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Geliebter Bodyguard

Sandra Marton

Geliebter Bodyguard

1. KAPITEL

Es gab solche, die behaupteten, Falco Orsini sei zu reich, zu attraktiv und zu arrogant für sein eigenes Seelenheil.

Falco musste zugeben, dass er reich war, vermutlich auch arrogant, und wenn man von der endlosen Parade schöner Frauen, die durch sein Bett zog, schließen wollte, würde wohl auch er sagen, dass Mutter Natur ihn großzügig mit dem ausgestattet hatte, was Frauen anzog.

Dann gab es noch jene, die behaupteten, er sei skrupellos. Dem wiederum konnte er keineswegs zustimmen.

Er war nicht skrupellos, sondern ehrlich. Warum einem Konkurrenten eine profitable Investmentbank überlassen, wenn er sie aufkaufen konnte? Warum einen Konkurrenten bei einem Businessdeal vorlassen, wenn er zuerst den Fuß in die Tür stellen konnte? Warum Interesse für eine Frau heucheln, das er nicht mehr verspürte?

Er machte grundsätzlich keine Versprechen, wenn er nicht auch vorhatte, sie einzuhalten.

Er war ehrlich, nicht skrupellos. Und er stand in der Blüte seines Lebens.

Wie seine drei Brüder war auch Falco groß – ein Meter neunzig, muskulöse Gestalt, markantes Gesicht. Beeindruckend, behaupteten die Frauen. Das mochte stimmen, aber mit Eitelkeit hatte es nichts zu tun. Er war durchtrainiert, wie ein Mann durchtrainiert sein musste, wenn körperliche Fitness den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte.

Nicht, dass er diese Art Leben noch führte.

Zumindest nur noch selten.

Und wenn, dann sprach er nicht darüber.

Mit zweiunddreißig hatte Falco bereits ein Leben hinter sich, das andere wohl als interessant bezeichnen würden.

Mit achtzehn hatte er seinen Rucksack geschultert und war per Anhalter durch die Welt getrampt. Mit neunzehn hatte er sich zur Armee gemeldet. Mit zwanzig war er zu den Special Forces gekommen. Irgendwo auf dem Weg hatte er ein paar nutzlose Seminare an der Universität absolviert, hatte sein Talent fürs Pokern um hohe Summen perfektioniert und schließlich auch für ebenso hohe Investitionen.

Er lebte nach eigenen Regeln. Hatte es immer so gehalten. Was andere über ihn dachten, interessierte ihn nicht. Ehre, Pflicht und Integrität waren ihm wichtig. Von den Männern, die mit ihm gedient hatten, mochten ihn lange nicht alle. Er sei zu distanziert und unzugänglich, behaupteten manche. Aber ausnahmslos alle respektierten ihn. Genau wie alle Frauen ihn anhimmelten.

Oder hassten.

Aber das war egal.

Familie war das Wichtigste.

Er liebte seine Brüder, so wie sie ihn liebten. Die starke Bindung zueinander machte die vier zu einem unschlagbaren Team in der Finanzwelt. Für seine Schwestern hätte er sein Leben gelassen, und sie würden den Gefallen, ohne zu zögern, erwidern. Seine Mutter betete er an, und sie wiederum betete alle ihre Kinder an.

Was nun seinen Vater betraf …

Wen kümmerte der Mann schon?

Wie auch seine Brüder hatte Falco Cesare Orsini schon vor Jahren abgeschrieben. Für seine Frau und seine Töchter gehörten dem Alten ein gut gehender Sanitärbetrieb, eine Baufirma und einige Immobilien in New Yorks teuersten Gegenden.

Seine Söhne jedoch kannten die Wahrheit.

Ihr Vater war der Kopf einer Organisation, die er nur la famiglia nannte.

Mit anderen Worten, er war ein Gangster, wie all die anderen zwielichtigen Gestalten, die Sizilien in der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hervorgebracht hatte. Daran änderten weder die Designeranzüge noch die riesige Stadtvilla mitten in Manhattans Greenwich Village, früher Little Italy, etwas. Doch um ihrer Mutter willen vergaßen Falco und seine Brüder dies zeitweise und gaben vor, dass die Orsinis nur eine weitere der vielen großen glücklichen sizilianisch-amerikanischen Familien war.

So wie heute, zum Beispiel. An dem sonnigen Herbsttag, an dem Dante vor den Altar trat.

Falco hatte noch immer Probleme damit, das Ganze zu begreifen. Erst Rafe, jetzt Dante. Zwei seiner Brüder verheiratet! Und Dante war nicht nur Ehemann, sondern auch Vater.

Nicolo und Falco hatten den ganzen Tag gelächelt, die neuen Schwägerinnen auf die Wangen geküsst und Dante und Rafe breit zugegrinst. Sie hatten versucht, sich nicht wie Trottel vorzukommen, wenn sie ihren neuen Neffen überschwänglich bewunderten – was nicht wirklich schwerfiel, denn der Kleine war definitiv das niedlichste und intelligenteste Baby, das man sich vorstellen konnte. Sie tanzten mit ihren Schwestern und stellten die Ohren auf Durchzug, sobald Anna und Isabella von ihren Freundinnen anfingen, die ganz wunderbare Ehefrauen abgeben würden.

Am frühen Abend waren sie so weit, dass sie sich unauffällig absetzen wollten, um in dem Lokal, das den Brüdern gehörte, mit einem kalten Bier auf das Junggesellendasein anzustoßen. Eine urige Kneipe, die nichts mit dem Investmentportfolio der Brüder zu tun hatte und einen schlichten Namen trug: The Bar.

Doch Cesare machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Er wolle mit ihnen reden, sagte er.

Nicht schon wieder, dachte Falco entnervt, und ein Blick zu Nick ließ ihn erkennen, dass der Bruder Ähnliches empfand. Seit Monaten hielt ihr Vater sie mit seinem „Wenn ich nicht mehr bin“-Vortrag auf Trab. Die Kombination für den Safe. Die Namen von Rechtsanwälten und Buchhaltern. Wo wichtige Unterlagen aufbewahrt wurden. Keinen der Brüder interessierte das. Keiner wollte auch nur einen Penny von dem Geld des Vaters.

Falcos instinktive Reaktion war es eigentlich, die Aufforderung einfach zu ignorieren und zu gehen.

Stattdessen tauschten Nick und er einen Blick. Vielleicht hatte der festliche Tag sie nachgiebig gemacht. Vielleicht lag es auch am Champagner. Ach, was soll’s, schien Nicks Miene zu sagen, und Falcos Erwiderung war ein ergebener Seufzer. Na schön, warum nicht.

Cesare bestand darauf, einzeln mit ihnen zu reden. Felipe, Cesares rechte Hand, bedeutete Falco wortlos, in das Arbeitszimmer zu gehen.

Einen Moment lang spielte Falco mit dem Gedanken, den Wachhund seines Vaters bei seinem dürren Hals zu packen und ihn zu schütteln, doch die Hochzeitsfeier war schließlich noch in vollem Gange.

Also lächelte er nur dünn – die Art Lächeln, die ein Mann wie Felipe genau verstehen würde –, schob sich an ihm vorbei und betrat das stickige Arbeitszimmer.

Sein Vater saß an dem wuchtigen Mahagonischreibtisch, die dunklen Vorhänge waren vor die Fenster gezogen und machten den großen Raum mit dem schweren Mobiliar noch düsterer, als er normalerweise schon war. Cesare sah auf, nickte knapp und winkte Falco mit einer manikürten Hand zu, er solle sich setzen, bevor er den Kopf wieder über den Aktenordner vor sich senkte.

Die antike Standuhr an der Wand zwischen den vergilbten Fotografien von Vorfahren aus der alten Heimat und Heiligenstatuen zeigte an, dass vier Minuten wortlos vergingen.

Falco stand reglos da, die Arme vor der Brust verschränkt, die Füße leicht gespreizt, die dunklen Augen auf das Ziffernblatt der alten Uhr gerichtet. Der Minutenzeiger rückte einen Strich weiter, der Stundenzeiger schob sich unmerklich vor. Falco ließ die Arme an seine Seite sinken, drehte sich um und ging zur Tür.

„Wohin willst du?“

Falco machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen. „Ciao, Vater. Es war wie immer ein Vergnügen.“

Der Stuhl knirschte leise, als Cesare sich zurücklehnte. „Wir haben unser Gespräch noch nicht geführt.“

„Unser Gespräch? Wenn du etwas zu sagen hast, sage es.“ Falco drehte sich ungeduldig herum. „Obwohl ich dir versichern kann, dass ich mich noch sehr gut an deine bewegenden Worte beim letzten Mal erinnern kann. Dein Safe, deine Unterlagen und deine Geschäfte interessieren mich nicht.“

„Dann bist du ein Narr“, sagte der don leise. „Diese Dinge sind ein Vermögen wert.“

Falco lächelte dünn. „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte – ich besitze bereits ein Vermögen. Und selbst wenn nicht … von dir würde ich keinen Penny annehmen. Das müsstest du inzwischen wissen.“

„Ein solches Drama, mein Sohn.“ Cesare seufzte. „Nun gut, du hast deine Rede gehalten.“

„Und du deine. Auf Wiedersehen, Vater. Ich werde Nicolo sagen, dass er …“

„Was hast du letzten Monat in Athen gemacht?“

Falco verharrte abrupt. „Was?“

„Es ist eine schlichte Frage. Du warst in Athen. Warum?“

Der Blick, mit dem Falco seinen Vater bedachte, hätte jeden anderen schrumpfen lassen. „Lässt du mich etwa beschatten?“

„Nichts derart Plumpes.“ Cesare holte eine Zigarrenkiste aus der Schublade. „Echte Havannas. Die kosten ein Vermögen. Hier, nimm eine.“

Falco schaute nicht einmal auf die angebotene Box. „Woher weißt du, dass ich in Athen war?“

Cesare zuckte die Schultern. „Ich habe überall Freunde. Das weißt du doch.“

„Dann weißt du auch, dass ich geschäftlich dort war. Für Orsini Investments. Das ist übrigens eine Privatbank, die wir ohne deine Hilfe aufgezogen haben, mit ehrlicher Arbeit. Ein Konzept, das dir fremd sein dürfte.“

Cesare biss die Spitze der ausgewählten Zigarre ab und spuckte sie in den Papierkorb. „In Athen hast du eine weitere Bank akquiriert. Gute Arbeit.“

„Du weißt, dass mir dein Lob nichts bedeutet.“

„Aber das war nicht alles, was du in Athen getan hast“, fuhr der don leise fort. Er sah Falco direkt an. „Meine Quellen wissen zu berichten, dass ein zwölfjähriger Junge, der irgendwo im türkischen Gebirge gefangen gehalten wurde und nur gegen Lösegeld freigelassen werden sollte, auf wundersame Weise wieder zu seiner Familie zurück …“

In Sekundenbruchteilen war Falco auf der anderen Schreibtischseite und packte seinen Vater beim Kragen. „Was soll das?“, knurrte er.

„Nimm deine Hände von mir!“

„Erst bekomme ich eine Antwort. Niemand ist mir gefolgt. Ich weiß nicht, woher du diesen Blödsinn hast, aber …“

„So dumm bin ich nicht, um zu glauben, dass jemand dir folgen und dann auch noch davon erzählen kann. Lass mein Hemd los, vielleicht bekommst du dann deine Antwort.“

Falco verfluchte sich still. Seit Jahren hatte er sich von Cesare nicht provozieren lassen. Seit fünfzehn Jahren, um genau zu sein, seit einer der Schergen seines Vaters ihn dabei erwischt hatte, wie er sich nachts zurück ins Haus schlich.

Der don hatte vor Rage gekocht. Nicht, weil sein Siebzehnjähriger sich nachts herumtrieb, nicht, weil er das Alarmsystem überlistet hatte, sondern darüber, dass es ihm gelungen war, sich an den Wachen vorbeizuschleichen, die um das Haus patrouillierten.

Falco weigerte sich, eine Erklärung abzugeben, und schwieg beharrlich. Und er tat noch etwas – er grinste anmaßend, wie nur dreiste Teenager grinsen konnten.

Die erste Ohrfeige war ein Schock. Sein Vater hatte ihn nie zuvor geschlagen. Eigentlich verwunderte es ihn, dass es bisher nie passiert war. Die zweite ließ ihn schwanken. Die dritte verpasste ihm eine blutige Lippe. Als Cesare zum vierten Mal die Hand hob, packte er den Arm des Vaters und drehte ihn ihm auf den Rücken. Cesare war stark, aber schon mit siebzehn war Falco stärker.

Zudem wurde er angetrieben von Jahren der Verachtung. „Rühr mich noch einmal an, und – ich schwöre – ich bringe dich um.“

Der Gesichtsausdruck seines Vaters durchlief eine unmerkliche Veränderung. Es war nicht Angst, es war auch keine Wut, sondern etwas, das in den Augen eines mächtigen Mannes stand, der soeben eine Schlacht verloren hatte, körperlich wie auch symbolisch.

Seine Mutter und seine Schwestern gaben sich am nächsten Tag mit der Lüge zufrieden, er sei angeblich in der Dusche ausgerutscht. Die Brüder waren zwar nicht so leicht zu täuschen gewesen, aber Falco hatte nie die Wahrheit über das blaue Auge und die geschwollene Lippe gesagt.

Weil es zu erniedrigend war? Sein Jähzorn zu beängstigend?

Irgendwann verstand er, was sich abgespielt hatte.

Die Macht hatte sich in jener Nacht verlagert, war von Cesare auf ihn übergegangen und wieder zurück zu Cesare. Was er an jenem Abend erkannte, war, dass es trotz der brutalen Drohung er, Falco, gewesen war, der die Schlacht verloren hatte. Weil er durchgedreht war. Auch wenn er es nicht erklären konnte, ihm war klar geworden, dass es einer anderen Person Macht verlieh, wenn man die Kontrolle über sich verlor.

Und heute stand er hier, fünfzehn Jahre später, und hatte erneut denselben Fehler gemacht.

Sehr bedacht öffnete er die Finger, die sich in den gestärkten Hemdskragen gekrallt hatten. Cesare sank auf den Stuhl zurück, mit hochrotem Gesicht.

„Wärst du nicht mein Sohn …“

„Ich bin nicht dein Sohn. Es reicht nicht aus, ein Kind zu zeugen, um Vater zu sein.“

Ein Muskel zuckte in Cesares Wange. „Bist du jetzt unter die Philosophen gegangen? Glaube mir, Falco, in vieler Hinsicht bist du mehr mein Sohn als deine Brüder.“

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass das, was du angeblich so sehr an mir verabscheust, auch in dir steckt. Die Gier nach absoluter Macht. Der Drang, alles zu kontrollieren. Die Bereitschaft, Blut zu vergießen, wenn es nötig ist.“

„Ist es das, worüber du reden wolltest, alter Mann? Willst du eine Art Absolution von mir, weil deine Gene angeblich mein Schicksal sind? Das wird nicht funktionieren. Ich bin nicht wie du. Dieses Gespräch ist hiermit beend…“

Cesare nahm ein Blatt aus dem Ordner, offensichtlich eine aus irgendeinem Glamourmagazin gerissene Seite.

„Kennst du diese Frau?“

Falco schaute nicht hin. „Ich kenne viele Frauen. Das müssen dir deine Spione doch berichtet haben.“

„Tu mir den Gefallen und schau sie dir an.“

Was soll’s, dachte er und nahm die Seite zur Hand. Es war eine Anzeige für irgendetwas Teures – Parfüm, Schmuck, Dessous, schwer zu bestimmen.

Die Frau saß in einem Sessel, ein langes Bein auf den Boden gestellt, das andere lässig über die Armlehne gelegt. Sie trug Schuhe, für die ein Waffenschein nötig war, und scharlachrote Spitze.

Ein großartiger Körper. Ein ebenso faszinierendes Gesicht. Oval, fein geschnittene Züge, die pure Weiblichkeit. Hohe Wangenknochen, bernsteinfarbene Katzenaugen mit langen dunklen Wimpern, schimmerndes dunkles Haar, lang und glatt. Sie lächelte den Betrachter an.

Er wusste, es war eine optische Illusion, erreicht durch minutiöse Kameraeinstellung. Aber verdammt wirkungsvoll. Dieses Lächeln, diese Kopfhaltung, ihr Körper … alles forderte einen Mann heraus, sie zu begehren. Sich einzubilden, sie haben zu können. Dieses Lächeln versprach die sexuelle Befriedigung, von der ein Mann sein Leben lang träumte.

Sein Magen zog sich zusammen.

„Und? Kennst du sie?“

Falco warf das Blatt auf die Schreibtischplatte. „Nein. Sind wir dann fertig?“

„Sie heißt Elle. Elle Bissette. Sie hat als Model gearbeitet. Jetzt ist sie Schauspielerin.“

„Freut mich für sie.“

Cesare nahm ein weiteres Blatt aus dem Ordner und hielt es Falco hin. Der aber rührte sich nicht.

„Was wird das hier? Prominenten-Raten?“

Per favore, Falco. Bitte, schau es dir an.“

Falco zog die Augenbrauen hoch. Eine Bitte? Das war er von seinem Vater überhaupt nicht gewohnt. Er griff nach dem Blatt.

Übelkeit stieg in ihm auf. Es war die gleiche Anzeige, doch jemand hatte mit einem roten Filzstift ein X in ihre Augen gesetzt. Eine Reihe von X waren über ihre Lippen gezogen, rote Punkte an ihre Kehle und um ihre Brüste gemalt.

„Miss Bissette hat das in ihrem Briefkasten gefunden.“

„Was meinen die Cops dazu?“

„Nichts. Sie hat sie nicht verständigt.“

„Dann ist sie eine Närrin“, sagte Falco offen heraus.

„Die Eltern des türkischen Jungen sind auch nicht zur Polizei gegangen.“

„Wir sind hier in Amerika.“

„Angst bleibt Angst, ganz gleich, wo man lebt. Vielleicht vertraut sie den Cops nicht. Auf jeden Fall weigert sie sich, die Polizei einzuschalten.“ Cesare machte eine Pause. „Miss Bissette dreht zurzeit einen Film in Hollywood. Der Produzent des Films ist … nun, sagen wir, ein alter Freund von mir.“

„Ah, ich fange an zu verstehen. Dein Kumpan macht sich Sorgen um seine Investition.“

„Ja, natürlich macht er sich Gedanken. Er braucht meine Hilfe.“

„Schicke ihm was von deinem Vermögen.“

„Er braucht keine finanzielle Hilfe. Er hat mich gebeten, Miss Bissette zu beschützen.“

„Deine Gorillas werden bestimmt Spaß in L.A. haben.“

Cesare schmunzelte. „Kannst du dir meine Männer in Beverly Hills vorstellen?“

Fast hätte Falco gelacht. Die Vorstellung war wirklich amüsant. Und dann setzte sich das Puzzle langsam zusammen. „Okay, ich kenne ein paar Jungs, die als Leibwächter für VIPs arbeiten. Ich frage herum. Wenn ich jemanden finde …“

„Ich habe schon jemanden gefunden“, unterbrach Cesare leise. „Dich.“

„Mich?“ Dieses Mal lachte er tatsächlich auf. „Ich bin Banker, Vater, kein Leibwächter.“

„Das hast du den Leuten in der Türkei aber nicht gesagt.“

„Das war etwas anderes. Sie sind zu mir gekommen und haben um meine Hilfe gebeten.“

„Jetzt bitte ich dich um deine Hilfe, mio figlio.“

Falcos Miene wurde hart. „Wenn du Namen und Telefonnummern von mir willst … fein. Ansonsten gehe ich jetzt.“ Er würde durch die Terrassentüren verschwinden, seiner Mutter und den Hochzeitsgästen musste er jetzt nicht über den Weg laufen.

„Warte.“ Sein Vater kam ihm nach. „Nimm den Ordner mit. Alles, was du brauchst, steht da drin.“

Falco nahm den Ordner an. Das war einfacher als eine Diskussion.

Bis er mit dem Taxi bei seinem Stadthaus ankam, waren ihm vier Männer eingefallen, die diesen Job übernehmen konnten, und sie würden ihn gut machen. In seinem Wohnzimmer goss er sich einen Brandy ein und ging mit Glas und Ordner in den von einer Mauer umschlossenen Garten. Die Sonne ging bereits unter, es wurde kühl, aber er mochte es, hier draußen zu sein. Manhattans Lärm drang nicht bis hierher durch.

In dem Ordner war nicht viel. Ein paar Informationen über den Film, der Brief des Produzenten an Cesare. Und die Fotos von Elle Bissette.

Falco breitete sie vor sich auf dem Glastisch aus. Das von ihr in der sexy Unterwäsche, das gleiche verunstaltete … und eines, das sein Vater ihm nicht gezeigt hatte.

Es war das dritte Foto, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Schnappschuss einer schönen Frau, die am Strand spazieren ging. Natürlich, ungeschminkt, nicht gestellt.

Aber da war noch mehr. Sie spürte, dass jemand sie beobachtete. Er hatte diesen Blick in seinem früheren Leben oft genug gesehen, wenn er jemanden observierte. Der Beobachtete spürte den unwillkommenen Blick des Beobachters. Er konnte es in ihren Augen erkennen. In der Art, wie sie ihr Kinn hielt. Wie sie ihr Haar aus dem Gesicht strich. Argwohn. Unruhe. Furcht.

Und noch mehr.

Entschlossenheit. Trotz. Durchhaltevermögen. Eine Haltung, die trotz aller Angst ausdrückte: He, Mann, wage es nicht.

„Verdammt“, knurrte Falco.

Dann griff er nach seinem Handy und buchte den ersten Flug am Morgen an die Westküste.

2. KAPITEL

Elle hatte den größten Teil des Vormittags mit einem Fremden im Bett verbracht.

Der Fremde sah fantastisch aus und war wahrscheinlich auch großartig im Küssen. Sie konnte es nicht wirklich beurteilen.

Sie küsste nicht gern. Ihrer Schätzung nach verstand sie weniger vom Küssen als achtundneunzig Prozent der weiblichen Population über sechzehn. Was nicht hieß, dass sie es nicht so aussehen lassen konnte, als wäre das Küssen mit einem Mann von diesem Aussehen das Erstrebenswerteste auf diesem Erdboden.

Küssen war, genau wie Flirten, Lachen und Weinen und all die anderen Dinge, ein Job. Das hier war ein Film. Den Mann zu küssen, in dessen Armen sie lag, gehörte eben zum Job der Schauspielerin.

Frauen auf der ganzen Welt würden sofort mit ihr tauschen. Glühende Verehrerinnen und andere Schauspielerinnen. Chad Scott war berühmt. Er war die Garantie für klingelnde Kinokassen. In dieser Szene gehörte er allein ihr.

Elle wusste, sie müsste sich glücklich schätzen. Und sie hasste sich dafür, dass sie sich heute einfach nicht in die Rolle versetzen konnte. Liebesszenen waren immer schwierig, aber heute …

Heute lief überhaupt nichts richtig.

An ihrem Filmpartner lag es nicht. Anfangs hatte sie sich Sorgen gemacht, er könnte vielleicht ein wandelndes männliches Ego sein, aber Chad hatte sich sogar als netter Kerl entpuppt. Als sie einander vor ein paar Tagen vorgestellt wurden, hatten sie sich mit Handschlag begrüßt, und Chad hatte sich entschuldigt, dass er erst später als jeder andere am Set erschienen war. Das hätte er nicht zu tun brauchen. Fünf Minuten hatten sie Small Talk gemacht, dann hatten sie noch einmal ihren Text geprobt und schließlich die erste gemeinsame Szene gedreht.

Heute sollte nun die erste Liebesszene aufgenommen werden. Eine Szene, das wusste Elle, die essenziell für den Film war.

Die Kulisse war schlicht – ein paar Decken im Sand vor einem großen Joshua-Kaktus. Elle trug ein trägerloses Top. Die Kamera würde sich auf ihr Gesicht und ihre bloßen Schultern beschränken, sodass es wirkte, als wäre sie nackt. Chad drehte mit bloßem Oberkörper und Jeans. Meilen von Kabel lagen um sie herum, überall standen Spots und Mikrofone, und natürlich waren sie von den Tausenden von Leuten umlagert, die nötig waren, um selbst die simpelste Filmszene zu drehen. Antonio Farinelli, der fanatischste aller Regisseure, hatte dem Team vorher verkündet, er hoffe, die Szene mit einem Take abzuhandeln.

Bisher waren es schon vier Klappen.

Die erste Einstellung hatte eine plötzliche Windbö ruiniert. Die anderen drei … Das war Elles Schuld. Jede einzelne. Zweimal hatte, sie sich beim Text verhaspelt, beim dritten Mal hatte sie über Chads Schulter gestarrt, anstatt ihm in die Augen zu sehen.

Jedes neuerliche „Cut“ von Farinelli hatte wütender geklungen.

Elle setzte sich auf, wartete, während der Regisseur mit dem Beleuchter redete. Ihr Filmpartner richtete sich ebenfalls auf und streckte sich. Chad hatte die Verzögerungen mit Engelsgeduld hingenommen. Er spürte wohl, dass sie Probleme hatte, und versuchte die Atmosphäre mit kleinen Scherzen auf seine eigenen Kosten zu entspannen. „Teufel noch eins“, hatte er gesagt, „dabei war ich sicher, dass ich mich heute anständig rasiert habe.“ Und: „Mach dir nichts draus, meine Frau hat mir letztens in einem ähnlichen Moment gesagt, dass die Decke gestrichen werden muss.“

Jeder, der es hörte, hatte gelacht. Elle hatte auch gelacht. Zumindest hatte sie ihr Bestes gegeben, um so zu tun. Schließlich war sie Schauspielerin. Illusion war alles.

Im realen Leben würde sie niemals in den Armen eines Mannes liegen und verliebt in seine Augen schauen. Aber die Realität war auch ein widerwärtiges Scheusal.

Die Realität war der Anruf, der sie um drei Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen hatte.

„Hallo, meine süße Kleine“, hatte die männliche Stimme geflüstert. „Hast du mein Bild bekommen? Gefällt es dir? Hast du meinen Brief erhalten?“ Ein abstoßendes Lachen war durch die Leitung gedrungen. „Du wartest auf mich, nicht wahr, Süße?“

Das Herz hatte ihr bis zum Hals geschlagen. Sie hatte das Telefon von sich geschleudert, als wäre es ein giftiger Skorpion. Dann war sie ins Bad gerannt und hatte sich übergeben.

Jetzt hörte sie nur diese Stimme in ihrem Kopf. Nur ihr verstümmeltes Foto stand ihr vor Augen. Der Brief, von dem niemand wusste. Schlimm genug, dass Farinelli das Foto gesehen hatte.

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