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Gerald und Sonja

Mein lieber Sohn, du tust mir leid,

dir mangelt die Enthaltsamkeit.

Enthaltsamkeit ist das Vergnügen

an Sachen, welche wir nicht kriegen.

Drum lebe mäßig, denke klug,

wer nichts gebraucht, der hat genug.

Wilhelm Busch

Inhalt

Darf die Waldhütte stehen bleiben?

Die ungerechte Bestrafung

Der Spielverderber ist Willi

Der geheimnisvolle Bunker

Früchte stehlen lohnt sich nicht

Hat Gerald eine neue Freundin?

Bitte nicht müde werden

Ein silbernes Geschenk

Zwillingsmädchen aus Frankreich

Ein Ausflug mit dem Fahrrad

Pfadfinder sind offen und ehrlich

Begegnung mit einem Katzenmörder

Gerald besitzt keine Skier

Ein Wochenende in der Berghütte

Schlittelspaß

Ein Freundschaftsband mit winzigen Perlen

Darf die Waldhütte stehen bleiben?

Ein großartiges Wetter war es in den letzten Tagen nicht, das Gerald und Paul zwang, viel Zeit drinnen zu verbringen. Die Herbstferien hätten sich die beiden Brüder anders vorgestellt. Immer wieder zogen tiefliegende Wolken über das Lindenquartier und zeitweise regnete es in Strömen. Aber heute zeigt sich das Wetter wieder von einer freundlicheren Seite.

Als Gerald die schweren Gardinen zur Seite schiebt, dringen Sonnenstrahlen durch die schmalen Schlitze der Fensterläden. Einen Moment hält er inne. Mit seinen Gedanken ist Gerald schon im nahen Wald, wo er mit Paul, Markus und Sonia mit dem Bau einer Hütte begonnen hat. Die Fensterläden öffnend sagt er zu Paul, der immer noch im Bett liegt:

«Bei diesem Wetter können wir heute weiterfahren mit der Hütte. Wir brauchen noch Tannäste und auch andere, dickere Äste als Stützen.»

Sich die Augen reibend antwortet Paul mit gedämpfter Stimme: «Ja, aber wir müssen sie an einem Ort bauen, wo sie nicht auffällt. Die Holzsammler nehmen alles, was ihnen in die Hände fällt.» Seufzend erhebt er sich und setzt sich auf den Bettrand.

«Das Holz ist rationiert und teuer – die ärmeren Leute können es sich kaum leisten, Holz zu kaufen. Auch wenn das Sammeln im Wald verboten ist, probieren es die Leute immer wieder. Vorerst haben wir jetzt das Problem, Holz zu finden», sagt Gerald besorgt.

«Haben nicht kürzlich beim Heidenstein die Forstarbeiter einige Tannen gefällt?», kommt es Paul in den Sinn.

«Ja natürlich. Aber die Tannen wurden gefällt, weil sie vom Borkenkäfer befallen waren. Und wie mir bekannt ist, wird vom Käfer befallenes Holz verbrannt», antwortet Gerald, der immer noch am Fenster steht und nachdenklich in den vom Vater gepflegten Gemüsegarten blickt.

«Wo soll denn das Holz für unsere Hütte herkommen? Der Wald ist groß und der Förster kann nicht überall gleichzeitig sein. Holen wir das Holz, wo wir es finden – auf gut Glück», erwidert Paul, der jetzt in seine kurze Hose schlüpft und den wollenen Pullover mit dem Zopfmuster über den Kopf zieht.

«Vielleicht wäre es besser, wenn wir unser Vorhaben zuerst mit dem Förster absprechen», meint Gerald.

«Nein, auf gar keinen Fall», erwidert Paul abwinkend. «Er würde nicht gestatten, dass wir eine Hütte bauen. Wir müssen sie gut im Dickicht verstecken – dort wo er …» Paul wird unterbrochen durch die aufgehende Zimmertür. Im Türrahmen steht die Mutter und sagt zu den Buben:

«Na, habt ihr gut geschlafen nach der gestrigen Aufregung?»

Fast jeden Abend wiederholt sich dasselbe Theater beim Zubettgehen. Schon um neunzehn Uhr müssen die beiden Brüder das Bett aufsuchen. So will es die Mutter haben – auch wenn sich Paul heftig dagegen sträubt. So wie gestern Abend, als Paul einfach keine Lust zum Schlafen hatte. Sobald die Mutter die Zimmertür hinter sich zugezogen hatte, verließ er das längsseitig an der Wand stehende Bett wieder. Dabei musste er über Gerald steigen und in der Dunkelheit tappend den Lichtschalter suchen. Aber der aufmerksamen Mutter entgeht nichts, sie hat Paul bemerkt und ihn, eine Strafe ankündigend, wieder ins Bett beordert.

«Neben Paul zu schlafen ist manchmal eine Qual – so wie gestern Abend», sagt Gerald leicht gereizt. «Er ist unruhig und das stört mich. Ich möchte ein Bett haben für mich, Mama.»

«Es ist einfach zu früh um neunzehn Uhr», wirft Paul dazwischen, noch bevor die Mutter etwas sagen kann. «Die anderen Kinder müssen erst um zwanzig Uhr ins Bett.»

«Wir werden sehen», sagt die Mutter ruhig. «Kommt jetzt in die Küche – Papa ist schon am Frühstücken.»

Der Vater, der jeweils der Erste auf den Beinen ist, ist es gewohnt, das Frühstück gleich für alle zuzubereiten.

«Heute haben wir eine große Arbeit vor uns», sagt der Vater, als sich die Buben an den Tisch setzen. «Ich habe beim Förster einen Baum gekauft, den wir heute fällen werden. Herr Gerber von nebenan wird mir dabei helfen – und auch eure Mitarbeit brauche ich. Ihr wisst ja vom letzten Jahr wie das geht.»

Einen Moment bleibt es still. Die Tasse an den Mund geführt, bläst Gerald auf das noch heiße Kakaogetränk. Dann sagt er mit leiser Stimme: «Papa, wir hatten schon lange vor, eine Waldhütte zu bauen. Werden von diesem Baum noch ein paar Äste übrigbleiben?»

«Das lässt sich sicher einrichten. Wo habt ihr denn vor, eine Hütte zu bauen?»

«Beim Scheibenstand», sagt Paul. «Dort haben wir schon einige Äste versteckt. Hoffentlich hat sie niemand gefunden.»

«Beim Scheibenstand?» fragt der Vater verwundert. «Der zu fällende Baum steht … na ja, wir werden ja sehen.»

«Warum nehmen wir nicht gerade zwei Bäume?», will Paul wissen.

«Nein, das geht nicht. Ich habe den einen Baum zusammen mit dem Förster ausgesucht – und bereits bezahlt», sagt der Vater. «Der Förster sagt, welche Bäume gefällt werden können - nicht wir. Und übrigens: Einen solchen Baum zu fällen und ihn in Teilstücke zu zersägen, ist viel harte Arbeit. Einen zweiten Baum würden wir nicht schaffen.»

«Ist Sonja auch dabei?», fragt Gerald, der nachdenklich eine Brotscheibe mit Johannisbeerenkonfitüre bestreicht.

«Ja, Herr Gerber sagte mir, sie werde auch mithelfen», antwortet der Vater.

«Dann können wir heute keine Hütte bauen», meint Paul mit grimmiger Miene zu Gerald.

«Wir müssen zuerst einen geeigneten Platz finden», antwortet Gerald.

Die Mutter, welche schon wieder mit Stricken beschäftigt ist, sagt nachdenklich: «Die Hütte müsst ihr dort bauen, wo Papa den Baum fällt. Oder wollt ihr die Äste noch weit im Wald herumtragen?»

«Die Äste, welche wir beim Scheibenstand versteckt haben, kommen ja auch nicht alleine zu einem anderen Standort», meint Gerald. Sich an Paul wendend fährt er fort: «Wir fragen noch Markus und Dora, ob sie auch mithelfen.»

«Ja, die werden sicher auch mit dabei sein», kommt es wie geschossen aus Pauls Mund. «Und auch Willi!»

«Wenn ihr noch einige Helfer auftreiben könnt, ist das von Vorteil», sagt der Vater. «Es gibt viele Kleinarbeiten. Am besten geht ihr gleich los. Danach geht ihr alle zum alten Schützenhaus und wartet dort auf mich und Herrn Gerber.»

Gerald trinkt noch seine Tasse leer, dann schlüpft er in seine Schuhe und sagt: «Komm Paul, wir gehen zu Markus!»

Markus, der ein Jahr älter ist als Gerald, wohnt gleich im Haus gegenüber. Er ist leicht behindert. Irgendwie scheint etwas nicht zu stimmen mit seinem Kopf, den er nicht gut drehen kann, weil der Nacken ein wenig versteift ist. Beim Spielen mit den anderen Kindern scheint ihn das nicht heftig zu stören, er macht überall mit. In der Schule ist er ein Jahr zurückgeblieben. Seine Schwester Dora kommt zwar in der Schule besser voran, bringt aber öfters wegen schlechten Benehmens Strafaufgaben nach Hause. Markus und Dora haben nicht viel miteinander zu tun, sie gehen einander eher aus dem Weg.

Als ob er gewusst hätte, dass Gerald und Paul schon am frühen Morgen etwas vorhaben, steht Markus beim Hauseingang und empfängt die beiden Brüder mit einem spöttischen Grinsen:

«Ihr wollt doch nicht etwa zum Lindenhof gehen, um Nüsse zu sammeln?»

«Walnüsse kann man dort nicht mehr holen – Frau Hoch hat jetzt einen neuen Wachhund», antwortet Paul mit einem abwinkenden Handzeichen. «Willi hat es auch schon probiert und hat dabei Bekanntschaft gemacht mit dem jungen Sennenhund.»

Der etwas abseits, hinter den letzten Quartierhäusern liegende Bauernhof, wirkt jedes Jahr im Herbst wie ein Magnet auf die Quartierbewohner. Das Objekt der Begierde ist zwei Walnussbäume, sowie zahlreiche andere Obstbäume. Der alte Sennenhund konnte den Hof nicht mehr ordentlich bewachen, was besonders Willi ausgenützt hat.

«Unser Vater und Herr Gerber werden heute im Wald einen Baum fällen und wir müssen ihm dabei helfen», sagt Gerald zu Markus, der einen Apfel aus seinem Hosensack zieht und kräftig hineinbeißt. «Kommst du auch mit?»

«Ja, ich bin dabei.»

«Kommt Dora auch?»

«Ich glaube nicht. Sie muss heute Morgen der Mutter bei Hausarbeiten helfen – vielleicht am Nachmittag.»

Auf dem Weg zum Schützenhaus kommen die drei noch bei Willi vorbei. Er wohnt im letzten Haus an der Quartierstrasse. Unmittelbar neben dem Haus dehnt sich eine durch einen Lattenzaun abgegrenzte Wiese aus. Danach kommt der Zwahlenhof.

Willi ist gleich alt wie Gerald, geht aber in eine andere Schulklasse. Für sein Alter ist Willi eher zu klein. Aus seinem rundlichen Gesicht gucken zwei spitzbübische Äugelein. Wie die anderen Buben trägt er immer kurze Hosen, die bis zu den Knien reichen und Kniesocken, die meistens durchlöchert sind. Willi ist im Quartier bekannt für seine Streiche und deswegen auch nicht gerade beliebt. Mit anderen Kindern liegt er oft im Streit und wenn ihn einer herausfordert, muss er gewandt sein, um seinen Schlägen auszuweichen.

Als die drei Jungs bei Willi ankommen, ruft Paul laut seinen Namen: «Williii!», nichts regt sich. «Williii!», ruft Paul noch einmal. Dann geht das Fenster auf. Willi guckt erstaunt heraus.

«Was habt ihr heute vor?»

«Du weißt ja – die Hütte im Wald», sagt Gerald mit dem Blick zum oberen Stockwerk gerichtet.

«Ja, was ist damit?»

«Mein Vater fällt heute ein Baum und wir müssen ihm dabei helfen», antwortet Gerald. «Dafür bekommen wir die Äste, dann können wir unsere Hütte bauen. Kommst du auch gleich mit?»

«Ich komme, wartet auf mich!», tönt es von oben. «Ich muss nur noch schnell …», dann ist er weg vom Fenster.

Die Buben müssen nicht lange warten, dann kommt er die Treppe heruntergerannt. In der einen Hand ein großes Stück Brot und in der anderen Hand einige Walnüsse.

«Hast du die Nüsse beim Lindenhof geholt?», fragt Gerald neugierig.

«Nein, dort traue ich mich nicht mehr hin. Der junge Sennenhund ist sehr wachsam. Er liegt immer auf einer Matte neben dem Hauseingang. Wenn sich jemand dem Hof nähert, rennt er laut bellend los.»

Willi steckt seine Nüsse in den Hosensack, in welchem sich schon viel anderer Kram befindet, dann fragt er:

«Wohin gehen wir jetzt?»

«Zum Schützenhaus. Dort sollen wir aufwarten», sagt Gerald kurz. «Kommt, wir gehen!»

Der Weg zum Schützenhaus führt beim Zwahlenhof vorbei. Als die Kinder neben dem Geräteschopf vorbeischreiten und die Sicht zum Schützenhaus frei wird, ruft der den anderen vorausschreitende Markus:

«Sie sind schon dort vorne!»

«Kommt!», sagt Gerald und beginnt zu rennen. Die anderen hinterher – nur Willi, der immer noch an seinem Brot beißt, trottet gemütlich weiter.

«Gut, dass ihr kommt», sagt der Vater zu den Buben, als diese außer Atem ankommen. Nach einer kurzen Begrüßung stoßen die Kinder den Wagen, welcher vom Bauer zur Verfügung gestellt wird, eine leichte Anhöhe hinauf zum Wald. Nicht ganz zufällig stößt Sonja neben Gerald am Wagen. Die beiden verstehen sich gut. Sie besuchen dieselbe Schulklasse und legen den langen Schulweg meistens gemeinsam zurück. Bei den täglichen Schulaufgaben helfen sie sich gegenseitig – nur selten benötigen sie die Hilfe ihrer Eltern. Sonja ist mit einem kniedeckenden Rock und bunten Kniesocken, welche sie schon selber strickt, immer gut gekleidet. Wie viele andere Mädchen sind ihre langen Haare in zwei über die Schultern hängende Zöpfe geflochten.

Am Waldrand angekommen, sagt Gerald zu seinem Vater:

«Papa, können wir hier einen Moment auf Willi warten?»

«Nein, die Zeit ist knapp, wir warten nicht auf Willi. Wenn er ja wollte, hätte er uns längst einholen können. Wir sind schon bald bei unserem Baum.»

Die beiden Männer ziehen kräftig an der Lenkstange und erhöhen das Tempo. Kurz vor einer Rechtsbiegung machen sie Halt.

«Wir lassen den Wagen hier stehen», sagt der Vater. «Ich zeige euch, wo der Baum steht, dann können wir sofort anfangen.»

Vor einer Tanne mit einer roten, vom Förster angebrachten Markierung, bleibt er stehen und sagt:

«Diese Tanne werden wir jetzt fällen. Während Herr Gerber und ich mit Sägen beschäftigt sind, könnt ihr Kinder euch um einen geeigneten Standort für eure Hütte kümmern. Am besten baut ihr sie in der Nähe.»

Sonjas Vater, der beim Wagen zurückblieb, kommt jetzt mit der langen Handsäge. Kurz wird besprochen, in welche Richtung der Baum fallen soll. Dann knien sie sich auf den Waldboden, jeder auf eine Seite des Baumes. Die herumstehenden Kinder schauen interessiert zu – sie wollen sehen, wie der Baum fällt.

Alle in Gedanken versunken merken nicht, dass plötzlich der Willi hinter ihnen steht.

«Ich weiß, wo wir die Hütte bauen können», sagt er mit einem etwas spöttischen Lächeln. Dann klaubt er eine Walnuss aus seiner Hosentasche, hält sie gegen einen Baumstamm und schlägt mit einem Stein heftig darauf.

«In der Nähe?», fragt Markus interessiert.

Willi nickt.

«So zeig es uns, dann können wir den Platz einrichten», sagt Paul, der Willi am nächsten steht. «Jetzt, wo die Werkzeuge hier sind, sollten wir die Gelegenheit nutzen.»

«Dort zwischen den Jungbäumen», antwortet Willi mit einer Handgebärde zeigend. «Kommt!»

Gerald, Paul und Markus folgen Willi, der zielstrebig auf eine Baumgruppe im Unterholz zugeht. Sonja überlässt die Standortsuche den Buben und schaut, wie die Männer sägen. Das Sägen erfordert viel Kraft. Immer wieder müssen sie kurz unterbrechen und ihre kniende Position ändern. Der Stamm ist schon bis zur Hälfte durchtrennt, als Sonjas Vater aufsteht, und den Schweiß von der Stirn wischt. Umherschauend fragt er Sonja:

«Wo sind die Buben?»

«Dort!», antwortet Sonja in die Richtung des Unterholzes zeigend.

«Geh und sag ihnen, sie sollen herkommen! Es dauert nicht mehr lange, bis der Baum fällt.»

Sonja rennt weg und verschwindet im Unterholz. Als sie mit Gerald, Paul und Markus zurückkehrt, fragt Sonjas Vater erstaunt:

«Wo ist Willi? Hat er nicht verstanden, dass bald ein Baum umfallen wird?»

«Willi macht immer, was er will», sagt Markus. «Auch in der Schule gibt es immer Zoff mit ihm, wenn er nicht macht, was der Lehrer anordnet.»

«Willi!», ruft Geralds Vater scharf in Richtung Unterholz.

Keine Antwort.

«Wir fahren weiter», sagt der Vater genervt.

Im Halbkreis stehen die Kinder um die arbeitenden Väter und starren gespannt auf das Sägeblatt.

«Das reicht», sagt nach einer Weile Sonjas Vater, indem er sich erhebt und intensiv an seinen beiden Knien reibt. Auch Geralds Vater steht auf. Prüfend beginnt er am Baumstamm zu stoßen. Mit einer Handgeste die Richtung anzeigend sagt er: «In diese Richtung wird der Baum fallen. Mit vereinten Kräften stoßen die Männer am Stamm. Der Baum gerät ins Wanken. Noch einige rhythmische Stöße: «Hooo-hopp … Hooo-hopp … plötzlich beginnt der Baum zu kippen. Der dumpfe Aufschlag auf dem feuchten Waldboden und das Brechen von Ästen, haben jetzt auch Willi aus dem Unterholz gelockt.

«Was machst du eigentlich?», fragt ihn Gerald gereizt.

«Ich habe Holz gesucht für die Hütte», antwortet Willi.

«Wie bitte?», fragt Gerald verblüfft. «Hier liegt doch kein Holz auf dem Waldboden – die Leute haben längst alles schon gesammelt.»

«Ich habe vom Haselstrauch Stecken abgebrochen», sagt Willi.

«Das ist aber nicht gestattet», mischt sich Geralds Vater ein. Wenn der Förster das sieht, bekommen wir Probleme – dann wird er den Bau einer Hütte eh nicht gestatten. Du bist ein Lausebengel!» Sich an Gerald wendend sagt er: «Du kannst jetzt mit dem Absägen der Äste beginnen. Die Handsägen liegen auf dem Wagen.»

Die beiden Männer haben noch viel Arbeit vor sich. Der Baumstamm muss in meterlange Teilstücke zersägt werden und das kostet noch einige Schweißtropfen. Die Kinder organisieren sich selber. Während Gerald mit dem Entasten des Stammes beschäftigt ist, trägt Sonja die abgesägten Äste zum Standort der Hütte.

«Jemand sollte doch die Äste holen, die wir beim Scheibenstand versteckt haben», sagt Willi zu Gerald.

«Geh doch du mit Paul – du kennst das Versteck.»

Die Zeit verstreicht. Die Männer haben schon einige Teilstücke abgesägt und Gerald zahlreiche Äste, als Paul und Willi mit Ästen beladen zurückkommen.

Gerald, der noch immer die Säge in der Hand hält, sagt auf Paul zugehend: «Willst du mich ablösen?»

Paul nimmt wortlos die Säge aus Geralds Hand.

«Sonja, kommst du mit?», fragt Gerald.

«Ja klar, komm, wir gehen gleich los!»

Unterwegs erzählt Sonja von ihrem Aufenthalt in der Berghütte der Naturfreunde, wo ihr Vater ein Vereinsmitglied ist. «Ich gehe gerne in die Berghütte mit meinen Eltern. Wir unternehmen gemeinsame Wanderungen mit anderen Familien.»

Das wäre auch etwas für mich, geht es Gerald durch den Kopf. Er, der sich auch gerne in der Natur aufhält und Naturkunde sein liebstes Schulfach ist.

«Bist du auch schon im Winter auf dem Berg gewesen?», fragt Gerald.

«Nein, meine Mutter liebt es zu wandern - sie fährt nicht Ski. Das soll sich aber ändern. Der Vater hat angekündet, dass wir im nächsten Winter eine Schneeschuhwanderung unternehmen werden. Das ist für mich etwas Neues. Hättest du auch Lust, einmal mitzukommen?»

«Na ja», sagt Gerald zögernd. «Aber ich besitze keine Schneeschuhe. Ich möchte lieber Skifahren.»

«Die Skier kannst du in der Schule leihen. Ich werde meine Mutter fragen, ob du mitkommen kannst. Wenn ich sie darum bitte, wird sie sicher nicht nein sagen.»

Beim Scheibenstand angekommen, ergreifen die beiden die restlichen Äste und machen sich gleich wieder auf den Rückweg.

«Schau, wir können etwas abkürzen, indem wir gleich hier durch die Wiese gehen», sagt Gerald und geht voraus. Vorsichtig, um nicht zu viele Wildblumen niederzutreten, schreiten sie hintereinander durch das kniehohe Gras. Jeder in seinen Gedanken versunken, erreichen sie den gegenüberliegenden Waldrand.

«Lass uns hier ein Weilchen pausieren», unterbricht Sonja die Stille und lässt ihre Last auf den moosbedeckten Waldboden fallen. Gerald macht es ihr nach, dann setzen sie sich nebeneinander auf das weiche Moospolster.

Gerald unterhält sich gerne mit Sonja. Irgendwie fühlt er sich angezogen von diesem Mädchen. Vielleicht wegen ihrer ruhigen Stimme – oder ihrer Ausstrahlung – wahrscheinlich wegen beidem. Jedenfalls haben sie vieles gemeinsam und man kann nicht sagen, dass es sich bei ihnen um eine Zufallsbegegnung handelt. Eine ganze Weile sitzen Gerald und Sonja an diesem von der Herbstsonne beschienenen Ort und erzählen sich, was sie freut und was nicht.

In seine Glücksgefühle versunken, hat Gerald ganz vergessen, wozu er sich eigentlich heute im Wald befindet. Jäh steht er auf und sagt: «Komm Sonja – wir müssen gehen!» Er fasst ihre Hand und zieht sie hoch. Als Gerald sich beugt, um die Äste wieder hochzuheben, erblickt er auf dem Waldboden Eicheln. Seinen Blick nach oben richtend, sagt er:

«Schau, wir haben unter einer Eiche gesessen. Wie alt sie wohl sein mag?» Schnell füllt Gerald seine Hosentaschen prallvoll. «Aber jetzt müssen wir gehen; wir können ja ein andermal wieder hierherkommen.»

«Ja, um Wildkräuter zu sammeln, welche hier zahlreich vorhanden sind», antwortet Sonja.

Beladen mit Ästen, schreiten sie schnellen Schrittes zurück zu den anderen. Die Arbeit ist vorangeschritten. Die Männer haben begonnen, Teilstücke des Stammes auf den Wagen zu verladen.

«Den Baumwipfel haben wir nicht zersägt», sagt Sonjas Vater zu den Kindern. «In die Mitte der Hütte gestellt, dient er als Stütze für das Dach. Ich zeige euch, wie ich das meine. Kommt mit!»

«Ich weiß, wie man das macht», sagt Markus. «Genauso haben die Indianer ihre Hütten gebaut.»

«Zuerst müssen wir aber das Holz nach Hause schaffen!», sagt der Vater die Hütte verlassend.

«Hurra!», ruft Willi voller Freude. «Jetzt wird unser Traum von einer Waldhütte endlich Wirklichkeit.»

«Aber erst, wenn der Förster sein Ja-Wort gegeben hat», meint Gerald sorgenvoll.

Schnell wird klar, dass nicht alles Holz in einer einzigen Fuhr nach Hause geschafft werden kann.

«Der Förster kommt erst am späteren Nachmittag, bis dahin bleibt uns noch genügend Zeit, die zweite Ladung zu holen», meint der Vater. Mit dem mitgebrachten Seil werden die Stammrugel festgebunden, dann geht es heimwärts. Nur über den weichen Waldweg bis zum Schützenhaus müssen die Kinder kräftig stoßen, danach geht es leicht abwärts, wo der schwer beladene Wagen fast von selber rollt. Zu Hause angekommen, sagt Geralds Vater aufatmend: «Wir lassen den Wagen hier neben dem Haus stehen, abladen können wir nach dem Essen.»

«Wann holen wir die zweite Ladung?», möchte Markus wissen.

«Etwa in einer Stunde», kam die Antwort.

«Markus, bring Dora mit!», ruft Sonja zurück, bevor sie im Hausflur verschwindet.

Am Mittagstisch fragt die Mutter neugierig: «Habt ihr jetzt genügend Holz für eure Hütte?»

«Ich glaube schon», antwortet Gerald, indem er gierig die Gemüsesuppe löffelt. Er ist heute hungrig – vielleicht hat das Sägen im Wald damit zu tun. Nach einer Weile schöpft die Mutter den beiden Buben noch Spinat und Kartoffeln aus dem Garten in den Teller.

«Das bisschen Fleisch ist leider dem Vater vorbehalten», sagt sie mit sorgenvoller Stimme zu den Buben. «Die Lebensmittelmarken sind aufgebraucht. Erst nächste Woche kann man bei der Stadtverwaltung wieder neue abholen. Das könntest du dann gleich von der Schule weg besorgen, Gerald.»

«Jaja, schon gut Mama», sagt Gerald genervt. «Der Gerald geht hier, der Gerald geht dort – und was macht der Paul?»

«Er hilft jetzt gleich beim Abwasch – das ist sein Amt.»

Sich an Paul wendend sagt Gerald: «Nimm deine Murmeln mit, wenn du runterkommst.»

Markus und Dora warten schon auf der Quartierstrasse.

«Habt ihr eure Murmeln dabei?», fragt Gerald auf die Geschwister zugehend.

Markus greift in seine Hosentasche, als wollte er sich überzeugen, ob er welche dabeihat.

«Schau, ich habe nur welche aus Ton. Wollen wir spielen?»

«Klar!», sagt Gerald gelassen. Es dauert ja noch eine Weile bis die anderen kommen. «Willst du mitspielen, Dora?»

Dora winkt ab.

Die Murmelbahn befindet sich gleich um die Hausecke, wo der Wagen steht. Dora setzt sich, mit dem Rücken gegen die Hauswand lehnend auf einen Holzschemel. Ihre Ellenbogen auf den Knien abstützend, vergräbt sie ihr Gesicht in den Händen. Ihr Blick ist starr auf die Murmelbahn gerichtet – sie scheint abwesend zu sein. Das Murmelspiel scheint sie nicht zu interessieren.

Bald kommt Sonja mit ihrem Vater und fast gleichzeitig auch Paul. Zum Murmeln kommt Paul zu spät. Gerald und Markus brechen das Spiel ab. Sie müssen Sonjas Vater helfen, den Wagen abzuladen.

«Du kommst doch mit zur Hütte, welche wir heute Morgen gebaut haben?»

«Hast du Zoff gehabt mit deiner Mutter?»

Sich vom Schemel erhebend, sagt Dora etwas aufgebracht: «Es ist nicht wegen der Hausarbeit heute Morgen.»

«Sondern?»

Sonjas Vater ruft dazwischen: «Wir können gehen!»

«Komm, du kannst es mir unterwegs sagen», meint Sonja auffordernd.

Geralds Vater ist auch zurück und gemeinsam stoßen sie den Wagen dem Wald entgegen. Nach vorne gebeugt, sich mit beiden Armen am Wagenrand abstützend, blickt Dora auf ihre Füße. Sonja fühlt, dass mit der sonst immer gesprächigen Dora etwas nicht stimmt.

«Willst du mir sagen, was du auf dem Herzen hast?», fragt Sonja leise. Dora blickt zu Sonja und sagt mit gedämpfter Stimme:

«Ich erzähle es dir ein andermal, wenn wir alleine sind – nicht hier.»

Sonja muss das akzeptieren und will jetzt nicht weiterbohren. Der neben Sonja gehende Gerald hat auch gehört, was Dora sagte. «Da muss jemand aufgeheitert werden», denkt er und beginnt ein Wanderlied zu pfeifen. Es ist sein Lieblingslied in der Schule.

«Wie heisst dieses Lied?», fragt er.

«Ich kenne es», sagt Sonja sofort und beginnt zu singen: Weit und breit schaut niemand mich an

«Ja», unterbricht Gerald. «Kannst du den Text auswendig?»

«Der lustige Text gefällt mir», meint Sonja und singt weiter. Gerald stimmt ein und gemeinsam singen sie beide Strophen. Markus kennt das Lied auch von der Schule. Aber ihm ist nicht nach Singen. Paul, der das Lied nicht kennt, singt einfach la-la-la.

Bald ist die Gruppe bei der Hütte angekommen. Gemeinsam wird der Wagen mit dem restlichen Holz beladen. Mit den Tannästen, welche noch herumliegen, werden am Hüttendach Löcher gestopft.

«Jetzt fehlt nur noch eine Sitzgelegenheit», sagt Gerald zufrieden. «Hat jemand eine Idee?»

«Zwei Stammrugel und ein Brett darüber», meint Markus.

«Das wäre sicher das Beste. Aber woher nehmen wir das Holz?», fragt Paul. «Wir besitzen weder das eine noch das andere.»

«Eine Sitzbank sollten wir schon haben; wir können ja nicht auf dem feuchten Waldboden sitzen», sagt Sonja verdrossen.

Ihr Vater, der schon fahrbereit beim Wagen steht, ruft den Kindern zu: «Kommt ihr! Wir können gehen.»

Auf dem Heimweg begegnen sie Willi. Neben dem Haus, wo der Weg zum Lindenhof entlangführt, kickt er seinen Ball immer wieder gegen ein Kellerfenster.

«Trainierst du für unser nächstes Spiel», ruft ihm Paul zu beim Vorbeigehen.

«Schaut, ich habe einen neuen Ball – von meiner Großmutter erhalten», ruft Willi den Ball hochhebend zurück.

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