Logo weiterlesen.de
Geraubte Erinnerung

Über den Autor

Greg Iles wurde in Deutschland geboren, da sein Vater zeitweilig die medizinische Abteilung der Amerikanischen Botschaft leitete. Er verbrachte seine Jugend in Natchez, Mississippi. 1983 beendete er sein Studium an der University of Mississippi. Danach trat Greg Iles zunächst als Profi-Musiker auf, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher erscheinen inzwischen in 25 Ländern. Der Autor lebt mit Frau und zwei Kindern in Natchez, Mississippi.

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNGEN

Mein tiefer Dank an Ray Kurzweil, einen Pionier und Erfinder, dessen Erkenntnisse über künstliche Intelligenz stark dazu beigetragen haben, den vorliegenden Roman zu inspirieren. Ich erinnere mich noch heute an das erste Mal, als ich auf einem Kurzweil-Synthesizer spielte: Es klang wie ein Konzertflügel. Damals wurde mir bewusst, welche Möglichkeiten es auf dem Feld der elektronischen Musik gibt. Ray Kurzweil ist ein begnadeter Futurist, und sein Buch, The Age of Spiritual Machines, sollte von jedermann gelesen werden.

All meine Romane werden bereichert durch die Erfahrungen und Kenntnisse vieler Menschen. Ihnen allen schulde ich meinen Dank.

Keith Benoist für seine Reise nach Israel in schwierigen Zeiten.

Dr. med. Salil Tiwari, Dr. med. Louis Jacobs, Dr. med. Michael Bourland, Dr. med. Jerry Iles, Dr. med. Edward Daly, Dr. med. Fred Emrick, Dipl.-Krankenpfleger Simmons Iles für ihr medizinisches Fachwissen.

Major General i. R. Chuck Thomas, U. S. Army, für seine militärische Expertise. Chuck war sehr kurzfristig von großer Hilfe; er ist nicht verantwortlich für schriftstellerische Freiheiten des Autors betreffend militärische Möglichkeiten. Dank auch an Cole Cordray und an S. B. für seine heimliche Hilfe.

Für lange Nächte voller Diskussionen über Philosophie und Religion geht mein Dank an Robert Hensley, Michael Taylor und Win Ward.

Dank an die üblichen Verdächtigen, Geoff Iles, Michael Henry, Ed Stackler, Courtney Aldridge, Betty Iles, Carrie Iles, Madeline Iles, Mark Iles und Jane Hargrove für Beiträge, die hier aufzuzählen den Rahmen sprengen würde.

Und dafür, dass sie immer am Ball geblieben sind: Susan Moldow, Louise Burke und Susanne Kirk.

Dank außerdem den Damen von der Oak Ridge Chamber of Commerce.

Wie stets gehen sämtliche Fehler auf mein Konto.

Schließlich möchte ich meinen Lesern danken. Es ist nicht einfach, in einem kommerziellen Roman über Wissenschaft und Philosophie zu schreiben. Auf der einen Seite sollte es nicht zu abgehoben sein. Auf der anderen Seite darf man nicht zu sehr vereinfachen, sonst stößt man Menschen vor den Kopf, die sich in diesen Dingen auskennen. Ich vertraue darauf, dass Sie dieses Buch als geistige Übung betrachten und weder auf die eine noch auf die andere Weise zu hart urteilen. Wenn die Menschheit in den vergangenen zehntausend Jahren etwas gelernt hat, dann dies: Nichts auf der Welt ist sicher.

Alle Dinge kehren zu dem Einen zurück.

Wohin geht das Eine?

– ZEN-MEDITATION

Wir sollten darauf achten, dass wir nicht

den Intellekt zu unserem Gott erheben.

– ALBERT EINSTEIN

1

Mein Name ist Doktor David Tennant. Ich bin Arzt und Professor für Ethik an der University of Virginia Medical School, und wenn Sie dieses Aufnahmeband sehen, bin ich tot.«

Ich atmete tief durch und versuchte mich zu sammeln. Ich wollte nicht schwadronieren. Ich hatte meinen Sony Camcorder auf ein Stativ montiert und den LCD-Schirm so gedreht, dass ich mich selbst sehen konnte, während ich redete. Im Verlauf der letzten Wochen hatte ich Gewicht verloren. Meine Augen waren rot vor Erschöpfung und lagen tief in den Höhlen. Ich sah einem gejagten Kriminellen ähnlicher als einem trauernden Freund.

»Ich weiß nicht, wo ich eigentlich anfangen soll«, sagte ich. »Ich sehe immer wieder Andrew auf dem Boden liegen. Und ich weiß, dass sie ihn ermordet haben. Aber … ich eile der Geschichte voraus. Sie benötigen Fakten. Ich wurde 1961 in Los Alamos, New Mexico geboren. Mein Vater war James Howard Tennant, der Atomphysiker. Meine Mutter war Ann Tennant, eine Kinderärztin. Ich zeichne dieses Band im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte auf, und ich werde es bei meinen Anwälten hinterlegen, sobald ich fertig bin – mit der Auflage, dass das Band erst zugänglich gemacht wird, sollte ich aus irgendeinem Grund sterben.

Vor sechs Stunden wurde mein Kollege Dr. Andrew Fielding tot hinter seinem Schreibtisch gefunden, allem Anschein nach Opfer eines Schlaganfalls. Ich kann es nicht beweisen, doch ich bin sicher, dass Dr. Fielding ermordet wurde. In den letzten beiden Jahren haben Dr. Fielding und ich einem wissenschaftlichen Team angehört, das von der NSA finanziert wurde, der National Security Agency – wie auch von der DARPA, jener Regierungsbehörde, die in den Siebzigerjahren das Internet geschaffen hat. Dieses Team und seine Arbeit, bekannt als Project Trinity, unterliegt der allerhöchsten Geheimhaltung.«

Ich blickte hinunter auf den kurzläufigen Smith & Wesson .38er in meinem Schoß. Ich hatte mich überzeugt, dass die Waffe auf dem Bildschirm nicht zu sehen war, doch es war beruhigend, sie in Reichweite zu wissen. Mit neuer Zuversicht starrte ich auf das rote Licht.

»Vor zwei Jahren hatte Peter Godin, Gründer der Godin Supercomputer Corporation, eine Eingebung ähnlich jenem geheimnisumwitterten Augenblick, als Isaac Newton ein Apfel auf den Kopf fiel. Es geschah in einem Traum. Scheinbar aus dem Nichts heraus hatte ein siebzig Jahre alter Mann die revolutionärste Eingebung in der Geschichte der Wissenschaften. Als er aufwachte, rief Godin bei John Skow an, einem Deputy Director der NSA in Ford Meade, Maryland. Bis um sechs Uhr morgens hatten die beiden Männer einen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten abgefasst und versandt. Dieser Brief erschütterte das Weiße Haus bis ins Fundament. Ich weiß darüber Bescheid, weil der Präsident seit dem College der beste Freund meines Bruders war. Mein Bruder starb vor drei Jahren, doch ihm verdanke ich, dass der Präsident von meiner Arbeit wusste – und das ist der Grund dafür, weshalb ich bei sämtlichen nachfolgenden Ereignissen mitten im Geschehen war.«

Ich rieb über das kühle Metall des .38er, während ich überlegte, was ich erzählen und was ich auslassen sollte. Lass nichts aus, sagte eine leise Stimme in meinem Kopf. Die Stimme meines Vaters. Fünfzig Jahre zuvor hatte er selbst seine Rolle in der geheimen Geschichte der Vereinigten Staaten gespielt, und diese Bürde hatte seine Lebenszeit sehr verkürzt. Mein Vater starb 1988, ein geplagter Mann, überzeugt, dass der Kalte Krieg, den zu verewigen er seine gesamte jugendliche Energie aufgewandt hatte, mit der Zerstörung der menschlichen Zivilisation enden würde. Lass nichts aus …

»Das Godin-Memo«, fuhr ich fort, »hatte die gleichen Auswirkungen wie der Brief, den Albert Einstein zu Beginn des Zweiten Weltkriegs an Präsident Roosevelt geschickt hatte. In diesem Brief wies Einstein auf die Möglichkeit einer Atombombe hin und darauf, dass Nazideutschland unter Umständen bereits dabei war, diese Atombombe zu entwickeln. Einsteins Brief setzte das Manhattan Project in Gang, die geheime Forschung, die sicherstellen sollte, dass Amerika die erste Nation war, die über Nuklearwaffen verfügte. Peter Godins Brief hatte ein Projekt ähnlicher Tragweite, wenngleich mit unendlich größeren Ambitionen zur Folge. Project Trinity nahm hinter den Mauern eines getarnten NSA-Unternehmens im Triangle-Technologiepark von North Carolina Gestalt an. Lediglich sechs Menschen auf diesem Planeten besaßen je volle Kenntnis über das Projekt. Nun, da Andrew Fielding tot ist, sind nur noch fünf übrig. Ich bin einer davon. Die anderen vier sind Peter Godin, John Skow, Ravi Nara …«

Ich sprang mit dem .38er in der Hand auf, als jemand an meine Haustür klopfte. Durch die dünnen Vorhänge sah ich einen Lieferwagen von Federal Express am Bürgersteig stehen. Was ich aber nicht sehen konnte, war der Bereich unmittelbar vor der Tür.

»Wer ist da?«, rief ich.

»FedEx!«, erwiderte eine männliche Stimme gedämpft. »Ich brauche eine Unterschrift!«

Ich erwartete keine Sendung. »Ist es ein Brief oder ein Paket?«

»Brief.«

»Von wem?«

»Äh … Lewis Carroll?«

Ich erschauerte. Ein Brief von einem Toten? Nur eine einzige Person würde mir unter dem Namen des Verfassers von Alice im Wunderland einen Brief schicken. Andrew Fielding. Hatte er am Tag vor seinem Tod einen Brief an mich geschrieben? Fielding hatte die Labors der Trinity seit Wochen wie ein Besessener durchsucht, sowohl die Computer als auch die Räumlichkeiten. Vielleicht hatte er etwas gefunden. Und was immer er gefunden hatte, hatte vielleicht seinen Tod verursacht. Fieldings Verhalten gestern war mir merkwürdig erschienen – was schon etwas heißen will bei einem Mann, der für seine Exzentrizität berühmt war –, doch heute Morgen war er wieder ganz der Alte gewesen.

»Wollen Sie nun den Brief oder nicht?«, rief der Bote.

Ich spannte den Hahn des Revolvers und schob mich vorsichtig zur Tür. Ich hatte die Sicherheitskette vorgelegt, als ich nach Hause gekommen war. Nun sperrte ich mit der linken Hand die Tür auf und öffnete sie, so weit die Kette es zuließ. Durch den Spalt erkannte ich das Gesicht eines uniformierten Mannes Mitte dreißig, der seine langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.

»Schieben Sie Ihren Block zusammen mit dem Brief durch den Spalt. Dann unterschreibe ich und gebe Ihnen den Block anschließend zurück.«

»Es ist ein digitales Pad. Ich darf es nicht aus der Hand geben.«

»Dann behalten Sie es in der Hand.«

»Verrückt«, murmelte der Bote, doch er schob den dicken orangefarbenen Apparat durch den Spalt.

Ich nahm den Stylus, der am Ende einer Schnur von dem Pad baumelte, und kritzelte meinen Namen auf den Touchscreen. »Okay.«

Das Pad verschwand, und ein FedEx-Umschlag wurde unter der Tür durchgeschoben. Ich nahm ihn und warf ihn hinter mir aufs Sofa. Dann schloss ich die Tür und wartete, bis ich hörte, wie der Motor des Lieferwagens angelassen wurde und das Fahrzeug sich in Bewegung setzte.

Ich ging zum Sofa und nahm den Umschlag in die Hand. Lewis Caroll, stand in der krakeligen Handschrift Fieldings im Absenderfeld. Als ich das Blatt Papier aus dem Umschlag zog, rieselte eine körnige, weiße, haftende Substanz heraus und blieb an meinen Fingern kleben. Im gleichen Augenblick, in dem mein Hirn die Farbe registrierte, flüsterte eine Stimme in meinem Hinterkopf: Anthrax! Die Chance dafür war sehr gering, doch vor wenigen Stunden war mein bester Freund unter verdächtigen Umständen gestorben. Ein gewisses Maß an Paranoia war mehr als gerechtfertigt.

Ich eilte in die Küche und schrubbte meine Hände mit Spülmittel und Wasser. Dann nahm ich einen schwarzen Arztkoffer aus dem Schrank. In dem Beutel lagerten die üblichen Arzneimittel, die jeder Arzt zu Hause aufbewahrte: Schmerzmittel, Antibiotika, Brechmittel, Steroidcremes. In einem Fach fand ich, wonach ich gesucht hatte. Einen Blister mit Cipro, einem starken Breitband-Antibiotikum. Ich schluckte eine Pille mit ein wenig Wasser aus der Leitung, dann nahm ich ein Paar Latexhandschuhe aus dem Koffer. Als letzte Vorsichtsmaßnahme band ich mir ein schmutziges T-Shirt aus dem Wäschekorb vor Mund und Nase. Dann erst nahm ich den Umschlag sowie den Brief und packte sie in verschiedene Ziploc-Beutel, klipste sie zu und legte sie auf die Arbeitsfläche.

So sehr ich darauf brannte, Fieldings Brief zu lesen, ein Teil von mir widersetzte sich. Was in dem Brief stand, hatte Fielding möglicherweise das Leben gekostet. Und selbst wenn nicht – wozu sollte es gut sein, dass ich den Brief las?

Sorgfältig saugte ich die kleinen weißen Kügelchen vom Teppich im Wohnzimmer auf, während ich mich fragte, ob ich mich vielleicht getäuscht hatte und Fielding eines natürlichen Todes gestorben war. Er und ich hatten uns gegenseitig hochgeschaukelt in ein Stadium akuten Misstrauens gegen alles und jeden. Andererseits hatten wir allen Grund dazu gehabt. Und der Zeitpunkt von Fieldings Tod war zu verdammt passend. Statt den Staubsauger zurück in den Schrank zu stellen, ging ich zur Hintertür und warf das Ding in hohem Bogen in den Hof. Ich konnte mir jederzeit einen neuen kaufen.

Der Brief auf dem Küchentresen ging mir nicht aus dem Kopf. Ich fühlte mich wie die Frau eines Soldaten, die sich weigert, ein Telegramm der Army zu öffnen. Doch ich wusste bereits, dass mein Freund tot war. Wovor fürchtete ich mich also noch?

Vor dem Warum, antwortete eine Stimme in meinem Kopf. Fieldings Worte. Du willst den Kopf weiter in den Sand stecken. Das ist der amerikanische Nationalsport …

Mehr als nur ein wenig verärgert, dass der Tote genauso lästig sein konnte wie der Lebende, nahm ich den Beutel mit dem Blatt und ging damit ins Wohnzimmer. Der Brief war kurz und handgeschrieben.

David,

wir müssen uns noch einmal treffen. Ich habe Godin endlich mit meinen Vermutungen konfrontiert. Seine Reaktion hat mich überrascht. Ich will nichts auf Papier niederschreiben, aber ich weiß nun, dass ich Recht habe. Lu Li und ich fahren Samstagabend zu der blauen Stelle. Bitte komm ebenfalls. Es liegt ganz in der Nähe, und es ist verschwiegen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du dich noch einmal mit dem Freund deines verstorbenen Bruders in Verbindung setzt, obwohl ich bezweifle, dass selbst er zu diesem Zeitpunkt etwas unternehmen kann. Dinge wie diese besitzen eine Schwungkraft, die jedes Individuum vernichten kann. Die gesamte Menschheit, fürchte ich. Falls mir irgendetwas zustoßen sollte, dann vergiss bitte nicht das kleine goldene Ding, das für mich aufzubewahren ich dich vor einer Weile gebeten habe. Es sind verzweifelte Zeiten, Freund. Wir sehen uns am Samstag.

Der Brief war nicht unterschrieben, doch am Ende des Blatts war ein handgezeichneter Cartoon, ein Kaninchenkopf mit einem Zifferblatt als Gesicht. The White Rabbit, ein liebevoller Spitzname, den Fielding von seinen Physikstudenten in Cambridge erhalten hatte. Fielding trug stets eine goldene Taschenuhr bei sich; sie war »das kleine goldene Ding«, das ich vor einiger Zeit einmal für ihn verwahrt hatte.

Wir waren uns im Flur begegnet, als er mir die Uhr mitsamt Kette in die Hand gedrückt hatte. »Was dagegen, kurze Zeit darauf aufzupassen, alter Mann?«, hatte er gemurmelt. »Nein? Danke, nett von dir.« Dann war er verschwunden. Eine Stunde später war er zu mir ins Büro gekommen, um die Uhr wieder abzuholen. Auf meine Frage erwiderte er, er hätte die Uhr nicht mit ins MRI-Labor nehmen wollen, wo die immens starken Magnetfelder des Resonanzspektroskops sie vielleicht beschädigen konnten. Doch Fielding war ständig im MRI Lab und hatte mir vorher noch nie seine goldene Taschenuhr anvertraut. Und er hatte es danach auch nie wieder getan. Sie musste in seiner Tasche gewesen sein, als er gestorben war. Was zur Hölle hatte er an jenem Tag gemacht?

Ich las den Brief erneut. Lu Li und ich fahren Samstagabend zu der blauen Stelle. Lu Li war Fieldings neue chinesische Frau. Die »blaue Stelle« musste ein Kode für eine Strandhütte beim Nags Head sein, auf den Outer Banks von North Carolina. Vor drei Monaten hatte Fielding mich um eine Empfehlung gebeten, wo er seine Flitterwochen verbringen könne, und ich hatte ihm die Strandhütte beim Nags Head vorgeschlagen, nur wenige Stunden Fahrt von hier. Fielding und seine Frau waren sehr angetan gewesen von der Hütte – und der Engländer hatte offensichtlich genau daran gedacht, als er einen sicheren Ort gesucht hatte, um mit mir über seine Befürchtungen zu sprechen.

Meine Hände zitterten. Der Mann, der diesen Brief geschrieben hatte, war inzwischen so kalt wie der Tisch des Leichenbeschauers, auf dem er lag – falls er bei einem Leichenbeschauer lag. Niemand war imstande oder willens gewesen, mir zu verraten, wohin man den Leichnam meines Freundes bringen würde. Und nun das weiße Pulver. Hätte Fielding Pulver in den Umschlag getan und vergessen, es zu erwähnen? Und falls er es nicht gewesen war, wer dann? Wer außer der Person, die ihn ermordet hatte?

Ich legte den Brief aufs Sofa, streifte die Latexhandschuhe ab und spulte das Videoband zu der Stelle zurück, an der ich aus dem Bild verschwunden war. Ich hatte beschlossen, dieses Band aufzuzeichnen, weil ich befürchtete, dass man mich ebenfalls töten würde, bevor ich dem Präsidenten berichten konnte, was ich wusste. Fieldings Brief hatte daran nichts geändert. Und doch schweiften nun meine Gedanken ab, als ich in die Linse starrte. Ich war bereits viel weiter, als Fielding vorgeschlagen hatte, indem er meinte, ich sollte den Freund meines toten Bruders anrufen. In dem Augenblick, in dem ich Fieldings Leiche auf dem Boden gesehen hatte, war mir bewusst gewesen, dass ich den Präsidenten informieren musste. Doch der Präsident war in China. Trotzdem hatte ich, sobald das Trinity Lab hinter mir lag, von einem Münztelefon von einem Shoney’s Restaurant aus im Weißen Haus angerufen, einem »sicheren« Apparat, von dem Fielding mir erzählt hatte. Die Überwachungsteams draußen in den Wagen konnten ihn nicht sehen, und die Architektur des Restaurants machte es für ein Richtmikrofon praktisch unmöglich, aus der Entfernung ein Gespräch zu belauschen.

Als ich »Project Trinity« sagte, stellte mich der Operator im Weißen Haus sofort zu einem Mann durch, der mich schroff aufforderte, meinen Wunsch vorzubringen. Ich fragte nach Ewan McCaskell, dem Stabschef des Präsidenten, den ich während meines Besuchs im Oval Office kennen gelernt hatte. McCaskell war zusammen mit dem Präsidenten in China. Ich bat darum, dem Präsidenten auszurichten, dass David Tennant ihn dringend wegen Project Trinity sprechen müsse, und machte eindringlich klar, dass niemand, der an Project Trinity mitarbeitete, über meinen Anruf informiert werden dürfte. Der Mann sagte, meine Nachricht würde weitergegeben, und legte auf.

Zwischen North Carolina und Beijing lagen dreizehn Stunden Zeitunterschied. Das bedeutete, dass in China bereits ein neuer Tag angebrochen war. Helllichter Tag. Und doch waren seit meinem Anruf vier Stunden vergangen, und ich hatte noch nichts gehört. War meine Nachricht angesichts der kritischen Natur des Gipfeltreffens überhaupt nach China weitergeleitet worden? Ich hatte keine Möglichkeit, dies zu überprüfen. Ich wusste, dass ich möglicherweise genauso tot enden würde wie Fielding, bevor ich eine Gelegenheit fand, mit dem Präsidenten zu sprechen, falls jemand von Project Trinity zuerst von meinem Anruf erfuhr.

Ich drückte die START-Taste der Fernbedienung und blickte erneut in die Kamera.

»In den vergangenen sechs Monaten ist mein anfängliches Gefühl, an einem erhabenen wissenschaftlichen Projekt mitzuarbeiten, mehr und mehr der Frage gewichen, ob ich überhaupt in den Vereinigten Staaten lebe. Ich habe zugesehen, wie Nobelpreisträger sämtliche Prinzipien über Bord geworfen haben auf der Suche nach …«

Ich verstummte. Irgendetwas hatte sich vor meinem Fenster bewegt. Ein Gesicht. Sehr nah. Es hatte ins Haus gespäht. Ich hatte es durch die dünnen Vorhänge hindurch gesehen, kein Zweifel. Ein Gesicht, gerahmt von schulterlangem Haar. Ich meinte, weibliche Gesichtszüge erkannt zu haben und …

Ich wollte aufstehen, setzte mich dann aber wieder. Meine Zähne klapperten in elektrisiertem Schmerz, als hätte ich Aluminiumfolie zwischen zwei Zahnfüllungen geklemmt. Meine Augenlider waren mit einem Mal so schwer, dass ich sie nicht mehr offen halten konnte. Nicht jetzt!, dachte ich und steckte die Hände in die Taschen, um nach meiner Medikamentenflasche zu suchen. Herrgott, nicht jetzt! Seit sechs Monaten litt jedes Mitglied von Trinitys innerem Zirkel an beängstigenden neurologischen Symptomen. Und bei allen waren sie völlig unterschiedlich. Meine Beeinträchtigung war Narkolepsie. Narkolepsie und Träume. Zu Hause fiel ich üblicherweise in einen tranceähnlichen Schlaf. Doch wenn ich einen Anfall unterdrücken musste – beim Projekt oder wenn ich mit dem Wagen unterwegs war –, konnten allein Amphetamine die überwältigenden Anfälle aufhalten.

Ich zerrte meine Medikamentenflasche hervor und schüttelte sie. Leer. Ich hatte mein Speed immer von Ravi Nara bekommen, dem Neurologen von Project Trinity, doch Nara und ich redeten nicht mehr miteinander. Ich versuchte mich zu erheben, wollte eine Apotheke anrufen und mir meine eigenen Amphetamine verschreiben, doch das war ein lächerliches Unterfangen. Ich konnte nicht einmal stehen. Eine bleierne Schwere breitete sich in meinen Gliedern aus. Mein Gesicht wurde ganz heiß, und meine Augenlider sanken herab.

Da war es wieder. Das Gesicht am Fenster. In meiner Vorstellung hob ich meine Smith & Wesson und zielte damit auf das Fenster, doch dann sah ich, dass die Waffe immer noch in meinem Schoß lag. Nicht einmal der nackte Überlebenswille vermochte den Nebel zu vertreiben, der sich in meinem Kopf ausbreitete. Ich blickte zum Fenster. Das Gesicht war verschwunden. Ein Frauengesicht. Ich war mir ganz sicher. Würden sie eine Frau schicken, um mich zu töten? Selbstverständlich. Sie waren pragmatisch. Sie benutzten, was funktionierte.

Irgendetwas kratzte an meinem Türknauf. Durch den immer dichteren Nebel hindurch kämpfte ich darum, meinen Revolver auf die Tür zu richten. Etwas krachte gegen das Holz. Ich bekam den Finger um den Abzug, doch als mein benebelter Verstand den Befehl aussandte, abzudrücken, raubte der Schlaf mir so plötzlich das Bewusstsein wie ein Finger, der eine Kerzenflamme ausschnippt.

Andrew Fielding saß allein an seinem Schreibtisch und rauchte wütend eine Zigarette. Seine Hände zitterten nach einer Konfrontation mit Godin. Die Szene lag bereits einen Tag zurück, doch Fielding hatte die Angewohnheit, Ereignisse wie dieses in Gedanken zu wiederholen und sich darüber zu ärgern, wie kraftlos er seinen Standpunkt verteidigt hatte, während er Antworten vor sich hin murmelte, die er zum passenden Zeitpunkt hätte geben sollen und nicht gegeben hatte.

Der Streit war das Ergebnis wochenlanger Frustration gewesen. Fielding mochte Auseinandersetzungen nicht, jedenfalls nicht außerhalb des Reichs der Physik. Er hatte das Meeting bis zum letztmöglichen Augenblick vor sich hergeschoben. Er stapfte in seinem Büro auf und ab und grübelte über einem der zentralen Rätsel der Quantenphysik: Wie konnten zwei Teilchen, die zur gleichen Zeit aus der gleichen Quelle abgeschossen wurden, im gleichen Augenblick am gleichen Zielort sein, obwohl das eine zehnmal so weit fliegen musste wie das andere. Es war, als würden zwei 747 von New York nach Los Angeles fliegen – eine auf direktem Weg, die andere zuerst südlich nach Miami, bevor sie auf Westkurs in Richtung Los Angeles ging – und trotzdem landeten beide zur gleichen Zeit auf dem LAX. Die 747 auf dem direkten Weg war mit Lichtgeschwindigkeit geflogen, und doch hatte die Maschine, die den Umweg über Miami genommen hatte, Los Angeles in genau dem gleichen Augenblick erreicht. Was nur bedeuten konnte, dass die zweite Maschine schneller als das Licht geflogen war. Was wiederum bedeutete, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie fehlerhaft war. Möglicherweise. Fielding verbrachte eine Menge Zeit mit dem Nachdenken über dieses Problem.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an und dachte an den Brief, den er per FedEx an David Tennant geschickt hatte. Er sagte nicht genug. Nicht annähernd. Es musste reichen, bis sie sich beim Nags Head trafen. Tennant arbeitete in diesem Augenblick ein paar Schritte den Flur hinunter, den ganzen Nachmittag lang, doch er hätte ebenso gut auf den Fidschi-Inseln sein können. Nicht ein Quadratzentimeter des Trinity Complex war frei von Überwachungs- und Aufzeichnungsgeräten. Tennant würde den Brief an diesem Nachmittag erhalten, falls niemand ihn abfing. Um dies zu verhindern, hatte Fielding seine Frau angewiesen, ihm im Postamt von Durham in einen FedEx-Kasten zu werfen, außer Sichtweite eventueller Beschatter, die ihr in der Ferne folgten. Das war alles, was den Ehepartnern der Mitarbeiter üblicherweise widerfuhr – willkürliche Beschattung aus einem Wagen heraus –, doch man konnte nie wissen.

Tennant war Fieldings einzige Hoffnung. Tennant kannte den Präsidenten. Jedenfalls war er bei Cocktailempfängen im Weißen Haus gewesen. Fielding hatte 1998 den Nobelpreis gewonnen und war trotzdem nie nach Number 10 Downing Street eingeladen worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es auch nie der Fall sein. Er hatte dem Premierminister anlässlich eines Empfangs einmal die Hand geschüttelt, mehr nicht. Es war nicht das Gleiche. Ganz und gar nicht.

Fielding nahm einen Zug von seiner Zigarette und blickte auf seinen Schreibtisch hinunter. Dort lag eine Gleichung – eine kollabierende Wellenfunktion, unlösbar im Rahmen der gegenwärtigen Mathematik. Nicht einmal die stärksten Supercomputer der Welt konnten eine kollabierende Wellenfunktion lösen. Es gab nur ein Gerät auf dem Planeten, das das Problem vielleicht ein Stück weit vorantreiben konnte – zumindest glaubte Fielding, dass es dieses Gerät bald geben würde –, und falls er Recht hatte, würde der Ausdruck Supercomputer schon sehr bald so archaisch und drollig klingen wie Abakus. Die Geräte, die imstande sein würden, eine kollabierende Wellenfunktion zu lösen, konnten viel mehr als Berechnungen anstellen. Sie würden genau das sein, was Peter Godin den Mandarins in Washington versprochen hatte – und noch mehr.

Dieses »mehr« war es, das Fielding verängstigte. Das ihm eine Heidenangst einjagte. Denn niemand konnte vorhersagen, welche unbeabsichtigten Nebenwirkungen sich daraus ergeben würden, ein solches Gerät zu erschaffen. Trinity. Dreifaltigkeit, ausgerechnet!

Fielding überlegte gerade, ob er früher nach Hause gehen sollte, als es in seinem linken Auge zuckte. Es gab keinen Schmerz. Dann verschwamm das Sehfeld dieses Auges zu einem undeutlichen Fleck, und in seinem linken Stirnlappen ereignete sich etwas, das sich anfühlte wie eine Explosion. Ein Schlaganfall, dachte er mit klinischer Nüchternheit. Ich habe einen Schlaganfall. Merkwürdig gelassen griff er nach dem Telefonhörer, um den Notruf zu wählen, bevor er sich erinnerte, dass der bedeutendste Neurologe der Welt nur vier Türen von seinem Büro entfernt arbeitete.

Das Telefon wäre schneller, als wenn er zu Fuß ginge. Er griff erneut nach dem Hörer, doch das Ereignis, das sich in seinem Schädel abspielte, entwickelte unvermittelt seine ganze zerstörerische Kraft. Das Blutgerinnsel saß fest, oder das Blutgefäß platzte, und Fieldings linkes Auge war blind. Dann durchbohrte ein messerartiger Schmerz sein Kleinhirn, das Zentrum der Lebenserhaltungsfunktionen. Während Fielding dem Boden entgegenstürzte, dachte er erneut an jenen flüchtigen Partikel, der schneller gereist war als das Licht und der Einsteins Theorie widerlegt hatte, indem er den Raum durchquerte, als existierte er überhaupt nicht. Er stellte ein Gedankenexperiment an. Falls Andrew Fielding sich genauso schnell bewegen konnte wie dieser Partikel, konnte er Ravi Nara dann noch rechtzeitig erreichen, um gerettet zu werden?

Antwort: Nein. Nichts konnte Andrew Fielding jetzt noch retten.

Sein letzter zusammenhängender Gedanke war ein Gebet, die stille Hoffnung, dass in der unbekannten Welt des Quantums ein Bewusstsein jenseits dessen existierte, was die Menschen Tod nannten. Für Fielding war Religion eine Illusion, doch zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts hatte Project Trinity die Hoffnung auf eine neue Unsterblichkeit geweckt. Und es war nicht die Rube-Goldberg-Monstrosität, die sie hundert Meter von seiner Bürotür entfernt zu bauen vorgaben.

Der Aufprall auf dem Boden fühlte sich an wie auf Wasser.

Ich schrak hoch und packte meine Smith & Wesson. Jemand hämmerte gegen meine Haustür, die straff gespannt an der Sicherheitskette hing. Ich versuchte aufzustehen, doch der Traum hatte mir die Orientierung geraubt. Seine Klarheit übertraf alles, was ich bisher an Träumen gehabt hatte. Ich fühlte mich beinahe so, als wäre ich selbst gestorben, als wäre ich Andrew Fielding im Augenblick seines Todes …

»Dr. Tennant?«, rief eine Frauenstimme. »David! Sind Sie zu Hause?«

Meine Psychotherapeutin? Ich legte eine Hand auf meine Stirn und versuchte mich in die Wirklichkeit zurückzukämpfen. »Dr. Weiss? Rachel? Sind Sie das?«

»Ja. Machen Sie die Kette auf!«

»Ich komme«, murmelte ich. »Sind Sie allein?«

»Ja. Öffnen Sie die Tür.«

Ich stopfte meinen Revolver zwischen die Sofapolster und stolperte zur Tür. Als ich die Hand nach der Sicherheitskette ausstreckte, dämmerte mir, dass ich meiner Therapeutin nie gesagt hatte, wo ich wohnte.

2

Rachel Weiss besaß pechschwarzes Haar, gebräunte Haut und Augen wie Onyx. Vor elf Wochen, als ich zu meiner ersten Sitzung in ihr Büro gekommen war, hatte ich an die Rebecca aus Sir Walter Scotts Ivanhoe denken müssen. Nur dass die Rebecca aus der Erzählung eine wilde, ungebändigte Schönheit gewesen war. Rachel Weiss hingegen strahlte eine konzentrierte Ernsthaftigkeit aus, die ihre physische Erscheinung und ihre Kleidung irrelevant werden ließen. Es schien, als würde sie richtiggehende Anstrengungen unternehmen, um ihre Vorzüge zu verbergen und ihre Patienten nicht dazu zu verführen, in ihr etwas anderes als die außergewöhnliche Ärztin zu sehen, die sie war.

»Was war das?«, fragte sie und deutete auf das Sofakissen, wo ich den Smith & Wesson versteckt hatte. »Betreiben Sie schon wieder Selbstmedikation?«

»Nein. Woher wissen Sie, wo ich wohne?«

»Ich kenne jemanden vom Personal bei der UVA. Sie haben zwei aufeinander folgende Sitzungen versäumt, auch wenn Sie vorher angerufen und abgesagt haben. Heute sind Sie allerdings nicht gekommen, ohne vorher abzusagen. Was erwarten Sie denn, was ich angesichts Ihrer Gemütsverfassung in letzter Zeit tun soll?« Rachels Blick wanderte zu meiner Videokamera. »Oh, David … Sie haben doch wohl nicht wieder damit angefangen? Ich dachte, das hätten Sie vor Jahren aufgegeben.«

»Es ist nicht, was Sie glauben.«

Sie sah wenig überzeugt aus. Vor fünf Jahren hatte ein betrunkener Fahrer den Wagen meiner Frau von der Straße und in einen Tümpel gedrängt. Das Wasser war nicht tief gewesen; trotzdem waren meine Frau Karen und meine Tochter Zooey ertrunken, bevor Hilfe eingetroffen war. Ich arbeitete in dem Krankenhaus, in das sie nach dem Unfall gebracht wurden. Zu beobachten, wie das Personal der Notaufnahme sich vergeblich bemühte, meine vierjährige Tochter zu reanimieren, vernichtete mein Leben. Ich verbrachte Stunden zu Hause vor dem Fernseher und spielte endlos Videobänder von Zooey ab. Zooey beim Laufenlernen, Zooey lachend in den Armen von Karen, Zooey, die mich während der Party zu ihrem dritten Geburtstag umarmte. Meine medizinischen Fähigkeiten siechten dahin und starben schließlich, und ich sank in eine klinische Depression. Es war der einzige Fakt aus meinem Leben, den ich in allen Einzelheiten mit der Therapeutin besprochen hatte, und das auch nur, weil sie mir nach drei Sitzungen erzählt hatte, dass im Jahr zuvor ihr einziges Kind an Leukämie gestorben war.

Sie hatte es mir anvertraut, weil sie glaubte, dass meine beunruhigenden Träume durch den tragischen Verlust meiner Familie hervorgerufen worden waren, und sie wollte mich wissen lassen, dass sie den gleichen Schmerz gespürt hatte. Auch Rachel hatte mehr verloren als nur ihr Kind. Ihr Ehemann hatte es nicht geschafft, mit den vernichtenden Auswirkungen der Krankheit seines Sohnes fertig zu werden, und hatte Rachel nach dem Tod des Jungen verlassen, um nach New York zurückzukehren. Genau wie ich war Rachel in tiefe Depressionen gefallen, aus denen sie nur durch Glück wieder herausgefunden hatte. Therapie und Medikamente waren ihre Rettung gewesen. Im Gegensatz dazu war ich stets ein starker und entschlossener Mensch gewesen, wie schon mein Vater, und hatte mir alleine meinen Weg zurück ins Land der Lebenden erkämpft. Seit damals war kein Tag vergangen, an dem ich meine Frau und meine Tochter nicht vermisst hatte, doch die Tage des Weinens und Abspielens alter Videobänder waren vorbei.

»Es ist nicht wegen Karen und Zooey«, sagte ich zu Rachel. »Bitte schließen Sie die Tür.«

Sie blieb in der offenen Tür stehen, die Wagenschlüssel in der Hand, und es war offensichtlich, dass sie mir glauben wollte, auch wenn sie ebenso offensichtlich voller Skepsis war. »Was ist es denn?«

»Meine Arbeit. Bitte schließen Sie die Tür!«

Rachel schwankte; dann schloss sie die Tür und starrte mir in die Augen. »Vielleicht wird es Zeit, dass Sie mir von Ihrer Arbeit erzählen.«

Dies war lange Zeit ein Punkt zwischen uns gewesen, über den wir uns gestritten hatten. Rachel betrachtete die Vertraulichkeit zwischen Arzt und Patient als heilig, und mein Mangel an Vertrauen schmerzte sie. Sie hielt meine Forderungen nach Diskretion und meine Warnungen, dass es gefährlich wäre, darüber zu sprechen, für einen Hinweis auf Wahnvorstellungen, in die ich mich geflüchtet hatte, um meine Psyche vor genauerer Betrachtung zu schützen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Auf Verlangen der NSA hatte ich meine erste Sitzung bei Rachel unter falschem Namen gebucht. Doch bereits zehn Sekunden nach dem Händeschütteln erkannte sie mein Gesicht wieder, das auf dem Umschlag meines Buches abgedruckt war. Sie nahm an, meine Täuschung läge in der Paranoia einer medizinischen Berühmtheit begründet, und ich tat nichts, um ihr diesen Irrglauben zu nehmen.

Nach einigen Wochen hatte meine beharrliche Weigerung, irgendetwas zu besprechen, das mit meiner Arbeit zu tun hatte – meine Neurose, sie »schützen« zu müssen, wie sie es nannte –, dazu geführt, dass sie Schizophrenie bei mir vermutete.

Rachel konnte nicht wissen, dass meine Sitzungen bei ihr erst genehmigt worden waren, nachdem ich einen heftigen Disput mit John Skow ausgefochten hatte, dem Direktor von Project Trinity. Meine Narkolepsie war als Folge meiner Arbeit am Projekt entstanden, und ich benötigte professionelle Hilfe, wenn ich versuchen wollte, die damit einhergehenden Träume zu verstehen. Zuerst hatte die NSA einen Seelenklempner aus Fort Meade eingeflogen, einen pharmakologischen Psychiater, dessen Klientel sich hauptsächlich aus Technikern zusammensetzte, die Probleme mit chronischem Stress oder Depressionen hatten. Er hatte mich mit kleinen bunten Pillen abfüllen wollen, um anschließend herauszufinden, wie man ein international bekannter und veröffentlichter Arzt wurde wie ich. Als Nächstes hatten sie mir eine Frau gebracht, eine Expertin auf dem Gebiet von Neurosen, die sich entwickeln, wenn Menschen gezwungen werden, lange Zeit unter strengen Geheimhaltungsvorschriften zu arbeiten. Ihr Wissen über Traumdeutung war auf »ein wenig historische Literatur in der Assistenzzeit« beschränkt. Wie ihr Kollege zuvor wollte auch sie mir eine Batterie von Antidepressiva und Neuroleptika verordnen. Was ich in Wirklichkeit brauchte, war ein Psychoanalytiker, der Erfahrung in Traumdeutung besaß, und die NSA hatte keinen. Ich telefonierte mit einer Reihe von Freunden an der Uni und fand heraus, dass Rachel Weiss, die bedeutendste jungianische Analytikerin des Landes, an der Duke University unterrichtete, keine fünfzehn Meilen vom Trinity Building entfernt. Skow wollte mir verbieten, sie aufzusuchen, doch schließlich sagte ich ihm, er müsse mich schon ins Gefängnis stecken, um das zu verhindern, und bevor er das versuchte, sollte er den Präsidenten anrufen, der persönlich dafür verantwortlich war, dass ich am Project Trinity mitarbeitete.

»Irgendwas ist passiert«, sagte Rachel. »Haben die Halluzinationen sich erneut verändert?«

Halluzinationen?, dachte ich bitter. Wieso spricht sie nie von Träumen?

»Sind sie intensiver geworden? Oder persönlicher? Haben Sie Angst?«

»Andrew Fielding ist tot«, sagte ich mit ausdrucksloser Stimme.

Rachel blinzelte. »Wer ist Andrew Fielding?«

»Er war Physiker.«

Ihre Augen weiteten sich. »Andrew Fielding, der Atomphysiker, ist tot?«

Es war ein Zeichen für Fieldings Berühmtheit, dass eine Medizinerin, die so gut wie nichts von Quantenphysik verstand, seinen Namen kannte. Doch das überraschte mich nicht. Schon Sechsjährige hatten von dem »White Rabbit« gehört. Dem Mann, der das Rätsel der dunklen Materie im Universum gelöst hatte. Fielding war genauso bekannt wie sein Freund Steven Hawking, der Astrophysiker.

»Er starb an einem Schlaganfall«, sagte ich. »Zumindest behaupten sie das.«

»Wer behauptet das?«

»Die Leute auf der Arbeit.«

»Sie arbeiten mit Andrew Fielding zusammen?«

»Ich habe mit ihm zusammen gearbeitet, ja. Die letzten beiden Jahre.«

Rachel schüttelte staunend den Kopf. »Und Sie glauben nicht, dass er an einem Schlaganfall gestorben ist?«

»Nein.«

»Hat man ihn untersucht?«

»Eine oberflächliche Untersuchung. Er ist in seinem Büro zusammengebrochen. Ein anderer Arzt war bei ihm, bevor er starb. Dieser Arzt meinte, Fielding hätte linksseitige Lähmungserscheinungen und eine weit geöffnete linke Pupille, allerdings …«

»Was?«

»Ich glaube ihm nicht. Fielding ist für einen Schlaganfall zu schnell gestorben. Innerhalb von vier oder fünf Minuten.«

Rachel schürzte die Lippen. »Das geschieht manchmal. Insbesondere bei starken inneren Blutungen.«

»Ja, aber es ist vergleichsweise selten, und normalerweise bemerkt man eine erschlaffte Pupille rechtzeitig.« Das stimmte, doch es war nicht das, woran ich dachte. Rachel war Psychotherapeutin, und so tüchtig sie auch sein mochte, sie hatte nicht wie ich sechzehn Jahre damit verbracht, Innere Medizin zu praktizieren. Man bekommt ein Gefühl für gewisse Fälle und gewisse Patienten. Eine Art sechsten Sinn. Fielding war nicht mein Patient gewesen, doch er hatte mir in den vergangenen beiden Jahren viel über seine Gesundheit erzählt, und eine massive innere Blutung erschien mir einfach nicht passend bei ihm. »Hören Sie, ich weiß nicht, wo sein Leichnam liegt, und ich glaube nicht, dass man eine Autopsie anordnen wird, deswegen …«

»Eine Autopsie?«, unterbrach Rachel mich verwundert. »Wieso?«

»Weil ich glaube, dass er ermordet wurde.«

»Sie sagten doch, er sei in seinem Büro gestorben.«

»Das stimmt.«

»Sie glauben, er wurde auf der Arbeit ermordet? Gewalt am Arbeitsplatz?«

Sie begriff immer noch nichts. »Ich meine vorsätzlichen Mord. Von langer Hand geplanter, kaltblütig ausgeführter Mord.«

»Aber … warum sollte jemand Andrew Fielding ermorden? Er war ein alter Mann, nicht wahr?«

»Er war dreiundsechzig.« Als ich mir den Anblick von Fieldings Leichnam in Erinnerung rief, wie er auf dem Boden seines Büros lag, mit offenem Mund und blicklosen Augen, die an die Decke starrten, überkam mich das plötzliche Verlangen, Rachel alles zu erzählen. Doch ein Blick zum Fenster erstickte dieses Bedürfnis im Keim. Ein Parabolmikrofon, auf das Glas gerichtet, konnte jedes Wort aufzeichnen.

»Ich kann Ihnen nicht mehr darüber erzählen. Tut mir Leid. Sie sollten gehen, Rachel.«

Sie machte zwei entschlossene Schritte auf mich zu. »Ich gehe aber nicht. Hören Sie, wenn irgendjemand in diesem Staat stirbt, ohne dass ein Arzt zugegen ist, muss eine Autopsie durchgeführt werden! Ganz besonders in Fällen, wo möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Das Gesetz verlangt es so!«

Ich lachte über ihre Naivität. »Es wird keine Autopsie geben. Jedenfalls keine öffentliche.«

»David …«

»Ich kann Ihnen wirklich nicht mehr sagen! Ich hätte nicht einmal das sagen sollen! Ich wollte Ihnen bloß zeigen, dass es … dass es real ist.«

»Warum können Sie nicht mehr sagen?« Sie hob eine kleine, schön geformte Hand. »Nein, lassen Sie mich selbst die Antwort darauf geben. Weil es mich in Gefahr bringen würde, wenn Sie mehr erzählen, nicht wahr?«

»Ja.«

Sie verdrehte die Augen. »David, Sie haben von Anfang an ungewöhnliche Forderungen gestellt, was Geheimhaltung angeht. Und ich habe mich gefügt. Ich habe meinen Kollegen erzählt, dass die Stunden, die Sie in meinem Büro verbringen, allein Forschungszwecken dienen. Recherchen für Ihr zweites Buch. Jedenfalls nicht das, was es in Wirklichkeit ist.«

»Und Sie wissen, dass ich Ihnen dankbar dafür bin. Aber wenn ich Recht habe mit Fielding, dann bringt jedes Wort, das ich Ihnen erzähle, Ihr Leben in Gefahr. Können Sie das denn nicht verstehen?«

»Nein. Das habe ich nie verstanden. Was für eine Arbeit kann denn so gefährlich sein?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist wie ein schlechter Scherz.« Sie stieß ein merkwürdiges Lachen aus. »›Ich könnte es Ihnen erzählen, aber dann müsste ich Sie töten.‹ Das ist ein geradezu klassisches paranoides Denken.«

»Glauben Sie wirklich, ich erfinde das alles?«

Ihre Antwort kam vorsichtig. »Ich glaube, Sie glauben alles, was Sie mir erzählen.«

»Also leide ich an Wahnvorstellungen.«

»Sie müssen zugeben, dass Sie nun seit einiger Zeit bestürzende Halluzinationen haben. Besonders in den letzten Wochen waren einige dabei, die klassischen religiösen Wahnvorstellungen nahe kommen.«

»Aber bei den meisten ist das nicht so«, erinnerte ich sie. »Außerdem bin ich Atheist. Ist das vielleicht klassisch?«

»Nein, zugegeben. Trotzdem, Sie haben sich geweigert, eine Behandlungsmethode gegen Ihre Narkolepsie zu entwickeln. Oder Epilepsie. Oder auch nur Ihren Blutzuckerspiegel untersuchen zu lassen, wenn wir schon dabei sind.«

Ich wurde vom führenden Neurologen der Welt behandelt. »Das wird auf der Arbeit untersucht.«

»Von Andrew Fielding? Er war doch kein Arzt, oder?«

Ich beschloss, einen Schritt weiter zu gehen. »Ich werde von Ravi Nara behandelt.«

Rachels Unterkiefer sank herab. »Ravi Nara? Sie meinen doch wohl nicht den Nobelpreisträger für Medizin?«

»Genau den«, sagte ich mit Abscheu.

»Sie arbeiten mit Ravi Nara zusammen?

»Ja. Er ist ein Arschloch. Es war Nara, der gesagt hat, Fielding wäre an einem Schlaganfall gestorben.«

Rachel schien nach Worten zu suchen. »David, ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll. Arbeiten Sie tatsächlich mit diesen berühmten Leuten zusammen?«

»Ist das so schwer zu glauben? Ich bin selbst einigermaßen berühmt, wenn ich Sie daran erinnern darf.«

»Ja, aber … aber nicht auf die gleiche Weise. Aus welchem Grund sollten diese Männer zusammenarbeiten? Sie forschen doch auf vollkommen unterschiedlichen Gebieten?«

»Bis vor zwei Jahren.«

»Was soll das heißen?«

»Gehen Sie, Rachel. Gehen Sie zurück in Ihr Büro.«

»Ich habe meinem letzten Patienten abgesagt, um zu Ihnen zu kommen.«

»Stellen Sie mir die Stunde in Rechnung.«

Sie errötete. »Es ist nicht nötig, dass Sie mich beleidigen. Bitte erzählen Sie mir, was das alles zu bedeuten hat. Ich bin es leid, immer nur von Ihren Halluzinationen zu hören.«

»Träume, nicht Halluzinationen.«

»Wie Sie meinen. Jedenfalls reicht das nicht aus, um damit zu arbeiten.«

»Nicht für Ihre Zwecke, zugegeben. Aber Sie und ich verfolgen unterschiedliche Ziele. Das war von Anfang an so. Sie versuchen, das Rätsel David Tennant zu lösen. Ich versuche, das Rätsel meiner Träume zu lösen.«

»Aber die Antworten liegen in Ihnen und Ihrer Persönlichkeit! Träume sind nicht unabhängig vom Rest Ihres Gehirns! Sie …«

Das Läuten des Telefons ließ sie verstummen. Ich erhob mich und ging in die Küche, um den Anruf entgegenzunehmen. In meiner Brust war ein merkwürdiges Trommeln. Gut möglich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten am anderen Ende der Leitung war.

»Tennant«, sagte ich aus jahrelanger Gewohnheit.

»Doktor David?«, rief eine hysterische Frauenstimme mit asiatischem Akzent. Es war Lu Li, Fieldings chinesische Ehefrau. Oder Witwe …

»Ja, ich bin es, David, Lu Li. Es tut mir Leid, ich hätte anrufen sollen.« Ich suchte nach passenden Worten, doch mir fiel nur ein Klischee ein. »Ich kann gar nicht sagen, wie schmerzhaft Andrews Verlust auch für mich ist …«

Ein Schwall Kantonesisch, durchsetzt mit einigen englischen Vokabeln, prasselte durch die Leitung auf mich ein. Ich musste nicht alles verstehen, um zu wissen, dass ich es mit einer untröstlichen Witwe am Rande des Zusammenbruchs zu tun hatte. Gott allein wusste, was die Leute von der Sicherheitsabteilung der Trinity ihr erzählt hatten oder was Lu Li davon verstanden hatte. Sie war erst drei Monate zuvor nach Amerika gekommen. Ihre Einreiseerlaubnis war vom Außenministerium beschleunigt worden, das seinerseits einen nicht allzu verhüllten motivierenden Anruf aus dem Weißen Haus erhalten hatte.

»Ich weiß, dass es ein schrecklicher Tag war«, sagte ich mit besänftigender Stimme. »Aber Sie müssen sich beruhigen, Lu Li.«

Lu Li atmete schwer.

»Atmen Sie langsam und tief«, sagte ich, während ich überlegte, wie ich meine nächsten Worte formulieren sollte. Das Sicherste war wohl, die Firmentarnung zu benutzen, auf der die NSA von Anfang an bestanden hatte. Soweit es die übrigen Firmen im Triangle-Technologiepark betraf, entwickelte die Argus Optical Corporation optische Computerbauteile, die in Verteidigungsprojekten der Regierung zum Einsatz kamen. Lu Li wusste vielleicht nicht mehr als das.

»Was hat Ihnen die Company erzählt?«, fragte ich vorsichtig.

»Andy tot!«, schluchzte Lu Li. »Sie sagen, er sterben an Hirnbluten, aber ich weiß nichts. Ich weiß nicht, was ich tun soll!«

Ich sah ein, dass ich nichts gewinnen konnte, wenn ich Andrews Witwe mit Mordtheorien noch weiter in Aufregung versetzte. »Lu Li, Andrew war dreiundsechzig Jahre alt und nicht bei bester Gesundheit. Ein Schlaganfall in dieser Situation ist nichts Unwahrscheinliches.«

»Sie nicht verstehen, Doktor David! Andy mich warnen wegen diese Sache!«

Ich packte den Telefonhörer fester. »Was soll das bedeuten?«

Ein weiterer Schwall Kantonesisch kam durch die Leitung, dann beruhigte sie sich ein wenig und berichtete in stockendem Englisch. »Andy mir gesagt, dies könne passieren, Doktor David! Er sagen: ›Wenn mir etwas passiert, ruf David an. David weiß, was zu tun ist.‹«

Ein tiefer Schmerz stieg in mir auf. Dass Fielding so grenzenloses Vertrauen in mich gesetzt hatte …

»Was soll ich tun, Lu Li?«

»Herkommen, bitte. Reden mit mir. Erzählen mir, warum dies passieren mit Andy.«

Ich zögerte. Wahrscheinlich belauschte die NSA unser Gespräch. Wenn ich zu Lu Li nach Hause fuhr, würde ich sie möglicherweise in größere Gefahr bringen und mich obendrein. Doch welche Wahl hatte ich? Ich durfte meinen toten Freund nicht enttäuschen. »Ich bin in zwanzig Minuten bei Ihnen, Lu Li.«

»Danke sehr, danke, David! Bitte, danke sehr!«

Ich legte auf und wandte mich ab, um ins Wohnzimmer zurückzugehen. Rachel stand in der Küchentür.

»Ich muss weg«, sagte ich zu ihr. »Danke, dass Sie vorbeigekommen sind, um nach mir zu sehen. Ich weiß, das war mehr als bloßes Verantwortungsgefühl.«

»Ich fahre mit Ihnen. Ich habe einiges von Ihrer Unterhaltung gehört, und ich begleite Sie.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage.«

»Warum nicht?«

»Weil es keinen Grund für Sie gibt, mich zu begleiten. Sie haben nichts mit dieser Sache zu tun.«

Rachel verschränkte die Arme vor der Brust. »Für mich ist es ganz einfach. Falls Sie die Wahrheit sagen, werde ich am Ende einer kurzen Fahrt die untröstliche Witwe von Andrew Fielding antreffen, und sie wird untermauern, was Sie mir erzählt haben.«

»Nicht unbedingt. Ich weiß nicht, wie viel Fielding ihr anvertraut hat. Außerdem spricht Lu Li kaum Englisch.«

»Was denn – Andrew Fielding hat seiner eigenen Frau kein Englisch beigebracht?«

»Er sprach fließend Kantonesisch. Plus ungefähr acht weitere Sprachen. Und sie ist erst seit ein paar Monaten in den Vereinigten Staaten.«

Rachel straffte mit flachen Händen ihren Rock. »Ihr Widerstand sagt mir, dass Sie befürchten, Ihre Geschichte könnte sich als Wahnvorstellung erweisen, wenn Sie mich mitnehmen.«

Zorn stieg in mir auf. »Ich bin wirklich versucht, Sie mitzunehmen, allein deswegen. Aber Sie begreifen nicht, in welche Gefahr Sie sich begeben, Rachel. Sie könnten sterben. Noch heute Nacht.«

»Das glaube ich nicht.«

Ich nahm den Ziploc-Beutel mit dem weißen Pulver und dem FedEx-Umschlag und hielt ihn ihr entgegen. »Vor ein paar Minuten habe ich einen Brief von Fielding erhalten. Dieses Pulver war im Umschlag.«

Sie zuckte die Schultern. »Sieht aus wie weißer Sand. Was ist es?«

»Ich habe keine Ahnung. Aber ich fürchte, es könnte Anthrax sein. Oder was immer Andrew Fielding umgebracht hat.«

Sie nahm mir den Beutel aus der Hand. Zuerst glaubte ich, sie wollte das weiße Pulver untersuchen, doch sie las die Anschrift auf dem FedEx-Umschlag. »Hier steht, der Brief ist von einem Lewis Caroll abgeschickt.«

»Das ist nur ein Kode. Andrew Fielding durfte nicht riskieren, dass sein Name im Computersystem von FedEx erscheint. Die NSA hätte es sofort bemerkt und den Brief abgefangen. Er benutzte den Namen ›Lewis Caroll‹, weil sein Spitzname ›The White Rabbit‹ war. Sie haben davon gehört, oder?«

Rachel sah aus, als würde sie tatsächlich über meine Worte nachdenken. »Kann ich nicht sagen, nein. Wo ist der Brief?«

Ich deutete ins Wohnzimmer. »In einem weiteren Beutel auf dem Sofa. Machen Sie ihn nicht auf.«

Rachel ging zum Sofa, beugte sich über den Brief und überflog die handschriftlichen Zeilen. »Er ist nicht unterschrieben.«

»Selbstverständlich nicht. Fielding konnte schließlich nicht wissen, wer ihn alles sehen würde. Dieses Kaninchen unten in der Ecke ist seine Unterschrift.«

Sie sah mich ungläubig an. »Nehmen Sie mich mit, David. Wenn das, was ich sehe, Ihre Geschichte untermauert, nehme ich Ihre sämtlichen Warnungen ab sofort ernst. Keine zweifelnden Fragen mehr.«

»Das ist ungefähr so, als würde ich Sie ins Wasser werfen, um Ihnen zu beweisen, dass Haie darin sind. Wenn Sie die Biester sehen, ist es zu spät.«

»So ist das immer mit dieser Art von Fantasien, nicht wahr?«

Ich ging in die Küche und nahm meinen Schlüsselbund vom Tresen. Rachel folgte mir dicht auf den Fersen. Ich stöhnte wütend auf. »Also schön. Sie wollen unbedingt mitkommen? Fahren Sie mir hinterher, in Ihrem Wagen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage. Sie würden mich an der ersten roten Ampel abhängen.«

»Ihre Kollegen würden Ihnen sagen, dass es gefährlich ist, einen Patienten zu begleiten, während er einer paranoiden Fantasie hinterherjagt. Insbesondere einen Patienten, der unter Narkolepsie leidet.«

»Meine Kollegen kennen Sie auch nicht. Was die Narkolepsie angeht, noch haben Sie sich nicht selbst umgebracht, oder?«

Ich griff unter das Sofakissen, zog meine Smith & Wesson hervor und steckte sie mir in den Hosenbund. »Sie kennen mich ebenfalls nicht.«

Sie betrachtete den Griff der Waffe; dann sah sie mir direkt in die Augen. »Ich glaube doch, David. Und ich möchte Ihnen helfen.«

Wäre Rachel nur meine Psychotherapeutin gewesen, hätte ich sie vielleicht stehen lassen. Doch während unserer langen Sitzungen hatten wir im jeweils anderen etwas gefunden, ein unausgesprochenes Gefühl, das zwei Menschen teilten, die beide einen großen Verlust erlitten hatten. Selbst wenn Rachel mich im Augenblick für krank hielt, sorgte sie sich auf eine Weise um mich, wie es seit langer Zeit niemand mehr getan hatte. Sie mit zu Lu Li zu nehmen war selbstsüchtig von mir, doch die schlichte Wahrheit sah so aus, dass ich nicht alleine gehen wollte.

3

Geli Bauer saß in den dunklen Eingeweiden des Trinity Building, in einem Kellerkomplex, der einzig von Computermonitoren und Überwachungsbildschirmen erhellt wurde. Von hier verliefen elektronische Fäden, mit deren Hilfe die Mitarbeiter und Anlagen von Project Trinity überwacht wurden. Doch das war lediglich das Zentrum von Gelis Reich. Mit einem einzigen Tastendruck war sie imstande, sich mit den Supercomputern der NSA in Fort Meade zu verbinden und Unterhaltungen und Ereignisse auf der anderen Seite der Erdkugel zu verfolgen. Obwohl sie mit ihren zweiunddreißig Lebensjahren schon viele Arten der Macht in Händen gehalten hatte, war dies hier ein Höhepunkt ganz besonderer Art. Es war ein erregendes Gefühl zu wissen, dass sie mit einer Fingerbewegung alles und jedes manipulieren konnte, das mit Elektronik zu tun hatte.

Auf dem Papier arbeitete Geli für Godin Supercomputing, ein Unternehmen in Mountain View, Kalifornien. Es war die quasi-regierungsartige Beziehung zwischen Godin und NSA, die Geli in diese Stratosphäre der Macht gehoben hatte. Wenn sie der Meinung war, eine Notsituation machte es erforderlich, konnte sie Züge anhalten, internationale Flughäfen schließen, Überwachungssatelliten umprogrammieren oder bewaffnete Helikopter in den Himmel aufsteigen lassen und ihnen den Feuerbefehl erteilen. Keine andere Frau der Gegenwart hielt eine solche Macht in Händen – auf mancherlei Weise kam ihre Autorität der ihres Vaters gleich –, und Geli hatte nicht vor, diese Macht aufzugeben.

Auf dem Flachbildschirm vor ihr leuchtete eine Mitschrift der Unterhaltung zwischen David Tennant und einem unbekannten Funktionär im Weißen Haus, aufgezeichnet an diesem Nachmittag in einem Shoney’s Restaurant, doch Geli las den Text nicht mehr, sondern sprach über ihr Headset mit einem Angehörigen ihrer Sicherheitstruppe, dem Mann, der Tennants Haus beobachtete.

»Ich habe lediglich Unterhaltungen in der Küche verfolgen können«, sagte sie. »Das ergibt keinen Sinn. Tennant und Weiss müssen auch in anderen Zimmern miteinander geredet haben.«

»Vielleicht haben sie gevögelt.«

»Das hätten wir gehört. Weiss sieht in meinen Augen aus, als würde sie dabei schreien. Es sind immer die Stillen, die das tun.«

»Was soll ich machen?«

»Gehen Sie rein und überprüfen Sie die Mikrofone.«

Geli tippte auf eine Taste und stellte eine Verbindung zu einem jungen Ex-Delta-Operator namens Thomas Corelli her, der Andrew Fieldings Haus überwachte.

»Was hören Sie, Thomas?«

»Normale Hintergrundgeräusche. Einen Fernseher. Schlagen und Klappern.«

»Haben Sie den Anruf von Mrs Fielding mitverfolgen können?«

»Ja, aber es ist schwer, diesen chinesischen Kram zu verstehen.«

»Sind Sie außer Sicht?«

»Ich parke in der Auffahrt eines Nachbarn, der derzeit nicht in der Stadt ist.«

»Tennant wird in fünf Minuten bei Ihnen eintreffen. Er hat eine Frau bei sich, eine gewisse Dr. Rachel Weiss. Bleiben Sie an ihm dran.«

Geli schaltete ab, dann sagte sie deutlich: »JPEG. Weiss, Rachel.«

Auf ihrem Monitor erschien eine digitale Fotografie von Rachel Weiss. Es war ein Porträt, mit einem Teleobjektiv geschossen, als die Psychiaterin das Duke University Hospital verließ. Rachel Weiss war drei Jahre älter als Geli, doch Geli kannte diesen Typ. Sie kannte Mädchen wie Weiss aus ihrer Zeit in der Privatschule in der Schweiz. Streber. Die meisten von ihnen Juden. Sie hätte Weiss sofort als Jüdin erkannt, ohne einen Blick auf ihre Akte zu werfen oder ihren Namen zu wissen. Selbst mit modischer Sturmfrisur sah Rachel Weiss aus, als trüge sie das Gewicht der ganzen Welt auf den Schultern. Sie besaß dunkle Märtyreraugen, und trotz ihrer jungen Jahre hatten sich feine Fältchen um den Mund herum eingegraben. Sie war eine der besten jungianischen Analytikerinnen der Welt, und einen solchen Rang erreichte man nicht, ohne von seiner Arbeit besessen zu sein.

Geli war dagegen gewesen, Weiss hineinzuziehen. Es war Skow, der es erlaubt hatte. Skows Theorie lautete, dass man Probleme herausforderte, wenn man die Leine zu straff hielt. Doch es war Gelis Kopf, der rollen würde, falls es eine Lücke in der Sicherheit gab. Um dieser Möglichkeit zuvorzukommen, hatte Geli Mitschriften von Weiss’ Sitzungen mit Tennant sowie Aufzeichnungen sämtlicher Telefongespräche, die die Psychiaterin führte. Einmal pro Woche schlüpfte einer von Gelis Agenten in das Büro von Rachel Weiss und fotokopierte Tennants Akte, um ganz sicher zu sein, dass Gelis aufmerksamem Blick nichts entging.

Das war der Ärger, mit dem man zu rechnen hatte, wenn man mit Zivilisten umging. In Los Alamos war es das Gleiche gewesen, damals beim Manhattan Project. In beiden Fällen hatte die Regierung versucht, eine Gruppe begabter Wissenschaftler zu kontrollieren, deren Ignoranz, Halsstarrigkeit oder ideologische Einstellung die größte Gefahr für ihre eigenen Arbeiten darstellte. Wenn man die klügsten Köpfe der Welt rekrutierte, bekam man eben solche Spinner.

Tennant war einer von ihnen, ohne Zweifel. Genau wie Fielding. Oder Ravi Nara, der Nobelpreisträger und Neurologe von Project Trinity. Alle sechs führenden Köpfe von Project Trinity hatten unterschrieben, sich den strengsten nur denkbaren Sicherheitsvorschriften zu unterwerfen, glaubten aber trotzdem, alles tun zu können, wozu sie Lust hatten. Für sie war die Welt ein einziges Disneyland. Am schlimmsten waren die Mediziner. Selbst in der Armee hatten die Regeln für Ärzte scheinbar nie wirklich gegolten. Heute Nacht würde Tennant die Grenze weit genug überschreiten. Die heutige Nacht würde ihn den Kopf kosten.

Gelis Headset piepste. Sie drückte einen Knopf und stellte die Verbindung zu ihrem Agenten vor Tennants Haus her. »Was gibt’s?«

»Ich bin drin. Sie werden es nicht glauben, aber irgendjemand hat Malerspachtel in die Löcher über den Mikrofonen geschmiert.«

Geli spürte ein merkwürdig taubes Gefühl in der Brust. »Woher konnte Tennant wissen, dass wir Mikrofone in seinem Haus haben und wo sie sind?«

»Ohne Scanner? Keine Chance.«

»Ein Vergrößerungsglas?«

»Nur wenn er wusste, wo er danach suchen muss. Doch es hätte Stunden gedauert, und man kann nie sicher sein, dass man alle gefunden hat.«

Ein Scanner also. Wo zur Hölle soll ein Internist einen Scanner herholen? Dann dämmerte ihr die Antwort. Fielding. »Tennant hat die Lieferung von FedEx angenommen. Sehen Sie irgendwo einen Umschlag?«

»Nein.«

»Er muss ihn mitgenommen haben. Was sonst können Sie sehen? Irgendwas Ungewöhnliches?«

»In seinem Wohnzimmer steht eine Videokamera auf einem Stativ.«

Scheiße. »Ist ein Band eingelegt?«

»Warten Sie, ich sehe nach … nein, kein Band.«

»Was noch?«

»Ein Staubsauger hinter dem Haus, im Hof.«

Was hat das nun wieder zu bedeuten? »Ein Staubsauger? Nehmen Sie den Staubbeutel raus und bringen Sie ihn her. Wir lassen ihn per Helikopter nach Fort Meade zur Analyse bringen. Was noch?«

»Nichts.«

»Sehen Sie sich ein letztes Mal gründlich um, und dann raus.«

Geli unterbrach die Verbindung, dann sagte sie laut: »Skow – zu Hause.«

Der Computer wählte die Nummer des Hauses in Raleigh, wo der Direktor von Project Trinity wohnte.

»Geli?«, fragte Skow. »Was gibt’s?«

Geli Bauer musste immer an Kennedy denken, wenn sie die Stimme von John Skow hörte. Skow war ein dünkelhafter Bostoner Intellektueller mit doppelt so viel Grips im Kopf wie gewöhnlich. Statt des für Leute seiner gesellschaftlichen Schicht üblichen geistes- oder rechtswissenschaftlichen Studiums hatte Skow Abschlüsse in Astronomie und Mathematik und war acht Jahre lang Deputy Director für Sonderprojekte bei der NSA gewesen. Sein hauptsächliches Verantwortungsgebiet war das streng geheime Supercomputer Research Center der NSA. Rein technisch gesehen war Skow Gelis Vorgesetzter, doch ihre Beziehung war stets angespannt gewesen. Bis auf die Tötung eines Menschen war Geli völlig unabhängig in ihren Entscheidungen und in ihrer Verantwortung für die Sicherheit von Project Trinity. Sie besaß diese Macht, weil Peter Godin – im Hinblick auf die immer wieder auftauchenden Sicherheitslücken in Regierungslabors – verlangt hatte, dass er sein eigenes Team zusammenstellen durfte, um Project Trinity zu schützen.

Der alte Mann hatte Geli aufgespürt, als sie im Begriff gewesen war, die Army zu verlassen. Geli war mit Herz und Seele Anhängerin der Kriegerkultur, doch sie konnte die aufgeblasene, bornierte Bürokratie der Army nicht länger ertragen, genauso wenig die grauenhaft niedrigen Qualitätsanforderungen an neue Rekruten. Als Godin bei ihr erschienen war, hatte er ihr einen Job angeboten, wie sie ihn sich ihr Leben lang erträumt, von dem sie jedoch geglaubt hatte, dass er nirgendwo auf der Welt existierte.

Godin zahlte Geli siebenhunderttausend Dollar im Jahr dafür, dass sie als Sicherheitschefin für besondere Projekte bei Godin Supercomputing arbeitete. Das Gehalt war immens, doch Godin war Milliardär; er konnte es sich leisten. Gelis Arbeitsbedingungen waren einzigartig. Sie würde jedem Befehl Godins Folge leisten, ohne Fragen und ohne Rücksicht auf Legalität. Sie würde keinerlei Informationen über ihren Arbeitgeber, seine Gesellschaft oder die Art ihrer Tätigkeit nach außen dringen lassen. Falls sie gegen eine dieser Regeln verstieß, würde sie sterben. Geli durfte ihr eigenes Personal einstellen, doch es hatte die gleichen Bedingungen und Strafen zu akzeptieren wie sie selbst – und sie hatte für die Bestrafung zu sorgen. Geli war erstaunt, dass eine Persönlichkeit, die im Licht der Öffentlichkeit stand, solche Bedingungen zu diktieren wagte. Dann fand sie heraus, dass Godin sie über ihren Vater gefunden hatte. Das erklärte eine Menge. Geli hatte seit Jahren kaum mit ihrem Vater gesprochen, doch er war in einer Position, wo er eine Menge über sie in Erfahrung bringen konnte. Und daran, wie Godin sie ansah, erkannte sie, dass er einiges über sie wusste. Wahrscheinlich die Geschichten, die nach Desert Storm aus dem Irak nach Amerika gesickert waren. Peter Godin wollte eine Sicherheitsexpertin, doch er wollte auch einen Killer. Geli war beides.

Ganz anders hingegen John Skow. Im Gegensatz zu Godin, der in jungen Jahren in Korea als Marine gekämpft hatte, war Skow Theoretiker. Der NSA-Mann hatte noch nie Blut an den Händen gehabt, und in Gelis Gegenwart verhielt er sich wie jemand, dem man eine Leine mit einem Pitbull in die Hand gedrückt hatte.

»Geli?«, wiederholte Skow seine Frage. »Sind Sie noch da?«

»Dr. Weiss ist zu Tennant gefahren«, sagte sie in ihr Headset.

»Warum?«

»Das weiß ich nicht. Wir haben fast nichts von ihrer Unterhaltung auffangen können. Sie sind jetzt auf dem Weg zu Fieldings Witwe. Lu Li Fielding hat Tennant angerufen. Sie ist mit den Nerven am Ende.«

Skow schwieg für einen Augenblick. »Vielleicht will er die trauernde Witwe trösten?«

»Ich bin sicher, dass sie genau diese Geschichte nach außen erzählen.« Sie wollte zuerst Skows Besorgnis austesten, bevor sie ihm weitere Einzelheiten nannte. »Lassen wir sie zu ihr?«

»Selbstverständlich. Sie können alles mithören, was gesprochen wird, nicht wahr?«

»Nicht mit Sicherheit. Wir hatten ein Problem mit den Wanzen in Tennants Haus.«

»Was für ein Problem?«

»Tennant hat die Löcher mit Malerspachtel verschlossen. Und in seinem Wohnzimmer stand eine Videokamera auf einem Stativ. Kein Band drin.« Sie wartete kurz, um ihre Worte wirken zu lassen. »Entweder wollte er etwas auf das Band sprechen, das wir nicht hören sollten, oder er wollte mit Dr. Weiss reden, ohne dass wir es mitkriegen. Wie dem auch sei, es ist nicht gut.«

Geli lauschte eine Weile Skows Atemzügen.

»Das ist in Ordnung«, sagte er schließlich. »Wir unternehmen nichts deswegen.«

»Dann wissen Sie wahrscheinlich mehr als ich, Sir?«

Skow kicherte angesichts der Verachtung, mit der sie das Wort »Sir« aussprach. Der NSA-Mann war auf seine Weise ein harter Brocken. Er besaß die entrückte Kälte mathematischer Intelligenz. »Das sind die Vorteile, wenn man Chef ist, Geli. Das heute Morgen war übrigens ziemlich gut von Ihnen. Ich war erstaunt.«

Gelis Gedanken wanderten zu Fieldings Leichnam. Die Beseitigung war glatt gelaufen, zugegeben, doch es war ein dummer Zug gewesen. Sie hätten Tennant gleich mit ausschalten sollen. Sie hätte beide Männer mit Leichtigkeit in den gleichen Wagen locken können, und dann … ein Unfall. Und das Projekt wäre nicht so gefährdet wie jetzt. »Hat Tennant tatsächlich mit dem Präsidenten gesprochen, Sir?«, fragte sie.

»Das weiß ich nicht. Also halten Sie sich fern. Behalten Sie die Lage im Auge, aber unternehmen Sie weiter nichts.«

»Er hat außerdem eine Lieferung von FedEx bekommen. Einen Brief. Was immer es war, er hat ihn mitgenommen. Wie müssen diesen Brief sehen.«

»Wenn es Ihnen gelingt, einen Blick darauf zu werfen, ohne dass er es bemerkt, meinetwegen. Ansonsten reden Sie mit FedEx und finden Sie heraus, wer diesen Brief abgeschickt hat.«

»Das tun wir bereits.«

»Sehr gut. Aber achten Sie darauf …«

Geli hörte, wie Skows Ehefrau nach ihrem Mann rief.

»Halten Sie mich auf dem Laufenden«, sagte er und legte auf.

Geli schloss die Augen und atmete tief durch. Sie hatte sich an Godin persönlich gewandt, um die Genehmigung zu erhalten, Tennant zusammen mit Fielding auszuschalten, doch der alte Mann hatte es nicht erlaubt. Ja, stimmt, hatte Godin eingeräumt – Tennant hatte gegen Regeln verstoßen und gemeinsam mit Fielding Zeit außerhalb des Projekts verbracht. Ja – Tennant hatte Fieldings Anstrengungen unterstützt, das Projekt auf Eis zu legen. Und es waren Tennants Verbindungen zum Präsidenten, die die Suspension des Projekts zu einer Realität gemacht hatten. Doch es gab keinerlei Beweis, dass Tennant sich an der Kampagne des Engländers beteiligt hatte, das Projekt zu sabotieren, oder dass er Kenntnis von den gefährlichen Informationen besaß, über die Fielding verfügte. Und da Geli nicht wusste, um welche Informationen es sich dabei handelte, konnte sie auch das Risiko nicht einschätzen, das damit verbunden war, Tennant am Leben zu lassen. Sie hatte Godin an das Motto »Lieber Vorsicht als Nachsicht« erinnert, doch Godin hatte nur gelacht. Bald würde er es anders sehen. Schon sehr bald.

»JPEG, Fielding, Lu Li«, sagte sie mit deutlicher Stimme, und auf dem Monitor erschien das Bild einer schwarzhaarigen Asiatin: Lu Li Cheng, aufgewachsen in der Provinz Kanton im kommunistischen China. Vierzig Jahre alt. Hochschulabschluss in Angewandter Physik.

»Noch so ein Fehler«, murmelte Geli. Lu Li Cheng hatte nichts in den Vereinigten Staaten zu suchen, ganz zu schweigen vom inneren Zirkel des geheimsten wissenschaftlichen Projekts im ganzen Land. Geli berührte die Taste, die sie mit Thomas Corelli verband, dem Agenten im Wagen vor dem Haus der Witwe Fielding. »Irgendetwas Ungewöhnliches bei Ihnen?«

»Nichts.«

»Wie leicht können Sie Tennants Wagen durchsuchen, sobald er angekommen ist?«

»Kommt drauf an, wo er parkt.«

»Wenn Sie einen FedEx-Umschlag im Wagen sehen, machen Sie ihn auf, lesen Sie ihn und legen ihn wieder zurück. Und ich möchte eine Videoaufzeichnung ihrer Ankunft.«

»Kein Problem. Worauf soll ich achten?«

»Weiß ich nicht genau. Filmen Sie einfach.«

Geli nahm ein Päckchen Gauloises aus ihrem Schreibtisch, zog eine Zigarette hervor und brach den Filter ab. Im aufflammenden Licht des Streichholzes sah sie ihr Spiegelbild auf dem Computermonitor. Lange blonde Haare, hohe Wangenknochen, stahlblaue Augen und eine hässliche Brandwunde. Doch sie betrachtete das unansehnliche, weiße Narbengewebe auf ihrer linken Wange als genauso zu ihrem Gesicht gehörend wie ihre Augen oder den Mund. Plastische Chirurgie kam für Geli nicht in Frage. Narben hatten einen Zweck: ihren Träger an Wunden zu erinnern. Geli würde niemals zulassen, dass sie die Wunde vergaß, die diese Narbe verursacht hatte.

Sie drückte auf eine Taste und leitete die Signale von den Mikrofonen in Fieldings Haus in ihr Headset. Dann nahm sie einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, lehnte sich im Sessel zurück und blies eine blaue Dunstwolke an die Decke. Geli Bauer hasste vieles, doch am meisten hasste sie Warten.

4

Wir saßen schweigend nebeneinander, während ich den Acura zügig durch die Dämmerung steuerte. Um diese Zeit am Abend dauerte die Fahrt von meinem Vorort zu Andrew Fieldings Haus in Chapel Hill nicht lange. Rachel begriff nicht, warum ich sie aufgefordert hatte zu schweigen, doch das erwartete ich auch nicht von ihr. Als ich zum ersten Mal mit Project Trinity in Berührung gekommen war, hatten mich die allgegenwärtigen Sicherheitsmaßnahmen betäubt. Die übrigen Wissenschaftler, Fielding eingeschlossen, hatten schon früher an Projekten des Verteidigungsministeriums mitgearbeitet, kannten die bis ins Privatleben reichenden Vorschriften und Maßnahmen und akzeptierten sie als notwendiges Übel. Doch nach längerer Mitarbeit an diesem Projekt beschwerten sich selbst die Veteranen, dass wir etwas Beispielloses über uns ergehen lassen mussten. Die Überwachung war allumfassend und reichte weit über den Laborkomplex hinaus. Diesbezügliche Proteste wurden mit den lakonischen Worten abgeschmettert, dass die Wissenschaftler des Manhattan Projects damals gezwungen gewesen waren, hinter Stacheldraht zu leben, um die Sicherheit »des Geräts« – der ersten Atombombe – nicht zu beeinträchtigen. Die Freiheit, in der wir lebten, ließ man uns wissen, habe ihren Preis.

Fielding fand sich nicht damit ab. Fast wöchentlich gab es willkürliche Tests mit einem Lügendetektor, und die Überwachung reichte bis in unsere Wohnungen. Bevor ich an diesem Tag mit meiner Videoaufzeichnung anfangen konnte, hatte ich stecknadelgroße Löcher in meinen Wänden zuschmieren müssen, in denen Mikrofone steckten. Fielding hatte sie mithilfe eines speziellen Scanners entdeckt, den er sich zu Hause gebastelt hatte, und die winzigen Wanzen mit kleinen Stecknadeln markiert. Er hatte eine Art Hobby daraus gemacht, der Überwachung durch Trinity zu entgehen. Er hatte mich gewarnt, dass es unmöglich sei, in einem unserer Wagen ein vertrauliches Gespräch zu führen. Automobile waren leicht zu verwanzen, hatte er gesagt, und selbst »saubere« Fahrzeuge konnten mithilfe von Hightech-Richtmikrofonen aus der Ferne belauscht werden. Das Katz-und-Maus-Spiel des Engländers mit der NSA hatte mich damals amüsiert, doch ich zweifelte keine Sekunde daran, wer in diesem Spiel zuletzt gelacht hatte.

Ich blickte zu Rachel neben mir. Es war ein merkwürdiges Gefühl, mit ihr zusammen in einem Wagen zu sitzen. In den fünf Jahren seit Karens Tod hatte ich Beziehungen zu zwei Frauen gehabt, beide Male vor meiner Versetzung zum Project Trinity. Meine Zeit mit Rachel war keine »Beziehung« im romantischen Sinn. Zwei Stunden die Woche in den vergangenen drei Monaten hatte ich mit ihr zusammen in einem Zimmer gesessen und über den beunruhigendsten Aspekt meines Lebens gesprochen – meine Träume. Durch ihre Fragen und Interpretationen hatte sie mir vermutlich mehr über sich selbst enthüllt, als sie von mir erfahren hatte, und doch blieb vieles verborgen.

Sie war dem Ruf an die Duke University von der New York Presbyterian gefolgt, wo sie einen kleinen Kreis von Assistenzärzten in jungianischer Analyse unterrichtete, einer sterbenden Kunst in der Welt moderner pharmakologischer Psychiatrie. Außerdem betreute sie Privatpatienten und betrieb Forschung auf dem Gebiet der Psychiatrie. Nach zwei Jahren Einsiedlerlebens bei Trinity hätte ich den Kontakt mit jeder intelligenten Frau als provokative Erfahrung empfunden, doch Rachel hatte weit mehr zu bieten als Intelligenz. Wenn sie in ihrem Sessel saß, in makelloser Kleidung, die dunklen Haare von einem französischen Band gehalten, und mich unverwandt beobachtete, schien es, als blickte sie in Tiefen meiner Seele, die ich selbst noch nie gesehen hatte. Manchmal schien ihr Gesicht, besonders die Augen, das ganze Zimmer auszufüllen. Ihre Augen waren die Umwelt, in der ich lebte, die Zuhörer, denen ich beichtete, das Gericht, dem ich mich unterwarf. Doch diese Augen waren bedächtig mit ihrem Urteil, wenigstens zu Anfang. Sie stellte mir Fragen zu manchen Bildern, dann Fragen zu den Antworten, die ich gab. Hin und wieder bot sie mir Interpretationen zu meinen Träumen an, doch im Gegensatz zu den NSA-Psychiatern, die ich besucht hatte, sprach sie nie in einem Tonfall der Unfehlbarkeit. Sie schien gemeinsam mit mir nach einer Bedeutung zu suchen und ermunterte mich stets aufs Neue, die Bilder selbst zu interpretieren.

»David, Sie müssen nicht die ganze Nacht durch die Gegend fahren«, sagte sie. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus.«

Richtig, dachte ich. Was ist schon dabei, wenn man Wahnvorstellungen von einer Regierungsverschwörung entwickelt? »Ein klein wenig Geduld«, antwortete ich. »Wir sind bald da.«

Sie sah mich an, die Augen voller Skepsis. »Wie viel Geld bekommt man eigentlich für den Nobelpreis?«, fragte sie.

»Ungefähr eine Million Dollar. Fielding hat etwas weniger bekommen als Ravi Nara, weil …« Ich verstummte, als ich erkannte, dass sie mich nur wieder getestet hatte – dass sie versucht hatte, meine »Wahnvorstellungen« zu punktieren.

Ich konzentrierte mich auf die Straße in dem Wissen, dass Rachel in wenigen Minuten zugeben musste, dass meine Paranoia zumindest teilweise auf Fakten beruhte. Was würde sie dann denken? Würde sie endlich ihren Verstand für meine Interpretation meiner Träume öffnen, ganz gleich, wie irrational diese Interpretation erscheinen mochte?

Nach unserer ersten Sitzung hatte Rachel argumentiert, ohne weitere intime Einzelheiten meiner Vergangenheit und meiner Arbeit könne sie meine »Halluzinationen« nicht interpretieren. Ich konnte ihr nicht viel erzählen. Fielding hatte mich gewarnt, dass die NSA jeden, der etwas über das Project Trinity oder seine Mitarbeiter wusste, als potenzielle Bedrohung einstufte. Über diese Sorge hinaus war ich sicher, dass es nichts mit meiner Vergangenheit zu tun hatte, was ich während meiner narkoleptischen Episoden erlebte. Die Bilder schienen von außerhalb meines Bewusstseins zu kommen. Nicht in dem Sinne, dass ich fremde Stimmen hörte – ein sicheres Anzeichen für Schizophrenie –, sondern im klassischen Sinne von Visionen, von Offenbarungen wie jenen, die von Propheten beschrieben wurden. Für einen Mann, der seit seiner Kindheit nicht mehr an Gott glaubte, war das ein bestürzender Zustand.

Meine Träume hatten nicht zugleich mit meinen ersten narkoleptischen Anfällen begonnen. Die ersten Anfälle waren echte Blackouts gewesen. Löcher in meinem Leben. Lücken in der Zeit, die für immer verloren waren. Ich saß an meinem Computer im Büro und arbeitete, und plötzlich spürte ich hochfrequente Vibrationen im Leib. Zuerst überall, dann konzentrierten sie sich auf meine Zähne. Es war ein klassisches Anfangssyndrom für Narkolepsie. Ich begann mich schläfrig zu fühlen, und dann schreckte ich plötzlich in meinem Sessel hoch und stellte fest, dass vierzig Minuten vergangen waren. Es war, als hätte jemand mich betäubt. Keinerlei Erinnerung, nichts.

Nach einer Woche kamen dann die Träume. Der erste wiederholte sich eine ganze Weile, ein wiederkehrender Albtraum, der mir mehr Angst machte als die Blackouts, die ich vorher hatte. Ich erinnere mich, wie fasziniert Rachel war, als ich das erste Mal davon erzählte – und wie untypisch überzeugt sie sich gegeben hatte, das Bild zu begreifen. Ich saß in dem dick gepolsterten Sessel ihr gegenüber, schloss die Augen und beschrieb, was ich so häufig gesehen hatte.

Ich sitze in einem dunklen Raum. Es gibt absolut kein Licht. Kein Geräusch. Ich kann meine Augen mit den Fingern betasten, auch meine Ohren, aber ich sehe und höre nichts. Ich erinnere mich an nichts. Ich habe keine Vergangenheit. Und weil ich nichts sehe und nichts höre, habe ich keine Gegenwart. Ich bin einfach nur. Das ist meine Realität. ICH BIN. Ich fühle mich wie das Opfer eines Schlaganfalls, gefangen in einem Körper und einem Gehirn, die nicht mehr funktionieren. Ich kann denken, doch nicht an bestimmte Bilder. Ich fühle mehr, als ich denke. Und was ich fühle, ist Folgendes: Wo bin ich? Woher komme ich? Warum bin ich allein? War ich schon immer hier? Werde ich immer hier sein? Diese Gedanken erfüllen nicht bloß meinen Verstand, sie sind mein Verstand. Es gibt keine Zeit, wie wir sie kennen. Nur die Fragen, die eine in die andere übergehen. Schließlich vereinigen sie sich zu einem Mantra: Woher komme ich? Woher komme ich? Ich bin ein Hirngeschädigter, der für alle Ewigkeit in einem dunklen, vollkommen lautlosen Raum sitzt und der Dunkelheit eine einzige, stets gleiche Frage stellt.

»Sehen Sie denn nicht?«, hatte Rachel gefragt. »Sie haben den Tod Ihrer Frau und Ihrer Tochter noch nicht völlig verarbeitet! Ihr Verlust hat Sie von der Welt und von sich selbst abgeschnitten. Sie sind verletzt. Sie sind verwundet. Der David, der in der wirklichen Welt lebt, ist nur gespielt. Der wahre David Tennant sitzt in einem dunklen, lautlosen Raum und kann weder denken noch fühlen. Niemand weiß von seiner Trauer und seinem Schmerz.«

»Nein, das ist es nicht«, hatte ich widersprochen. »Ich hatte psychologischen Beistand. Es ist keine unverarbeitete Trauer.«

Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Ärzte sind immer die schwierigsten Patienten.«

Eine Woche später hatte ich ihr erzählt, dass der Traum sich verändert hatte.

»Jetzt ist etwas zusammen mit mir in dem Raum.«

»Was ist es?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sehen.«

»Aber Sie wissen, dass es da ist?«

»Ja.«

»Ist es eine andere Person?«

»Nein. Es ist sehr klein. Eine Kugel. Sie schwebt mitten im Raum. Ein schwarzer Golfball, der in der Dunkelheit schwebt.«

»Woher wissen Sie dann, dass es da ist?«

»Weil die Dunkelheit in seinem Zentrum dunkler ist. Und es zerrt an mir.«

»Wie das?«

»Ich weiß es nicht. Wie Gravitation. Emotionale Gravitation. Aber ich weiß eins: Es kennt die Antwort auf meine Fragen. Es weiß, wer ich bin und warum ich in dieser Dunkelheit stecke.«

Und so ging es weiter, mit leichten Abwandlungen, bis der Traum sich erneut veränderte – von Grund auf. Eines Nachts, als ich zu Hause war und in einem Buch las, dämmerte ich auf die übliche Weise weg. Ich fand mich in dem inzwischen vertrauten, lichtlosen Raum wieder und stellte der schwarzen Kugel meine Fragen. Dann, ohne Vorwarnung, explodierte der Ball in netzhautversengendem Licht. Nach so viel Dunkelheit wäre mir sogar ein aufflammendes Streichholz wie eine Lichtexplosion erschienen, doch das war überhaupt kein Vergleich. Das Licht raste mit der Wucht einer Wasserstoffbombe in alle Richtungen, nur dass diese Explosion nicht in sich zusammenfiel und eine Pilzwolke aufstieg. Sie dehnte sich mit unendlicher Macht und Geschwindigkeit aus, weiter und immer weiter, und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass sie mich verschlang. Verschlang, jedoch nicht vernichtete. Und während das grelle Licht die Dunkelheit verschlang, die ich selbst war, wusste ich irgendwie, dass es Milliarden Jahre so weitergehen konnte, ohne dass es mich gänzlich zerstörte. Und doch hatte ich immer noch Angst.

Rachel wusste nicht, was sie mit diesem Traum anfangen sollte. Im Verlauf der nächsten drei Wochen hörte sie mir zu, während ich beschrieb, wie Sterne und Galaxien geboren wurden und wieder vergingen, und ihr von Schwarzen Löchern, Supernovae und Galaxien erzählte, die aussahen wie pulverisierte Diamanten, die in der Schwärze schwebten. Ich schien von einem Ende des Universums zum anderen sehen zu können, alle Objekte zugleich, während sie mit Lichtgeschwindigkeit in mich hineinexpandierten.

»Haben Sie derartige Bilder früher schon gesehen?«, fragte Rachel. »Im richtigen Leben?«

»Wie sollte ich?«

»Haben Sie Fotos gesehen, die vom Hubble-Weltraumteleskop aufgenommen wurden?«

»Selbstverständlich.«

»Sie sind dem, was Sie beschreiben, sehr ähnlich.«

Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam mich. »Sie verstehen nicht. Ich sehe diese Bilder nicht nur, ich fühle sie! Genauso als würde ich Kinder beim Spielen beobachten oder Liebende, die zusammen sind, oder Menschen, die in der Schlacht kämpfen. Es ist nicht bloß ein visuelles Erlebnis.«

»Erzählen Sie weiter.«

Das sagte sie immer. Ich schloss die Augen und tauchte in meinen jüngsten Traum ein.

»Ich sehe einen Planeten. Ich schwebe über ihm. Es gibt Wolken, aber sie sind anders, als wir sie kennen. Sie sind wie Säure, grün, und sie werden von Stürmen übers Land gepeitscht. Ich tauche tiefer, durch die Wolken hindurch. Es ist wie eine Satellitenkamera, die auf die Erde zoomt, bis hinunter zur Oberfläche. Unter den Wolken ist ein Meer, aber es ist nicht blau, sondern rot, und es kocht. Ich durchbreche die Oberfläche und tauche tief in das Rot hinab. Ich suche nach etwas, doch es ist nicht da. Der Ozean ist leer.«

»Mir ist einiges durch den Kopf gegangen, während Sie diesen Traum geschildert haben«, sagte Rachel, als ich geendet hatte. »Zuerst die Farben. Rot ist wichtig. Der leere Ozean ist ein Symbol für Ödnis. Ein Ausdruck für Ihre Trauer.« Sie zögerte. »Was suchen Sie in diesem Ozean?«

»Ich weiß es nicht.«

»Doch, Sie wissen es.«

»Ich suche nicht nach Karen oder Zooey.«

»David.« Eine Spur von Verärgerung in ihrer Stimme. »Wenn Sie nicht glauben, dass diese Bilder symbolisch sind, warum sind Sie dann hier?«

Ich schlug die Augen auf und blickte in ihr gefasstes Gesicht. Ein Vorhang aus Professionalität verschleierte ihr Mitgefühl, doch ich sah die Wahrheit. Sie projizierte ihre Verlustgefühle in mich.

»Ich bin hier, weil ich alleine keine Antworten finde«, sagte ich. »Weil ich einen ganzen Berg von Büchern gelesen habe, ohne dass es mir weitergeholfen hätte.«

Rachel nickte ernst. »Wie kommt es, dass Sie sich so genau an Ihre Halluzinationen erinnern? Schreiben Sie Ihre Träume auf?«

»Nein. Sie sind nicht wie normale Träume, die einem umso mehr entgleiten, je stärker man versucht, sich daran zu erinnern. Diese Träume sind unauslöschlich. Ist das nicht eine Eigenart narkoleptischer Träume?«

»Ja«, sagte sie leise. »Zugegeben. Karen und Zooey sind im Wasser gestorben. Beide sind ertrunken. Karen hat wahrscheinlich stark an den Händen geblutet – und am Kopf, wo sie gegen das Lenkrad geprallt ist. Damit hätten wir eine Erklärung für rotes Wasser.« Rachel kippte ihren Stuhl ein Stück nach hinten und betrachtete die kassettierte Decke. »Diese Halluzinationen … Personen kommen nicht darin vor. Trotzdem durchleben Sie starke emotionale Reaktionen. Sie haben von Kampf gesprochen. Waren Sie je in einer Schlacht?«

»Nein.«

»Aber Sie wissen, dass Karen gekämpft hat, um Zooey zu retten. Sie hat darum gekämpft, am Leben zu bleiben. Das haben Sie mir erzählt.«

Ich schloss die Augen. Ich wurde nicht gern daran erinnert, doch manchmal konnte ich die Gedanken einfach nicht verdrängen. Als Karens Wagen in den Teich gedrängt worden war, war er auf dem Dach gelandet und in dreißig Zentimeter tiefen, weichen Schlamm gesunken. Die elektrischen Fensterheber hatten einen Kurzschluss, und die Türen ließen sich nicht mehr öffnen. Gebrochene Knochen an Karens Händen und Füßen hatten die verzweifelte Wildheit erkennen lassen, mit der sie versucht hatte, die Fenster zu zerschlagen. Sie war eine kleine Frau gewesen und körperlich nicht besonders stark, doch sie hatte nicht aufgegeben. Ein Sanitäter erzählte mir später, dass er sie auf dem Rücksitz gefunden hatte, nachdem sie den Wagen aus dem Schlamm gezogen und die Türen aufgebrochen hatten. Karen hatte einen Arm um Zooey geschlungen, der andere hatte schlaff herabgehangen, die Hand zerschmettert, die Haut über den Knöcheln abgeplatzt. Es war offensichtlich, was sich ereignet hatte. Als das Wasser in den Wagen eingedrungen war und Karen verzweifelt versucht hatte, die Fenster einzuschlagen, war Zooey in Panik geraten. Jeder wäre in Panik geraten, besonders ein Kind. An dieser Stelle hätten manche Mütter weiter gekämpft, während ihre Kinder vor Angst und Entsetzen schrien. Andere hätten ihre Kinder getröstet und gebetet, dass rechtzeitig Hilfe kommt. Doch Karen hatte Zooey an sich gezogen, hatte ihr versprochen, dass alles gut würde und mit den Füßen bis zum letzten Atemzug weiter gekämpft, um dem nassen Sarg zu entkommen. Sich an ihre Tochter zu klammern, während sie den Erstickungstod starb, zeugte von einer Liebe, die stärker war als jede Angst, und dieses Wissen hatte geholfen, mir ein wenig Frieden zu bringen.

»Grüne Wolken und ein roter Ozean haben überhaupt nichts mit einem Autounfall zu tun, der fünf Jahre zurückliegt«, widersprach ich.

»Nein? Dann sollten Sie mir mehr über Ihre Kindheit erzählen.«

»Das ist irrelevant.«

»Das können Sie doch gar nicht wissen«, beharrte Rachel.

»Doch. Ich weiß es.«

»Dann erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit.«

»Ich lehre medizinische Ethik.«

»Sie haben sich vor mehr als einem Jahr beurlauben lassen.«

Ich riss den Kopf hoch und starrte ihr in die Augen. »Woher wissen Sie das?«

»Ich habe es gehört. Im Hospital.«

»Wer hat das gesagt?«

»Ich erinnere mich nicht. Ich habe es zufällig gehört, glaube ich. Im Ärztestand sind Sie ein sehr bekannter Mann, wussten Sie das nicht? Die Ärzte an der Duke beziehen sich ständig auf Ihr Buch. Genau wie an der Presbyterian in New York. Also, stimmt es? Haben Sie sich beurlauben lassen oder nicht?«

»Bleiben wir bei meinen Träumen. Es ist sicherer, für uns beide.«

»Sicherer? Inwiefern?«

Ich antwortete nicht.

Bis zur nächsten Sitzung hatten meine Träume sich erneut verändert.

»Ich sehe auf die Erde hinunter. Ich schwebe im Weltraum. Es ist der schönste Anblick, den ich je gesehen habe. Blau und grün, mit wirbelnden weißen Wolken. Es ist ein lebendiges Ding, ein vollkommenes, geschlossenes System. Ich tauche durch die Wolken, ein Hundert-Meilen-Kopfsprung hinab in das tiefblaue Meer, in dem es von Leben wimmelt. Gigantische Moleküle, vielzellige Lebewesen, Quallen, Tintenfische, Schlangen, Haie. Auch das Land ist voller Leben. Ein Dschungel. Eine Symphonie aus Grün. An der Küste springen Fische aus den Wellen, und ihnen wachsen Beine. Merkwürdige Krabben huschen über den Sand und verwandeln sich in Tiere, die ich noch nie gesehen habe. Die Zeit vergeht rasend schnell. Als würde die Evolution mit millionenfacher Geschwindigkeit ablaufen. Dinosaurier verwandeln sich in Vögel, aus primitiven Nagern entstehen Primaten. Die Primaten verlieren ihr Fell und werden zu Frühmenschenformen. Eis überdeckt die Dschungel und schmilzt wieder, und zurück bleibt eine Savanne. Zwanzigtausend Jahre vergehen in einem einzigen Atemzug …«

»Langsam, langsam«, empfahl Rachel. »Sie sind ja ganz aufgeregt.«

»Wie könnte es anders sein, wenn ich das alles sehe?«

»Sie wissen die Antwort. Ihr Verstand kann jedes vorstellbare Bild erschaffen und es zur Wirklichkeit machen. Dieses Bild der Erde vom Weltraum aus ist ein Symbol moderner Fotografie. Es bewegt jeden, der es betrachtet, und Sie haben es seit Ihrer Kindheit sicherlich Dutzende Male gesehen.«

»Mein Verstand kann Tiere entstehen lassen, die ich noch nie gesehen habe? Realistisch aussehende Tiere?«

»Selbstverständlich. Sie kennen die Gemälde von Hieronymus Bosch. Und ich habe auch schon Zeitrafferaufnahmen der Evolution im Fernsehen gesehen, die genau auf Ihre Beschreibung passen. Früher gab es im Life Magazine Zeichnungen über ›Die Entstehung des Menschen‹ und dergleichen. Die Frage ist, warum sehen Sie all diese Dinge?«

»Um das herauszufinden, bin ich hier.«

»Sind Sie in dieser surrealen Landschaft anwesend?«

»Nein.«

»Was fühlen Sie?«

»Ich suche immer noch nach etwas.«

»Nach was?«

»Ich weiß es nicht. Ich bin wie ein Vogel, der die Erde und das Meer nach … nach irgendetwas absucht.«

»Sind Sie in Ihrem Traum ein Vogel?«

Sie klang hoffnungsvoll. Vögel schienen im Lexikon der Traumdeutung etwas darzustellen. »Nein«, antwortete ich.

»Was sind Sie dann?«

»Nichts. Ich weiß es nicht. Ein Augenpaar.«

»Ein Beobachter also.«

»Ja. Ein körperloser Beobachter. T. J. Eckleburg.«

»Wer?«

»Nichts. So heißt ein Stück von Scott Fitzgerald.«

»Oh. Ich erinnere mich.« Sie steckte das Ende ihres Stifts in den Mund und kaute darauf herum. Eine ungewöhnliche Geste bei ihr. »Haben Sie eine Vermutung, warum Sie all das sehen?«

»Ja.« Ich wusste, dass meine nächsten Worte sie überraschen würden. »Ich glaube, jemand zeigt sie mir.«

Ihre Augen weiteten sich in theatralischer Überraschung. »Ach, tatsächlich?«

»Ja, tatsächlich.«

»Und wer zeigt Ihnen diese Bilder?«

»Ich habe keine Ahnung. Warum glauben Sie, dass ich sie sehe?«

Sie neigte den Kopf von einer Seite zur anderen. Ich konnte beinahe sehen, wie ihre Neuronen feuerten und meine Worte durch die Filter schoben, die ihre Ausbildung und Erfahrung in ihrem Hirn geschaffen hatten. »Evolution bedeutet Veränderung«, sagte sie schließlich. »Sie sehen Veränderungen, jedoch mit unnatürlich großer Geschwindigkeit. Unkontrollierbare Veränderungen. Ich denke, es könnte etwas mit Ihrer Arbeit zu tun haben.«

Da könntest du Recht haben, dachte ich, sagte aber nichts. Ich nickte und erzählte weiter. Mein Schweigen war der einzige Schutz, den ich ihr bieten konnte. Am Ende spielte es wahrscheinlich keine Rolle, denn das Thema Evolution erstarb, und was danach meine Träume dominierte, erschütterte mich bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele.

In meinen neuen Träumen kamen Menschen vor. Sie konnten mich nicht sehen, und ich sah nur kurze Streiflichter von ihnen. Es war, als würde ich einen beschädigten Film anschauen, dessen einzelne Szenen willkürlich aneinander geklebt worden waren. Eine Frau mit einem Baby beim Spazieren. Ein Mann, der Wasser aus einem Brunnen zog. Ein Soldat in einer Rüstung mit einem Kurzschwert – ein gladius, wie ich in Mrs Whaleys Lateinunterricht in der achten Klasse gelernt hatte. Ein römischer Legionär. Das war mein erster wirklicher Hinweis darauf, dass meine Träume keine zufällige Abfolge von Bildern darstellten, sondern Szenen aus einer speziellen Epoche. Ich sah Ochsen vor Pflugscharen. Eine junge Frau, die ihren Körper auf der Straße anbot. Männer, die Geld tauschten. Goldene und kupferne Münzen mit dem gebieterischen Profil eines Kaisers und einem Namen darauf. Tiberius. Der Name rührte an etwas in meinem Bewusstsein, also sah ich im Internet nach. Tiberius, Nachfolger des Augustus. Tiberius war ein ehemaliger Feldherr, dessen Legionen einen Großteil seiner Herrschaftszeit in Germanien gekämpft hatten. Eines der wenigen bedeutsamen Ereignisse während seiner Amtszeit – vom Standpunkt der Geschichte aus betrachtet – war die Kreuzigung eines jüdischen Zimmermanns, der behauptet hatte, König der Juden zu sein.

»War Ihr Vater streng religiös?«, fragte Rachel, nachdem sie von den neuen Bildern erfahren hatte.

»Nein. Er war … er betrachtete die Welt auf eine fundamentalere Weise.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Das ist irrelevant.«

Ein verärgertes Seufzen. »Und Ihre Mutter? War sie religiös?«

»Sie glaubte an etwas, das größer war als die Menschheit, doch sie gehörte keiner Religionsgemeinschaft an.«

»Also wurden Sie als Kind nicht religiös indoktriniert?«

»Ein paar Jahre Sonntagsschule. Es hat nicht vorgehalten.«

»Welche Glaubensrichtung?«

»Methodist. Es war die Kirche, die unserem Haus am nächsten lag.«

»Haben Sie Filme über das Leben Jesus Christi gesehen?«

»Möglich. Ich erinnere mich nicht.«

»Sie sind in Oak Ridge, Tennessee aufgewachsen, richtig? Ich halte es für sehr wahrscheinlich. Und natürlich haben wir all die großartigen Bibelverfilmungen aus den fünfziger Jahren gesehen. Die zehn Gebote. Ben Hur. Und so weiter.«

»Was wollen Sie mir sagen?«

»Nur dass die Grundlagen für diese Halluzinationen seit vielen Jahren in Ihrem Unterbewusstsein geschlummert haben. Sie sind in uns allen. Doch Ihre Träume scheinen sich auf irgendetwas hin zu bewegen. Und dieses Etwas ist möglicherweise Jesus von Nazareth.«

»Hatten Sie früher schon mit ähnlichen Träumen zu tun?«, fragte ich.

»Selbstverständlich. Viele Menschen träumen von Jesus. Von persönlichen Begegnungen mit ihm, von Nachrichten, die er ihnen überbringt. Doch Ihre Träume weisen einen gewissen zielgerichteten Fortschritt auf, und sie besitzen eine naturalistische Färbung im Gegensatz zu der Wirrnis obsessiver Fantasien. Außerdem behaupten Sie, Atheist zu sein. Oder zumindest Agnostiker. Ich bin sehr gespannt darauf, wohin das alles führt.«

Ich schätzte ihr Interesse, doch ich war es Leid, auf Antworten zu warten. »Was hat das alles Ihrer Meinung nach zu bedeuten

Sie schürzte die Lippen; dann schüttelte sie den Kopf. »Ich bin nicht mehr sicher, ob Ihre Träume mit dem Tod Ihrer Frau und Ihrer Tochter zu tun haben. Die Wahrheit ist, ich weiß einfach nicht genug über Ihr Leben, um eine fundierte Bewertung abgeben zu können.«

Wir waren in einer Pattsituation angelangt. Ich war immer noch der Meinung, dass meine Vergangenheit nichts mit meinen Träumen zu tun hatte.

Im Verlauf der nächsten Tage klärten sich die Filmschnipsel in meinem Kopf nach und nach, und bestimmte Charaktere traten immer wieder auf. Die Gesichter, die ich sah, wurden vertrauter, fast wie Freunde, dann sogar wie Familienangehörige. In mir wuchs das Gefühl, dass ich mich an diese Gesichter erinnerte, und zwar nicht allein aus vergangenen Träumen. Ich beschrieb sie Rachel, so gut ich konnte.

Ich sitze mitten in einem Kreis, und gespannte, bärtige Gesichter beobachten mich. Ich weiß, dass ich spreche, weil sie offensichtlich meinen Worten lauschen, doch ich kann sie selbst nicht hören.

Ich sehe das Gesicht einer Frau, engelgleich und doch gewöhnlich, und ein Augenpaar, das ich kenne wie die Augen meiner Mutter. Sie gehören nicht meiner Mutter, jedenfalls nicht der Mutter, die mich in Oak Ridge aufgezogen hat. Trotzdem betrachten sie mich voller unendlicher Liebe. Ein bärtiger Mann steht hinter der Frau und sieht mich mit Vaterstolz an. Mein Vater war sein Leben lang stets glatt rasiert …

Ich sehe Esel … eine Dattelpalme. Nackte Kinder. Einen braunen Fluss. Ich spüre den kalten, durchdringenden Schock des Untertauchens, das Trommeln meiner Füße auf Sand.

Ich sehe ein junges Mädchen, wunderschön und dunkelhaarig, das sich auf die Zehenspitzen stellt, um mich zu küssen. Dann errötet es und rennt davon. Ich bewege mich unter Erwachsenen. Ihre Gesichter sagen: Dieses Kind ist nicht wie die anderen Kinder. Ein Mann mit wilden Augen steht bis zu den Hüften im Wasser. Männer und Frauen stehen in einer Schlange und warten, bis sie an der Reihe sind, untergetaucht zu werden, während andere hustend und spuckend und mit weit aufgerissenen Augen wieder aus dem Wasser kommen.

Manchmal besaßen meine Träume keine Logik, sondern bestanden aus zusammenhanglosen Fragmenten. Wenn schließlich die Logik zurückkehrte, machte sie mir Angst.

Ich sitze am Bett eines kleinen Jungen. Er kann sich nicht bewegen. Seine Augen sind geschlossen. Er ist seit zwei Tagen bewusstlos. Seine Mutter und seine Tante sitzen bei mir. Sie bringen Essen, kühles Wasser und Öl, um den Jungen zu salben. Ich spreche dem Jungen leise ins Ohr. Ich sage den Frauen, sie sollen seine Hände halten. Dann beuge ich mich vor und sage den Namen des Jungen. Er hat die Augen fest geschlossen und Schaum vor den Lippen. Als er seinen Namen hört, öffnet er die Augen, und sie strahlen, als er seine Mutter sieht. Seine Mutter ächzt, dann schreit sie, dass er die Hand bewegt hat. Sie hebt ihn hoch, und er umarmt sie. Die Frauen weinen vor Freude …

Ich esse mit einer Gruppe von Frauen. Oliven und Fladenbrot. Einige Frauen weichen meinen Blicken aus. Nach dem Mahl führen sie mich in einen Schlafraum, wo ein schwangeres Mädchen auf dem Bett liegt. Sie berichten mir, dass das Baby bereits zu lange in ihr ist. Die Wehen haben noch nicht eingesetzt. Sie fürchten, das Kind könnte tot sein. Ich bitte die Frauen zu gehen. Die junge Mutter hat Angst vor mir. Ich beruhige sie mit leisen Worten, dann hebe ich die Decke an und lege meine Hände auf ihren Leib. Er ist aufgebläht und straff wie eine Trommel. Ich lasse meine Hände lange Zeit dort ruhen, während ich sie leise dränge und zu ihr spreche. Ich kann nicht verstehen, was ich sage. Es ist ein leiser Singsang. Nach einiger Zeit öffnet sie den Mund. Sie hat einen Tritt gespürt. Sie schreit nach den anderen Frauen. »Mein Kind lebt!« Die Frauen legen ihre Hände auf mich, versuchen mich zu berühren, als besäße ich unsichtbare Kräfte. »Er ist der Eine, er ist der Eine!«, rufen sie.

»Das sind Geschichten aus der Bibel«, sagte Rachel. »Millionen Schulkinder kennen sie. Daran ist nichts Ungewöhnliches.«

»Ich habe das Neue Testament gelesen«, berichtete ich. »Nirgendwo steht, dass Jesus einen kleinen Jungen aus dem Koma erweckt hat. Oder dass er allein mit Frauen ein Mahl eingenommen und anschließend bei einer Schwangeren die Wehen eingeleitet hat.«

»Aber es sind Bilder von Heilungen! Sie sind Arzt. Ihr Unterbewusstsein scheint Ihr Bild von Jesus mit Ihrem Bild von sich selbst zu verschmelzen. Oder umgekehrt. Vielleicht ist Ihre Arbeit wirklich das Problem. Haben Sie sich vom Gebiet der heilenden Medizin entfernt?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Geraubte Erinnerung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen