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Geliebter Narzisst

Mona

Unkraut. Überall nur Unkraut. Es war noch klein und ihre dicken Finger konnten es kaum packen. Wenn es frisch war, ließ es sich am besten zupfen. Warum nur hatte sie beim Pflastern des Vorhofes die Fugen zwischen den Platten so groß gelassen? Ein Fehler. Einer von vielen. Sie hätte das Böse eher an der Wurzel packen sollen, genau wie den Wildwuchs ihres Hofes. Erst ist er klein und man sieht darüber hinweg, doch eines Tages tritt man vor die Tür und alles Übel ist scheinbar über Nacht unüberwindbar geworden, sodass man nicht mehr Herr der Lage werden kann, egal, wie sehr man es auch versuchen mag.

Ein warmes Lüftchen wehte und sie spürte den angenehmen Hauch über ihre nackten Arme streichen. Der Wind sang eine wunderbare Melodie. Leise summte Mona vor sich hin. Die Beete rund um den Eingangsbereich ihres Hauses waren endlich gesäubert. Auch die Einfahrt hob sich nicht mehr durch ungewolltes Grün vom Gesamtbild ab. Einst war der schimmernde Kies, den sie dort zierdig verstreut hatte, farbig gewesen. Lange schon lag er dort, ungeschützt der Witterung ausgesetzt, bei Regen und Schnee, bei Sonne und Hagel. Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr. Mit einem Blick auf das Haus drehte sie langsam einen der Kiesel in ihren Händen. Die Oberfläche fühlte sich glatt an, trotz der kleinen Riefen im Äußeren. Die Mittagssonne hatte den Stein erwärmt. Fest legte sie die Finger um ihn, als könne sie so etwas von der Wärme in sich aufnehmen. Mona schloss die Augen. Nie war ihr die Melodie des Windes lieblicher vorgekommen als in diesem Augenblick. Früher hätte das Geräusch eines nahenden Autos den Moment jäh zerstört. Leon wählte immer den erdenklich schlechtesten Augenblick, seinen Sportwagen über den Kiesweg zu jagen. Er fuhr nie langsam.

Wie oft hatte sie gedankenversunken in der Einfahrt Unkraut gezupft und er hätte sie bald über den Haufen gefahren. Mona traf er nie. Ihre Gedanken immer. Doch heute würde er weder schnell noch langsam angefahren kommen. Kein Motorenlärm würde sie stören. Er würde nie wieder kommen.

Leon war tot.

Langsam kam Mona aus der Hocke hoch. Verträumt sah sie in den Himmel. Wie sehr hatte sie sich ein anderes Leben gewünscht. Solange sie denken konnte. Schon früh, als kleines Mädchen noch, malte sie sich ihre Zukunft in den buntesten Farben aus. Geblieben war ihr nur der Traum von einem solchen Leben. Träume sind Träume, weil sie unrealistisch sind. Und exakt das müssen sie sein. Denn genau in dem Moment, in der Sekunde, in der man bekommt, was man erstrebt, kann man es nicht mehr wollen.

Liebe hatte Mona gewollt. Lachen. Einen Menschen, der ihr Halt gibt und sie versteht. Einen Partner. Einen Mann, der sie begehrt. Doch gelehrt hatte die Vergangenheit sie etwas anderes.

Damit man existieren kann, sollten die Objekte der Begierde immerwährend abwesend sein. Es ist nicht die Sache, die man will, sondern der Traum von ihr. Die Begierde unterstützt Träume, die verrückt sind. Je verrückter, desto besser. Gib Acht darauf, was du dir wünschst. Nicht, weil du es bekommen könntest, sondern weil du ab dem Moment, in dem du es hast, unglücklich bist. Du wirst nie glücklich sein, wenn du nach deinen Bedürfnissen leben willst. Messe dein Leben an Idealen, nicht an Begierden.

Die Begierden brauchst du unerfüllt, um existieren zu können. Geniesse die kurzen Augenblicke der Integrität, der Vernunft, des Mitgefühls. Letztendlich hast du nur die Möglichkeit, die Bedeutung deines Lebens an der Wertschätzung des Lebens anderer zu bemessen. Liebe sollte demnach besser ein Traum bleiben.


Leon

»Leon, es wird Zeit für dich aufzustehen!«

Mit Schwung wurde die Gardine in dem geschmackvoll und teuer eingerichteten Jungenzimmer zur Seite geschoben. »Mama, ich bin noch müde.«

Der siebenjährige Stöpsel bewegte sich unmerklich.

»Deine Mutter ist schon zur Arbeit gegangen. Ich bin es nur, Isabell.«

Das Kindermädchen blickte ärgerlich auf den dunklen Lockenschopf hinunter. Sicher würde es nicht lange dauern und er begänne zu quengeln, dieses undankbare Geschöpf. Kaum war der Gedanke zu Ende gedacht, ging es los.

»Warum bist du heute da? Mama hat mir versprochen, dass wir zusammen spielen. Wir wollten eine Sandburg bauen.«

»Deine Mutter hat keine Zeit für so einen Blödsinn! Sie hat einen Anruf bekommen, dass sie arbeiten muss. Punkt! Deine Sandburgen hat der Wind verweht, noch bevor du sie vollendet hast. Lass es gleich. Steh auf, du kannst mir bei der Mangelwäsche helfen.«

Lustlos ließ sich der Knabe zurück in die Kissen fallen. Mangelwäsche, wie er das hasste. Isabell war eh nichts recht zu machen. Verschlafen setzte Leon sich auf die Bettkante und sah sich in seinem Zimmer um. Alle Spielzeuge standen in Reih und Glied, fast wie mit einem Maßband vermessen. Alles musste genau an seinem Platz stehen, sonst würden Mutter und Vater zürnen. Gerade jetzt, in diesem Moment, war dem Bengel danach, einmal mit der Handkante alles aus den Regalen zu fegen. Wild, kreuz und quer durch den Raum zu pfeffern. Das machte sicher Spaß. Und brächte ihm eine Menge Ärger ein. Irgendwann, beschloss Leon, würde er es tun. Einfach so zur Freude.
Seine Mutter arbeitete in einer großen Maschinenfabrik als Sekretärin. Schon früh am Morgen verließ sie das Haus und hatte kaum Zeit, sich um ihren Sohn zu kümmern. Sie versprach es zwar, hielt es aber selten. Dabei hatte Leon sich schon in Gedanken ausgemalt, wie wundervoll es sein würde, mit seiner Mutter eine Burg zu bauen. In den tollsten Farben hatte er es sich ausgemalt. Verzieren wollte er sie. Mit angedeuteten Fenstern und einer Fahne auf dem Dach. Kürzlich hatte er beim Spielen ein Fähnchen gefunden und aufgehoben. Wütend sprang er aus dem Bett, riss eine Schublade an seinem Schreibtisch auf und holte die Fahne heraus. Mürrisch betrachtete er sie wenige Augenblicke lang, dann zerbrach er sie in kleine Teile und ließ sie auf den Boden fallen. Sollte Isabell sie doch wegräumen!

»Leon, was ist los, bist du endlich aus dem Bett gekrochen?« schallte eine garstige Stimme in das Zimmer. Ungehalten verdrehte der Junge die Augen.

»Ja, ich komme.«

Leon Lind war das einzige Kind der Familie. Seine Mutter Maria und sein Vater Jonathan hatten lange versucht, weitere Kinder zu bekommen, jedoch ohne Erfolg. Leons Vater war ein erfolgreicher Dirigent und viel auf Reisen. Zeit mit seiner Familie verbrachte er nur wenige Tage im Monat.


Mona

Ein letztes Mal streckte sie ihr Gesicht der Sonne entgegen. Dann stand sie auf, räumte die Gartengeräte in den Schuppen und ging langsam ins Haus. Sie hatte in den letzten Tagen viel Zeit damit verbracht, ihre Angelegenheiten zu ordnen. Das Haus war geputzt und ordentlich. Alles stand an seinem Platz, so wie Mona es gern hatte. Dann nahm sie ihre leichte Jacke von der Garderobe und schloss die Tür hinter sich.

Der Beamte des Untersuchungs-gefängnisses, der sie in Empfang nahm, kam schnell zur Sache.

»Frau Lind, ich kläre Sie jetzt über ein paar Gepflogenheiten auf. Der Trakt, in den wir Sie bringen, ist noch nicht modernisiert. Das heißt, die Zellen haben Gitter und keine Türen mit vergitterten Fenstern. Sie hätten das Recht auf eine Einzelzelle, aber wir sind voll belegt und Sie müssen sich vorerst die Zelle teilen. Ferner dürften Sie Privatkleidung tragen, wenn die Möglichkeit besteht, dass ein regelmäßiger Tausch gegen saubere Wäsche gewährleistet ist. Ist das bei Ihnen der Fall, haben Sie jemanden, der Ihnen Wäsche bringen kann?«

»Nein.« Mona schluckte.

»Wenn Sie für die Kosten aufkommen, können Sie sich Essen bringen lassen. Allerdings hat das noch niemand in Anspruch genommen. Toilettenartikel wie Zahnpasta oder Seife müssen über das anstaltsinterne Lebensmittelgeschäft bezogen werden. Aus Sicherheitsgründen ist Alkohol nicht erlaubt, genau wie der Besitz von Bargeld. Haben Sie mich so weit verstanden?«

»Ja.«

Mona blickte zu Boden. Die kalten weißen Fliesen unter ihren Füßen wirkten klinisch. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte es auch ein Krankenhausflur sein können, auf dem sie stand.

»Gut. Eine Sache zum Thema Arbeit. Im Gegensatz zu Strafgefangenen sind Untersuchungsgefangene nicht verpflichtet zu arbeiten. Die Entscheidung, ob gearbeitet werden darf, trifft der Anstaltsleiter. Möchten Sie arbeiten?«

»Nein.«

»Radio und Fernseher sind grundsätzlich möglich. Aus Sicherheits-gründen sind in der Regel keine Daten-CDs oder Disketten gestattet. Alles muss so beschaffen sein, dass keine Funkgeräte gebastelt werden können. Daher werden bei Radios bestimmte Wellenbereiche gesperrt.«

Mona nickte. Sie hatte nicht vor, etwas davon zu nutzen. Das Stehen fiel ihr schwer und sie verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere.

»Untersuchungsgefangenen steht alle 14 Tage Besuch zu, der nicht länger dauern sollte als 45 Minuten. Das war es fürs Erste. Bitte folgen Sie mir!«

Mona zog tief die warme Luft in ihre Lungen, die durch das geöffnete Fenster fiel. In dem Bereich des Hauses, in dem sie die nächste Zeit verbringen würde, waren die Fenster verschlossen. Die Gänge, über die sie liefen, schienen kein Ende nehmen zu wollen. Tür an Tür reihte sich in dem kahlen Flurgeäst. Es roch nach Farbe und Putzmittel.

»Wir befinden uns hier im neuen C-Trakt, der ist frisch renoviert. Kein 4-Sterne-Hotel, aber vorher war es weitaus schlimmer.«

Bald erreichten sie einen Bereich, der im alten Teil des Gebäudes lag. Der Boden war nicht mehr gefliest, sondern ein schmuddeliges Linoleum diente als Lauffläche. Auch der Geruch änderte sich. Ein Hauch von Schimmel und Moder lag in der Luft.

»Hier gibt es nur noch zwei Zellen. Eine davon wird für die nächsten 6 Monate ihr neues Zuhause sein. Die andere ist nicht bewohnbar, die nutzen wir als Lagerraum.«

Mona blieb vor der Tür stehen, in deren Schloss der Beamte klimpernd einen alten Schlüssel steckte.

»Normalerweise geht das alles elektronisch, doch in diesem Bereich ist der Fortschritt bislang nicht angekommen. Rein in die gute Stube. Zita, du bekommst Besuch!«

Dann fiel die Gittertür hinter Mona ins Schloss.


Zita

Sie sah sich um. Zuerst bemerkte sie die Gestalt nicht, die versteckt unter einer grauen Decke auf der Pritsche lag. Doch als Mona ihre Tasche abstellte, sprang ihre neue Mitbewohnerin mit einem Satz auf.

»Ey, du Schlampe, bist du bekloppt, dich hier reinzuschleichen? Ich habe gepennt!«

Der Beamte, der gerade im Begriff war zu gehen, drehte sich um und sah von außen in die Zelle.

»Zita, brüll nicht herum. Das ist Mona Lind, sie wird sich mit dir die Zelle teilen. Ich erwarte, dass du dich benimmst, ist das klar?«

Zita antwortete nicht. Stattdessen drehte sie sich zu Mona um.

»Mona Lind also, wie alt bist du, 100 Jahre oder älter? Da stecken die mich mit einem Zombie in eine Zelle, meine Fresse.«

Mona sah sich um. Die Zelle war klein, jedoch größer, als sie erwartet hatte. Es war genug Platz für zwei Pritschen, zwei Schränke, einen Tisch und zwei Stühle. Auf einem Regal befanden sich zu ihrer Verwunderung sogar Bücher. Ein kleines Schränkchen in einer Ecke des Raumes, auf dem ein kleiner Fernseher stand, rundete das Bild ab.

»Du brauchst gar nicht auf meinen Fernseher starren, da glotz nur ich rein, capito?«

Zita baute sich vor Mona auf. Sie schätzte sie auf Anfang zwanzig. Ihr ehemals hübsches Gesicht hatte eine graue Färbung angenommen und die langen blonden Haare hingen strähnig über die mageren Schultern. Einzig und allein Zitas Augen waren strahlend und hell.

»Was starrst Du mich so an, stehst du auf Frauen oder was?« Mona setzte sich und zog ihre Schuhe aus.

»Mach dir keine Sorgen, Zita, ich stehe auf gar nichts mehr.«

Zita grinste.

»Dein Glück. Wenn ich einmal deine Griffel an meinem Körper spüre, bist du tot. Wieso steckt man Zombies wie dich noch in U-Haft? Grabsteine geklaut?«

Mona schmunzelte. Die Kleine war ja ein ganz freches Früchtchen.

»Ja, etwas in der Art. Im Übrigen wäre ich dir dankbar, wenn du mich nicht Zombie nennen würdest. Kriegst du das hin?«

Zita warf sich auf ihre Pritsche und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

»Klar. Kein Ding.«

Wie oft hatte Mona in Gedanken die Situation durchgespielt, ihre Ankunft in der Zelle. Das, was sie hier erwartete, war in ihren Überlegungen nicht vorgekommen. Vielmehr hatte sie sich alleine in einer Zelle gesehen. Gut, nun war es anders, also galt es, die Situation zu meistern.

Ihr Mann hatte oft genug prophezeit, dass es einmal schlimm mit ihr enden würde. Jetzt war es geschehen. Leon war ein toller Mann gewesen. Groß, muskulös und wahnsinnig charmant. Anfangs. Monas Leben war sehr ruhig verlaufen. Sie war schon Mitte zwanzig, als sie sich das erste Mal im Leben in einen Mann verliebte.

Im Gang waren Schritte zu hören und eine Tür schlug zu.

»Das wird Jonas sein, unser Zoowärter!«, sagte Zita. Und tatsächlich stand wenige Minuten später ein junger Mann vor der Zelle, auf dessen Namensschild Jonas Bruckner stand.

»Zita, frech wie immer!«, begrüßte Bruckner sie. Die junge Frau grinste in seine Richtung.

»Wir haben eine Neue, sag dem Zo ... ähm, der Alten auch Hallo!«

Zita stand auf und zeigte auf Mona.

»Ach, Frau Lind, stimmt. Ich bin Jonas Bruckner und für diesen Bereich zuständig.« Mona setzte sich auf.

»Hallo, Herr Bruckner.« Ihre Glieder schmerzten. Die Pritsche war hart und ungewohnt.

»Sie müssen mich nicht siezen. Zita duzt mich eh, dann können wir beide auch beim Du bleiben. Nur wenn jemand anderes in der Nähe ist, bitte nicht.«

Die Tage kamen und die Tage gingen. Die Abläufe blieben gleich. Mona lag auf ihrer Pritsche und dachte nach. Etwas anderes als ihre Gedanken waren ihr nicht geblieben.

»Woran denkste?« Laut riss Zitas Stimme Mona in die Realität zurück.

»An Blätter und Wind. Ich liebe das Geräusch von Blättern.«

»Aha.« Zita drehte sich gelangweilt auf die Seite, doch Mona sprach weiter.

»Nach wie vor kann ich sie hören, leise zwar, dennoch unüberhörbar. Laut genug, um mich an Unzähliges zu erinnern. Meine besten Freunde waren sie. Sie spielten ihr schönstes Lied für mich, erzeugten Klänge, sinnlicher als die legendärste Sinfonie. Vieles habe ich gehört in meinem Leben, jedoch war kein Klang derart vollkommen. Sie entführten mich zurück in eine fast vergessene Welt. Und mir ist, als würde meine Seele weinen, bei jedem Ton.«

»Meine Seele weint auch, jedes Mal wenn uns die Penner da draußen den Fraß hier bringen. Hey, Arschloch, komm her! Friss den Dreck alleine!«

Zita griff nach der Essensschale und warf sie mit großem Schwung gegen das Zellengitter. Das Essen verteilte sich in dem kleinen Raum, und die Reste, die am Gitter hängengeblieben waren, rutschten langsam das Metall hinunter. Zita fischte mit dem Zeigefinger etwas Möhrenbrei vom Boden und schleuderte ihn dem nahenden Wärter entgegen.

»Probiere mal den Mist, den ihr uns hier andreht. Wollt ihr uns vergiften, oder was? Selbst die Alte kriegt den Fraß nicht durch den Hals, und die hat in ihrem Leben schon einiges geschluckt!«

Wärter Jonas blieb vor der Zelle stehen. Lässig schob er eine Hand in die Tasche seiner Hose, an der Spritzer von Möhrenbrei auszumachen waren. Ein zynisches Grinsen legte sich auf sein Gesicht.

»Keif nur, Zita. Du hast nichts gewonnen durch deine Aktion. Gar nichts. Dein Hofgang und dein Telefonat sind hiermit gestrichen!«

Zita warf sich vor das Gitter und versuchte, Jonas anzugreifen. Doch natürlich gelang es ihr nicht. Das Geflecht war zu eng, sie konnte nicht mit der Hand hindurch. Sie presste ihr Gesicht gegen die Stäbe.

»Du elender Bastard, dir sollte man die Pampe literweise einflößen! Ersticken sollst du! Das fressen nicht mal Schweine, so ekelig, wie das stinkt.«

Ihr Atem ging stoßweise. Jonas trat nah an das Gitter heran. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Er konnte den modrigen Mundgeruch von Zita riechen. Lächelnd sagte er: »Schweine haben im Gegensatz zu dir auch schmackhaftes Fressen verdient!«

Zita drehte sich um und setzte sich auf den Boden, drückte ihre Handflächen in die Breireste und starrte auf das bizarre Muster, das sie auf ihrer Haut hinterließen. Ihre Hände waren trocken und rissig.

»Alte, komm her. Der Dreck hier eignet sich als Feuchtigkeitspflege, sieh mal, das zieht in die Haut ein!«

Mona reagierte nicht. Sie war menschliche Ausbrüche gewohnt und sah darüber hinweg. Auch als Zita anfing, ihre Kleidung auszuziehen und sich komplett mit den Resten des Breies einzureiben, verzog Mona keine Miene.

»Hey, Alte, isst du deinen Napf leer, oder kann ich das haben?«

Mona musste nicht nachdenken.

»Nimm ihn dir. Mir ist heute nicht nach Essen zumute.«

Zita lief nackt durch die Zelle und verteilte auch diese Ration auf ihrer Haut.

Mona lag mit dem Rücken auf der Pritsche und reiste gedanklich in die Vergangenheit. Möhrenbrei hatte sie gern gekocht. Leon liebte ihre Version dieses Gerichtes. Mit frischen Kartoffeln, angebratenem Speck und einem Hauch von Knoblauch. Immer wenn Leon sah, dass sie Knoblauch schnitt, verzog er angewidert das Gesicht und aß nicht, was sie servierte. Sah er es allerdings nicht, schmeckte es ihm. Doch die Art von Brei, mit der Zita sich gerade einrieb, hatte auch sie nie zuvor gesehen.

Mona hob die Hände nah vor ihre Augen. Sie besah sich die Furchen, die einst feine Linien gewesen waren. Grob, dunkel, verhornt. Gräben der Zeit. Wie viele Menschen hatte sie mit diesen Händen berührt? Hunderte, tausende? Wie viele Personen berührt man im Laufe eines Lebens? Es beginnt mit der Hebamme und endet mit? Mit wem? Wen würde sie zuletzt berühren?


Leon

Traurig blickte der Junge auf die Reste seiner Fahne, die zerstört auf dem Fußboden lag. Er erinnerte sich daran, wie stolz er war, sie gefunden zu haben. Gerade an diesem Tag, an dem seine Mutter ihm versprach, die Sandburg mit ihm zu bauen. Die Fahne war nicht ganz heil und schmutzig. Leon hatte sie mühevoll gesäubert und geklebt. Sie hatte die Spitze eines wundervollen Tages werden sollen. Nun war sie hinüber. Kaputt, in Stücke gerissen, wie das Herz des kleinen Jungen, der auf sie hinabstarrte.

Die Stimme von Isabell ließ ihn jedoch nicht zur Ruhe kommen, und so begab er sich durch das große Haus hinunter in den Waschkeller, wo das Kindermädchen damit beschäftigt war, Bettlaken und Überziehwäsche zu falten.

»Da bist du ja endlich. Was hast du so lange oben herumgetrödelt? Glaubst du, die Arbeit macht sich von allein?«

Leon verdrehte die Augen.

»Meine Eltern bezahlen dich nicht dafür, dass ich deine Arbeit tue! Du kannst froh sein, wenn ich dir helfe. Müssen muss ich das nicht!«

Kaum ausgesprochen duckte der Junge sich unter der auf ihn zufliegenden Hand weg.

»Du elender kleiner Dreckskerl. Genau so verwöhnt wie der Vater, und das in deinem Alter! Aus dir wird genauso wenig werden. Dirigent. Lächerlich. Ein wenig die Arme durch die Luft wedeln und dafür jede Menge Geld kassieren. Das sind mir die Richtigen. Wir armen Leute schuften uns die Finger wund und der feine Herr und die Dame kümmern sich um nichts. Nicht einmal um ihr eigenes Kind! Verzogen und ungelehrig bist du!«

Sprüche dieser Art kannte Leon zur Genüge. Was er auch sagte oder tat, nie konnte er es jemandem recht machen. Seinen Eltern nicht und Isabell schon gar nicht. Anfangs hatte er versucht, sich mit ihr zu verbünden, da er die meiste Zeit des Tages mit ihr verbrachte; irgendwann hatte er aufgegeben. Sie war schlicht und ergreifend böse. Jedoch glaubte ihm niemand. Heute nahm er sich vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das Fernsehen übertrug, wie Sputnik, der erste künstliche Erdsatellit, ins All geschossen wurde. Das war aufregend und Leon wollte das Schauspiel auf keinen Fall verpassen. Seit Wochen wurde in den Zeitungen von kaum etwas anderem geschrieben. Leider kam die Fernsehübertragung zu einem Zeitpunkt, an dem er schon im Bett liegen musste. Eigentlich. Es sei denn, er schaffte es, Isabell um den Finger zu wickeln. Hm ... Er hatte auch schon eine Idee!

Melissa

Berührungen waren auch das Thema ihrer Psychostunde. Die junge Frau, die Mona gegenübersaß, war hübsch. Sehr gepflegt. Und scheinbar noch nicht allzu lange in ihrem Job. Sie nahm sich Zeit, wirkte aufmerksam und offen. Irgendwann würde sie abstumpfen, von Termin zu Termin hetzen, wie viele, die Mona durch die Gitterstäbe vorbeihechten sah. Die langen braunen Haare, die noch offen über ihre Schultern fielen, würden mit einem Gummiband zusammengehalten werden. Der Einfachheit halber. Auch der Kajalstift, der die braunen Augen umrandete und der hellrosa Lippenstift würden eines Tages der Zeit zum Opfer fallen.

Mona atmete einmal tief durch, dann begann sie zu reden.

»Es gibt viele Dinge im Leben eines Menschen, die berühren. Doch nur wenige, die so tief berühren, dass sie sich in unsere Seele brennen. Dinge, die, ganz gleich, zu welcher Lebenszeit wir an sie denken, unser Inneres erwärmen. Die schützend wie ein Mantel unser Herz davor bewahren zu erfrieren. Kennen Sie das Gefühl, wenn die Kälte von ihren Füßen langsam die Waden zu den Oberschenkeln aufsteigt? Wenn sie in ihren Unterleib kriecht und sich dort festsetzt? Dort stirbt das Gefühl zuerst. Der Tod schleicht sich langsam in unseren Körper. Oft suchen wir nach Ursachen im medizinischen Bereich. Zysten, Infektionen. Sicher wird das vorkommen. Doch letztlich sind wir schlicht und ergreifend frigide.«

 

Mona blickte die Psychologin an. Diese saß ihr mit verschränkten Armen auf dem Stuhl gegenüber und sah auf die Tischplatte. Als sie bemerkte, dass Mona sie ansah, hob sie den Blick. Nur leicht, nicht auf Augenhöhe. Mona wartete. Als die Psychologin die Stimme erhob, ging ein leichtes Räuspern ihren Worten voraus. Mona nahm dies schweigend zur Kenntnis.

»Frigide. Das ist ein hartes Wort.«

Mona schmunzelte.

»Nein. Es ist ein Faktum. Frigide bedeutet synonymisch nichts anderes als kalt. Und darüber reden wir doch gerade. Über Kälte. Der Mensch ist ein seltsames Individuum. Er sucht nach Erklärungen, nach Gründen, warum etwas nicht so sein kann, wie es ist. Doch tief im Inneren, wenn wir uns die Mühe machen, in uns zu gehen, dann wissen wir sehr genau, was passiert. Wir spüren es, das Eis. Wir wollen es nur nicht wahrhaben.«

 

Mona stand auf und stellte zwei Becher auf den Tisch, die sie mit Wasser füllte. Langsam schob sie der Psychologin einen Becher zu und setzte sich wieder.

Lange Zeit schwiegen die beiden Frauen. Fast schien es, als hätte sich die Stimmung im Raum nach draußen übertragen, denn immer weniger Licht fiel durch die kleine Luke. Monas Hände spielten, wie die ihres Gegenübers, mit dem Wasserbecher. Sie drehte ihn und erfühlte die feinen Riefen im Plastik.

»Haben Sie einen Plastikbecher wie diesen einmal näher betrachtet? Wofür glauben Sie, hat man die Rillen auf der Oberfläche angebracht? Um ihn besser halten zu können, oder um die Hände zu beschäftigen, wenn man keine Worte findet?«, fragte Mona lächelnd.

Die Psychologin streckte ihren Rücken durch und nahm die Hände vom Becher.

»Sie waren beim Unterleib angekommen mit ihren Erzählungen. Bitte reden Sie weiter, Mona.«

»Ja, wie geht es weiter? Bei mir war es so, dass die Kälte höher kroch in den Bauchraum. Das Essen fiel mir schwer, mein Appetit war verschwunden. Wenn ich etwas aß, dann mit Widerwillen, um zu überleben. Der Genuss blieb auf der Strecke. Dabei war gutes Essen früher ein Lebenselixier für mich. Essen bedeutete, den Körper mit Luxus zu verwöhnen. Ich hüllte meine Magenwände in Seide. Essen war gleichzusetzen mit Gesellschaft und Kommunikation. Mit Dazugehören. Ich habe nie mit Menschen essen können, die ich nicht mochte.

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