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Gentlemen's Club

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Erstes Kapitel
  5. Zweites Kapitel
  6. Drittes Kapitel
  7. Viertes Kapitel
  8. Fünftes Kapitel
  9. Sechstes Kapitel
  10. Siebtes Kapitel
  11. Achtes Kapitel
  12. Neuntes Kapitel
  13. Zehntes Kapitel
  14. Elftes Kapitel
  15. Zwölftes Kapitel
  16. Dreizehntes Kapitel
  17. Vierzehntes Kapitel
  18. Fünfzehntes Kapitel
  19. Sechzehntes Kapitel
  20. Siebzehntes Kapitel
  21. Achtzehntes Kapitel
  22. Neunzehntes Kapitel

Erstes Kapitel

Kaugummi klebte an meinem Schuh. Bei jedem Schritt auf dem dreckigen Gehweg blieb der Schuh leicht hängen, als wollte der Fuß mich nicht hinbringen. Ich blieb stehen und lehnte mich an das Schaufenster eines bekannten Wäschegeschäfts. Eine kopflose Puppe stand da, eng geschnürt in ein scharlachfarbenes Korsett, und klopfte gegen die Scheibe, als wollte sie herauskommen. Ich kratzte verzweifelt die Sohle meiner ausgeliehenen unbequemen Schuhe an der scharfen Kante der Treppenstufe ab, um den Kaugummi loszuwerden, während ich überlegte, wie das Korsett aussah, wenn man es noch mit einem Hundehalsband, mit einem schwarzen Lederrock, mit nackten Beinen und irre hohen Absätzen trug.

Ich fing mir einen bösen Blick der dicken Frau im Geschäft ein. Sie hatte kirschrote Lippen und hochgezogene Augenbrauen, die stumm fragten, ob ich endlich hereinkäme, um etwas zu kaufen. Ich schüttelte den Kopf, wetzte die Sohle noch einige Male an der Kante ab, doch der Kaugummi klebte noch fest, als ich weiterging.

Ich hatte keine Zeit, mich noch intensiver mit dem klebrigen Zeug zu beschäftigen. Ich war spät dran wie üblich, und dann erwies sich das Büro als unauffindbar. Wütend zerknüllte ich die Zeitungsanzeige in meiner Tasche und hinkte ungleichmäßig durch Mayfair. Ich hatte vergessen, wie vornehm und ruhig diese Gegend war, verglichen mit der stressigen City, wo man nur gehetzt leben konnte, um nur ja keinen Termin zu verpassen. Trotz des schlechten Wetters brach in meinen Achselhöhlen der Schweiß aus, als ich mir die Türeingänge besah. Einige von ihnen hatten gar keine Nummer.

Fast alles von mir wollte sich umdrehen und flüchten. Ich wollte keinen beschissenen Job, weder hier noch sonst wo. Ich wollte das Leben von Riley fortführen, am liebsten unter ständig blauem Himmel. Wer immer Riley war, ich wollte ihn kennen lernen; ich wollte, dass er mich aus diesem Schlamassel herausholte. Ich wollte vergessen, dass ich kein Geld mehr hatte, nichts zum Anziehen und kein richtiges Arbeitsvisum. Ich konnte nirgendwo hingehen - höchstens nach Hause.

Ich hastete gerade bei einem Makler vorbei, mit großen Hochglanzfotos von prächtigen Villen im Schaufenster, als der Name, den ich suchte, wie der Fangarm eines Kraken nach mir zu greifen schien.

Gentlemen's Club stand da in schlichten schwarzen Buchstaben auf einem Holzschild, das an ein kleines Tor genagelt worden war. Abgesehen vom Namen hätte sich hinter dem Tor auch ein Bestattungsunternehmen verstecken können. Wenn ich geblinzelt hätte, wäre ich am Tor vorbeigegangen.

Ich blieb stehen, und der lästige Schuh flog weiter. Kein Wunder. Chrissie war ein paar Zentimeter kleiner als ich, und dünner war sie auch. Ihre Schuhe und eine Nadelstreifenhose, die ich mir ebenfalls von ihr ausgeliehen hatte, waren viel zu klein für mich. Mit achtundzwanzig war ich viel zu jung, um wie eine Matrone in die Breite zu gehen.

Verdammt, ich hatte mich immer für gut in Form gehalten, aber seit ich mich in diese Sachen gezwängt hatte, fühlten sich meine Rippen und Zehen eingeengt, gequetscht und gestaucht, als wäre ich ein paar Runden mit Mike Tyson gegangen. Aber ich konnte doch meine Freizeitklamotten nicht zu einem Bewerbungsgespräch anziehen, oder? Und ich brauchte diesen Job. Jeden Job.

Ich drückte gegen das Tor, und es schwang quietschend auf, als stammte es aus einem Horrorfilm. Ich ging einen schmalen Weg entlang; es tropfte von den Wänden, und entfernt klangen einige Echos, dann sah ich eine schwere Doppeltür vor mir. Gentlemen's Club stand auf der Tür. Ich wollte sie aufdrücken, aber sie war verschlossen. Da war eine Klingel, aber kein Name. Ich drückte auf den Klingelknopf und wartete. Ich drückte noch einmal und nahm die zerknüllte Anzeige aus der Tasche. Zum x-ten Mal las ich den geheimnisvollen Text:

Vielseitige, energische Person gesucht für unterschiedliche Aufgaben

Privater Gentlemen's Club.

Teufel, das hörte sich doch so an, als warteten sie auf mich.

Zweites Kapitel

»Woher willst du wissen, dass du das kannst?«

Chrissie hatte schon gestern Abend geschnauft, als ich ihr die offenen Stellen vorgelesen hatte, zusammen mit den Anzeigen für Billigflüge in die ganze Welt, wofür ich sparen wollte. »Das hört sich wie ein Altersheim an.«

»Entweder das oder ein Massagesalon.« Im nächsten Moment bereute ich, es ihr überhaupt erzählt zu haben.

»Kann sein. Schließlich ist es in der Nähe von Shepherd Market, und dort trieben sich früher die Huren herum. Vielleicht auch heute noch. Aber der Name Gentlemen's Club kann auch auf einen Kochclub für Herren schließen lassen. Dabei kannst du gar nicht kochen, Suki. Du kannst auch nicht tippen, und du bist fast aus jedem Job geflogen. Im vergangenen Jahr hast du auf der faulen Haut gelegen und dich von irgendeinem reichen Prinzen …«

Er war nicht wirklich ein Prinz, aber wir haben ihn alle so genannt, weil er aussah wie einer und sich auch wie einer benommen hat. »Und ich habe nicht auf der faulen Haut gelegen. Ich habe geholfen, seine Pferde zu trainieren.«

»Ja, und ich bin die Königin von Saba.« Chrissies Zunge war gefürchtet. »Ich schätze, für dich war das ein Karrieresprung, nachdem du in Rio de Janeiro als Model für Turnschuhe engagiert worden bist.«

»Und für Badeanzüge!«, protestierte ich. »Sie haben nicht nur meine Füße fotografiert, aber ich wollte nicht, dass sie mein Gesicht aufnahmen.«

»Warum nicht? Es ist gar nicht so schlecht, dein Gesicht, wenn du es richtig schrubbst. Ehrlich, Mädchen. Aber der einzige Job, aus dem du nicht geflogen bist, war bei Lord Wieheißternoch? Bei ihm hast du die Ställe ausgemistet.«

»Es gab einen guten Grund, warum er mich nicht rausgeworfen hat«, sagte ich und schüttelte mich bei der Erinnerung.

»Wieso? Hast du mit deinem Boss gepennt? Also wirklich, Suki …«

»Sie haben mich gebeten zu bleiben. Ich war das Beste, was ihnen je passiert ist, und das kannst du nehmen, wie du willst«, sagte ich triumphierend. »Wenn meine Liste der vielseitigen Leistungen, die ich bisher erbracht habe, nicht überzeugt, verstehe ich die Welt nicht mehr.«

»Du nennst deine Leistungen vielseitig. Ich nenne sie unzuverlässig.«

Wir saßen uns bei einem Glas Wein gegenüber, und zwar auf der Dachterrasse, obwohl es ein kühler Herbstabend war. Ein Flugzeug erhob sich schwer in den Londoner Abendhimmel, und wie immer verrenkte ich mir den Hals, um mir vorzustellen, wohin es flog, wer an Bord war, wie heiß es an seinem Ziel sein würde.

»Wie wäre es, wenn ich Stewardess würde? Oder Flugbegleiterin, wie man das heute nennt. Das ist etwas, was ich noch nie versucht habe.« Ich nahm einen Schluck Wein und schlenderte über die Terrasse. Eine U-Bahn donnerte aus der Earls Court Station und erschüttete das ganze Haus.

»Du siehst nicht so aus«, sagte Chrissie und legte den Kopf schief, als wollte sie ihre Behauptung einer Überprüfung unterziehen. »Ich muss zwar zugeben, dass ich deine natürliche Haarfarbe vergessen habe …«

»Mausgrau nennt man sie, glaube ich.«

»Aber deine Haare waren noch nie so rot und noch nie so lang. Unter den Schiffchen, die Flugbegleiterinnen tragen, lässt sich nichts verstecken. In dem zerknautschten T-Shirt und der zerrissenen Jeans siehst du eher wie eine Zwiebelverkäuferin aus. Aber hier bist du nicht mehr auf dem Kontinent.«

»Oh, Mann, ich wünschte, ich wäre da, Chrissie. Oder ich wünschte mir, ich wäre den Fernweh-Virus los.« Ich seufzte und atmete den Smog der Stadt ein. Ich zeigte mit dem Finger auf Chrissie. »Du hättest mich da besuchen sollen. Warum hast du das nicht getan?«

Chrissie schürzte die Lippen, und ich hätte ihr am liebsten einen Tritt versetzt. Wenn ich wie eine Zwiebelverkäuferin aussah, dann ähnelte sie einer Dresdner Schäferin, die kurzen Beine übereinandergeschlagen, die blonden Locken auf dem kleinen Kopf verteilt, die perfekt lackierten Fingernägel um den Stiel des Weinglases gelegt - ja, sie wäre die ideale Flugbegleiterin.

Aber der Job in der Parfumindustrie schien zu ihr zu passen. Sie liebte es, ihr natürliches, niedliches Gesicht mit einer dicken rosa Schicht auszustatten, die ihre blauen Augen mit dem glitzernden Schatten betonte, bis sie unschuldig aussah, ihre scharfen Zähne versteckt waren und die freche Zunge hinter dem perfekt aufgetragenen feuchten Lippenstift verschwand.

Am meisten aber liebte sie ihre Uniform, die das große Kaufhaus ihr zur Verfügung stellte. Sie musste sie tragen, wann immer sie über den glatten Marmorboden ihres Verkaufsbereichs schritt.

»Du weißt warum«, antwortete sie schließlich. »Ich habe zu viel zu tun. Ich muss an meine Karriere denken, und ich muss meinen neuen sexy Verlobten im Auge behalten. Und darüber hinaus hast du dich in verdammt zwielichtigen Kreisen herumgetrieben. Der viele Champagner und dann diese Pool Partys … nein, ich hätte dich unmöglich besuchen können, selbst wenn ich gewusst hätte, wo du dich gerade aufhältst. Ich war nämlich auch besorgt um dich …«

»Du warst besorgt, du könntest deinen Spaß an diesem Leben finden? Du bist nur eifersüchtig, dass ich die ganze Zeit von Männern ausgehalten werde. Komm schon, Chrissie, zieh den Stock aus deinem Arsch und entspanne dich. Und du brauchst auch nicht mehr so auszusehen, als wäre ich etwas, in das man nicht gerne tritt. Ich kenne dich schon lange, noch bevor du deine Unschuld verloren hast. Ich war sogar dabei, als du entjungfert worden bist, fällt mir gerade ein. Sammy Smithson und sein Bruder. Es war hinter dem Odeon, erinnerst du dich? Oje, jetzt kann ich mich wieder genau daran erinnern. Wir hatten uns Achteinhalb Wochen angesehen, und du warst heiß. Jeder Typ hätte es dir besorgen können. Aber die Smithson Brüder waren eben zur rechten Zeit am rechten Platz, nämlich bei dir.«

»Ich kann mich nur vage erinnern«, schniefte sie.

Ich lachte mich halbtot. »Es war besser als alles, was sie an diesem Tag auf der Leinwand zeigten«, beharrte ich, amüsiert über ihr Unbehagen. »Du warst so scharf. Dein PVC-Minirock hing hoch in deiner Taille, und dann hast du dich um Sammy Smithson geschlungen, als wäre er ein Laternenpfahl.«

»Nun, er war groß und stark wie ein Laternenpfahl«, meinte Chrissie anmerken zu müssen. Sie zupfte an ihrem engen Rock. »Und er war bestückt wie ein Esel.«

»Sein Bruder und ich sollten Schmiere stehen, und ich konnte es nicht glauben, als ich Tommy Smithson sah, wie er zu euch ging. Er gab einfach seinen Posten auf, machte sich an dich von hinten heran und nahm dich. Danach warst du als Smithson Sandwich bekannt.«

»Niemals!«

»Ich sah lange schlanke Beine und Arme, die durch die Luft flogen wie Windmühlenflügel, bis ihr alle in die Mülleimer gekracht seid. Der Manager des Kinos stürmte heraus, weil er wissen wollte, wer oder was den Lärm verursacht hatte.«

»Wie Windmühlenflügel, das ist aber nicht nett«, klagte Chrissie, verzweifelt um eine ernste Miene bemüht. »Aber das ist typisch. Du machst dich lustig über Sex und Romantik. Ich aber glaube, dass du süchtig danach bist. Ich habe schöne Erinnerungen an die Begegnung mit den Smithsons. Du weißt schon, die Potenz der Teenager und die freche Art der Jugendlichen. Leider kann ich von Jeremy heute nicht mehr so viel erwarten. Er ist immer zu müde. Ja, diese Smithsons, die waren wie Tiere. Sie wollten gar nicht mehr aufhören. Ich wollte auch nicht, dass sie aufhörten. Sie hoben mich vom Boden auf, als wäre ich eine Puppe. Alles geriet in den Hintergrund, nur nicht das, was sie mit mir anstellten. Ich konnte mich nur auf die kleine Knospe konzentrieren … Himmel, ich wurde zu der Knospe.«

Chrissies Augen leuchteten unter dem glitzernden Lidschatten. »Was für ein Erlebnis! Ich war völlig hilflos bei den Smithson Brüdern. Ich konnte mich nur zwischen ihnen hin und her schieben lassen, während sie mit ihren Stößen das Feuer in mir entfachten.«

»Ich erinnere mich. Himmel, jetzt bereue ich, die Sprache darauf gebracht zu haben.«

»Die Brüder grunzten in meine Ohren. Ich mochte ihre derbe Art, ihr geiles Reden. Und dann kamen wir alle zusammen. Wow, das war wirklich mein erstes Mal!«

»Genug«, knurrte ich. »Ich hätte mit dem Thema nicht anfangen sollen«, sagte ich und hielt mir die Ohren zu. »Es mag ja ein sensationelles Erlebnis für dich gewesen sein, aber es war auch sehr akrobatisch. Ich wusste gar nicht, dass ein Mädchen so viele Öffnungen hat, die man dafür benutzen kann.«

Chrissie rutschte auf ihrem Stuhl herum und errötete.

»Chrissie, es würde dir gefallen, im Ausland zu leben. Der Lifestyle dort ist genauso, wie du ihn liebst.« Ich gab meine Versuche nicht auf. »Was würden deine Kaufhausbosse sagen, wenn sie wüssten, dass du ein bisschen auf harten Sachen stehst? Ihnen würden die Monokel aus den Augen fallen, wenn sie wüssten, was du angestellt hast, während du eigentlich im College sein solltest.«

Chrissie schüttelte sich leicht. Aber ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Sie würden mir vielleicht gratulieren, weil ich mich so verdammt geschäftstüchtig erwiesen habe. Dabei war ich erst zwanzig.«

»Ja«, sagte ich grinsend. »Wieder schöne Begegnungen. Hast gut betuchte Männer ins Haus deiner Mutter eingeladen, wenn sie nicht da war, und den Typen den Himmel versprochen für Gutscheine. Geld hast du nie genommen, deshalb kann ich dich nicht Schlampe nennen.«

»Und sie haben sich auch nie als Freier gefühlt. Ich habe den Kleiderschrank voller Klamotten gehabt, habe Urlaube machen und mir sogar ein Auto gönnen können. Und einmal habe ich auf diese Weise auch einen Job bekommen, nein, sogar zwei. Das hat mir die Welt gezeigt.« Chrissie streckte die Beine aus. »Auf mehr Arten, als man glaubt.«

»Das lässt du deinen Jeremy besser nicht hören«, sagte ich. Sie bedachte mich mit einem giftigen Blick.

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, fuhr sie mich an, ließ die Füße wieder sinken und schenkte sich noch ein Glas Wein ein. »Wir sind ein respektables Paar, Jeremy und ich.«

»Natürlich seid ihr das«, besänftigte ich sie, aber dann hob ich die Schultern und neckte: »Obwohl ich den wunderbaren Jeremy noch nicht kennen gelernt habe. Aber ich meinte was anderes: Mit deiner Vergangenheit kannst du mich nicht wegen meiner Rastlosigkeit kritisieren. Du warst damals viel verwegener als ich.«

»Vielleicht, aber das war damals. In diesem Alter dreht man gern durch. Aber ich bin nicht so abenteuerlustig wie du, Suki«, antwortete Chrissie nachdenklich. »Nein, wirklich nicht. Ich weiß, dass ich sicherer bin in meiner kleinen Welt, während du … also, du warst immer schon ein Wildfang, der nicht schnell genug die Flügel ausbreiten konnte.«

»Ja, und du warst ein Mädchen, hinter dem die Jungs her waren«, sagte ich. »Mich interessierten sie nicht. Ich war damit beschäftigt, den höchsten Baum zu finden, auf den ich klettern konnte.«

»Ich habe gedacht, dass du lesbisch bist,« Chrissie machte eine Pause, um mir eine Chance zum Dementi oder zum Bekenntnis zu geben. »Bist du?«

Ich versuchte, einen Moment ernst auszusehen, und überlegte, sie anzuschmieren, aber das schaffte ich nicht. »Darüber habe ich auch mal nachgedacht«, gab ich zu, »aber das lag nur daran, dass ich keinen Jungen haben wollte. Ich konnte die Beine nicht wegen irgendeines Kerls spreizen. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die mir bekannt sind.«

»Eh! Das hat nichts mit mir zu tun. Ich bin ganz anders. Aber wie ist es mit dir? Immer noch der Wildfang, der Jungs für blöde hält?«

Ich leerte mein Glas und schaute hinaus auf die Stadt. Wieder donnerte eine U-Bahn heran und vibrierte unter uns. Der Himmel war jetzt dunkelblau, aber durch den Smog drangen keine Sterne. Die hellen Positionslichter der Flugzeuge waren die einzigen hellen Funken, die durch die Wolken schienen.

»Nein, keine Sorge, inzwischen mag ich Jungs. Aber ich glaube, ein bisschen bin ich doch der Wildfang geblieben. Weißt du, unter der heißen Sonne kann eine Menge passieren.«

»Aber es gibt keinen besonderen Mann in deinem Leben?«

»Nein. Es stellte sich heraus, dass der Prinz schon zu viele Frauen hatte.«

Wir lachten wieder.

»Wir müssen einen Mann für dich finden, da du jetzt wieder in der Stadt bist.« Chrissie richtete die Weinflasche auf mich, als wäre sie ein Mikrofon, mit dem sie mich interviewen wollte. »Aber wer? Und wo?«

Chrissies Telefon klingelte. Sie lief hinein, während ich über ihre Frage nachdachte. Wer und wo? Verglichen mit dem, woher ich gerade kam, wo alle Männer und Frauen den ganzen Tag am Strand lagen oder mit den Monoskiern die blauen Wellen teilten, wo alles gleißt, wo einem die Augen übergehen, war London in den paar Tagen, die ich dort verbracht hatte, voller blasser, uninteressanter und verängstigt aussehender Typen, die über die Gehwege hetzten und sich in ihren Anoraks versteckten.

»Tut mir leid«, sagte Chrissie und schlenderte zurück zur Terrassentür. »Der Anruf kam aus meiner Abteilung. Man wollte mich erinnern, dass eine große Konferenz vor mir liegt; die Parfumeinkäufer treffen sich und feiern Silvester in einem feinen Landhaus. Okay - wo waren wir?«

»Auf Männerjagd.«

»Ja«, sagte sie und betrachtete mich abschätzend, als sie noch in der Tür stand. Sie konnte bei meinem Anblick nicht verhindern, dass sich ihre Lippen geringschätzig zusammenpressten. »Ich frage mich, ob es helfen würde, wenn wir dich aus diesen Klamotten schälen. Und ob du deine freche, fast aggressiv-männliche Art, die du schon als Kind gehabt hast, einfach mal vergessen kannst.«

»Aber diese Art hat dazu geführt, dass ich alles, was ich wollte, aus dem Mittleren Osten herausgeholt habe.«

»Vielleicht, Mädchen. Aber in England ist Herbst. Erinnerst du dich an diese Jahreszeit? Sie ist nicht geeignet, Männer mitten auf dem Piccadilly mit einem gepunkteten Bikini um den Verstand zu bringen. Die Männer hier bei uns erwarten mehr, und weil du um diese Zeit mehr Kleider tragen musst, solltest du es auf andere Weise versuchen. Wickle eine Locke um deinen Finger, streichle über dein Bein, mach ihnen große und schöne Augen …«

Ich hob eine Augenbraue, und sie spielte ihre Verführungstechniken durch. Stirnrunzelnd hörte sie auf.

»Komm schon, Suki. Du bist sehr feminin, wenn du willst. Du bist dahingeschmolzen und hast ganz verträumt geguckt, wenn ein meist älterer Mann es dir angetan hatte. Oder wenn du der Musik gelauscht hast. Oder ein neues Abenteuer geplant hast.« Sie setzte sich neben mich auf die Mauer. »Aber du hast dich immer zurückgehalten. Ich war es, die über Sex und Jungs gesprochen hat, du nicht.«

»Eines Tages werde ich dir erzählen, was da draußen alles abgelaufen ist.«

»Das hört sich so an, wie wir früher Muscheln geknackt haben.«

»Zurück in die Gegenwart. Du willst mir meine Klamotten abquatschen.«

»Jetzt wirst du auch noch frivol«, sagte sie lachend.

»Ich rede doch nur von ordentlichen Kleidern für das Bewerbungsgespräch morgen.«

»Ich muss schon sagen, als ich hörte, dass du aus Übersee zurückkehrst, habe ich erwartet, dass du mit Juwelen, feinen Kleidern und hauchdünner Wäsche herumläufst und nicht in Klamotten, die du schon bei deiner Abreise vor Jahren getragen hast«, sagte Chrissie.

Ich konnte ihre Enttäuschung heraushören, dass es keine weiteren Sex-Themen geben würde. Ich hatte keine Lust, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Ich hatte eine ziemlich wilde Szene hinter mich gebracht, mit einem besonders wilden Mann, und das nur, weil ich ruhelos geworden war, weil meine Füße juckten und weil ich kein Geld mehr hatte. Aber jetzt war ich zurück in London, und schon begann ich meine überhastete Entscheidung zu bereuen.

»Dieser Gentlemen's Club«, sagte ich seufzend und sah mir wieder die Stellenangebote an. »Ich muss mich da mal sehen lassen, nehme ich an. Ich werde mich bemühen.«

»Klar wirst du das. Du musst positiv denken.« Chrissie nahm einen Schluck Wein, verschluckte sich daran und kicherte wieder. »Glaubst du, dass du da einen Mann nach deinem Geschmack findest?«

»Das bezweifle ich. Da werde ich nur alte Käuze mit gezwirbelten Schnurrbärten und von Gicht befallen kennen lernen. Sie werden in ihren Ohrensesseln herumhängen und sich hinter dem Telegraph verstecken, sobald sie Port und Zigarren bestellt haben. Kann ich das ertragen? Ich glaube eher nicht. Aber ich muss Geld verdienen, Chrissie, damit ich bald wieder den Abflug machen kann. Hilfst du mir? Ich muss mir ein paar Klamotten von dir ausleihen.« Ich zupfte an meiner zerfransten Jeans. »Was hast du für mich, Chris?«

»Ich will zuerst den Salat schwenken«, sagte sie, sprang auf und ging ins Haus. Ich erinnerte mich, dass sie gut kochen konnte. »Du bleibst doch zum Essen?«

»Ich hab's zwar eilig, aber ja, gern. Ich werde Jeremy ein anderes Mal kennen lernen.« Mein Magen rumorte. Wie gut, dass Chrissie eine hervorragende Köchin war - ich lechzte nach einem ordentlichen Essen. Aber danach wollte ich eine Weile für mich sein. Ich war schrecklich desorientiert, und ihr flottes Selbstbewusstsein verstärkte das noch.

Es wurde dunkel, und ich folgte ihr ins Haus. Weinflasche und Gläser nahm ich mit.

»Immer so ruhelos«, klagte Chrissie, während sie Frühlingszwiebeln mit heftigen Bewegungen des Ellenbogens hackte und sie dann in eine komplizierte Marinade gab. Ich sah ihr an, dass sie sauer war. »Warum die Eile?«

Es gab keinen Grund. Ich wollte nur nicht dabei sein, wenn sie und ihr neuer Typ sich knutschten.

»Nichts Umwerfendes«, sagte ich wahrheitsgemäß. »Ich will mich nur an mein kuscheliges Bett gewöhnen und morgen ein langes Frühstück genießen, bevor ich die Bewerbungsgespräche habe. Und danach muss ich mich auf Wohnungssuche begeben.«

»Ich habe dir gesagt, dass du hier wohnen kannst. Ich bin sicher, dass Jeremy nichts dagegen hat.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Er lernt gern neue Leute kennen.«

Ich umarmte sie und schüttelte den Kopf. »Führe mich zu deinem Kleiderschrank, dann bin ich weg.«

Es dauerte nicht lange. Allerdings gerieten wir in einen ernsten Streit, als sie mich zuerst in ein tomatenrotes Kleid pressen wollte, das wie ein Sack an mir hing, und dann in ein grünes Ensemble, das wie unsere alte Schuluniform aussah. Wir einigten uns schließlich widerwillig, aber dann klingelte es.

»Das ist Jeremy, der mich warnen will. Er sagt, dann könnte ich den Hausfreund noch schnell in einen Schrank einsperren.«

Chrissie tastete mit den Fingerspitzen über ihre perfekt sitzenden Locken. Die rote Farbe kroch ihren Hals hoch, während sie darauf wartete, dass er mit dem Aufzug nach oben kam. Ich schnappte mir den Rucksack und die Harvey Nichols Tasche, in der ich das geborgte Kostüm verstaut hatte. Chrissie hatte auch noch eine Seidenbluse, Nylonstrümpfe und Schuhe in die Tasche gelegt. Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Ihr seid bestimmt noch wie die Turteltauben, und in ein oder zwei Tagen bin ich wieder bei dir.« Ich floh aus der Wohnung und nahm die Treppe hinunter zur Straße.

Drittes Kapitel

Ich drückte noch einmal auf die Klingel vom Gentlemen's Club und ließ dann meinen Finger ungeduldig auf der kleinen runden Scheibe. Ein Taxi rumpelte durch die Gasse und fuhr durch eine Pfütze. Das schmutzige Wasser spritzte hoch. Immer noch kam niemand, und ich drehte mich um und wollte gehen. Gewöhnlich probiere ich alles aus, aber Chrissies Bemerkungen über meine beruflichen Fähigkeiten nervten mich. Ich war nicht zurück nach London gekommen, um alten Männern Katheter zu setzen, ein raffiniertes Soufflé für sie zu zaubern oder in anrüchigen Gassen auf sie zu warten.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Jemand drückte das Metalltor am Eingang der Gasse auf, wodurch ein ohrenbetäubendes Quietschen entstand. Stöckelschuhe klackten auf den dunklen Steinen. Ein paar trübe Regentropfen rannen die hohen Mauern hinunter, und einige trommelten auf meine Baskenmütze.

»Nein, können Sie nicht. Ich habe die falsche Klingel gedrückt«, murmelte ich und drückte mich gegen die feuchte Mauer, damit sie vorbeigehen konnte.

»Glauben Sie? Sie sind nicht wegen des Bewerbungsgespräches hier? Obwohl, wenn ich es so richtig bedenke, sind Sie nicht der Typ der üblichen Kandidatin. Könnten Sie mich anschauen, wenn ich mit Ihnen rede?«

Ich ruckte den Kopf herum wie ein schmollendes Schulmädchen. Vor mir stand eine sensationell aussehende Frau, von Kopf bis Fuß in etwas gekleidet, was wie ein Silberfuchspelz aussah. Sie gehörte nicht auf diesen feuchten, modrigen Weg beim Shepherd Market, sondern ins Savoy. Auf der anderen Seite musste ich wieder an das denken, was Chrissie gesagt hatte; so eine Frau würde am Shepherd Market das schnelle Pfund verdienen.

Sie war so groß wie ich, und ihre schwarzen Haare türmten sich auf ihrem Kopf. Ich hatte diese Frisur schon einige Male gesehen, sie war clever arrangiert, denn jeden Moment glaubte man, dass die Haare gleich wieder nach unten fielen. Sie trug starkes Augen-Make-up, umringt vom rußigen Schwarz, und die Lider glitzerten in der Dunkelheit der Gasse. Ihr großer Mund sah wie ein scharlachroter Schlitz aus.

»Doch«, sagte ich nach einem Moment, und ich hielt den Blick auf ihre Augen gerichtet, »ich bin wegen des Bewerbungsgesprächs hier.«

»Gut.«

Ein Teil ihres knallroten Munds zog sich hoch; das mochte ein Lächeln oder ein spöttisches Grinsen sein. Sie hielt meinen Blick und befingerte den Stoff des Revers meiner Jacke, als wollte sie den Staub abwischen. Dann strich sie über meine Brust und verharrte einen Augenblick mit der Hand im Handschuh.

»Ich sollte eine Miss …« - ich überprüfte mein Gekritzel über der Zeitungsanzeige - »Miss Sugar treffen.«

Die Frau legte den Kopf in den Nacken und ließ ein kehliges Glucksen hören. Ich konnte die Sehnen am weißen Hals sehen, die Reihen der weißen Zähne und die sehr, sehr rote Zunge. Sie sah wie eine Flamencotänzerin aus, die dabei war, sich in die Arme eines Matadors zu werfen.

»Wir lieben es, Menschen mit so lächerlichen Namen einzustellen. Sie werden noch sehen, wie gut er zu ihr passt.« Sie bedachte mich mit einem letzten funkelnden Blick, dann schob sie eine Karte in den Türschlitz und öffnete die Tür. Ich folgte ihr und war darauf vorbereitet, meinen Atem anzuhalten, um den Geruch von Kohl und Plastik zu meiden.

Als ich dann drinnen war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass so etwas wie Kohl jemals im Gentlemen's Club gekocht worden war. (Obwohl es genau in diesem Moment war, dass die Idee des ›Schulessens‹ geboren wurde, und später, viel später, hielt knackig frischer Kohl wieder Einzug auf die Speisenkarte des Clubs; leicht in Butter geschwenkt und mit schwarzem Pfeffer und einer Prise Muskatnuss veredelt …)

Und statt auf gebrochene Linoleumstellen und auf schwitzendes Mahagoni sehen zu müssen, starrte ich in ein wunderschönes Atrium aus Marmor. Lichtstreifen strömten hinab von einer hellen Kuppel direkt über mir.

»Was sind das für herrliche Düfte?«, fragte ich laut und schnüffelte die würzige Luft ein. »Einmal Bienenwachs, und dann rieche ich auch noch Maiglöckchen.«

Die Frau blieb neben mir stehen und lachte leise. »Korrekt. Sie haben eine empfindliche Nase, genau wie unsere Miss Sugar«, antwortete sie, offenbar leicht amüsiert. »Die Bienenwachspolitur und das Potpourri von Blumendüften sind beide ihre Ideen, und Recht hat sie. Finden Sie nicht auch, dass der erste Eindruck, den man beim Betreten eines Hauses wahrnimmt, entscheidend vom Aroma bestimmt wird? Noch bevor man etwas gesehen oder jemanden gesprochen hat.«

»Absolut«, stimmte ich zu. »Und in diesem Haus trifft es ganz besonders zu.«

Sie und ich standen direkt unter dem Lichteinfall, und ich konnte jetzt sehen, dass er ein kreisrundes Atrium aus weißem Marmor illuminierte sowie mehrere Türen aus Milchscheibenglas. In diesem Kokon aus stillem Luxus war es unmöglich, sich vorzustellen, dass es draußen kalt war und regnete.

»Sie finden Miss Sugar durch diese Tür«, sagte die Frau und wies mit der Hand auf eine der Türen. »Ich bin sehr gespannt, was sie von Ihnen hält. Oder Sie von ihr. Viel Glück.«

Dann war sie weg, schwebte eine Treppe hoch und verschwand im hellen Licht, das durch die Kuppel fiel.

Miss Sugar war so dünn wie eine Nadel und sah so aus, als wäre nichts Süßes, kein Apfel, keine Schokolade, kein Pudding, jemals über ihre Lippen gekommen. Alles an ihr war grau, selbst das Durchsichtige. Ihre Augen, die hinter dicken Brillengläsern auf mich starrten, ihre Kleider, ihre Haut; und wenn man alles zusammen betrachtete, sah sie aus wie ein Geist. Sie schien das helle Licht nicht zu mögen, und den weißen Marmor des Gebäudes auch nicht, denn sie hielt die Jalousien ihres Büros geschlossen, und sie hatte nur eine Lampe eingeschaltet.

Ihre Haare hätten auch grau sein können, aber tatsächlich waren sie von einem blassen, silbrigen Blond und am Hinterkopf zu einem festen Dutt zusammengefasst. Sie war das genaue Gegenteil der üppigen Dame, die mir eben begegnet war, und ganz gewiss war sie auch das Gegenteil von mir.

»Sie haben schon vieles unternommen in Ihrem Leben.« Miss Sugar hielt meinen Lebenslauf hoch und las ihn sehr langsam vor. Sie richtete die dicken Brillengläser auf mich, und ich sah mein Gesicht verzerrt wie ein Fisch.

»Und ich bin noch nicht mal dreißig«, sagte ich. Aber sie lächelte nicht.

»Ich sehe nicht, wie die vielen Reisen, die Engagements als Model und … eh … das Reiten … zu der Rolle passen könnten, die wir hier im Club besetzen wollen.«

»Nun, Sie haben nicht nach meinen Erfahrungen gefragt, als ich wegen eines Bewerbungsgesprächs angerufen habe, deshalb ging ich davon aus, dass sie offen für alle Anfänger sind«, antwortete ich mit einem Hauch von Sarkasmus. Sie brauchte wahnsinnig lange, um zur Sache zu kommen, und mir fiel in diesem Stadium schon auf, dass sie mich nicht mochte.

»Wenn Sie mich wissen lassen, was zu der Rolle gehört, die Sie neu besetzen wollen, könnte ich Ihnen sagen, ob ich die Aufgaben erfüllen kann. Ich kann natürlich tippen«, warf ich ein und zupfte an Chrissies Nadelstreifenjackett. Zwei Knöpfe hatten sich geöffnet oder waren abgesprungen. »Und ich kenne mich mit den meisten Computerprogrammen aus.«

Während sie den Kopf beugte, um meine Referenzen zu studieren, öffnete ich auch die anderen Knöpfe meines Jacketts, damit die Belastung gelindert wurde, aber dann fand ich heraus, dass die Seidenbluse auch nur so gerade geeignet war, meine großen Brüste zu bedecken. Ich war irritiert und fummelte am Rest der Knöpfe. Das einzige Teil meiner Kleidung, das mir passte, war mein BH.

Chrissie konnte nicht wissen - und auch sonst niemand, der mich in der Wildfang-Phase gekannt hatte -, dass ich unter meinen rauen Klamotten immer exquisite Wäsche trug. Es waren die einzigen Tribute, die ich im Laufe der Jahre als Lieblingsfreundin gefordert hatte.

Nach dem ersten Mal hatte der Prinz meinen Körper wie eine kostbare Sendung eines unter dem Einfuhrverbot stehenden Guts ausgepackt und mir dann beigebracht, meinen Körper zu schätzen und richtig anzuziehen, während ich ihm beibrachte, seine Pferde zu schätzen.

Eines muss ich ihm lassen - er hat meinen Körper unter dem gleißenden blauen Himmel zum Leben gebracht, und ich hatte schnell eingesehen, wie wichtig es war, den Körper in wunderschöner Wäsche zu halten. Ganz besonders verwöhnte ich meine Brüste. Ich liebte es, köstliche Dinge zu kaufen, um sie zu umhüllen. Zu schade, dass ich die Pracht dann wieder unter Sweatshirts verstecken musste.

Der Prinz war auf mich aufmerksam geworden, als ich auf einer silbergrauen Araberstute um die Pyramiden von Gizeh galoppiert bin. Es war in der Morgendämmerung gewesen, und das war in heißen Ländern meine liebste Zeit. Er war in den Ställen rasch auf ein anderes Pferd gestiegen - Armani Anzug und alles - und hatte die Verfolgung aufgenommen. Ein paar Stunden später hatte er mir einen Job angeboten. Wir waren in einem Hotelzimmer in Kairo und tranken Buck's Fizz, um das Ereignis gebührend zu feiern.

Unsere Unterhaltung war rasch weniger geschäftlich geworden; wir flirteten, und dann hatte der Zimmer Service eine große Schachtel mit Unterwäsche gebracht, alles in Seide, vieles in Spitze. Der Prinz hatte mich gebeten, die einzelnen Stücke anzuprobieren, und ich war zu erstaunt, um etwas anderes zu tun, als ihm zu gehorchen.

Ich hielt mich damals genau seit achtundvierzig Stunden in Ägypten auf. Eigentlich wollte ich nur durchreisen, und ganz gewiss hatte ich keinen Gedanken an Männer oder Sex oder an irgendeine Beziehung vergeudet. So halte ich es immer, wenn ich auf Reisen bin.

Aber der Prinz war anders. Man musste blind sein, um nicht fasziniert von ihm zu sein. Er verströmte einen gefährlichen Charme, und als er mich das erste Mal allein für sich hatte, wurden seine Augen dunkel vor Lust und Bewunderung. Er war begeistert, mich anzusehen, und der Champagner war kalt und köstlich, die Wäsche teuer und sexy, also tat ich, was der Prinz wollte. Ich erinnere mich, dass ich unkontrolliert zu zucken begann, als ich mein verschwitztes T-Shirt und die Jodhpurs auszog.

Er hatte mich ganz ruhig angesehen, ohne sich über die Lippen zu lecken oder mich mit einer Bemerkung in Verlegenheit zu bringen. Er hatte einfach gewartet und hielt mir dann die Schachtel mit der Wäsche hin. Inzwischen schwamm mein Kopf in einem Teich mit Buck's Fizz (oder Fuck's Bizz, wie Chrissie und ich immer sagten), und außerdem hatte mich eine verwirrende Erregung erfasst. Ich hielt seinem Blick stand und legte eher trotzig Hemd und Hose ab.

Dann war ich an der Reihe zu warten. Wir betrachteten uns in der Kühle des Hotelzimmers, bis er mich zu sich winkte. Er wusste genau, was er tat; er verführte mich sanft mit den verschiedenen Wäschestücken und zeigte mir, wie man mit einem Bügeldraht, einem Fischbein oder auch mit dem Lycrastoff seine Kontur und die ganze Silhouette verändern kann. Während er redete, dachte ich, wie viele Frauen wohl, verstreut über den ganzen Globus, wegen ihm und seiner großzügigen Art diese einengenden Dinger trugen.

An diesem ersten Morgen ließ er mich durch sein Zimmer traben wie eines seiner Pferde im Übungsring. Er holte mich aus meinem üblichen Schlendertrott heraus, bis ich schritt wie eine Ballerina. Nur dass sein tänzelndes Pony ein Mieder in dunklem Pink trug und dazu ein passendes und mit Rüschchen besetztes Höschen.

Mein Körper fühlte sich wie ein neues Spielzeug an. Meine Gliedmaßen schwenkten locker, meine Hüften schwangen von Seite zur Seite, und in der glühenden Sonne spürte ich meine Säfte steigen. Unten vor dem Hotel hörte ich die Autos in den verstopften Straßen hupen.

Er hatte mich eine Weile beobachtet und saß noch im Sessel am Fenster, dann hielt er mich an den Hüften fest, als ich an ihm vorbeigehen wollte. Bevor ich auch nur blinzeln konnte, hatte er mich auf seinen Schoß gezogen. Er betrachtete meinen neuen warmen Ausschnitt. Die Brüste wurden hochgedrückt und sahen unter dem seidigen Halter gereift aus.

Der Prinz grub eine Brust aus dem Körbchen und wiegte sie wie einen saftigen Pfirsich auf dem Wochenmarkt. Angezogen - oder besser: ausgezogen, wie ich war, fühlte ich mich wie ein neuer Mensch, der sich alles zutraute. Er war ein totaler Fremder. Bald würde er genauso geräuschlos aus meinem Leben verschwinden, wie er gekommen war.

Aber ich war im Ausland. Niemand kannte mich. Niemand konnte mich aufhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich tun, was ich wollte. Das war ein großartiges Gefühl.

Ich zwang mich zurück in die Gegenwart. Was für einen Unterschied fünf Jahre ausmachen konnten. Und mir waren nur ein Packen von Lügen geblieben, die der gut aussehende aber unberechenbare Prinz mir in der Nacht vor meiner Abreise aufgetischt hatte.

»Tippen ist nicht gerade das, was wir suchen«, sagte Miss Sugar auf meine Bemerkung hin. Sie legte meinen Lebenslauf zur Seite. Offenbar glaubte sie kein Wort davon, was da geschrieben stand. Ich sah mich im trüben Licht des Büros um. In einer Ecke stand ein Computer, und es gab auch ein paar stählerne Rollschränke da, aber sonst gab es keine Anzeichen von Sekretärinnenarbeit.

Als ich sie wieder ansah, bemerkte ich, dass sie mir auf den Busen starrte. Ich blickte hinab. Die Bluse hatte ganz aufgegeben, und meine Brüste stießen gegen die seidenen Falten. Ich zog das Jackett enger um mich und hatte das Gefühl, dass die Rückennaht aufbrechen würde. Ich fragte mich, wie schnell ich den Rückzug antreten konnte.

»Ich bin sehr vielseitig«, wiederholte ich. Dieses Mantra hatte ich während der U-Bahn-Fahrt nach Mayfair geprobt. »Ablage, Botengänge, Nachrichten weitergeben, Telefondienst. Ich bin gut in Grammatik, und ich kann gut mit Menschen umgehen. In meinem letzten Job hatte ich ausschließlich mit Menschen zu tun. Außerdem kann ich gut Kaffee kochen.«

Miss Sugar lächelte nicht, aber sie schaute wieder auf meinen Lebenslauf.

»Ich sehe hier, dass Sie auch gut mit Tieren umgehen können. Aber ich bezweifle, dass wir in diesem Jahr ein Vollblut in den Club aufnehmen werden.«

Ich begann, langsamer zu atmen.

»Könnten Sie mir sagen, Miss Sugar, wer denn zu diesem Club gehört? Und wer hier arbeitet? Ich fürchte, ich weiß viel zu wenig über den Club.«

»Nun, es ist ein sehr englischer Club, der seine Mitglieder selektiv auswählt. Ein Rückzugsort, wenn Sie so wollen, für wohlhabende Menschen, von denen die meisten einen Titel haben. Aristokraten. Daher rührt auch der Name des Clubs. Wir bedienen hier nur feine Herren, also Gentlemen.« Sie musterte mich von oben bis unten, und man sah ihr an, dass sie mich am liebsten die Treppe hinunter und ins Licht verbannen wollte.

»Nun«, verkündete ich, weil ich die Gelegenheit nicht verpassen wollte, sie über mich aufzuklären, »ich kenne Aristokraten. Die letzten fünf Jahre habe ich für einen Prinzen gearbeitet.«

»Ja, stimmt«, sagte sie zögerlich nach einem weiteren Blick auf meinen Lebenslauf. »Aber ich vermute, dass Ihre exotischen Prinzen sich sehr unterscheiden von unseren meist einheimischen Mitgliedern - oh, nein, sie würden es nicht mögen, wenn ich sie ›einheimisch‹ nenne.«

»Genau. Das hört sich nämlich so an, als lebten sie in Tweeds und grünen Gummistiefeln. Himmel! Ich bin sicher, dass meine exotischen Prinzen Ihren Aristos in nichts nachstehen.« Ich warf mich uneingeladen in den Sessel, der vor ihrem Schreibtisch stand. »Und wahrscheinlich sind sie auch alle reicher. Sie haben mehr Stil. Und viel mehr Spaß.«

»Da irren Sie sich.« Miss Sugars Stimme zerschnitt die Luft. Ich war beeindruckt. Sie war doch nicht die graue Maus, für die ich sie gehalten hatte. »Ich bin bereit zu wetten, dass unsere Mitglieder Ihre Scheichs in der Pfeife rauchen könnten, wenn sie wollten. Aber zum Gentlemen's Club gehört noch eine Menge mehr. Viel mehr.«

»Weiter.«

»Dies ist eine kleine Einrichtung. Wir mögen zwar nur wenige Gäste haben, vielleicht nur eine Hand voll, die zu einer bestimmten Zeit rund um die Uhr bei uns sind, aber dafür zahlen sie gut. Glauben Sie mir, unsere Gäste können sich das erlauben. Unser Job ist es, ihnen ein Zuhause weg von zu Haus zu bieten, nur viel besser. Sie kommen zu uns, um ihrem eigenen Haushalt zu entfliehen, das heißt, sie wollen den nörgelnden Ehefrauen entkommen, den nervenden Kindern, dem stressigen Beruf. Sie wollen sich vor komplizierten Entscheidungen drücken. Wir stellen aber auch fest, dass sie immer wieder zu uns zurückkehren, wenn sie ihre kleinen und großen Probleme gelöst haben.«

Sie sah verträumt an mir vorbei, und ihre Stimme wurde immer leiser. Offenbar lebte sie für ihren Job, so sehr hatte sie ihn verinnerlicht. Ich war jetzt richtig neugierig und wollte unbedingt wissen, worin ihre Aufgabe bestand. Und worin meine Aufgabe bestehen würde.

»Was ist mit dem Spaß?«, nervte ich sie. »Sie sagten, Ihre Mitglieder wären meinem Prinzen auf allen Gebieten überlegen.«

»Spaß … ah, ja.« Sie lächelte mich kurz an, dann schien sie aufzuwachen. Das Lächeln brach ab, als wäre Spaß ein schmutziges Wort. Sie faltete ihre Hände über meinem Lebenslauf. »Darauf komme ich noch zurück. Wir - das heißt ich selbst, die ich für das Tagesgeschäft zuständig bin, und Miss Breeze, die Sie draußen schon kennen gelernt haben. Sie ist die Managerin. Die vakante Position ist ihre Assistentin.«

Sie klopfte auf meinen Lebenslauf. »Wir versuchen, diese Einrichtung zu führen, dass sie wie ein Uhrwerk läuft, aber die Mitglieder sollen glauben, dass sie es sind, die die Geschäfte führen. Wir überwachen fast alles, von den Kochrezepten bis zur Dekoration, von den Drinks in der Bar bis zum Design in den Schlafzimmern. Dieses Gebäude ist uns ans Herz gewachsen, vom Mörtel bis zum Stein, und das erwarten wir auch von der neuen Angestellten.«

Ich nickte. »Damit kann ich mich identifizieren. Es ist ein erstaunliches Haus. Aber wie war das mit dem Spaßelement, das Sie mir noch erzählen wollten?«

Miss Sugar hörte auf, den Schreibtisch zu streicheln, den sie offenbar so sehr liebte wie Mörtel und Stein.

»Nun, wir planen alle möglichen Unterhaltungen für unsere Mitglieder, wenn sie in der Stadt sind. Wir haben ein offenes Ohr für ihre Forderungen. Wir ahnen ihre Wünsche. Gleichzeitig müssen wir sie mit Glacehandschuhen anfassen. Es ist eine sehr persönliche Dienstleistung, viel persönlicher als Sekretärinnenarbeit, kann ich Ihnen sagen.«

»Je weniger Sekretärinnenarbeit, desto besser«, rief ich aus und schlug alle Vorsicht in den Wind. »Ich sagte Ihnen doch, ich kann mich für alles erwärmen. Ich bin nach London zurückgekehrt, um das beweisen zu können. Werfen Sie den Lebenslauf weg, das war gestern, Miss Sugar. Jetzt suche ich eine Veränderung.«

Ich sah mich in ihrem altmodischen Büro um und erinnerte mich an das klassische Design im übrigen Haus, obwohl ich davon noch nicht viel gesehen hatte. Ich hatte noch keine Schlafzimmer gesehen und noch keine Mitglieder. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich diesen Job haben wollte.

Miss Sugar schien sich ein wenig beruhigt zu haben. »Wir suchen jemanden, der die Forderungen erfüllt. Die Bewerberin muss geschickt, gebildet und diskret sein.«

»Jemand, der das richtige Potpourri wählt.«

»Genau!«, rief sie und klatschte einmal kurz in die Hände, dann ließ sie sie wieder fallen. »Jemand, der den Kitzel hochhält, und zu jeder Tages- und Nachtzeit als Gastgeberin einspringt, entweder hier oder wo es unsere Mitglieder hinzieht. Manchmal erwarten sie Begleitung. Jemanden mit Geschmack, der teuer aussieht und sich nicht zu schade ist, still im Hintergrund zu bleiben, wenn das gewünscht wird.«

»Was Sie beschreiben, ist eine Kreuzung zwischen Haushälterin und Hure, nicht wahr?«

Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Ich bitte Sie, Miss Summers. Sie haben mich völlig missverstanden. Ich fürchte, Sie haben meine Einwände gegen Sie bekräftigt. Keine Ihrer Fähigkeiten, keine Ihre farbigen Erfahrungen, auch nicht Ihr besonderer eh … Stil, sind bei uns gefragt und …«

»Entschuldigen Sie, Miss Sugar. Haben Sie nicht von persönlicher Dienstleistung gesprochen?« Ich riss mein Jackett von den Brüsten zurück. Sie hatte ihre Entscheidung gegen mich schon getroffen, also hatte ich nichts mehr zu verlieren. Es war Zeit für eine Schocktherapie. »Persönliche Dienstleistungen sind ein Spezialgebiet von mir. Aber ich muss sagen, dieses Haus sieht nicht gerade wie ein Etablissement mit zweifelhaftem Ruf aus. Zuerst habe ich geglaubt, es handelte sich um ein seriöses Altersheim.«

Ich glaubte, draußen auf dem Flur ein Kichern gehört zu haben. Ich drehte mich um, weil ich sehen wollte, ob die dunkle Lady gehört hatte, was ich sagte, aber statt Miss Breeze sah ich eine große Gestalt, die den Flur mit einem leichten Schlurfen durchquerte. Der Mann trug einen klatschnassen Regenmantel und eine Mütze im Stil von Sherlock Holmes. Von seinem Gesicht konnte ich nur graue Stoppeln auf Wangen und Kinn sehen.

»Schönen Tag, Sir Simeon.« Miss Sugar knickste praktisch in ihrem Sessel. Ich starrte sie an, dann ihn. Er sah wie der lokale Tramp aus, der Schutz vorm Regen suchte. Er blieb vor der Tür stehen. Ich sah klare blaue Augen und hohe Wangenknochen. Er tippte an seine exzentrische Mütze, dann schlurfte er davon.

Miss Sugars blasses Gesicht hatte zwei pinkfarbene Punkte auf jeder Wange. Mit zitternden Händen nahm sie die Brille ab und drückte ihren Nasenrücken.

»Einer Ihrer Freier? Entschuldigung - Mitglieder?«, fragte ich. Miss Sugar schüttelte den Kopf, strich über ihre Haare und reichte mir meinen Lebenslauf zurück.

»Er ist der Eigentümer des Clubs, Sir Simeon Symes. Begreifen Sie jetzt, wie falsch Sie mit Ihrer Vermutung liegen? Ich fühle mich beschämt, dass Sie glauben konnten, dieser einzigartige, edle Hafen wäre ein Bordell. Er ist eigentlich für das genaue Gegenteil entworfen. Frauen bleiben in fast allen Fällen draußen. Frauen, Freundinnen, Mätressen - sie sind es, die unsere Mitglieder nicht sehen wollen, wenn sie zu uns kommen. Ja, es gibt nur drei Frauen hier, die regelmäßig anwesend sind - ich, Miss Breeze und …«

Sie brach ab. Ihre Wangen waren immer noch pink, und in ihren Augen glitzerten Tränen der Wut. Ich hätte gern gewusst, wer die glückliche dritte Frau sein würde.

»Ich wollte Sie nicht beleidigen, Miss Sugar. Allmählich kann ich mir ein Bild machen, und es sieht immer verlockender aus.« Ich lächelte sie an und versuchte, sie aufzutauen. »Drei Frauen, Sir Simeon und ganze Horden dösiger Gents.«

»So will er es haben, ja. Der Gentlemen's Club ist sein Baby. Er ist unser Boss.«

»Er sieht nicht wie ein Sir aus. Er sieht eher wie ein …« Ich brach ab. Miss Sugar sah ganz verzaubert aus, und die Tür stand noch offen. »Warum führt Sir Simeon nicht das Bewerbungsgespräch mit mir, wenn er der Boss ist?«

»Das überlässt er alles mir. Verwaltung, Finanzen, die vielen Kleinigkeiten. Deshalb suchen wir eine Neue für den Betrieb an vorderster Front. Die Begrüßung der Gäste, die Partys, die Soireen, die Blumengestecke, die Begegnungen eins zu eins … Also, ich möchte Ihre Zeit nicht länger beanspruchen.

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