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Georg - Bis ans Ende aller Zeiten

Collateral Damage

Wamm!!

Die Wohnungstür kracht ins Schloss und ich bleibe allein zurück. Adrenalin rauscht durch meine Adern, jagt den Pulsschlag in die Höhe und lässt meinen Atem so schwer gehen, als hätte ich soeben einen Hundert-Meter-Lauf absolviert.

Dabei war das Einzige was ich getan habe, mich gerade heftig mit Hubert zu streiten.

Wieder mal, wie schon so oft in den letzten Wochen …

Und es geht immer um das gleiche Thema: Hubert ist eifersüchtig!

Dabei hat er dafür wirklich keinen Grund!

Naja, zugegeben, ich flirte schon hier und da ein bisschen, aber da ist doch nichts Ernstes dahinter! Und das sollte er inzwischen ja wohl auch allmählich verstanden haben! Ich meine, wir sind jetzt wie lange zusammen? Fast drei Jahre! Und nicht nur zusammen – wir sind verlobt! Ich finde, da wäre ein bisschen mehr Vertrauen schon angebracht, oder ist das zu viel verlangt?

Und ich will doch auch gar keinen anderen Mann in meinem Leben! Muss ich deshalb aber gleich so tun, als bemerkte ich es nicht, wenn mir ein gutaussehender Kerl über den Weg läuft? Mein Gott, ich bin dreiundreißig, nicht dreiundachtzig!

Huberts Argument ist, dass es ihn sehr wohl verletzt, wenn ich in seinem Beisein mit Anderen schäkere und dass er das ja schließlich auch nicht macht. Immer wieder kommt er mir mit der gleichen Leier! Ich kann es schon langsam nicht mehr hören! Und so ist es wohl auch zu erklären, dass mir heute der Geduldsfaden gerissen ist und ich ihm an den Kopf geworfen habe, dass er es vielleicht mal ausprobieren sollte, anstatt nur an mir rumzumeckern, denn vielleicht wäre er ja danach nicht mehr so unentspannt.

Klar, kaum war der Satz draußen, hätte ich mich selbst dafür ohrfeigen können. Das war gemein und von Huberts Gesicht konnte ich praktisch augenblicklich ablesen, wie sehr es ihn getroffen hat. Muss wohl ein Rückfall in alte Verhaltensmuster gewesen sein, denn einen solchen Satz würde ich eigentlich in so einer Situation – während einem Streit mit meinem Liebsten – niemals aussprechen, „Jo“ allerdings schon.

Zwar dachte ich, den gäbe es endgültig nicht mehr, aber wie`s aussieht, hat er sich in irgendeinem Winkel meines Selbst doch noch festgekrallt und auf eine neue Chance gewartet.

Mit beiden Händen reibe ich mir übers Gesicht.

Was mache ich jetzt?

Hinter Hubert her rennen?

Um gut Wetter bitten und mich entschuldigen?

Nein! Mein Stolz bäumt sich getroffen auf. Georg Böttinger entschuldigt sich nicht für so was! Ich habe nichts getan! Was kann ich dafür, wenn dieser Kleine aus dem Club, in dem wir neulich zusammen waren, sich einbildet, er und ich hätten eine innere Verbindung und mir einfach nachläuft? Ich hab` ihm schließlich eindeutig zu verstehen gegeben, dass ich in einer festen Beziehung bin.

Naja, vielleicht hätte ich es noch etwas deutlicher machen können. Aber trotzdem! Ich habe Hubert nie betrogen und habe es auch nicht vor!

Und dass wir unsere Hochzeit immer wieder verschieben mussten bis jetzt, kann man wohl auch kaum mir anlasten! Arbeit geht nun mal vor! Das sagt er doch auch selbst immer!

Also – damit ist dann wohl klar, dass ich ihm jetzt auf keinen Fall nachlaufe. Am Ende bildet er sich noch ein, das liefe in Zukunft immer so? Wenn er schon so überzogen reagieren muss, dass er um kurz vor Mitternacht einfach blindlings aus dem Haus stürmt, bitte sehr!

Ich werde hier auf ihn warten. Mit einer Flasche Wein und bereit für Friedensverhandlungen! Wenn Hubert sich beruhigt hat und zurückkommt, werden wir zusammen was trinken und anschließend unsere Meinungsverschiedenheiten im Bett endgültig ausräumen! Genau! Das hat bisher immer funktioniert, dann wird es auch heute klappen!

Zwei Stunden später ist Hubert noch immer nicht zurück und nachdem ich zuerst ein bisschen sauer war – immerhin ist es mitten in der Woche und wir müssen beide am Morgen zeitig aufstehen! - fange ich jetzt so langsam an, mir doch Sorgen zu machen.

Wo kann er denn nur hingegangen sein?

Seine Handynummer habe ich schon ungefähr zwei Dutzend Mal angerufen, aber er meldet sich nicht, weshalb ich ihm schon mindestens genauso viele Nachrichten auf die Mailbox gesprochen habe.

Ich renne von einem Fenster unserer Wohnung ans andere, spähe in die Nacht hinaus und zermartere mir das Hirn, wo Hubert sein könnte.

Sein Portemonnaie liegt noch auf dem Schränkchen in der Diele, also scheiden Kneipen und Clubs schon mal ebenso aus, wie irgendein Hotel.

Er ist sowieso kein großer Club- oder Discogänger, genau wie ich ja eigentlich auch nicht. Der gemeinsame Besuch in dem Gay-Club vor kurzem war eine absolute Ausnahme. Früher, also bevor aus Hubert und mir ein Paar wurde, war ich durchaus ein einigermaßen regelmäßiger Gast in solchen Etablissements, wenn auch nicht hier, sondern in Berlin. Dort habe ich „Jo“ von der Leine gelassen und mich ausgetobt, getanzt, getrunken und mich quer durch die Szene gevögelt. Ich hab` eben nie an Beziehungen geglaubt und erst als Hubert aufgetaucht ist, hat sich das geändert.

Allerdings auch nicht von heute auf morgen. Unser Weg zueinander war verdammt steinig und ziemlich … naja, kurvig, aber am Ende habe ich die richtige Abfahrt ja doch noch erwischt und seitdem sind wir zusammen.

Ich war der glücklichste Mann unter der Sonne, als Hubert ein Jahr später meinen Antrag angenommen hat, aber in der letzten Zeit ist irgendwie der Wurm drin bei uns.

Hubert ist Rechtsanwalt, genau wie ich, arbeitet allerdings bei einer anderen, kleineren Kanzlei als Böttinger und Söhne, die ich zusammen mit einem meiner sechs Brüder seit zwei Jahren leite. Hubert und ich waren uns einig, dass es keine gute Idee ist, Berufliches und Privates zu sehr zu vermischen und außerdem will er ohnehin erst mal ein bisschen seine eigenen Erfahrungen sammeln.

Irgendwann in der Zukunft, wenn wir erst mal rechtmäßig verpartnert sind, wird er auch in unserer Kanzlei mit einsteigen, das stand – für mich zumindest – von Anfang an fest und Hubert sah das, glaube ich,immer ähnlich. In den letzten Monaten allerdings verzieht er jedes Mal das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, wenn ich ihn darauf anspreche. Keine Ahnung wieso.

Aber jetzt ist erst mal wichtiger, wo er ist.

Ben fällt mir ein. Er und sein Mann Manuel haben im letzten Sommer ihre Partnerschaft eintragen lassen und ich weiß noch, wie Hubert ganz glänzende Augen bekommen hat, als wir bei der Zeremonie dabei waren.

Gesagt hat er allerdings nichts.

Jedenfalls nicht zu mir.

Dafür ist er häufig ohne mich bei den beiden Turteltauben zu Gast und ich will gar nicht wissen, worüber sie dann so alles reden. Ob Hubert zu ihnen gegangen ist?

Ich werfe einen Blick auf die Uhr: fast halb drei in der Nacht. Kann ich das bringen, da jetzt anzurufen und nach meinem Verlobten zu fragen? Wenn er nicht da ist, hab ich nicht nur meinen kleinen Bruder und seinen Mann für nichts und wieder nichts aus dem Bett geholt, sondern werde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gleich noch einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen … nee, das muss nicht sein.

Eine weitere Stunde später habe ich noch immer nichts von Hubert gehört oder gesehen und noch immer geht er nicht an sein Handy. Mittlerweile bin ich völlig neben der Spur vor Sorge und pfeife auf alles, nehme schließlich mein Telefon zur Hand und tippe die Kurzwahl für Ben.

Es klingelt und klingelt und keiner meldet sich. Fast will ich schon wieder auflegen, da knackt es im Hörer und eine verschlafene Stimme meldet sich.

„Wehe, das ist kein Notfall!“ Ich erkenne die Stimme meines Bruders und frage, kaum dass er ausgeredet hat: „Ist Hubert bei euch?“

Einen Moment lang bleibt es still, dann ertönt wieder Bens Stimme, diesmal deutlich wacher.

„Georg?“, kommt es von ihm und schon am Tonfall kann ich ablesen, dass er a) keine Ahnung hat, dass Hubert und ich uns gestritten haben und b) auch keinen Schimmer, wo der steckt.

„Ja!“, gebe ich geknickt zurück und höre Ben tief ein- und ausatmen.

„Was ist denn los bei euch?“, will er wissen. „Habt ihr euch wieder gezofft?“

Das verschlägt mir einen Moment die Sprache. Also redet Hubert wirklich mit ihm über unsere Probleme? Doch im nächsten Augenblick schon schiebe ich das beiseite. Das ist jetzt nicht wichtig, jetzt geht es nur darum, Hubert zu finden!

„J...ja, haben wir“, gebe ich zu, „Aber das ist jetzt egal! Hubert ist kurz vor zwölf aus der Wohnung und bis jetzt noch nicht zurück. An sein Handy geht er auch nicht und ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll. Ich dachte, er wäre vielleicht bei euch!?“

„Nein, ich hab` ihn schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen oder gesprochen, sorry! Allerdings wirkt er in letzter Zeit nicht wirklich glücklich, wenn du mich fragst! Mom und Manuel meinen das übrigens auch.“

Bämm! Noch ein Tiefschlag!

Egal – darum kann ich mich später kümmern! Erst mal muss ich ihn finden!

„Das ist jetzt nicht hilfreich, Kleiner! Hast du gar keine Idee, wo er sein könnte?“

Wieder bleibt es eine Weile ruhig, bevor Ben antwortet. Er klingt ernst und eindringlich. Ein Vorwurf schwingt nicht mit als er antwortet, aber das braucht es auch gar nicht.

„Georg, er ist dein Verlobter! Wenn du nicht weißt, wo er stecken könnte, wie soll ich es dann wissen?“

Wiederum vier Stunden später, es wird bereits hell, bin ich kurz davor die Wände hoch zu gehen. Mittlerweile bin ich mir fast sicher, dass Hubert irgendwas zugestoßen sein muss. Sonst wäre er inzwischen zurück, oder hätte sich wenigstens gemeldet! So gut kenne ich ihn, um zu wissen, dass etwas nicht stimmt.

Als mein Handy klingelt, fällt es mir beinah aus der Hand, so hastig nehme ich das Gespräch an, in der Hoffnung es ist Hubert. Doch es ist Bens Stimme, die mir aus dem Hörer entgegenschlägt, als er sich erkundigt, ob ich inzwischen etwas Neues gehört habe.

Ich verneine.

„Das gefällt mir nicht!“, sagt Ben. „Du solltest zur Polizei gehen!“

„Ich weiß und das werde ich auch machen. Ich hatte nur gehofft ...“ Ich lasse das Ende meines Satzes offen und schlucke heftig gegen den Kloß in meiner Kehle an. Wie soll ich auch erklären, dass ich schlicht und ergreifend Angst habe? Und nicht nur Angst – ich habe echten, vulgären Schiss! So verrückt das klingt: wenn ich zur Polizei gehe und Hubert vermisst melde, dann räume ich ein, dass ihm wirklich und wahrhaftig etwas Ernsthaftes zugestoßen ist! Das fällt unter dieselbe Kategorie wie lautes Singen im dunklen Keller oder das Schließen der Augen in bedrohlichen Situationen, danke, Herr Doktor Freud, das weiß ich selbst.

„Hast du schon mal in den Kliniken angerufen? Vielleicht hatte er einen Unfall?“, sagt Ben.

„Nein, noch nicht. Vielleicht mache ich das als Erstes, bevor ich zur Polizei gehe?“, erwidere ich und mein Bruder stimmt zu.

„Ruf` uns an, falls du was erfährst, ja?“ Ich verspreche es und suche dann aus den Gelben Seiten die Rufnummern der verschiedenen Kliniken im Stadtgebiet, fange an zu telefonieren und schon beim dritten Anruf werde ich nach Vortragen meines Anliegens weiterverbunden.

„Dr. Meiworm, chirurgische Intensivstation – mit wem spreche ich?“, meldet sich eine sonore Männerstimme.

„Guten Morgen, Böttinger hier – ich bin auf der Suche nach meinem Verlobten. Er hat letzte Nacht unsere Wohnung verlassen und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht. Nun befürchte ich, es könnte ihm etwas passiert sein. Die Schwester in der Aufnahme hat mich weiterverbunden, also …“

Ich weiß nicht so genau, was ich jetzt lieber hören will. Dass der Mediziner keinen Schimmer hat, wo mein Verlobter abgeblieben ist, oder dass Hubert sein Patient ist.

„Nun ...“, scheint er zu überlegen, „wir haben letzte Nacht ein Unfallopfer aufgenommen, dessen Identität bis jetzt ungeklärt ist und auch die Polizei bereits eingeschaltet. Können sie ihren Verlobten ein bisschen näher beschreiben?“, fragt Dr. Meiworm.

Ich muss mich setzen, weil mir die Knie weich werden. Identität ungeklärt – das bedeutet doch wohl, dass der Mann, der da in der Uni-Klinik liegt ohne Bewusstsein ist, oder?

„Er … also, er ist ungefähr 1,86m groß, schlank und hat braune Haare und Augen“, beschreibe ich Hubert. Meine freie Hand greift nach einem Glas mit Wasser, denn mein Mund ist plötzlich total trocken, aber meine Finger zittern so sehr, dass ich es beinah umstoße.

Bitte, lieber Gott!, bete ich im Stillen, wenn es Hubert ist, lass ihm bitte nichts Schlimmes fehlen!!

„Hmm“, macht der Mediziner, „Herr Böttinger – wäre es möglich, dass sie herkommen? Ihre Beschreibung passt, aber das heißt ja nichts, wie sie sich denken können. Können sie sich den Verletzten vielleicht hier vor Ort ansehen?“

„Na...natürlich!“, stammele ich und kaum haben wir uns verabschiedet, spurte ich los, greife in der Diele lediglich nach meiner Jacke und dem Autoschlüssel, mache in der Tür noch einmal kehrt und nehme auch Huberts Börse noch mit und dann renne ich im Laufschritt die Treppen runter.

Schuldfragen

Auf dem Weg ins Krankenhaus rufe ich Ben an und erzähle ihm, was ich erfahren habe. Mein Puls dreht die ganze Zeit jenseits der Hundertzwanzig und es ist ein echtes Wunder, dass ich mein Ziel erreiche, ohne selber einen Unfall zu bauen.

Ben verspricht ebenfalls zur Uni-Klinik zu kommen und ich merke, dass ich ihm dankbar bin für seine Unterstützung. Eigentlich bin ich ja der Ältere von uns Beiden, aber es tut trotzdem gut, zu wissen, dass ich nicht allein bin.

Eine Viertelstunde später stehe ich in einen grünen Kittel gehüllt, mit Plastiküberschuhen und Mundschutz in der Schleuse der Intensivstation und warte ungeduldig und voller Angst, dass eine Schwester mich holen kommt.

Als sie erscheint, macht sie nicht viele Worte, begrüßt mich lediglich freundlich und winkt mich dann hinter sich her.

Ich trabe durch einen breiten Flur, dessen Boden mit einem hässlichen kackbraunem Kunststoff belegt ist, passiere offene Türen, hinter denen es piepst und zischt und dunkelgrüne Vorhänge den Blick auf die Patienten größtenteils verhindern.

Nur hier und da ist ein Mensch zu sehen, klein und verloren in den Klinikbetten, angeschlossen an unzählige Schläuche und beinah nackt unter den dünnen Decken, die oft genug gerade das Nötigste verbergen.

Ich wende den Blick nach vorne, versuche die Unterhaltungen des Personals auszublenden, die trotz dieser bedrückenden Umgebung so erschreckend normal wirken.

Zwar kann ich mir denken, dass es wichtig ist, eine gewisse Distanz aufzubauen, wenn man hier arbeitet, aber trotzdem erscheint es mir bizarr, dass sich die Schwestern und Pfleger über das bevorstehende Wochenende unterhalten können oder über den Film, den sie am Vorabend gesehen haben, während sie gleichzeitig schwerstkranke oder verletzte Patienten versorgen, die um ihr Leben kämpfen.

Wir erreichen ein weiteres Zimmer mit offenstehender Tür und die Schwester bittet mich herein. Zwei Betten stehen im Raum. In einem davon ein alter Mann, die Augen geschlossen und ein Beatmungsschlauch mündet unterhalb der Kehle in seinen Hals. Weitere Schläuche verbinden ihn mit Infusionen und einer Vielzahl an Geräten und sein Brustkorb hebt und senkt sich im Rhythmus des leisen Zischens eines Beatmungsgerätes hinter dem Kopfende seines Bettes.

Im zweiten Bett kann ich auf den ersten Blick überhaupt nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist, die darin liegt. Der Kopf des Patienten ist dick verwickelt, ebenso wie der rechte Arm und die Hand. Um die geschlossenen Augen ziehen sich tiefdunkle Blutergüsse und auf der Nase klebt eine Kompresse.

Als ich nähertrete sehe ich einen dünnen, angetrockneten Blutfaden im linken Mundwinkel, neben einem durchsichtigen Schlauch, der dort mit Pflasterstreifen befestigt ist und auch hier ist eine künstliche Beatmung am Werk.

Sorgsam studiere ich das Gesicht vor mir, aber eigentlich wäre das gar nicht mehr nötig. Ich weiß längst, dass es Hubert ist.

Ich habe ihn gefunden.

„Herr Böttinger?“, holt mich eine Stimme aus meinen Betrachtungen. Ich fahre herum und stehe einem Mann im hellgrünen Zweiteiler gegenüber. Anhand der Stimme halte ich ihn für Dr. Meiworm und er bestätigt mir das, als er sich vorstellt.

„Es tut mir leid, dass sie allein hier hereinkommen mussten, ich hätte sie gerne auf den Anblick vorbereitet, aber leider hatten wir einen Notfall bei einem der anderen Patienten. Also … würden sie sagen, das hier“, er nickt in Richtung Bett, „ist ihr Verlobter?“

Ich nicke und spüre plötzlich Tränen, dicht hinter den Augenlidern. Sie drücken dagegen und wollen heraus, aber ich dränge sie zurück.

„Er … müsste einen Ring getragen haben. Mein Name steht darin“, sage ich leise und der Mediziner dreht sich um, ruft nach der Schwester und fragt sie halblaut nach den Besitztümern meines Liebsten. Sie geht davon und kommt kurz darauf wieder, hält ein kleines, durchsichtiges Plastiktütchen in den Fingern. Darin steckt Huberts Verlobungsring.

Unwillkürlich taste ich nach meinem eigenen, während der Doktor die Innenseite des Schmuckstücks in der Tüte studiert.

„Ihr Vorname ist?“, fragt er und ich trete ans Bett, greife nach Huberts schlaffer linker Hand.

„Georg“, sage ich.

„Gut“, erwidert er. „Damit dürfte das ja nun geklärt sein.“ Anschließend stellt er sich neben mich, berührt meinen Arm und als ich ihn nun endlich frage, was genau Hubert denn alles fehlt, macht er eine Geste mit der Hand und bittet mich, ihn zu begleiten. Widerstrebend lasse ich meinen Verlobten zurück und folge dem Doktor über den Gang. Dort suchen wir uns ein Plätzchen, wo wir dem Pflegepersonal möglichst wenig im Weg stehen und ich richte einen ungeduldigen Blick auf den Mann in Grün.

„Herr Böttinger – ihr Verlobter hatte einen ziemlich schweren Unfall. Soviel ich weiß, wollte er eine Straße überqueren, ohne auf den fließenden Verkehr zu achten. Ein Pkw hat ihn halb seitlich in voller Fahrt erwischt, was eine Reihe ernster Verletzungen zur Folge hatte. Der rechte Oberschenkel ist mehrfach kompliziert gebrochen, ebenso wie das Becken. Beim Sturz auf die Motorhaube wurde seine Wirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen, was im Klartext heißt, dass mehrere Wirbel angebrochen wurden und das Rückenmark gequetscht. Inwieweit Lähmungserscheinungen zurückbleiben, können wir noch nicht abschließend sagen, weil Herr Wusternhagen seit dem Unfall das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt hat. Wir haben ihn, auch mit Rücksicht auf die kurzfristig noch anstehenden Operationen, in ein künstliches Koma gelegt. Das reduziert den Stress für ihn und seinen Körper.“

Mir drohen die Knie einzuknicken und eisige Schauer laufen mir über den gesamten Körper.

Rückenmark gequetscht? Lähmungserscheinungen? Komplizierte Brüche?

Hilflos sehe ich den Arzt an, der aber noch nicht am Ende seiner Ausführungen angekommen ist.

„Darüber hinaus“, höre ich ihn sagen, „hat Herr Wusternhagen eine Impressionsfraktur des Schädels erlitten, wohl beim Aufprall auf den Wagen. Das wurde heute Nacht bereits operativ versorgt, um einem Hirnschaden durch den wachsenden Druck im Schädelinneren vorzubeugen. Außerdem bekommt er Medikamente gegen das Hirnödem. Insgesamt kann man wohl sagen, dass der Zustand von Herrn Wusternhagen im Augenblick zwar ernst, aber nicht lebensbedrohlich ist. Jedenfalls nicht mehr.“ Er lächelt mir aufmunternd zu und reflexartig erwidere ich die Geste. Dabei ist mir nach allem Möglichen zumute, bloß nicht nach lächeln.

„Wird … wird er wieder … ganz gesund?“, bringe ich mühsam heraus und der Mediziner bewegt seinen Kopf von einer Seite zur anderen.

„Wie bereits gesagt, Herr Böttinger. Wir müssen abwarten, bis er aufwacht. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin zum jetzigen Zeitpunkt durchaus verhalten optimistisch, aber ich möchte ihnen trotzdem keine falschen Hoffnungen machen. Über eines müssen sie sich im Klaren sein: Es wird ein langer Weg zurück. Für sie beide! Dennoch – er hat großes Glück gehabt! Das müssen sie sich immer vor Augen halten. Immerhin wird er sie brauchen!“ Er legt mir die Hand auf die Schulter, drückt in einer aufmunternden Geste leicht zu.

Ich nicke wie betäubt. „Kann … kann ich nochmal zu ihm?“

„Selbstverständlich“, erwidert Dr. Meiworm und begleitet mich ein Stück zurück, den Flur entlang. Langsam, fast zögernd betrete ich wieder das Zimmer, in dem Hubert liegt und habe dabei das Gefühl, ich hätte Bleigewichte an den Füßen.

Ich sehe Hubert an, wie er still und bewegungslos in seinem Bett liegt, suche nach etwas Vertrautem in seinem Gesicht und finde nichts, höre das Beatmungsgerät leise zischen und sehe die grünen Linien auf dem Monitor über dem Bett, greife schließlich erneut nach seiner Hand und streichle sie verzweifelt. Meine Sicht verschwimmt.

Das ist alles allein meine Schuld!

Meinetwegen ist er kopflos über die Straße gerannt, wurde angefahren und beinahe getötet!

Und es ist meine Schuld, wenn er deswegen für den Rest seines Lebens ein Krüppel bleibt!

Eine halbe Stunde später flüchte ich aus dem Krankenhaus. Ich ertrage es nicht, Hubert so zu sehen, habe ständig Bilder von ihm vor Augen, wie er mich anlächelt oder auch anschreit, wie er aussieht, wenn wir Sex haben und an sein Gesicht, als er damals meinen Antrag angenommen hat.

Wie er im Anzug und mit seiner Aktentasche zur Arbeit geht, wie er mir strahlend von seinem ersten eigenen Fall erzählt und vieles Andere mehr.

Das ist nun alles vorbei – meinetwegen!

Sein stummes Gesicht mit den dunklen Ringen um die Augen scheint ein einziger Vorwurf zu sein und ich halte es einfach nicht mehr länger aus. Ohne zu irgendjemandem ein Wort zu sagen, stürme ich in die Besucherschleuse zurück, reiße mir Kittel, Überschuhe und Mundschutz runter und haste nach draußen. In den Flur, den Fahrstuhl und schließlich durchs Foyer ins Freie.

Unterwegs treffen mich eine Menge erstaunter und auch befremdeter Blicke, aber erst draußen an der kalten, winterlichen Luft bemerke ich, dass meine Wangen nass sind und mir noch immer Tränen übers Gesicht laufen. Vermutlich sieht es ziemlich komisch aus, wenn ein erwachsener Mann öffentlich weint …

Mit dem Jackenärmel wische ich immer wieder über meine Wangen, aber es kommen jedes Mal sofort neue Tränen nach, also lasse ich es schließlich bleiben, beschränke mich darauf, einfach so schnell wie möglich zu meinem Wagen zu kommen.

Als ich hinter dem Steuer sitze, fahre ich aber noch nicht los, sondern hole mein Handy aus der Tasche. Rasch tippe ich eine Mitteilung an Ben und als Nächstes eine an meine Sekretärin, dass sie alle meine Termine für die nächsten drei Tage absagen soll, erst dann lasse ich den Motor an und fahre nach Hause.

Zwei Tage später sitze ich immer noch in meinen vier Wänden und stelle mich tot. Ich bin seit meinem ersten Besuch nicht mehr im Krankenhaus gewesen und reagiere weder auf Klingeln an der Tür, noch auf Anrufe oder SMS. Mein Handy ist ausgeschaltet und das Festnetztelefon ignoriere ich.

Ich weiß, das ist feige von mir, aber ich kann das nicht! Ich kann einfach nicht wieder in die Klinik gehen und Hubert ansehen, wie er da liegt, an Schläuche und Kabel angeschlossen, mir womöglich anhören, dass er gelähmt bleiben wird und dabei wissen, dass es einzig und allein meine Schuld ist! Mit so einer Last auf den Schultern kann ich nicht leben!

Wieso zum Teufel ist es mir so verdammt schwer gefallen, das Flirten sein zu lassen, obwohl mir doch klar war, wie sehr ich Hubert damit verletze? Ich kenne ihn doch, weiß, wie er ist, wie sensibel und verletzbar und es war doch auch nicht immer so, dass ich die Bestätigung durch die Blicke und Gesten Anderer brauchte! In der ersten gemeinsamen Zeit mit ihm hatte ich nicht mal das Bedürfnis nach anderen Männern zu schauen, warum also jetzt plötzlich wieder?

Liebe ich ihn etwa nicht mehr?

Ich horche in mich hinein, aber da herrscht momentan ein solches Chaos, dass ich mir diese Frage nicht beantworten kann. Oder habe ich nur Angst vor der Antwort? Steckt tatsächlich noch so viel von „Jo“ in mir, dass mir ein Mann allein auf Dauer nicht reicht?

An diesem Punkt meiner Grübeleien angekommen, ziehe ich jedes Mal den Verlobungsring von meinem linken Ringfinger und studiere die zarten Linien der Gravur auf der Innenseite. Huberts Name steht da und das Datum von vor drei Jahren.

Ich war derjenige, der es damals unbedingt offiziell machen wollte und Hubert der, der zögerte, erst noch abwarten wollte. Wäre es nach mir allein gegangen, hätten wir sofort Hals über Kopf geheiratet – und damit vielleicht den größten Fehler unseres Lebens gemacht?

Ich streite mit mir selber, ob ich den Ring wieder überstreifen soll, oder nicht, tue es am Ende und fühle mich trotzdem nicht wohl dabei. Habe ich überhaupt noch das Recht, ihn zu tragen?

Am dritten Tag wird bereits zeitig am Morgen erneut an meiner Tür geschellt und schließlich, weil ich wieder nicht reagiere, regelrecht gehämmert.

„Verdammt nochmal, mach endlich auf!“, höre ich jemanden wütend rufen und erkenne Bens Stimme. Aber ich bleibe nur regungslos in der Diele stehen und starre meine Wohnungstür an. Ich kann und will nicht mit ihm reden. Welchen Sinn sollte das haben? Ich will nicht wissen, wie es Hubert geht, wirklich nicht. Immerhin habe ich meinen Verlobten ins Krankenhaus und an den Rand des Todes gebracht, ich muss nicht noch im Einzelnen hören, was für ein mieses Schwein ich bin, was ich ihm alles angetan habe.

„Na schön. Du hast es nicht anders gewollt!“, tönt es aus dem Hausflur. Was soll das denn jetzt bedeuten?

Gleich darauf erfahre ich es, denn ich höre eindeutige Geräusche, die darauf hindeuten, dass sich jemand mit Werkzeug an meinem Türschloss zu schaffen macht. Was … ?

Überrumpelt mache ich ein paar Schritte vorwärts, doch da schwingt die Tür schon nach innen und mein Bruder, zusammen mit seinem Partner Manuel und ein mir fremder Mann mit einem Werkzeugkoffer kommen mir entgegen. Letzterer hält mir einen Zettel entgegen, den ich annehme, ohne es richtig zu begreifen und auf dem mir in der obersten Zeile nur spontan das Wort „Rechnung“ ins Auge springt.

Verdutzt starre ich darauf, begreife nicht sofort, was das bedeutet, doch als der Mann mich auffordernd anschaut und dabei die Hände in die Seiten stemmt, geht mir ein Licht auf.

Ich nehme das Blatt noch einmal genauer in Augenschein und entdecke unter dem Strich eine Summe von einhundertunddreißig Euro, als Pauschale für das Öffnen einer verschlossenen Tür durch einen Schlüsseldienst.

„Was … was soll das hier?“ Ich wedele mit dem Blatt und Ben verschränkt die Arme vor der Brust, während er mich mit einem bösen Blick bedenkt.

„Na mach` schon und bezahl` den Mann!“, fordert er, aber ich stelle mich erst mal stur.

„Ich hab` ihn nicht bestellt!“

„Nein, hast du nicht“, gibt mein Bruder zu, „aber dafür hast du auch nicht reagiert, wenn jemand geläutet oder angerufen hat! Du hättest immerhin auch tot hier in deiner Bude liegen können, von daher solltest du mir dankbar sein, dass ich nicht Polizei und Feuerwehr gerufen habe! Dagegen kommst du mit der Rechnung für den Schlüsseldienst noch gut weg, finde ich!“

Ich klappe den Mund wieder zu und schlucke die scharfe Antwort, die mir auf der Zunge gelegen hat herunter. Er versteht mich sowieso nicht, ist mir klar.

Ohne ein weiteres Wort hole ich mein Portemonnaie aus der Tasche meiner Jacke und zähle dem Typen das geforderte Geld in die Hand. Er nickt, bedankt sich und wendet sich zum Gehen, worauf ich mich umdrehe und mein Wohnzimmer ansteuere. Ben und seinen Mann ignoriere ich demonstrativ, lasse mich in einen Sessel sinken und starre wortlos aus dem Fenster – wie schon den größten Teil der beiden zurückliegenden Tage.

Wenn ich aber gedacht haben sollte, dass die Zwei sich so einfach abschütteln lassen, habe ich mich – natürlich – getäuscht. Sie folgen mir und während Manuel in der Tür stehenbleibt, tritt Ben vor mich hin und sieht mich mit nach wie vor zusammengezogenen Brauen an. Er mustert mich eine Weile stumm, aber ich sehe ihn nicht an, hoffe wider jede Vernunft, dass er einfach wieder geht.

Das tut er aber nicht, sondern sinkt schließlich seufzend vor mir in die Hocke und bringt sein Gesicht so dicht vor mich, dass ich gar nicht anders kann, als ihn anzusehen.

„Georg? Was ist los?“, fragt er. „Wieso sitzt du hier rum und bist nicht bei Hubert im Krankenhaus? Er braucht dich jetzt! Mehr als jemals zuvor und mehr als sonst jemanden!“

Ich kann nicht anders – ich lasse ein verächtliches Schnauben hören und schaue meinen Bruder nun doch an.

„Mich brauchen? Mich? - Wohl kaum, Brüderchen! Wenn ich nicht wäre, läge Hubert gar nicht im Krankenhaus und stünde an der Schwelle zu einem Dasein als Krüppel! So jemanden braucht man nicht – so jemanden jagt man am besten zum Teufel! Also komm` mir nicht damit!“

Ich rede laut und heftig, wütend purzeln mir die Worte aus dem Mund, dabei weiß ich nicht mal, auf wen ich denn nun wütend bin. Auf Ben? Mich? Hubert? Oder wen?

Aber ist ja auch egal, es ändert alles nichts an den nackten Tatsachen.

Ben ist ein Stückchen nach hinten zurückgewichen, wohl auch weil ich mich, ohne es zu bemerken, vorgebeugt habe beim Sprechen, und sieht mich voller Entsetzen und Unglauben an.

„Denkst du das wirklich?“, will er wissen, nachdem er einmal tief durchgeatmet hat. Die Antwort bleibe ich ihm schuldig, drehe das Gesicht weg und ziehe es vor, wieder zu schweigen wie ein verstocktes Kleinkind.

„Georg! Bitte! Mach` das nicht! Ich weiß nicht, was bei euch los war, als Hubert aus der Wohnung gerannt ist. Vielleicht habt ihr euch gestritten, kann sein, das geht mich nichts an und tut jetzt nichts zur Sache! Fakt ist, dass Hubert dich braucht! Die Ärzte wollen ihn heute aus dem künstlichen Koma holen und ich kann einfach nicht glauben, dass du dabei nicht an seiner Seite sein willst! Willst du ihn wirklich so im Stich lassen?“

Ich tue so, als hätte ich nichts gehört und schaue stur aus dem Fenster, wünsche mir nur, dass er geht und mich in Ruhe lässt. Mit den Fingern der rechten Hand drehe ich meinen Verlobungsring nervös hin und her und habe das Gefühl, als müsste ich ihn von mir werfen. Ich verdiene einen Mann wie Hubert doch überhaupt nicht!

Ben kann nicht glauben, dass ich ihn im Stich lasse? Das hab` ich längst getan.

Plötzlich ist mir alles zuviel. Ruckartig stehe ich auf und Ben hat Mühe vor mir das Gleichgewicht zu halten und nicht auf den Hintern zu fallen.

Noch im Aufstehen streife ich den Ring ab und halte ihn Ben vor die Nase, der mich entgeistert und mit großen Augen anstarrt.

„Bitte, nimm das mit, wenn du zu Hubert gehst. Sag` ihm … sag` ihm von mir, es tut mir leid, aber ich bin nicht der Richtige für ihn. Und jetzt geh` bitte.“

Doch von meinem Bruder kommt keine Reaktion, er stiert mich nur an, als hätte ich den Verstand verloren. Dafür setzt sich Manuel in Bewegung, macht einen Schritt auf mich zu und nimmt mir den Ring aus den Fingern.

„Das solltest du ihm selbst sagen, meinst du nicht? Oder bist du dazu auch zu feige?“ Er geht an mir vorbei, legt den Verlobungsring auf meinen Couchtisch und greift dann nach Bens Arm.

„Hör` auf einen Mann, der weiß was du gerade durchmachst – du bist nicht der einzige Mensch, der Fehler macht. Aber aus Fehlern kann man lernen und wenn man es versaut hat, gibt`s nur einen richtigen Weg: wieder aufstehen und es nochmal versuchen! Nur dann kann man es besser machen. Egal ob in der Kunst, oder in der Liebe. Und bevor du jetzt denkst, 'Was will der Kerl? Der hat doch keine Ahnung!' - ich hätte Ben beinah verloren, weil ich genauso gedacht habe wie du jetzt. Dass es sowieso keinen Zweck hat mit uns. Ben war derjenige der an uns geglaubt, die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Und das solltest du auch nicht tun. Schon gar nicht jetzt, wo gerade Hoffnung das Wichtigste ist! Für euch beide! Denk` zur Abwechslung auch mal an Hubert und nicht nur an dich selbst!“

Damit schiebt er Ben vor sich her aus meinem Wohnzimmer, dreht sich in der Tür noch einmal um und sagt: „Wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Wir sind zwar nur Freunde von Hubert, aber er soll zumindest ein paar bekannte Gesichter sehen, wenn er zu sich kommt.“

Ich erwidere nichts, höre gleich darauf die Wohnungstür ins Schloss fallen und stehe dann da, wie bestellt und nicht abgeholt. Mein Blick fällt auf den Ring auf meinem Tisch und fast ohne mein Zutun greife ich danach. Ich schließe die Faust um das noch körperwarme Metall und presse es an meine Brust, während plötzlich heiße Tränen über mein Gesicht fließen.

Was soll ich nur tun?

Black out

 

 

 

 

Manuels Worte hallen in meinem Kopf wider, gleichsam als würden sie von den Wänden meines Schädels immer wieder zurückgeworfen, bis sie als regelrechte Kakophonie darin dröhnen. Es hält mich nicht länger am Fleck. Unruhig beginne ich hin und her zu laufen. Der Vorwurf, ein Feigling zu sein und nur an mich selbst zu denken, nagt heftig an mir, jetzt wo Manuel es so offen ausgesprochen hat. Vorher war es irgendwie einfacher, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als ginge mich das alles nichts mehr an. Jetzt ist es … anders eben, lässt mir keine Ruhe und mein Wohnzimmer wird mir schnell zu klein für meine nervöse Wanderung.

Ich laufe ziellos durch die Räume, Küche, Arbeitszimmer, schließlich lande ich im Schlafzimmer und da fällt mein Blick plötzlich wie von selbst auf das Bild von Hubert und mir, das auf meinem Nachttisch steht.

Ein Schnappschuss aus dem letzten Urlaub, kein halbes Jahr ist das her. Wir waren auf den Malediven, hatten einen Bungalow direkt am Meer gemietet, ziemlich exklusiv und sehr abgeschieden. Es gab keine direkten Nachbarn, weil der nächste Bungalow einen halben Kilometer weit entfernt stand – was uns natürlich sehr gelegen kam … Außer Sonne, Strand und Meer gab es nur uns beide und das war uns genug.

Nicht ein einziges Mal sind wir in diesen zwei Wochen in einem Club oder einer Disco gewesen, hatten überhaupt nicht das Bedürfnis danach, solange wir uns nur gegenseitig hatten. Und das sieht man auch auf diesem Bild, wie ich finde. Ich habe meine Arme um Huberts Mitte geschlungen und küsse ihn übermütig auf die Wange, während er offen und glücklich in die Kamera lacht.

Die Nachbarn aus dem nächstgelegenen Bungalow, ein glückliches Brautpaar auf Hochzeitsreise, hat das Foto gemacht. Die Zwei waren außer dem Personal der Hotelanlage, zu der die schilfgedeckten Traumhäuschen gehörten, die einzigen Menschen, mit denen wir während unseres Urlaubs näheren Kontakt hatten. Als ich das Bild dann auf meinem Laptop hatte, musste ich es unbedingt ausdrucken und mir dort hinstellen, wo ich es jeden Morgen als Erstes und jeden Abend vor dem Einschlafen als Letztes sehen konnte.

Das waren meine eigenen Worte – damals, vor einer Ewigkeit wie mir scheint. Und nun sehe ich es an, heule Rotz und Wasser und fühle mich wie das mieseste Arschloch auf Erden.

Noch immer sind meine Zweifel da, weiß ich nicht, wie ich wirklich fühle, aber mir wird klar, dass Manuel recht hat. Wenn unsere Beziehung am Ende ist, verdient Hubert es zumindest, dass ich ihm das persönlich sage, immerhin hat er nichts falsch gemacht. Und davon abgesehen ist das jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für sowas. Keine Ahnung, ob es einen richtigen Zeitpunkt zum Schlussmachen überhaupt gibt, aber jetzt ist erst mal wichtig, dass er wieder gesund wird.

Ich atme tief durch und schiebe mir den Ring über den Finger, trete an meinen Schrank und nehme frische Wäsche heraus. Ich habe seit zwei Tagen nicht mehr geduscht und gedenke nicht, meinem Noch-Verlobten so unter die Augen zu treten, von allen Anderen ganz zu schweigen.

 

 

Ungefähr eine Stunde später marschiere ich durch den Gang der Intensivstation und nähere mich mit klopfendem Herzen Huberts Zimmer. Schon von weitem sehe ich Ben und Manuel vor der Tür stehen, die Haltung angespannt, die Mienen besorgt.

Manuel sieht als Erster hoch und bemerkt mich, dann hebt auch Ben den Kopf.

„Georg!“, ruft er und es klingt eindeutig erleichtert. „Gott sei Dank! Fast hätte ich geglaubt, du lässt Hubs wirklich im Stich!“

Ich räuspere mich und wende mich direkt an Manuel. „Danke für vorhin. Ohne dich wäre ich sicher nicht hier. Ich … muss einfach über so vieles nachdenken, aber … du hast recht, jetzt ist erst mal nur Hubert wichtig. Alles Andere muss zurückstehen.“

Er nickt, geht aber nicht weiter darauf ein. Ich mache mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung der geschlossenen Tür und frage: „Was ist denn los? Warum steht ihr hier draußen? Ist was … passiert?“

Ben legt mir die Hand auf den Arm. „Nein, keine Sorge. Der Arzt ist bei Hubs und sie nehmen ihn gerade von der künstlichen Beatmung. Dr. Meiworm hat gemeint, wenn alles klappt und er ohne Unterstützung atmet, wird er vermutlich bald aufwachen. Sobald die Wirkung der Medikamente nachlässt.“

In diesem Augenblick öffnet sich die Tür und der Mediziner tritt in den Gang. Er sieht mich und kommt sofort zu mir. Seine Miene ist ernst, aber er schüttelt mir freundlich die Hand, kommentiert meine zweitägige Abwesenheit mit keinem Wort.

„Herr Böttinger! Gut, dass sie da sind. Ihr Verlobter wird, so denke ich, gleich munter werden und ist sicher froh, sie zu sehen! Gehen sie ruhig hinein, ich komme auch gleich wieder dazu! Schwester Sophia ist noch im Zimmer, also keine Sorge, es kann nichts passieren.“

Mein Lächeln fällt etwas schief aus, als ich nicke und den Händedruck erwidere, doch er scheint nichts zu bemerken und eilt den Gang hinunter in Richtung Schwesternstützpunkt.

Ich sehe ihm nach und spüre dann eine Hand im Rücken, drehe mich um und schaue in Bens Gesicht.

„Na komm schon!“, sagt er und schiebt mich zur Tür, die näherkommt, wie ein gähnender Schlund. Mir bricht der Schweiß aus und am liebsten würde ich auf dem Absatz kehrtmachen und davonrennen. Aber ich habe einen Entschluss gefasst und jetzt ziehe ich das auch durch.

Ich überschreite die nicht vorhandene Schwelle und sofort fällt mein Blick auf Hubert. Noch immer liegt er regungslos und blass in den Kissen, aber mittlerweile trägt er ein hellblaues Klinikhemd und die Schläuche, welche zu seinem Körper führen sind deutlich weniger geworden. Sein rechtes Bein ragt unter der Decke heraus und ist in einer Art unförmigen Schiene gelagert. Das Beatmungsgerät am Kopfende schweigt, der dicke Verband am Kopf ist verschwunden und hat einem sehr viel dünneren Platz gemacht, der allerdings auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass seine Haare vollständig verschwunden sind – vermutlich abrasiert wegen der Operation in der Nacht des Unfalls.

Um seine geschlossenen Augen sind noch immer die dunklen Ringe der Blutergüsse zu sehen, die sich mittlerweile fast schwarz verfärbt haben – als wäre er ein irrer Marine in irgendeinem aberwitzigen Kampfeinsatz. … schon verrückt, was das Gehirn für Assoziationen herbeizaubert, wenn man emotional so neben sich steht, wie ich im Augenblick. Und sei es nur, weil es versucht, dich abzulenken, damit du nicht an andere Dinge denkst …

„Er ist seit vorgestern Nacht noch zwei Mal operiert worden“, höre ich Ben leise sagen und wende mich zu ihm um – froh einen Grund zu haben, Hubert nicht ansehen zu müssen.

„Sein Bein und das Becken. Zum Glück sind keine inneren Organe betroffen gewesen und Dr. Meiworm meint, dass vermutlich alle Brüche, jetzt wo sie verschraubt sind, problemlos heilen werden. Er darf allerdings noch eine ganze Weile lang nicht aufstehen und deshalb gibt es wohl ein erhöhtes Risiko von Lungenentzündungen oder Blutgerinnseln in den Beinen. Aber soviel ich weiß, bekommt er dafür Spritzen und Medikamente.“

Mechanisch nicke ich und sehe wieder zum Bett. „Weiß man denn schon ob er …“, ich muss schlucken, „ob er Lähmungen zurüchbehalten wird oder so?“

„Nein“, bedauert mein Bruder. „Das wird sich erst rausstellen, wenn er aufwacht.“

Wie aufs Stichwort beginnt sich Hubert zu regen. Sofort sind die Schwester, die sich bis jetzt dezent im Hintergrund gehalten hat, Ben und auch Manuel bei ihm. Nur ich stehe wie angewurzelt an der gleichen Stelle und starre mit jagendem Puls und schweißnassen Händen auf die Szene vor meinen Augen.

Das muss doch ein böser Traum sein, oder? Sicher wache ich gleich auf und liege in meinem Bett, Hubert an meiner Seite. Ich klammere mich an diese absurde Hoffnung und beschwöre Gott und den Himmel, dass es wahr sein möge, verspreche innerlich hoch und heilig, dass ich nie wieder, so lange ich lebe, einen anderen Mann auch nur ansehe, geschweige denn mit ihm flirte.

Aber es nützt nichts. Ich kann mich in den Unterarm kneifen, bis mir die Tränen in die Augen schießen und ich einen blauen Fleck davontrage, es passiert nichts. Noch immer stehe ich in der Intensivstation am Fußende von Huberts Bett.

„Herr Wusternhagen?“ Die Stimme der Schwester ist sanft. Sie hat sich über ihren Patienten gebeugt, der jetzt schwerfällig die Lider hochklappt und sichtlich Mühe hat, seinen Blick zu fokussieren.

„Da sind sie ja wieder!“ Ich höre das Lächeln in ihrer Stimme. „Können sie mich hören?“

Ein krächzendes Geräusch entsteigt Huberts Kehle. Klar, er hatte einen Schlauch im Hals, für mehrere Tage, da ist die Kehle sicher rau.

„Sie haben einen Unfall gehabt und sind im Krankenhaus. Können sie sich daran erinnern?“

„Un … fall?“ Leise klingt seine Stimme und heiser. Unbewusst balle ich die Fäuste und merke es erst, als sich meine Nägel schmerzhaft in die Handflächen graben.

Die Tür öffnet sich und Dr. Meiworm kommt herein. Ben, Manuel und die Schwester machen ihm Platz, als er an Huberts Bett tritt.

„Hallo, Herr Wusternhagen! Schön, dass sie wieder bei uns sind! Ich bin Dr. Meiworm und habe sie vor zwei Tagen hier aufgenommen. Wie fühlen sie sich?“

„Weiß … nicht“, erwidert Hubert schleppend. „Kopf … Beine ...“

„Ja, das kann ich mir denken. Sie sind in ein Auto gelaufen und wir mussten sie am Kopf und an einem Bein operieren. Da haben sie vermutlich Schmerzen. Schwester Sophia wird ihnen gleich etwas dagegen geben.“

Er nimmt eine kleine Stiftlampe aus seiner Brusstasche und leuchtet Hubert nacheinander in beide Augen, murmelt etwas vor sich hin, klingt aber nicht unzufrieden.

„Ich würde mir gerne noch ihre Wunde am Bein ansehen, Herr Wusternhagen. Also nicht erschrecken, wenn ich ihnen mal kurz die Bettdecke wegnehme.“

„ … ja …“ Noch immer klingt Hubert, als wäre er nur halb wach, aber das ist vermutlich in Anbetracht der Umstände kein Wunder.

Gespannt sehe ich zu, wie der Arzt die dünne Decke zur Seite zieht und dann beide Beine abtastet, während er das Gesicht seines Patienten im Auge behält. Er hat noch immer seine Stiftlampe in der Hand und fährt damit über die linke Fußsohle. Keine Reaktion. Er wiederholt das Ganze mit dem gleichen Ergebnis. Als Nächstes bittet er: „Könnten sie bitte den linken Fuß bewegen, Herr Wusternhagen?“

Wie hypnotisiert starren wir alle auf Huberts linken Fuß und nach einer Ewigkeit kommt ein winziges Zucken.

Was heißt das jetzt? Ist das gut?

Ich suche den Blick des Arztes, aber der deckt zunächst Hubert wieder zu und kritzelt dann irgendwas in die Kurve, die am Fußende des Bettes auf einem kleinen Tischchen liegt. Ich sehe, wie Ben und sein Mann besorgte Blicke tauschen und bin nahe dran, einfach so mit meiner Frage rauszuplatzen.

Doch da hebt der Mediziner den Kopf, sieht mich an und sagt: „Wenn sie möchten, Herr Böttinger, können wir kurz auf dem Gang miteinander sprechen.“ Und zu Hubert gewandt: „Herr Wusternhagen, ich entführe ihren Verlobten nur kurz, er kommt gleich wieder zu ihnen, versprochen!“

Ich beeile mich, dem Mann zu folgen und bin schon auf das Schlimmste gefasst, als ich ihm im Flur gegenüberstehe.

„Um es kurz zu machen, Herr Böttinger – es sieht alles recht vielversprechend aus. Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass Herr Wusternhagen in der Lage sein könnte, seinen Fuß zu bewegen. Nicht schon jetzt. Aber dieses kleine Zucken von eben ist ein wunderbares Zeichen und ich bin sehr optimistisch, dass er praktisch keine Lähmungserscheinungen zurückbehalten wird. Allerdings ist da noch der Beckenbruch, den er erlitten hat. Wir haben alles mit Platten und Schrauben versorgt und ich rechne eigentlich damit, dass alles gut verheilt, aber in Kombination mit den Brüchen des Oberschenkels besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Beweglichkeit in Zukunft etwas eingeschränkt sein wird. Insgesamt kann man aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sagen, dass ihr Verlobter wieder vollkommen gesund wird.“

Ich habe Mühe, die Tränen der Erleichterung zurück zu halten, die mir bei diesen Worten in die Augen treten wollen und strecke dem Arzt deshalb nur wortlos die Hand hin.

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