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Geliebter Zigeuner

Der Galgenbaum

 

 

 

 

In der Nähe von Maybole, Schottland

Drohend ragten die knorrigen, dürren Hexenfingern ähnelnden Äste des Galgenbaumes in den sturmgrauen Himmel. Die Sonne verbarg sich hinter diffusen Wolkengebilden. Vivienne Darkmoor konnte sich nicht erinnern, jemals an einem dermaßen unheimlichen Ort gearbeitet zu haben.

Als Landschaftsgärtnerin liebte sie Bäume, doch diesen hier würde sie, wenn es nach ihr ginge, abholzen lassen, solch eine bedrohliche Ausstrahlung besaß er. Dabei handelte es sich nur um einen Ableger jenes Ahorns, an dem vor langer Zeit die Männer des fahrenden Volkes grausam zu Tode gekommen waren. Der alte Baum war zerstört worden bei einem heftigen Unwetter vor über siebzig Jahren.

Das von einer tragischen Legende umrankte Cassillis House befand sich in der Nähe des Rivers Doon an den Ausläufern des finstren Dalrymple Woods. Eigentlich wäre es eine wunderschöne Gegend … Doch erschien es Vivienne, als haftete diesem Ort seine grausige Vergangenheit noch immer an.

Sie schüttelte das Gefühl dumpfer Vorahnung ab und ging wieder an die Arbeit. Da ihre Kollegin erkrankt war, musste sie Überstunden machen. Glücklicherweise schienen sich die Wolken langsam zu lichten, denn ein Regen käme jetzt äußerst ungünstig für sie. Bereits seit den frühen Morgenstunden arbeitete Vivienne hier und ein Ende war noch nicht in Sicht, da sonst die termingerechte Durchführung des Auftrags gefährdet war. Es hatte durchaus Nachteile, in der Firma des eigenen Vaters angestellt zu sein. Seit dem Tod ihrer Mutter vor vier Jahren hatte er sich in der Arbeit vergraben.

Vivienne machte eine kurze Pause. Sie trank Orangensaft, während sie auf die Wasserfluten des River Doon hinaussah. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden, obwohl sie bis auf den Verwalter heute Morgen hier keine Menschenseele gesehen hatte. Die Eigentümerin befand sich, wie so häufig, auf einer Geschäftsreise.

Bisher war es einigermaßen hell gewesen, doch jetzt setzte die Dämmerung ein und mit ihr kamen die Schatten und das Flüstern in den Zweigen. Sonst war sie doch auch nicht schreckhaft, aber hier war es tatsächlich sehr unheimlich. Man sagte, an diesem Ort würde es spuken, aber mit ihren vierundzwanzig Jahren ließ Vivienne sich von Schaudermärchen natürlich schon lange nicht mehr schrecken. Sie schraubte den Verschluss des Tetrapaks wieder zu und ließ ihn dort stehen. Sie würde noch so lange arbeiten, wie sie genügend sah, und dann ihre Sachen zusammenpacken.

Als Vivienne in den Garten zurücklief, stand plötzlich eine alte, grauhaarige Frau in einem altertümlichen Gewand vor ihr. Sie hatte sie weder kommen sehen noch gehört. Im ersten Moment war sie erschrocken. Diese Frau hatte sie niemals zuvor erblickt. Was wollte sie von ihr?

»Ihr müsst gar dringend mit mir kommen.« Die Alte besaß einen eigenartigen Dialekt. Überhaupt klang ihre Sprache merkwürdig und altmodisch. Die stechenden, dunklen Augen der Frau schienen bis in die Tiefen ihrer Seele blicken zu können.

»Wer sind Sie und was machen Sie hier überhaupt? Sie wissen aber schon, dass es sich um ein Privatgrundstück handelt?«, fragte Vivienne.

»Ich habe nicht vor, hier zu verweilen. Kommt mit mir, junge Maid!«

»Ich muss noch arbeiten. Sehen Sie das denn nicht?«

»Dies hier ist dringlicher. Eilt sogleich mit mir!« Sie griff nach Vivienne. Instinktiv wollte sie vor ihr zurückweichen, doch es war zu spät. Schon umfasste die Alte ihre Hand. Sie war so überrascht, dass sie anfangs nichts dagegen tat und sich ein Stück weit ziehen ließ. Die alte Frau zeigte eine für ihre dürre Statur erstaunliche Kraft.

Vivienne wurde plötzlich schwindelig. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden, bei ihrem Glück natürlich direkt in eine große Pfütze hinein. Wo kam die denn plötzlich her? Zuvor war ihr die gar nicht aufgefallen. Fluchend erhob sie sich. Plötzlich tobte ein Gewitter über ihnen und es war dunkler als zuvor. Regen prasselte auf sie nieder. Wie konnte das Wetter so schnell umschlagen? Selbst für diese Gegend war das ein Rekord. Mühsam rappelte sie sich hoch.

Die alte Frau nutzte den Überraschungseffekt, ergriff Viviennes Arm und zog sie erneut mit sich. »Beeilt Euch!«

»Was zur Hölle wollen Sie von mir?« Vivienne riss sich los. Irritiert blickte sie sich um, als ein Blitz die Szenerie erhellte. Von der Arbeit der vergangenen Tage erkannte sie rein gar nichts mehr. Was ging hier vor sich? Sie vernahm die Schreie einer Frau, die aus dem Haus zu kommen schienen. Aber die Besitzerin war doch gar nicht hier. Dennoch erkannte sie das bleiche, von Schrecken nahezu entstellte Gesicht einer Frau hinter der Fensterscheibe.

»Sie können wir nicht erretten, aber ihn.« Mit einem dürren Finger deutete die Alte auf den Galgenbaum, sodass Vivienne nun in diese Richtung blickte. Vor dem Hintergrund des Unwetters wirkte er noch größer und bedrohlicher als sonst.

»Oh, mein Gott!« Entsetzt schlug Vivienne die Hände vor den Mund, als sie mehrere Männer an Stricken von den dicken Ästen herabhängen sah. Hier erlaubte sich jemand einen makabren Scherz mit ihr.

»Helft ihm, bevor auch ihn noch der Tod ereilt. Ihr seid von größerer Gestalt als ich. Leider kann ich selbst ihm nicht den nötigen Schutz bieten, an keinem Ort dieser Welt. Zögert nicht, sonst ist es zu spät!« Die Alte reichte ihr eine scharf aussehende, alte Sichel, in der fremdartige Zeichen eingraviert waren, und deutete auf einen Mann, der ihnen am nächsten hing. Sein Strick war bedeutend kürzer als jene der anderen Männer, was bedeutete, dass der Zug auf seinen Hals geringer war als bei diesen.

Vivienne schnitt rasch das Seil durch. Sogleich fiel der Mann in den Matsch zu ihren Füßen. Besonders lebendig wirkte er nicht. Sie konnte sein Gesicht kaum erkennen, da es von seinem langen, blonden Haar verdeckt war. Aber wie eine Schaufensterpuppe oder andere Attrappe wirkte er nicht.

Vivienne reichte der Alten die Sichel zurück, sank auf die Knie und lockerte den Henkersstrick um seinen Hals. Erst handeln und anschließend nachdenken war ihre Devise im Moment, selbst wenn sie sich damit zum Affen machte, falls hier irgendwo eine Kamera versteckt war. Sie ertastete seinen Puls. Er lebte. Ihre Fingerkuppen fanden die raue Stelle, wo sich der Strick in seine Haut gegraben und sie zerkratzt hatte, als er weiter nach oben gerutscht war. Abgesehen davon schien er am Hals keine weiteren Verletzungen davongetragen zu haben, zumindest keine äußeren. Es wirkte alles auf grauenvolle Weise äußerst real.

Noch immer war er bewusstlos. Sein Leib war so still und schlaff. Das war doch nicht gespielt? Als sie ihm das wirre, blonde Haar aus dem Gesicht strich, war sie berührt von seiner Attraktivität. Er besaß ein wohlgeformtes Gesicht mit einer geraden Nase, fein geschwungenen Lippen und einer hohen Stirn. Wie Edelsteine glitzerten die winzigen Regentropfen in seinem Haar.

»Was ist das überhaupt für ein übler Scherz?« Sie sah sich nach einem Fernsehteam oder einer versteckten Kamera um. Hätten die sich nicht besseres Wetter aussuchen können? Was fiel denen ein, sie so zu Tode zu erschrecken? Welch üblen Humor muss man besitzen für einen derartigen Scherz? Das alte Weib war eine hervorragende Schauspielerin, das musste sie ihr lassen.

Vivienne erhob sich und wollte die anderen losschneiden, doch die Frau schüttelte traurig den Kopf. »Ihre Genicke sind gebrochen. Es betrübt mich, doch war ich machtlos gegen dieses üble Werk. Seinen Strick hat der Henkersknecht so gewählt, auf dass er lange leiden möge. Dies war der Befehl des bösen Grafen. Ertränken wollten sie mich, diese schändlichen Genossen. Verfolgung und Tod sind unsere ständigen Begleiter.« Verbitterung lag in den Worten der Alten.

»Wer tut so etwas?«

Die Alte sah sie verzweifelt an. »Der Hass ist es, der sie treibt. Nehmt ihn mit in Eure Zeit, denn in der unsrigen sind seine Tage mit Sicherheit gezählt. Hier erwartet ihn nichts mehr als der Strick. Es bleibt uns keine andere Wahl.«

»In meine Zeit? In welcher befinden wir uns denn angeblich?« Das wurde ja immer verrückter. Hatte ihr jemand Drogen in ihren Orangensaft getan?

Die Alte wirkte nervös. »Wir müssen weg von hier. Beeilt Euch, bevor sie auch uns den Garaus machen!« Sie versuchte, den Mann hinter sich herzuziehen, doch schaffte sie es nicht allein.

»Wer seid Ihr?«, fragte Vivienne, die ihr sogleich half. Der Mann war tatsächlich ziemlich schwer, obwohl er ein wenig hager wirkte.

»Mòrag ist einer meiner Namen, doch sie nennen mich Hexenweib. Schweigt, denn ich höre sie bereits nahen.«

Tatsächlich vernahm auch Vivienne das Knarren einer Tür und dann Schritte im nassen Gras.

»Wer treibt sich dort draußen um? Macht Euch erkenntlich!« Die Männerstimme klang herrisch. Es lag eine Kälte darin, die Vivienne bis ins Mark traf, doch überwand sie die Schreckensstarre schnell.

»Wohin?«, fragte Vivienne leise, die mühsam ihre aufsteigende Panik unterdrückte. Konnte es noch schlimmer kommen?

»Zum Tore eilt!«

Fieberhaft sah sie sich um. Wo zur Hölle sollte sich hier ein Tor befinden? Der Mann in ihren Armen schien immer schwerer zu werden. »Ich sehe es aber nicht.«

»Hier entlang!« Die Alte deutete mit dem Kinn nach links.

Vivienne tat wie geheißen. Mühsam zogen sie den Bewusstlosen zu zweit hinter sich her über den schlammigen Boden, während die Schritte des bedrohlichen Fremden immer lauter wurden. Fast glaubte sie, bereits seinen Atem vernehmen zu können.

Plötzlich ergriff sie erneut dieses seltsame Schwindelgefühl und sie stürzte wieder hin. Neben ihr fiel der bewusstlose Mann ins Gras. Wenn sie ihn noch ein paar Mal fallen ließ, war er erledigt.

Verwundert sah sie sich um, als der Regen schlagartig verschwand und jenem Maiabend wich, den sie zuvor erlebt hatte. Die Luft wirkte wärmer und es war weniger düster. Doch es konnte kein Traum gewesen sein, denn die alte Frau und der Bewusstlose befanden sich noch immer hier. Er lag neben ihr und rührte sich nach wie vor nicht. Die Alte war, im Gegensatz zu ihr, nicht hingefallen. Vivienne zwickte sich, doch blieb alles unverändert.

Vivienne erhob sich. Ihre Arbeitskleidung sah aus, als hätte sie sich damit mehrmals im Schlamm gewälzt. Na prima. Hoffentlich erblickte sie der Verwalter nicht in diesem Zustand.

»Was meinten Sie vorhin mit ›meiner Zeit‹?«

»Ich entstamme dem Jahre des Herrn 1624. Doch nun ist die Zeit meiner Rückkehr gekommen. Habt ein Einsehen mit ihm, denn genug hat er erlitten unter dem furchtbaren Grafen. Lebt wohl.«

»1624? Wer ist er? Ihr könnt ihn doch nicht einfach bei mir lassen.« Vivienne deutete auf den Bewusstlosen.

»Mir bleibt keine Wahl, als ihn Eurer Obhut zu übergeben. Versprecht mir, Euch um ihn zu kümmern.«

»Aber ich kenne ihn gar nicht.«

»Versprecht es mir oder ich lege einen Fluch auf Euch!« Die Alte sah aus, als wäre dies nicht nur eine leere Drohung.

»Wie nett von Ihnen. Das macht Sie gleich viel sympathischer. Also gut, solange er sich ordentlich benimmt und nicht den Macho raushängen lässt, kümmere ich mich um den Typen. Ein Säufer ist er wohl nicht oder ein Schwarzmagier, so wie Sie?«

Die Alte wirkte brüskiert. »Wo denkt Ihr hin? Er trägt den Namen John Faa und ist unser ehrwürdiger Anführer. Das fahrende Volk kannte kaum einen besseren, doch die Liebe zu einer Gadji führte ihn ins Verderben. Manch argem Schicksal vermag niemand zu entfliehen. Es stand bereits geschrieben im Buch seines Lebens zum Zeitpunkt seiner Geburt.« Die Alte tat einige Schritte rückwärts in jene Richtung, aus der sie den Mann hergeschleppt hatten – und verschwand direkt vor Viviennes Augen. Sie löste sich einfach in Luft auf. Das konnte doch nicht wahr sein!

Vivienne starrte in das Zwielicht, wo die Alte sich zuvor befunden hatte, und blinzelte mehrmals. Sie sah noch richtig und sie stand auch nicht unter Drogen oder etwa doch? Verdammt, was ging hier vor sich? Sie war also wirklich ein Fall für den Psychiater. Das waren Wahnvorstellungen vom Feinsten. Ein leises Stöhnen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Mann zu ihren Füßen.

Stammte er tatsächlich aus einer anderen Zeit? Unsinn. Das war nicht möglich. Weder hatten sie sich schneller als das Licht bewegt noch gab es Wurmlöcher, durch die Menschen in einem Stück wieder rauskämen. Die Alte und sie waren einfach so umherspaziert. Dabei war sie mehrmals in den Schlamm gestürzt, was ein weiterer Hinweis auf einen möglichen Drogenkonsum darstellte. In diversen Science-Fiction-Romanen fiel man nicht einfach in den Dreck und landete anschließend in einer anderen Zeit.

Sie überlegte, wo sie ihren Orangensaft gekauft hatte. Es sollte Verrückte geben, die mit Spritzen Drogen in Tetrapacks injizierten. Offenbar war sie ein Opfer davon geworden. Jedenfalls würde sie sich morgen im Supermarkt darüber beschweren. Oder lieber doch nicht? Die hielten sie sonst noch für einen Junkie.

Vivienne fasste sich an den Kopf, wodurch sie einen feuchten Matschflecken an ihre Wange brachte. Sie glaubte tatsächlich, den König des fahrenden Volkes, der seit etwa vier Jahrhunderten tot war, vom Galgenbaum geschnitten zu haben. Das durfte sie keinem Psychiater erzählen. Man würde sie sofort in eine geschlossene Klinik einliefern und dann wäre ihre berufliche Zukunft dahin.

Sie wandte ihren Blick dem Bewusstlosen zu. Der Mann bewegte sein Bein. Wie der König des fahrenden Volkes, falls es so jemanden überhaupt jemals gegeben hatte, sah der mit seinem langen, mittelblonden Haar nicht gerade aus, wenn man nach den üblichen Klischees ging. Zweifelsohne umgab ihn etwas Wildes und Ungezähmtes. Er wirkte allerdings auch recht mitgenommen. Im Vollbesitz seiner Kräfte musste er unwiderstehlich sein. Jedenfalls konnte man unschönere Wahnvorstellungen haben als ihn.

Vivienne kniete sich neben ihn. »Wie fühlen Sie sich? Ist Ihnen schwindelig?« Falls er zudringlich wurde oder sich allzu seltsam gebärdete, würde sie ihn mit einem gezielten Kinnhaken zurück ins Land der Träume schicken. Dass er wirklich der Anführer des fahrenden Volkes aus dem siebzehnten Jahrhundert war, erschien ebenso wahrscheinlich wie ihre Identität als Königin Hatschepsut.

»Wie man sich eben fühlt, wenn man am Henkersstrick hing. Es gibt wirklich Angenehmeres. Wo bin ich? Im Kerker wohl nicht? Und warum lebe ich noch? Ich bin doch am Leben?« Seine Stimme klang rau. Ob sein Kehlkopf in Mitleidenschaft gezogen worden war? Verwirrt blinzelte er sie an aus schönen, grüngrauen Augen. Sie kam nicht umhin, seine besondere Ausstrahlung festzustellen. Sogleich fühlte sie sich ungewöhnlich stark zu ihm hingezogen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

»Im Garten von Cassillis House.«

John setzte sich auf und strich sich das lange Haar aus dem Gesicht. »Warum bin ich noch am Leben?«

»Eine alte Frau namens Mòrag war hier. Sie sagte, sie wäre eine Hexe und Sie der Anführer des fahrenden Volkes. Sie sehen aber nicht aus wie ein Roma.«

Er musterte sie. »Wer behauptet, ich wäre einer?«

»Mòrag hat mir Ihren Namen genannt. Er ist nicht gerade unbekannt.«

Sein Blick glitt über sie. »Sonst ist Mòrags Tugend doch das Schweigen. Also gut, nun wisst Ihr, wer ich bin. Und wer seid Ihr? Denkt Ihr, dies wäre ein Gewand, das sich für ein Weib geziemt? Man sieht Eure Beine und voller Schlamm ist es. Das ist marimé, unrein.«

Sie starrte ihn an. »Ich bin hier die Landschaftsgärtnerin. Was ich trage, geht Sie überhaupt nichts an. Dass ich so voller Schlamm bin, ist die Schuld ihrer netten Hexe. Bevor Sie mich als unrein bezeichnen, sollten Sie sich erst mal selbst waschen. Sie sehen nämlich keineswegs besser aus als ich.«

»Weiber sollten Röcke tragen.«

»Was ich trage, ist allein meine Sache.«

Er hob die Achseln. »Ihr seid eine Gadji. Welche Erwartungen sollte man da schon haben? Sagt mir lieber, wie ich vom Galgenbaum heruntergekommen bin.«

»Ich habe Sie losgeschnitten, weil Mòrag mich darum gebeten hat. Aber wenn ich gewusst hätte, dass ich dafür beleidigt werde, hätte ich es wohl besser unterlassen. Wo haben Sie eigentlich die Kamera versteckt?«

Erstaunt sah er sie an. »Ihr selbst habt es getan? Dann ist es an mir, Euch meinen Dank zu zollen. Ich komme nicht umhin, Euren Mut zu bewundern. Es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu beleidigen. Es tut mir leid. Ich hoffe, Ihr nehmt meine Entschuldigung an. Was ist eine Kamera und warum soll ich eine solche versteckt haben?« Tatsächlich lag Anerkennung in seinem Blick.

»Dann sagte Mòrag, ich solle Sie in meine Zeit mitnehmen. Wie absurd. Ich finde solche Scherze geschmacklos.«

John griff nach dem abgeschnittenen Henkersstrick, der noch immer locker um seinen Hals hing. Er zog ihn sich über den Kopf und schleuderte ihn von sich. »Welche Scherze, Mistress? Ich wüsste nicht, was hieran lustig zu finden ist. Wo sind die anderen abgeblieben?« Er erhob sich, schwankte zuerst leicht, gewann dann aber die Beherrschung über seinen Leib zurück.

Vivienne sah ihn verwirrt an. Er wirkte nicht, als würde er ihr etwas vorspielen, oder aber er war verdammt gut darin.

»Sie sind tot, nicht wahr?«, fragte er erneut, als ihre Antwort ausblieb.

Ein Knoten hatte sich in ihrem Hals gebildet. Sie nickte.

Er sackte in sich zusammen und blieb schließlich auf dem Boden hocken. Einige Momente lang sagte er gar nichts und starrte ins Leere. Dann sah er sie mit unendlicher Trauer im Blick an. Sie war geneigt, ihm zu glauben.

»Die Schuld lastet schwer auf mir. Ich hätte meine Gemahlin nicht holen dürfen. Der Graf hat sie aus ihres Vaters Hause geraubt, als sie ihn besuchte. Sie nehmen uns die Rechte, unsere Freiheit und unsere Frauen und am Ende das Leben, nur weil sie sich als etwas Besseres dünken. Bringt mich zu ihr!« Er sprang auf, taumelte jedoch, sodass sie ihn stützte. Aber er machte sich sogleich von ihr los. Er war ein gutes Stück größer als sie, auf eine sehnige Weise muskulös, und trug altmodische Kleidung.

Vivienne erinnerte sich an das bleiche Gesicht hinter dem Fenster. Verstohlen warf sie einen Blick dorthin. Sie hatte es sich nicht eingebildet. Der Fensterrahmen war nun ein anderer … »Sie ist nicht hier.«

»Wo ist sie dann? In welches Verließ hat sie dieser Unhold werfen lassen?«

»Sie … Sie …« Die Worte versagten ihr. Wie überbrachte man eine solche Botschaft?

Er packte sie bei den Schultern und zog sie zu sich heran, sodass sie seinem Blick kaum ausweichen konnte. »Wo ist Jean? Hat dieser Schuft ihr Gewalt angetan?«

»Sie lebt nicht mehr.«

Seine Finger verkrampften sich an ihren Schultern. Er legte seine Stirn auf ihre. Ein Beben ging durch seinen Leib. »Entspricht dies der Wahrheit?« Seine Stimme bebte.

»Ich habe keinen Grund zu lügen.«

»Doch, den habt Ihr, denn Ihr gehört ihm an, dem grausigen Grafen. Ihr sagtet doch, Ihr wäret seine Gärtnerin. Euer engelsgleiches Antlitz soll mich nicht täuschen!« Er ließ sie abrupt los und trat einen Schritt zurück. Sein Blick wurde hart.

Vivienne wich ihm dennoch nicht aus. »Hier gibt es schon seit einiger Zeit keinen Grafen mehr. Die männliche Linie starb aus. Das Haus wurde verkauft.«

»Der Teufel hat ihn endlich geholt? Sein Heim ist dahin, versteigert wohl gar?« Er ließ seinen Blick durch den Garten schweifen, starrte das Haus an und schließlich den Ahorn. »Vieles hier erscheint mir verändert. Was ist mit dem Baum geschehen? Er ist von anderem Wuchs und auch die Stelle, wo er einst stand, ist nicht mehr dieselbe. Verbirgt sich gar Hexenwerk dahinter?« Seine Lippen zitterten.

Konnte ein derartiges Ausmaß an Verzweiflung gespielt sein? Außerdem war die alte Frau direkt vor ihren Augen verschwunden. Ein wenig Vertrauen in ihre eigenen Wahrnehmungen sollte sie schon haben, so unmöglich auch alles erschien. Widersprach das nicht den Naturgesetzen? Ihr wurde bewusst, wie wenig Wissen man tatsächlich besaß.

»Der Baum ist nicht mehr derselbe wie damals. In irgendeinem Winter hat ihn ein Sturm umgeworfen. Das war noch lange vor meiner Geburt, es muss so um 1939 oder 1940 gewesen sein. Der Baum, den Sie hier sehen, ist ein Ableger davon.«

»Im Jahre 1939? Vor Eurer Geburt? Was geht hier vor sich?«

»Wir befinden uns im Jahre 2013.«

»Unmöglich! Der Tod muss mich ereilt haben und dies hier ist die Hölle, ein verzerrtes Abbild der wirklichen Welt. Bin ich nun auf ewig hier gefangen? Doch viel Grausameres ist meiner geliebten Gattin widerfahren! Meine Hinrichtung war sie gezwungen anzusehen.«

Vivienne starrte ihn an. »Wer hat so etwas Schreckliches getan? Der Graf?«

Er nickte. »Sie sollte zusehen, wie wir alle dahinscheiden, und ergriff hierfür ihren Schopf, sodass sie das Haupt unmöglich abwenden konnte.«

Entsetzen durchfuhr sie. »Wie grausam!« Sie wagte es sich kaum vorzustellen, wie schrecklich das für Lady Jean Hamilton gewesen sein musste.

»Ich soll mich in ferner Zukunft befinden? Ich kann es nicht glauben.«

Sie nickte. »Wenn Sie wirklich aus dem Jahre 1624 stammen, dann ist dies hier die Zukunft, die Sie unter normalen Umständen nie erlebt hätten.« Offenbar machte er jetzt genau jenen Schock mit, den sie bereits halbwegs durchgestanden hatte.

Er wirkte nachdenklich. »Ihr seid aus einem anderen Land, wo man die Zeit anders berechnet. Von daher stammt auch Eure gar seltsame Aussprache.«

Das musste gerade er sagen. Seine Aussprache war höchst merkwürdig und altertümlich.

»Ich werde sie erretten«, sagte er.

»Das geht aber nicht. Sie ist schon lange nicht mehr hier.«

Er ignorierte sie und stapfte zum Schloss. »Aber ich muss es tun.« Er betrachtete die Fenster, vermutlich auf der Suche nach Einstiegsmöglichkeiten.

»Das können Sie nicht tun, das wäre Einbruch. Wir sollten von hier verschwinden.« Es war kaum daran zu denken, dass sie heute noch etwas würde arbeiten können.

Tatsächlich wandte er sich zu ihr um. »Warum sollte ich gehen? Weil sie mich sonst ebenfalls erhängen, diese ruchlosen Verbrecher bar jeglichen Gewissens?«

»In unserem Jahrhundert wird niemand mehr erhängt.« Zumindest nicht hierzulande, aber das wollte sie mit ihm jetzt nicht genauer erörtern.

»Ihr beliebt zu scherzen. Wir befinden uns nicht in einer anderen Zeit. Das ist gänzlich unmöglich. Hat man Euren Geisteszustand jemals untersucht?«

Vivienne war müde und leicht gereizt. »Ach, glauben Sie doch, was Sie wollen, und tun Sie, wonach Ihnen ist, aber ohne mich. Ich gehe jetzt nach Hause. Mir reicht es.« Sie wandte sich um und packte ihre Sachen zusammen, was recht schnell ging. Dann lief sie zu ihrem Auto.

Überraschenderweise folgte John ihr. Das war immerhin besser als ein Einbruchsversuch.

Seine Miene wirkte wie versteinert. »Warum konnte ich nicht ebenfalls mein Leben lassen?«

»Weil es Ihr Schicksal ist!

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