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Gerhard Gundermann über Arbeit.

Falk Rodigast

Gerhard Gundermann
über Arbeit.

Eine qualitative Studie zur Bindungstheorie und den psychosozialen Funktionen der Erwerbsarbeit.

tredition

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Die Theorie der wirtschaftlichen Wellen und Industrie 4.0

1.2 Auswirkungen auf den einzelnen Erwerbstätigen – Forschungsstand und Quellenlage

1.3 Vorgehen in der Untersuchung

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Arbeit und Erwerbsarbeit

2.1.1 Annäherung an die Begriffe Arbeit und Erwerbsarbeit

2.1.2 Erwerbsarbeit in dieser Untersuchung

2.2 Psychosoziale Funktionen der Erwerbsarbeit

2.2.1 Das Modell der psychosozialen Funktionen nach Marie Jahoda

2.2.2 Wirkung von Arbeit nach Semmer und Udris

2.2.3 Psychosoziale Funktionen in dieser Untersuchung

2.3 Bindungskonzept

2.3.1 Differenzierung verschiedener Konzepte

2.3.1.1 Abgrenzung zu Inhalts- und Prozesstheorien

2.3.1.2 Die Theorie der vier Bindungen nach Travis Hirschi

2.3.1.3 Organisational Bindungstheorien

2.3.2 Bindungskonzept in dieser Untersuchung

3 Design und Durchführung der Untersuchung

3.1 Die Wirkungen von Veränderungen der Erwerbsarbeit

3.2 Forschungsansatz

3.2.1 Prinzipien qualitativer Analyse und Einzelfalluntersuchung

3.2.2 Fallstudie Gerhard Gundermann

3.3 Durchführung der Untersuchung

3.3.3 Datenerhebung - Identifizierung der Fundstellen

3.3.2 Gewichtung der Fundstellen und Trennung nach den drei Phasen der Erwerbstätigkeit

3.3.3 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

3.3.4 Auswertung der Fundstellen

4 Ergebnisse der Untersuchung der Liedtexte

4.1 Erwerbsarbeit, psychosoziale Funktionen und Bindungen

4.2 P1 Aktivität und Kompetenz

4.3 P2 Zeitstrukturierung

4.4 P3 Kooperation und Kontakt

4.5 P4 Soziale Anerkennung

4.6 P5 Persönliche Identität

4.7 P6 Selbsterhaltung

5 Diskussion der Ergebnisse und Abgleich mit dem theoretischen Hintergrund

6 Einhaltung von Gütekriterien und Evaluation

7 Ein–Personen-Organisationen und das neue Verständnis von Arbeit

Anlagen

Anlage 1 - Studien und Forschungsberichte

Anlage 2 - Transkriptionen Liedtexte Gerhard Gundermann

Anlage 3 – Quellenübersicht der Lieder und der Liedtexte

Anlage 4 – Unterschiede im Text nach Quelle

Anlage 5 – Explikationsregeln nach Mayring

Anlage 6 – Quellen der weiten Kontextanalyse der Explikation

Anlage 7 – Inhaltsanalyse der einzelnen Fundstellen

Anlage 8 – Auswertung der einzelnen Fundstellen

Anlage 9 – Ergebnis psychosoziale Funktionen und Bindungen nach Phasen gewichtet

Anlage 10 – Ergebnis psychosoziale Funktionen und Bindungen nach Phasen und K/L/M gewichtet

Anlage 11 – Ergebnis psychosoziale Funktionen und Bindungen nach Phasen und Phasenbezug gewichtet

Anlage 12 – Ergebnis psychosoziale Funktionen und Bindungen nach Phasen und Zeithorizont gewichtet

Anlage 13 – Ergebnis psychosoziale Funktionen und Bindungen nach Phasen und d/i gewichtet

Anlage 14 – Ergebnisdarstellung der Untersuchung ungewichtet

Literaturverzeichnis

Monographien und Sammelwerke

Zeitschriften

Internetquellen

Quellenverzeichnis für die Forschung zu den Liedtexten von Gerhard Gundermann

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1

Die vier industriellen Revolutionen und die Zyklen nach Kondratieff

Abbildung 2

Bindungskonzept Erwerbsarbeit

Abbildung 3

Verschiedene Bindungskonzepte des Menschen

Abbildung 4

Basisdesign qualitativer Forschung

Abbildung 5

Ablauf der Untersuchung

Abbildung 6

Psychosoziale Funktionen je Phase I-III

Abbildung 7

Bindungen je Phase I-III

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1

Strukturwandel im Lausitzer Braunkohlenrevier 1988 bis 2008

Tabelle 2

Urheberschaft Liedtexte

Tabelle 3

Gewichtung der Fundstellen nach Fundort

Tabelle 4

Veränderungen der Arbeitsplatzsituation (Phasen der Erwerbstätigkeit)

Tabelle 5

Phasen der Erwerbstätigkeit und Zeiträume der CD-Aufnahmen

Tabelle 6

Verwendete Lexika und Nachschlagewerke

Tabelle 7

Auswertung der Fundstellen

Tabelle 8

Fundstellen nach CD

Tabelle 9

Fundstellen im Titel der CD

Tabelle 10

Fundstellen nach Phasen

Tabelle 11

P1 Aktivität und Kompetenz – Bindungen in den einzelnen Phasen gewichtet

Tabelle 12

P2 Zeitstrukturierung – Bindungen in den einzelnen Phasen gewichtet

Tabelle 13

P3 Kooperation und Kontakt – Bindungen in den einzelnen Phasen gewichtet

Tabelle 14

P4 Soziale Anerkennung – Bindungen in den einzelnen Phasen gewichtet

Tabelle 15

P5 Persönliche Identität – Bindungen in den einzelnen Phasen gewichtet

Tabelle 16

P6 Selbsterhaltung – Bindungen in den einzelnen Phasen gewichtet

Abkürzungsverzeichnis

A-Z1

Lexikon von A-Z, Band 1

A-Z2

Lexikon von A-Z, Band 2

AGBDDR

Arbeitsgesetzbuch der DDR 1977-1990

ARD

Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland

B

Bindung(en)

B1

Bindung 1 Personen

B2

Bindung 2 Glaubens- und Wertesystem

B3

Bindung 3 Verhalten

B4

Bindung 4 Verpflichtung

B5

Bindung 5 Nutzen

B6

Bindung 6 Inhalt

B7

Bindung 7 Region

BA

Bundesagentur für Arbeit

BAuA

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

BI

Basisinnovationen

BI1

BI Elementarlexikon Band 1

BI2

BI Elementarlexikon Band 2

BITKOM

Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien e. V.

BM

Bundesverband Mediation e. V.

BMAS

Bundesministerium für Arbeit und Soziales

BMBF

Bundesministerium für Bildung und Forschung

BMWi

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

bpb

Bundeszentrale für politische Bildung

BUL1

Bertelsmann Universal Lexikon in 20 Bänden, hier: Band 1

BULFW

Bertelsmann Universal Lexikon, Fremdwörter

BvS

Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben

BWL

Betriebswirtschaftslehre

C

Kohlenstoff

CD1

CD 1 Männer, Frauen und Maschinen

CD2

CD 2 Einsame Spitze

CD3

CD 3 Der 7te Samurai

CD4

CD 4 Frühstück für immer

CD5

CD 5 Engel über dem Revier

CD6

CD 6 Krams - Das letzte Konzert (Doppel-CD; CD6/1, CD6/2)

d

direkt

DDR

Deutsche Demokratische Republik

DFKI

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz

DGM

Duden Grammatik

DRS

Duden Rechtschreibung

DRW

Duden Redewendungen

DSW

Duden Synonymwörterbuch

Duden

Der große Duden. Rechtschreibung

E1

Explikationsregel nach Mayring mit Nummerierung, hier: 1

EE

Engel: DVD „Ende der Eisenzeit“ (1999)

F1

Fundstelle mit Nummerierung, hier: 1

g

gegenwartsbezogen

G1

RP: Baggerfahrer und Rocksänger. Das erste Gespräch

G2

RP: Aber glücklich wurde ich nicht. Das zweite Gespräch

G4

RP: Jedes Paradies ist Ignoranz. Das vierte Gespräch

G5

RP: Nochmal die Leute von Hoywoy. Das fünfte Gespräch

G6

RP: Risse in der Folie. Eine öffentliche Auskunft. Das sechste Gespräch

GG

Engel: DVD „Gundi Gundermann“ (1982)

GM

Märchen der Brüder Grimm

HCA

Hans Christian Andersen. Märchenbuch

i

indirekt

IAB

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

IHK

Industrie- und Handelskammer

ind.

industrielle (Revolution)

INQA

Initiative Neue Qualität der Arbeit

K

Erwerbsarbeit in der Kohle

KPdSU

Kommunistische Partei der Sowjetunion

KUK

Gundermann: „Verantwortung für das eigene Produkt“. Beitrag zum Kongreß der Unterhaltungskunst 1989

Kulturfabrik

Broschüre „Gundermann. Hoywoy – Dir sind wir treu“

L

Erwerbsarbeit als Liedermacher

L1

Lied mit Nummerierung, hier: 1

LARAZ

Lexikon Arbeitsrecht der DDR von A-Z

LB1/26.

Liederbuch 1 mit Angabe des Titels, hier: 26

LB2/12.

Liederbuch 2 mit Angabe des Titels, hier: 12

LMBV

Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH

LVZ

Leipziger Volkszeitung

M

Mehrdeutigkeit (Erwerbsarbeit ohne konkrete Zuordnung zu K oder L)

n

Umfang einer Stichprobe

P

Phase

PI

Phase I

PII

Phase II

PIII

Phase III

P1

Psychosoziale Funktion 1 Aktivität und Kompetenz

P2

Psychosoziale Funktion 2 Zeitstrukturierung

P3

Psychosoziale Funktion 3 Kooperation und Kontakt

P4

Psychosoziale Funktion 4 Soziale Anerkennung

P5

Psychosoziale Funktion 5 Persönliche Identität

P6

Psychosoziale Funktion 6 Selbsterhaltung

PF

Psychosoziale Funktion(en)

RP

Schütt: Buch „Rockpoet und Baggerfahrer“

SDL

Rocha: DVD „Die Schmerzen der Lausitz“

SED

Sozialistische Einheitspartei Deutschlands

Sprache

Sprache in der DDR. Ein Wörterbuch

T1

CD-Titel mit Nummerierung, hier: Titel der CD1

Tankstelle

Schütt: Buch „Tankstelle für Verlierer“

ÜA

Übersetzung des Autors

UdSSR

Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (Sowjetunion)

v

vergangenheitsbezogen

VHS

Video Home System (Video-Kassette)

VL

Das große Buch der Volkslieder

WuW

Wörter und Wendungen (Wörterbuch)

ZEW

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

z

zukunftsbezogen

1 Einleitung

1.1 Die Theorie der wirtschaftlichen Wellen und Industrie 4.0

Kontinuierlicher Wandel ist eine der wesentlichen Konstanten in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Dieser Wandel betrifft auch die Wirtschafts- und Arbeitswelt und direkt jeden Einzelnen.1

Die Beschreibung der wirtschaftlichen Entwicklung wird vielfach eingebettet in eine staatengebundene gesamtgesellschaftliche Betrachtung. Hier werden dann die Wechselwirkungen zu territorial determinierten politischen, militärischen, sozialen, ökologischen, religiösen oder ordnungsorientierten Ereignissen dargestellt.2 Seit den 1970er Jahren verstärkt sich eine Änderung in dieser Betrachtungsweise. Es erfolgt ein Paradigmenwechsel weg von der Länderkunde und hin zu einer ökonomischen Raumbetrachtung von Regionen, Standorten und Austauschbeziehungen. Die aktuelle Diskussion geht hier weiter und führt unter dem Aspekt der Globalisierung verschiedene Themen als Handlungen von Akteuren in ihren relationalen Abhängigkeiten zusammen: situatives Agieren in Netzwerken, Innovationskraft, Unternehmen als ökologische und soziale Konstrukte, technologischer und gesellschaftlicher Wandel. Beide unterschiedliche Sichtweisen existieren heute parallel.3 Zusätzlich wird seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wirtschaftlicher Fortschritt auch aus betriebswirtschaftlichen und technologischen Zusammenhängen heraus beschrieben und in seiner Wirkung auf andere gesellschaftliche Bereiche. Die ökonomische Entwicklung folgt nicht mehr nur, sondern wirkt selbst als Initial für Entscheidungen in gesellschaftlichen Prozessen.4 Aus dieser wirtschaftlich-technologischen Sicht hat Kondratieff seine Theorie der langen Wellen5 für Zyklen von 40 bis 60 Jahren entwickelt, wobeiin Abschwungphasen wesentliche neue Technologien entwickelt werden, die für Aufschwung zu Beginn einer neuen Welle führen.

Abbildung 1: Die vier industriellen Revolutionen und die Zyklen nach Kondratieff

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kondratieff, N. D. (1926), S. 590; Pierenkemper, T. (2015), S. 90-97; Wahlster, W. (2015), S. 8 und Wöhe, G., Döring, U., Brösel, G. (2016), S. 237.

Schumpeter stellte heraus, dass diese grundlegenden technischen Neuerungen als Basisinnovationen (BI) die Voraussetzung für das Entstehen neuer Wellen sind. Der Aufschwung erstarkt, sobald die neuen Technologien zum umfassenden Einsatz gelangen.6 Dafür sind Unternehmer als innovative Akteure erforderlich, deren Erfolg sich einstellt, wenn sie dynamisch neue Produkte und Strukturen am Markt durchsetzen und nicht Besitzstände statisch wahren.7

Die Theorie der wirtschaftlichen Wellen (mit den sie determinierenden technischen Innovationen) mit der Annahme zukünftig digital global vernetzter Akteure in der kommenden Welle bildet die Grundlage für die aktuelle Diskussion8 unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ in Deutschland oder „Internet der Dinge“ in englischsprachigen Ländern.9 Damit „werden unterneh-mensübergreifende Wertschöpfungsketten bezeichnet, in denen moderne elektronische Kommunikationsmedien eine Vernetzung – also eine „drahtlose“ Kommunikation – von Betriebsmitteln, Werkstoffen (z.B. Bauteilen) und Produkten ermöglichen“.10 Das Konzept der Zukunft sieht vollständig digitalisierte und in Echtzeit kommunikativ vernetzte Wertschöpfungsnetze vor, bei denen individualisierte Produkte mit minimal möglichen Kosten und maximal möglichem Erlös zur Verfügung gestellt werden. In diese Wertschöpfung werden Personen als Auftraggeber, Mitarbeiter und Kunden einbezogen. Industrie 4.0 steht dabei für die vierte industrielle Revolution (Abbildung 1).11

Die Umsetzung von Industrie 4.0 wird tiefgreifende Veränderungen in der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft bewirken, so wie sie auch bei den bisherigen industriellen Revolutionen eingetreten sind.12 Die aus den Basisinno-vationen resultierenden Prozessveränderungen in den Wertschöpfungsketten und die neuen Produkte werden zu einer umfassenden Erneuerung der begleitenden Dienstleistungen führen. Neue Wirtschaftszweige entstehen, bisherige werden in ihrer Bedeutung eingeschränkt. Daraus folgen erhebliche Auswirkungen auf das soziale System, da bisherige Berufsbilder und Arbeitsplätze entfallen und neue geschaffen werden.13 Diese Vorgänge des Wandels lassen sich typischerweise am Beispiel der Kohle-, Werft-, und Stahlindustrie der alten Bundesrepublik seit den 1970er Jahren nachvollziehen und am Umbau der gesamten Industrie- und Betriebslandschaft der neuen Bundesländer nach 1990.14 Darauf wird in diesem Kapitel nachfolgend noch eingegangen.

Welche Auswirkungen durch Industrie 4.0 werden für Deutschland und hier konkret für Arbeitsinhalte, Arbeitsplätze und Arbeitsgestaltung erwartet?15 Wissen wird zu einem eigenständigen Produktionsfaktor.16 Die Aktualität des individuellen Wissens und der Qualifikationen nimmt wegen der Geschwindigkeit des Wandels dauerhaft deutlich ab. Räumliche und zeitliche Strukturen der Erwerbsarbeit lösen sich durch digitale Vernetzung tendenziell auf. Die Anzahl und die leichte Verfügbarkeit von Informationen nehmen zu. Ständige Erreichbarkeit und Aussage-/Entscheidungsfähigkeit wird ein Erfolgskriterium (Klärungen in Echtzeit). Durch die neuen Technologien und Dienstleistungen entstehen vor allem im tertiären Sektor neue Tätigkeitsfelder und Berufe (z. B. Onlineredakteur und Kaufmann im E-Commerce17). Bisherige Berufe werden nicht fortgeführt (z. B. Film- und Videolaborant18).19 Der Anteil an Arbeitsplätzen mit hoher Wahrscheinlichkeit der Automatisierung liegt bei 12%, wobei der Anteil der Beschäftigten mit geringem Bildungsniveau und Einkommen überproportional hoch ist.20 Andere Hochrechnungen gehen von 59% gefährdeten Arbeitsplätzen aus.21 Zwischen 2020 und 2030 wird das Erwerbspersonenpotential um 5 Mio. Menschen schrumpfen, da die geburtenstarken Jahrgänge den Renteneintritt erreichen.22 Das klassische Angestelltenverhältnis in Vollzeit wird reduziert und durch atypische Arbeitsverhältnisse ersetzt werden. Hierzu zählen zeitliche Befristungen, Teilzeit, Zeitarbeit, Minijobs und gering entlohnte Tätigkeiten. Selbständige Arbeit, auch nebenberuflich, wird zunehmen. Dadurch ändern sich die Bindungen an Personen und Unternehmen im Arbeitsprozess. Einkommensstrukturen verändern sich mit direkter Wirkung auf das Ausgabenverhalten. Die Anzahl der von einer Erwerbsperson ausgeübten Berufe und Arbeitsverhältnisse wird steigen, ebenso die Erwerbstätigkeit von Frauen und älteren Arbeitnehmern. Die Absicherung durch staatlich organisierte Sozialsysteme (z. B. Rentenversicherung) wird sich verringern. Die Individualisierung der Arbeitsinhalte und -organisation nimmt deutlich zu.

Welche möglichen Folgen kann diese Veränderung für den einzelnen Menschen haben? Wie werden sich diese Veränderungsprozesse konkret auf das individuelle psychosoziale Erleben von Erwerbsarbeit auswirken? In welcher Weise ändert sich künftig das Bindungsgeflecht des Erwerbstätigen im Prozess der Tätigkeit? Die Verantwortung des Einzelnen für sich selbst wird vermutlich weiter zunehmen. Die Menschen stehen dann vor der Herausforderung, ihre Fähigkeit zur Beschäftigung (employability) dauerhaft und aktiv selbst abzusichern. Das geschieht auch über kontinuierliche Weiterbildung–lebenslanges Lernen. Das Gefühl, mit der Schule fertig zu sein“, wird sich nicht mehr einstellen. Wird der klassische Arbeitnehmer ersetzt durch den flexiblen und mobilen Arbeitskraftunternehmer in Analogie zu einem freiberuflich Erwerbstätigen oder selbständigen Einzelunternehmer?23 Damit würde die Bindung an die eigene Person und die eigenen Fähigkeiten stärker. Konkurrenzdenken (Einzelkämpfer mit eigenen Fähigkeiten) nimmt einerseits zu, während sich andererseits gleichzeitig die Notwendigkeit von Abstimmung und Zusammenarbeit in Netzwerken (Teamplayer für nicht selbst abgebildete Fähigkeiten) verstärkt. Die Vernetzung schafft dann Transparenz für Fähigkeiten und Unfähigkeiten. Untermaß und Mittelmaß werden ebenso sichtbar, wie herausragende Talente.24 Die eigenen Leistungen können zu positiven oder negativen (anonymen) Bewertungen auf relevanten beruflichen und sozialen Internetportalen führen. Das Gefühl mittel- und langfristiger Absicherung durch feste Arbeit wird zurückgehen. Davon ist auch der kollektive Zusammenhalt betroffen, der sich in Jahren gemeinsamer Arbeit ergibt. Diese Form von Gemeinsamkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit wird es in eher kurzlebigen Arbeitsteams und Projektgruppen wohl nicht geben. Formelle Hierarchien und Abläufe werden ersetzt durch unkonventionelle und informelle Lösungen von Sachthemen in Netzwerken. Geteiltes Wissen dominiert über Einzelwissen–IQ unterliegt WeQ.25 Fachkompetenz wird weniger entscheidend sein als Vernetzungskompetenz. Dabei werden komplexe Sachthemen (global) zielorientiert in entpersonalisierter Zusammenarbeit schnell und flexibel bearbeitet. Die Teammitglieder müssen sich nicht mehr persönlich kennenlernen. Damit erfolgt ein Bruch mit den tradierten Sozialisationsmustern nach dem Angesicht-zu-Angesicht-Prinzip. Die außerhalb der Arbeit verbrachte rein private Zeit wird einen höheren Stellenwert erhalten, da ihr Umfang sich in dem Maße verringern wird, wie der Zeitumfang der Erwerbstätigkeit steigt (atypische Beschäftigung). Die Wertbeimessung der „kleinen Dinge“ wird sich vermutlich erhöhen, da sich ihre Wahrnehmung im täglichen Erwerbsleben ändert. Die Beziehungen zu Familie und emotional engen Kontakten können sich durch zeitliche Flexibilisierung verbessern, während gleichzeitig die Arbeitskontakte zu Kollegen zurückgehen. Die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und dabei die richtigen Entscheidungen zu treffen, wird zunehmend gefordert werden. Ebenso die Fähigkeit, mit falschen Entscheidungen und sich daraus ergebenden Konsequenzen und Konflikten umzugehen. Die T atsache der Ausübung mehrerer Berufe und Tätigkeiten wird wahrscheinlich dazu führen, dass sich Menschen auf Dinge konzentrieren, die sie gut können und bei denen sie mit Erfolgserlebnissen rechnen. Die Zufriedenheit „im Kleinen“, in der einzelnen T ätigkeit, kann sich also erhöhen, während gleichzeitig gerechnet wird, ob es denn „im Großen insgesamt reicht“. Die Trennlinie zwischen Arbeit, die zur Sicherung der Existenz nötig ist, und Arbeit, die aus eigenem Antrieb gern getan wird, wird verwischen, sofern es hier individuell überhaupt noch Unterscheidungen geben wird. Die Entscheidungen für langfristige Bindungen jeder Art (persönliche Bindungen, Familie, Kinder, Erwerb von selbstgenutztem Eigentum, Arbeitsverhältnisse) werden gründlicher durchdacht und erfordern je nach individueller Konstitution mehr Mut.

Wie lassen sich die psychosozialen Wirkungen dieser möglichen Veränderungen der Erwerbsarbeit nun für das einzelne Individuum nachvollziehen? Da die oben beschriebenen Veränderungsprozesse von Industrie 4.0 gerade beginnen und zumeist in Zukunft eintreten werden, können die Auswirkungen auf Einzelpersonen auch erst künftig begleitend und rückwirkend erforscht werden. Alternativ kann ein vergleichbarer Prozess in der Vergangenheit untersucht werden.

Es wurde festgestellt, dass die industriellen Revolutionen nach gleichartigen Zyklenmustern ablaufen. Sofern also von Industrie 3.0 oder einem zeitlich ähnlich nah an der Gegenwart liegenden und vergleichbaren Umbruchprozess qualitativ und quantitativ auswertbare Daten zur Verfügung stehen, können diese Verwendung finden.

Die Veränderung der Wirtschaftsstrukturen in den neuen Bundesländern ab 1990 erfüllt diese Bedingung in besonderem Maß. Einerseits wurde hier die dritte industrielle Revolution zeitversetzt zu den alten Bundesländern umgesetzt. Ergänzend wurde die gesamte Struktur der Produktion, Distribution und Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen grundlegend durch den Übergang von planwirtschaftlichen Grundlagen zu marktwirtschaftlichen Prozessen transformiert.26

Dieser Strukturwandel lässt sich am Beispiel des Energiesektors der ehemaligen DDR und hier speziell der Braunkohlenförderung27 im Lausitzer Revier exemplarisch darstellen (Tabelle 1).

Tabelle 1: Strukturwandel im Lausitzer Braunkohlenrevier 1988 bis 2008

Quelle: Eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt (1990), S. 45-46; Statistik der Kohlenwirtschaft e. V. (o. J. a-d).

Der Schwerpunkt des Lausitzer Braunkohlenreviers lag geografisch auf dem Gebiet des ehemaligen Bezirkes Cottbus in den damaligen Landkreisen Senftenberg, Hoyerswerda, Spremberg, Calau und Cottbus. Hier herrschte wirtschaftliche Monostruktur vor. 70% aller Beschäftigten in der Industrie waren in nur einem Industriebereich tätig. Der Anteil der Beschäftigten im Bereich Kohle und Energie im Bezirk Cottbus an allen Beschäftigten des Bezirkes lag 1987 bei 54,3%.28 Die Bevölkerung der Stadt Hoyerswerda stieg mit der Erweiterung des Kohlebergbaus von 1953: 7.351 Personen (Fläche der Stadt: 16,93 km2) auf 1988: 69.361 Personen (Fläche: 20,11 km2) und sank dann bis 1998 auf 54.157 Personen (Fläche durch Eingemeindungen vergrößert auf 87,82 km2).29 Die Vorausberechnung für die Stadt prognostiziert für 2030 eine Bevölkerung zwischen 25.600 und 27.100 Personen.30 Der Anteil der Braunkohle an der Bruttostromerzeugung lag 1988 in der DDR bei 85% der Elektrizitätserzeugung des ganzen Landes31 und 2016 in Deutschland noch bei 23,1%.32

In dieser Arbeit sollen die vorab beschriebenen Vorannahmen zu psychosozialen Funktionen von Erwerbsarbeit und Bindungsstrukturen in Veränderungssituationen für den einzelnen Erwerbstätigen untersucht werden. Hier muss auf Grund der Komplexität des Themas eingegrenzt werden, dass keine Auswirkungen untersucht werden, welche einem Krankheitsbild nahe kommen oder entsprechen.33 Da die Wirkung auf eine Einzelperson im Prozess der Veränderung erforscht werden soll, wird eine Einzelfallstudie am Beispiel von Gerhard Gundermann (21.02.1955-21.06.1998) durchgeführt.34 Dafür wird dieser Fall über den Zeitraum von 1988 bis 1998 analysiert. Die Eignung von Gerhard Gundermann ergibt sich grundsätzlich aus der Tatsache, dass er von 1975 bis 1996 erwerbstätig im Braunkohlentagebau war und hier verschiedenen Veränderungen in seiner Erwerbsarbeit ausgesetzt war. Er hatte ein sicheres und dauerhaftes Arbeitsverhältnis, wurde dann in einen anderen Tagebau versetzt und verlor schlussendlich seinen Arbeitsplatz. Seinen in der DDR erlernten Beruf „Maschinist für Tagebaugroßgeräte“ gab es im vereinten Deutschland nicht mehr. Nach seiner Entlassung aus dem Tagebau wurde er als Hilfsarbeiter bei der Agentur für Arbeit geführt.35 Hier begann er eine Umschulung zum Tischler.36 Gundermann wohnte in Hoyerswerda und war anerkannter Liedermacher, der die eigene Erwerbsarbeit in seinen Texten reflektierte und dadurch Fragen zur Gegenwart und Zukunft von Arbeit aufwarf. Wie gestaltet sich heute und in nahender Zukunft die systemische Interaktion Mensch-Arbeit? Wie wirkt die Veränderung der Arbeit zurück auf den arbeitenden Menschen? Welche Auswirkungen hat das auf die Bindung des Erwerbstätigen an das Unternehmen und die Arbeit selbst? Wie werden Mensch und Natur künftig in den Arbeitsprozess integriert?37

In dieser Untersuchung soll an einem Einzelfall analysiert werden, welchen Veränderungen die Wirkung der psychosozialen Funktionen der Erwerbsarbeit über einen langfristigen Zeithorizont auf Grund von Veränderungen der erwerblichen Arbeitsplatzsituation unterliegt. Welche Bedeutung haben in diesem Prozess Änderungen der Bindungsstrukturen?

1.2 Auswirkungen auf den einzelnen Erwerbstätigen–Forschungsstand und Quellenlage

Die Auseinandersetzung mit der Zukunft von Arbeit in Deutschland folgt der Debatte um Megatrends und Globalisierung, welche durch den Zerfall der Sowjetunion und ihrer Bündnissysteme Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre einen starken politischen und wirtschaftlichen Schub erhielt. Globale Bipolarität in politisch-militärischer Betrachtung (USA vs. UdSSR) wandelte sich zu globaler Multipolarität, welche seither alle Bereiche der Gesellschaft einbezieht. Damit wurde eine wesentliche Voraussetzung für die Globalisierung der Wirtschaft,38 insbesondere der Produktions- und Distributionsbeziehungen, geschaffen.39

Die künftige Entwicklung durch Industrie 4.0 mit ihren verschiedenen Auswirkungen auf den Menschen ist Gegenstand einer Diskussion, welche inzwischen die gesamte Breite der Gesellschaft in Deutschland erreicht hat. Es gibt sehr viele mehr oder weniger umfangreiche Veröffentlichungen mit differierendem wissenschaftlichem Anspruch. Die Eingabe des Stichwortes „industrie 4.0“ im Oktober 2017 in der Google-Suchmaske zeigt 41 Mio. Ergebnisse an.40 Den Umfang der Diskussion verdeutlichen neben verschiedenen wissenschaftlichen Forschungen und Publikationen auch die ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“,41 das Filmfestival „Futurale. Arbeiten 4.0“42 sowie verschiedene Beiträge in Tages-43 und Wochenzeitungen44 und in Verbandszeitschriften.45

Die Diskussion zu künftigen gesellschaftlichen und besonders wirtschaftlichen Veränderungen erhielt in Deutschland Ende der 1980er Jahre einen bedeutenden theoretischen Impuls durch die von Ulrich Beck formulierte These der Risikogesellschaft.46 In Folge der Verringerung materieller Not und der Modernisierung (verstanden als technologische Rationalisierung und Wandel von Arbeit und Organisationsformen) führt zunehmendes Wachstum der Wirtschaft zu zunehmendem Reichtum und „systematisch mitproduzierten Risiken und Gefährdungen“.47 Beispiele sind: Zerstörung der Natur, Fehlund Mangelernährung, Nutzung der Kernenergie, Zunahme von Schad- und Giftstoffen in Umwelt und Nahrung, soziale Gefährdungen durch Verteilungsungleichgewichte und Arbeitslosigkeit, Verfügbarkeit von Wissen, Beseitigung von Fehlentwicklungen durch politische Maßnahmen. Durch die Modernisierung werden globale (neue) Probleme und Selbstgefährdungen erst geschaffen. Damit entstehen Probleme aus der Tatsache des Wandels in Reflexion zu diesem selbst. Beck sieht die Veränderung der Arbeit als eine Voraussetzung für diese Entwicklung der Risiken. Nach seiner Prognose wird die Erwerbsarbeit entstandardisiert werden, d. h. der klassische (lebenslange) Vollzeitarbeitsplatz wird umgewandelt in flexible Arbeitsformen (inhaltlich, örtlich, zeitlich und vertraglich).48 Die gemeinsame persönliche Zusammenarbeit wird ersetzt durch digitale Dezentralisierung und Auslagerung. Inhaltliche Arbeitsabläufe in Organisationen werden anonymisiert. Die generelle Flexibilisierung schafft generelle risikobehaftete Unterbeschäftigung und ändert damit die Einkommenssituation und die persönliche Absicherung der Erwerbstätigen in jeder Weise grundlegend. Durch Verringerung der individuellen Arbeitszeit steigt der Anteil der „freien“ Zeit. Die verbleibenden Vollzeitarbeitsplätze zeichnen sich durch ein sehr hohes Qualifikationsniveau aus. Die Notwendigkeit kontinuierlicher Weiterbildung steigt.

In der aktuellen Forschung und wissenschaftlichen Diskussion zu Industrie 4.0 und den Veränderungen der Arbeitswelt in Deutschland finden sich diese Thesen und Entwürfe von Beck wieder. Seit Beginn der 2010er Jahre wird das Thema von der Bundesregierung vorangetrieben und über die „Plattform Industrie 4.0“49 gesteuert und gebündelt. Das betrifft auch die Koordination und Begutachtung relevanter Forschungsaktivitäten.

In den Umsetzungsempfehlungen der Forschungsgruppe des Arbeitskreises Industrie 4.0 für die Bundesregierung werden 2013 die neuen sozialen Infrastrukturen der Arbeit als einer von fünf zentralen Forschungsbereichen definiert.50 Als konkrete Handlungsfelder werden für diesen Bereich Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung sowie Aus- und Weiterbildung abgeleitet51 und seitdem in Studien und Berichten berücksichtigt. Auf die Würdigung einzelner Studien und Forschungsberichte soll hier verzichtet werden, um in einer kritischen Zusammenfassung zur künftig erwarteten Wirkung von Arbeit den einzelnen Erwerbstätigen einen summarischen Überblick zu geben. Eine Übersicht der für die folgende Zusammenfassung verwendeten Forschungen findet sich im Anhang.52

Prinzipiell muss festgestellt werden, dass die Untersuchungen zu Arbeit im Kontext von Industrie 4.0 in Deutschland bislang eher gesamtwirtschaftlich und wenig konkret ausgerichtet sind. Ein gemeinsames Vorgehen auf europäischer Ebene wird kaum abgestimmt. Im Fokus steht–dem Begriff folgend–der Industriesektor („smart factory“) mit besonderer Beachtung der technologischen Entwicklung.53 Die Zukunft der Arbeit ist nur ein Handlungsfeld, das in der Gesamtbetrachtung nachrangig und nicht tiefgründig bearbeitet wird. Dabei steht die allgemeine organisational Sicht im Zentrum. Wie müssen Arbeitsabläufe und Arbeitsorganisation künftig in die Gesamtstruktur eingebunden werden? Welche Bildungshorizonte der verbleibenden Arbeitnehmer (angestellt oder frei) und welche Art von Weiterbildung sind nötig? Der Mensch wird weiter als fester Bestandteil eines Systems betrachtet, welches über Entwicklung und Nutzung der besten Hardware (Technologien, Verfahren, Maschinen) die besten Produkte bereitstellt. Die Frage, wie mit dem erwarteten Überschuss des Produktionsfaktors (gering qualifizierte) Arbeit umgegangen werden soll, wird nicht thematisiert. Der neue Produktionsfaktor Wissen–die neue Software–wird nur schemenhaft in die Diskussion eingebettet. Auch hier dominiert in Deutschland die Hardware-Sicht (Speichermedien, Netzarchitekturmodelle, Breitbandausbau). Es wird in klassischen Normierungsmustern operiert. Eine Ausnahme bildet die Studie von BMAS/Nextpractice „Wertewelten Arbeiten 4.0“,54 welche die Vielfalt der derzeitigen Wahrnehmungsrealität von Arbeit bei Erwerbstätigen und ihre Ansprüche (Idealvorstellungen) an die Zukunft dokumentiert. Hier werden sieben Wertecluster definiert, die sich an der klassischen Interaktionsbeziehung Erwerbstätiger-Unternehmen ausrichten. Eine regelmäßige Wiederholung dieser Studie könnte einen Entwicklungsprozess in der Wahrnehmung von Arbeit konkret dokumentieren. Der derzeitige Forschungsstand zum Wandel der Arbeit trägt ergebnisseitig eher weiträumigen Empfehlungs und beruht insgesamt auf Hochrechnungen, Prognosen und Szenarien zur Vorhersage künftiger Entwicklungen, vielfach in Thesenform.55 Konkrete differenzierte Auswirkungen auf den einzelnen Erwerbstätigen in seiner Entwicklung und vergleichende Schlüsse zu vergangenen Veränderungsprozessen in Verbindung mit Handlungsempfehlungen zur individuellen Absicherung der künftigen Arbeitsfähigkeit werden nicht wirksam abgeleitet. Das vorherrschende begriffliche Verständnis von Arbeit und Erwerbsarbeit wird wenig hinterfragt oder weiterentwickelt.

Bei den Forschungen zu psychosozialen Funktionen der Erwerbsarbeit sind die Beiträge von Marie Jahoda sowie Semmer und Udris hervorzuheben. Darauf wird detailliert im Theorieteil Kapitel 2.2 eingegangen. Die Studie von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisig Anfang der 1930er Jahre prägt bis heute das Verständnis der Wirkung von Langzeitarbeitslosigkeit.56 Paul und Batinic bestätigen mit einer repräsentativen quantitativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung Jahodas Ansatz der negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Zeitstruktur, Sozialkontakt, kollektive Ziele und Aktivität und auch dessen Erweiterung auf Nichterwerbstätigkeit (Rentner, Hausarbeit, Schüler und Studenten).57

Die zentrale Bedeutung der Arbeitszeit als struktureller Fixpunkt der Lebenszeit verdeutlicht der Arbeitszeitreport Deutschland 2016. An den zeitlichen Anforderungen der Erwerbstätigkeit (Lage, Dauer, Flexibilität) richten die Menschen ihre außererwerblichen Lebenshorizonte aus. Hier wird um die Ressource Zeit konkurriert. Die Gestaltung dieser Horizonte wird erschwert durch negative gesundheitliche Auswirkungen, die sich aus Extendierungen der vertraglich vereinbarten/erwarteten Parameter des erwerbsorientierten Bindungsverhältnisses (Überstunden, Arbeitsmenge, Drucksituationen) ergeben.58

Die Rolle der individuellen Arbeitssituation für das Empfinden und Ausleben persönlicher Freiheit unterstreicht die seit 1987 laufende Sächsische Längsschnittstudie. 2009 gaben insgesamt 53% der Teilnehmer (n=315) an, „dass ihnen Freiheit ohne Arbeit nichts nützt“,59 wobei es große Unterschiede gibt zwischen Teilnehmern, die sich selbst als „Gewinner“ (111 als „Gewinner“ antwortende Teilnehmer der Stichprobe, von denen 30% so denken) und anderen, die sich als „Verlierer“ (100 antwortende Teilnehmer in der Stichprobe, von denen 77% so denken) bezeichnen.60 Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit sinken Zukunftszuversicht sowie Bindungsqualität und–dauer. Familiengründungen verzögern sich und die Dauer der Partnerschaft verkürzt sich. Die negative Zuversicht überträgt sich als erwartetes Lebensszenario auf die (noch nicht) geborenen Kinder.61

Grundlagen zu Bindungskonzepten werden in Kapitel 2.3.1 erörtert. In Deutschland wird die emotionale Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen jährlich über den repräsentativen Gallup Engagement Index erhoben. Er gibt Auskunft über Engagement und Motivation der Mitarbeiter und untersucht Aspekte zu Arbeitsplatz und Arbeitsumfeld. Im Ergebnis 2016 ist dabei festzustellen, dass 85% der Befragten nur eine geringe bis überhaupt keine emotionale Bindung an ihr Unternehmen angeben.62

Das Bindungsverhalten von Mitarbeitern ist insbesondere im Einarbeitungsprozess (Onboarding63) Gegenstand verschiedener Untersuchungen. Ergebnisorientiertes Ziel der Unternehmen ist dabei, die Fluktuation während der ersten 12 Monate zu verringern. Unternehmen mit sehr strukturiert aufgestelltem Onboarding konnten, einer amerikanischen Studie folgend, 91% der neu eingestellten Mitarbeiter länger als ein Jahr im Unternehmen halten, Unternehmen mit gering ausgeprägtem Onboarding nur 30% der Mitarbeiter.64 Laut einer Studie der Universität Bamberg geben jedoch nur 37,9% der Mitarbeiter an, dass ihr Arbeitgeber ausreichend Unterstützung zur Integration neuer Mitarbeiter bietet.65 Ein stärker mitarbeiterorientierter Ansatz des Einarbeitungsprozesses kann dabei besser die individuellen Spezifika neuer Mitarbeiter (Persönlichkeitsmerkmale) berücksichtigen als ein organisationsorientierter Ansatz.66 Die richtigen Mitarbeiter sollen gefunden und gehalten werden.

Es gilt insgesamt, die Differenz zwischen gewünschter und erlebter Qualität der Arbeit bei vielen Beschäftigten, gerade in Bezug auf Lohn/Gehalt, Qualität der Führung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie, deutlich zu verringern.67 Die Notwendigkeit langfristiger Bindung von Mitarbeitern für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen ist inzwischen allgemein erkannt worden. Viele Unternehmen erwarten Schwierigkeiten, vakante Stellen künftig passgenau besetzen zu können.68

Bislang beruht die Forschung zur Zukunft der Arbeit, zu psychosozialen Funktionen der Erwerbsarbeit und Bindungskonzepten zumeist auf quantitativen Erhebungen in repräsentativen Studien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Seite der Unternehmen und der Einbindung von Mitarbeitern in die organisationalen Prozesse. Wie passt der erwerbstätige Mensch zum Wohl der Organisation in diese hinein? Mit dieser Untersuchung soll ein anderer Weg beschritten werden – weg von der Frage, wie jemand in die Organisation und die dortigen Prozesse hineinwirkt und hin zu der Frage, wie das, was im systemisch-reflexiven Verbund der Erwerbsarbeit zwischen Mensch und Organisation geschieht, aus diesem heraus auf den einzelnen Erwerbstätigen in Veränderungsprozessen der Erwerbstätigkeit wirkt. Dafür wird nachfolgend eine qualitative Untersuchung an einem Einzelfall vorgenommen.

Die Quellen für die Einzelfalluntersuchung zu Gerhard Gundermann in dieser Arbeit sind weitestgehend verfügbar. Die Liedtexte sind über CD-Booklets, zwei Textbücher und einen Interviewband zugänglich. Eine Ausnahme stellt „Männer, Frauen und Maschinen“ (CD1) dar. Hier wurden mehrere Texte transkribiert (siehe Anhang69), da sie nicht in gedruckter Form zur Verfügung standen. Eine Aufgabe bestand darin, die verschiedenen Quellen zusammenzutragen, diese dann zu sichten, zu vergleichen und nach primären und sekundären Bezugspunkten zu klassifizieren.70 Schwierigkeiten entstanden hier nicht bei den fünf Studio-LP-/CD-Veröffentlichungen und den Liedtextbüchern. Sie ergaben sich bei der Sichtung des Film- und Buchmaterials und der posthum veröffentlichten CD’s. Gundermann war Protagonist in zwei, auf VHS editierten, Dokumentarfilmen (1982 und 199971). Nach Beendigung eines langjährigen rechtlichen Verfahrens zum zweiten Film wurden beide Dokumentarfilme im Dezember 2016 auf einer DVD neu herausgegeben. Daneben hat Gundermann in weiteren Dokumentationen mitgewirkt, die bereits lange vergriffen waren und nach intensivem Suchprozess über verschiedene Anbieter erworben werden konnten. Der Interviewband „Rockpoet und Baggerfahrer“ erschien in Erstauflage 1996 (weißes Cover) und in zweiter Auflage mit Zusatzmaterialien 1999 (rotes Cover). Seitdem wurde er nicht mehr verlegt und ist ebenfalls seit langem vergriffen. Hier war es möglich, über einen Internetanbieter ein Exemplar der Zweitauflage zu erwerben. Die posthum 2000 erschienene CD „Live-Stücke 1“ ist ebenfalls seit langem nicht mehr verfügbar. Hier konnte über einen weiteren Anbieter im digitalen Netz ein Originalexemplar erworben werden.

Für die nachfolgende Untersuchung fanden ausschließlich originale Veröffentlichungen der Buch- und Musikverlage Verwendung.

1.3 Vorgehen in der Untersuchung

Nachfolgend werden in Kapitel 2 theoretische Hintergründe zu den Forschungsaspekten dieser Untersuchung erörtert. Verschiedene Sichtweisen auf Arbeit werden dargestellt und die Termini Arbeit und Erwerbsarbeit in eigener Definition voneinander abgegrenzt. Die psychosozialen Funktionen der Erwerbsarbeit werden nach Jahoda und nach Semmer und Udris beschrieben und für diese Arbeit konkretisiert. Da die Bedeutung der Bindungskonzeption für die Änderungen der Wirkung von Erwerbsarbeit untersucht werden soll, werden verschiedene Bindungsmodelle vorgestellt und abschließend die Sichtweise für diese Untersuchung in einem eigenen Bindungskonzept dargelegt. Schwerpunkt ist hier die Erarbeitung des Zusammenhangs zwischen Erwerbsarbeit, ihren psychosozialen Funktionen und den Bindungen des individuellen Bindungskonzeptes.

Kapitel 3 entwirft das Design der Untersuchung und beschreibt ihre Durchführung. Der Klärung der Forschungsfrage folgt die Vorstellung des Forschungsansatzes der Einzelfallstudie. Hier greift der Grundansatz der qualitativen Forschung, die bestrebt ist, „komplexe Erlebnisweisen empirisch zu erfassen“72 und damit den Untersuchungsgegenstand inhaltlich zu verstehen, seine individuelle Lebenswelt und wahrnehmbare Wirklichkeit zu beschreiben–aus Sicht der untersuchten Personen selbst.73 Die Liedtexte von Gerhard Gundermann werden mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Dabei werden verschiedene, auch quantitative, Techniken kombiniert.

In Kapitel 4 werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und in Kapitel 5 mit den theoretischen Vorannahmen aus den Kapiteln 1 bis 3 abgeglichen. In Kapitel 6 wird geprüft, wie die Gütekriterien qualitativer Forschung eingehalten worden sind. Die Grenzen der Untersuchung und der Prozess der Evaluation werden dargelegt. Kapitel 7 fasst die Untersuchung abschließend. Die Veränderungen im Binnenverhältnis Organisation – Arbeitnehmer und die Zukunft von Erwerbsarbeit und Arbeit werden fokussiert betrachtet.

1 Auf Grund der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die explizite Schreibweise männlicher, weiblicher und weiterer Genderformen verzichtet. Es werden immer alle Geschlechtsidentitäten einbezogen.

2 Vgl. Cameron, R., Neal, L. (2003), S. 20-402; Abelshauser, W. (2004), S. 22-453.

3 Vgl. Glückler, J. (1999), S. 40-43; Bathelt, H., Glückler, J. (2012), S. 29-44.

4 Ein Beispiel aus Deutschland ist das Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen, welches Bestechlichkeit und Bestechung unter Strafe stellt. Vgl. Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen vom 30.05.2016; BVD (2016), S. 2-4 und S. 24-30.

5 Vgl. Kondratieff, N. D. (1926), S. 577-595. Die Transkription des Namens Kondratieff hat sich im Lauf der Zeit gewandelt – in anderen Quellen Kondrat’ev, Kondratiev, Kondratjeff, Kondratjew. Hier wurde die Schreibweise nach Schumpeter zugrunde gelegt, die auch der Veröffentlichung von Kondratieff entspricht.

6 Vgl. Schumpeter, J. A. (1961), S. 180-181 und S. 394-408; Schumpeter, J. A. (2006), S. 425-427 und S. 435-447; Bathelt, H., Glückler, J. (2012), S. 401-404.

Vgl. zur Kritik an der technologischen Determinante der Zyklen: Heß, M. (2006), S. 25.

7 Vgl. Schumpeter, J. A. (2006), S. 172-177; Bathelt, H., Glückler, J. (2012), S. 344-345; Pierenkemper, T. (2015), S. 89-90.

8 Vgl. Müller, K. O. W. (1990), S. 72-75, S. 78-80 und S. 82-87. Müller spricht von einer „Renaissance“ Schumpeters (S. 69).

9 Vgl. Wöhe, G., Döring, U., Brösel, G. (2016), S. 357-360. Die Relevanz der Thematik ergibt sich auch aus der Tatsache, dass das Thema Eingang in diesen Klassiker der BWL gefunden hat.

10 Wöhe, G., Döring, U., Brösel, G. (2016), S. 358.

11 Als industrielle Revolution wird im angloamerikanischen Sprachgebrauch meist nur die nach deutscher Zählung erste industrielle Revolution in England bezeichnet. Der Gebrauch des politischen Wortes „Revolution“ wird in diesem Zusammenhang zum Teil kritisiert. Besser sollte vom Beginn der modernen Industrie gesprochen werden. Vgl. Cameron, R., Neal, L. (2003), S. 161-164. Da sich „Revolution“ in Deutschland jedoch allgemein durchgesetzt hat, wird es in dieser Arbeit verwendet.

12 Vgl. Müller, K. O. W. (1990), S. 80-81.

13 Einen allgemeinen Überblick über Industrie 4.0 gibt Schwab, K. (2016). Eine kritische Sichtweise vertreten Syska, A., Lièvre, P. (2016). Aus Sicht der Gewerkschaften schildert Wetzel, D. (2016). Die Entwicklung in China, Japan, Südkorea, den USA und Großbritannien skizzieren Kagermann, H., Anderl, R., Gausemeier, J., Schuh, G., Wahlster, W. (Hrsg.) (2016), S. 40-60.

14 Damit wird auf die Anpassung an moderne und neuartige Fertigungsverfahren, andere Produkte und Dienstleistungen und die damit einhergegangenen Veränderungen der individuellen Arbeitswelt abgehoben. Die Transformation der gesamten Gesellschaft und der Eigentumsform durch den Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft zur kapitalistischen sozialen Marktwirtschaft nach bundesdeutschem Vorbild ist hier nicht gemeint.

15 Auf Grund der Komplexität des gesamten Themas wird die Betrachtung im weiteren Verlauf eingeschränkt auf den Bereich der Veränderungen von Arbeit in Deutschland.

16 Vgl. Schmid, J. (2010), S. 4-7.

17 Vgl. BA (o. J. a).

18 Vgl. BA (o. J. b).

19 Dieser Veränderungsprozess lässt sich am Beispiel verschwundener Berufe nachvollziehen. Vgl. Palla, R. (2014).

20 Vgl. Bonin, H., Gregory, T., Zierahn, U. (2015), S. 14-17; Dengler, K., Matthes, B. (2015), S. 12-21.

21 Vgl. Brzeski, C., Burk, I. (2015), S. 1.

22 Vgl. Kösters, W. (2006), S. 175.

23 Vgl. Voß, G. G., Pongratz, H. J. (1998), S. 139-149.

24 Bei einem Onlinekurs zu Künstlicher Intelligenz der Stanford University 2011 haben von weltweit mehr als 160.000 Teilnehmern 23.000 die Prüfung bestanden, davon 248 mit der Spitzennote. Der beste Studierende aus Stanford belegte Platz 413. Vgl. Dräger, J., Müller-Eiselt, R. (2015), S. 16-17.

25 Vgl. Dräger, J., Müller-Eiselt, R. (2015), S. 88-101.

26 Einen kritischen Überblick über den Zustand der Wirtschaft der DDR im Herbst 1989 aus Sicht der DDR-Führung geben: Schürer, G., Beil, G., Schalck, A., Höfner, E., Donda, A. (1989), S. 1112-1120.

Einen ersten Einblick in den Prozess der Transformation der Wirtschaft in den neuen Bundesländern nach 1989 ermöglichen: BvS (2003); Roesler, J. (2003); Breuel, B., Burda M. C. (2005); Seibel, W. (2005).

Anspruch, Struktur, Realität und Überforderung des Alltags in der DDR und im Prozess des Übergangs beschreibt Landolf Scherzer eindringlich am Beispiel Bad Salzungen. Vgl. Scherzer, L. (1997a); Scherzer, L. (1997b); Scherzer, L. (2000).

Als erster Überblick zur Entwicklung der Energieindustrie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in den Jahren 1989-2001 kann empfohlen werden: Roesler, J., Semmelmann, D. (2005), S. 113-361.

27 Vgl. Laschke, B., Weisheimer, M. (1995), S. 254-268.

28 Vgl. Röder, H., Sauerbrey, U., Sparmann, M., Stiehl, E. Warth, S. (1990), S. 70 und S. 74-75.

29 Vgl. Stadtverwaltung Hoyerswerda (2012), S. 9.

30 Vgl. Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (2016), S. 6.

31 Vgl. Statistisches Bundesamt (1990), S. 45-46.

32 Vgl. Statistik der Kohlenwirtschaft e. V. (o. J. e).

33 Die krankheitsbedingten Auswirkungen von Erwerbsarbeit auf Physis und Psyche waren und sind vielfach Gegenstand von Untersuchungen und Studien. Literaturhinweise können hier nur unvollständig sein. Zum ersten Einstieg in die Thematik werden empfohlen: Glaser, J., Palm, E. (2016) zu allgemeinen Wirkungen auf die psychische Gesundheit; Lang. J., Angerer, P. (2016a) zu Erkrankungen des Muskel-SkelettSystems und Depression; Lang. J., Angerer, P. (2016b) zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

34 Veränderungs- und Umbruchprozesse der Erwerbstätigkeit ostdeutscher Arbeitnehmer während der Transformation der Wirtschaftsform von der Planwirtschaft der DDR in die Marktwirtschaft der BRD wurden in verschiedenen Langzeitprojekten filmisch dokumentiert. Die zusätzliche Selbstreflexion der Protagonisten in weiteren separaten Texten (Interviews, eigene Schriften) ist hier nicht in ausreichendem Maße gegeben. Deshalb wird in dieser Arbeit das Einzelbeispiel Gerhard Gundermann untersucht. Illustrierend und ergänzend zu Gundermann werden folgende erste Quellen empfohlen: Koepp, V. (2014): Der Wittstock-Zyklus. 1975-1997. Sieben Filme; Junge, B., Junge, W. (2017): Die Kinder von Golzow. Alle Filme 1961-2007; Junge, B., Junge, W., Wolf, D. (Hrsg.) (2017): Lebensläufe - Buch.

35 Vgl. Schütt, H.-D. (1999), S. 49 und Kap. 1.1.

36 Zur Biografie von Gundermann vgl.: Schütt, H.-D. (1999), S. 346-347; Kulturfabrik Hoyerswerda e.V. (Hrsg.) (2006), S. 4-26; Hentschel, C., Matzke, P. (2007), S. 131-132; Kirchenwitz, L. (2010),L S. 456; Hintze, G. (2014), S. 128-129.

37 Vgl. Schütt, H.-D. (1999), S. 21.

38 Vgl. Abbildung 1. Globalisierung als Basisinnovation.

39 Vgl. Huntington, S. P. (2002), S. 20-29 und S. 203-210. Die von Huntington vertretenen Thesen zu Perspektiven der Weltpolitik gaben der Diskussion ab 1996 starke Impulse.

Eine umfassende Einführung zu globalen Herausforderungen im Kontext „MenschGesellschaft“, „Mensch-Natur“ und „Mensch-Politik“ gibt die dreibändige Ausgabe der bpb. Vgl. bpb (Hrsg.) (2011a); bpb (Hrsg.) (2011b); bpb (Hrsg.) (2013).

40 Vgl. Google (o. J.).

41 Diese Themenwoche fand vom 30.10.-05.11.2016 statt. Vgl. ARD (o. J.).

42 Das Filmfestival fand im Auftrag des BMAS mit 7 Dokumentarfilmen und anschließenden Publikumsdiskussionen in 32 Kinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz vom November 2015 bis zum Dezember 2016 mit etwa 185 Veranstaltungen und 9.000 Teilnehmern statt. Vgl. BMAS (o. J.).

43 Vgl. Kruthaup, K. (2016), S. IX; LVZ (Hrsg.) (2016).

44 Vgl. Rauner, M. (2016).

45 Vgl. IHK zu Leipzig (Hrsg.) (2016a), S. 4-14; IHK zu Leipzig (Hrsg.) (2016b), S. 16; Schwendner, R. (2016), S. 9-12.

46 Vgl. Beck, U. (1986), S. 25-31.

47 Beck, U. (1986), S. 26.

48 Vgl. Beck, U. (1986), S. 220-248.

Thematisch ergänzend werden die Zukunftsszenarien der Arbeit von Beck empfohlen, die er in einem späteren Werk unter den Aspekten Vollbeschäftigung und plurale Tätigkeit (flexible und mehrfache Beschäftigung) entwickelt. Vgl. Beck, U. (1999), S. 40-72.

49 Vgl. BMWi (Hrsg.) (o. J.).

50 Vgl. Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsgruppe Wirtschaft - Wissenschaft, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Hrsg.) (2013), S. 40.

51 Vgl. Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsgruppe Wirtschaft - Wissenschaft, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Hrsg.) (2013), S. 56-62.

52 Anlage 1 – Studien und Forschungsberichte.

53 Vgl. Hirsch-Kreinsen, H., Ittermann, P., Niehaus, J. (Hrsg.) (2015).

54 Vgl. BMAS/Nextpractice (2016).

55 Vgl. Hirsch-Kreinsen, H. (2016), S. 10-14.

56 Vgl. Jahoda, M., Lazarsfeld, P. F., Zeisel, H. (2015).

57 Vgl. Paul, K. I., Batinic, B. (2010), S. 53-58.

58 Vgl. BAuA (2016), hier insbesondere S. 7-15 und S. 131-139.

59 Förster, P. (2011), S. 286. 315 Teilnehmer haben diese Frage beantwortet.

60 Vgl. Förster, P. (2011), S. 285-286.

61 Vgl. Förster, P., Brähler, E., Stöbel-Richter, Y., Berth, H. (2008), S. 36-38.

62 Vgl. Gallup (2017), S. 17-18 und S. 39.

63 Onboarding (eng.) = Aufnahme, Eingliederung, Einarbeitung, Integration neuer Mitarbeiter. Übersetzung des Autors.

64 Vgl. Laurano, M. (2013), S. 8.

65 Vgl. Weitzel, T., Eckhardt, A., Laumer, S., Maier, C., Stetten, A. v. u. a. (2015), S. 17 und S. 59-60.

66 Vgl. Drescher, P. (1993), S. 176-235.

67 Vgl. BMAS (Hrsg.) (2015c), S. 39-42; INQA (Hrsg.) (2015), S. 14.

68 Vgl. BMAS (Hrsg.) (2015a), S. 6; BMAS (Hrsg.) (2015b), S. 1.

69 Anlage 2 - Transkriptionen Liedtexte Gerhard Gundermann.

70 Vgl. Kap. 3.3.3.

71 Die Daten zu den Entstehungsjahren 1982 und 1999 beziehen sich auf die aktuellen Angaben der DVD-Neuveröffentlichung von 2016. Im Liederbuch 2 sind 1983 und 2000 angegeben (3. Umschlagseite).

72 Lazarsfeld, P. F. (2015), S. 14.

73 Vgl. Flick, U., Kardorff, E. v., Steinke, I. (2007), S. 14; Mayring, P. (2016), S. 9-11.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Arbeit und Erwerbsarbeit

2.1.1 Annäherung an die Begriffe Arbeit und Erwerbsarbeit

Arbeit ist wesentlicher Lebensinhalt des Menschen. Das spiegelt sich in einer der ersten Fragen, die gestellt wird, wenn sich Personen kennenlernen oder eine längere Zeit nicht in Kontakt standen: „Was machen Sie?“ oder „Was machst Du jetzt?“74 Hier wird abgehoben auf die berufliche Tätigkeit und das Arbeitsverhältnis des Angesprochenen. Über diese Information werden weitere Eigenschaften und Verhaltensweisen bei der Person attribuiert. Arbeit definiert sozialen Status und Ansehen bei vielen Mitmenschen. Die persönliche Entfaltung des Einzelnen wird auch ermöglicht über den finanziellen Spielraum, den Erwerbsarbeit schaffen kann.

Welcher Inhalt verbirgt sich hinter den Begriffen Arbeit und Erwerbsarbeit? Das Wort Arbeit leitet sich ab vom mittelhochdeutschen „arebeit“ und bedeutet, ebenso wie das englische „labour“, Not oder Mühsal. Das französische Wort „travail“ stammt vom lateinischen „tripalium“ ab und bedeutet Pfahl im Sinne eines Bestandteils des Jochs von Zugtieren.75 Arbeit ist im semantischen Sinn also mühevolle Anstrengung.

Im Lauf der Zeit hat sich die Sicht auf Arbeit verändert. Bei Aristoteles ist Arbeit gegen Entlohnung oder auf Veranlassung Dritter mit der Würde des freien Mannes unvereinbar. Niedere Arbeiten und Lohnarbeit verderben Körper, Denken und Seele und sind Sklaven, Tagelöhnern und Handwerkern vorbehalten.76 Für die freien Menschen ist ein Leben in Muße, das sich der Kunst, der Politik und dem rhetorischen Diskurs widmet, zum Erlangen von Glückseligkeit als höchstem Ziel erstrebenswert. Hier wird unterschieden zwischen rein geistiger und körperlicher Arbeit.77

Im Alten Testament ist Arbeit ein Auftrag (Gen 2,15)78 und nach dem Sündenfall eine Strafe Gottes (Gen 3,17-19). Arbeit strukturiert den zeitlichen Ablauf der Woche durch den Sabbattag (Ex 20,9-11; Dtn 5,13-15). Im Neuen Testament wird Arbeit zu einer Selbstverständlichkeit für Jedermann (Eph 4,28; Kol 3,23), verbunden mit dem Ziel, das eigene Auskommen zu sichern (1 Thess 4,11-12; 2 Thess 3,8-12).

Martin Luther legitimiert den Besitz von Eigentum und Reichtum über Arbeit und wertet diese damit auf.79 Er erklärt Arbeit zur Pflicht eines jeden Menschen an dem Platz, an dem er sich befindet. Damit rechtfertigt Luther soziale Ungleichgewichte als gottgegeben und gottgefällig. Wenn Knechte und Mägde ihrer Herrschaft gut dienen, dann dienen sie gleichzeitig Gott, der den Herrschaften die Macht über die Diener gab.80 Armut und Reichtum sind Fügungen einer höheren Macht. Arbeit ist das Mittel der Annäherung an diese Macht.

Adam Smith unterscheidet zwischen produktiver Arbeit (alle Arbeit, die zu einem verkaufsfähigen gegenständlichen Produkt führt und dessen Wert steigert) und unproduktiver Arbeit (nicht verkaufsfähig und nicht wertsteigernd, z. B. Hausarbeit, Arbeit von Politikern, Angehörigen des Militärs, Geistlichen, Ärzten, Lehrenden).81 Damit kehrt er das aristotelische Verständnis um.

Für Friedrich Engels ist Arbeit im anthropologischen Sinn die „Grundbedingung alles menschlichen Lebens“82. Durch den aufrechten Gang wurden die Vordergliedmaßen frei für den Erwerb neuer Fähigkeiten, die Nutzung von Materialien als Werkzeug und Waffe, Spezialisierungen nach individueller Geschicklichkeit in Arbeitsteilung und Ursache für die Entwicklung von Sprache. Die Hände sind Mittel zur Arbeit und gleichzeitig deren Produkt. Der Mensch wird Mensch, weil er arbeiten kann und sich dessen bewusst ist.83 Hier wird Arbeit zum Selbstzweck der eigenen Existenz und zum Fixpunkt aller wirtschaftlichen Abläufe.

Karl Marx betont in sozialphilosophischer Analyse die Austauschbeziehungen im Zuge der Vergesellschaftung der Arbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Individuelles Privateigentum (Landwirte, Handwerker, Kleinbetriebe) wird über Konzentrationsprozesse verdrängt zugunsten von kollektivem/gesellschaftlichem Privateigentum (AG, GmbH, Shareholder). Ehemals unabhängige Kleinst-Unternehmer werden zu abhängig Beschäftigten in großen Organisationen. Ihre Arbeitskraft und damit sie selbst (siehe vorab Engels) mutieren zu einer Handelsware. Die gesamte Gesellschaft wird über spezialisierte Arbeitsteilung für die gesamte Gesellschaft produzieren.84 Arbeit ist Quelle gesellschaftlichen Reichtums. Entscheidend ist die Frage, wer im Ergebnis seiner Arbeit Anteil an diesem Reichtum hat und in welcher Höhe. Worin besteht die konkrete Arbeit des Einzelnen im kleinteiligen Arbeitsprozess?

Nach Kurt Lewin ist Arbeit zweigesichtig, einerseits Mühe und Anstrengung als unabdingbare Grundlage für die Existenzsicherung, andererseits auch ursächliche Sinnerfüllung des eigenen Lebens. Arbeit ist Lebenswert.85

Für Wladimir Eliasberg ist Arbeit ein psychologischer Vorgang, bei dem ein die reine Arbeitszeit überdauernder objektiver Wert geschaffen werden soll, der sich aus der Motivation des Arbeitenden für dieses Ziel, dem geschaffenen Objekt selbst und dessen Wert zusammensetzt.86

Walter Eucken wirft aus ordnungspolitischer Sicht die soziale Frage als Verteilungsgerechtigkeit von Einkommen und Arbeitsplatzsicherheit über alle Berufsschichten auf.87

Alfred Müller-Armack, der Urheber des Begriffs und Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, betont aus volkswirtschaftlicher Sicht, dass alle „Wirtschaftsvorgänge auf den Konsum“88 auszurichten sind. Das führt zu einer freiwilligen Zusammenarbeit aller am Wirtschaftsprozess Beteiligten, da ein jeder von ihnen in Doppelfunktion gleichzeitig Arbeiter und Konsument ist, d. h. ein jeder schafft das neu, was er selbst gern konsumieren möchte und kann hier seiner Kreativität bei der Erfindung neuer Produkte freien Lauf lassen.89

Hannah Arendt definiert drei Grundtätigkeiten, die menschliches Leben von der Geburt bis zum Tod determinieren. Arbeiten als Sicherung des biologischen Überlebens des menschlichen Körpers über Erzeugung, Zubereitung und Aufnahme von natürlichen Dingen (Nahrung). Herstellen als Fertigung verschiedener gegenständlicher künstlicher Dinge, die dem Menschen ein Zuhause schaffen (Haus, PKW, technische Ausstattung). Handeln als zwischenmenschlicher systemisch-reflexiver Austausch – Leben als Individuum unter den Menschen.90

Ulrich Beck stellt aus soziologischer Sicht fest, dass Leben in der Industriegesellschaft zwischen den Polen Arbeit und Familie stattfindet und dabei Beruf und Erwerbsarbeit als Grundlage der Existenzsicherung die gesamte Lebensführung des Einzelnen dominieren.91

Eine weitere Definition findet sich im Arbeitsgesetzbuch der DDR. Arbeit ist „bewußte, schöpferische Tätigkeit“,92 die den gesellschaftlichen Reichtum „im Interesse der Arbeiterklasse und der ganzen Gesellschaft sowie jedes einzelnen“93 stetig mehren soll.

Schaper erklärt aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologie Arbeit als vom Menschen ausgehende Tätigkeit, bei der durch planmäßigen Einsatz geistiger und körperlicher Kräfte bestimmte wirtschaftliche oder organisationale Ziele erreicht werden sollen. Jedwede Tätigkeit, die diese Kriterien erfüllt, ist Arbeit. Für die Zielerreichung werden verschiedene Ressourcen, auch technische Hilfsmittel, genutzt.94

Semmer und Udris sehen Arbeit als „zielgerichtete menschliche Tätigkeit zum Zwecke der Transformation und Aneignung der Umwelt auf Grund selbst- oder fremddefinierter Aufgaben mit gesellschaftlicher – materieller oder ideeller – Bewertung, zur Realisierung oder Weiterentwicklung individueller oder kollektiver Bedürfnisse, Ansprüche und Kompetenzen.“95 Durch die Komponenten der fremddefinierten Aufgaben und der gesellschaftlichen Bewertung wird hier Arbeit zur Erwerbsarbeit, denn in ihrem Ergebnis wird Arbeit an einem Äquivalent bemessen, das seinen Ausdruck in finanziellen (Geld) oder materiellen Gleichnissen (Naturalien) findet. Fremddefinierte Aufgabenerteilung und selbstbestimmte Befolgung dieser führen zu einer Austauschbeziehung – durch Arbeit erbrachte Leistung gegen gesellschaftlich gewichtetes Gleichnis, meist in Form von Geld (Lohn, Gehalt, Honorar). Hier wird der Grundzug des „Erwerbs“ deutlich – die Austauschbeziehung und das dieser zugrundeliegende rechtliche Konstrukt (Arbeitsvertrag, Werkvertrag, Dienstvertrag).

Semmer und Meier ergänzen um Sonderformen von Arbeit, wie entgoltene/nicht entgoltene ehrenamtliche, Haus-, Pflegearbeit.96

Für Marie Jahoda ist Erwerbstätigkeit dann gegeben, wenn Arbeit („das innerste Wesen des Lebendigseins“97) auf einer vertraglichen Grundlage materiell entlohnt wird.98

2.1.2 Erwerbsarbeit in dieser Untersuchung

Als grundlegende Gemeinsamkeit der meisten vorgenannten verschiedenen Sichtweisen auf Arbeit kann identifiziert werden, dass Arbeit eine schöpferische Auseinandersetzung des einzelnen Menschen mit seiner Umwelt ist. Arbeit ist Tätigsein des Individuums Mensch. Dieses Tun als reflexiv-dynamische Auseinandersetzung mit seiner Umgebung ist grundlegendes Merkmal seines Menschseins. Arbeit ist weiterhin die Vorbedingung von Erwerbsarbeit.

Als charakterisierende Merkmale von Arbeit lassen sich im Einzelnen ableiten:

Subjektives Schöpfertum: prinzipielle geistige und körperliche Kraft für Veränderung, Denkfähigkeit99 Planung und Vorwegnahme des Ergebnisses, durchführende praktische Umsetzung als etwas Neues.100

Objektive Wertschöpfung: Schaffung eines Wertes, der die Zeitspanne der Arbeitsleistung überdauert.

Aktive körperliche/geistige Tätigkeit: Beanspruchung von Muskeln und Gliedmaßen, geistige Arbeit (Erfassung, Durchdringung, Vergleich, Beurteilung, Handlungsableitung, Kontrolle von Zusammenhängen), Anstrengung mit ggf. daraus folgenden physischen und psychischen Beeinträchtigungen.

Möglicher sozialer Austausch: Zusammenarbeit mit Dritten in Arbeitsteilung.

Mögliche soziale Anerkennung: positive oder negative Anerkennung von Dritten.

Selbstwertgefühl: Gefühl der Nützlichkeit, Selbsterfüllung, Selbstbestätigung.

Tätigkeit des einzelnen Menschen: Arbeitskraft und Arbeitsleistung sind gebunden an den arbeitenden Menschen. Selbstdefinition der eigenen Existenz als Mensch (Sinnhaftigkeit des Seins), Arbeit als Selbstzweck des Daseins.

Machtmittel: Entscheidungen werden getroffen.

Selbstständigkeit: die freie Entscheidung, etwas zu tun oder auch nicht.

Interaktion mit der Umwelt: Transformation und Aneignung der Natur und Einwirkung auf andere Menschen.

Zielgerichtetheit: Erfüllung einer Aufgabe, Festlegung eines gewünschten Ergebnisses, Befriedigung der individuellen Bedürfnisse, Arbeit ist kein Selbstzweck (nicht tun, um zu tun – Abgrenzung zu passivem Müßiggang).

Planmäßigkeit: inhaltliche und zeitliche Bestimmung der Vorgehensweise, Einzelschritte/Meilensteine, Nutzung technischer Hilfsmittel (Maschinen), prozesshafte Steuerung.

Mehrdimensionalität: Arbeit findet an einem bestimmten Ort (Koordinatensystem mit Länge, Breite, Höhe) und zu einer bestimmten Zeit/Zeitspanne statt. Sie hat zeitlichen Anfang, Dauer und Ende.

Zeitliche Strukturierung: Ausrichtung des persönlichen Tages-, Jahresablaufs.

Rechtliche Grundlagen: Notwendigkeit der Einhaltung legislativer Vorgaben (Gesetze, Verordnungen, Richtlinien).

Damit schließt diese Auffassung alle Formen von Tätigkeit ein, welche die vorgenannten Kriterien erfüllen – unentgeltliche Arbeit (Haus-, Gartenarbeit, handwerkliche Eigenleistungen, Nachbarschaftshilfe, Freizeitaktivitäten, ehrenamtliche Tätigkeiten) und entgeltliche Arbeit (Erwerbsarbeit, Schwarzarbeit). Ebenfalls eingeschlossen in diesen Begriff Arbeit ist damit die Muße von der Aristoteles spricht101 – als aktiver Müßiggang. Das umfasst vor allem die geistige Auseinandersetzung mit dem Leben und der Gesellschaft. Keine Arbeit ist passive Muße als körperliches Dahinvegetieren in apathischer Teilnahmslosigkeit und Unempfindlichkeit.

Ergänzend zu vorgenannten Kriterien der Arbeit treten bei Erwerbsarbeit weitere Komponenten hinzu. Zusammenfassend kann dann von der erwerblichen Arbeitsplatzsituation102 gesprochen werden.

Charakterisierende Merkmale von Erwerbsarbeit sind:

Austauschbeziehung: Leistung gegen Leistung (Entgelt), Erhalt eines finanziellen oder anderen Nutzens über privatwirtschaftliche Vermarktung oder durch die Allgemeinheit (öffentliche Träger – Behörden/Institutionen/Verbände).

Vertragliche Grundlage: Arbeitsvertrag/Werkvertrag/Dienstvertrag, Reziprozität über die gegenseitige Verpflichtungserklärung.

Aufgaben: werden von Dritten fremddefiniert.

Fachliche Qualifizierung: Notwendigkeit der Erfüllung beidseitiger fachlicher Voraussetzungen.

Systemische Einbindung in Aufbau- und Ablauforganisation: Einordnung in Hierarchien und Prozesse, Arbeitsteilung (Vorgänger und Nachfolger der Leistungserbringung in der Wertschöpfungskette).

Einschränkung der Selbstständigkeit: Aufgabenteilung, Einhaltung vertraglicher Festlegungen, Weisungsgebundenheit, unselbstständige Beschäftigung, Fremdbestimmung.

Existenzsicherung: Absicherung der eigenen und direkt/indirekt abhängigen Existenzen (Eltern, Kinder), Sicherung des Lebensstandards.

Arbeit als Ware: Aufrechnung in einem gesellschaftlich akzeptierten Äquivalent (Ausdruck in finanziellem Gegenwert oder materieller/ ideeller Gegenleistung).

Systemische Rückkopplung zu Qualität und Quantität der eigenen Leistung: Beurteilung der Arbeitsleistung.

Möglichkeit der einseitigen Beurteilung der Kosten/Nutzen-Relation: Sofern sich die Arbeitskraft nicht mehr über Umsatz/Gewinn reproduziert, wird sie aus dem Vertragsverhältnis (selbst) entlassen (beidseitige Kündigungsmöglichkeit der Vertragspartner). Gleiches gilt für die Beurteilung der individuellen Bedürfnisbefriedigung.103

Wesentliches Unterschiedskriterium von Erwerbsarbeit zu Arbeit ist die Austauschbeziehung von Arbeitsleistung (der eigentlichen Arbeit) gegen ein gesellschaftlich definiertes und zwischen den Austauschpartnern verhandeltes Äquivalent als Entgelt. Zwischen den Tauschpartnern wird ein vertragliches Arbeitsverhältnis begründet und ein fremddefinierter Auftrag erfüllt. Erwerbstätigkeit folgt im Wesentlichen dem übergeordneten Ziel Existenzsicherung.

2.2 Psychosoziale Funktionen der Erwerbsarbeit

2.2.1 Das Modell der psychosozialen Funktionen nach Marie Jahoda

Erwerbsarbeit erzeugt auf Grund ihrer Komponenten verschiedene räumlich-zeitliche und soziale Strukturen und bildet damit psychosoziale Funktionen ab. Diese wirken zwangsläufig auf den Erwerbstätigen ein, ohne dass er sich ihnen entziehen kann. Im Zustand der Erwerbslosigkeit als Gegenteil von Erwerbstätigkeit entfallen sie.104

Diese psychosozialen Funktionen wurden von Marie Jahoda auf Grundlage des Wegfalls (des Verlustes – der Deprivation) von Erwerbstätigkeit analysiert. Ausgangspunkt waren ihre Forschungen im Rahmen der MarienthalStudie von 1933, welche die Folgen von Erwerbslosigkeit am Beispiel eines österreichischen Dorfes untersucht. In diesem Dorf war fast die gesamte Bevölkerung in einer Textilfabrik beschäftigt, die 1930 geschlossen wurde.105 Jahoda geht der Frage nach: Was geschieht, wenn die Arbeit geht?106

Eine erste Auswirkung ist das Gefühl der „einschränkenden Armut.“107 Das ist ein sofort einsetzender, schockartiger Reflex auf die Nachricht des Verlustes der Erwerbstätigkeit. Die Reduzierung der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel führt zur Einschränkung des Konsums. Geplante Ausgaben, auch Ersatz von Kleidung und Mobiliar, werden ausgesetzt oder finden überhaupt nicht statt. Die Menschen richten sich mit weniger als vorher ein. Sämtliche Kosten werden geprüft und reduziert, auch Mitgliedschaften in Vereinen. Wenn sich die (familiäre) wirtschaftliche Not verschärft und keine neue Erwerbstätigkeit gefunden wird, nimmt mit zunehmender zeitlicher Dauer dieses Zustandes die individuelle Angst zu und mündet über Resignation und Verzweiflung in Apathie. Die Entwicklung bezieht auch die nicht ehemals erwerbstätigen Familienmitglieder (Kinder) ein. Diese Folgen sind unmittelbar mit der finanziellen Einschränkung/ Armut als Resultat der Erwerbslosigkeit verbunden.108

Andere psychosoziale Strukturen der Erwerbstätigkeit sind unabhängig von finanziellen Auswirkungen und damit dem Gefühl der Armut und treten weniger auffällig (latent) hervor. Hier ist zunächst „die aufgezwungene Zerstörung einer gewohnten Zeitstruktur des wach erlebten Tages“ zu nennen.109 Das Zeitgefüge, welches sich an der Tätigkeit ausrichtet (Beginn und Ende der Arbeit, freie Tage, Urlaub) ist verloren. Das Gefühl für Zeit schwindet. Das bisherige getaktete Zeitschema wird aufgegeben.110

Durch den Mangel an Aktivität (das Arbeiten selbst) stellt sich das Gefühl der Nutzlosigkeit ein. Man kann sein Wissen und Können nicht mehr aktiv einsetzen.111 Die mit der Industrialisierung einsetzende Arbeitsteilung112 führte zu umfassender Kooperation und Einbindung in betriebliche (Ablauforganisation mit Vorgänger und Nachfolger der Leistungserbringung) und organisatorische (Aufbauorganisation mit hierarchisch geregelter Machtausübung) Strukturen. Hier wird intensiver Kontakt gelebt und eng zusammengearbeitet bei der Erreichung kollektiver Ziele. Erwerbslose leiden „unter dem Ausschluß von der größeren Gesellschaft und unter relativer sozialer Isolation.“113 Ohne regelmäßige Erfahrungen zu einem Kollektiv außerhalb der eigenen Familie reduziert sich die soziale Kompetenz (Selbstreflexions-, Kooperations-, Konflikt-, Kommunikations-, Compliancefähigkeit).114

Individualismus wird in Erwerbstätigkeit sozialisiert und erfährt damit Wertschätzung. Seit Beginn der Industrialisierung werden Ansehen und Rang in der Gesellschaft durch den erlernten/ ausgeübten Beruf definiert. Status ist im Wertsystem der Gesellschaft verankert und wird extern bewertet. Wer keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, fällt in diesem System auf einen anderen Platz.115 Die persönliche Identität spiegelt das Selbstbild wider. Als Erwerbsloser ist man „fehl am Platz“116, insbesondere wenn es im eigenen Umfeld Menschen gibt, die erwerbstätig sind. Hier wird Raum für das Zweifeln an der eigenen Person eröffnet.117 Prinzipiell ist festzustellen, dass gerade lange Zeiten von Erwerbslosigkeit nicht den Kampfeswillen und Widerstand stärken, sondern zum Rückzug aus der Gesellschaft führen. Eine soziale Revolution findet eher nicht statt.118

Zusammengefasst lassen sich sechs psychosoziale Auswirkungen von Erwerbstätigkeit ableiten, die dann auffällig zutage treten, wenn die Tätigkeit von Dritten beendet wird.119 Das ist einerseits die manifeste Funktion des Lebensunterhaltes. Diese ist eindeutig, offenkundig und sofort nachvollziehbar auf Grund der direkten Verbindung von Erwerbstätigkeit und Erwerb von Entgelt für sie und drohende Verarmung ohne sie. Hinzu treten fünf latente Funktionen, deren Wirkung weniger direkt auffallend ist und die sich eher hintergründig entwickeln. Sie treten nachgelagert der manifesten Konsequenz zutage. Dazu zählen: zeitliche Strukturierung des erlebten Tages / Kontakt und geteilte berufliche Erfahrung mit Menschen außerhalb der eigenen Kernfamilie / Verbindung des Einzelnen zu übergeordneten ...

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