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Geliebte Prinzessin

1. KAPITEL

„Du liest Tschechow? Hast du vielleicht auch Tolstoi gelesen?“

Marianne Chambers hielt mit dem Korrekturlesen inne. Diese Frage hatte ihr schon einmal jemand gestellt, vor sehr vielen Jahren. Es war ein warmer Sommernachmittag gewesen, und sie hatte auf der Treppe vor der Kathedrale in Amiens gesessen und ein Buch von Anton Tschechow gelesen. Es war Sebastian Rodier, der sie damals mit diesen Worten angesprochen hatte. Aber war das wirklich möglich? Was suchte er im Cowper Hotel in London, in dem am folgenden Tag ein wissenschaftlicher Kongress stattfinden sollte?

Marianne hob den Kopf und blickte in das Gesicht jenes Mannes, der ihr Leben vor zehn Jahren völlig auf den Kopf gestellt hatte – Fürst Sebastian II von Andovaria! Er trug einen edlen Designeranzug und wirkte ganz anders als der junge Mann, der damals in Jeans und T-Shirt vor ihr gestanden hatte. Und er sah sogar noch attraktiver aus als auf den zahlreichen Fotos in Zeitungen und Magazinen, die Marianne im Laufe der Zeit von ihm gesehen hatte.

„Hallo, Marianne“, sagte er mit einem so charmanten Lächeln, dass sie eine Gänsehaut bekam.

Dieses Lächeln versetzte sie schlagartig in die Vergangenheit zurück: Sie war achtzehn Jahre alt, unsterblich in Sebastian verliebt und wartete in ihrer Gastfamilie in Frankreich vergeblich darauf, dass er sich nach seinem Abschied telefonisch bei ihr melden würde …

Wie oft hatte Marianne sich seitdem vorgestellt, wie es wohl sein würde, ihn wiederzusehen. Dabei hatte sie es natürlich nie für möglich gehalten, dass dies tatsächlich einmal wahr werden würde. Seit Sebastian aus Frankreich abgereist war, hatten sich ihre Wege nicht mehr gekreuzt. Auch hatte er in all den Jahren nach ihrer Trennung niemals Kontakt zu ihr gesucht. Aber welches Interesse hätte der Herrscher des Fürstentums Andovaria auch an einer unbedeutenden Wissenschaftlerin aus England haben sollen?

„Sebastian“, brachte sie endlich hervor. „Oder soll ich … dich jetzt Eure Hoheit nennen?“

„Sebastian reicht völlig aus“, erwiderte er amüsiert. „Schön, dich zu wiederzusehen. Wie geht es dir?“

„Gut, sehr gut“, erwiderte sie ein wenig zu schnell, da sie nicht wollte, dass er ihre Verwirrung bemerkte. „Und dir?“

„Mir geht es auch gut.“ Sebastian betrachtete sie prüfend. „Es ist sehr lange her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Du siehst fantastisch aus.“

„Du … auch“, antwortete Marianne stockend, da sie kaum noch klar denken konnte. Sebastians unerwartetes Auftauchen brachte sie völlig aus der Fassung.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

Am liebsten hätte Marianne Nein gesagt, doch da sie nicht unhöflich sein wollte, schob sie ihre Unterlagen zusammen, um auf dem Tisch Platz zu schaffen. „Natürlich.“ Dann blickte sie sich um und entdeckte zwei kräftige Männer in grauen Anzügen, die in etwa zehn Metern Abstand im Foyer standen – die Leibwächter des Fürsten.

„Wer sind denn die beiden dort drüben?“, fragte sie leicht spöttisch. „Patt und Patterchen?“

„Das sind Georg und Karl“, erklärte Sebastian amüsiert und nahm neben ihr Platz. „Bei uns in Andovaria spricht man seine Mitarbeiter mit Namen an, selbst wenn sie für die Fürstenfamilie arbeiten.“

„Ach, wirklich?“

„Jawohl, Andovaria ist nämlich ein modernes Fürstentum“, erwiderte er schmunzelnd.

Ein modernes Fürstentum, dachte Marianne bitter. Diese Erfahrung hatte sie vor zehn Jahren allerdings nicht gemacht. Seit ihrer Trennung hatte sie seinen Werdegang genau verfolgt. Durch die Berichte in Zeitungen und Hochglanzmagazinen wusste sie alles von ihm. Sie hatte Bilder von Sebastian beim Skifahren und Bergwandern gesehen, auf seinem Wohnsitz in Schloss Poltenbrunn, bei hohen gesellschaftlichen Anlässen und bei seiner Hochzeit mit Amelie von Saxe-Broden. Marianne war ebenfalls bekannt, dass er sich einige Jahre später wieder hatte scheiden lassen, denn alles, was mit dem Fürsten zu tun hatte, ging durch sämtliche Medien, sodass Marianne immer über sein Leben informiert war.

Sie holte tief Luft, um sich etwas zu beruhigen. „Was führt dich nach England? Steht vielleicht ein royales Event bevor, von dem die Öffentlichkeit noch nichts weiß?“

„Nein, nur ein Privatbesuch.“

„Wie schön für dich“, antwortete Marianne sarkastisch und kannte sich selbst nicht mehr. Wieso war sie so rüde zu Sebastian? Brachte seine Gegenwart sie so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sie ihre guten Umgangsformen vergaß? Zu ihrem Unmut spürte sie, wie ihr Tränen in die Augen traten, und um sich abzulenken, steckte sie schnell ihre Unterlagen in die Tasche. Nein, sie durfte nicht weinen, denn sie hatte seinetwegen schon genug Tränen vergossen!

„Bist du inkognito unterwegs?“, fragte sie, um Haltung bemüht, wobei sie mit dem Kopf auf die beiden Männer wies. „Wenn ja, hättest du die Bodyguards daheim lassen sollen, damit du mehr Bewegungsfreiheit hast.“

Da wurde Sebastian unvermittelt ernst. „Du bist mir immer noch böse, nicht wahr?“

Marianne schloss ihre Aktentasche. „Hättest du etwas anderes erwartet?“

„Ich hatte gehofft, dass …“ Sebastian schaute kurz über die Schulter, um sicherzugehen, dass Georg und Karl nicht mithörten. „Dass du …“

„Dass ich was?“, fiel Marianne ihm ins Wort. „Dass ich vergessen habe, dass du mich in Frankreich sitzen gelassen hast? Dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wie schamlos du mich angelogen hast?“

„Marianne …“

„Es war schön, dich wiederzusehen, aber jetzt muss ich gehen. Ich habe noch sehr viel zu tun und muss … meine Gedanken ordnen.“

„Marianne, hör mir zu, ich …“

„Ich habe keine Lust, dir zuzuhören! Vor zehn Jahren hättest du mit mir sprechen sollen, aber jetzt ist es zu spät. Ich habe nämlich festgestellt, dass die Zeit mit dir reine Verschwendung war!“ Marianne sah, wie ein kleiner Muskel in seinem Gesicht bei ihren letzten Worten zuckte.

„Ich habe dich nicht angelogen.“

„Ach nein? Dann muss ich wohl nicht richtig zugehört haben, als du mir gesagt hast, wer du bist. Wie dumm von mir, wirklich zu dumm!“

Nun sah sie Sebastian deutlich an, dass er betroffen war. Offensichtlich hatte er mit einer solchen Reaktion von ihr nicht gerechnet.

„Und wie dumm bin ich gewesen, mir jahrelang den Kopf darüber zu zerbrechen, warum du mich verlassen hast!“, fügte sie verbittert hinzu.

„Ich habe dich nicht angelogen, sondern dir nur nicht die ganze Wahrheit gesagt“, rechtfertigte Sebastian sich. „Und dafür hatte ich gute Gründe.“

Marianne hätte beinahe hysterisch gelacht. Welche Gründe das gewesen waren, hatte sie schon sehr bald selbst herausgefunden. Nachdem sie durch die Medien erfahren hatte, dass ihr Freund Sebastian der Thronfolger des Fürstentums von Andovaria war, hatte sie begriffen, weshalb er sie verlassen hatte. Aber trotzdem hatte er nicht das Recht gehabt, sie so schäbig zu behandeln.

„Ich habe dir damals meinen richtigen Namen genannt“, beharrte Sebastian. „Diesbezüglich habe ich dich also nicht angelogen.“

„Natürlich nicht. Du hast mir dabei nur die unwichtige Nebensächlichkeit verschwiegen, dass du ein fürstlicher Spross bist“, gab Marianne spöttisch zurück. „Du wusstest genau, dass ich keine blasse Ahnung hatte, wer du wirklich bist, und du hast es mir absichtlich nicht gesagt. Ich wusste nicht einmal, dass du aus Andovaria kommst: Ich dachte, du seist Österreicher. Und deinem Freund Nick hast du auch eingebläut, mir nichts zu sagen!“

„Ich habe nie behauptet, aus Österreich zu kommen.“

„Du hast doch gesagt, du würdest in der Nähe von Wien leben.“

„Das stimmt ja auch. Ich …“

Marianne schüttelte den Kopf. „Bitte, Sebastian, lassen wir das, ja? Was vorbei ist, ist vorbei, und ich habe meine Lektion daraus gelernt. Und das bedeutet, dass ich nichts mehr mit dir zu tun haben will.“

„Marianne, bitte lass mich …“

„Ich muss jetzt gehen, Sebastian. Bitte akzeptiere das.“

Marianne konnte einfach nicht mehr, sie konnte es nicht länger ertragen, Sebastian zu sehen. Sie ließ ihn einfach stehen und lief davon – aus dem Gebäude hinaus und auf die Straße.

Nie hätte Marianne geglaubt, dass sie Sebastian je wieder begegnen würde. Auch der Gedanke, dass er Fürst von Andovaria war, mochte bis heute nicht in ihren Kopf gehen. In ihrer Erinnerung war Sebastian immer noch der neunzehnjährige Sprachstudent, den sie in Amiens kennengelernt hatte. Mit dem sie Crêpes gegessen hatte, am Seine-Ufer spazieren gegangen war und in den sie sich unsterblich verliebt hatte.

Marianne wartete ungeduldig, bis die Ampel auf Grün schaltete. Dann hastete sie in das kleine Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite, nur um sich vor Sebastian zu verstecken. Aber weshalb lief sie überhaupt davon? Glaubte sie etwa, sie könne der schmerzlichen Erinnerung an diesen Mann dadurch entrinnen?

Sebastian schob frustriert die Hände in die Hosentaschen. Er hatte alles falsch gemacht und konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich zum letzten Mal so hilflos gefühlt hatte wie in diesem Augenblick. Er hatte vorgehabt, sich in Ruhe mit Marianne zu unterhalten, es aber nicht einmal geschafft, drei vernünftige Sätze mit ihr zu sprechen.

Ein Glück, dass er sich auf seine beiden Leibwächter, die diese kleine Szene mitbekommen hatten, verlassen konnte. Sie waren absolut diskret und würden niemals Details über sein Privatleben preisgeben – weder der Presse gegenüber noch gegenüber anderen Kollegen.

Sebastian atmete tief durch. Am besten vergaß er diesen kleinen Zwischenfall sowie alles, was mit Marianne Chambers zusammenhing. Aber konnte er das denn? Schon als ihm ihr Name auf der Tagungsliste aufgefallen war, hatte er ein erregendes Kribbeln in der Magengegend verspürt und sich gefragt, ob es sich bei Professor Blackwells Assistentin tatsächlich um jene junge Sprachstudentin handeln konnte, die er vor zehn Jahren in Frankreich kennengelernt hatte. Und dass sie es wirklich war, hatte er sofort erkannt. In ihren Jeans und dem weißen T-Shirt sah sie fast genauso aus wie das süße achtzehnjährige Mädchen, in das er sich damals auf den ersten Blick verliebt hatte.

Marianne hatte damals auf der Treppe vor der Kirche in Amiens gesessen und war ganz vertieft in ein Buch von Tschechow gewesen. Überhaupt hatte sie ständig gelesen, sie schien regelrecht süchtig nach Büchern gewesen zu sein. Sebastian war derart fasziniert von ihr gewesen, dass er sie einfach hatte ansprechen müssen, obwohl sein bester Freund Nick ihm davon abgeraten hatte.

„Eure Hoheit?“

Sebastian drehte sich um und sah seinen Privatsekretär Alois von Dietrich mit einem etwas hektisch wirkenden älteren Mann auf sich zukommen.

„Eure Hoheit, uns war leider nicht bekannt, dass Sie schon angekommen sind“, sagte dieser sichtlich unbehaglich. „Wir hätten Sie doch abholen lassen und …“

Sebastian lächelte. „Kein Problem, Mr. …?“

„Baverstock. Anthony Baverstock – Manager dieses Hotels“, antwortete er stolz.

Sebastian schüttelte ihm höflich die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Baverstock.“

„Ganz meinerseits, ganz meinerseits“, erwiderte der Manager überschwänglich, und sein Gesicht wurde dabei um noch eine Schattierung röter. „Professor Blackwell wartet bereits im Balcony Room auf Sie. Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“

Unwillkürlich musste Sebastian an seinen verstorbenen Vater denken, der ihm immer wieder erklärt hatte, wie wichtig es sei, aktiv auf andere zuzugehen. Man müsse einen bleibenden Eindruck auf die Menschen hinterlassen, wenn man im Leben etwas bewirken oder verändern wollte. Und sein Vater hatte recht gehabt. Nach seinem Tod hatte Sebastians Mutter unzählige Briefe erhalten, in denen die Menschen zu erkennen gaben, wie glücklich sie gewesen seien, Fürst Franz-Josef persönlich kennengelernt zu haben.

Sebastian konnte sich die Charaktereigenschaften seines Vaters jedoch nur schwer zu eigen machen. Ihm fiel es nicht leicht, die immerwährenden Verpflichtungen zu erfüllen, die ihm als Thronfolger auferlegt worden waren. Doch eine harte Ausbildung und eiserne Disziplin machten es ihm möglich, sich stets so zu verhalten, wie man es von einem Kronprinzen und späteren Fürsten erwartete. Disziplin und Pflichterfüllung waren die wichtigsten Dinge in seinem Leben, auch wenn es einmal eine Zeit gegeben hatte, in denen er diese Verantwortung lieber auf jemand anderen abgewälzt hätte. Auf Victoria, zum Beispiel, seine ältere Schwester. Sie identifizierte sich mit der höfischen Etikette und liebte die alten Traditionen so sehr, wie Sebastian sie hasste.

„Eure Hoheit, Fürst von Andovaria!“, verkündete Mr. Baverstock stolz, als er Sebastian schließlich in den eleganten Balcony Room zu Professor Blackwell führte.

Sebastian trat auf den Professor zu und schüttelte ihm herzlich die Hand. „Wie schön, dass Sie gekommen sind, Professor Blackwell. Ich bin sehr froh, dass Sie sich bereit erklärt haben, Ihre kostbare Zeit unserem Projekt zu widmen.“

Ein Ausdruck freudiger Erregung trat in das Gesicht des alten Herrn. „Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Euer Hoheit. Diese Konferenz ist für mich der Höhepunkt des Jahres.“

„Darf ich Ihnen Herrn Alois von Dietrich, meinen Privatsekretär, vorstellen?“, fuhr Sebastian fort. „Ich nehme an, Sie haben schon Kontakt miteinander gehabt.“

Der Professor nickte und bot Sebastian und seinem Sekretär einen Platz auf den bequemen Sesseln am Fenster an. „Gewiss, gewiss. Aber rechnen Sie bitte noch nicht fest mit mir, denn wie Sie sicherlich wissen, hatte ich eigentlich geplant, schon nächsten Monat in Rente zu gehen.“

Sebastian setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Ja, das ist mir bekannt, aber ich bin davon überzeugt, dass Sie von dieser Entscheidung Abstand nehmen, wenn Sie erst einmal einen tieferen Einblick in unser Projekt gewonnen haben.“

„Tja, das befürchte ich auch“, erwiderte der Professor lachend. „Die Geschichte des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts ist nämlich meine größte Leidenschaft – eine ungesunde Obsession, wie meine Frau zu sagen pflegt.“

Sebastian stimmte in sein Lachen ein. „Da hat Ihre Frau sicher recht – aber was wären wir Menschen ohne unsere Leidenschaften!“

Marianne saß in Professor Blackwells Zimmer und trank nervös ihren Tee. „Warum hast du mir denn nicht schon früher gesagt, dass du für Fürst Sebastian von Andovaria arbeiten willst?“, fragte sie den alten Herrn. Das also war Sebastians privater Besuch gewesen.

Peter Blackwell schob sich genüsslich einen Keks in den Mund. „Weil ich noch keine Gelegenheit dazu hatte. Ich habe den Fürsten erst heute Morgen persönlich kennengelernt. Gestern Nachmittag konnte ich nur mit seinem Privatsekretär sprechen.“

Marianne runzelte die Stirn. „Und du denkst wirklich ernsthaft daran, dieses Projekt in Andovaria anzugehen?“

„Natürlich, wer könnte ein solches Angebot ausschlagen?“ Peter aß einen weiteren Keks. „Ich weiß, was du jetzt denkst, aber überlege mal, Marianne – das ist die Chance meines Lebens. Wenn die Erläuterungen des Fürsten den Fakten entsprechen, wovon ich schwer ausgehe, dann hat es seit Jahrzehnten keinen vergleichbaren Fund gegeben.“

Marianne schwieg beklommen, während der Professor seine Tasse leer trank und schließlich aufstand. „Stell dir nur mal vor, welch faszinierende Dinge uns dort erwarten. So etwas kann man sich doch nicht entgehen lassen!“

„Hast du ihm auch gesagt, dass du nur wenige Wochen vor deiner Pensionierung stehst?“

Der Professor schüttelte unwirsch den Kopf. „Das tut doch jetzt nichts zur Sache. Und Eliana wird sicher Verständnis dafür haben, wenn ich …“

„Das wird sie nicht, Peter. Du weißt so gut wie ich, dass du deine Arbeit schon längst aufgegeben hättest, wenn es nach ihr gegangen wäre.“

Der alte Herr setzte sich wieder hin und nahm Mariannes Hand. „Sieh mal, Marianne, das hier ist etwas, worauf ich mein ganzes Leben lang gewartet habe. Und du musst mir helfen, Eliana davon zu überzeugen, dass ich dieses Angebot nicht einfach in den Wind schlagen kann.“

In den Augen des alten Herrn lagen so viel Hoffnung und Zuversicht, dass Marianne es einfach nicht fertigbrachte, ihn zu enttäuschen. Sie wusste genau, wie sehr er sich wünschte, dieses Projekt durchzuführen, und wie sehr er dabei auf ihre Hilfe angewiesen war.

„Weiß der Fürst über deine gesundheitlichen Probleme Bescheid?“, fragte sie sanft, obwohl sie den Professor nur ungern an seine Augenerkrankung erinnerte. Peter Blackwell war der warmherzigste und großzügigste Mensch, den sie kannte, und sie würde alles tun, um ihm zu helfen. „Du siehst einfach nicht mehr gut genug, um diese Arbeit durchzuführen, und deshalb solltest du unbedingt einen Spezialisten zur Unterstützung heranziehen.“

Der Professor drückte aufmunternd ihre Hand. „Den habe ich doch schon, Marianne, nämlich dich. Ich habe dem Fürsten bereits mitgeteilt, dass ich eine äußerst fachkundige und kompetente Kollegin mitbringen würde.“

„Aber Peter, für ein solches Projekt bin ich noch viel zu unerfahren“, wandte Marianne ein, obwohl sie sich sehr geehrt fühlte, dass der Professor so viel Vertrauen in sie setzte. „Es wird noch Jahre dauern, bis ich in der Lage bin, dich bei einer solchen Arbeit zu unterstützen.“

„Du solltest dein Licht nicht unter den Scheffel stellen, Marianne. Trotz deines zarten Alters von achtundzwanzig Jahren verfügst du über eine Menge Fachkompetenz, besitzt einen scharfen Verstand und bist hoch motiviert. Glaube mir, wir beide sind das perfekte Team.“ Peter stand auf und wischte sich die Kekskrümel von der Hose. „Aber wir wollen natürlich nichts überstürzen. Zuerst sehen wir uns die Fotos an, von denen der Fürst gesprochen hat, und dabei brauche ich dich und deinen scharfen fachmännischen Blick. Und nach dem gemeinsamen Dinner besprechen wir dann alles gründlich, einverstanden?“

Marianne sah ihn verwundert an. „Welches Dinner?“

„Oh, hab ich dir das nicht gesagt?“ Peter griff sich an die Stirn. „Das muss ich wohl vergessen haben. Fürst Sebastian hat uns beide für heute Abend zum Dinner im Randall Hotel eingeladen. Um acht Uhr.“

Marianne war im ersten Moment sprachlos. Sie sollte an einem Dinner mit Sebastian teilnehmen? „Was … was soll ich denn dort? Ich meine, ich bin doch nur …“

„Du bist meine Assistentin, die unentbehrlich für mich ist“, nahm Peter ihr den Wind aus den Segeln. „Und es war für den Fürsten selbstverständlich, dich mit einzuladen.“

„Aber weiß er denn, wer ich bin? Ich meine, hast du ihm meinen Namen genannt?“

Professor Blackwell schüttelte nun etwas ungeduldig den Kopf. „Ich weiß nicht mehr genau, was ich gesagt habe, aber das spielt doch keine Rolle. Fürst Sebastian hat uns beide eingeladen, und dann gehen wir auch beide hin.“

Dazu sagte Marianne nichts mehr. Natürlich hatte Peter keine Ahnung, wie ihr zumute war, da er ihr trauriges Geheimnis nicht kannte, und so sollte es auch bleiben. Doch was war mit Sebastian? Wusste er, dass sie die Assistentin war, die der Professor mit zum Dinner brachte?

Peter tätschelte ihr nun väterlich die Wange. „Was machst du denn für ein Gesicht, mein Mädchen? Ich weiß ja, dass es aufregend für dich wird, mit einem echten Fürsten zu speisen, aber das wird alles halb so wild, du wirst schon sehen. Zuerst essen wir in aller Ruhe, und dann schauen wir uns gemeinsam die Fotos an, und erst danach treffen wir unsere Entscheidung, einverstanden?“

„Einverstanden“, stimmte Marianne zu, obwohl ihr alles andere als wohl bei der Sache war. Denn wie Professor Blackwell sich entscheiden würde, konnte sie sich jetzt schon denken.

2. KAPITEL

Marianne stand vor dem großen Wandspiegel in ihrem Hotelzimmer und betrachtete sich kritisch von allen Seiten. Das hochelegante weinrote Seidenkleid, das ihre weiblichen Formen sanft umschmeichelte, stand ihr wirklich ausgezeichnet, und doch fühlte sie sich nicht ganz wohl in ihrer Haut. Hätte sie sich doch nur nicht auf dieses Dinner mit Sebastian eingelassen! Stattdessen hätte sie gleich ihren Koffer packen und sich in den nächsten Zug zurück nach Cambridge setzen sollen.

Aber sie hatte es nicht getan, und diese Entscheidung hatte sie nicht ausschließlich deshalb getroffen, weil sie Peter nicht enttäuschen wollte. Nein, Marianne wollte Sebastian zeigen, dass sie nicht mehr das junge naive Mädchen von damals war, das er in Frankreich hatte sitzen lassen. Kurz entschlossen hatte sie eine der elegantesten Londoner Boutiquen aufgesucht und sich dieses atemberaubende Kleid gekauft.

Doch während sie nun vor dem Spiegel stand, war sie sich ihrer Sache gar nicht mehr so sicher. Glaubte sie tatsächlich, den Fürsten von Andovaria allein durch ein extravagantes Kleid beeindrucken zu können? Sicher war er es gewohnt, von Schönheiten aus ganz Europa umringt zu sein, denen sie, Marianne, an Eleganz und Attraktivität nicht das Wasser reichen konnte.

Sebastian Rodier … ihre große Liebe. Marianne öffnete ihr Nachtschränkchen und nahm einen kleinen Gegenstand heraus. Es war eine goldene Kette mit einem herzförmigen Medaillon als Anhänger. Marianne umschloss das Schmuckstück fest und drückte es innig ans Herz. Ja, sie würde Peter zu diesem Dinner begleiten, auch wenn das Wiedersehen mit Sebastian noch so schmerzhaft für sie sein würde. Peter zuliebe würde sie sich zusammennehmen und so tun, als könne die Vergangenheit ihr nichts mehr anhaben …

„Marianne, bist du fertig?“, ertönte seine Stimme nach einem kurzen Klopfen.

Marianne ließ das Medaillon rasch wieder in der Schublade verschwinden, dann legte sie sich die edle Seidenstola um, die sie zusammen mit dem Kleid gekauft hatte, und öffnete die Tür.

„Donnerwetter, du siehst aber toll aus!“, verlieh der Professor seiner Begeisterung sofortigen Ausdruck. „Eliana hat sich schon Sorgen gemacht, dass du nichts Passendes zu einem solchen Anlass dabeihaben könntest, aber ich wusste ja, dass meine Assistentin wirklich an alles denkt!“

Marianne lachte und hütete sich davor, dem Professor zu verraten, dass sie das Kleid gerade erst gekauft hatte. Und wenn Peter es so toll fand, dann konnte sie vielleicht doch hoffen, dass sie Sebastian darin gefallen würde.

„Bist du auch so aufgeregt wie ich?“, fragte Peter unvermittelt. „Wenn das Projekt wirklich so umfangreich ist, wie der Fürst sagt, dann werde ich wohl all meine anderen Projekte vorerst auf Eis legen müssen, um mich ganz den Schätzen Andovarias zu widmen.“

„Nur nicht so voreilig“, ermahnte Marianne den alten Herrn lächelnd und hakte sich bei ihm unter, während sie zum Aufzug gingen. „Du solltest nicht vergessen, dass du kurz vor deiner Pensionierung stehst und eigentlich vorhattest, dich endlich mehr deiner Familie zu widmen.“

„Ich weiß, ich weiß, aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt.“ Peter zog ein kleines Blatt Papier aus der Jacketttasche und faltete es auseinander. „Alois von Dietrich, der Privatsekretär des Fürsten, hat mich bereits über alles aufgeklärt, worauf man bei einem solchen Dinner achten muss. Vor allem ist es wichtig, das fürstliche Protokoll einzuhalten. Aber es ist nicht halb so kompliziert, wie ich befürchtet habe, und außerdem scheint der Fürst keinen allzu großen Wert auf all diesen zeremoniellen Hokuspokus zu legen.“

Marianne atmete tief durch, als sie den Lift betraten. Das fürstliche Protokoll – daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Wie sollte sie sich Sebastian gegenüber denn verhalten? Erwartete er vielleicht von ihr, dass sie ihn mit einem Knicks begrüßte?

„Ich glaube, ich habe jetzt alles im Kopf“, meinte der Professor zufrieden, als die Aufzugtüren sich öffneten, und steckte den Zettel wieder in die Tasche. „Los geht es mit der ersten Begegnung: Zuerst sprechen wir den Fürsten mit ‚Eure Hoheit‘ an, und danach dürfen wir mit einem simplen ‚Sir‘ fortfahren.“

Marianne runzelte die Stirn. Wie, in aller Welt, sollte sie es schaffen, einen Mann mit „Eure Hoheit“ oder „Sir“ anzusprechen, den sie vor Jahren leidenschaftlich geliebt hatte?

Warten, bis der Fürst die Hand zur Begrüßung reicht … warten, bis der Fürst die Konversation beginnt“, murmelte Professor Blackwell vor sich hin, während sie zum Taxistand gingen. „Es muss einem mit der Zeit doch schrecklich auf die Nerven gehen, wenn man ständig mit ‚Eure Hoheit‘ angesprochen wird. Ganz zu schweigen von all den Verbeugungen und Knicksen, die man sich andauernd ansehen muss.“

Ich denke gar nicht daran, einen Knicks vor ihm zu machen, beschloss Marianne ärgerlich. Sebastian mit „Sir“ anzusprechen würde sie gerade noch so über sich bringen, aber vor einem Mann in die Knie zu gehen, der sie gedemütigt hatte, war für sie undenkbar.

„Eine kurze Neigung mit dem Kopf wird sicherlich auch genügen“,

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