noch antreffen.

Vielleicht habe ich heute Glück, überlegte er, als er wieder einmal an dem Haus vorbeirollte, in dem Catherine Bernice großgezogen hatte. Es war ein kleines zweistöckiges Holzhaus, errichtet im Überschwang jener Zuversicht, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geherrscht hatte. Jetzt aber, mit der abblätternden Farbe, den fehlenden Dachschindeln und dem verwitterten Windfang vermittelte es eher den Eindruck einer begrabenen Hoffnung.

Die Fensterläden der Nachbarhäuser waren zugenagelt, und auf dem unbebauten Grundstück in der Nähe lungerten einige alte Männer neben einem ausgeweideten Ford Pinto herum und ließen eine Flasche in einer Papiertüte kreisen.

Erinnerungen an seine Schwester kamen ihm in den Sinn, ehe er sich wieder auf seine Geschichte und das Haus konzentrierte, das er im Vorbeifahren aufmerksam betrachtete. Seine Hoffnung wuchs, als er eine Frau im Hinterhof entdeckte.

Dieses Mal parkte er außer Sichtweite einen Block weiter unten und näherte sich dem Haus von einer anderen Straße, die zum hinteren Teil des Grundstücks führte. Eine Frau in den Fünfzigern war mit ihrem Blumengarten beschäftigt, der sich hinter der altersschwachen Veranda erstreckte.

„Catherine Field?“

Sie drehte sich zu ihm um. Die Hoffnungslosigkeit eines harten Lebens hatte tiefe Linien in ihr Gesicht gezeichnet. Unsicher starrte sie ihn aus rot geränderten Augen an.

„Sind Sie Catherine Field, Bernice Hogans Pflegemutter?“

„Wer sind Sie?“

„Entschuldigen Sie.“ Gannon fischte nach seinem Presseausweis. „Jack Gannon, Reporter vom Buffalo Sentinel.

Wie aufs Stichwort wirbelte ein Windstoß einige Seiten der News und des Sentinel auf, die auf einem kleinen Tisch zwischen zwei Stühlen gelegen hatten. Auf dem Tisch standen auch ein Glas und eine halb leere Whiskeyflasche.

„Ich versuche schon seit einiger Zeit, Sie zu erreichen“, sagte er.

„Ich musste mich um die Beisetzung meiner Tochter kümmern.“

„Das tut mir leid. Mein aufrichtiges Beileid. Die Beerdigung wurde nirgendwo angezeigt.“

„Es sollte im engsten Familienkreis bleiben. Mein Bruder besitzt eine Grabstätte auf einem kleinen Friedhof. Sie liegt auf einem Hügel. Von dort aus kann man in einen Apfelgarten sehen.“

„Wo ist sie?“

„Das möchte ich nicht sagen.“

„Verstehe. Kann ich mit Ihnen über Bernice sprechen?“

„Meinetwegen. Ich bin aber nicht gut drauf.“

Sie lud ihn ein, sich auf die Terrasse zu setzen. Einen Drink lehnte Gannon ab. Catherine goss sich selbst einen ein, ließ den Blick über ihren kleinen Garten wandern und begann mit leiser Stimme. Sie erzählte ihm, dass Bernice’ Mutter noch ein Kind gewesen war, vierzehn Jahre alt, als sie ihr Baby zur Adoption freigegeben hatte.

Bernice wurde allerdings niemals adoptiert. Stattdessen reichte man ihren Fall von Amt zu Amt weiter. Catherine und ihr Mann Raife, ein Schreiner, wurden Bernice’ Pflegeeltern, als sie elf war. Da wusste sie bereits, dass sie von ihrer echten Mutter aufgegeben worden war.

„Ich habe sie geliebt und mich immer wie ihre Mutter gefühlt. Aber sie zog es vor, mich Catherine zu nennen, niemals Mom. Ich glaube, das war ihre Art, sich und ihre Gefühle zu schützen, denn sie hatte schon so viele ‚Moms‘ gehabt. Niemand würde wirklich ihre Mutter sein können.“

Nicht lange nachdem Bernice zu ihnen gekommen war, hatte Raife mit dem Glücksspiel und dem Trinken angefangen. Er wurde gewalttätig und missbrauchte Bernice und Catherine. Schließlich verließen sie ihn.

„Für den Rest meines Lebens werde ich es bedauern, nicht mehr getan zu haben, um sie zu beschützen.“

Catherine betrachtete ihr Glas, ehe sie einen Schluck nahm.

„Sie war ein kluges Mädchen. Hat andauernd gelesen. Ich habe mich so für sie gefreut, als sie das Haus verließ, sich ein eigenes Apartment nahm und aufs College ging. Ich war stolz auf sie. Sie hatte ihren Weg gefunden. In einem Sterbehospiz in Niagara Falls hat sie volontiert. Ich wusste, dass sie es schaffen würde. Dann ist diese schlimme Sache passiert.“

„Ihre Freunde haben mir von der Party erzählt.“

„Sie glauben, dass ihr jemand etwas in den Drink getan hat. Sie hat das nie überwunden. Sie hat Drogen genommen, um darüber hinwegzukommen. Weder mit mir noch mit anderen wollte sie darüber reden. Und dann habe ich erfahren, dass sie wegen ihrer Drogenschulden auf die Straße gegangen ist.“

Tränen liefen Catherine übers Gesicht.

„Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen oder mit ihr gesprochen?“

Catherine wischte sich die Tränen ab und nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas.

„Vor ungefähr einem Monat hat sie mich angerufen und gesagt, dass sie versuche, clean zu werden und von der Straße wegzukommen. Und dass ihr einige Freunde dabei helfen würden.“

„Hat sie die Namen der Freunde erwähnt?“

Catherine schüttelte den Kopf.

„Sie dürfen nichts von dem, was ich Ihnen erzählt habe, in der Zeitung bringen.“

„Aber ich recherchiere für einen Artikel über den Tod Ihrer Tochter. Ich muss es veröffentlichen.“

„Nein. Sie dürfen nichts davon drucken.“

„Catherine, ich habe Ihnen gesagt, dass ich Reporter bin. Ich habe mir die ganze Zeit Notizen gemacht. Diese Tragödie ist längst in der Öffentlichkeit bekannt. Hat Bernice davon gesprochen, dass ihr irgendjemand etwas antun wollte?“

„Ich darf nichts erzählen. Sie haben mir gesagt, dass ich nicht mit der Presse sprechen darf.“

„Wer?“

Catherine stand auf.

„Bitte, Sie dürfen das nicht schreiben. Sie müssen jetzt gehen.“

„Warten Sie – wer hat Ihnen verboten, etwas zu sagen?“

Eine Weile herrschte Schweigen.

„Verraten Sie mir wenigstens, wer Ihnen verboten hat, mit der Presse über den Mord an Ihrer Tochter zu sprechen?“

Sie musterte ihn mit einem langen, durchdringenden Blick.

„Die Polizei.“

6. KAPITEL

Gannon drehte sich um und schaute in das verdutzte Gesicht der Empfangsdame.

„Gehen Sie denn nicht rein?“, fragte sie ihn. Sie trug einen Stapel Akten, den sie offensichtlich abliefern wollte.

„Nein, ich wollte gerade gehen.“ Er sprach mit unterdrückter Stimme. „Ich muss zurück.“ Er drehte sich um.

„Ich habe ganz vergessen, dass Sie sich eintragen müssen“, rief sie ihm hinterher. „Aber wenn Sie ohnehin schon wieder gehen, ist es wohl egal.“

Gannon dankte ihr mit einer Handbewegung, und sobald er das Gebäude verlassen hatte, begann er, zum Parkplatz zu laufen. Als er den Motor startete, schossen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Auf der Fahrt rekapitulierte er, was er an Informationen mitbekommen hatte.

Ein Detective war der Hauptverdächtige im Mordfall Bernice Hogan.

Das war eine große Sache. Geradezu gewaltig.

Den Kollegen aus der Nachrichtenredaktion würde er es noch nicht mitteilen. Er musste das für sich behalten, bis die Sache wasserdicht war.

Niemals mehr verkaufen, als man liefern konnte.

Eins nach dem anderen.

Zunächst musste er in Erfahrung bringen, wer hinter den Initialen K. S. steckte und in welcher Abteilung der Verdächtigte arbeitete. Da er keinen Schimmer hatte, um wen es sich handeln konnte, fuhr er als Erstes zur Zentralstelle der öffentlichen Bibliothek von Buffalo und Erie County in der Innenstadt. Das Institut nahm zwei Häuserblocks am Lafayette Square ein.

Er setzte sich an einen der frei zugänglichen Computer und loggte sich in die nach Abteilungen geordnete Datei der städtischen Angestellten von Buffalo ein. Das Polizei-Department von Buffalo war das größte in der gesamten Region.

Fangen wir hier an, überlegte er, während er das Verzeichnis mit den Beamten überflog, deren Nachname mit S begann.

Verflucht.

Sie waren nicht alphabetisch, sondern nach Dienstrang geordnet. Mehr als achthundert Polizisten zu überprüfen würde Zeit kosten. Seite für Seite verschwamm vor seinen Augen, ehe er ein K. S. entdeckte.

Ken Smith. Noch einer. Kim Sailor. Ein weiterer. Kent Sanders. Und noch einer. Kevin Sydowski.

Am Ende standen neun Kandidaten im Polizeirevier von Buffalo auf seiner Liste. Anschließend klickte er die Datei der Angestellten im Sheriff-Büro von Erie County an. Nachdem er vierhundert Namen durchsucht hatte, notierte er drei weitere Namen: Kal Seroudie, Kyle Sawchuk und Keen Sanchez.

Doch es gab noch zahlreiche Polizeiabteilungen, die im Großraum von Buffalo aktiv waren – etwa die von Cheektowaga, Amherst, Hamburg, North Tonawanda, West Seneca und Ascension Park, um nur ein paar zu nennen.

Unermüdlich durchforstete er eine Datenbank nach der anderen.

Mit der Zeit wurde ihm klar, dass er niemals alle schaffen würde. Er hielt inne, um zu überlegen. Bis jetzt hatte er etwa sechzehn Männer gefunden, die infrage kamen, aber es war dennoch die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Er brauchte jemanden, der ihm den Namen bestätigte.

Also versuchte er es auf eine andere Weise.

Er überließ den Computer sich selbst, ging zu einem Fernsprecher und wählte die Privatnummer der Person, die er bei der Konferenz gesehen hatte. Mit diesem Informanten hatte er schon länger nicht mehr gesprochen, deshalb zögerte er zunächst, die Person zu kontaktieren. Aber es stand einfach zu viel auf dem Spiel.

Niemand hob ab.

Er hinterließ eine Nachricht und kehrte zurück in die Redaktionsräume, wo die übliche Mittagshektik herrschte. Reporter telefonierten, hämmerten auf Tastaturen ein oder steckten die Köpfe mit Redakteuren zusammen, um über Artikel zu diskutieren. Gannon hatte sich ein mit Speck, Salat und Tomaten belegtes Sandwich in der Cafeteria besorgt und bahnte sich einen Weg zu seinem Schreibtisch.

„Hi, Jack, was hast du für uns?“ Tim Derrick wedelte mit seinem Klemmbrett, auf dem er die Artikel für die Ausgabe des nächsten Tages notierte. „Ich bin auf dem Weg in die Konferenz. Du stehst mit einer Weiterdrehe bei den Ermittlungen im Fall Hogan auf meiner Liste.“

„Ich warte noch auf Infos. Ich sag dir sofort Bescheid, wenn ich sie habe.“

„Vergiss nicht, Nate erwartet einen Knaller von dir.“

Kaum hatte Gannon sich an seinen Schreibtisch gesetzt, um sein Sandwich zu essen, klingelte sein Telefon. Nachdem er zwei Bissen hastig hinuntergeschluckt hatte, nahm er den Hörer ab.

„Jack Gannon, Buffalo Sentinel.

„Ich habe deine Nachricht bekommen.“

Die Nummer des Anrufers erschien nicht im Display, aber er kannte die Stimme.

„Danke. Ist schon ’ne Weile her“, begann er. „Wie geht’s denn so?“

„Ach, das muss ich dir doch nicht wirklich erzählen. Unkraut vergeht nicht. Und selbst?“

„Ich steh ein bisschen auf dem Schlauch. Du musst mir einen Gefallen tun.“

„Hat es mit Hogan zu tun?“

„Ich habe gehört, sie haben einen Cop im Visier?“

Die Stille dröhnte in seinem Ohr.

„Warum fragst du mich?“, wollte der Anrufer wissen.

„Ich habe mir gedacht, dass du vielleicht etwas weißt. Ich höre mich überall um.“

Wieder entstand ein längeres Schweigen.

„Hör mal“, begann Gannon erneut. „Ich brauche eine Bestätigung für das, was ich erfahren habe. Ich glaube, die Initialen des Verdächtigen sind K. S., aber mir fehlen noch weitere Einzelheiten.“

Nachdem er eine Weile überlegt hatte, sagte die Person am anderen Ende der Leitung: „Jack, du musst mir garantieren, dass du die Quelle dieser Auskunft unbedingt für dich behältst.“

„Du hast mein Wort.“

„Du erwähnst meinen Namen gegenüber niemandem.“

„Garantiert.“

„Es stimmt. Deine Information ist korrekt.“

Gannon starrte ins Leere. Sein Atem ging schneller.

„Und sie stammt aus dem Kreis der Ermittler?“, hakte er nach.

„Korrekt. Ich war heute bei einer Sitzung dabei.“

„Ich weiß. Wer ist der Polizist?“

„Ein Detective im Polizeirevier von Ascension Park.“

„Verrätst du mir seinen Namen?“

„Karl Styebeck.“

Gannon schraubte die Kappe von seinem Federhalter, suchte eine neue Seite in seinem Notizbuch und begann zu schreiben. Er bekam nicht mehr mit, was im Nachrichtenraum passierte.

Styebeck.

„Den Namen habe ich schon mal gehört“, überlegte Gannon laut.

„Schau mal in deinen Archiven nach. Er ist so was wie ein Held.“

„Bist du absolut sicher, dass wir den Namen in der Zeitung nennen können?“

„Todsicher.“

„Vielen Dank.“

Mit dem Füller zwischen den Zähnen begab Gannon sich im Onlinearchiv des Sentinel auf die Suche. Er klickte sich durch die Dateien sämtlicher Zeitungen in der Region, den Websites des Polizeireviers in Ascension Park und verschiedener Gemeindeverwaltungen.

Kurz darauf hatte er genügend Stoff aus den Regionalzeitungen für eine kurze Biografie gesammelt.

Karl Styebeck war ein vielfach dekorierter Polizist, seit zwölf Jahren im Dienst. Er trainierte Kindersportgruppen, engagierte sich bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und hielt Vorträge in den Schulen von Ascension Park, in denen er die Kinder vor allzu großer Vertrauensseligkeit gegenüber Fremden warnte. Sonntags besuchte er mit seiner Frau Alice und seinem Sohn Taylor die Kirche. Manchmal sang er im Chor mit.

Der Kerl ist ein Heiliger.

Vor einigen Jahren kam Styebeck von einem Spiel der Buffalo Bills, das er in seiner Freizeit besucht hatte, an einem brennenden Haus vorbei. Er war in das Gebäude gerannt und hatte vier Kinder aus den Flammen gerettet. Ihre Eltern waren in ein Casino bei den Niagara-Fällen gegangen und hatten sie allein zu Hause gelassen. Für seinen Mut erhielt Styebeck eine lobende Erwähnung von seinem Vorgesetzten.

Und jetzt stand er im Verdacht, eine Schwesternschülerin ermordet zu haben.

Diese Information musste Gannon sich von der Bundespolizei bestätigen lassen.

Er rief in den Clarence Barracks an und bat darum, eine dringende Nachricht an Michael Brent, den Chefermittler, weiterzuleiten.

„Worum geht’s?“, fragte der diensthabende Polizist.

„Um eine Information bezüglich des Hogan-Mords.“

„Ich leite Ihre Nachricht an ihn weiter.“

Fünf Minuten später klingelte Gannons Telefon.

„Hier ist Mike Brent von der Bundespolizei New York.“

„Danke, dass Sie mich zurückrufen, Sir. Ich würde gerne Ihre Meinung zu einem Artikel hören, der morgen im Sentinel erscheinen soll und der besagt, dass Detective Karl Styebeck vom Polizeirevier in Ascension Park der Hauptverdächtige im Mordfall Bernice Hogan ist.“

Brents Reaktion war ein eisiges Schweigen, das mehrere Sekunden anhielt.

„Ich kann Ihre Information nicht bestätigen“, antwortete Brent schließlich.

„Ist meine Information falsch?“

Schweigen.

„An Ihrer Stelle würde ich so etwas nicht schreiben. Sie ersparen sich damit eine Menge Ärger.“

„Wie bitte? Entschuldigung, aber ich verstehe nicht recht …“

„Ich kann Ihre Information nicht bestätigen.“

„Aber Sie bestreiten sie auch nicht?“

„Ich denke, wir sollten das Gespräch beenden.“

„Sir, Sie dementieren also nicht, dass Styebeck ein Verdächtiger ist?“

Brent legte auf.

Gannon umkringelte die Aussagen, die er von Brent erhalten hatte, und überlegte. Brent hätte ihn nicht gewarnt, Stillschweigen zu bewahren, wenn seine Informationen falsch gewesen wären. Denn wären sie falsch, hätten sie Brent nicht interessiert, woraus Gannon schloss, dass er mit seinen Erkenntnissen ins Schwarze getroffen haben musste.

Auf keinen Fall würde er auf einer so großen Story sitzen bleiben und riskieren, dass die Kollegen von den Buffalo News ihn abkochten.

Jetzt musste er nur noch eine Person mit seinen Informationen konfrontieren.

Karl Styebeck persönlich.

7. KAPITEL

Karl Styebecks Anschrift und Nummer standen nicht im Telefonbuch. Die meisten Polizisten verzichteten auf einen Eintrag, um ihre Familie nicht zu gefährden.

Gannon hatte eine Idee.

Nachdem er sein Sandwich aufgegessen hatte, griff er zum Hörer und wählte eine interne Nummer.

„Vertriebsabteilung. Sie sprechen mit Ashley.“

„Hi, Ash. Ich bin’s, Jack aus der Redaktion.“

„Jack Gannon?“

Er war ein paarmal mit Ashley Rowe ausgegangen, nachdem er sie bei einer Weihnachtsfeier der Redaktion kennengelernt hatte. Sie hatten sich ganz gut verstanden, aber sie glaubten beide nicht, dass es von Dauer wäre. Also hatten sie sich in aller Freundschaft getrennt. Jedenfalls dachte er das.

„Bist du’s, Ashley?“

„Ja, Jack. Was gibt’s?“

„Kannst du einen Namen für mich herausbekommen? Aus der Abonnentenliste? Styebeck, Karl Styebeck. Karl mit K, und der Nachname lautet S-t-y-e-b-e-c-k.“

„Du weißt, dass es gegen die Firmenpolitik verstößt, die Namen unserer Abonnenten herauszugeben.“

„Das verstehe ich vollkommen. Aber es ist für einen Artikel.“

Gannon hörte einen verärgerten Seufzer und das Klappern der Tastatur.

„Ja, wir haben tatsächlich einen Abonnenten, der so heißt, und die Telefonnummer und Adresse, die ich dir nicht nennen darf, lauten …“

Gannon schrieb mit.

„Ich stehe tief in deiner Schuld“, sagte er.

„Das sehe ich genauso.“

Gannon wählte Karl Styebecks Privatnummer. Eine Frau nahm den Anruf entgegen.

„Tut mir leid, Karl ist im Moment nicht zu Hause.“ Sie klang sehr freundlich. „Er betreut gerade ein Spiel im Franklin Diamond. Soll ich ihm etwas ausrichten?“

„Danke, nicht nötig.“

Gannon hatte ihr nicht gesagt, wer er war.

Er fotokopierte Styebecks Bild, das vor Kurzem in einer Regionalzeitung veröffentlicht worden war, und machte sich auf den Weg nach Ascension Park.

Es war eine gewachsene Mittelklassegegend. Alte Bäume, deren Äste sich über gepflegten Häusern wölbten, säumten die Straßen. Das Franklin-Diamond-Sportzentrum bestand aus einem Spielplatz sowie Basketball- und Tennisplätzen, auf denen reger Betrieb herrschte. Auf den unüberdachten Tribünen rings um das Basketballfeld saßen vereinzelt Eltern, die die Teilnehmer eines Spieles anfeuerten, das in vollem Gange war.

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