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Genesis

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Nachdem sich Lerch auf die Suche nach seinem untergetauchten Freund Kolle gemacht hat, bricht seine beschauliche Welt aus den Fugen. Unvermittelt wird er und seine Freundin Haike zum Spielball in einem undurchschaubaren Katz- und-Maus-Spiel. Die Suche führen Lerch und seine Freundin durch die historischen Stätten der antiken und vorantiken Kultur Rom’s, verfolgt von einem Killerkommando. Wer steckt dahinter? Wodurch ist der untergetauchte Künstler und Lebensphilosoph in den Fokus dieser Kriminellen gelangt?

Die Ereignisse spitzen sich zu. Aus den Gejagten werden wagemutige Kämpfer. Ein Wettlauf auf Tod und Leben entbrennt. Alles dreht sich um die wirklichen Ursprünge der Menschheit: die Genesis!

 

Der Autor:

Schon seit seiner Kindheit hat der Autor in seinem literarischen Gewächshaus Kurzgeschichten großgezogen; Geschichten über das Einmaleins der Liebe, über das Leben vor und nach dem Tod, lustige Geschichten ebenso wie bitterböse, schelmische oder einfach fantastische. Er hatte seine Freude daran, sie gedeihen, unvermutete Seitentriebe sprossen zu lassen und hegte und pflegte sie, bis sie ausgewachsen waren. Eines Tages jedoch geschah es, dass eine dieser Geschichten über alle Maßen gedieh und immer wieder neue Seitentriebe hervorbrachte. Er stutzte und stauchte sie, aber alle Eindämmungsversuche erwiesen sich als erfolglos. Die Kurzgeschichte wuchs und wuchs, verließ das Genre, und schließlich war dieser Roman entstanden.

Satire ist für den Autor das legitime Mittel, durch Übertreibung zum Ausdruck zu bringen, was sonst nur gedacht aber nicht gesagt werden darf. Böse Zungen mögen vielleicht behaupten, dass der Autor – in hämischer Schadenfreude! – mit seinem hinter den Zeilen lauernden Schalk jede vorgesetzte Suppe als ungenießbar bloßstellen will. Das stimmt jedoch nicht. Vielmehr will er – um bei dieser Metapher zu bleiben – die Leser dazu anregen, ihre eigene Suppe zu kochen.

Seit gut einem Jahr lebt der Autor in einem idyllischen Weiher im Mittelland der Schweiz, ergeht sich dort in seinen poetischen Ergüssen und unterweist nebenbei Studenten und andere Hoffnungsträger der Nation in den scheinbar unergründlichen Annalen der Mathematik und Physik.

Nitram Resuah

Genesis

Ein satirischer Thriller

Selbsterkenntnis ist der Anfang der Weisheit,

die das Ende der Angst bedeutet.

Jiddu Krishnamurti

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Lerch

Ein eher konservativer Typ, der seine Sicherheit in einem geordneten Lebensstil sucht, wo jedes Ding an seinem ihm angemessenen Platz steht. Typisch für Lerch ist die penible Ordnung in seiner Wohnung und an seinem Arbeitsplatz. Nichts ist ihm verhasster als wenn plötzlich diese Ordnung auf den Kopf gestellt wird. Tief in seinem Wesen ahnt er jedoch, dass er mit dieser Ordnung eine grundlegende Unsicherheit verdeckt, und er weiß, dass das Leben erst außerhalb dieser selbstauferlegten Zurechtstutzung wirklich gedeiht. Eigentlich ist Lerch sich bewusst, dass er in einem selbst zusammengezimmerten Knast lebt. Und es ergeben sich in seinem Leben immer wieder Momente, wo er aus diesem Knast auszubrechen versucht. So ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, dass Lerch seinen geregelten Beruf eines Verwaltungsbeamten ausgerechnet im kulturellen Bereich ausübt, wo er sich zwar am Puls der Kunst wähnt (was für ihn ein im Wesen nicht einordbarer Quell der Inspiration ist), ohne jedoch das oft von finanziellen Nöten und Unsicherheiten geprägte Los der Künstler teilen zu müssen. Er ist gewissermaßen ein unbeteiligter Beobachter des kulturellen Geschehens und glaubt, an diesem Geschehen mitzuwirken, indem er in seinem Auftrag als Begutachter von Förderungsprojekten die Kunst in förderungswert oder unwert einordnet. In diesem Zusammenhang ist auch seine Faszination an seinem chaotischen Freund verständlich, den er zwar nach außen hin wegen seines ungeordneten Lebensstils tadelt, insgeheim jedoch verehrt er dessen unkonventionelle und ungestüme Art, und zuweilen versucht Lerch ihn nachzuahmen. Seine Ausbruchsversuche aus dem Alltagstrott scheitern jedoch immer wieder und enden damit, dass Lerch sich in seine gewohnte Umgebung zurückzieht.

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Ich war schockiert: Verschiedene, zum Teil zerbrochene Gläser und Flaschen lagen überall auf dem Boden, eine einzelne Pantoffel vor einem umgekippten Stuhl (die andere tummelte sich vor der Haustür), daneben eine umgekippte Skulptur aus rostigem Eisen, eine umgestürzte Staffelei, Farben, verschmiert am Boden. Auf dem quer im Raum positionierten, riesigen Arbeitstisch aus massivem Holz eine einzelne Socke, ein umgestürzter Toaster auf einem Haufen Zeitschriften, eine Bohrmaschine, Bohreinsätze, lose Blätter, Schreibutensilien, verstreut über die ganze Tischfläche. Hinter dem Tisch erkannte ich eine alte Couch, umgekippt, eine farbige Decke achtlos darüber geworfen. Die Bilder, die nicht heruntergerissen worden waren, hingen schief, andere lagen - meist beschädigt - am Boden oder angelehnt an den Wänden; überall befanden sich Zigarettenstummel und anderer Abfall. Im Schlafzimmer sah es nicht weniger schlimm aus. Im ganzen Raum verstreut lagen Kleidungstücke herum. Auf dem Nachttisch entdeckte ich ein umgestürztes Sektglas, die Sektflasche gleich daneben, am Boden eine Sektlache. Das Bett war von der Wand weggerückt, ein zerknittertes Laken hing von der Matratze herab, neben dem Bett lag ein aufgeschlitztes Duvet, ein einzelner Schuh, ein leerer Aschenbecher, im ganzen Zimmer verteilt Asche, Zigarettenstummel und Federn. Federn schwebten auch in der Luft. Die Küche wagte ich gar nicht zu betreten. Ein Blick über die Türschwelle offenbarte dieselbe Handschrift. Sämtliche Schranktüren waren offen und leergefegt. Der Inhalt befand sich auf dem Boden, ein heilloses Durcheinander von zerbrochenem Geschirr, vergammelnden Nahrungsmitteln, Kochutensilien und sonstigem Unrat, ein umgestürzter Tisch.

Ich war schockiert: Verschiedene, zum Teil zerbrochene Gläser und Flaschen lagen überall auf dem Boden, eine einzelne Pantoffel vor einem umgekippten Stuhl (die andere tummelte sich vor der Haustür), daneben eine umgekippte Skulptur aus rostigem Eisen, eine umgestürzte Staffelei, Farben, verschmiert am Boden. Auf dem quer im Raum positionierten, riesigen Arbeitstisch aus massivem Holz eine einzelne Socke, ein umgestürzter Toaster auf einem Haufen Zeitschriften, eine Bohrmaschine, Bohreinsätze, lose Blätter, Schreibutensilien, verstreut über die ganze Tischfläche. Hinter dem Tisch erkannte ich eine alte Couch, umgekippt, eine farbige Decke achtlos darüber geworfen. Die Bilder, die nicht heruntergerissen worden waren, hingen schief, andere lagen - meist beschädigt - am Boden oder angelehnt an den Wänden; überall befanden sich Zigarettenstummel und anderer Abfall. Im Schlafzimmer sah es nicht weniger schlimm aus. Im ganzen Raum verstreut lagen Kleidungstücke herum. Auf dem Nachttisch entdeckte ich ein umgestürztes Sektglas, die Sektflasche gleich daneben, am Boden eine Sektlache. Das Bett war von der Wand weggerückt, ein zerknittertes Laken hing von der Matratze herab, neben dem Bett lag ein aufgeschlitztes Duvet, ein einzelner Schuh, ein leerer Aschenbecher, im ganzen Zimmer verteilt Asche, Zigarettenstummel und Federn. Federn schwebten auch in der Luft. Die Küche wagte ich gar nicht zu betreten. Ein Blick über die Türschwelle offenbarte dieselbe Handschrift. Sämtliche Schranktüren waren offen und leergefegt. Der Inhalt befand sich auf dem Boden, ein heilloses Durcheinander von zerbrochenem Geschirr, vergammelnden Nahrungsmitteln, Kochutensilien und sonstigem Unrat, ein umgestürzter Tisch.

Kurz: es herrschte das reinste Chaos!

Was war hier nur geschehen?, fragte ich mich verzweifelt, während ich über herumliegende Kleidungsstücke, Bücher, Zeitschriften und allgemeinen Unrat trat. Offensichtlich hatte hier jemand die Wohnung von Kolle völlig auf den Kopf gestellt und dabei systematisch und rücksichtslos gewütet, Schubladen geleert, Möbel umgekippt, Kissen aufgeschlitzt und mutwillig Gegenstände zerstört. Mit demselben Resultat, wie man es etwa in Spionagefilmen sah: fast alles war beschädigt und nichts stand mehr an seinem ursprünglichen Ort. Warum? Und warum gerade in Kolles Wohnung, wo es kaum irgendetwas Wertvolles zu holen gab?

Ich war vorher noch nie in Kolles Wohnung gewesen. Im Büro hatte ich erst meine Akten durchwälzen müssen. Schließlich war ich auf seine Adresse gestoßen, in einem Gesuch um Förderungsbeiträge für ein Kunstprojekt, das die Installation von Plastiken im Hauptbahnhof und in verschiedenen zentralen Metrostationen vorgesehen hatte. Die skizzierten Plastiken: überdimensionale, aufdringlich herausragende, erigierte Ohrmuscheln und Stielaugen. Eine Anspielung auf die Abhörpraktik der US-Regierung nach 9/11. Ich hatte das Projekt – aus reinem Goodwill und mit dem Hinweis auf seine Originalität – zur Annahme empfohlen. Natürlich war es vom Ministerium dann abgelehnt worden. Ich hatte sogar noch einen Rüffel dafür eingefangen, dass ich das Projekt überhaupt als unterstützungswürdig in Erwägung gezogen hatte.

Ich war auf eine außergewöhnliche Raumgestaltung vorbereitet. So wie ich Kolle kannte, bewegte er sich jenseits der gutbürgerlichen Vorstellungen von Ordnung und Behaglichkeit. Mit dem Chaos, das ich dann antraf, hatte ich aber nicht gerechnet. Nur ungefähr ließ sich noch rekonstruieren, wie die Wohnung vorher einmal ausgesehen hatte. Ich war geschockt. Was hier geschehen war, war nicht nur unglaublich, es war kriminell!

Verdammt!, dachte ich, warum musste ausgerechnet ich in dieses Chaos trampeln! Ich hatte doch damit überhaupt nichts zu tun. Außerdem hasste ich es, wenn irgendwelche unvoraussehbaren Ereignisse meinen geregelten Tagesablauf durcheinanderbrachten. Schuld daran war einzig dieser mysteriöse Anruf, den ich vor ungefähr einer Stunde in meinem Büro erhalten hatte. Ich wäre sonst nie auf die Idee gekommen, Kolle in seiner Wohnung aufzusuchen. Unschlüssig stand ich mitten in diesem unerhörten Durcheinander. Ein undefinierbarer Geruch von Alkohol, abgestandenem Zigarettenrauch und faulenden Früchten stieg mir in die Nase. Mir wurde leicht übel.

Am liebsten wäre ich auf der Stelle umgekehrt und hätte die ganze Angelegenheit vergessen, aber das konnte ich nicht. Ich musste unbedingt Kolle ausfindig machen. Nur er konnte da Licht in diese Geschichte bringen. Und ich musste ihn warnen.

Fluchtartig verließ ich Kolles Wohnung, stürmte die drei Stockwerke hinunter und trat hinaus in den wohlvertrauten Alltag des geschäftigen Montagmorgens in New York.

Ich schaute mich um: der übliche, pulsierende Verkehr die 3th Avenue hinauf. Alles normal. An der Ecke 3the Avenue 65th Street stand ein Mann in abgetragenen Klamotten, gebeugt über einen Abfallkorb, und untersuchte den Inhalt nach etwas Brauchbarem. Auf der Avenue spazierten vereinzelte Leute, zumeist Frauen, für die Werktätigen war es zu spät. Ein Paar überquerte zankend die Avenue, nichts Auffälliges, bis auf einen Mann in kariertem Anzug, der einen Häuserblock entfernt auf irgendetwas zu warten schien, eine Zigarette im Mund. Irgendwie passte er nicht in diese Umgebung. Er schien mich nicht zu beachten. Vielleicht tat er es doch, ich fühlte mich jedenfalls etwas unbehaglich.

Ich winkte ein Taxi herbei. Wohin? Ich war unschlüssig.

Das Atelier! Ich war nur einmal dort gewesen, anlässlich einer Vernissage. Das Atelier, das Kolle mit einem anderen Künstler teilte, befand sich in einer alten Fabrikhalle in SoHo, dem ehemaligen Industriegebiet der einst aufstrebenden Großstadt. Die Ausstellung, dem Thema „Aufschwung in den Abgrund“ gewidmet, war eine bitterböse Abrechnung mit dem herrschenden Materialismus, der dabei ins Absurde geführt wurde. Die Halle war vollgestopft mit skurrilen Plastiken und Maschinen, welche die futuristische Atmosphäre eines seelenlosen Maschinenzeitalters heraufbeschworen. Auch die Bilder im Forum stellten düstere Szenarien von grotesker Sinnlosigkeit dar. Mir hatte diese Ausstellung vor allem ein düsteres, pessimistisches Weltbild vermittelt, in dem alles im Chaos endete. Es fehlte eine klare Struktur, und so blieb es dem Betrachter überlassen, dem Ganzen irgendeinen Sinn zu geben. Das Charakteristische dieses Zeitalters, wie mir Kolle damals versicherte. Eine konkretere Geschichte hingegen erzählte das Bauwerk selbst, in welchem die Ausstellung stattfand und als solches ebenso zum Kunstwerk gehörte. Der industrielle Aufschwung anfangs des 20. Jahrhunderts hatte das Ausweichen der Industrie auf die weitere Peripherie notwendig gemacht. Die Halbinsel hatte diesem zunehmenden Platzbedarf nicht mehr genügen können, worauf sich die New Yorker Kunstszene in den verlassenen Industriegebäuden einnistete. Unzählige Galerien und Ateliers entstanden und eines davon war das Atelier von Roxy und Kolle in einer kleinen Fabrikhalle, ich glaube es handelte sich um eine ehemalige Ziegelei. Man konnte noch die Rudimente verschiedener Brennöfen erkennen, und ein kleinerer Ofen, welcher dem Zahn der Zeit getrotzt hatte, war noch in Betrieb. Hier brannte Roxy seine Tonskulpturen. Das Gebäude hatte zwei Eingänge. Eine rostige Eisentüre führte vom besetzsteingepflasterten Innenhof des ehemaligen Fabrikareals direkt in das Atelier, während der andere Eingang im oberen Stockwerk lag und aus einem Tor bestand, wo früher die Tonerzeugnisse mit der Hochbahn abgeholt worden waren. Im oberen Stock, heute als Foyer für Ausstellungen eingerichtet, waren immer noch die Schienen zu erkennen, während außerhalb der Halle nur noch eine flache, zur High Line führende Abzweigung vom früheren Verwendungszweck zeugte. Das einstige Geleisetrasse war längst von Gras und Unkraut überwuchert; unschwer aber konnte man sich vorstellen, wie früher die Eisenbahnschienen weiter bis zur Hochbahn verlaufen waren, der Hauptlinie, über welche früher der gesamte Güterverkehr abgewickelt worden war. Eine Teilstrecke der Hochbahn wurde später zu einem parkartigen Fußgängerweg, der High Line, umfunktioniert und war seither ein Ort der Erholung für die Einheimischen und mittlerweile – mit den vielen, reichlich begrünten Parkanlagen und dem außergewöhnlichen Ausblick auf das Quartier und die fernen Docks am Hudson River – eine Touristenattraktion.

Bei der besagten Ausstellung stand das Tor der Halle weit offen und legte den Weg frei zu einem weiteren Zeugnis vom „Aufschwung in den Abgrund“: Die Schienen in der Halle waren durch alte, ausgediente Schienenteile fortgesetzt, welche sich zunehmend verrenkten und verschleiften und sich um eine skurrile Plastik aus alten Maschinenteilen in die Höhe wanden, was den absurden Selbstzeck einer den Menschen wegrationalisierenden Maschinerie darstellen sollte. Das Ganze erinnerte irgendwie an den Turm von Babylon und die mit steigender Höhe zunehmend bizarrere Form schien durchaus auf diese Parallele anzuspielen. Hier wie dort endete das Ganze im Chaos. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch das allgemeine Ambiente der stillgelegten Technik von gestern.

Das Taxi hielt an der W 22nd Street vor dem Fabrikareal. Das letzte Mal war ich über die High Line gekommen und dann über den begehbaren Anschlussweg zum Vorplatz gelangt, wo das zeitkritische Ungetüm gestanden und schon von weitem die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Damals hatte einige Regsamkeit geherrscht, etwa hundert Besucher hatten sich eingefunden. Korkenknallen, Gelächter, feierliche Stimmung. Das übliche Partytreiben.

Heute aber war alles wie ausgestorben. Über einen Durchgang zwischen zwei Backsteinbauten gelangte ich in einen Innenhof. Überall entlang den Gebäudewänden und auch mitten auf dem Platz lagen irgendwelche Maschinen- und Eisenteile oder einfach Bauschutt herum, Rohmaterial, aus welchem Roxy und Kolle ihre Plastiken kreierten. Eine streunende Katze stöberte im Müll herum, es war keine Menschenseele zu entdecken. Einzig ein dumpfes Hämmern verriet, dass irgendwo jemand herumwerkte. Als ich über den Platz zur alten Tonfabrik gelangte, nahm das Hämmern zu. Es schien aus dem Atelier zu kommen.

Durch die verschmutzten Fabrikfenster konnte ich nur schemenhaft die Konturen von irgendwelchen Skulpturen ausmachen. Ich stand vor der alten Eisentür. Erstaunlicherweise war die Türe unverschlossen. Ich betrat die Halle. Behutsam suchte ich einen Weg zwischen dem Durcheinander aus Skulpturen, Maschinenteilen und sonstigem Rohmaterial – mein Gott, auch hier: was für ein Chaos! Ich orientierte mich am hämmernden Geräusch, das in unregelmäßigen Abständen ertönte und aus der Mitte der Halle zu kommen schien. Indem ich dem Geräusch folgte, gelangte ich schließlich zu einer Plastik von beeindruckender Größe, bestimmt vier Meter hoch, und in der Form eines Hinkelsteins. Das Geräusch kam eindeutig von der Plastik, ohne dass jedoch der Urheber sichtbar war.

„Roxy!“, schrie ich das Ding an. Das Hämmern hörte unvermittelt auf und nach einer geraumen Weile erschien plötzlich ein leicht angeschwärzter Kopf in diesem Ding. Roxy, in einem Overall, schmutzig, mit zerzauster Frisur. Er musterte mich mit sichtlichem Erstaunen:

„Was tust denn DU hier?“ (Ja, das fragte ich mich auch!)

„Ich suche Kolle. Wo steckt er? Hast du ihn gesehen?“, als ob das meinen Besuch erklärte. Was hat das Amt für Erosion und Kulturelles hier zu suchen?, schien sein zweifelnder Blick zu sagen. Ich sollte mich wohl erklären, aber ich mochte ihm nicht die Geschichte mit diesem hartnäckigen Anrufer erzählen. Womöglich stellte sich später alles als ein Scherz heraus.

„Ich muss ihn in einer dringlichen Angelegenheit sprechen!“

„So so“, sagte Roxy nur brummig und nahm wieder seine Arbeit auf, ohne auf meine Frage einzugehen oder mich weiter zu beachten.

Das Dilemma mit den Künstlern: man wusste nie recht, woran man mit ihnen war. Ständig sprachen sie in Rätseln, und oft hatte das, was sie sagten, überhaupt keinen Bezug zu der Realität um sie herum. Ich hatte nach Kolle gefragt. Roxy tat so als ob ich ihm irgendeine Belanglosigkeit mitgeteilt hätte, etwa dass die Katze draußen rosarote Junge bekommen hätte. Oder vielleicht fand er es einfach seltsam, dass jemand auf die Idee kommen konnte, Kolle zu suchen. Ein sinnloses Unterfangen, nicht der Rede wert. Ich kam mir jedenfalls ein bisschen deplatziert vor, und weil ich nicht wusste, was tun, betrachtete ich nun eingehender die Plastik, welche Roxy gerade bearbeitete. Was ich von weitem zuerst als Ei wahrgenommen hatte, entpuppte sich nun eher als eine Art Muschel, wobei aus einem versteckten Zentrum spiralförmige Bahnen verliefen, welche mit runden Blechteilen – Konservendosendeckel, wie ich jetzt erkannte – versehen waren, was der Skulptur ein schuppenartiges Aussehen verlieh. Was es wohl darstellen mochte? Ein kosmisches Ungeheuer? Die Entstehung der Facettenvielfalt des Lebens? Jedenfalls erschien es mir viel weniger destruktiv als die Plastiken, welche ich noch von früher in Erinnerung hatte. Ob ich ihn darauf ansprechen sollte, um mit ihm ins Gespräch zu kommen?

„Die Spirale ist eine sehr archetypische Form!“, meinte ich, als er gerade mit dem Hämmern aufhörte. „Was soll’s denn darstellen? Hat’s was mit der Evolution zu tun?“

„Alles hat mit der Evolution zu tun“, brummte Roxy, während er kritisch die Konstruktion betrachtete. Und nach einer Weile, während der er ständig seine Betrachtungsposition änderte, fügte er hinzu:

„Die Spirale ist die natürliche Form für die Entwicklung des Lebens. Einfache Form. Verblüffende Vielfalt, welche aus ihr hervorgeht!“

Dann hämmerte er an der Grundkonstruktion herum und schien mich für eine Weile wieder zu vergessen. Ich wagte einen neuen Vorstoß in der darauf folgenden Schaffenspause:

„Ich denke, auch ein Kunstwerk hat seine Evolutionsgeschichte!“ Eigentlich eine völlig überflüssig Bemerkung angesichts seines Votums, dass alles mit Evolution zu tun hatte. Durch die Blume wollte ich ihn bestätigen. Natürlich war es sein Werk, das mich auf diesen tiefgründigen Gedanken gebracht hatte. Es gibt kein besseres Mittel als Bewunderung, um Künstler redselig zu machen. Ihr empfindlicher Punkt: sie fühlen sich gerne verstanden insoweit ein Laie überhaupt Einblick in ihr künstlerisches Schaffen haben kann. Mit Erfolg, wie ich nun befriedigt feststellte!

Roxy: „Natürlich, und das ist – nebenbei gesagt – auch der Grund, warum ich nicht einfach den Fäustel weglegen kann, sondern meiner Eingebung folge, welche mir in der Gegenwart offenbart, was dereinst in euren Abhandlungen Entwicklungsgeschichte geheißen wird!“

Ich verstand natürlich die Anspielung. Es war in Kunstkreisen üblich, das Bemühen der Behörde um die Förderung der Kulturgüter mit herablassenden Bemerkungen zu quittieren; ich ging jedoch nicht darauf ein. Es genügte mir, dass jetzt ein verschmitztes Lächeln Roxys angespannte Gesichtszüge verklärte und er mich daraufhin mit einer gönnerhaften Geste dazu einlud, mit ihm einen Kaffee zu trinken.

Behände sprang er aus seiner evolutionären Konstruktion und bahnte sich einen Weg zwischen all den Skulpturen und Konstruktionen, welche das Atelier zu dem Ort des inspirierenden Chaos machten. Mit traumwandlerischer Sicherheit überwand er alle Hindernisse und schritt mir voran zu einer Nische nahe dem Eingang, die ich vorher nie beachtet hatte und nun tatsächlich einige Charakterzüge einer Küche offenbarte. Jedenfalls war da eine Theke, welche nebst allen möglichen künstlerischen Gegenständen und unergründlichen Utensilien auch eine Kochplatte beherbergte, auf welcher Roxy nun eine Moka platzierte. Währenddessen ließ Roxy seinem Kommunikationsbedürfnis freien Lauf, was vorher sein exzentrischer Arbeitseifer verhindert hatte. Er sprach von der universalen Bedeutung der Spirale, um dann zum Wesen der heiligen Geometrie und ihrer Verewigung in den Pyramiden vorzustoßen. Das Wissen alter Kulturen, das dann wieder verlorenging und er jetzt in seinen Skulpturen wieder zum Leben erwecken wollte. Die Blume des Lebens, ein weiteres Thema, das ihn faszinierte.

So saßen wir vor einem ausgezeichneten Kaffee an einem Tisch, der mir vorher gar nicht aufgefallen war. Ich ließ seinen Redeschwall über mich ergehen, nickte ab und zu bestätigend und überlegte mir, wie ich Roxy wieder auf den Boden der Realität holen könnte. Unvermittelt hielt Roxy in seinem Monolog inne, indem er das Thema anschnitt, weswegen ich ihn aufgesucht hatte:

„Warum suchst du Kolle?“ Die Frage hörte sich genauso an, wie es mir vorher vorgekommen war: Kolle suchte man nicht! Kolle erschien einfach, oft genau dann, wenn man ihn am wenigsten erwartete. Das war Kolle! Also, warum ihn suchen?

Ich versuchte, Roxy zu erklären, warum Kolles Abwesenheit mich plötzlich beschäftigte. Erstaunlicherweise war Roxy jedoch nicht halbwegs so verblüfft über meine Frage, wie es mir zuerst erschienen war.

„Weißt du“, meinte er nachdenklich, „du bist nicht der Erste, der nach ihm fragt! Und allmählich werde auch ich etwas stutzig, weniger weil ich Kolle nun schon eine Weile lang nicht mehr gesehen habe, sondern weil sich plötzlich einige Leute um ihn kümmern, und vor allem, was das für Leute sind: unheimlich! Das sind keine Leute, mit denen Kolle verkehrt. Das sind eiskalt kalkulierende Menschen, gefühllos, Zombies, das sind Leute, welche bedenkenlos jemanden umlegen. Und ich frage mich, was Kolle mit denen zu tun hat!“

Und weiter: „Das war gestern am späteren Nachmittag. Hab’ die gar nicht reinkommen sehen, standen einfach plötzlich da – ich war gerade mit dem Mechanismus beschäftigt – die Skulptur besteht eigentlich aus zwei Spiralen, wobei die innere sich dreht und das Licht der im Zentrum angebrachten Beleuchtung über die spiralförmig angeordneten Spiegel auf die äußere Spirale überträgt – Evolution hat natürlich unabdingbar mit Bewegung zu tun! Die Doppelspirale ist übrigens eine Adaption der DNS-Doppel-Helix und der Effekt dürfte einigermaßen verblüffend sein. Es entstehen so immer neue Konstellationen – eine Wiederholung ist ausgeschlossen! – jedenfalls: der Mechanismus dahinter ist völlig ausgeklügelt und der Antrieb ist rückgekoppelt mit der Wärmereflexion der Beleuchtung, der einzigen Energiequelle, wenn man vom möglichen Resonanzfall absieht, wo das System sich abkoppelt und nur noch mit der geistigen Energie des Betrachters läuft. Aber ich bin wohl vom Thema abgekommen, wo war ich denn stecken geblieben? Ah da fällt mir ein: die kosmische Energie – unter esoterischen Kreisen auch als „freie Energie“ bezeichnet …“

„Du wolltest mir von den komischen Typen erzählen, welche sich nach Kolles Verbleib erkundigten!“, unterbrach ich ihn da ungeduldig. Roxy gehörte eindeutig zu dem Schlag Menschen, welche sich gerne von ihrer Fantasie beflügeln ließen und sich in der Vielfalt ihrer Ideen verloren.

„Ja richtig: diese Typen! Der Ältere sah aus wie eine Bulldogge. Hatte wohl auch das Sagen, jedenfalls sagte der Jüngere – ein schlanker Kerl mit Bubigesicht aber ebenso verschlagen – kein Wort, vielmehr unterstrich er das, was die Bulldogge sagte. Stell dir vor: als ich auf ihre Frage nach dem Verbleib Kolles wissen wollte, weshalb sie sich für ihn interessierten, packte dieses perfide Engelgesicht eine Tonskulptur – sie stellte den beflügelten Götterboten Hermes dar, unterwegs in die Unterwelt zur Befreiung der von Hades entführten Persephone, griechische Mythologie – und brach einfach einen Flügel ab (hab’ ihn übrigens wieder angeleimt), bevor er die Skulptur wieder zurückstellte. Natürlich verstand ich die Botschaft und berichtete ihnen nun ohne Umschweife, was ich auch dir nur sagen kann: ich habe Kolle seit einer Woche nicht mehr gesehen, kann aber nicht behaupten, dass mich das erstaunt. Er kommt und geht wie es ihm passt, oft habe ich ihn wochenlang nicht mehr gesehen, manchmal ist er auch tagtäglich hier und hat gerade eine Schaffensperiode. Das Atelier gehört mir, Kolle kann es einfach auch benutzen, und zuweilen arbeiten wir an einem gemeinsamen Projekt, zurzeit jedoch gerade nicht. Mehr konnte ich denen nicht sagen – und dir auch nicht. Die fragten mich dann nach Kolles Arbeitsplatz, und ich zeigte ihnen die Skulptur des allesverzehrenden Fegefeuers, die schien mir robust genug. Das Engelgesicht hat sie denn auch nicht angerührt. Aber eigentlich – dir kann ich es ja sagen – arbeitete Kolle zuletzt an einem Projekt mit einer Maschine, welche – ohne kommerzielle Absicht, versteht sich – aus Geld Toilettenpapier herstellt, mit dem sinnigen Titel »Recycling!«“

Da ich mich dafür interessierte, führte mich Roxy zu dem Unding. Es stand auf einer Palette, bereit, abgeführt zu werden. Ein imposantes Ungetüm, zusammengesetzt aus Bestandteilen von Druckpressen, Walzwerken, Klobrillen und Spülvorrichtungen. Die Funktionsweise schien mir einigermaßen undurchsichtig, klar war einzig der Input, welcher in einen Trichter geschüttet wurde, worauf ein Ziehknauf zu betätigen war, welcher den Mechanismus auslöste. Gemäß Roxy funktionierte die Maschine tadellos, jedoch nur mit echtem Geld. Bei Eingabe von Falschgeld wurde offenbar eine Alarmanlage ausgelöst und das Falschgeld durch den Trichter wieder ausgespuckt. Da ich jedoch weder zu viel Geld noch Bedarf an Klopapier hatte, konnten wir die Maschine nicht ausprobieren. Als Output hing eine halbaufgerollte Toilettenrolle an einem Halter. Ich untersuchte das Papier genauer, indem ich die Rolle ein wenig auswickelte. Das Papier fühlte sich seifig an wie frische Noten und kaum saugfähig. Und es war rosa getönt und beschrieben. Zwischen skurrilen Darstellungen unmöglicher Stuhlgangstellungen standen doppeldeutige Sprüche, welche wohl der Zufall zusammengewürfelt hatte wie:

„Was mache ich, wenn die Situation dringend wird? Scheiße!“

„Recycling ist sein Geld wert!“

„Geld wäscht sauberer!“

„Überlasse nichts dem Zufall: spüle gründlich!“, endlos, besser gesagt: eine Rolle lang …

Typisch Kolle! Wahrscheinlich hatte er da sein ganzes Repertoire an Aphorismen in einen Zufallsgenerator geschüttet. Mein Interesse an der Recyclingmaschine war jedenfalls gebändigt, da mir dieser Output keine Rückschlüsse auf Kolles momentanen Aufenthaltsort zuließ.

Roxy konnte mir dazu auch keine weiteren Informationen geben. Ich hatte aber das Gefühl, dass er mir etwas verheimlichte, das ihm offenbar in diesem Zusammenhang irrelevant erschien. Als ich ihn nämlich danach fragte, ob ihm an Kolles Verhalten in letzter Zeit etwas aufgefallen sei – dass Kolle nicht erst seit gestern irgendwo ins Fettnäpfchen getreten war, lag auf der Hand – meinte Roxy nur:

„Nun ja, wir hatten da eine kleine Auseinandersetzung wegen dem Wall Street-Projekt, und seither schien er mir etwas gereizt …“

„Wall Street-Projekt“? Das machte mich hellhörig, denn mit der Wall Street verband ich Geld und Politik und ein gehöriges Potential, ins Fettnäpfchen der Finanzpolitik zu treten. Der mysteriöse Telefonanruf von heute Morgen kam mir in den Sinn: „Ihr Freund ist gerade im Begriff, die größte Dummheit seines Lebens zu begehen!“, und: „Leute seinesgleichen sollten die Finger von der Politik lassen!“ Politik? Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie Kolle da ins politische Fahrwasser geraten sein sollte und wenn, dann wahrscheinlich ohne Absicht, denn was hatte Kunst schon mit Politik zu tun? Klar gab es Künstler, welche die sozialen Missstände mit ihrer Kunst anprangerten, was jedoch auch wiederum völlig legitim war - außer vielleicht in China. Hierzulande genießen Künstler eine gewisse Narrenfreiheit, da man sie ja auch nicht ernst zu nehmen braucht. Im Bewusstsein des Normalbürgers ist Kunst etwas für Mußestunden, etwas, das man sich am Feierabend zu Gemüte führt. Und bei der ständigen Überflutung von Nachrichten über Krieg, Mord und Totschlag erregt kein kritischer Künstler mehr die Gemüter. Offenbar aber war nun Kolle das Kunststück gelungen, von gewissen, politisch einflussreichen Leuten genügend ernst genommen zu werden, um ihn vor den Konsequenzen seines Schaffens zu warnen. Und diese Kreise schickten nun sogar ihre Handlanger aus, um Kolle in seine Schranken zu weisen. War das „Wall Street-Projekt“ der Stein des Anstoßes? Ich bat Roxy um genauere Angaben zu diesem Projekt. Roxy wollte damit jedoch nicht richtig herausrücken. Wahrscheinlich empfand er meine Neugier als Einmischung in Dinge, die mich nichts angingen und vor allem – wie er mir versicherte – nichts mit der Sache zu tun hätten. Obwohl ihm, ebenso wenig wie mir, klar war, was diese „Sache“ denn überhaupt war. Hatte die Recycling-Maschine mit dem „Wall Street-Projekt“ zu tun? Nicht direkt, erklärte mir Roxy ausweichend. Das Ganze sei ja nur eine Idee gewesen, nicht ausgereift und nie realisiert. Warum sie einander in die Haare geraten wären? Meinungsverschiedenheiten, das Projekt sei dann aber beerdigt worden, wenigstens hätte er sich davon zurückgezogen. Ob Kolle noch daran arbeite? Er wisse es nicht, bei Kolle wäre alles möglich. Worauf sich dann Roxy wieder an die Arbeit machte.

Unschlüssig stand ich im Atelier, vor einer leeren Kaffeetasse. Aus der Halle ertönte wieder das Klopfen und Hämmern, das Roxy bei seiner Arbeit begleitete.

Wie weiter? Unvorhersehbar, wo sich Kolle gerade aufhielt! Bei einem seiner Künstlerkollegen? In einer Bar? Kolle in einem seiner bevorzugten Kneipen aufzusuchen, machte einfach keinen Sinn. Und ganz abgesehen davon, dass die meisten dieser Bars zu dieser Zeit sowieso noch geschlossen waren, ging es mir entschieden gegen den Strich, ihm nachzurennen, ohne den geringsten Anhaltspunkt und entgegen allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Zudem konnte das Ganze ja geradesogut ein absurder Witz sein. Ich versuchte es nochmals mit dem Handy: immer noch tot …

Ich verließ das Atelier durch die rostige Eingangstüre, überquerte den Innenhof und wandte mich dann nach links der 22nd Street entlang. Mein Ziel war die High-Line. Ganz in der Nähe gab es einen Zugang, gleich neben der Metrostation Ecke W 23nd Street/ 10th Avenue. Ich brauchte etwas Ruhe. Ein Spaziergang auf der High-Line, fernab vom Verkehr und Stress des Alltags schien mir dazu das Geeignete zu sein. Die Straßen waren nahezu menschenleer. Ein paar Touristen, vom Ausstellungsangebot in SoHo angelockt, spazierten herum, vereinzelt sah man Passanten auf dem Weg zur Mittagspause. Da kam mir in den Sinn, dass auch ich noch nichts gegessen hatte. Ich nahm mir vor, dies im »Cosmos«, einem kleinen Café auf der High Line, nachzuholen. Mittlerweile war ich beim Aufstieg angelangt. Beim Aufzug hing ein Schild „außer Betrieb“, und so nahm ich die Treppe. Oben angelangt, mäßigte ich meinen Schritt. Ich spazierte gemütlich entlang dem von Grünanlagen gesäumten Weg und genoss die Ruhe und den Ausblick.

Nochmals überging ich die jüngsten Ereignisse: in meinem Büro, vor knapp zwei Stunden hatte ich diesen mysteriösen Anruf eines Fremden erhalten. Normalerweise wurden ja private Anrufe nicht weitergeleitet. Der mysteriöse Anrufer – ein gewisser Mister Rockslam - hatte jedoch, wie ich dann von Mistress Kanderwitz, unserer Zentralsekretärin, erfuhr, in geschäftlicher Manier nach dem Zuständigen für Kulturförderungsbeiträge, dito mir, verlangt. Der nichtgeschäftliche Charakter seines Anrufs war dann jedoch sofort offensichtlich gewesen. Falls mir das Weiterleben von Kolle wichtig sei, so die brüchige und mir völlig unbekannte Stimme mit einem unterschwellig drohenden Unterton, solle ich ihn unverzüglich aufspüren. Ich hatte natürlich ähnlich verdutzt reagiert wie später dann Roxy. Wer sucht schon Kolle! Und außerdem: was hatte ich damit zu tun? Was sollte diese völlig unangemessene Andeutung bezüglich dem Weiterleben von Kolle? Ich hatte zuerst gedacht, dass das ein übler Scherz sein musste. Der Anrufer hatte sich dann jedoch alles andere als humoristisch erwiesen. Kolle solle die Finger von der Politik lassen, sonst könne das böse Konsequenzen haben. Eine Aussage, welche ich wiederum höchst witzig gefunden hätte, wäre da nicht dieser bedrohliche Unterton gewesen. Mister Rockslam hatte unmissverständlich zum Ausdruck gegeben, dass er es ernst meinte, und ich begann mir Sorgen zu machen und wollte genauere Angaben. „Es geht um die Konsequenzen: Mord und Totschlag!“ Ob das deutlich genug sei. Und dann hatte Mister Rockslam einfach aufgehängt. Vergeblich hatte ich versucht, Kolle per Handy zu erreichen.

Das Ganze hatte mir dann keine Ruhe gelassen. Ich war so beunruhigt gewesen, dass ich meine Arbeit einfach stehen gelassen hatte, nur um kurz darauf in Kolles chaotischem Ambiente festzustellen, dass dieser ausgeflogen war. Im Atelier von Roxy war Kolle offenbar schon lange nicht mehr aufgekreuzt, was eigentlich nicht weiter erstaunlich war. Das einzig Befremdliche an der ganzen Angelegenheit war, dass er von zwei Ganoven gesucht wurde, die vermutlich auch für das Chaos in Kolles Wohnung verantwortlich waren. Kriminelle! Die Reaktion Roxys hatte mir das bestätigt. Seine Zurückhaltung bezüglich ihres gemeinsamen Projektes hatte meinen Argwohn erweckt. Was verheimlichte mir Roxy? Sie hatten sich zerstritten. Was war wohl der Grund gewesen? Warum war dieses „Wall Street-Projekt“ begraben worden? Was hatte Kolle mit der Wall Street zu tun, der Drehscheibe der Finanzpolitik, Tummelplatz von Bankiers und Börsenspekulanten?

Ich konnte mir auf das Ganze einfach keinen Reim machen.

Mittlerweile war ich vor dem „Cosmos“ angelangt. Das Café war erst nach der Eröffnung der High-Line-Promenade entstanden, ein moderner Anbau an das Foyer und kurz nach diesem errichtet. Das Foyer war ein vierstöckiges Gebäude, das an die High-Line gebaut worden war. Eigentlich bestand es aus einem breiten Durchgang mit zu beiden Seiten der Promenade offen zugänglichen Räumen, die Kunstausstellungen beherbergten. Die zwei geräumigen Terrassen, umsäumt von Terrarien mit bonsai-artigen Sträuchern, waren später angelegt worden und gehörten jetzt zum Restaurant. Es war relativ mild und die Sonne zeigte sich immer wieder zwischen den Wolken; so setzte ich mich an einen Tisch auf der unteren Terrasse. Hier war ich fast völlig für mich, nur zwei weitere Gäste saßen ein paar Tische entfernt, ein wortkarges Paar. Er las einen Reiseführer, sie blätterte in einem Modejournal. Wahrscheinlich Touristen. Jedenfalls hatte der Mann eine Kamera umgehängt, während die Frau eines dieser gängigen T-Shirts trug mit der Aufschrift »I love NY!«. Ich studierte die Karte und wählte Lasagne und einen Salat. Ich freute mich schon auf den Café macchiato danach.

Ich liebte dieses Café mit dem italienischen Ambiente. Es war in dieser Form so ziemlich einzigartig. Hier bekam man den besten Kaffee von ganz New York, wenigstens kannte ich kein anderes Restaurant, das eine auch nur annähernd so exzellente Latte macchiato anbot. Ich kannte sogar den Besitzer, Don Pedro, einen alteingesessenen Italiener. Keiner wusste, was ihn hierher verschlagen hatte. Irgendeine Geschichte mit der Mafia, zu diesem Thema war Don Pedro sehr verschlossen. Wenn er sich gelegentlich zu einem Schwatz zu mir setzte, sprach er gerne von seiner Heimat, die ich von meinen Reisen her gut kannte: Sizilien, Palermo, der gute Wein, die Olivenhaine, der Familiensinn, der in Süditalien sehr ausgeprägt war. Ich merkte, dass sein Herz immer noch seiner Heimat gehörte, und wenn der AC Palermo spielte, fieberte er vor der Kiste mit und war für niemanden ansprechbar.

Die junge Kellnerin, eine hübsche Brünette, brachte mir den Café und ich bezahlte sogleich. Don Pedro sei nicht da, sagte sie mir auf meine Frage. Ein kleiner Schwatz mit ihm hätte mich jetzt aufgeheitert.

Meine Gedanken umkreisten immer noch das Thema: wo steckte Kolle? Meine Unkenntnis darüber machte mir plötzlich klar, wie schlecht ich Kolle kannte.

Bisher hatte ich Kolle immer nur als kritischen und zuweilen unbequemen Zeitgenossen wahrgenommen. Nie jedoch hatte ich seine Kunst in Zusammenhang mit der gegenwärtigen politischen Situation gesehen, und wenn ein zeitkritischer Aspekt in seinem Schaffen auftrat, so hatte das nie Anlass für eine politische Auseinandersetzung gegeben.

Ja, wie gut kannte ich denn eigentlich Kolle? Die ernüchternde Antwort auf diese Frage war ganz schlicht und einfach: herzlich wenig! Er war eines Tages einfach plötzlich auf der Bildfläche erschienen. Über Kolles Vergangenheit wusste ich kaum etwas. Seine Vergangenheit war denn auch nie ein Thema gewesen. Ich glaubte, mich einzig schwach daran zu erinnern, dass Kolle einst erwähnt hatte, dass er längere Zeit in Europa gewesen war. Aber das war so ziemlich das Einzige, was ich darüber wusste. Ich erinnerte mich noch genau an unsere erste Begegnung …

Museum of Modern Art in Manhattan. Tinguely-Ausstellung im Skulpturgarten. Tinguely exerzierte vor geladenen Gästen eine Maschine, die sich nach 27 Minuten selbst zerstörte. Ein furioses Kunstereignis mit enormer Symbolgewaltigkeit, Sinnbild für unsere Zeit. Die Interpretation blieb der Phantasie des Zuschauers überlassen. Jedenfalls stand der Maestro nun neben den noch rauchenden, zuckenden Trümmern seines Monstrums und quittierte den verzögerten Applaus des Publikums mit einer abwinkenden Geste, als wollte er sagen: der wahre Künstler stellt sich immer in den Schatten seines Werkes. Später würde man Tinguely feiern als einen der Wegbereiter der Live Performance. Ich befand mich unter den geladenen Gästen, zusammen mit namhaften Kunstkritikern, Künstlern und VIPs, einerseits in Funktion meines Amtes als Kulturförderer, aber auch, weil mich die bildende Kunst schon immer fasziniert hatte.

„Wenn wir nur lange genug warten, reproduziert sich die Maschine wieder he…!“ Erst jetzt bemerkte ich den Mann mit dem langen schwarzen Mantel neben mir, der jetzt in polterndes Lachen ausbrach. Obwohl seine provokative Erscheinung mit den roten Stoffhosen, dem bunten Hemd und der karierten Krawatte wie eine Faust auf das Auge des guten Geschmacks wirkte, wahrscheinlich gewollt unkonventionell und widersprüchlich, fühlte ich mich sofort zu ihm hingezogen und konnte mir ein blödes Grinsen nicht verkneifen. Jetzt erst erkannte ich auch, was mich so irritierte: die Asymmetrie! Sein linker Schuh robust, braun, ein solides Schuhwerk das sich in den Bergen bestens bewährt hätte, während er rechts in einem abgetretenen Turnschuh steckte, den jeder Clochard bedenkenlos fortgeschmissen hätte. Und so erkannte ich nun bei genauerem Hinschauen auch sonst überall kleine Dinge an ihm, welche aus der Reihe des Normalen tanzten. Ich meinte:

„In der Tat, die Reproduktion könnte das Staunen kaum noch steigern!“ Natürlich hätte ich trotzdem blöd geguckt, wenn Tinguely seine Maschine entgegen aller Naturgesetze, wie das Rückwärtslaufen eines Filmes, wiederauferstehen lassen hätte. Wir kamen ins Gespräch, in dessen Verlauf sich herausstellte, dass er dieses reproduzierte Ereignis TATSÄCHLICH für möglich hielt, wenngleich auch für höchst unwahrscheinlich. Kolle und seine Chaostheorie! Mittlerweile saßen wir an der Museumsbar, während Kolle mir seine irrwitzige Philosophie erklärte. „ Alles ist möglich!“, posaunte er, während er den letzten Schluck „Old Scotch Whisky“ hinunterkippte. Ich gab zu bedenken, dass gerade das Endgültige, der einmalige Akt der Zerstörung, das Wesen der soeben erlebten Performance ausmachte.

„Alles eine Frage der Perspektive! Für den Herrn Oberstudienrat beispielsweise sind Tinguelys Maschinen einfach unproduktive Maschinen, deren Zerstörung er mit dem gönnerhaften Bedauern des Unbeteiligten hinnimmt. Verständnisloses Kopfschütteln: diese moderne Kunst …! Es berührt ihn nicht, hat keinen Platz in seinem Weltbild. Ein Intellektueller sieht darin vielleicht eine Metapher auf den selbstzerstörenden Materialismus. Oder betrachte diesen Aspekt: die aus Industrieschrott hergestellte Maschine wird wieder zu Schrott – Metamorphosen! Oder die Absurdität: welchen Sinn hat eine Maschine, deren offensichtlicher Zweck ihre Selbstzerstörung ist! Unzählige Perspektiven eröffnen sich dem unvoreingenommenen Geist, Perspektiven, die unweigerlich das abweisende Befremden des konservativen Betrachters erregen. Tinguely lädt uns hier ein, die Engstirnigkeit anerzogener Sichtweisen zu durchbrechen!“ Pathos schwang in seiner Rede. Ich konnte mich des Eindrucks nicht verwehren, dass da gleichzeitig auch eine Prise Ironie mitschwang, mit der Kolle seinen eigenen Vortrag parodierte.

Seine Chaosphilosophie – ein ewiger Stein des Anstoßes zwischen uns – erschien mir allzu aberwitzig. Die Beharrlichkeit, mit welcher er seinen fehlenden Sinn für Ordnung demonstrierte, hatte immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen uns geführt, und ich hegte den Verdacht, dass er es sogar darauf anlegte, nur um mich vor den Kopf zu stoßen.

Für Kolle war alles möglich. In seinem Universum mochte das Rad der Zeit auch rückwärts laufen. Die Zustände auf diesem Planeten demonstrierten jedoch offensichtlich, dass die Gesetze des Zerfalls eher den umgekehrten Weg beschritten. „Scheinbar“, meinte Kolle dazu. „Du siehst nur das materielle Schlachtfeld. Im Spirituellen findet ein Reinigungsprozess statt. Der Weizen wird vom Spreu getrennt, und das ist es, was du auf diesem Planeten zuerst siehst: der Spreu, dieser Abfallberg, der immer mehr zunimmt …“ Was für eine elegante Entschuldigung, das Chaos in seiner Umgebung zu rechtfertigen!

Kolle belächelte den Kleinbürger, der so fest im gewohnten Alltag verwurzelt war und vor seiner Haustüre kehrte. Ich fühlte mich erst wohl, wenn alle Dinge an ihrem vorgesehenen Ort waren. Es lag nicht nur an der Gewissheit, die Dinge auch dort zu finden, wenn man sie brauchte. Erst eine saubere, ordentliche Wohnung vermittelte mir das Gefühl von Geborgenheit und Behaglichkeit. Wahrscheinlich aber lag Kolle gar nichts an solcher Behaglichkeit. Ich fand, dass wir schon in einer genügend chaotischen Welt lebten. Und deshalb brauchte ich eine Oase, wo ich mich wohl und daheim fühlen, mich erholen konnte. Kolle hingegen liebte das Extreme. Er schöpfte offenbar seine Inspirationen aus dem Chaos und führte ein aufregendes Leben, das vom Zufall gelenkt zu sein schien. Jedenfalls erkannte ich dahinter kein ordnendes Prinzip.

Typisch hierzu ein Ausspruch von Kolle, wo es darum ging, was er eigentlich mit seiner Kunst auszudrücken suchte:

„Das Einzigartige wird zur Realität, während das Alltägliche ins Absurde entgleitet!“

Meine Gedanken begannen sich im Kreis zu drehen. Diese ganze Aufregung um die vielleicht nur vorübergehende Unauffindbarkeit meines unberechenbaren Freundes kam mir plötzlich lächerlich vor. Womöglich rief mich Kolle bereits morgen an und wollte wissen, warum ich ihn so dringend zu erreichen gesucht hatte. Ich beschloss also, die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen, stand auf und kehrte zurück in den bürokratischen Alltag meines täglichen Broterwerbs.

Feierabend! Mistress Kanderwitz hatte (infolge meines plötzlichen Wegbleibens) einen Termin mit einem Abgesandten aus Asbekistan auf den späteren Nachmittag verschieben müssen (dieser Herr Skwoderwjitc – unaussprechlicher Name – ließ sich einfach nicht auf einen anderen Tag abschieben und saß eine geschlagene Stunde im Vorraum, während der ich eine dringliche Angelegenheit mit dem Amt für Kulturhistorische Zensur auszuhandeln hatte). Dann stellte er mir sein Projekt zur Förderung der asbekischen Kultur vor, in dessen Verlauf sich herausstellte, dass Asbekistan zu Zeiten des seligen Truman von Amerika, in der Rolle als Kulturbewahrer, diverser Kulturgüter vor dem angeblich drohenden Untergang in unruhigen Zeiten beraubt worden war. Diese Kulturschätze standen nun immer noch im Kulturhistorischen Museum in New York ausgestellt. Herr Skwoderwjitc wollte diese nun angesichts der nachweislich längst politisch stabilen Situation wieder zurückhaben in das eigene Heimatmuseum. Rechtliche Abklärungen, Gesuchstellungen, das konnte Jahre dauern. Diplomatie, nur: wie brachte ich das diesem eifrigen, patriotischen Beamten bei? Wir vertagten, indem ich ihm versprach, mich bei den zuständigen Behörden zu erkundigen.

Die nächsten zwei Tage kümmerte ich mich nicht mehr um Kolles Verbleib. Im Büro lief der asbekistanische Abgesandte Sturm und ich hatte auch sonst alle Hände voll zu tun. Und abends besuchte ich Haike.

Haike: eine grazile, sensible Brünette. Haike mit ihrem einzigartigen, verschmitzten Lachen, das aber aus heiterem Himmel und ohne offensichtlichen Grund in Unwetter umschlagen konnte. Bis jetzt hatte ich noch nicht herausgefunden, warum sie so heikel war. Ein unbedachtes Wort im falschen Moment konnte das Sturmbarometer auf Tiefstwerte umschlagen lassen. Und dann verkroch sie sich in ihr Schneckenhaus, schmollte und brachte es fertig, dass ich mich schuldig fühlte. Aber ich kam dann einfach nicht darauf, was ich falsch gemacht hatte, und dann, nach langer Zeit stürmischer See, stellte sich heraus, dass ich ihren Namenstag vergessen hatte, oder die neuen, kürzlich erstandenen Schuhe nicht bemerkte hatte. Oder sie unterstellte mir Dinge, die ich so nie gesagt oder gemeint hatte, aber eben gemeint haben könnte, bei entsprechender Schieflage der Gesinnung. Dahinter verbarg sich wahrscheinlich ein – in meinen Augen – völlig übertriebenes, ständiges und omnipräsentes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, als ob sie nicht genügend Beweise für meine Zuneigung hätte haben können.

Den Vogel schoss sie einmal ab mit einer Eifersuchtsszene, die ebenso lächerlich wie unbegründet war. Wir saßen in einem Restaurant in der Nähe der Galerie „St. Laurents“ bei einem exzellenten Nachtessen und sehr freundlicher, zuvorkommender Bedienung. Die Kellnerin, eine junge Frau mit asiatischen Zügen, war ausgesprochen hübsch und anmutig, mit einem sehr einnehmenden Lächeln. Ich ließ unbedacht eine anzügliche Bemerkung darüber fallen, worauf Haike sofort kratzbürstig wurde. Eingeschnappt erkundigte sie sich, ob ich denn jedem Weiberarsch nachschaue. Von Ärschen hätte ich gar nicht gesprochen, entgegnete ich da missmutig und – wie ich in solchen Situationen gerne reagiere - provokativ, aber wenn man diesen hier näher in Betracht ziehe, sei der auch ganz schön einnehmend. Sticheleien! Unbedachte Worte! Aber Haike bekam das nun völlig in den falschen Hals. Sie schrie mich an, schimpfte mich einen geilen Bock. Es wurde richtig peinlich. Und schließlich stand sie auf, wutentbrannt und unter hysterischem Gezeter, und ließ mich einfach sitzen.

Nein, ich hasste solche Szenen. Sie waren so nervend, zeitaufreibend und vor allem überflüssig. Ich gab ihr ja wirklich keinen Anlass dazu. So etwas lag mir einfach nicht. Ich war ein äußerst monogames Wesen, treu wie ein Hund, solange die Beziehung hielt. Und eigentlich war ich immer wieder von neuem fasziniert von der heiteren, unbeschwerten Haike, wenn alles stimmte und keine unerwarteten Wolken am Firmament auftauchten. Vor allem aber war ich völlig vernarrt in ihre ungestümen Heiterkeitsausbrüche, und wenn immer sich die Gelegenheit bot, brachte ich sie zum Lachen, ich konnte gar nicht anders. Ihr unbeschreibliches, glucksendes Lachen war ansteckend und erfrischend. Es hatte eine ähnliche Wirkung auf mich wie ein Sonnenaufgang im Frühling. Wenn Haike lachte, wirkte sie so jung und unbekümmert, und ich sah sie, wie sie als Kind schon gewesen sein musste, einfach, herzlich und ursprünglich. Ihr Lachen tauchte alles in einen Zauber, welcher von der Schwere des Alltags völlig unberührt war wie das Plätschern eines Wasserfalles nach dem freien Fall, und das ließ mich dann all die zermürbenden Widrigkeiten des Alltags vergessen …

Einer spontanen Eingebung folgend hatte ich an diesem Abend an einem Stand neben dem Metro Ausgang ein paar Blumen gekauft und beglückwünschte mich dann im Nachhinein zu diesem Einfall angesichts Haikes Freudestrahlen.

„Für mich?“, fragte sie (völlig überflüssigerweise) und strahlte über das ganze Gesicht. Ich liebte sie! Die Welt war wieder in Ordnung, die Sonne schien. Und es war genau das, was ich brauchte, nach diesem ereignisschweren, aufregenden Arbeitstag.

Haike kannte meinen Freund Kolle natürlich auch. Das hatte sich fast zwangsläufig so ergeben, obwohl ich mich mit Kolle nur gelegentlich traf. Allein schon ihre Tätigkeit als Reporterin für den Kulturbereich der „New York Times“ hätte früher oder später zu einer Begegnung mit ihm geführt. So aber war ich es, der ihr den „exotischen, verkannten Künstler“ vorstellte. Das war anlässlich einer Vernissage von Hans Messerschmied, dem weltbekannten Fotografen der »Bilder, die Geschichten erzählen«, wie dann später im Kulturteil der „New York Times“ zu lesen war. Und in der Tat, es waren faszinierende, zum Teil aber auch tragische Geschichten, die der Fotograf hier eingefangen hatte. Speziell erinnerte ich mich noch an das Bild eines Jungen, der mit einem aus Abfall – man erkannte eine leere Pet-Flasche, Räder aus Deckeln von Konservenbüchsen und (Stachel?)Draht – zusammengebastelten Auto in den Trümmern eines zerbombten Hauses spielte. Das Bild stammte aus dem Gaza-Streifen, aber es hätte ebenso gut aus einem anderen kriegszerrütteten Drittweltland stammen können. Aus dem Bild sprach die ganze menschliche Tragödie, welche jeder Krieg für die unbeachteten Direktbetroffenen mit sich brachte, und gleichzeitig ein Anklang von Hoffnung. Das Kind, wie es trotz Elend und Not selbstvergessen im Spiel der trostlosen Realität für einen Augenblick entrückt war, ein Plädoyer für die Kinder und eine Anklage gegen die Grausamkeiten und Missachtung der Menschenrechte auf dieser Welt.

Haike war sehr berührt von diesem Bild und meinte, dass es für sie einfach unfassbar sei, dass Menschen einander so schreckliche Dinge antun können.

„Solche Bilder machen mich immer wieder von neuem betroffen, das Schicksal des Einzelnen, das in den üblichen Nachrichten von Krieg und Gewalt, mit denen man tagtäglich überhäuft wird, einfach untergeht. Man hat sich daran gewöhnt, dass Krieg und Gewalt zur Tagesordnung gehören, man ist abgestumpft und liest diese Dinge am Morgen zu Kaffee und Gipfel, aber ich kann mich einfach nicht damit abfinden. Es wird mir erst wieder bewusst, wenn ich durch solche Bilder wachgerüttelt werde.“ Kolle pflichtete ihr bei, indem er hinzufügte, dass das Alltägliche, mithin hier die Gewohnheit, während der Einverleibung solcher Nachrichten sich ruhig zurückzulehnen, für ihn schon immer etwas in seiner Absurdität völlig Makabres an sich hätte. Was ihn anbelange, lese er schon lange nur noch den Kulturteil der Zeitungen. Womit wir dann mitten in einer Diskussion über Kultur und Fortschritt waren. Sie sprachen miteinander, wie wenn sie sich schon lange kennen würden, und Haike sagte mir später über Kolle: „Ein äußerst interessanter, aber auch exzentrischer Mensch, kompromisslos bis in die Haarspitzen und dadurch irgendwie außerhalb dieser Gesellschaft. Ich glaube, er kennt gar keinen Alltag, ein einsamer Steppenwolf.“

Und – später – Kolle über sie: „Eine sehr außergewöhnliche Frau mit einem bemerkenswerten Potenzial zum kreativen Chaos.“ Ich fand, damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Mir kamen all die hässlichen Szenen und Streitereien in den Sinn …

Heute Abend aber herrschte strahlendes Wetter. Kaum hatte ich mich aus ihrer stürmischen Umarmung gelöst und sie die Blumen in eine Vase gesteckt, lagen wir einander schon wieder in den Armen. Und zwischen tausend Küssen, zerfloss ich wie Butter und ließ mich willenlos von ihrem Temperamentsausbruch überwältigen.

Später – wir lagen im Bett und sprachen über Dinge, die uns gerade beschäftigten – berichtete ich ihr auch über das rätselhafte Verschwinden von Kolle, oder vielmehr über den rätselhaften Anruf eines Unbekannten, welcher erst Kolles völlig normales Verschwinden (und bisher: ebenso völlig unerwartetes Wiederauftauchen) in einem rätselhaften Licht erscheinen ließ. Worauf sie mir beipflichtete, dass einzig dieser Anruf seltsam wäre. Und das auch nur, weil bis jetzt noch niemand Anstoß an seinem unberechenbaren Benehmen genommen hatte. Mit anderen Worten: uns schien vielmehr dieser mysteriöse Anrufer suspekt.

Den nächsten Abend – wiederum nach einem arbeitsreichen Tag, in dessen Verlauf ich mich unter anderem mit dem asbekistanschen Beamten besprochen hatte (diesmal ging es um die Geltendmachung seiner Ansprüche beim Amt für Gesellschaft und Kultur. Wir hatten eine Anhörung bei dem zuständigen Verwaltungsbevollmächtigten für Kulturgüter erreicht) – verbrachte ich wieder zusammen mit Haike. Wir hatten uns im „Heros“ verabredet, da Haike gerade in der Nähe auf „Pirsch“ war. So bezeichnete ich es, wenn sie für eine Reportage unterwegs war. Diesmal war es ein Interview mit einem ehemaligen Priester, der sich einen Namen als Elvis-Presley-Imitator gemacht hatte und, nachdem er wegen seinen Alkoholexzessen (auch in dieser Hinsicht sein Idol blendend imitierend) von der katholischen Kirche exkommuniziert worden war, das Priestergewand endgültig gegen die Sängerkarriere getauscht hatte. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, seine Auftritte mit passenden Bibelzitaten zu ergänzen. Lachend berichtete Haike an der Bar von dieser Begegnung mit „Presley, dem Frommen“. Diesen Namen verdiente er nicht nur mit seinen frommen Zitaten, sondern vielmehr durch seine frommen Taten. So unterhielt er eine Pension, wo Obdachlose unter seinem Patronat eine zweite Heimat fanden. Daselbst, irgendwo an der 57the Street, hatte Haike ihn aufgesucht und eine bunt zusammengewürfelte, frischfröhlich zechende und schwadronierende Gemeinschaft vorgefunden. Nachdem Haike sich mit ein paar dieser Exoten der Gesellschaft unterhalten hatte, führte der Patron Haike in sein Büro, das mit Elvis- Plakaten und Fotografien überfüllt war. Sogar auf dem Klodeckel soll Elvis frech grinsend verewigt sein. Angefangen hatte die Geschichte in der Bronx. Der Vater alkoholsüchtig, arbeitslos und gewalttätig, die Mutter ging nebenbei auf den Strich. Ständige Streitereien. Mutter beschimpfte Vater, Vater schlug Mutter, der Sohn trieb sich auf den Gassen herum („Ist ja auch kein zu Hause da!“). Drogen, Einbrüche, Knast und zuhause nur Prügel, so wuchs er auf. Später dann riss er von zuhause aus nach Colorado und schließlich nach San Franzisco, schlug sich irgendwie durchs Leben, mal als Verkäufer, mal als Laufbursche, als Tellerwäscher, dazwischen immer wieder Einbrüche. Schließlich landete er im Knast für Unverbesserliche. Ein Mithäftling brachte ihm das Lesen bei und mangels Lektüre studierte er die Bibel von vorne bis hinten und umgekehrt. Bald kannte er die Bibel auswendig und ging seinen Mitgefangenen mit seinen Bibelzitaten auf den Geist. Für ihn aber war es das Schlüsselerlebnis. Er beschloss, sein verpfuschtes Leben in Zukunft der Verkündung der frohen Botschaft zu widmen. Kaum aus dem Knast, fand er in einem Kloster Aufnahme und erhielt dort schließlich die priesterlichen Weihen. Er wurde in irgendein gottverlassenes Provinznest in der Nähe von Oklahoma abberufen, wo er sich vor allem um die Armen kümmerte. Und dort entdeckte er dann Elvis Presley, wieder ein Schlüsselerlebnis. Elvis wurde zu seiner Passion. Keine Distanz war ihm zu weit, um an einem Konzert des „King of Rock’n’Roll“ mit dabei zu sein, sofern es mit seinen priesterlichen Pflichten vereinbar war („die wahre Botschaft ist Leben, ist Freude“ seine Erkenntnis), und inspiriert von Elvis Musik, sang er mit Inbrunst auch Hits von seinem Idol mit seinem Gospelchor bei den Sonntagsandachten, auch nach dem Tod von Elvis. Mit der Zeit wurde er immer bekannter als Presley-Imitator und trat auch in Bars oder Rock’n’Roll-Veranstaltungen auf. Und so kam der Zeitpunkt, an welchem die römisch-katholische Kirche ihn für die christlichorthodoxe Moral als nicht mehr tragbar befand und ihn seiner priesterlichen Weihen und Pflichten entband. Aber er ließ sich davon nicht beirren und fand schließlich in seinem eigenen Heim für Obdachlose wieder beides vereint: Musik, Lebensfreude, Barmherzigkeit und Dienst an den Bedürftigen …

All das erzählte Haike an der Bar. Jonny, der Barkeeper, fand das umwerfend lustig. Ich war noch vor Haike hier eingetroffen und hatte mich mit Jonny über seine interessantesten Gäste unterhalten. Jonny, ein begnadeter Beobachter und Thekenphilosoph, hatte mir Anekdoten über einige seiner exotischsten Gäste erzählt, aber das, was Haike mit dem Rock’n’Roll-Priester erlebt hatte, schien offenbar diese Exotik völlig in den Schatten zu stellen. Irgendwie beneidete ich Haike darum, dass sie immer so interessante und einzigartige Leute traf und kennenlernte, während ich mich in meinem Beamtenjob mit Bürokraten oder irgendwelchen Abgesandten und Diplomaten herumschlagen musste. Natürlich ließ ich mir das nicht anmerken. Ich saß an der Bar und schaute mich sinnierend um, während Haike sich mit Jonny unterhielt. Eben war Groovy aufgetaucht und hatte sich zu Haike und Jonny gesellt. Groovy war eine stadtbekannte Größe aus der Musikszene, ein Rappmusiker. Entsprechend schnell und wortgewandt redete er und ließ seine Gesprächspartner kaum zu Wort kommen. Auch er war eine recht exotische Erscheinung mit seinem grellfarbenen Anzug, den glitzernden Manschettenknöpfen, dem Schmuck an den Fingern und Handgelenken. Um seinen Hals hing eine Goldkette und in beiden Nasenflügeln steckten Piercings mit Edelsteinen. Er war aufgemacht wie ein Weihnachtsbaum, Glitzer und Gloria. So konnte sich nur ein Afrikaner kleiden ohne kitschig zu wirken. Ich kannte Groovy nur flüchtig, und als er Haike und Jonny begrüßte, ignorierte er mich völlig. Die drei schienen sich bestens zu unterhalten. Sie sprachen über das gesellschaftliche Leben, machten sich lustig über die Leute, ihre Mocken und Ansichten, lachten über Situationskomik und wechselten dabei so schnell von einem Thema zum nächsten, dass ich nur die Hälfte davon mitbekam. Sie schienen mich sowieso nicht miteinzubeziehen, weshalb ich mir auch nicht mehr die Mühe nahm, ihrer skurrilen Diskussion zu folgen. Ich fühlte mich ausgeschlossen und schaute trübsinnig in mein Bier. Auch als nun Jonny ein paar Neuankömmlinge am anderen Ende der Bar bediente, beachtete mich weder Haike noch Groovy. Ihr ausgelassenes Gelächter ging mir auf die Nerven. Vor allem verstimmte mich, dass Haike mich einfach links liegen ließ. Um mich abzulenken, ließ ich meinen Blick über die Gäste an der Bar schweifen. Ich entdeckte am mir gegenüberliegenden Ende der Bar ein bekanntes Gesicht: Irish Stew, ein Mitglied des Kulturaufsichtsrates. Ich hatte mit ihm auch schon beruflich zu tun gehabt. Einmal hatte ich ihn bei einer Vernissage getroffen und mit ihm geplaudert. Ich erinnerte mich, dass ich mich dabei sehr gelangweilt hatte. Der typische Beamte: trocken, humorlos, bieder. Ich überlegte mir, ob ich mich zu ihm gesellen sollte, um mich aus meiner unangenehmen Situation zu befreien. Die Alternative, Langeweile anstatt Unbehagen …

„… Es gibt Leute, die begreifen einfach nichts! …“, sagte gerade Groovy. Dabei warf er mir einen Seitenblick zu. Meinte er mich? Ich fühlte mich plötzlich betroffen. Ich spielte den Gleichgültigen, während ich die Ohren spitzte.

„… Da geht doch der Idiot zu der Nutte und macht ihr den Hof, zahlen musste er dann trotzdem …“ Den Rest verstand ich nicht, irgendwas von „verlogener Bürgermoral“. Dann Gelächter. Lachten sie über mich? Jetzt fiel mir auf, wie vertraut Haike und Groovy miteinander verkehrten. Dieses unbeschwerte Lachen, das Haike seinen Ausführungen schenkte. Das einvernehmende Gebaren des Afrikaners. Jetzt legte er sogar eine Hand auf Haikes Schulter. Flirtete er mit meiner Freundin? Und Haike ging darauf ein! Vor meinen Augen!? Das konnte doch nicht sein…

Ich war eifersüchtig! Ich wollte mir das nicht eingestehen, jedenfalls fühlte ich mich jetzt äußerst ungemütlich. Deshalb entschied ich mich für die langweilige Variante. Ich stand auf und ging auf die Toilette, obwohl ich keinen Drang verspürte. Dort brachte ich dann auch keinen Tropfen heraus, was mir etwas peinlich war, da neben mir am Pissoir ein leicht angetrunkener Jamaikaner unbeschwert seine Blase leerte. Ich kehrte wieder zurück in die Bar, sprach – wie zufällig – Irish an und setzte mich neben ihn. Das Gespräch war dann – wie vorauszusehen war – sehr langweilig und drehte sich um die langwierigen Genehmigungsverfahren von Kunststipendien.

Obwohl ich nur mit halbem Ohr hinhörte, bemühte ich mich darum, das Gespräch in Gang zu halten, um den Anschein zu erwecken, dass auch ich mich bestens unterhielt. Dabei schweifte mein Blick immer wieder wie zufällig zu Haike und Groovy und jedes Mal, wenn ich sie so einvernehmlich lachen sah, ging mir ein Stich durchs Herz. Es nützte nichts, dass ich mir einredete, dass Haike mit vielen Bekannten ein herzliches Verhältnis pflegte.

„Wenn ein Künstler ein Stipendium beantragt hat, das vom Kulturministerium genehmigt worden ist, holen wir immer noch ein unabhängiges Gutachten von der Zensurbehörde ein. Entsprechen die Probearbeiten den Kriterien des guten Geschmacks? Sind terroristische Tendenzen feststellbar? …“

Eben hatte Haike etwas erzählt, das Groovy Lachtränen in die Augen trieb und ihm den willkommenen Anlass lieferte, sie zutraulich anzustupsen.

„Erst wenn der Kandidat diese Prüfung bestanden hat, laden wir ihn zu einem persönlichen Gespräch ein. Bei dieser Gelegenheit fühlen wir ihm nochmals auf den Zahn …“

Ich nickte bestätigend und meinte:

„Man kann nie vorsichtig genug sein. Letzthin hat mich ein Clochard um einen Dollar angehauen. Ich habe nach seinem Leumundszeugnis gefragt. Konnte er nicht vorweisen, also gab’s kein Trinkgeld!“

Das brachte Mister Stew etwas aus dem Konzept, da er keinen Zusammenhang zum Gesprächsthema erkannte. Ich auch nicht. Keine Ahnung, warum ich das gesagt hatte, aber das Thema und die Unterhaltung mit Irish war mir verleidet. Also bemühte ich mich auch nicht um Verständlichkeit. Trotzdem war ich im Clinch, denn wieder zurück an meinen Platz neben Haike, wo ich mir als drittes Rad vorgekommen war, wollte ich auch nicht.

So erlebte ich einen äußerst langweiligen Abend, während Haike sich bestens amüsierte. Ich war wütend und verunsichert. Beim Abschied küsste Haike ungeniert den afrikanischen Gigolo. Gleichzeitig schalt ich mich einen Idioten. So offensichtlich würde mich Haike doch nicht hintergehen? Während dem Rückweg war ich sehr wortkarg und von widerstreitenden Gefühlen zerrissen. Erst als wir in ihrem Appartement angelangt waren, platzte mir der Kragen. Ich stellte Haike zur Rede. Was an diesem Abend im Heros geschehen war, kam nicht einmal in die Nähe von meinem harmlosen Flirt mit der asiatischen Kellnerin, wo Haike mir eine Szene gemacht hatte. Haike reagierte sehr ungehalten:

„Wenn du zu dem »flirten« sagst, dann ja, dann flirte ich mit all meinen Freunden, Kolle mit eingerechnet!“

Jetzt war ich äußerst aufgebracht. Wie konnte Haike das so verharmlosen? Und Kolle hatte sie noch nie so schamlos geküsst!

„Groovy ist ein Afrikaner. Die sind so herzlich, das ist für die ganz natürlich!“, rechtfertigte sie sich. Wütend warf ich ihr vor, dass sie den ganzen Abend nur Augen für ihn gehabt und mich überhaupt nicht beachtet hatte, worauf sie mir gehässig antwortete:

„Es hat niemand gewollt, dass du dich zurückziehst. Das warst allein du selbst, und jetzt suchst du Schuldige für dein Versagen!“

„Mein Versagen?“

„Zum Teufel! Jetzt komme nicht mit der Nummer! Der arme Junge wird jetzt auch noch beleidigt …!“

Kein Wunder! Jetzt wurde einfach der Spieß umgekehrt! Aber Haike war jetzt nicht mehr zu halten.

„Ja, dein Versagen: dich dem Leben zu stellen, dich auszudrücken, aus dir herauszukommen, unbekümmert darum, was die Konventionen vorschreiben oder was die anderen über dich denken!

Künstler sind da meistens weltoffener. Und wenn du da nicht mithalten kannst und dich in biederer Gesellschaft wohler fühlst…“

Dieser Seitenhieb brachte mich vollends auf die Palme. Damit spielte sie natürlich auf mein Gespräch mit Irish Stew an – und nichts war von der Wahrheit mehr entfernt als das, was sie mir unterschob! Ich hatte mich in seiner Gesellschaft überhaupt nicht wohl gefühlt! Den ganzen Abend hatte ich mich elend gefühlt. Aber es hatte keinen Sinn, jetzt mit ihr darüber zu sprechen. Sie verdrehte alles in das Kehrum. Völlig aufgebracht verließ ich grußlos ihre Wohnung, knallte die Tür hinter mir zu und machte mich auf den Weg zu meiner eigenen Wohnung.

Ich konnte lange nicht einschlafen. Die Geschehnisse im Heros und der anschließende Streit mit Haike verfolgten mich. Dann sagte ich mir: morgen würde wieder die Sonne scheinen. In letzter Zeit häuften sich allerdings unsere Streitereien …

Ich saß im Büro und starrte durch die Girlanden auf den gegenüberliegenden Häuserkomplex. Alles Büros oder Gewerberäume. Zwei Personen in weißen Overalls, Männer oder Frauen, von dieser Distanz schwer auszumachen, jedenfalls mussten sie schwindelfrei sein, denn sie standen auf einer Hängebühne und reinigten die Außenfenster. Im nun sauberen Glas spiegelte sich ein Teil der Fassade des Hudson Square Building wider, dem massiven Wolkenkratzer, wo die Firma „Erosion und Kulturelles“ beheimatet war – im 39. Stock. Die Fima, bei der ich als leitender Beauftragter für außergewöhnliche Angelegenheiten angestellt war. Ich bewegte die Girlanden. Es gelang mir jedoch nicht, die Bewegung im Spiegelbild auszumachen. Nun glitt die Bühne langsam zur benachbarten Fensterfront. Die Prozedur begann wieder von neuem. Ein eingespieltes Team, jede Bewegung routiniert, keine überflüssig, so arbeiteten sie sich durch die Front.

Ich wandte meinen Blick wieder dem Stapel unerledigter Arbeiten zu, der sich bedenklich auf meinem Schreibtisch türmte: Anfragen von allen möglichen kulturellen Organisationen. Verein für Blindenkunst, der Trachtenverein von El Paso in Texas, der Verein zur Förderung indianischer Töpferkunst der Tohono O’Odham in Ajo (Arizona) und unzählige weitere kulturelle Gruppen mit Anfragen um Kulturbeiträge für verschiedene Projekte in ganz Amerika. Das Budget war jedoch beschränkt. Also musste überprüft und aussortiert werden, lauter bürokratischer Kleinkram, und am Schluss – die meisten Gesuche wurden sowieso abgelehnt. Nicht von mir. Ich schrieb nur die Empfehlungen, traf die Vorwahl, formulierte das Anliegen. Das letzte Wort hatte der Kulturminister …

Zuoberst ein Schreiben vom Kulturhistorischen Museum. Die leidige Angelegenheit um die historische Annektierung der asbekistanschen Kulturgüter. Endlich! Das hatte mich viel diplomatisches Geschick gekostet. Diese Herren bequemten sich erst dann zur Arbeit, wenn der Hebel am richtigen Drehpunkt angesetzt wurde. In diesem Fall bedurfte es der Intervention des Kulturministers persönlich, den ich mit meinen Schreiben so lange gepiesackt hatte, bis er endlich reagiert hatte, wohl weniger wegen der Sache als vielmehr, um mich endlich weg von der Platte zu haben.

Ich öffnete den Brief und las, dass das kulturhistorische Museum sich gerne behilflich zeigen würde, besagte Kulturgüter an das zuständige Heimatmuseum auszuhändigen, dass ihr jedoch ohne den Gerichtsbeschluss über die Authentizität und Rechtmäßigkeit des Begehrens die Hände gebunden seien. Namentlich fehle ein von der Aufsichtsbehörde amtlich bestätigter Nachweis, dass die politische Situation den Kriterien der politisch stabilen Nachhaltigkeit genüge, sowie eine entsprechende Empfehlung des Kulturministers. Eine solche sei zwar mittlerweile eingetroffen, enthalte jedoch nicht die ausdrückliche Anweisung zur Auslieferung, sondern beschränke sich in der Aufforderung, die Angelegenheit umgehend zu erledigen. Beamtenspitzfindigkeit! Eine Rückstellung des Gesuchs würden sie auch als Erledigung anschauen. Danach könnten sie die Angelegenheit für zwei Jahre aufs Eis legen. Ich ertappte mich dabei, wieder durch die Girlanden zu starren …

Ich würde wohl mit gröberem Geschütz auffahren müssen: ein Gutachten des renommierten Geschichtsprofessor Dr. Stonvillage für die politische Nachhaltigkeit, ein Bestätigungsschreiben des asbekistanischen Kulturministers, allenfalls ein Pressebericht – Haike hatte da Beziehungen, die ich auch schon benutzt hatte.

Das aufdringliche Schrillen des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte da telepathische Fähigkeiten entwickelt. Ich meine: ich merkte dem Klingelton an, wenn es sich um ein unangenehmes Gespräch handelte. Und das Klingeln war diesmal äußerst aggressiv. Es war Mistress Kanderwitz, die Zentralsekretärin, welche mir einen externen Anruf vermittelte. Mister Rochslam! Der aufdringliche Hysteriker mit der drohenden Stimme. Die völlig normale Unauffindbarkeit und Unerreichbarkeit meines Freundes Kolle (ich hatte in der Zwischenzeit ein paar Mal versucht, ihn per Handy zu erreichen – vergeblich!).

„Sie scheinen den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben“, fuhr mich Mister Rockslam an, ohne auf meine höfliche Begrüßung einzugehen. Und indem er meine gereizte Erwiderung einfach abschnitt:

„Ich muss nun wohl deutlicher werden: Sehen Sie die Fensterputzer am Hudson Square gegenüber Ihrem Büro?“

Mir schoss das Blut in den Kopf. Dieser Rockslam schien ja sehr vertraut mit meinen lokalen Begebenheiten zu sein! „Ja, aber…“, stammelte ich, indem ich automatisch wieder durch die Girlanden starrte. Rockslam ließ mich gar nicht ausreden:

„Die machen demnächst Feierabend – ein Schicksal, das auch Sie ereilen könnte, wenn Sie nicht schleunigst Ihren Chaotenfreund ausfindig machen. Sie, oder Ihre bezaubernde, rothaarige Freundin!“

Ich war immer noch starr vor Entsetzen, als Rockslam schon längst aufgelegt hatte. Wie gelähmt verfolgte ich das makabre Schauspiel durch die Girlanden, denn was ich dort erblickte, ließ mein Blut in den Adern gefrieren. Diese Szene hatte sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt und auch heute sehe ich das Geschehen als wäre es soeben passiert: plötzlich schwankt die Schwebebühne bedenklich, gerät in Schieflage. Alles geschieht in Sekundenschnelle. Ich glaube Schreie zu hören. Eben hängt die Bühne nur noch an zwei Drahtseilen, bevor sie dann, in Zeitlupentempo nach unten fällt und aus meinem Blickfeld verschwindet. Es vergehen ein paar ungeheure Sekunden. Dann der Aufprall.

Ich saß da wie gelähmt, fassungslos, unfähig, irgendeinen Gedanken zu fassen. Aus dem Telefonhörer, den ich immer noch in der Hand hatte, ertönte fortwährend das monotone Tuten. Die Leitung war unterbrochen …

Wieder stand ich im Appartement von Kolle. Immer noch dasselbe Chaos, die umgestürzte Sektflasche, das Durcheinander von Unterwäsche, Socken, Zeitschriften. Und immer noch war ich unschlüssig, was ich in diesem ungastlichen Chaos überhaupt zu suchen hatte. Das Einzige, was sich geändert hatte: ich steckte nun plötzlich selber in dieser höchst dubiosen, undurchsichtigen Geschichte und wusste nicht einmal, was hier gespielt wurde. Und ich war stinksauer. Auf Kolle, der mich da irgendwie hineingeritten hatte, auf seine chaotische Unordnung, auf seine Art, sich dünn zu machen. Und auf diesen Mister Rockslam! Noch immer hörte ich die drohende Andeutung: „… oder ihre reizende, rothaarige Freundin!“ Was mich vor allem betroffen machte war, dass dieser Rockslam offenbar bestens mit meinen Lebensumständen vertraut war. Und wenn ich daran dachte, wie skrupellos er einfach zwei Menschenleben geopfert hatte, nur um seinen Drohungen Nachhaltigkeit zu verschaffen, bekam ich Gänsehaut. Mein erster Impuls war denn auch gewesen: die Polizei! Doch was hätte ich denen schon erzählen sollen? Dass es kein Unfall gewesen war (noch immer sehe ich diesen Moment lebhaft vor mir, die Hebebühne, die wie im Zeitlupentempo unaufhaltsam dem Blickfeld entschwindet …). Als ich dann das Hudson Square Building verlassen hatte, war ich kurz versucht gewesen, zur Unglücksstelle zu treten, um mit einem Polizeisergeanten zu sprechen. Der betreffende Bereich war schon abgesperrt gewesen. Ein Krankenwagen hatte mitten auf der Fahrbahn gestanden, immer noch mit laufendem Blinklicht. Viel mehr hatte ich nicht erkennen können, da Schaulustige und Sanitäter die Sicht versperrt hatten. Ich musste mir das auch nicht ansehen, ich konnte mir auch so vorstellen, welchen Schaden der Sturz aus dieser Höhe anzurichten vermochte. Ich war dann weitergegangen. Die hätten mir nicht geglaubt, zumal die näheren Umstände auch mir selber völlig schleierhaft waren. Ein Wahnsinniger, der zwei Menschen ermordete, nur um mich unter Druck zu setzen, meinen Freund aufzuspüren!

Ich nahm das Nachttischchen unter die Lupe. Unter der Sektflasche lag eine aufgeschlagene Modezeitschrift (der „Cosmopolitan“), darunter ein Comicheft und eine einsame, gestreifte Socke. Die Schublade: ein Taschenbuch mit dem sinnigen Titel: „ Blondine auf der Kurve“, ein Notizblock (den ich vorsorglich einpackte. Wer weiß, vielleicht entdeckte ich beim Lesen einen Hinweis…), ein Pack Papiertaschentücher, ein Thermometer, ein Kompass (falls einmal das Chaos überhand nahm?). Ich setzte mich an den Schreibtisch und schaute die verschiedenen Dokumente durch, welche sich in unordentlichen Stapeln auf dem Schreibtisch türmten: ein Brief vom Steueramt, ein Brief ...

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