Logo weiterlesen.de
Genom

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16

Über den Autor

Alan Dean Foster zählt zu den produktivsten und beliebtesten Autoren unserer Zeit. Er hat bereits zahlreiche Bücher geschrieben, darunter viele New-York-Times-Bestseller. Zu seinen Werken zählen u.a. die »Alien«-Bände, der bekannte »Bannsänger«-Zyklus, die »Katechisten«-Trilogie sowie die »Homanx«-Serie. Foster ist ein Weltenbummler und lebt in Arizona.

1

»Lass uns den Toten ausnehmen.« Jiminy sah die frisch gewonnene Leiche mit gerunzelter Stirn an und hüpfte näher.

Aus der Nähe betrachtet machte der frisch verblichene Meld nicht viel her – aber schließlich war Jiminy Grille ja auch kein besonders guter Dieb, ebenso wenig wie sein gelegentlicher Kumpane Whispr. Nachdem Jiminy den noch immer warmen Beller wieder in sein Hemd gesteckt hatte, beugten sich die beiden Männer über den reglos daliegenden Meld mittleren Alters, der das Pech gehabt hatte, von ihnen als Beute auserkoren zu werden. Whispr war erleichtert, dass der Mann endlich aufgehört hatte zu keuchen. In der trügerischen Ruhe der Gasse in Savannah, in die sie den Körper geschleift hatten, war das lautstarke Luftholen des jetzt Toten zunehmend beunruhigender geworden. Doch inzwischen war es – ebenso wie er – verstummt.

Jiminy hatte seine Zweifel gehabt, ob der Beller so funktionieren würde wie gedacht. Bei einem zusammengeschusterten Teil wusste man das nie so genau. Er sollte jeden identifizieren, sei er Meld oder Natural, der mit einem Fib, einer Pumpe, einem Anhängsel, einem Schrittmacher, einer Flexprothese oder irgendeiner anderen Abart von künstlichem Herzen oder Herzzubehör herumlief – und dieses Teil mittels Knopfdruck zum Stillstand bringen. Mit einem Beller konnte man sehr unauffällig einen Mord begehen. Für den Bediener sehr viel wichtiger war jedoch, dass das Ganze auch geräuschlos verlief. Nachdem der Kurzstreckenscanner des Bellers den Fußgänger in der Menschenmenge, die am späten Abend noch unterwegs war, entdeckt hatte, waren Whispr und Jiminy dem Mann gefolgt, bis sie die Gelegenheit hatten, sein Herz aus der Ferne anzuhalten und die Leiche, die sie daraufhin vor sich hatten, zu durchsuchen.

Opfer und Täter waren in diesem Fall Melds. Jiminys Beine waren verlängert, modifiziert und mit nanokarbonischen Prothesen verstärkt worden, sodass er Entfernungen mit einem Satz überbrücken konnte, die olympische Weitspringer verblassen ließen. Unglaublich nützlich, um vor Verfolgern zu flüchten. Eher störend, wenn man sich eine stinknormale Hose im Geschäft kaufen wollte. Jeder seiner knochenveredelten, verlängerten Hüftknochen war jetzt doppelt so lang wie der eines Naturals gleicher Größe. Die unglaublich kraftvollen, schnell reagierenden Muskelfasern in den gebundenen Proteinanhängen, die seine Beinknochen umgaben, waren dreimal so dick wie normal, und die dazugehörigen Sehnen hatte man aus synthetischer Spinnenseide angefertigt.

Diesen Meldbeinen verdankte Jiminy auch seinen Spitznamen, den er eher beiläufig bekommen, dann jedoch beibehalten hatte. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein anständiger Kurier, der problemlos von Plattform zu Plattform und Straße zu Gehweg springen und die zahlreichen Kanäle und Wasserwege überqueren konnte, die Old Savannah jetzt durchkreuzten. Tatsächlich ermöglichten sie es ihm jedoch vor allem, auch dem hartnäckigsten Verfolger zu entrinnen. Vom Abend bis in die frühen Morgenstunden ging er seinem wahren Beruf nach und verdiente seine Kohle. Der Kurier im Tageslicht war nur eine Maske, die das Mondlicht immer wieder beseitigte.

Anders als sein Freund hatte Whispr seinen Meldnamen nicht von anderen erhalten, sondern selbst ausgewählt. Sein offizieller, behördlich bekundeter Name lautete Archibald Kowalski. Jeder in seiner Familie war groß gewesen – allerdings diente »groß« in seiner Familie als höfliche Umschreibung für »dick«. Und es war übel, als dickes Kind aufzuwachsen. Doppelt übel, wenn man ein dickes armes Kind war. Als Archie dann endlich vor dem Gesetz volljährig wurde und vor der Wahl stand, ein Natural zu bleiben oder seine erste legale Meld durchzuziehen, beschloss er … schlank zu werden. Nicht natürlich schlank, was er mithilfe einer Diät oder sogar schlichter traditioneller Operationen vermutlich geschafft hätte, sondern unnatürlich schlank. Meldschlank.

Im Vergleich zum Großteil der komplexen Meldoperationen war diese relativ einfach. Ihm wurden einfach die Hälfte des Magens und der Großteil seiner Eingeweide entfernt. Stattdessen erhielt er einen mit einer Treibstoffzelle betriebenen post-verdauungsfördernden NEM (Nährstoffentzieher und -maximierer), der seine Energie aus den belebenden Flüssigkeiten bezog, die er zu sich nahm. Komplettiert wurde das Ganze durch einen kompakten Nahrungsprozessor. All das waren keine speziell angefertigten Komponenten, sondern sie stammten alle aus der Massenproduktion. Und so musste es auch sein, denn selbst mit der Erstmeld-Anleihe, die er aufnehmen musste, hatte er sich nichts Besseres leisten können.

Seitdem hatte Archie mit dem Geld, das er und Jiminy durch ihre »Freizeitaktivitäten« verdienen konnten, weitere personalisierte bioganische Komponenten für den Humeld, den er jetzt darstellte, hinzukaufen können: eine Karbopresse, Muskelverstärkungen und vor allem eine komplette Knochendurchlüftungsbehandlung. Als Resultat daraus konnte er mit seinen gut eins achtzig gerade mal fünfzig Kilogramm Gewicht aufweisen und war laut allen Tests und Messungen durch und durch gesund, von der Herzfrequenz bis hin zur Hautfarbe. Ein Bonus, den er dem ausgewählten Meld verdankte, war, dass seine Cholesterin- und Triglyzeridwerte niedriger waren als bei einem gewöhnlichen Flussmolch. Er und seine gertenschlanke Gestalt stellten jedoch nichts Außergewöhnliches dar. Nicht im Vergleich zu einem Durchschnittsmeld – und erst recht nicht, wenn man sich einen ansah, der von vorne bis hinten nach Kundenwunsch angepasst worden war.

Er konnte durch Nischen zwischen Gebäuden schlüpfen, durch die ihm die Polizei nicht folgen konnte, und in Spalten huschen, die zu eng oder zu schmal für die intelligenteren, aber weniger drahtigen Diebe waren. Dank seines auf ewig verringerten Gewichts ging er immer so, als hätte er es sehr eilig. Diese leichtfüßige Gehweise hatte bewirkt, dass er sich für den Meldnamen Whispr entschieden hatte. Doch anders als bei Jiminy hatte sich dieser nicht völlig auf seine nationale Identität ausgewirkt. Der Zensus kannte ihn weiterhin als Archibald Kowalski. Nur Freunde und Hehler waren daran gewöhnt, ihn Whispr zu nennen.

Jiminy und er hatten den Fußgänger, der alleine unterwegs war, jedoch nicht wegen seiner Herzteile ausgesucht. Herzteile waren so gewöhnlich wie … nun ja, wie Melds eben. Perverserweise hatte die linke Hand des Mannes ihre Aufmerksamkeit erregt. Als das Gesicht ihres verblichenen Besitzers auf dem alten Pflaster der Nebenstraße lag, konnte Whispr die Hand endlich richtig in Augenschein nehmen, während sein Partner einen kompakten Satz Entkopplungswerkzeug aus seinem faszinierend geräumigen Hemd holte und sich an die Aufgabe der Ampuszierung machte. Ein Stück entfernt vom Tatort des Verbrechens sauste ein elektrisches Fahrzeug auf seinem vorbestimmten Weg die Einbahnstraße entlang, damit seine Passagiere den historischen Bezirk der Stadt bewundern konnten, und machte dabei kaum mehr Lärm als Whispr selbst.

In einer Zeit, in der der Meeresspiegel stark angestiegen war, hatte es sich als leichter herausgestellt, die alten Gebäude, Lagerhäuser und stattlichen Wohnhäuser zu erhalten, als die natürliche Vegetation zu bewahren, zwischen der sie errichtet worden waren. Anders als ein Großteil der einheimischen Flora, der die tiefer liegende Ostküste der früheren Vereinigten Staaten beherrschte, waren die aufrechten Zypressen problemlos dazu in der Lage gewesen, mit dem ansteigenden Wasser fertig zu werden, das Teile des alten Stadtbereiches überschwemmt hatte. Doch die meisten anderen Bäume und Büsche brauchten viel mehr Pflege und Fürsorge, damit sie überleben konnten. Im historischen Bezirk waren ganze Blöcke mehrfach komplett angehoben worden. Wie ähnliche Gebäude in Charleston, Port Royal und bis hinunter nach Jacksonville, die der Erhaltung für würdig befunden worden waren, hatte man sie schließlich auf hydraulische Plattformen gestellt. Daher sah Old Savannah noch ebenso bemerkenswert aus wie im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, nur dass der warme Atlantik nun träge unter den verstellbaren Stelzen dahinschwappte, die dafür sorgten, dass die Altstadt hoch genug lag, um trocken zu bleiben.

Die Altstadt war immer voller Touristen. Und die Touristen besaßen immer Kreditkarten und andere für den finanziellen Transfer benötigte Instrumente sowie bemerkenswerte Gegenstände und nützliche Körperteile, sodass sich Whispr und Jiminy gern hier aufhielten, wenn sie ihren Tagesjob hinter sich hatten, um nach Opfern Ausschau zu halten.

Whisprs Kumpan arbeitete mit den Geräten aus dem gut gepflegten Werkzeugsatz schnell und effektiv, sodass er die Hand schon halb abgebaut hatte. Obwohl Jiminys Hände natürlich und ohne Melds waren, konnte er gut damit umgehen. Während sein Freund arbeitete, beschäftigte sich Whispr damit, den Straßenverkehr in einiger Entfernung im Auge zu behalten und die Taschen des Toten zu durchsuchen, wobei er sich die Zeit nahm, nach verborgenen diebstahlsicheren Vorrichtungen zu suchen, die in den Stoff eingenäht oder eingeschweißt worden waren. Überrascht stellte er fest, dass sich die Brieftasche des Mannes lose und ungesichert in einer der vorderen Taschen befand. Eine derart schlampige Einstellung zur persönlichen Sicherheit ließ auf eine kriminelle Nachlässigkeit hinsichtlich der persönlichen Schutzmaßnahmen schließen. Oder, schlimmer noch, dass die Brieftasche gar nichts enthielt, was sich zu klauen lohnte. Andererseits war da jedoch die Hand, deren Konstruktion vermuten ließ, dass ihr Besitzer ein Mann mit gewissen Mitteln oder zumindest Zugang zu beachtlichen Ressourcen war.

Bei genauerem Hinsehen konnte er erkennen, dass es sich bei der Meldkomponente, die sein Partner gerade vorsichtig ausbaute, um ein außergewöhnliches Stück handelte. Navahopi-Bauart, möglicherweise. Oder es war ein Import, vielleicht aus Russland oder Israelistan. Als eine Enthüllung nach der nächsten zum Vorschein kam, stiegen ihre Aufregung und ihre Erwartungen gleichermaßen an. Doch je länger Jiminy arbeitete, desto mehr machte Whisprs anfänglicher Enthusiasmus in seinem halben Magen einem langsamen Rumoren seines Abendessens Platz. Es wurde zunehmend klarer, dass das, was die Grille da ampuszierte, kein gewöhnliches Meldaccessoire war. Was wiederum zu der Vermutung führte, dass es sich bei ihrer abendlichen Beute auch nicht um einen gewöhnlichen Touristen handelte.

Vielleicht war er sogar derart ungewöhnlich, dass andere nach ihm suchen würden.

Als die vielfältigen Prozesse hinsichtlich von Reparatur, Austausch und Regeneration erstmals erschwinglich und weitreichend verfügbar geworden waren, hatten viele Menschen beschlossen, sich äußerlich so zu verändern, dass sie ihrem wahren Ich entsprachen. Erst später, als es nicht nur in der Gesellschaft akzeptiert, sondern sogar modern geworden war, seine Melds zu präsentieren, hatten sich zusätzliche kosmetische Ausgaben als unnötig erwiesen. Die vorherrschende Meinung diesen Menschen gegenüber war nun dieselbe, wie man sie auch den Käufern teurer privater Fahrzeuge oder kostbaren Schmucks entgegenbrachte. Wenn man sich ein teures Körperaccessoire leisten konnte, wieso sollte man es dann nicht auch herzeigen? Wo war der Unterschied zwischen einer Tätowierung und einem blauen Ich? Und nun glänzten die Titanfäden und Karbonfasern der Handprothese des Toten im gedämpften Licht der Gasse, ohne dass sie auch nur von einem Fetzen menschlicher Haut bedeckt waren.

Es war eine so feine und präzise Arbeit, wie Whispr sie noch nie gesehen hatte. Der Übergang von Metall und Karbonfasern zu Knochen, Sehnen und Muskeln geschah nahtlos. Man konnte nicht erkennen, wo die organischen Bestandteile aufhörten und die Modifikationen anfingen. Um nicht nur das rudimentäre Zufassen zu ermöglichen, war jeder Finger weiter angepasst worden, sodass er eine andere Aufgabe erfüllen konnte, vom Schreiben in der Luft bis hin zur Kommunikation. Die Hand des Toten war in ein bemerkenswertes fünfgliedriges tragbares Büro verwandelt worden.

Jiminy kicherte leise vor sich hin, als er sich bemühte, das Teil von seinem ehemaligen Besitzer zu trennen. »Heilige Scheiße, das ist ja was ganz Feines! Muss Zehntausende gekostet haben, das Ding herzustellen und anzupassen. Der Schlucker wird uns genug Subsist für sechs Monate dafür geben.« Er strengte sich jetzt richtig an. Ein chirurgisch verbesserter Meld oder sogar ein Natural wäre inzwischen damit fertig gewesen, doch die erforderlichen weiteren Einbauten hätten nicht zu Jiminys ausgewähltem Meld-Ich gepasst. Außerdem besaß er auch nicht das angeborene Hirnschmalz, um ein Medmeld zu sein. Er konnte besser laufen. Und töten. So wie Whispr.

Der Unterschied zwischen ihnen bestand darin, dass Whispr das bewusst war. Er hatte sich seine mentalen Einschränkungen stets vor Augen gehalten. Möglicherweise hatte er sich deshalb für ein Meld entschieden, durch das er unauffälliger geworden war als die meisten. Jiminy war ein verwegener, manchmal sogar unverschämter Jäger. Whispr war schüchtern.

Und vorsichtig. Während die Grille die Sache zu Ende brachte, sah ihr schlanker Gefährte immer häufiger zur Straße hinüber. Doch kein Polizist tauchte auf, keine Fremdenführer oder Leiter suchten nach ihrem abhandengekommenen Schützling. Für eine improvisierte Jagd war alles reibungslos gelaufen.

Der Schweiß, der an Whisprs dürrem Körper herunterlief, beruhte nicht auf seiner Unruhe. Die Küste von Carolina reichte völlig aus, um derart zu schwitzen. Hier war es immerzu heiß und tropisch, klimatechnisch gab es keinen Unterschied zur Küste von Zentralbrasilien mehr. Es hieß, dass es früher im Herbst und Winter kühl gewesen wäre, manchmal sogar richtig kalt. Doch diese Wetterbedingungen waren seit der Klimakatastrophe Geschichte. Savannah war ebenso tropisch wie Salvador.

Whispr überlegte, dass er sich eines Tages auch die Schweißdrüsen entfernen lassen könnte. Er kannte einige Leute, die das bereits getan hatten. Doch das daraus resultierende ständige Keuchen, mit dem man das Meld kompensieren musste, war ziemlich unattraktiv und rief außerdem die unausweichlichen Witze mit Hundebezug hervor.

»Ich wüsste zu gern, was dieser Kerl gemacht hat«, murmelte er leise.

Jiminy antwortete, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. »Vielleicht war er eine Art Schreiber. Oder ein Buchhalter. Seine körperlichen Eigenschaften haben ihn bestimmt nicht über die Runden gebracht.« Er stöhnte leise, als er versuchte, die letzten Gewebeverbindungen aufzulösen, ohne die Schnittstellen mit der Prothese dabei zu beschädigen. »Der kommt bestimmt aus New York oder London. Hoffentlich hatte er die Chance, die gute Südstaatenküche zu probieren, bevor er uns begegnet ist. So!«

Die Hand glitt sauber in Jiminys Finger. Es tropfte nur ein kleines bisschen Blut herab. Die Grille war kein Chirurg, aber stolz auf die geleistete Arbeit. Whispr bemühte sich, seine ihm eigene Melancholie zu unterdrücken. Er versuchte, sich das Glänzen in den Augen des Schluckers vorzustellen, wenn er alle vier – zwei natürliche und zwei Meldaugen – auf das abgetrennte Körperteil richtete. Mit einem leichten Grinsen sagte er sich, dass für Whispr und die Grille einiges an Kohle dabei rausspringen würde.

Als sein Gefährte ihren fünffingrigen Schatz in seinem dicken Rucksack verstaute, bemerkte Whispr den Faden.

Er stach ihm auch nur deshalb ins Auge, weil er sich im indirekten Licht in der Gasse etwas von der Umgebung abhob und weil Whispr lange genug neben dem Toten gekniet und sich mit der Topografie des Leichnams vertraut gemacht hatte. Wäre er dem Mann auf der Straße begegnet oder hätte er angehalten, um sich mit ihm zu unterhalten, dann wäre ihm das niemals aufgefallen. Zeit, Licht und besondere Umstände schienen sich verschworen zu haben, damit er ihn entdeckte.

Er beugte sich näher an die bewegungslose Brust der Leiche und zog eine Mag aus einer seiner Taschen. Diese befestigte er vor seinem rechten Auge, wo sie sich augenblicklich an seine Sicht anpasste. Durch eine sanfte Verstärkung oder Verringerung des Drucks der Muskeln rund um das Okular konnte er den Vergrößerungsfaktor anpassen.

Sein Interesse war durchaus berechtigt. Durch die Linse konnte er die winzigen Glieder, die beide Seiten des Fadens innerhalb der Brusttasche des Mannes an Ort und Stelle hielten, gerade so erkennen.

»Gib mir mal deine Pinzette.« Ohne seinen Blick abzuwenden, streckte er die Hand zu seinem Partner aus.

Jiminy starrte angespannt in Richtung der belebten Straße, während er das gewünschte Werkzeug hervorholte. Als er sich hinhockte, befanden sich die Kniescheiben seiner verlängerten Beine oberhalb seines Kopfes, sodass er mehr denn je wie sein Arthropodennamensgeber aussah.

»Hey, was hast du entdeckt? Einen verborgenen Creditstick?«

»Ne, keine Ahnung, was das ist. Es wurde in die Tasche eingenäht. Vielleicht ein Speichergerät.« Als die perfekt miniaturisierten Glieder den Spitzen der Pinzette nachgaben, konnte er das obere Ende des Fadens lösen. »Wenigstens gibt es an einem Ende einen Anschluss. Er ist winzig, aber ich kann ihn sehen.«

Soweit es ihm seine monströsen Gliedmaßen ermöglichten, beugte sich Jiminy zu Whispr hinüber, um dann zweifelnd anzumerken: »Das sieht für mich eher wie ein Faden aus. Keine Ahnung, woraus er gemacht wurde, aber das hat nichts zu bedeuten. Sieht aus wie Metall, könnte aber auch was anderes sein. Ein ziemlich beeindruckendes Teil, wenn du mich fragst, was immer es auch ist.«

Whispr nickte und ließ den herausgezogenen Faden vorsichtig in eine leere Aufbewahrungstasche gleiten. Dann hob er das rechte Bein und strich mit einem Finger an der Schuhseite entlang. Nachdem sein Pulsschlag erkannt worden war, glitt sie auf und gab ein kleines, wasserdichtes Fach frei. Sorgsam legte er das Päckchen hinein und ließ die Sohle dann wieder zuschnappen.

»Ich habe das Material auch nicht erkannt, und der Anschluss ist zwar klein, sieht aber nach Standard aus. Alles, was wir jetzt noch brauchen, ist ein Lesegerät.«

Mit nach vorn gerichteten Knien sprang Jiminy auf die Beine. »Vermutlich ist das Ding voller Familienbilder, vielleicht ist auch noch ein Adressbuch drauf. Nichts Außergewöhnliches. Nichts, was sich zu Subsist machen lässt, schätze ich.«

»Denkst du?« Normalerweise widersprach Whispr seinem intellektuell überlegenen Partner in derartigen Angelegenheiten nicht, dieses Mal konnte er es jedoch nicht lassen. »Wenn das alles ist, was da drauf ist, warum gibt er sich dann so viel Mühe, es zu verstecken? Warum bewahrt er es nicht einfach in seiner Brieftasche auf?«

Jiminy zögerte und nickte dann zustimmend. »Gutes Argument. Ich bin deiner Meinung. Wir schließen es an ein Lesegerät an.« Erneut warf er dem Toten einen Blick zu. Die ampuszierte Stelle blutete nicht mehr. »Wir sind hier fertig.« Er schnallte sich seinen Rucksack auf den Rücken. »Lass uns mit dem Schlucker um Geld feilschen gehen.«

Niemand sah in ihre Richtung oder stellte sich ihnen in den Weg, als sie auf Jiminys zweirädrigem Scooter vom öffentlichen Parkplatz sausten. Wie jedes andere Privatfahrzeug auf den Straßen der Stadt wurde auch dieses mit Strom betrieben, und der vordere Teil war so umgebaut worden, dass die dreifach verlängerten Meldgliedmaßen des Besitzers auch Platz fanden. Jiminy fuhr in Richtung Süden aus dem von Touristen übervölkerten Gebiet hinaus und lenkte den Scooter auf eine Fahrspur, die nur für zweirädrige Fahrzeuge reserviert war, schaltete die Automateds ein und konnte seine Finger entspannt auf das U-förmige Lenkrad legen, als die Straßenintegrale die Kontrolle über ihre Fahrtrichtung und -geschwindigkeit übernahmen.

Auf dem Beifahrersitz hinter ihm entspannte sich Whispr und wandte den Blick von dem Rucksack, in dem sich die abgetrennte Hand befand, ab, um die vorbeirasenden Lichter der Stadt zu betrachten. Wie immer in solchen Momenten schloss er seine Augen fast komplett, um das Glühen in einen schwarz umrandeten Regenbogen zu verwandeln. Die Metropole Savannah hatte sich vor allem ins Landesinnere in Richtung Westen ausgebreitet. Dank beweglicher Stelzen, schwebender Parzellen und anderer fortschrittlicher hydraulischer Technologie war auch eine geringe Expansion gen Norden und Süden entlang der Küste möglich gewesen, doch die Kosten dafür konnte man im Vergleich zu den Bauten an Land auf trockenem, höher gelegenem Boden nur als untragbar bezeichnen.

Die stetige Beschleunigung sorgte dafür, dass sie die Vororte bald hinter sich gelassen hatten. Nun befanden sie sich im Reich der schwebenden Städte, mobilen Dörfer und der tropischen Weite, die das flache Land, den Rest dessen, was vom bewohnten Florida übrig geblieben war, bis hoch zur Chesapeake Bay zurückerobert hatte. Isolierte größere Siedlungen, die dieselben klimasensitiven, flexiblen Deichsysteme nutzten, die Old D. C. schützten, bildeten Oasen aus trockenem Land unterhalb des Meeresspiegels, die überall verteilt zwischen dem Schilf, dem Dschungel und den beeindruckenden Mangrovenwäldern lagen. Östlich der dauerhaften Stadtkerne konnte man gewaltige Orkanbarrieren erkennen, die flach am Ufer lagen, aber jederzeit aufgestellt werden konnten, sobald der Wetterdienst Alarm gab.

Whispr wusste, dass diese Jahreszeit den Vorhersagen zufolge relativ mild werden sollte und man mit nicht mehr als zwei Dutzend Stürmen rechnete, die das Festland erreichten. Auch wenn er kein 3M (modifizierter Meldmarscher) war, freute er sich auf die Orkane. Das lag daran, dass immer irgendwo etwas zerstört wurde, auch wenn die alarmierten Bewohner die üblichen traditionellen Vorkehrungen trafen, was wiederum bedeutete, dass es Waren und Materialien zu plündern gab, die sich später zu Geld machen ließen.

Zusammen mit Jiminy genehmigte er sich zur Feier des Tages ein frühes Abendessen in einem beliebten Fischrestaurant, wo sie auf eine Busladung voller Touristen vom Mars stießen. Trotz ihrer dicken schwarzen Haut, die die schwachen Strahlen der Sonne absorbieren konnte, speziell geformten Hornhäuten, die ihre Augen vor dem rauen UV-Licht auf dem Mars schützten, einem deutlich vergrößerten Brustkorb, in dem sich vier anstatt nur zwei Lungenflügel befanden, der die Atmung reduzierenden Masken, die sie trugen (ein Marsianer würde in der weitaus dichteren Atmosphäre auf der Erde sonst ersticken) und den anderen biogenen Mods, die erforderlich waren, damit ein Mensch auf der Oberfläche des Roten Planeten überleben konnte, erregten sie kein größeres Aufsehen als die etwa fünfzig terrestrischen Melds. Hätte es sich um Touristen vom Titan gehandelt, dann hätten Jiminy und Whispr sie vermutlich angestarrt. Die auf dem Titan einheimischen Melds waren auf der Erde ein seltener Anblick, da nur wenige den exorbitanten Reisepreis zum Verlassen des fernen Mondes aufbringen konnten. Aber Marsianer … Die beiden Männer beachteten sie kaum.

Außerdem mussten sie auch nach Polizisten Ausschau halten.

Ihre Kellnerin war Ende dreißig, hatte auf der einen Kopfseite blonde und auf der anderen rote Haare und besaß vier Arme. Man konnte nicht auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Armen sie geboren worden war und welches die nachfolgenden Biogene waren. Mehrere Gliedmaßen waren ein bevorzugtes Meld nicht nur bei Kellnerinnen, doch alle Mehrarmigen wurden von der Bevölkerung vor allem als Taschendiebe angesehen und entsprechend behandelt. Sue-Ann (das stand auf ihrem Namensschild) war jedoch nur interessiert daran, Teller voller frittiertem Katzenfisch, frittierten Krabben, frittierten Muscheln und frittiertem Hühnchen mit frittierten Okras als Beilage zu servieren. Wenn es der Kunde wollte und er entsprechend hungrig war, konnte er sein Essen auch gleich auf einem entsprechend gewürzten essbaren Teller bestellen. Dieser war selbstverständlich ebenfalls frittiert.

Obwohl die beiden Diebe den Verkauf noch nicht abgeschlossen hatten, wollten sie sich jetzt etwas gönnen. Whispr ließ sich auf einem Naturalstuhl nieder, während sein Begleiter auf einem Teppichkissen Platz nahm. Ihr Tisch sah zwar so aus, als wäre er aus einer alten Schiffsluke hergestellt worden, doch er ließ sich auf vielfache Weise anpassen, um die Bedürfnisse Dutzender verschiedener Melds zu befriedigen. Jiminy konnte den Bereich vor sich so weit absenken, bis er ihn auf Brusthöhe vor sich hatte. Das Essen war köstlich und preiswert, und niemand in dem ländlichen Restaurant warf auch nur einen Blick in ihre Richtung.

Der Meldmixologe, der wie die Kellnerin über vier Arme verfügte, hielt hinter einer Bar aus zusammengeschweißten Metallplatten Hof, die man aus uralten, kohlenwasserstoffbetriebenen Fahrzeugen geschnitten hatte. Eine echte Antiquität, dachte Whispr, während er sie musterte. Etwas, das in ein Museum gehörte oder in das Hinterzimmer eines Schluckers, der es im Ugweb anbot, um damit mächtig viel Subsist zu verdienen.

Zwei hiesige Austernfischer kamen herein. Sie stellten ihre Melds nicht zur Schau. Laut dem Gesetz durften Austern in den Sümpfen und Buchten nur auf die altmodische Weise, also mit der Hand und von kleinen Booten aus, eingebracht werden. Ein stämmiger Einheimischer hatte sich drei Finger der linken Hand zu einem Austernschalenöffner transformieren lassen. Das war natürlich nur ein bescheidenes Meld, aber dennoch eines, mit dem Whispr lieber nicht im Kampf konfrontiert werden wollte.

Die geschwätzigen Austernfischer wollten jedoch nur trinken und nicht kämpfen. Miteinander plaudernd, gingen sie an den Marsianern vorbei und machten sich an der Bar breit wie eine sonnenverbrannte Woge aus Prahlerei, protzigen Stiefeln und Proletengeruch.

»Füllt sich langsam.« Jiminy wischte sich den Mund ab, warf die Serviette auf seinen (nicht essbaren) Teller, rappelte sich auf seine verlängerten Beine, drehte sich um und war mit zwei Sprüngen an der Tür. Dort wartete er auf Whispr. Aber er war es gewohnt, ständig auf jemanden warten zu müssen.

Es donnerte über dem Meer, als sie an der Küste entlangfuhren. Als er vom überdachten Sitz des Scooters nach links blickte, konnte Whispr Blitze erkennen, die vor dem Mond tanzten. Da er noch nicht die Zeit gefunden hatte, sich den letzten Wetterbericht anzusehen (Jiminy und er waren zu sehr damit beschäftigt gewesen, jemanden umzulegen), wusste er nicht, ob der Sturm aus dem Landesinneren kam oder sich mit einem Niedrigdruckgebiet in Richtung Norden bewegte. Ersteres hätte er eindeutig bevorzugt. Regen mochte er sogar noch lieber als Orkane, auch wenn er dann unausweichlich das Ziel der üblichen Witzeleien wurde, in denen es darum ging, dass er dünn genug sei, um zwischen den Regentropfen zu stehen.

Sie fuhren eine Ausfahrt hinunter, und Jiminy übernahm wieder die Kontrolle über sämtliche Funktionen des Scooters, die die Integrale des Highways bisher gesteuert hatten. Hier draußen in dem Labyrinth an Kanälen, natürlichen Drainagerohren, Sümpfen, stellenweise dichten Waldgebieten und den Überresten höher gelegener Gegenden herrschte so gut wie kein Verkehr. Die Nebenstraße, die auf Pylonen aus wabenförmigem Schaum hoch über dem Sumpf und dem Wasser verlief, war gerade breit genug für den Scooter und viel zu schmal für einen normalen Wagen. Das stellte für die abgelegen wohnenden Siedler und Fischer in diesem Delta allerdings kein Problem dar, da diese meist mit einem Hydroskim in die Stadt reisten. Die Wasserwege in der Umgebung von Savannah ließen sich auch deutlich einfacher befahren als die reparierten Küstenstraßen und mussten nie aufgrund von Bauarbeiten gesperrt werden. In der Ferne näherte sich ein großes Containerschiff mit sechs Masten langsam der Küste und nahm Kurs auf den Hafen von Savannah.

Auf vier einzelnen, durch Wege miteinander verbundenen Plattformen lag die Kombination aus Pfandhaus und Laden des Schluckers über dem Schilf und Sauergras und sah aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Das war auch tatsächlich passiert, sogar mehr als ein Mal. Nach jedem Zwischenfall hatte sich der Besitzer nicht unterkriegen lassen, sondern sein Geschäft größer, besser und schlampiger als zuvor wiederaufgebaut. Berge aus geplünderten Maschinenteilen häuften sich meterhoch und gefährlich auf zwei der Plattformen. Es war nur wenig Rost daran zu erkennen. Niemand nutzte im amerikanischen Süden noch Dinge, die rostanfällig waren. Nicht wenn moderne Materialien und Überzüge weitverbreitet und preiswert zu haben waren, mit denen sich Korrosion vermeiden ließ.

Doch diese Ressourcen konnten nicht verhindern, dass sich Sumpfgewächse von Epiphyten bis zu Moosen in jeder Ritze des Inventars festsetzten. Manchmal versprühte er Unkrautvernichtungsmittel. Häufiger jedoch ließ er einfach alles wachsen. Solange seine Kunden in etwa erkennen konnten, was sich unter der gedeihenden Vegetation befand, war das seiner Meinung nach ausreichend.

Langsam kam Jiminy in dem kleinen, für Scooter reservierten Parkbereich zum Stehen. Auf robusten Pfosten ruhte er bei Flut ein Stück über der Küstenlinie direkt neben einem Pier. Dort lagen zwei angeschlagene, mitgenommene, oft benutzte Skims nebeneinander und schwammen wie riesige schmale Blätter auf dem dunklen Wasser.

Das Geschäft und das Büro des Schluckers gehörten zum runden Hauptgebäude, das diese Form hatte, um den ständigen Orkanen und Tidenwechseln besser standhalten zu können. Die dazugehörige Plattform war tief im Morast verankert, aus dem hier der Boden bestand, und das Gebäude erstreckte sich über zwei Stockwerke. Die wenigen Fenster in der unteren Etage waren gut gesichert. Besucher gingen im Allgemeinen davon aus, dass der Schlucker im zweiten Stock in Saus und Braus lebte. Sie gingen jedoch nur davon aus, denn niemand war je eingeladen worden, den Wohnbereich des Besitzers zu betreten. Jene, die den Schlucker näher kannten, drängten auch gar nicht auf eine solche Einladung. Es gab einige Dinge, die die Menschheit nicht wissen musste.

Zwei große weiße Fischreiher flogen von einem Pylonen davon, als die beiden Männer über den erhöhten Weg gingen, der wie das abgerissene Bein eines riesigen Krebses vom Parkbereich zum Hauptgebäude führte. Silbernes Metall glänzte in einem abgewrackten und geborgenen Wasserreinigungsblock mit industriellem Aussehen. Innerhalb der alten Maschine wanderte etwas Dunkles und Haariges langsam und lauernd herum: eine Vögel fressende Spinne, die sich hier eingenistet hatte. Aus dem hohen Gras war ein lautes Planschen zu hören, als sich eine Familie aus Wasserschweinen schnell vor den Menschen zurückzog, um ja kein Risiko einzugehen. Als langjährige Bewohner der Südostküste wussten sie, dass sie als Delikatesse galten.

Die automatisierten äußeren Sicherheitsanlagen des Ladens hatten bereits beim Nahen des Scooters Alarm geschlagen, sodass der Schlucker sie beim Eintreten bereits im zentralen Ausstellungsraum erwartete. Der große runde Raum mit hoher Decke war bis zu den Sparren vollgestellt mit Waren jeder nur denkbaren Form, Größe und Funktion: Hier fand man alles von Antiquitäten, die in Old Savannah geplündert worden waren, bis hin zu Trommeln, in denen die neusten flüssigen Juwelen hingen. Der Weg zum donutförmigen zentralen Tresen und dem Einmannfahrstuhl in seiner Mitte verlief immer wieder anders um die ständig hin und her bewegten Warenhaufen auf dem Boden herum. Da sie die Dienste des Ladens bereits mehrfach in Anspruch genommen hatten, konnten sich Whispr und Jiminy dem Besitzer trotzdem ohne Zuhilfenahme einer Karte nähern.

Der Schlucker war nicht das einzige Lebewesen auf der zugestellten Erdgeschossebene. Wenigstens ein Dutzend Katzen streiften auf den Haufen herum und schlichen auf den Streben aus gesponnenem Karbon entlang, die den zweiten Stock abstützten. Natural- und Meldkatzen lebten ebenso frei und unbeschwert nebeneinander wie ihre menschlichen Gegenstücke. Diese hier hatte er alle gerettet. Der Schlucker war ein Mann voller Widersprüche, der einem möglichen Betrüger ohne nachzudenken die Beine wegpusten und ihn dann zwingen würde, zurück nach Savannah zu schwimmen, was durchaus bekannt war, doch er gab auch Tausende aus, um das Leben eines verletzten Tieres zu retten. Whispr zuckte bei dem Gedanken mit den Achseln. Persönliche Vorlieben waren eben bei jedem anders. Was ihn anging, so war ihm die Zuneigung zu Tieren ebenso gleichgültig wie die zu anderen Menschen.

Der Schlucker, der soeben auf einen Monitor geblickt hatte, rülpste leise und drehte sich zu ihnen um. Er fragte nicht, ob sie bewaffnet waren. In diesem Fall hätte die Ladensicherheit sie nie vom Parkbereich und erst recht nicht auf den erhöhten Weg zur Vordertür gelassen. Der Mann mit der dunklen Haut, wenngleich nicht so schwarz wie die eines Marsianers, hatte einen wilden Bart und war dicker als Whispr und Jiminy zusammen. Als er gefragt worden war, warum er seine mächtige Gestalt nicht durch ein Meld formen oder sich zumindest das Fett absaugen ließ, hatte er zufrieden verkündet, dass er nicht nur sehr stolz auf sein Erscheinungsbild war, sondern auch darauf, dass es sich dabei um natürliches Fett handelte.

»Wenn ich etwas Gutes esse«, hatte er ohne zu zögern verkündet, »dann will ich auch, dass man das Resultat sieht.«

Whispr hatte damals erkannt, dass die Welt voller unerklärbarer Perversitäten war, die nicht alle vom endlosen Erfindungsreichtum des Meldens abhingen.

Auch wenn der Schlucker nicht bereit war, seinen Körper in dieser Hinsicht zu verbessern, so war er in beruflicher Hinsicht durchaus anpassbarer. Über den natürlichen Augen, mit denen er geboren worden war, untersuchten zwei spezialisierte Okularmelds die Welt um sie herum mit kaltem Blick. Sie hatten es erforderlich gemacht, seine Stirn außerdem etwas zu strecken. Ein Auge stellte eine Lupe mit erstaunlichem Vergrößerungsvermögen dar, während das andere bis weit in das ultraviolette Spektrum hineinsehen konnte. Zusammen ermöglichten sie es ihrem Besitzer, die zahlreichen Objekte, die ihm angeboten wurden, auf ihre Echtheit zu überprüfen, seien es nun hochwertige Meldkomponenten oder kostbare Juwelen, von denen sich ihre Besitzer nicht bereitwillig getrennt hatten. Eher als Accessoire denn als Hilfsmittel hatte sich der Schlucker eine altmodische Brille anfertigen lassen – mit vier Gläsern, zwei unten und zwei oben. Wenn er sie trug, wurde sein außerweltliches Erscheinungsbild ein wenig abgemildert. Das war in geschäftlicher Hinsicht hilfreich, da an dem Mann eigentlich nichts Mildes zu erkennen war.

Dicke Finger schlangen sich um Jiminys deutlich kleinere Hand und wickelten sie förmlich ein. »Dich kenne ich, Grille.« Dann lockerte sich ihr vorsichtiger Griff, und sie wackelten vor dem zweiten Besucher herum. »Und wie geht es deinem Kumpel, dem Strohhalm mit den traurigen Augen, heute?«

Jiminy neigte den Kopf in Richtung des schweigenden, vor sich hin starrenden Whispr. »Der ist wie immer gut drauf. Wir haben gerade sehr gut im Bug Shack gegessen.«

Die doppelten Augenbrauen des Besitzers wurden nach oben gezogen. »Ihr habt auswärts gegessen? Willst du mir damit sagen, dass ihr Jungs heute fleißig wart?«

Mit einem Zwinkern nahm Jiminy seinen Rucksack ab. »Es war nichts Besonderes. Nur ein weiterer glücklicher Plünderungszug abseits der Straße.«

»So wie ich dich und deine Veranlagung kenne, war es für denjenigen wohl weniger glücklich.« Vier Augen blickten auf sie herab. »Was habt ihr mir mitgebracht?«

Sobald er hörte, wie ihr Gastgeber murmelnd seine Anerkennung über die ampuszierte Hand zum Ausdruck brachte, verlor Whispr das Interesse an den Verhandlungen. Er wanderte im hinteren Bereich des Geschäfts herum und betrachtete träge die zur Schau gestellten Handelswaren. Einige erkannte er, bei anderen wünschte er, sie sich leisten zu können, und wiederum andere bedeuteten ihm gar nichts. Eine der vielen Katzen des Schluckers wanderte an ihm vorbei, hielt kurz an und pfiff ein fröhliches Liedchen. Bei der Operation, die ihr das Leben gerettet hatte, hatte sie einen Kehlenmeld erhalten. Jetzt konnte sie singen wie ein Kanarienvogel oder eine Spottdrossel. Das war poetische Gerechtigkeit, fand Whispr. Er beugte sich zu ihr hinab und strich ihr einmal über den Rücken. Sie stellte den Schwanz auf und schnurrte, anstatt weiter zu pfeifen.

Hunderte von Behältern, einzelne Maschinenteile, besondere geplünderte Melds sowie weitere Handelswaren hingen von der Decke. Der Laden des Schluckers war ebenso ein Paradies für Schnäppchenjäger wie für Katzen. Whispr war der Ansicht, dass der Mann doppelt so viel verkaufen würde, wenn er sein Geschäft im Landesinneren auf trockenem Boden, beispielsweise im Geschäftsviertel der Innenstadt von Savannah, aufmachen würde. Allerdings würde sein Laden dann vermutlich auch deutlich häufiger als jetzt einer offiziellen Prüfung unterzogen. Wie zahlreiche andere Geschäftsleute, die unter zweifelhaften Bedingungen agierten, zog auch der Schlucker die Anonymität der Vororte in den Sümpfen vor.

»Acht.« Jiminy hüpfte in kleinen Kreisen herum und gab sich Mühe, nicht mit dem Kopf gegen herunterhängende Waren oder hervorstehende Sparren zu stoßen. »Whispr und ich hatten großes Karma, sie zu finden. Wir wollen wenigstens acht dafür haben.«

»Ich kann mich glücklich schätzen, wenn ich sie für acht verkaufen kann.« Der Schlucker wirkte weniger aufgeregt als sein Besucher, aber mindestens genauso entschlossen. »Ich kann euch nicht mehr als drei anbieten.«

»Drei!« Die überdimensionierten Muskeln spannten sich an, und Jiminy ging im wahrsten Sinne des Wortes unter die Decke, streifte sie jedoch nur leicht. »Für drei kann ich mich ja gleich ausliefern und die Belohnung kassieren! Damit spar ich mir Zeit und Mühe!«

Der Schlucker holte einen kleinen Bildschirm aus der Tasche, entfaltete und aktivierte ihn und studierte die flackernde Anzeige. »Wohl eher dreieinhalb, aber ich gehe auf vier, da wir schon viele Geschäfte gemacht haben und in Zukunft vermutlich noch viele weitere machen werden.«

»Vier. Vier ist ein Wort mit vier Buchstaben.« Jiminy war noch lange nicht zufrieden.

»Nein, ist es nicht. Vier ist eine Zahl.«

Die Grille blickte den Hehler unglücklich an. »Du spielst deine Spielchen mit uns, Schlucker.« Er streckte die abgetrennte Meldhand aus und wedelte damit vor seinem Gegenüber herum. Die Finger wackelten nicht, da er sie festgebunden hatte. »Willst du sie jetzt oder nicht? Du bist nicht der einzige Händler an der Küste, weißt du?«

In diesem Moment fiel Whispr der Faden wieder ein, den er in der Kleidung des Toten entdeckt hatte. Sollte er ihn jetzt erwähnen? Der Schlucker würde vermutlich die passenden Geräte parat haben, um den Inhalt des unscheinbaren schmalen Speichergeräts auslesen zu können. Informationen waren immer Subsist wert. Aber ohne zu wissen, was sich auf dem Faden befand, hatten Jiminy und er auch keine Ahnung, was sie dafür verlangen konnten. Und es wäre ziemlich dumm, Verhandlungen damit zu beginnen, dass man sich darauf verließ, vom potenziellen Käufer gesagt zu bekommen, was seine Ware eigentlich wert war. Vielleicht konnte er ja jemanden anheuern, der nichts weiter tat, als den Faden auszulesen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf ging er auf die beiden Streitenden zu. Er wollte unbedingt hören, wie sich Jiminy ihre weiteren Schritte vorstellte. Außerdem konnten die beiden Männer definitiv eine Pause in ihren andauernden Verhandlungen gebrauchen, da beiden bereits der Schweiß im Gesicht herunterlief.

Doch die erforderliche Unterbrechung wurde durch etwas anderes als den näher kommenden Whispr eingeleitet, denn auf einmal war die Hölle los …

2

Wie der Schlucker waren auch seine Alarmsirenen, die plötzlich aufkreischten, alles andere als zurückhaltend. Sie jaulten, sie tobten, sie schrien um Aufmerksamkeit. Und die bekamen sie auch.

Augenblicklich vergaßen Besitzer und Besucher ihren Streit und hörten auf zu schachern. Aufgeschreckt durch die Kakofonie huschten verschreckte Katzen auf den Streben und Waren herum und verschwanden in einem Wirbel aus felinen Schatten und militantem Fauchen.

»Was soll denn das?« Der erschreckte Schlucker legte ein Tempo und eine Beweglichkeit an den Tag, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, und stürzte sich nach hinten in Richtung des Kontrollzentrums. Als er und seine Besucher es erreicht hatten, tanzten bereits Holos, übertragen von mehreren entfernten Kameras, in der Luft über den Projektoren. Einige der mutigeren Katzen hielten inne, um zuzusehen, da sie die von innen erleuchteten schwebenden Bilder offensichtlich faszinierend fanden.

Whisprs Blick wurde sofort von einem ganz bestimmten ovalen Holo angezogen. Aufgenommen von einer Einheit, die in einem Energieturm oder einem Baum verborgen war, zeigte sie eine Reihe von leistungsstarken Scootern, die schnell und leise eine schmale Straße entlangfuhren. Selbst das gedämpfte Licht konnte nicht verhindern, dass Whispr sie sofort erkannte. Es war dieselbe erhöhte Straße, über die er und Jiminy erst vor Kurzem zum Anwesen des Schluckers gefahren waren. Schweigend starrte er die Projektion an. Da waren verdammt viele Scooter zu sehen, in denen verdammt viele Polizisten saßen.

Und sie kamen hierher.

Mit hochrotem Gesicht und vier leuchtenden Augen drehte sich der wütende Schlucker zu Jiminy um, um seinen Zorn an ihm auszulassen.

»Verrat! Perfider Betrug! Ihr habt mich verkauft!«

Die eindeutig perplexe Grille duckte sich hinter den aufrecht stehenden Knien und versuchte, einen Sinn in das zu bringen, was ihm die verborgenen Sicherheitsmonitore da zeigten.

»Ich … Ich verstehe das nicht. Wir waren vorsichtig! Niemand hat uns gesehen – niemand!« Er starrte die Hand an. »Das ergibt doch keinen Sinn. Das ist nicht mal eine komplette Gliedmaße.« Dann wanderte sein verwirrter Blick zu einem anderen Holo. Als sich die Flotte aus Polizeiscootern darin materialisierte, wurde das vorherige Bild überblendet.

»Vielleicht habt ihr ja unwissentlich und törichterweise eine wichtige Person ermordet.« Während er sprach, watschelte der Schlucker hinter den runden Tresen, doch er musste an dem mit Polizisten überladenen Holo vorbei, um sein Ziel zu erreichen.

»Er hat nicht wichtig ausgesehen.« Jiminy murmelte und schwitzte jetzt gleichzeitig. »Und in seiner Brieftasche war nichts, was irgendwie bedeutsam aussah. Nur der übliche Subsist. Kein besonderer Abwehrschutz – gar nichts.«

»In einer Sache sind wir uns einig.« Ein kleiner Fahrstuhl ohne Seitenwände kam langsam aus dem zweiten Stock nach unten. Whispr bemerkte, dass es sich um einen Industrielift handelte. Das musste er auch sein, wenn er mit dem massiven Körper seines Besitzers fertig werden wollte. »Das ergibt in der Tat keinen Sinn.«

Er hat nicht wichtig ausgesehen, wiederholte Whispr in seinem Kopf. Nur das übliche Subsist. Mit einer Ausnahme. Mit Ausnahme des Fadens. Doch da der Schlucker unglaublich wütend aussah, entschied er, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei, um die Sprache auf das winzige, gut getarnte Speichergerät zu bringen.

»Wir haben dich nicht verkauft!«, versicherte ihm Jiminy gerade.

Mit roten Wangen und glänzendem Augenquartett stieg ihr bärtiger Gastgeber in den offenen Fahrstuhl. »Vielleicht nicht mit Absicht. So viel Scharfsinn will ich euch schon zugestehen. Aber für jemanden wie mich, dessen Geschäft die Hehlerei ohne Grenzen ist, stellt Dummheit ein Synonym für Blindheit dar, und der Blinde kann es manchmal nicht vermeiden, in Scheiße zu treten.« Mit einem knirschenden Geräusch, das nicht gerade vertrauenerweckend war, setzte sich der Lift in Bewegung, um erneut in der runden Öffnung in der Decke zu verschwinden, aus der er gekommen war.

»Wo willst du hin?«, fragte Whispr ihren Gastgeber.

In den Tiefen des ebenholzfarbenen assyrischen Bartes blitzte ein Grinsen auf, das wie ein Riss in getrocknetem Asphalt wirkte. »Ich gehe ins Bett. Wenn mich die Polizei sprechen will, werde ich sie gähnend und in meine Bettdecke gehüllt empfangen und leicht amüsiert darüber wirken, dass sie mich aus meinem Schönheitsschlaf gerissen hat.«

Der zunehmend verstörter wirkende Jiminy machte einen großen Schritt nach vorn, als wolle er dem Hehler folgen. »Und was ist mit uns?«

»Seht zu, dass ihr mir aus den Augen geht und aus meinem Laden verschwindet. Haut von hier ab, damit ihr nicht in Kürze von den Behörden als die Eindringlinge identifiziert werdet, die ich nur unter Zwang in mein Haus gelassen habe und mit denen ich nie im Leben Geschäfte machen würde.« Die Hand des Schluckers glitt zu den an seinem Gürtel befestigten Instrumenten.

Als Jiminy gerade den Mund aufmachte, um weiter zu protestieren, tauchten lange, dünne Schatten aus den aufgetürmten Waren auf. Die modifizierten Schlangen glitten fast lautlos und unheilvoll auf die beiden Besucher zu. Da keiner der Männer herpetologisch beeinträchtigt war, erkannten sie beide sofort die giftigen Buschmeisterschlangen und Lanzenschlangen, die auf Geheiß des Schluckers auf sie losgelassen worden waren. Er mochte seine Schlangen ebenso gern wie seine Katzen, ihr nicht länger gastfreundlicher Gastgeber, und es kamen viel zu viele Schoßtiere des dicken Mannes auf sie zu, als dass sie sie alle erschießen konnten.

Als eine sieben Meter lange Python von der Decke fiel und direkt vor Whisprs Füßen landete, um auf ihn zuzukriechen, wirbelte der schlanke Dieb herum und rannte auf den Ausgang zu. Auch Jiminy schien zu dem Schluss gekommen zu sein, dass weitere Verhandlungen mit dem Schlucker aussichtslos geworden waren, und sprang mit einem einzigen Hüpfer über seinen flüchtenden Partner hinweg. Hinter ihnen blieben die sie verfolgenden Schlangen, die weitaus effektiver waren als jeder menschliche Wachmann, an der Türschwelle zurück.

Als sie sich erneut im Freien befanden, konnten die beiden Männer das Glitzern des Lichts deutlich erkennen, das sich in den Augen der vom Schlucker geliebten, geretteten und personalisierten Katzen spiegelte. Sei es nun Glückskatze oder Tigerkatze, Manx oder Wildling, sie alle streiften mit blitzenden sensenartigen Klauen an den Vorderpfoten auf den erhöhten Wegen herum. Diese waren den mörderischen Krallen des seit Langem ausgestorbenen Deinonychus nachempfunden und konnten einem Mann ebenso leicht die Kehle aufschlitzen wie eindringende Nagetiere ausweiden.

Fauchend stellte sich ihnen eine übereifrige Stilettokatze mit gesträubtem Fell und aufgerichteten Klauen in den Weg. Jiminy konnte ihr mühelos aus dem Weg gehen, indem er einfach einen großen Sprung machte und auf der anderen Seite der potenziell tödlichen Katze landete. Whispr sah sich jedoch gezwungen, anzuhalten und sich panisch nach einem anderen Weg umzusehen. Angetrieben von den Anweisungen des Schluckers, die direkt in ihr Gehirn sowie das ihrer verstohlenen, wachsamen Gefährtinnen übertragen wurden, fuhr die Killermieze damit fort, Whispr den Fluchtweg zu versperren.

Doch das sollte sich nicht sehr lange als effektiv erweisen. Nachdem er den in einer fernen Ecke des Parkbereichs wartenden Scooter sicher erreicht hatte, stieg Jiminy hinein, warf ein Meldbein über den Sitz und ließ ihn an. Wenn er auf seinen Partner zufuhr, würde der Sicherheitskatze nichts anderes übrig bleiben, als sich auf allen vier Pfoten schleunigst aus dem Staub zu machen. Die Grille schnallte sich den Rucksack, in dem sich jetzt wieder die unverkaufte Hand befand, auf den Rücken und beschleunigte. Der Scooter stieß ein leises Jaulen aus und glitt auf Whispr zu.

Um dann zur Seite und in Richtung der Straße zu fahren, die sich gen Süden erstreckte.

Umgeben von tödlichen Katzen sah der verblüffte Whispr fassungslos mit an, wie das Zweipersonenfahrzeug immer schneller wurde. Er rief ihm nichts nach. Er war zu erstaunt, und es hätte ohnehin nichts gebracht. Es war ja nicht so, dass Jiminy ihn vergessen hatte. Übersehen hatte er Whispr ganz bestimmt nicht.

Absichtlich von einem Freund im Stich gelassen zu werden ist hart. Der Verlassene kann entweder zusammenbrechen und den anderen laut schreiend verfluchen oder sein Schicksal stillschweigend akzeptieren. Ersteres lag nicht in Whisprs Natur, und er war auch nicht intelligent genug, um mehr als Letzteres zu tun.

Also stand er einfach nur weiterhin da und starrte der kleiner werdenden Silhouette des beschleunigenden Scooters mit offenem Mund nach. Jiminy würde eine Kreuzung erreichen und sich vor der nahenden Polizei in Sicherheit bringen können, während Whispr allein und im Stich gelassen ihren Fragen ausgeliefert wäre. Der Schlucker hatte ja bereits erklärt, dass er den Eintreffenden ohne zu zögern erklären würde, es habe sich bei seinen letzten Besuchern um potenzielle Diebe gehandelt und dass er die Polizei aus diesem Grund nur zu gern auf seinem Anwesen willkommen hieß.

War es möglich, fragte sich Whispr, dass sich eine solche Anzahl an nahenden Polizisten nicht aufgrund der Tatsache, dass er und Jiminy sich hier aufhielten, näherte? Wollte die Stadt oder der Staat vielleicht eine Razzia auf dem Gelände des Schluckers durchführen, und zwar aus Gründen, die nichts mit seinen letzten Besuchern zu tun hatten? Das würde leicht herauszufinden sein. Dazu musste er einfach nur dort stehen bleiben und auf ihre Ankunft warten.

Für jemanden, der mittellos aufgewachsen war und nach dem Erwachsenwerden einen Lebensstil angenommen hatte, der sich wohlwollend nur als unsozial beschreiben ließ, war das allerdings keine Option. Nachdem er eine Ecke des Parkbereichs erspäht hatte, in der es nicht von den verabscheuungswürdigen Killerkatzen des Schluckers wimmelte, rannte Whispr in diese Richtung, drückte beide Hände auf das Plastikgeländer und sprang ohne zu zögern auf die andere Seite.

***

Das mit Whispr war echt zu schade, dachte Jiminy, als er den Scooter weiter beschleunigte. Hinter und unter ihm summte der gut eingestellte Motor leise, während er ihn weiter in Richtung Süden brachte. Der drahtige Mann war ein guter Gefährte gewesen, immer hilfreich bei den Jobs, und hatte nie die Grenzen von dem, was er seines Wissens tun konnte, überschritten. Das war das Problem vieler Kontakte in Jiminys Geschäft. Berauscht vom Betrachten zu vieler Popentstücke begingen viele den Fehler, Unterhaltung mit dem wirklichen Leben zu verwechseln. Oder, noch schlimmer, beides zu vermischen. Ob Natural oder Meld, ein erfolgreicher Gesetzesbrecher war immer jemand, dessen Namen oder Gesicht man nie in den Medien zu sehen bekam, weil er niemals erwischt wurde. Jiminy war völlig zufrieden damit, erfolgreich und anonym zu bleiben. Und um diesen beneidenswerten Status aufrechtzuerhalten, musste man manchmal Opfer bringen. Freunde, Familienmitglieder – in diesem Fall Whispr. Die Grille wusste, dass er leichter einen neuen Partner finden als mit einer Gefangennahme klarkommen würde.

Er grinste, als sich der Scooter nach links neigte, um sich automatisch an die Kurve anzupassen. Whisprs Gefangenschaft würde den Staat nicht viel kosten. Man konnte ihn in einen Schrank einsperren. Oder in eine Golftasche.

Die Sucheinheit der Polizei konnte er bereits sehen, bevor er sie hörte. Schnell und nahezu lautlos sauste sie an ihm vorbei, und das helle Licht an ihrem Bauch erleuchtete das Wasser und den Sumpf auf beiden Seiten der schmalen Straße. Dann drehte sie sich in weitem Bogen, um hinter ihm herzufahren. Augenblicke später führte das Fahrzeug einen Scan mit einem weit gefächerten, diffusen Laserstrahl durch, der taghell war. Er kauerte sich auf dem Fahrersitz zusammen und fluchte. Einem automatischen Sucher konnte man nicht entkommen. Wenn sie ihn lange genug ignorierten, bis er das Stadtgebiet von Georgetown erreicht hatte, konnte er den Scooter loswerden und sich unter die vielen Fußgänger mischen. Dann wäre er nur noch ein Meld unter vielen.

Alarmiert von der ersten Suchdrohne traf auch schon die zweite ein und begann, ihn parallel zu dieser zu verfolgen. Noch immer waren keine Polizisten zu sehen. Er war nur noch Minuten von der ersten großen Kreuzung in Georgetown entfernt. Dort würde Verkehr herrschen, es gäbe Ausfahrten, Geschäfte … Es wäre zwar nicht die Innenstadt, aber er hätte wenigstens eine Chance. In diesem Wissen wurde er nicht langsamer und fuhr auch nicht zur Seite, als ein Schweber vor ihm in der Luft erschien. Er tat so, als würde er die Anweisung, stehen zu bleiben, einfach nicht hören.

Sie griffen zu einem Deaktivierer. Als dieser die Batterieladung, von der der Scooter angetrieben wurde, entlud, wurde sein Transportmittel langsamer. Tja, er hatte sich bei seiner Flucht die größte Mühe gegeben, auch wenn er bezweifelte, dass ihn die Behörden dafür loben würden. Er brachte den entladenen Scooter am Straßenrand zum Stillstand und überlegte sich, wie er jetzt reagieren sollte. Da er nicht wusste, was los war oder was sie von ihm wollten, musste er möglichst unverbindlich bleiben. Das munterte ihn ein wenig auf. Vielleicht wollten sie ihm ja nur einige Fragen über die Geschäfte des Schluckers stellen. Möglicherweise hatte das Ganze ja überhaupt nichts mit dem Mord zu tun.

Als er aus dem Scooter ausstieg, ging er schnell zur Straßenabsperrung. Er beugte sich hinüber und tat so, als müsse er sich übergeben. Bei der Bewegung glitt sein Rucksack nach vorne. Während er weiterhin entsprechende Geräusche von sich gab, ließ er die Hand aus dem Beutel gleiten. Mit leisem Platschen landete sie zwischen den Stützpfosten im Wasser und versank im dunklen Matsch, bis sie nicht mehr zu sehen war. Nachdem er sich auf diese Weise des einzigen belastenden Beweises entledigt hatte, wischte er sich die nicht vorhandene Spucke vom Mund ab und war gleich sehr viel optimistischer, was seine Aussichten betraf, als er sich wieder zur Straße umdrehte.

Der Schweber setzte lautlos auf der Straße auf und blockierte die komplette Spur in Richtung Süden. Mit über dem Kopf erhobenen Armen sah Jiminy blinzelnd hinüber, während er von Lampen angeleuchtet wurde. Erschreckt stellte er fest, dass wenigstens ein halbes Dutzend Lod-Cops auf ihn zugerannt kamen. Da er mit normalen Polizisten gerechnet hatte, kam ihre Anwesenheit überraschend. Zwei gewöhnliche Polizisten hätten mehr als ausgereicht, um die Grille, die keinen Widerstand leistete, zu verhaften.

Alle Lods waren natürlich Melds. Vier von ihnen sahen besonders gigantisch aus. Sie waren vollgepumpt mit modifizierten Wachstumshormonen, besaßen genveränderte Hirnanhangsdrüsen, ihre Knochen hatte man mit organischem Titanpulver verstärkt, und sie verfügten über einen zusätzlichen Herzmuskel. Der kleinste von ihnen war zweieinhalb Meter groß und mochte knapp zweihundert Kilo wiegen. Trotz der ganzen Masse und Muskeln waren sie jedoch nicht langsam. Dank der Meldinjektionen befanden sich viele hochleistungsfähige Muskelfasern in ihrem Körper. Nur ein sehr mutiger Gesetzesbrecher oder einer mit einem hochspezialisierten Meld würde einen Lod direkt herausfordern.

Das hatte die Grille ganz bestimmt nicht vor und hielt die Hände über den Kopf. Als sie näher kamen, überstieg ein plötzlich in ihm aufwallender Stolz kurzzeitig seine Sorge. Was auch immer sie von ihm wollten, so war er doch geschmeichelt von der Menge an Leuten und Technik, die sie einsetzten, um ihn zu fangen. Die Lods waren schwer gepanzert und bewaffnet. Er beobachtete sie, als sie näher kamen, und ihm war klar, dass seine Kraft nicht einmal ausreichen würde, um eine der Waffen anzuheben, geschweige denn damit zu zielen und sie abzufeuern.

»Wunderschönen guten Abend, Leute.« Ein grelles Licht fiel ihm ins Gesicht. Anders als einige seiner Freunde hatte er nie Melds für seine Augen gekauft, um bei Nacht besser sehen zu können, oder sich zur Kompensation dieses Nachteils zusätzliche Okulare gekauft.

Der ihm am nächsten stehende Lod war ein Sergeant. Ein Riese in Blau, der das Meldfluggerät überragte und sich vorbeugte. Für einen Lod klang seine Stimme albern, da sie so unnatürlich hoch war.

»Wo ist es?«

Die Grille reagierte mit einem amüsierten Grinsen. »Ich schätze, das hängt davon ab, wie Sie ›es‹ definieren.«

Der Lod war nicht amüsiert. Er packte den Gefangenen mit einer Hand und hob ihn mühelos in die Luft. Die verlängerten und verstärkten Beine der Grille konnten heftig zutreten, sogar so heftig, um selbst einen Lod umzuwerfen. Doch er wagte es natürlich nicht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Genom" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen