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Geliebter Highlander

Betrug

Beathag MacIntosh sah aus, als hätte sie ihren eigenen Tod gesehen.

»Der Cameron-Chieftain trinkt sein Ale aus den Schädeln seiner Feinde. Mit solch einer Bestie werde ich ganz sicher keine Verlobung eingehen. Da könnte ich mich ja gleich umbringen.« Beathag wandte ihr tränenüberströmtes Gesicht ihrer Cousine Marsaili zu.

Diese machte sich ernsthafte Sorgen um sie, aber auch die Zukunft der Clan-Konföderation Chattan. Zu viel stand auf dem Spiel. Es ging um Krieg und Frieden und jenes Stück blutdurchtränkten Landes, auf dem sich Torcastle befand. Viele waren bereits in dieser grausamen Fehde gefallen, die nun hoffentlich bald ein Ende finden würde. Sie betete nur darum, dass Alexander MacDonald von Lochalsh, der Herr der Inseln oder Triath nan Eilean, wie man ihn im Gälischen nannte, die richtige Entscheidung getroffen hatte. Alles andere wäre fatal.

Beathags Lippen bebten, als sie weitersprach. »Ich kann das wirklich nicht. Sie sagen, der Cameron sei grausam, hart und unerbittlich.« Mit den wirren dunkelbraunen Locken und den verweinten, graublauen Augen gab sie ein Bild der Verzweiflung und des Elends ab.

Marsaili verspürte Mitgefühl für sie. »Mach dir keine Sorgen. Ganz so schlimm wird es kaum werden. Man sollte nicht alles glauben, was geredet wird. Über deinen Vater gibt es ähnliche Gerüchte wie über den Cameron und kaum etwas davon ist wahr. Der Cameron wird dir nichts tun, da er sonst den Zorn Alexanders von Lochalsh heraufbeschwört. Außerdem musst du ja nur ein Jahr und einen Tag bei den Camerons bleiben«, sagte sie in beschwichtigendem Tonfall, doch ihre Cousine beruhigte dies keineswegs. Im Gegenteil schien ihre Verzweiflung beständig zuzunehmen.

Beathag schluchzte. »Du verstehst mich mal wieder nicht. Ein Jahr kann so lang werden, besonders wenn man im Haus des Feindes leben muss, wo einen jeder hasst, verabscheut oder nach dem Leben trachtet. Selbst wenn der Cameron mir nichts tut, wer garantiert mir denn, dass seine Leute sich friedlich verhalten? Wärst du in meiner Lage, so würdest du ganz sicher anders reden. Ich begreife nicht, wie mir mein Vater das antun kann!«

Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit würde sie an Beathags Stelle anders handeln. Äußerlich waren sie sich derart ähnlich, dass sie häufig verwechselt wurden, doch innerlich hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Während Beathag dazu neigte, zaghaft, unsicher und ängstlich zu sein, so war Marsaili forsch und neugierig.

»Nicht dein Vater, sondern der Triath nan Eilean will dies. Dein Vater zeigt ihm gegenüber seine Loyalität, indem er sich dessen Willen beugt. Ich vermute, dieser beharrte darauf, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Onkel Duncan dich leichtfertig verschachert.«

Schon lange waren die MacIntoshs dem alten gälischen Fürsten der Inseln treu ergeben. Dabei handelte es sich stets um den jeweiligen Clanführer der MacDonalds. Die Wurzeln seiner Herrschaft lagen viel weiter zurück als jene des schottischen Königs.

Während Beathag die Tochter Duncans war, des Führers des MacIntosh-Hauptclans und der Chattan-Konföderation, so stammte Marsaili von dessen jüngeren Bruder Lachlann ab, der den Badenoch-Seitenzweig gegründet hatte.

Beathag schnaubte empört. »Verschachert ist wohl das richtige Wort dafür, auch wenn mein Vater das wohl nie zugeben würde. Mich stört außerdem, dass der Cameron alles bekommt, mich und Torcastle mit Lochaber. Aber was erhalten wir durch diesen Handel?«

»Frieden. Sollte es Alexander gelingen, mit dieser Verbindung die alte Fehde zu beenden, so stärkt er seine Truppen, weil sich die ihm ergebenen Clans nicht mehr gegenseitig umbringen, sei es auch nur für ein Jahr. Indirekt ist das alles auch gut für die Chattan-Konföderation.«

Beathag schluchzte. »Was interessieren mich diese komplizierten politischen Dinge!«

»Dann sieh es so: Es ist nur ein Handfasting, nichts wirklich Verbindliches. Solange du mit dem Cameron nicht das Lager teilst, wird keine Ehe daraus resultieren.«

Beathag hob empört ihre Nase, obwohl die Tränen noch immer flossen. »Als hätte ich vor, mich jemals von diesem abscheulichen Tier anfassen zu lassen.« Nacktes Grauen lag in ihrem Blick.

»In dieser Hinsicht hast du nichts zu befürchten, denn ich glaube kaum, dass er mit einer MacIntosh verheiratet sein will. Nach Ablauf des Jahres bist du frei.«

Beathag senkte den Kopf. »Irgendwie glaube ich nicht daran, dass es wirklich zu dem ersehnten Frieden kommen wird. Dazu gibt es zu viel Hass auf beiden Seiten und keiner wird auf das Land verzichten wollen, um das sie viele Jahrhunderte lang gekämpft und wofür ihre Ahnen ihr Blut gelassen haben.«

Da hatte Beathag leider recht. Es würde sehr schwer werden, Frieden zu erlangen.

»Ich verstehe, warum du so denkst«, sagte Marsaili.

Beathag glich inzwischen nur noch einem Häuflein Elend. Ihre Augen waren verquollen und ihre Frisur hatte sich vollkommen aufgelöst.

Ihre Zofe Afraic, ein siebzehnjähriges Waisenmädchen, das Beathags Vater vor Kurzem in seine Dienste genommen hatte, sah sie verschreckt an. »Der Tighearn der Camerons wird schon nicht so schlimm sein. Kopf hoch, A'Mhaighdeann Beathag.«

Beathag wischte sich über die Stirn, auf der sich ein paar Schweißtropfen gesammelt hatten. »Aber ich kann das nicht. Ich überstehe kein Jahr im Haus dieser Mörder, wo mich jeder hasst! Dafür bin ich einfach zu feinfühlig.«

Marsaili, die um den wankelmütigen Charakter ihrer Cousine wusste, machte sich ernsthaft Sorgen um den Ausgang dieser Angelegenheit. Obwohl Beathag einen Sommer mehr als sie zählte, war Marsaili immer deren Beschützerin gewesen, wenn andere Kinder sie ärgerten. Beathag war häufiger bei Marsaili in Gellovie in Badenoch gewesen und diese wiederum öfters im Stammsitz der MacIntoshs auf Moy Island. Aber so verstört wie heute hatte Marsaili ihre Cousine noch nie gesehen.

Beathags Blick, mit dem sie Marsaili taxierte, war plötzlich hart geworden. »Du wirst für mich gehen!«

Entsetzen durchfuhr Marsaili wie Eiswasser. »Aber warum denn?«

»Weil ich nur wegen dir hier bin. Ohne dich wäre ich längst mit dem MacDonald verheiratet.«

»Du kannst doch nicht deine Verlobung von vor einem Jahr meinen?«

Beathag nickte. »Genau die meine ich. Du trägst die Schuld, dass ich nicht mit ihm verheiratet bin und mich jetzt stattdessen mit diesem schrecklichen Cameron verloben muss. Hättest du dich ihm nicht an den Hals geworfen, wäre das alles nicht geschehen.«

Marsaili schnappte vor Empörung und Schock nach Luft. »Ich bin schuld? Dein damaliger Verlobter hat sich mir an den Hals geworfen, nicht umgekehrt.« Das war so ungerecht. Sie verspürte tiefe Enttäuschung.

»Aber du hast ihn geküsst!«

Marsaili starrte sie an. »Ich soll ihn geküsst haben? Das glaubst du doch selbst nicht. Er hat mich geküsst. Ich wollte das gar nicht. Oder denkst du wirklich, ich wollte dir deinen Verlobten wegnehmen?«

»Es ist eine Tatsache, dass ich die Verlobung mit ihm daraufhin gelöst habe. Ansonsten hätte ich ihn bloßgestellt und das wusste er, weswegen er seinen Vater ersucht hat. Offenbar hatten wir Glück, dass der alte Herr einsichtig war.«

Afraic starrte die beiden an. »Davon wusste ich ja gar nichts.«

Beathags Blick durchbohrte sie regelrecht. »Und du weißt auch jetzt nichts davon, wenn du weiterhin in meinen Diensten sein willst. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass diese Bestie mit mir Tisch und Bett teilen soll.« Sie zitterte noch immer.

Marsaili legte eine Hand auf den Arm ihrer Cousine, um diese zu beruhigen. »Er wird dich wohl kaum anrühren.«

»Ein Jahr bei diesen Wilden, diesen Barbaren. Allein der Gedanke daran ist unerträglich! Du wirst für mich gehen oder ich erzähle meinem Vater und Onkel Lachlann, was damals wirklich geschehen ist mit dem MacDonald und dass du die Schuld trägst an der Auflösung meiner Verlobung. Wer von beiden denkst du wird dich schlimmer bestrafen?«

Marsaili erschrak. »Aber du weißt so gut wie ich, dass es nicht von mir ausgegangen ist. Außerdem behauptete dein feiner Verlobter anschließend, uns verwechselt zu haben.«

»Uns verwechselt zu haben? Unser Kleidungsstil könnte nicht unterschiedlicher sein. Was ich gesehen habe, spricht seine eigene Sprache. Außerdem wird mein Vater mir Glauben schenken. Er führt die ganze Konföderation an. Man wird dich bestrafen. Womöglich musst du dann den Cameron heiraten und wärst für immer an ihn gebunden. Diese Farce von einer Verlobung würde doch sonst ohnehin nicht aufrecht erhalten. Wer kommt auf die Idee, sie auf ein Jahr und einen Tag zu begrenzen?«

Marsaili hob die Achseln. »Ich glaube, die Idee stammte entweder vom Cameron oder dem Triath nan Eilean.«

»Mir ist gleichgültig, welcher Schwachkopf dies ersonnen hat, aber ich werde auf keinen Fall darunter leiden, nicht, wenn ich es verhindern kann.«

»Aber mich schickst du dorthin?«

Beathag sah sie berechnend an, obwohl sie noch immer erschüttert wirkte. »Wie ich bereits sagte, wäre ich jetzt normalerweise mit dem MacDonald verheiratet.«

»Du wolltest ihn doch gar nicht! Das hast du mir damals selbst gesagt. Dass er hinter mir her war und mich gegen meinen Willen geküsst hat, kam dir doch äußerst gelegen, um ihn zu zwingen, die Verlobung zu lösen.«

Beathag hob die Achseln. »Das mag sein, doch mein Vater war damals ziemlich wütend. Wenn ich ihm sage, dass du die Schuld daran trägst, möchte ich nicht in deiner Haut stecken.«

Marsaili schluckte. »Du würdest das also wirklich tun?«

Ihre Cousine nickte. »Ja, so verzweifelt bin ich. Du verstehst mich nicht. Ich habe Angst wie nie zuvor in meinem Leben. Eher bringe ich mich um, als dass ich mich in die Hände dieses abscheulichen Ungeheuers begebe!«

»Denkst du wirklich, unsere Eltern würden auf solch einen Tausch hereinfallen?«

Beathag hob die Achseln. »Sie sind früher schon darauf hereingefallen, als wir Kinder waren. Außerdem werden sie Stillschweigen bewahren in Anbetracht möglicher Konsequenzen für sich selbst. Deine Eltern beachten dich ohnehin kaum und meine Eltern bekommen dich nicht mehr zu sehen oder denkst du, sie besuchen die Camerons? Die haben sich ja sogar geweigert, an dem Handfasting teilzunehmen. Ich muss sagen, ich bin darüber zutiefst erschüttert und enttäuscht, denn das wäre das Mindeste gewesen, was sie für mich tun hätten können, wenn sie mich schon in diesen Höllenpfuhl schicken.«

Marsaili nickte. »Das finde ich allerdings auch. Aber was ist, wenn der Cameron daraus eine richtige Ehe machen will?«

»Darüber würde ich mir nicht den Kopf zerbrechen. Soweit ich gehört habe, will der kein Weib mehr seit dem Tod seiner ersten Frau.«

Marsaili sah sie erstaunt an. »Er war schon mal verheiratet?«

Beathag nickte. »Ich glaube etwa um 1482 hat er ein MacDonald-Mädchen geheiratet. Sie starb leider jung. Die genauen Umstände weiß ich nicht, aber man munkelt, er soll sie getötet haben. Das habe ich von Reisenden gehört.«

»Wie entsetzlich. Aber warum sollte er so etwas tun?« Marsaili schlug sich erschrocken eine Hand vor den Mund.

Beathag sah sie ratlos an. »Ich weiß es nicht. Wir sollten unsere Gewänder tauschen, bevor Forveleth aufwacht oder die Camerons kommen. Zwar sind wir etwas früher dran als vorgesehen, doch man weiß ja nie. Außerdem könnte jederzeit auch jemand von den anderen Clans in der Nähe herumschleichen.«

Schließlich trafen hier die Gebiete von vier Clans aufeinander. Es war vereinbart, dass die MacIntoshs Beathag bis zur Grenze brachten, wo sie von den Camerons abgeholt werden sollte. Dass Beathags Vater sie nicht begleiten konnte, schien sich jetzt als Glücksfall zu erweisen. Außerdem bestand so nicht die Gefahr, dass er und der Cameron-Chieftain sich gegenseitig die Hälse umdrehten.

»Nicht nur du bringst ein Opfer, liebe Cousine, sondern auch ich, wenn ich mich in diese primitive Gewandung zwänge. Wie höchst unschmeichelhaft sie doch ist.« Beathag bedachte Marsailis Kleidung mit einem Blick, der ihre Geringschätzung offenbarte. Wie in den Highlands üblich, handelte es sich um die Léine, das lange, gegürtete Hemd, über das sie bei kühlerer Witterung ein dunkelgrünes Plaid trug, das sie jedoch im Wagen abgelegt hatte, da der Tag unerwartet warm geworden war.

In der Tat war Beathags Kleid nicht nur prachtvoller als das ihrer Cousine, was ihren Status als die Tochter des Chieftains unterstrich, sondern auch an der englischen Mode orientiert, wie es in den von der Lowlandkultur geprägten Städten üblich war. Es sah Beathag ähnlich, selbst auf einer Reise etwas derart Unpraktisches anzuziehen. Davon abgesehen gefiel Marsaili die aufdringliche ockergelbe Farbe des Gewandes nicht.

»Warum willst du das nicht anziehen? Es ist aus bestem Stoff«, fragte Marsaili.

»Es ist ja so … highlandisch! Und ich sagte nicht, dass ich es nicht anziehen werde. Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben.« Beathags Stimme klang abfällig.

Marsaili sah sie verständnislos an. »Ja und? Wie sollte es denn sonst sein? Wir sind ja schließlich Highlander.« Ihrer Meinung nach sollte man seine Herkunft nicht verleugnen.

Beathag blickte die Kleidung entsetzt an. »Aber das ist ja so altmodisch. Jede gemeine Ziegen-Bäuerin läuft so herum. Ich bevorzuge die weitaus elegantere englische Mode.«

»Warum sind deine Eltern eigentlich nicht mitgekommen?«, fragte Marsaili, um vom leidigen Thema der Kleider abzulenken.

Beathag seufzte theatralisch. »Mutter ist mal wieder krank und mein Vater will aus Sorge um sie bei ihr bleiben. Aber dabei handelt es sich gewiss nur um Ausreden. Die würden sich lieber eine Hand abhacken, als sich unter Camerons zu begeben, was ich gut verstehen kann. Unter normalen Umständen hätte das Handfasting bei uns auf Moy Castle stattfinden müssen. Aber der Triath nan Eilean bestand darauf, dass wir zuerst ins Cameron-Land reisen sollen, wozu auch immer das gut sein soll.«

Marsaili hob die Achseln. »Ich weiß es auch nicht, aber der Triath nan Eilean dürfte sich etwas dabei gedacht haben, wie bei allen seinen Entscheidungen. Dir ist aber schon bewusst, dass weitaus mehr auf dem Spiel steht als ein abgelegter MacDonald-Verlober, wenn diese Sache auffliegt?« Im schlimmsten Fall konnte es zu Krieg führen.

Beathag blinzelte. »Ja, das ist mir völlig bewusst.«

»Dann ist alles gesagt worden. Schreiten wir zur Tat.«

Ihre Cousine nickte. »Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Forveleth wird uns leider keine Hilfe sein, aber wir schaffen es auch so.« Beathag warf einen Seitenblick auf ihre alte Amme, die immer noch schlief. Letztere würde, genau wie Afraic, schon aus eigenem Interesse ihren Mund halten, da sie nirgendwo eine andere Stellung finden würde und zudem Beathag treu ergeben war. Von den anderen MacIntoshs kam keiner mit aufs Cameron-Land. Der Plan war also todsicher.

Zusammen mit Afraic verließen sie den Wagen, gaben den Clanmitgliedern den Befehl zu warten und verschwanden rasch hinter ein paar Büschen in einiger Entfernung. Schließlich sollte keiner der Männer, die sie begleiteten, etwas von ihrem Täuschungsmanöver mitbekommen. Nicht dass noch einer sie an Beathags Vater verriet. Marsaili wählte den linken Busch in der Nähe des Baches, während ihre Cousine sich einem weiter entfernten näherte.

Die leuchtend violetten Blüten der Primeln, die Speerdisteln und die zweiköpfigen, zartrosa Moosglöckchen wiegten sich im Spätsommerwind. Pinien und Silberbirken wuchsen, gesäumt von duftendem Heidekraut, am Ufer des gewundenen Baches. Marsaili gönnte sich ein wenig Zeit, die frische Luft und den festen Boden unter ihren Füßen zu genießen. Lange genug hatte sie im rumpelnden Wagen gesessen. Sie zog sich bis aufs Unterkleid aus und hängte das Gewand über einen Strauch.

Afraic kam vorbei, um Beathags gelbes Kleid über einen der Büsche zu hängen und Marsailis Kleidung mitzunehmen. Das grelle Gelb des Kleides stach Marsaili regelrecht in die Augen. Schaudernd wandte sie den Blick ab. Beathags Geschmack und ihrer hätten nicht unterschiedlicher sein können. Aber da musste sie jetzt durch. Vielleicht befanden sich in den Kleidern, die nachgeschickt werden sollten, ein paar dezentere oder sie kleidete sich wieder wie früher. Damit sollte sie durchkommen, denn schließlich kannten die Camerons weder ihre Cousine noch sie.

Marsaili beugte sich über den Bach, um etwas zu trinken und ihr erhitztes Gesicht zu kühlen, da sah sie aus den Augenwinkeln, wie aus dem Gebüsch ein Schatten direkt auf sie zuhielt. Sie glaubte, in einiger Entfernung Schreie und Hufgetrappel zu vernehmen. Als sie vor dem Ungetüm zurückweichen wollte, stürzte sie ins Wasser. Kühle Nässe hüllte sie schlagartig ein. Prustend und frierend tauchte sie wieder auf.

Ein zotteliges Wesen hetzte dicht an ihr vorüber und nahm dann Beathags Kleid auf die Hörner. Nicht, dass es sonderlich schade um diesen schrecklichen Fetzen gewesen wäre, doch hatte sie bedauerlicherweise keine Ersatzkleidung in der Nähe. Daher sprang sie triefend aus dem Wasser und hetzte dem wilden Ziegenbock hinterher, der sichtlich verstört versuchte, das mit ihren Hörnern verhakte Gewand abzuwerfen, was ihm allerdings nicht gelang.

Marsaili hoffte, das Tier rechtzeitig fangen zu können, bevor das Kleid zerstört war. Der Ziegenbock hatte noch nicht viel Vorsprung. Sie konnte ihn zwischen den Büschen gut erkennen. Bald erreichte sie die Ebene. Sie rannte noch schneller. Bald würde sie es schaffen und das Tier einholen. Marsaili holte auf, doch plötzlich schlug der Bock vor Schreck einen Haken und stürmte in eine andere Richtung davon.

Dann sah sie, was das Tier so verstört hatte. Ein unbekannter, bedrohlich aussehender Reiter hielt direkt auf sie zu. Marsaili erschrak. Auch das noch! Hoffentlich war das kein Dieb oder Wegelagerer. Manche verlangten auch Lösegelder. Zitternd verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Sein etwa schulterlanges, schwarzbraunes Haar wehte im Spätsommerwind. Auf jeden Fall sah er atemberaubend aus: groß, breitschultrig mit leicht kantigen Gesichtszügen, geheimnisvollen, dunklen Augen und einem sinnlichen Mund. Er war eindeutig ein Krieger mit seiner typischen Highlandkleidung: der fast knielangen Léine und den langen Beinkleidern, die man Triubhas nannte. Sein braunes Plaid hatte er als Umhang mit einer Hornfibel vor der Brust befestigt.

Auf dem Rücken trug er eines dieser neuen Zweihandschwerter, von denen sie durch den Schmied erfahren hatte, mit dem ihr Bruder befreundet war. Das Claidheamh Mòr war etwa um 1490 von den Gallóglaigh-Söldnern erschaffen worden, welche die Klingen aus Solingen importierten.

Sowohl unter der Triubhas als auch der Léine zeichneten sich deutlich seine Muskeln ab. Seine Bewegungen waren geschmeidig, kraftvoll und fließend. Er war ein fantastischer Reiter. Beinahe schien es, als wäre er mit dem Tier unter sich verwachsen, so gut interagierten sie. Doch am faszinierendsten war der Mann selbst. Jede seiner Bewegungen war planvoll, keine unnütz. Er war ein Krieger mit jeder Faser seines Leibes. Marsaili konnte kaum die Augen von ihm abwenden, obwohl sie damit rechnen musste, einen Feind vor sich zu haben.

Mühsam riss sie sich von seinem Anblick los, denn die Ziege rannte inzwischen mit ihrem Kleid davon, während sie selbst nur äußerst knapp bekleidet war. Wie hatte sie das, wenn auch nur kurzfristig, vergessen können? Diese Erkenntnis ließ sie erröten.

»Mein Kleid!«, schrie sie. »Es läuft davon!« Sogleich wollte sie dem Tier erneut hinterherhetzen.

Der Mann lachte. »Keine Angst, ich fange es für Euch ein.« Mit im Winde wehendem Haar ritt er davon. Sie konnte sich kaum sattsehen an ihm, so fasziniert war sie von dem geschmeidigen Spiel seiner Muskeln, die an den Armen, aber auch unter dem Stoff der Léine mehr als zu erahnen waren.

Bald überholte er den Ziegenbock, trieb ihn in die Enge und wollte das scheußliche gelbe Gewand an sich bringen. Er hatte es gerade von den Hörnern befreit, da schnappte der Ziegenbock danach und biss ein Stück aus dem Kleid. Das Geräusch zerreißenden Stoffes erklang. Genüsslich kaute das Tier darauf herum. Den Rest davon hielt der Mann in den Händen und ritt damit, es wie eine Trophäe haltend, auf Marsaili zu. Diese wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, weil es ihr so absurd vorkam.

Er sah aus wie der dunkle Ritter ihrer Träume, der Mann, den sie sich immer vorgestellt hatte, einst zu heiraten. Doch natürlich konnte das Aussehen täuschen.

Das war keiner der Männer ihres Onkels. Vermutlich handelte es sich um einen der Macphersons, der Mèinnears, der MacDonalds von Keppoch oder gar einen der Camerons. Dann wäre dieser aber deutlich zu früh dran. Soweit sie wusste, waren die vom Clan Mèinnear hier recht aktiv. Das teure Schwert wies ihn als einen Krieger, möglicherweise einen Söldner, aus. Er konnte allerdings auch ein Clanloser sein oder ein Viehdieb. Es galt, vorsichtig zu sein. Andererseits würde sie ihm zu Fuß ohnehin nicht entkommen können.

Ein Windstoß ließ sie erschaudern und rief ihr in Erinnerung, dass sie nur die dünne, noch dazu nasse Léine trug. Glücklicherweise verbargen ihre verschränkten Arme doch einiges.

Der fremde Mann musterte Marsaili. Unter seinem durchdringenden Blick war sie versucht, wieder zurück ins Wasser zu springen. Andererseits hatte auch sie dadurch die Gelegenheit, ihn aus der Nähe zu betrachten. Er sah noch besser aus als von Weitem. Seine Augen waren tatsächlich von einem wunderschönen Braunton, die Nase schmal, etwas zu groß, doch sehr gerade und das Kinn leicht kantig. Ihn umgab etwas Herrisches. Jedoch wirkte er zugleich amüsiert.

»Ich befürchte, bei Hofe solltet ihr dieses Gewand nicht mehr tragen.« Mit diesen Worten überreichte er es ihr.

»Wohl kaum.« Sie presste es vor sich an ihren Leib.

Er betrachtete das Teil, als würde er sein Dahinscheiden nicht wirklich bedauern. »Andererseits sollte solch ein Gewand, selbst wenn es unversehrt wäre, nicht mal ein Ziegenbock tragen.«

Marsaili sah rot. Zwar hatte er recht, was das Kleid betraf, aber so benahm man sich einfach nicht. »Es gibt keinen Grund für solche Rüpelmanieren. Aus welchem Kaff hat man Euch denn rausgeworfen?«, sagte sie in jenem arroganten Tonfall, den sie häufiger bei ihrer Cousine gehört hatte. Schließlich musste sie sich in ihrer falschen Identität bewähren. Allzu viel vorspielen musste sie in diesem Fall nicht, denn sie war wirklich wütend.

»Aus gar keinem Dorf, sondern aus Eilan nan Craobh.«

Marsailis wurde nervös. Eilean nan Craobh war die Insel im Loch Eil, auf der sich der Hauptsitz der Camerons befand.

»Ihr seid also einer der Camerons oder von einem der mit ihnen verbundenen Clans?« Letztere trieben sich auch häufig auf dem Stammsitz des Mutterclans herum.

Er sah sie eindringlich, jedoch nicht besonders freundlich an. »Natürlich bin ich ein Cameron!«

Sie schluckte. Als Gefolgsmann ihres zukünftigen Verlobten würde sie ihn womöglich häufiger zu Gesicht bekommen. Ob alle Camerons solche Rüpel waren? Und sahen sie alle so unverschämt gut aus? Dann hatte sie wohl wirklich mehr Probleme, als sie dachte. Ihr baldiger Verlobter war vermutlich auch nicht weit. Sie hasste es, in diesem Aufzug vor ihn treten zu müssen.

»Du solltest zurück zum Wagen gehen. Deine Leute wurden angegriffen, während du deiner Schönheitspflege nachgingst.« Ein leiser Tadel lag in seinen Worten.

»Angegriffen?« Also hatte sie sich nicht geirrt, als sie geglaubt hatte, Schreie vernommen zu haben.

Der Cameron nickte. »Ja, aber die Identität der Angreifer haben wir leider nicht herausfinden können, da uns alle entkommen konnten. Deine Gefolgsleute brechen übrigens auf.«

»Was?« Marsaili starrte entsetzt in Richtung der Reisegesellschaft. Ihre Cousine und die Clanmitglieder ihres Onkels zogen sich tatsächlich bereits wieder in das Macpherson-Land zurück. Beathag hätte sich wenigstens von ihr verabschieden können.

Nur die desorientiert aussehende Forveleth, Beathags alte, whiskysüchtige Amme, irrte umher, offenbar noch umnebelt vom Schlaf oder dem gestrigen Trinkgelage. Marsaili fluchte leise. Sie musste unbedingt zu ihr, um Schlimmeres zu verhindern. Schließlich wusste die alte Frau noch nichts von dem Vertauschspiel.

»Ihr seid also Beathag?«, fragte der Cameron-Rüpel.

Verwirrt sah sie ihn an. »Ja, die bin ich. Nun bringt mich zu Eurem Anführer, wenn er schon nicht den Anstand besitzt, mich persönlich zu begrüßen.«

»Ich selbst bin der Tighearn.«

Sie starrte ihn überrascht an. Handelte es sich bei diesem Mann tatsächlich um Ewen, dem dreizehnten Chief und dem Ersten, welcher den Titel ›Lochiel‹ trug? Dann stimmte es also, was man über die Camerons sagte. Sie waren Barbaren! Er besaß einen Ruf als ruchloser Krieger.

Er sah sie aus zu Schlitzen verengten Augen an. »Ihr seid also tatsächlich, wie man Euch mir beschrieben hat.«

»So, was sagt man mir denn nach?« Warum musste der Mann so viel reden, wenn sie doch zu Forveleth wollte?

»Dass Ihr verwöhnt und verzogen seid.« Enttäuschung schien in seinen Worten mitzuklingen.

»Plappert Ihr immer alle Gerüchte nach oder bildet Ihr Euch auch dann und wann mal eine eigene Meinung?«, fragte sie in bewusst unverschämtem Tonfall. Von niemandem würde sie sich unterkriegen lassen.

Eine pochende Ader an seiner Schläfe verriet seinen Zorn, doch er hatte sich erstaunlich gut unter Kontrolle. »Habt Acht, Weib, und kommt zum Wagen.« Mit diesen Worten wandte er sich von ihr ab und preschte mit dem Pferd davon. Blitzschnell zog er das Claidheamh Mòr vom Rücken und holte damit aus. Ein Mann war aus dem Gebüsch ausgebrochen. Bevor er einen der abreisenden MacIntoshs erreichen konnte, traf Ewen ihn am Hals. Der Fremde brach augenblicklich zusammen. Dieser hatte es eindeutig auf die MacIntoshs abgesehen gehabt.

Die blasse Forveleth kam auf Marsaili zu. »Da bist du ja.« Die alte Amme sah dem Cameron-Chieftain misstrauisch nach, wie er in Richtung des Wagens stapfte. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde. Aber wir können froh sein, dass die Camerons früher gekommen sind. Hier im Grenzland scheint sich allerhand Gesindel herumzutreiben, wovon wir nichts wussten. Alexander hätte uns warnen können, aber wahrscheinlich wusste er es selbst nicht.«

»Ich vermute, das waren Clanlose oder irgendwelche Viehdiebe.«

Forveleth nickte und verzog gleich darauf das Gesicht. Offenbar hatte sie Kopfschmerzen. »Ja, das ist anzunehmen.«

»Es ist ja noch mal alles gut gegangen.«

Forveleth schüttelte den Kopf. »Freu dich nicht zu früh, noch ist es nicht ausgestanden. Beathag hat mich instruiert und bedroht, damit ich bei diesem Betrug mitmache. Natürlich halte ich mich da raus und sage zu niemandem etwas, aber ich kann diese Sache trotzdem nicht gutheißen. Du musst des Wahnsinns sein, dich auf so etwas einzulassen. Was hast du denn davon?«

»Die Frage ist wohl eher, was Beathag gemacht hätte im Falle meiner Weigerung.«

Forveleth nickte, ihr Blick fiel zu dem Kutscher, der ihnen Handzeichen gab. »Aha, dich hat sie also auch erpresst. Beil dich. Sie wollen gleich los.« Forveleth ging zum Wagen.

Rasch verschwand Marsaili hinter einem Busch, um das von der Ziege angefressene Kleid anzuziehen. Ganz sicher würde sie nicht nur mit dem feuchten Hemd bekleidet vor den Camerons umherspazieren. Da trug sie lieber diesen scheußlichen Fetzen.

Sie eilte zu dem von den Camerons bereitgestellten Wagen, vor dem vier Pferde gespannt waren. Afraic und Forveleth saßen bereits darin. Die MacIntoshs hatten ihren eigenen Wagen natürlich wieder mitgenommen.

Forveleth starrte sie mürrisch an. »Da bist du ja endlich.«

Afraic riss die Augen auf, als sie Marsaili erblickte. »Was ist mit Eurem Kleid passiert? Das sah doch noch nicht so aus, als ich es Euch gebracht habe.«

»Ein Ziegenbock hat es angefressen.«

Afraic starrte sie mit offenem Mund an. »Ein Ziegenbock?«

»Frag lieber nicht nach den Einzelheiten.« Marsaili blickte in die Ferne. Dort sah sie diesen Barbaren Ewen Cameron, ihren zukünftigen Verlobten. Zusammen mit ein paar anderen ritt er dem Wagen voraus, ohne sich nach ihnen umzuwenden. Sie musste zugeben, dass er umwerfend attraktiv aussah. Wäre sie von seiner maskulinen Ausstrahlung nicht so abgelenkt gewesen, hätte sie seinen Rang allein an seiner Haltung erkennen können. Durch nichts davon würde sie sich mehr beeindrucken lassen. Schließlich sagte das alles keineswegs etwas über seinen Charakter aus, auf den es letztendlich ankam. Seinen Manieren nach zu urteilen, könnte er wirklich so sein, wie ihre Cousine ihn beschrieben hatte. Falls dies der Fall sein sollte, dann gnade ihr Gott.

»Es ist einfach ein Skandal!«, sagte Forveleth nach einigen Stunden Fahrt, während der sie sich ständig beschwert hatte.

Marsaili gähnte. »Was soll ein Skandal sein?«

»Sie wollen ausgerechnet in Torcastle übernachten.«

Sie starrte die alte Amme entgeistert an. »Das kann nicht sein.« Die waren ja alle verrückt geworden, ausgerechnet diesen Ort dazu auszuwählen.

Diese zupfte ein Härchen aus ihrem faltigen Gesicht. »Leider doch. Ich frage mich wirklich, was sich der Triath nan Eilean dabei gedacht hat. Erst verlangt er das Handfasting, dann will er dem Cameron eine offizielle Urkunde über Torcastle geben, noch bevor das Jahr vergangen ist. Ich bin zwar nur eine einfache, alte, unwissende Frau, aber das hier ist ein politischer Fehler.«

»Ist der Triath nan Eilean nicht der Schwager des Cameron-Tighearns?«, fragte Afraic.

Forveleth sah die Zofe erstaunt an. »Woher weißt du das?«

»Manche schenken Bediensteten keine Beachtung. Daher können wir viel hören, was anderen entgeht.«

Forveleth nickte. »Das könnte es sein. Der Triath nan Eilean gewährt dem Cameron-Chieftain seine Gunst zulasten der MacIntoshs! Sein Onkel Iain hat uns das Land doch schon übergeben, auch wenn der schottische König ihn später zugunsten von Aonghas Óg entmachtet hat.«

Marsaili sah die alte Frau nachdenklich an. »Ja, aber du vergisst, dass Iain uns niemals ein offizielles Dokument darüber gegeben hat und es inzwischen auch nicht mehr bestätigt. Der Vertrag mit dem englischen König war wohl nicht sein einziger Verrat an uns. Wir sind aber Alexander weiterhin treu ergeben, denn mit Aufwiegelei kommen wir nicht weiter. Es hat schon genügend Blutvergießen zwischen den Clans gegeben. Vielleicht geht es ihm ja wirklich darum, endlich Frieden zu schließen. Man muss nicht immer nur das Schlechteste denken. Dass er des Camerons Schwager ist, muss nicht viel bedeuten. Es ist ohnehin fast jeder in den Highlands auf irgendeine Weise mit dem MacDonald verwandt.«

Forveleth knirschte mit den gelblichen Zähnen. »Sicher geht es ihm darum, doch wird das nicht gelingen, wenn die Last zu einseitig verteilt wird. Das gibt wieder neuen Unfrieden. Manche sind nur auf Fehden aus. Und gerade du brauchst darüber gar nichts zu sagen, da du sowohl den Cameron-Tighearn als auch deinen Onkel betrügst, von dem Ärger, den dein Vater bekommen könnte, sollten die Camerons herausfinden, wer du wirklich bist, ganz zu schweigen. Diesen Betrug würden die Camerons bitterlich rächen!«

Afraic legte einen Finger auf ihre Lippen. »Sprich leiser!«

»Aber Beathag …«, begann Marsaili, doch Forveleth unterbrach sie mit einer herrischen Geste ihrer Hand.

»Ich kenne Beathag wahrlich lange genug. Dieses verwöhnte Kind hat dich manipuliert und wir drei hängen hier jetzt in dem Mist, den sie uns geschaufelt hat.« Forveleth seufzte. »Schauen wir, dass wir so gut wie möglich wieder hier herauskommen. Wenn der Cameron-Tighearn hinter den Betrug kommt, wird das sehr unangenehm für uns alle werden. Wahrscheinlich steckt er auf Eilean nan Craobh unsere Köpfe auf Pfähle, um damit seine Feinde abzuschrecken.«

Marsaili lief ein kalter Schauder über den Rücken. »Du verstehst es wirklich, mich aufzuheitern.«

Das war also das berüchtigte Torcastle, der Gegenstand der jahrhundertealten Fehde. Marsaili erblickte die Burg zum ersten Mal, für die so viele Menschen gestorben waren. Das eindrucksvolle, wenn auch renovierungsbedürftige Gebäude befand sich neben den Überresten eines urzeitlichen Forts innerhalb einer Biegung des Flusses Lochy.

Seit dem elften Jahrhundert war dies der Stammsitz der Chattan-Konföderation gewesen. Als jedoch der damalige Chieftain Angus MacIntosh aufgrund der Verfolgung durch Aonghas Óg gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts aus Lochaber hatte fliehen müssen, konfiszierten die Camerons während seiner Abwesenheit das Land. Nach Meinung der Camerons seien das Gebiet und die Burg verlassen gewesen und die Übernahme daher rechtens.

Forveleths Blick war voller Missbilligung. »Die haben das ganz schön verkommen lassen!«

Afraic legte beruhigend eine Hand auf den Arm der alten Frau. »Sei still, sonst schneiden dir die Camerons die Zunge raus.«

Forveleth reckte das Kinn vor. »Ich werde mir auch von den Camerons nicht den Mund verbieten lassen!«

Afraic schluckte. »Also, ich habe nichts dagegen, zu schweigen und dafür meine Zunge und mein Leben noch etwas länger zu behalten. Warst du es nicht, die gesagt hat, sie würden unsere Köpfe auf Pfähle spießen?«

Marsaili sah beide tadelnd an. »Beruhigt euch doch. Es ist besser, wir vermeiden es, die Camerons zu sehr zu verärgern.« Wie gut, dass sie Ewen gleich beim ersten Aufeinandertreffen beleidigt hatte … Eine bessere Einführung in den Clan Cameron hätte sie nicht haben können.

Forveleth zeigte mit einem dürren Finger auf das Gebäude. »Eigentlich gehört diese Ruine abgerissen und neu gebaut. Das, was meine trüben Augen hier erblicken müssen, ist wirklich eine Schande!«

Marsaili seufzte. »Naja, ich bin auch nicht gerade von der Schönheit geblendet, aber es wird schon nicht hineinregnen. Das ist immer noch besser, als im Freien zu übernachten, wenn das Wetter umschlägt. Mit ein paar Reparaturarbeiten dürfte aus der Burg ein Schmuckstück werden.«

Tatsächlich sahen weder die Überreste des Forts noch die Burg besonders einladend oder wohnlich aus. Düster erhob sich der Burgturm in den grauen Himmel, der Regen verhieß. Dennoch konnte sie unter dem äußeren Verfall die Schönheit des Gebäudes erkennen. Seit Alasdair Carragh es erbauen hat lassen, schien man nicht mehr viel renoviert zu haben, was gewiss auch an den ständigen Fehden lag.

Von der Aussicht auf den Fluss Lochy und den Ben Nevis konnte man aufgrund der hereinbrechenden Dämmerung nur wenig ausmachen. Da sich dunkle Wolken zusammenballten und der Wind zunahm, war Marsaili froh, heute Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Ihr Wagen hielt an. Am Eingang sah sie einige Menschen, die sie bereits erwarteten.

»Bestimmt gibt es hier Ratten, Motten, Flöhe und anderes Ungeziefer.« Forveleth schüttelte sich.

Marsaili fand die Äußerung unangebracht. »Na, so betrunken, wie du immer bist, merkst du das sowieso nicht. Die Camerons sollen ein gutes Ale brauen.«

Die Amme sah Marsaili missbilligend an. »Komm du nur mal in mein Alter, Kindchen. Da tut dir jeden Tag was anderes weh und du bist froh, wenn Ale, Mead, Wein oder Whisky dich für einige Stunden davon erlösen.«

Mead, dem schottischen Met, war Marsaili ebenfalls zugetan. Allerdings genoss sie ihn lieber, anstatt sich zu betrinken.

»Auf Torcastle ist es bestimmt zugig, kalt und feucht. Meine armen Knochen knirschen schon allein bei dem Gedanken, hier übernachten zu müssen. Außerdem gibt es in der Nähe einen Geisterweg, der mitten im Wald anfängt und ebenso wieder aufhört. Er führt also vom Nirgendwo ins Nirgendwo. Ein Geist soll dort wandeln.«

Marsaili sah sie neugierig an. »Und wer spukt dort?«

Forveleth hob die mageren Schultern. »Was weiß ich. Vermutlich einer eurer Urahnen, sicher der alte Tighearn Angus MacIntosh oder seine Frau Eubha, die keine Ruhe finden, weil die Camerons ihr Land gestohlen haben.«

Marsaili nickte. »Hätten sie damals nicht fliehen müssen, wäre das alles nicht passiert. Dann befänden sich die Burg und das Land noch immer in unserem rechtmäßigen Besitz. Doch was war der Auslöser für die Flucht?«

Forveleth kratzte sich am Kinn. »Wir, ebenso wie die Camerons, standen auf der Seite von Robert the Bruce, während Aonghas Óg, der damalige Triath nan Eilean, dessen Rivalen Balliol unterstützt hatte. Unsere Vorfahren hielten the Bruce für den rechtmäßigen Thronerben, was uns die Feindschaft von Aonghas Óg einbrachte. Er war ein mächtiger Gegner, doch das wäre the Bruce auch gewesen. Im Grunde stehen wir in Lochaber immer zwischen den Fronten, doch werden wir unser Land niemals aufgeben. Es gibt kein schöneres Fleckchen Erde!«

Marsaili sah die Alte nachdenklich an. »Angus MacIntoshs Geist wird uns doch sicher nichts tun, sondern eher den Camerons? Also haben wir nichts zu befürchten.«

»Das ist nur eine Vermutung, Kindchen. Man weiß nicht, wer wirklich hier spukt.«

»Nenn mich nicht immer Kindchen, denn das bin ich schon lange nicht mehr.«

»Wie du meinst. Ich weiß nicht, wie es dir ergeht, aber ich sehne mich nach einem kräftigen Ale. Lassen wir die Leute nicht länger warten.« Forveleth raffte ihr Gewand vorne zusammen und sprang aus dem Wagen.

Afraic folgte ihr deutlich zaghafter. »Ich werde mich ums Gepäck kümmern.«

Marsaili nickte. »Tu das, doch ich brauche nicht viel.«

Afraic lächelte. »Viel haben wir ohnehin nicht dabei. Das meiste wird nachgeschickt. Der Aufbruch war wohl etwas überstürzt.«

Einer von Ewens Männern trat zu ihnen. An seiner hochgewachsenen Statur und dem blonden Haar erkannte Marsaili, dass manche seiner Ahnen vermutlich aus dem hohen Norden stammten. Zu früheren Zeiten waren Wikinger an den Ost- und Westküsten Schottlands eingefallen. Einige der dortigen Clans zählten sie zu ihren Vorfahren.

»Ceud Mìle Fàilte«, sprach der Mann den gälischen Willkommensgruß aus. »Ich bin Padrai, ein Freund des Tighearns, und das hier ist Sèumas.« Er deutete auf einen alten, grauhaarigen, kleinen Mann, der grinsend angelaufen kam.

Sèumas rieb sich die faltigen Hände. »Der Tighearn hat uns angewiesen, Euch Eure Räume zuzuweisen. Ich werde ein Abendessen zubereiten lassen. Das Handfasting kann morgen früh durchgeführt werden.«

»Morgen früh schon und hier?« Die Worte waren Marsailis Lippen entwichen, bevor sie sie zurückhalten konnte. Sie hatte gedacht, noch etwas Zeit zu haben. Hoffentlich fasste man ihre Worte nicht als Unhöflichkeit auf.

Sèumas nickte. »So ist es.«

Padrai sah sie nachdenklich an. »Der Triath nan Eilean dachte, es wäre von großer Symbolkraft, wenn es gerade hier stattfinden würde. Offenbar ist er zuversichtlich, dass aus dem Handfasting eine dauerhafte Verbindung wird. Wenn ich mir Euch so ansehe, halte ich das für durchaus wahrscheinlich. Die Gerüchte über Eure Lieblichkeit erweisen sich als wahr.«

Sie wusste genau, was seine Worte implizierten. Unwillkürlich errötete sie. Ein Handfasting entsprach einer Verlobung, ging aber nahtlos in eine richtige Ehe über, sobald Ewen und sie diese körperlich vollzogen. Erhoffte Padrai sich wirklich eine dauerhafte Bindung seines Lairds mit einer MacIntosh, noch dazu der Tochter seines Erzfeindes? Sie konnte es kaum glauben. Allerdings war es gut möglich, dass er der ständigen Kämpfe überdrüssig war.

Padrai grinste. »So schwer wird es für Euch wohl nicht sein. Ewen ist erfahren im Bett und auch sonst ein guter Mann, humorvoll, friedlich und loyal zu seinen Freunden. Er wird Euch in jeder Hinsicht zufriedenstellen.«

Humorvoll und friedlich? Da erfuhr sie ja etwas ganz Neues über ihn. »Ihr wollt doch nicht wirklich eine Verbindung Eures Chieftains mit der Tochter seines größten Feindes?«

»Der Triath nan Eilean erwartet von euch beiden, es wirklich ernsthaft miteinander zu versuchen. Oder denkt Ihr, er hätte dem sonst so leichtfertig zugestimmt, obgleich er ursprünglich eine christliche Ehe zwischen Euch beabsichtigte?«

»Und warum ist die nicht vorgesehen?« Sie begab sich auf dünnes Eis, das wusste sie.

»Der Chieftain ist kein gläubiger Katholik. Die alten Gebräuche bedeuten ihm viel mehr. Doch wollte er sich in keiner Weise an eine Fremde binden. Er hatte nie vor, nochmals zu heiraten. Nehmt das bitte nicht persönlich. Er hat schlechte Erfahrungen gemacht.«

»Mit seiner ersten Frau?«

»Ich will keine Gerüchte nähren und er hat sich darüber sehr bedeckt gehalten, doch schien seine damalige Ehe nicht das zu sein, was man sich als Mann erträumt. Ich bitte Euch nur, dem Anliegen des Eilean nan Triath den nötigen Respekt zu zollen. Zieht eine dauerhafte Bindung ernsthaft in Erwägung.«

Marsaili schluckte. Das lief alles nicht so wie geplant. »Ich befürchte, den Triath nan Eilean enttäuschen zu müssen. Gewiss plant keiner von uns eine dauerhafte Verbindung. Wenn der schottische König dahinter kommt, könnte er das als Verrat auffassen.«

Das war noch gelinde ausgedrückt. Im Grunde war es Verrat. Sie befanden sich wieder mal zwischen den Fronten. Bislang hatte James IV. sich kaum in die hiesige Heiratspolitik eingemischt, doch was nicht war, konnte noch kommen. Jedenfalls war sie sich sicher, dass er etwas plante, da er mit seinen bisherigen Plänen in den Highlands nicht weiterkam, aber seine Anstrengungen erhöhte.

Padrai nickte. »Das ist mir bewusst, aber unterschätzt auch Alexander von Lochalsh nicht. Er soll einen Spitzel in unseren Clan eingeschleust haben, der die Umsetzung seiner Pläne überwacht.«

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. »Oh nein!«

Padrai lachte. »Habt keine Angst, er wird sich schon nicht in Eurem Gemach verstecken, um Zeuge gewisser Dinge zu werden.«

»Das hoffe ich.« Mittlerweile würde sie sich über nichts mehr wundern … In welchen Albtraum war sie hier nur hineingeraten?

Sèumas erhob sich. »Leider konnten Ewens Mutter und seine Kinder nicht anreisen, aber Ihr werdet sie früh genug kennenlernen. Kommt, ich führe Euch zu Euren Räumen.«

Marsaili verspürte ein Gefühl der Enttäuschung. Sie selbst oder besser gesagt Beathag und diese Verlobung waren offenbar nicht wichtig genug, um Ewens Familie dazu zu bewegen, zum Handfasting zu erscheinen. Gewiss ging sie davon aus, dass diese Verbindung ohnehin zeitlich begrenzt war und keinesfalls mehr daraus werden konnte. Die ganze Angelegenheit war Zeitverschwendung und es waren ihre Tage, die dabei draufgingen. Etwas Gutes konnte bei der Sache kaum herauskommen.

Torcastle

 

 

 

Deprimiert starrte Marsaili später aus dem schmalen Fenster des ihr zugewiesenen Gemachs. Regen hatte eingesetzt und ließ die Welt unwirklich erscheinen. Den Berg sah sie nur als Umriss.

Seufzend wandte sie sich zu Beathags Reisetruhe um, in der Hoffnung, ein weniger scheußliches Kleid zu finden. Es befand sich nur eines darin, da die Reise nicht allzu lange dauern würde. Glücklicherweise war es etwas dezenter. Da Ewen diese Gewänder ebenso schrecklich fand wie sie, würde er ihr vielleicht andere Kleidung beschaffen. Gewiss wollte er nicht, dass sie ihn als seine Verlobte mit ihrem schlechten Geschmack vor möglichen Gästen brüskierte.

Erst beim Abendessen in der großen, von Talglampen erhellten Halle traf sie wieder auf Ewen. Der Raum war karg und kahl, die Einrichtung auf das Notwendige beschränkt. Durch die gewölbte Zimmerdecke aus dunklem Holz wirkte es selbst bei Tag hierin düster.

Ihren Platz erkannte Marsaili sofort, denn für den Laird und sie waren die einzigen Stühle vorgesehen, deren hohe Lehnen auffällig wirkten. Sämtliche anderen Personen saßen auf hölzernen Bänken um die langen Tische, auf denen bereits das Essen aufgetragen war. Köstlicher Bratenduft erfüllte den Raum.

Marsaili ging am Tisch vorbei bis zu ihrem Platz. Sie ließ sich rechts neben Ewen nieder und schenkte ihm ein Lächeln. Er begrüßte sie knapp. Flüchtig wanderte sein Blick über sie. Kurz flackerte etwas darin auf. Er tat ihr etwas von dem Wildbret auf den Teller, wofür sie sich bedankte. Der Claret, an dem sie nippte, mundete ihr ausgezeichnet.

Ewen behandelte sie höflich und förmlich, doch sehr zurückhaltend. Von seinem zwanglosen, ja beinahe rüpelhaften Verhalten, das er bei ihrer ersten Begegnung an den Tag gelegt hatte, konnte sie nichts mehr bemerken. Es war allzu offensichtlich, dass er die Distanz wahren wollte.

Sein Plaid hatte Ewen inzwischen durch ein anderes ersetzt, bei dem diesmal die Farben Blau und Rot vorherrschten mit ein wenig Grün. Viel lieber hätte auch sie ein traditionelles Gewand angelegt wie die meisten anderen hier, doch leider besaß sie derzeit keines.

Die Taille ihres Kleides war hoch angesetzt und der blaue, übertrieben mit Blumen verzierte Rock leicht in Falten gelegt. Die Ärmel waren sehr weit geschnitten und offenbarten die Unterarme. Ihren Gürtel, an dem eine Puderbox hing, verzierten Ornamente. Dazu trug sie eine kleine schwarze Kappe mit seitlich ovalen, die Ohren bedeckenden Netzen und einem blauen Edelstein an der Stirn. Ihre dunklen Locken wallten heute offen über ihre Schultern und den Rücken.

Zu Marsailis rechter Seite saßen zwei sehr hübsche, dunkelrotblonde Frauen, die sich eifrig unterhielten. Sie trugen die traditionellen, tunikaähnlichen, langen Gewänder mit Gürteln, aber verzichteten auf die Kertchs, diese ähnlich wie Häubchen getragenen Kopftücher, die sie als verheiratete Frauen ausgewiesen hätten. Ob es sich dabei um Ewens Schwestern handelte? Sie sahen ihm allerdings nicht ähnlich, was nichts zu sagen hatte. Vielleicht war doch jemand von seiner Verwandtschaft hier erschienen.

Eine der beiden Frauen bemerkte offenbar ihren Blick, denn sie wandte sich Marsaili zu und sah sie aus kornblumenblauen Augen an. »Ich bin Mòrag von den MacCleireachs.«

Marsaili sah sie erstaunt an. »Mein Name ist Beathag MacIntosh, aber vermutlich wisst Ihr das schon. Wie kommt Ihr in diese Gegend? Ist denn Euer Clangebiet nicht weiter entfernt?«

Mòrag nickte. »Allerdings ist dem so. Unser Clan hat früher am Loch Arkaig in Blar nan Chleireach residiert, also gar nicht so weit von Lochaber entfernt. Unser Zweig der Familie lebt jetzt in Knapdale nördlich des Lochs of Tarbert.«

Knapdale war neben der Halbinsel Kintyre 1476 durch Intervention des schottischen Königs vom Besitz des gälischen Triath nan Eilean in den des Earls of Argyll, dem Oberhaupt der Campbells, übergegangen. Bisher schien Argyll die MacCleireachs dort zu dulden. Mòrag deutete auf die Frau neben sich. »Und das ist meine Schwester Isobail.«

Marsaili schätzte Isobail auf achtzehn, was ihrem eigenen Alter entsprach, und Mòrag auf etwa zweiundzwanzig.

»Unsere Mutter sitzt dort drüben.« Mòrag deutete auf eine ältere Dame, die den beiden jungen Frauen auffallend ähnlich sah.

Beide Schwestern wirkten auf Marsaili äußerst offen und sympathisch.

»Mutter plant, Mòrag noch in diesem Jahr zu verheiraten. Sie ist jetzt sechsundzwanzig, also fast schon eine alte Jungfer.«

Mòrag bedachte ihre Schwester mit einem Blick voller Empörung. »Ich bin nicht alt!«

»Ach was. Es ist höchste Zeit für dich, in den Stand der Ehe einzutreten.«

Mòrag winkte ab. »Ich habe es nicht eilig damit, schließlich will ich mich von einem Mann nicht derart einschränken und befehligen lassen.«

Marsaili sah sie verwundert an. »Warum sollte Euch das einschränken? Nach dem alten Recht ist man doch gleichgestellt.«

Mòrag strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Das denkst du, aber die Zeiten haben sich geändert. Unsere Mutter musste unserem Vater über alles, was sie tun wollte, Rechenschaft ablegen. Daher habe ich beschlossen, niemals zu heiraten!«

Isobail sah ihre Schwester entsetzt an. »Aber es sind doch nicht alle Männer so. Ewens Bruder Iain soll bald wieder nach Hause kommen. Er ist ein sehr gut aussehender Bursche. Du warst damals häufig bei den Camerons, gewiss wegen ihm. Du brauchst das gar nicht abzustreiten, denn du wärst nicht die Einzige. Iain ist keineswegs so kontrollierend, wie unser Vater es damals war. Er wäre doch eine gute Wahl.«

Mòrag lachte. »Dann nimm du ihn doch! Für mich ist er zu jung. Außerdem würde er gar nicht zu mir passen, nicht nur, weil er zu jung für mich ist. Wie alt ist der? Fünfundzwanzig?«

Isobail schüttelte den Kopf. »Du weißt, dass ich mich bereits in einen anderen verliebt habe.« Sie wandte sich Marsaili zu. »Iain sieht so aus wie Ewen, nur jünger. Aber er lacht viel mehr als sein Bruder. Er ist ein Bild von einem Mann! Ich glaube, Mòrag ist tatsächlich ein wenig verliebt in ihn, auch wenn sie es nie zugeben würde.«

Mòrag senkte den Blick. »Denk doch, was du willst.«

Marsaili konnte ihr Schmunzeln nicht unterdrücken. »Das glaube ich euch. Ihr seid also jetzt aufseiten der Camerons.«

Der Clan MacCleireach zählte sowohl Camerons als auch MacIntoshs zu seinen Vorfahren, was es ihm schwer machte, sich in diesem Disput zu positionieren. Meistens hielten sie sich neutral, da sie es sich als kleinerer Clan mit keinem verscherzen wollten.

Mòrag schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Wir sind auf unserer eigenen Seite. Ewens Mutter hat uns eingeladen, da wir auch Freunde seiner Familie sind. Seht Ihr die schöne Schwarzhaarige dort drüben?«

Marsaili folgte diskret ihrem Blick. Sie nickte.

»Das ist Ewens jüngste Schwester Deirdre. Hab ich mir doch gedacht, dass man Euch einander noch nicht vorgestellt hat. Er hat vier Schwestern, alle sind älter als er. Die drei ältesten Seonaid, Marioun und Caitrina leben bei ihren Ehemännern. Sie haben in die MacLeods, die MacLeans und die Stewarts von Appin eingeheiratet. Deirdre ist leider verwitwet. Bisher hat sie sich keinen neuen Mann gesucht.«

»Ich danke Euch für diese Informationen.« Marsaili spürte einen Blick auf sich. Als sie sich in die entsprechende Richtung wandte, sah sie eine wunderschöne rothaarige Frau, die ein dunkelgrünes Kleid trug, das ihrer elfenhaften Statur und der hell schimmernden Haut schmeichelte. Ihre Augen waren von einem tiefen Moosgrün und das Gesicht konnte man nur als superb und edel bezeichnen. Es war eher schmal geschnitten mit einem leicht spitzen Kinn, einer kleinen Stupsnase, den etwas schräg stehenden Augen und einem vollen Mund in der Farbe frisch erblühter heller Rosen. Die kupfernen Locken hatte sie hochgesteckt, doch einige davon fielen in schimmernden Spiralen in ihren Nacken hinab bis über den Rücken.

»Wer ist diese rothaarige Frau?«, fragte Marsaili.

Mòrag schien von der Frage unangenehm berührt zu sein. »Das ist Sitheag MacMillan, die Frau, die Ewens Vater für ihn ausgesucht hatte. Nur sein Tod vereitelte die Hochzeit.«

Marsaili verspürte einen Stich. Warum hatte sie von ihr noch nichts gehört? Gegen diese auffällige Erscheinung wirkte sie selbst unscheinbar, obwohl sie nicht unattraktiv war mit ihrem dunkelbraunen, gelockten Haar und den graublauen Augen. Sie fragte sich, warum Ewen eine derartige Schönheit nicht trotzdem geheiratet hatte. Wer konnte eine solche Frau nicht wollen?

Marsaili vermied es, die Rothaarige weiterhin anzusehen. Stattdessen wandte sie ihren Blick wieder Mòrag zu. »Warum ist sie dann hier? Mich würde an ihrer Stelle niemand hierher bringen.«

Mòrag hob die Achseln. »Ich würde es, wenn ich sie wäre, auch nicht tun, aber die Menschen sind verschieden. Die MacMillans sind alte Verbündete der Camerons und haben ihnen in so manchem Kampf zur Seite gestanden. Es kann also niemand Anstoß an ihrer Anwesenheit finden.«

Marsaili schwieg, denn sie wusste, dass die MacMillans mehrfach zusammen mit den Camerons gegen ihren Clan gekämpft hatten, wie etwa in der Schlacht vom Palmsonntag im Jahre 1430, bei der die ...

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