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Generation Z

Inhalt

Teil 1

20 Minuten

Der Sammler

Superstar

Gegenwehr

Placebo

Wartezimmer

Die letzten Christen

Im Park

Fasching

Auf dem Weg nach oben

Wurzeln

Endstation

Teil 2

Blaues Blut

Am Boden zerstört

Keine Panik

Panik

Auf Anfang

Informationen

Zu krank zum Wichsen

Durchbruch

Rausch

Einsam

Romantischer Abend zu dritt

Blind

Verlust

Räumung

Mainstream

Unter ihnen

Erlösung

Kapitel 1

20 Minuten

Noch 20 Minuten! Ich darf nicht einschlafen. Noch 20 Minuten. Die Augen schließen sich langsam und reißen blitzschnell wieder auf. Ich kuschle mich in die Umarmung der Bahnsitze. Nur noch 20 Minuten, dann bin ich zuhause. Ich bin sternhagelvoll. Die ersten 17 Bier waren der Aufstieg in den Olymp des Rausches, die restlichen waren der Wegzoll für den Abstieg. Schnell nach Hause, ins Bett, ins Koma.

Ich kann zuhause nur sehr schwer einschlafen. Ich liege stundenlang wach. Denke nach. Arbeite. Kann nicht schlafen. In der Bahn will ich nicht schlafen und bin sofort weg. Ich bin schon an den komischsten Orten aufgewacht. Neben den komischsten Leuten. Mit den komischsten Erinnerungen.

Die Sonne schleudert mir ihre Strahlen mitten ins Gesicht, als wolle sie mich bestrafen, dass ich so lange unterwegs war. Ich schließe die Augen. „NEIN! Die müssen auf bleiben!“, krakeelt mein innerer Wecker. Ich gucke mich im Abteil um. Suche eine Beschäftigung. In der Bahn trifft man die merkwürdigsten Menschen. Überall trifft man merkwürdige Gestalten.

Ein junger Südländer lässt die Kugeln seiner Gebetskette in einer Hand mit seinen Fingern kreisen. In der anderen Hand hat er ein junges blondes Mädel und lässt seine Zunge in ihr kreisen. Ich hab mal von einem türkischem Freund gehört, dass viele Türken die Frauen nur in den Arsch rammeln, da vaginaler Sex vor der Hochzeit verboten ist und die Frauen als Jungfrau in die Ehe gehen müssen. Ein Hintertürchen gefunden.

Im Vierer neben mir schläft so ein 08/15-Typ. Uninteressant. Keiner Beschreibung wert. Am Waggonende rauchen drei Typen ihr Gute-Nacht-Tütchen und das Abteil füllt sich mit einem wohlriechenden Duft. Ansonsten ist der Waggon leer. Die Bahn hält. Ich muss nur noch 16 Minuten wach bleiben.

Ein älteres Ehepaar mit ihrer Enkelin oder Tochter steigt ein. Entsetzt. Scheiße, dass Asi-Abteil erwischt. Schnell raus. Türen schließen. Zu spät. Bahn fährt. Sie nehmen das Kind an die Hand, als ob sie es noch irgendwie retten könnten. Schweiß perlt ihnen von ihren Stirnen. Augen aufgerissen. Ihre Pupillen schlagen nach links und rechts. Die Muskeln werden angespannt und drücken die Hand des Kindes fester. Zu den Kiffern wollen sie nicht. Noch weniger zu dem Ausländer. Der Schlafende fängt an zu kotzen. So ein normaler Junge, so runtergekommen. Die Alten legen ihre Arme schützend um das Kind. Ihre Angst wächst. Das Mädchen plant gar nicht, was los ist und erfreut sich an dem Duft, der in der Luft liegt. Sie findet Gefallen. „Hier riecht es gut“, urteilt sie unbedacht. Die Alten reden auf die Kleine ein, als ob sie sich gerade einen Schuss gesetzt hätte. Ich denke mir, dass das Mädel noch mit ihrer Bewertung warten sollte. Gleich wird der Duft des Erbrochenen den der Drogen besiegen und die Meinung des Kindes ändern. Bahn hält. Die Drei rennen um ihr Leben. In ein gutes Abteil. Nie wieder Bahn fahren. Auto kaufen. Kugelsicher. Getönte Scheiben, damit keiner reingucken kann. Nie wieder Bahn, wo jeder betrachtet werden kann. Wo jeder ist.

Ich gebe dem kotzenden Typen mein letztes Taschentuch und biete ihm einen Schluck Wasser an. Er kotzt mir auf die Stiefel. Pennt ein. Ich setze mich wieder hin. Noch 13 Minuten. „Nicht einpennen!“ Meine inneren Wachposten patrouillieren. Bahn hält. Bahn fährt. Bahn hält. Bahn fährt. Augen schließen. Bahn hält. Augen öffnen sich. Drei Mädchen steigen ein. Setzten sich in meinen Vierer. Warum setzten sie sich in meinen Vierer? Es ist doch so viel frei. Bestimmt haben sie Angst vor Kiffern, Kotzern und Kanaken. Ganz toll… Ich betrachte sie genauer. Oh Mann. Das ist zu viel für mich. Drillinge. Sie sehen alle drei genau gleich aus. Ich will weg. Ich starre die Drei verängstigt und überwältigt an. Die Promille lassen aber nur zu, dass ein Auge weit geöffnet wird. Das andere zittert halb offen vor sich hin. Sie merken es. Ich bin überfordert.

Ich wache auf. Die drei Mädels hocken einen Vierer weiter. „Fuck!“ Ich habe meine Station verpasst. Ich hebe meinen schwarzen Filzhut vom Boden auf und steige zwei Stationen nach meinem eigentlichen Ziel aus. Neues Ziel: Kiosk. Glück gehabt. Die Geschäfte haben schon offen. Ich hole mir ein Bier und eine Zeitung. Hocke mich in eine abgelegene Ecke und werde erst mal den Bierschiss los. Ich muss 20 Minuten auf meine Bahn heimwärts warten. Das wäre sonst zu knapp geworden. Ich schlag die Zeitung auf. Grausam. Bekomme Kopfschmerzen. Geldverschwendung. Die heutigen Medien kann man vergessen. Nur Bullshit. Ich werfe die beiliegende Werbung weg und halte nur noch ein verhungertes Abbild der gekauften Zeitung in der Hand. Beginne einen Artikel zu lesen. „Rentner rastet aus“. Ein älterer Herr hat seine Frau, Kinder und Enkel mit einem Vorschlaghammer erschlagen. Interessant. Bald gibt es bestimmt Ausgangssperre für Rentner. Telefonüberwachung. Das volle Programm.

Das ältere Pärchen und das Kind laufen an der Ecke vorbei und sehen mich. „Habt ihr ma was zum Abwischen?“ Ihr Weltbild – zerstört. Ihre Illusion – zerstört. Ihre Realität – gewachsen.

Das Kind wirft mir eine Packung Taschentücher zu.

Den Rest der Zeit bis das Massentransportmittel kommt laufe ich die Bahngleise hoch und runter. Kreislauf in Schwung halten. Dem Schlaf keine Chance geben, Besitz über deinen Körper zu erlangen.

Ich torkle hin und her und versuche nicht gegen die anderen Passanten zu laufen. So eine Zeitverschwendung. Ich habe noch knapp zwei Wochen. Zwei Wochen bis der „Ernst“ des Lebens beginnt. Ich bin mit meiner Ausbildung fertig. Bin in meinen letzten Ferien. Und jetzt? Ich verbringe einen Großteil wartend. Ich genieße meine Freiheit zwischen Leuten, die ich nicht mag und die mich nicht mögen.

Die Zeit sollte genutzt werden. Ich werde trinken. Feiern. Ficken. Die Zeit sinnvoll füllen. Bevor ich zu müde sein werde. Zu müde vom Arbeiten. Zu müde vom „Ernst“ des Lebens.

Fünf Minuten. Eine Kippenlänge. Zwei Minuten. Kippe aufgeraucht. Ich bin einfach zu optimistisch.

Doch da. Endlich. Im Lichte der Morgensonne kommt ein altes, vollgespraytes Ungetüm angekrochen. Quietschend und stöhnend öffnet es mir seine Pforten. Ich trete ein.

Kapitel 2

Der Sammler

Keiner sitzt neben ihm. Ich setze mich. Er stinkt. Pfandsammler. Hat wohl zu viel eigenes Pfand gesammelt. Ein altes Gesicht. Alte Schuhe. Alter Mantel. Alte Seele. Er nippt an einer Sangriaflasche. Party. Ich bitte ihn um einen Schluck. Er nickt und reicht mir die Flasche rüber. Die hat er gefunden. Fast voll. Er findet viel, wenn er sammeln geht. Er verliert viel mehr. Ich betrachte ihn. Sein Gesicht. Seine Lider hängen ihm schwer über den Augen. So, dass man diese nicht sehen kann. Die Schwärze ist auf seine Flasche gerichtet. Sein Gesicht ist gesprenkelt von Barthaaren und Pickeln. Sie scheinen um ihre Territorien zu kämpfen. Zwei gleichstarke Heere stehen sich gegenüber.

Wir kommen ins Gespräch. Ein durchaus sympathischer Typ. Eine Rarität. Er erzählt mir von seinem Leben. Hat viel erlebt. Doch das ist seine Geschichte. Der Bahnschaffner erzählt uns eine Geschichte eines anderen. Selbstmord. Hauptbahnhof. Mann springt vor Bahn. Wir können erst weiter, wenn der Polizeieinsatz beendet ist. Wir nippen an der Flasche. Das Abteil füllt sich. Die Flasche leert sich. Die Welt zieht an uns vorbei. Verächtliche Blicke streifen uns. Der Gestank stört das Individuum. Ihre Blicke stören uns nicht. Amüsant. Sie ärgern sich, wir freuen uns. Es ist herrlich.

Wir reden immer lauter und vergessen alles um uns herum. Die Bahnwache kommt und will uns rausschmeißen. Sie haben kaum das Abteil betreten und pöbeln schon los. Wir nehmen sie erst gar nicht wahr, bis sie uns an den Armen packen und uns ihr Pfefferspray vors Gesicht halten. Wir werden aus unserer Welt gerissen und müssen erst in ihrer ankommen. Ist scheiße hier. Der Sammler bekommt einen Schlag zwischen die Rippen. Sackt zusammen. Keucht. Ich bleib verschont. Wir werden aus der Bahn getragen. Es sind vier Securityschränke. Einer nimmt die Tasche mit Pfandflaschen und wirft sie aus der Bahn. Die Flaschen gehen zu Bruch. Tageslohn ist weg. Zwei von ihnen schlagen auf den Sammler ein. Mir wird nur weiter das Spray in die Fresse gehalten und gegrinst. Ich will dazwischen gehen und bekomme eine Faust in den Bauch. Die volle Blase macht sich bemerkbar. Ich gehe weiter und bekomme einen Hieb auf den Nacken. Gehe weiter und es bildet sich eine Wolke Pfefferspray um mich. Ich bin blind. Es brennt. Ich gehe zu Boden. Fäuste und Füße dreschen auf mich ein. Sie halten mich wach. Mein Kreislauf ist nun vollkommen im Eimer. „Er läuft weg!“, brüllt einer der Bahnwachen. Der Pfandsammler läuft. Flüchtet. Glaube ich. Ich sehe nur verschwommene schwarze Schatten tanzen. Stehe auf und versuche meine Augen weiter zu öffnen. Undeutlich sehe ich die vier Typen vor mir. Der Sammler ist weg. „So, du hast heute was gelernt und nun verpiss dich!“ Ich erwische ihn mitten im Gesicht. Nase und umliegende Knochen knacken. Ich geh einen Schritt zurück, knie mich hin und kreuze die Arme hinter dem Kopf. Die Tritte brechen mir die Rippen und meine Eingeweide platzen.

Als ich wieder zu mir komme, steht eine Menschenmenge um mich herum. Glotzt. Gafft. Ich greife meinen Hut und grinse. „Ha, voll erwischt.“ Die Typen sind weg. Ich stehe mühsam auf. Kann mich kaum bewegen. Schleppe mich von der Menge weg. Muss pissen. Kann nicht, wenn man mir zuguckt. Ich geh um die Ecke und sehe wie der Sammler von Polizisten zugerichtet wird. Er wollte Hilfe holen. Sie sind sehr vertieft in ihre Arbeit. Engagiert am Werk. Ein Kunstwerk. Ich will mir eine Kippe anzünden. Alle zerbrochen. „Fuck!“ Ich biege in eine Seitenstraße und pisse auf einem Kinderspielplatz. Als ich fertig damit bin, das Blut im Urin zu ignorieren, fange ich an die Bierflaschen vom Spielplatz zu sammeln. Zwei Taschen werden voll. Ich gehe zu dem Sammler, der rauchend auf dem Bordstein hockt und setze mich neben ihn. „Du siehst gut aus“, keucht er mir entgegen. „Joa, ist gut versteckt.“ Sein Gesicht ist noch zugeschwollener. Er dürfte eigentlich gar nichts mehr sehen. Seine Pickel sind aufgeplatzt und verzieren sein Gesicht mit einer rot-gelblichen Masse. Haben verloren. Ich gebe ihm die Pfandflaschen und er mir eine Kippe. Alles beim Alten.

So langsam werde ich wieder müde und ich habe noch viel vor. Es ist erst Freitag. Ähm… Es war erst Freitag, demzufolge folgt nun ein Samstagabend. Mal gucken, was dieser Abend bringt. Ich beschließe, die fehlende Bahnstation zu Fuß zu gehen. Heutzutage wird Bahnfahren immer unsicherer. Ich verabschiede mich von dem Sammler und breche auf. Ich ziehe mein linkes Bein leicht hinterher und muss meine Magengegend mit einem Arm stützen, um meine Innereien nicht zu verlieren. Aber ich schaffe es nach Hause. Wieso wohnen alle immer ganz oben? Ich gehöre auch zu diesen Arschlöchern. Ich schleppe mich die Treppen hoch. Vierter Stock. Breche meine Tür auf. Fall ins Bett. Die Sonne ist immer noch da um mich zu nerven. „IST JA GUT, ICH HABE ES VERSTANDEN!!!“

Lege mir ein Kissen über den Kopf. Spüre, wie mein Handy vibriert. Ich greife um mich. Will das Kissen nicht verlieren. Da. Handy. SMS. „Guten Morgen! Na, alles fit? Ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt! Du hast wohl nicht etwa meinen Geburtstag vergessen? Ist zwar noch ein paar Tage hin, aber sicher ist sicher. Wann fängt dein neuer Job nochmal an? Ich meld mich! Hau rein.“ Warum hältst du mich vom Schlafen ab, wenn du dich eh nochmal meldest. Schon wieder saufen. Eine neue Aufgabe. Zeitfüller.

Ich will nur noch schlafen. Ich will nichts mehr trinken. Das Handy rutscht mir aus der Hand. Liege. Ich bin so weit. Ich kann nicht pennen. Die Ruhe stört. Ich mache die Glotze an. Zappe. Nein. Nein. Nein. Mir fallen die Augen zu und ich schlafe ein.

Kapitel 3

Superstar

Sie humpelt auf die Bühne. Ein Schritt nach vorne und zieht dann das andere Bein hinterher. Ein Arm ist länger als der andere. Eine Gesichtshälfte hängt leblos runter. Sabber rinnt aus dem Mund. Haare über den Kopf gekämmt. Sollen die Glatze verdecken. Endlich kommt sie in der Mitte der Bühne an. Die Menge tobt. Scheinwerfer werden auf sie gerichtet.

Sie ist im Finale einer Castingshow. Keine Ahnung, was sie kann. Ihr größtes Talent ist es, vom Leben gefickt zu werden. Ein Meer aus Plakaten mit ihrem Bild drauf füllt den Saal. Die Zuschauer sind am Ausrasten. Fans. Die Scheinwerfer werden auf die Jury gerichtet und diese bittet die Frau anzufangen.

Der Saal wird ruhig. Alles starrt gespannt auf sie. Erwartungsvoll. Leer. Dumm. Hand in der Hose. Quote. Vor der Glotze ergötzen sich notgeile Idioten an dieser Schöpfung der modernen Fernsehunterhaltung.

Sie fängt an zu schreien. Blut tränkt ihr Kleid. Ihr Unterleib. Das gab es noch nie. Live. Sie erleidet eine Fehlgeburt und die ganze Fernsehwelt ist dabei. Sie stürzt zu Boden, die Quoten steigen. Rekord. Sie rollt auf dem Boden herum. Minuten verstreichen. Dann wird genickt und ein Arzt darf die Bühne betreten. Er stellt ihren Tod fest. Eine Trage wird auf die Bühne geschafft und unter tosendem Applaus wird sie von der Bühne getragen.

Scheinwerfer auf die Jury. Das Urteil wird erwartet. War scheinbar sehr gut, jedoch kam das Final zu schnell. Das Publikum buht die Jury aus. Sie sind begeistert. Quoten steigen.

Das Blut ist von der Bühne gewischt und ein kleines Kind betritt die Bühne. Sechs oder sieben Jahre alt. Die Eltern hinter der Bühne haben Schaum vorm Mund. Wittern die Millionen. Er nichts. Sie nichts. Es alles. Die ersten Auftritte des kleinen Kindes spülten schon tausende von Euros in ihren Geldbeutel. Nun wollen sie die Millionen knacken. Das Kind hat seit Tagen nicht geschlafen. Wurde von Talkshow zu Talkshow geprügelt.

Die Scheinwerfershow signalisiert dem Kind, dass es anfangen kann. Es ext drei Liter Spiritus in einer Minute und fährt dann dreimal auf der Bühne mit seinem Dreirad hin und her. Kotzt ins Orchester und stellt sich dann bewertungsbereit vor die Jury. Bester Kinderauftritt. Es kann stolz sein, im Finale zu sein. Nun muss es aber von der Bühne. Gesetze zwingen das Kind um 22 Uhr im Publikum Platz zu nehmen. Dort reden die Eltern auf das Kind ein, was es besser machen muss. Grinsen in die Kameras und drücken ihm eine Spritze in die Venen, damit es fit ist.

Ein Mann stürmt die Bühne und ballert mit einer AK-47 ins Publikum. Projektile treffen die Menschen. Die Jury. Der ersten Jurorin bricht eine Kugel Zähne raus, bohrt sich in den Gaumen. Verteilt ihr Hirn auf das Publikum hinter ihr. Diese reiben sich mit den Einzelteilen ihres Idols ein. Grölen noch lauter vor Begeisterung. Dem dritten Juror öffnet eine Kugel die Halsschlagader. Eine Fontäne färbt seine Fans rot. Wahre Nähe zu den Anhängern. Die Zuschauer vergewaltigen sich vor Begeisterung.

Der Mann hat keine Munition mehr. Ruhe. Er lässt seine Waffe fallen. Streicht seine Haare glatt. Zupft an seinem Jackett. Jetzt wird er nervös. Er steht vor dem übriggebliebenen Juror. Wartet. Der steht auf. Klatscht in die Hände. Der Saal tickt aus. Sieger. 100% der Quoten. Weltherrschaft.

Ich mach die Glotze aus und verlasse meine Wohnung. Es ist Weihnachten und das traditionelle Weihnachtsbesäufnis hat schon begonnen. Draußen. Feuerwerk. Die Menschheit hat einen neuen Helden. Nächste Woche beginnt die neue Staffel.

Wieso ist schon Weihnachten? Wie ist eigentlich mein neuer Job? Ich habe noch Ferien. Brauche Programm.

Ich betrete die Straße und stehe vor dem Haus meiner Eltern. Dort erwische ich ihn. Großer Sack. Roter Mantel. Rote Mütze. Langer, weißer Bart. Fummelt am Türschloss herum. Hektisch. Nervös. Ich komme näher. Bart ist grau und nicht weiß. Seine Mütze sind in Wirklichkeit seine roten, struppigen Haare. Sein Mantel ist eine schmutzige, vollgepisste, stinkende Decke. Sein Sack ist eine leere Plastiktüte. Sein Mythos sind unsere Hoffnungen.

Ich schiebe meinen Schlüssel ins Schloss. Er schreckt zurück. Ich bitte ihn rein und wir leeren einen Kasten. Wir sind betrunken und beschließen den Abend zu beenden. Er verlässt das Haus. Sein Sack gefüllt mit Träumen und Wünschen. Sie zappeln. Man sieht sie ihre kleinen Arme gegen die Plastikwand drücken. Er schlägt dagegen. Stille. Torkelt davon.

Als ich aufwache, ist es schon wieder dunkel. Der Fernseher ersetzt die Sonne und spendet Licht. Ich muss mir abgewöhnen mit angeschaltetem Fernseher einzupennen. Zu viel Einfluss. Zu viel. Zu viel für einen kleinen Menschen wie mich. Schlechte Träume. Schlechtes Karma. Der Weihnachtsmann aus einer Cola-Werbung winkt mir zu. Ich ziele mit der Fernbedienung zwischen seine Augen. Zapp. Tot. Ruhe. Wir haben Sommer.

Ich ziehe meine Schuhe aus. Streife meine Hose von mir sowie die restlichen Klamotten, die noch an mir kleben. Gehe in die Küche. Nahrungsaufnahme. Die Haustür steht offen. Frisch sanierte Wohnung. Auf dem neuesten Stand. Tür fällt nicht richtig ins Schloss. Ich knalle sie zu. Spanne die Kette ein. Schließe ab. Ich schiebe eine Pizza in den Ofen und gehe duschen. Wenn ich zu lange mit dem Essen warte, bleibt es nicht drinnen. Also bring ich es schnell hinter mich. Mir ist nicht nach Essen. Mir ist schlecht. Aber es ist ein Teil meines Aufbauprogramms. Muss heute Abend fit sein. Muss gleich fit sein. Muss gleich wenigstens stehen können. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Aus gut zwei Wochen werden knapp zwei Wochen.

„Der Schlaf hat meine Wunden geheilt“, denke ich überrascht, als ich im Bad in den Spiegel gucke und nur eine aufgeplatzte Unterlippe und ein paar wenige blaue Flecken am Körper entdecken kann. Oder die Embryonalhaltung schützt ausreichend vor dem Gliedmassenhagel. Mein Unterarm ist umhüllt von getrocknetem Blut. Scherben haben sich in jeden einzelnen Buchstaben meines Tattoos gebohrt. „Freiheit“ kann man aber noch erkennen. An den Seiten hat das gekritzelte Wort Flügel. Mit den Narben wirkt es authentischer.

Unter der Dusche kann man nicht rauchen. Versuchstag: 476. Bin wieder nur bis zum dritten Zug gekommen. Der Abfluss zieht den wertvollen Tabak in sein Reich. Teures Rattengift.

Sünden von mir gewaschen. Bereit für den nächsten Abend. Verzweifelt versuch ich mir fast eine halbe Stunde lang die Pizza einzuverleiben. Mindestens ein Liter Wasser gehört ebenfalls zu der Prozedur. Ein grausames Martyrium, welches von ausgeprägten Autoaggressionen zeugt.

Magen ist gefüllt. Es bleibt sogar vorerst drinnen. Hervorragend. Ich bin obendrein bei meiner zweiten Literflasche Wasser angekommen. Anzahl der eingeworfenen Kopfschmerztabletten: Null. Perfekt. Es kann also weiter gehen.

Ich zieh mir meine Stiefel an. Setze meinen Hut auf. Streif mir eine frische Uniform über. Verzichte auf einen Blick in den Spiegel und gehe los. Heutiger Programmpunkt: Auswirkungen demokratischer Handlungsweisen auf ein diktatorisches, kapitalorientiertes Führungsorgan. Oder so ähnlich. Nochmal etwas für die Gesellschaft tun, bevor ich in ihr untergehe. Nach dem Duschen erblicke ich eine Nachricht auf meinem Handy: „Demo 20 Uhr! Treffen uns an der Kreuzung so und so…“ Ich habe eh keinen Orientierungssinn. Also hin da.

Ich lasse mir Zeit. Genieße die frische Luft. Klar kommen. Ich gehe lieber zu Fuß als wieder Massentransportmittel zu missbrauchen. Dauert zwar länger, aber ich bin ausgeglichener. Es ist ein schöner Abend. Leichte Wolken ziehen über den Himmel. Der Mond strahlt durch sie durch. Es ist warm. Hin und wieder kommt eine Windböe und kühlt einen ein bisschen ab. Mein Handy vibriert immer wieder und brüllt mich an, wo ich denn bleibe. Ob ich jetzt ran gehe oder nicht, befördert mich auch nicht schneller zu ihnen. Die Ruhe vor dem Sturm genießen. Einmal kurz aus der Hektik ausbrechen und genießen. Das darf drin sein. Muss.

Kapitel 4

Gegenwehr

Sinnesüberreizung. Ich schlängle mich an den Milliarden Menschen vorbei, die ausgerechnet heute alle ihre Häuser verlassen müssen. Mein Gehirn ist noch nicht ansatzweise dazu fähig, die gesendeten Informationen angemessen zu verarbeiten. Überforderung. Panik. Ich will ins Bett. Nur noch mein Pflichtbewusstsein hält mich auf den Beinen. Da sind meine Freunde. Die haben sicher Bier. Ich habe nur eins. Die Menschenanhäufung lichtet sich langsam. Ich betrete den Kriegsschauplatz. Demo. Verlasse den Sonderschlussverkauf.

Wie Geier stürzen sie sich auf die vergammelten Überreste von Menschlichkeit. Graben ihre Krallen in die Wangen der Menschen. Reißen deren Mäuler auf und spähen mit ihren langen Hälsen nach Geld und Macht im Schlund der anderen. Kriegsreporter. Sie laufen hin und her. Hoffen das es kracht. Wollen Blut. Am besten Tote. Ich steh am Rand. Kippe im Mund. Schmerzen im Kopf. Einer nähert sich. „Kann ich sie interviewen? Was ist hier los? Wie finden sie das? Heute schon jemanden misshandelt?“ Er sabbert mir auf die Stiefel. „Ich hab was Besseres für sie!“ Ich nehme seine Kamera und werfe sie auf den Boden. Sie zerspringt. Er guckt mich zufrieden an und fängt an zu schreiben. Er hat seine Story. Er verpisst sich. Braucht sicher erst mal Taschentücher.

Ein Bulle tippt mich von hinten an. Voll kostümiert. „Ich hab alles gesehen. Das geht so nicht, junger Mann!“ Er nimmt den Helm ab und fragt nach einer Kippe. Ich nicke, gebe ihm eine und stecke mir auch gleich eine neue an. „Demonstranten gegen Polizeigewalt, Polizisten gegen Gewalt von Demonstranten und die sind die Maden in der ganzen Scheiße“, sagt er, als er sich die Kippe ansteckt. „Ich hab Kopfschmerzen. Die sollen mal leiser sein. Funk das mal“, bitte ich ihn. Er guckt mich an. „Nächste Straftat. Einen Bullen zu duzen kann bis zu 300 Euro kosten.“

„Fick dich!“, sag ich ihm schmunzelnd, während ich das Bier aus meiner Tasche hole. „Anders ist das hier ja nicht zu ertragen. Auch nen Schluck? Es sind um die 30 Grad. Musst schwitzen wie Sau. Das Bier ist eiskalt und erfrischend.“

„lch bin im Dienst! Ich darf nichts trinken!“ Sein Blick fällt auf die Flasche. Blitzt auf. Sieg.

„lch weiß, ich wollt dich nur ärgern. Feind! Hab gewonnen.“ Ein schelmisches Grinsen überzieht mein Gesicht.

Er bekommt einen Funkspruch und zieht ab. Meine Rebellion war erfolgreich. Der Widerstand hat begonnen. Ich gucke mir das Spektakel weiter an. Demonstranten legen ein Feuer. Polizisten greifen ein. Demonstranten regen sich auf und werfen mit Flaschen. Die Bullen werden sauer und schlagen auf die Demonstranten ein. Die Demonstranten dulden keine Polizeigewalt und setzen sich zur Wehr. Keiner weiß noch wogegen demonstriert wird oder wurde. Ich glaub, ob Grundschüler nun zwei Monate länger oder kürzer zur Schule gehen sollen. „NICHT MIT MEINEN BALDIGEN STEUERGELDERN!“, schallt mein Freiheitsdrang.

Bullen dreschen auf Kinder ein. Eine Rentnerin wird umgehauen. Alles Staatsfeinde. Alle reagieren sich blind an irgendwas ab. Es gibt viele Verletzte auf allen Fronten. Sinnlose Opfer. Von sinnlosen Befehlen. Von sinnlosen Ideen. Sinnlosen Gedanken. Sinnlosem Dasein.

Meine Leute winken mir zu und nähern sich. Cool, Gesellschaft. Auf dem Weg wird ein Mädchen von einer Flasche am Kopf getroffen. Sie bricht zusammen. Demonstranten gegen Passanten. Demonstranten gegen Demonstranten. Alles Idioten. Alle gegen alle. Hauptsache dagegen und das auch produktiv zeigen wollen. Wir sind dagegen, dass die Bahn immer teurer wird. Darum machen wir die Bahn kaputt, damit die noch mehr Geld ausgeben können und das holt sie sich von uns. Ein Erfolg. Das Mädchen bleibt regungslos liegen. Man sieht Scherben aus ihrer Schläfe ragen. Blut läuft ihr über die Augen, die Nase, zu Boden. Sie wollte eigentlich gar nicht mit. Sie steht nur so auf Ratte. Sie hat immer zu Ratte aufgeschaut. Ein Rebell. Ein Mensch, der scheinbar mit allem klar kommt. Ein Typ mit einer Gruppe. Ihre Oma ist vor Kurzem verstorben. Diese hasste ihre eigenen Kinder. Sie vererbte dem Mädel die Millionen. Um ihren eigenen Kindern ihren Hass zu demonstrieren. Nun wird sie von ihrer Mutter gehasst. Sie sucht Zuflucht bei Ratte. Ist überfordert. Weiß nicht wohin. Der scheint das Leben zu kennen. Scheint stark. Ich weiß nicht, warum Ratte dabei ist. Er ist auch nur ein Mitläufer. Doch wir genießen, dass zu uns aufgeschaut wird.

Ratte hat mittlerweile die Flaschenwerfer geortet und meine Leute beulen sich mit den Leuten. Das Mädel liegt einsam und blutend am Boden. Ich gucke ihr beim Sterben zu. Kann nicht helfen. Bullen sehen sie und wollen sie zu einem Krankenwagen bringen. Die sich prügelnde Meute bekommt dies mit und verbündet sich. „Polizeigewalt!!! A.C.A.B.!!!!“ Zusammen stürmen sie auf die Beamten los. Die Bullen müssen sich beeilen, fliehen, schützen, und rennen los. Dabei fällt das Mädel runter. Prallt wieder mit dem Kopf zuerst auf. Schädelbruch. Hirnblutungen. Tod. Das Mädel stirbt als Heldin und Symbol der Freiheit. Ich will wieder nach Hause.

Am nächsten Tag steht nichts von ihrem Tod in der Zeitung. Am nächsten Tag steht in der Zeitung, dass Polizisten verletzt wurden und Chaoten randaliert haben. Am nächsten Tag brennt eine Bullenwache. Am nächsten Tag kann man für 20 € ein T-Shirt mit ihrem Gesicht drauf kaufen. Drunter steht „Freiheit!“. Am nächsten Tag hängt ein junger Polizist, der den Kopf des Mädels gehalten hat, an einem Strick in seinem Wohnzimmer. Am nächsten Tag muss eine Bäckerei schließen, weil die Schäden zu groß sind. Am nächsten Tag findet ein kleines Kind in der Asche sein verkohltes Dreirad. Am nächsten Tag ist alles beim Alten. Der Aufstand geht weiter. Am nächsten Tag bleibe ich im Bett liegen.

Doch das ist morgen. Mein Plan nach Hause zu kommen gestaltet sich komplizierter als erwartet. Auf den Stress wollen einige meiner Leute erst mal ein Bierchen runter spülen. Sich aufregen. Reden. Sich auskotzen. Schuld suchen. Sie telefonieren. Meckern. Wohin? Ich habe nicht mehr viel Zeit. Mir egal. Los geht’s.

Kapitel 5

Placebo

Antidrogenparty für Jugendliche. Ort: Jugendzentrum. Stimmung heiter. Draußen lassen sich die Kiddies mit allem Möglichen volllaufen. Drinnen werden sie ermahnt, da sie hackedicht sind. Dürfen dann doch rein. Gucken sich die Bands im Keller an. Packen ihr reingeschmuggeltes Bier aus und zünden sich eine Tüte an. Message ist angekommen.

Die Organisatoren sind irgendwelche heilige Christen. Die kennen das Leben. Die wissen, wogegen sie sind. Bibel sagt doof, also doof. Können nicht über den Tellerrand gucken, wissen aber, dass der Ort jenseits dieser Porzellanplatte böse ist. Interpretieren die aufflackernden Lichter als Höllenfeuer. Sie sehen aber nur die Lichter, welche über den kalten Rand am Himmel flackern. Idioten machen Partys für Idioten, damit sie neue Wege der Dummheit ergründen. Ein herrlicher Anblick. Der Zeitdruck zwingt mich hier her. Der Sinn liegt am Boden der Flasche. Also leer machen und gucken, was da unten liegt. Die Demo liegt schon weit hinter uns, am Rande der rasenden, rastlosen Zeit.

Es spielen unter anderem Punkbands. Also besteht ein Teil der Meute aus echten Punkrockern. Aus Alternativen. Antifas. Autonomen. Man sieht sie. Man sieht ihre Antihaltung. Ihren Hass. Gegen Repression. Gegen Kapitalismus. Gegen den Staat. Man sieht den Hass in ihren Augen aufblitzen. Man sieht ihn, wenn sie von ihrem Smartphone hoch blicken, um im Spiegel zu checken, ob ihre Frisur noch sitzt. Genau in diesem Moment kann man im Spiegelbild ihre Augen sehen. Und dort irgendwo liegt der Hass versteckt. Dann kommt eine SMS von Mutti. Sie müssen spätestens um 23 Uhr zuhause sein. Rebellion. Der Staat ist scheiße. Schnell eine Pulle Bier hinterher. Oder Korn. Dann kotzen und am Boden liegen. Erst 10 nach 11 zuhause. Hausarrest. Scheiß Repression.

Ich wandle zwischen den Alkleichen, Christen und Drogenrückständen zum Eingang. Ich bin hier nicht wirklich beliebt. Bin kein Punk. Mein Mantel passt nicht zum Klientel. Mein Hut verdeckt den Iro. Die Lederjackenfraktion wirft mir böse Blicke zu. Jacke mit bereits vorhandenen Nieten und Buttons: Kosten liegen bei circa 150 Euro. Original Springerstiefel: Kosten um die 120 Euro. Dann noch die üblichen Klischeeklunker: Noch mal um die 100 Euro. Punkrock. Sie bereden kurz, was ihre Meinung ist und sagen dann doch nichts.

Ich geh zu meinen Leuten rüber. Das Trinken beginnt. Die Zeit vergeht und immer mehr Leute begeben sich von der aufrechten Haltung in eine liegende Position. Wieder kommt Individualismus zu kurz. Alle liegen recht gleichförmig in abgewandelter Embryonalhaltung auf dem verdreckten Boden. Einige sind nicht mal besoffen. Das ist Punkrock. Jetzt noch ankotzen und der Ruf ist gerettet.

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Viel Spaß!



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