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Geld oder Liebe

»Das sicherste Mittel, arm zu bleiben,
ist ein ehrlicher Mensch zu sein.«

Napoléon Bonaparte 1769–1821

Die Villenbewohner

Mimi Varelli, ehemaliger Operettenstar, mit dem Vornamen der Hauptfigur aus La Bohème. Eine echte Diva mit rosa getönten Haaren, irgendwo zwischen 60 und 70, die ihr wahres Alter aber geheim hält, gerne im Negligé durch die Villa huscht und nach dem Tod ihres Fast-Ehemannes und Besitzer der Seniorenvilla vor einem unlösbaren Problem steht.

Roderich von Haidlbach, 75, ehemaliger Theaterregisseur, langjähriger schwuler Freund und Weggefährte von Mimi, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Er ist zwar schon lange in Rente, kann es aber nicht lassen, immer und überall die Regie zu übernehmen.

Margot Thurau, 66, ehemals Besitzerin eines Schreibwaren- und Zeitschriftenladens und Mimis attraktive, aber leicht mollige Cousine, die eine Begabung für Zahlen hat und ständig essen muss. Vor allem in stressigen Situationen.

Penelope Fischer, 69, genannt Pistolen-Penny, Witwe eines Jägers und dreifache Schützenkönigin mit Unterschenkelprothese am rechten Bein. Trägt gerne selbst erlegte Pelzkrägen, ist jederzeit bereit, sich in gefährliche Abenteuer zu stürzen und ihre Schießkünste anzubieten.

Wastl Liebknecht, 70, Ex-Amateur-Boxchampion, jetzt Hausmeister in der Seniorenvilla. Er kümmert sich um die Haustechnik, den Garten und fungiert auch mal als Butler. Durch die vielen Schläge auf den Kopf hat sein Sprachvermögen gelitten.

Rollstuhl-Rudi, 75, gelähmter Stuntman. Er ist ironischerweise nicht durch einen missglückten Stunt im Rollstuhl gelandet, sondern durch einen rasenden Ferrari. Fürchtet sich seitdem vor »fliegenden Autos«, geht nie ohne Helm aus dem Haus und hält Gevatter Tod für einen absoluten Stümper. Trotz seiner Behinderung ist er ein Frauenheld geblieben und hat ein Auge auf Hanne geworfen.

Hanne, 67, Maskenbildnerin und Friseurin in Rente, schneidet allen Bewohnern der Seniorenvilla die Haare und spart die Trinkgelder für eine Schönheitsoperation.

Erika, 69, pensionierte Drehbuch- und Theaterautorin, hat vor kurzem das Rauchen aufgegeben und treibt seitdem ständig Sport.

Herlinde, 72, ehemalige Souffleuse, die nie ohne Strickzeug anzutreffen ist.

Walther, 73, ehemaliger Pressefotograf, der von Mimi nur die vorteilhaftesten Fotos an die Medien weitergegeben hat.

1

»Wo ist Igor?«

»Da unten im Sarg!«

»Ist er tot?«

»Ja, beim Sterben ums Leben gekommen.«

»Aber ich habe ihn doch gestern noch gesehen.«

»Tja, so schnell kann’s gehen. In unserem Alter sollte man eben höllisch aufpassen, wohin man tritt, sonst …«

»Heute rot, morgen tot!«

Stünde ich nicht vollkommen aufgelöst und von Freunden und Bekannten umringt auf einem Friedhof, würde ich mir vorkommen wie bei der Premiere eines grotesk surrealen Theaterstückes, in dem jemand einen Kranz hinter sich wirft wie den Hochzeitsstrauß, um zu sehen, wer der Nächste ist. Passen würde es, schließlich ist heute der 1. April.

Aber ich starre mit von Tränen verschwommenem Blick tatsächlich in Igors Grab. An sich würde die Szene einer vollkommen normalen Beisetzung gleichen, mit Blumengebinden, Kränzen und Gestecken, hätten nicht alle Trauergäste ein Glas Wodka in der einen Hand und in der anderen ein Stück Brot. Ein unbeteiligter Zuschauer würde vermutlich auch über Roderich schmunzeln: Ein alter Mann in buntgemustertem Samtmantel und grünen Cowboystiefeln, der sich unablässig das durch den Wind verrutschende Toupet zurechtrückt. Ebenso würde er sich wahrscheinlich fragen, was mit dem Mann im Rollstuhl los ist, dessen feuerroter Fahrradhelm wie eine einsame rote Blume aus der schwarz gekleideten Menge herausleuchtet. Er könnte Pistolen-Pennys schmerzverzerrte Miene über dem mottenzerfressenen Silberfuchskragen als einen Ausdruck ihrer Trauer deuten, weil er nicht wüsste, dass ihre Beinprothese bei längerem Stehen unangenehm drückt. Und beim Anblick des grimmig dreinblickenden Wastl mit der platten Boxernase und den türbreiten Schultern, würde er vermutlich auf die Beisetzung einer Unterweltgröße tippen. Die kleine Gruppe bulliger Herren mit Pokerface, Sonnenbrillen und schwarzen Hüten könnte diesen Verdacht erhärten, genauso wie der idyllische Friedhof mit Seeblick und romantischer Zwiebelturmkirche. Nur Alteingesessene werden noch auf diesem exklusiven Gottesacker bestattet. Am Starnberger See klingt »Sozialwohnung« mittlerweile wie ein Fremdwort, und Normalverdiener müssten einen Bankraub begehen, um hier wohnen oder sogar ein Haus erwerben zu können.

Die Unterwelt-Vermutung wäre also nicht von der Hand zu weisen. Aber Igor war kein Gangster, obwohl auch ich anfangs nicht wusste, was ich von ihm halten sollte. Zumindest war er mir ziemlich suspekt. Nur optisch fand ich ihn sofort äußerst sympathisch, vor allem sein Kinngrübchen hatte es mir angetan. Er selbst hasste es, bezeichnete es gerne als Einschussloch, und brachte mich damit zum Lachen. Mein über alles geliebter russischer Kuschelbär war eine außergewöhnliche Mischung aus Kabarettist und Kalaschnikow. Allein sein erster Auftritt in meinem Leben war bühnenreif.

Es war vor neun Jahren in München, am Abend der letzten Vorstellung der Operette Die Csárdásfürstin. Ich hatte die Titelrolle gesungen und rauschende Ovationen erhalten. Erschöpft begab ich mich nach dem letzten Vorhang in meine Garderobe, wo ich neben vielen Blumensträußen einen Brief in einem blassblauen Kuvert vorfand. Darin versicherte mich Igor Komarow seiner glühenden Verehrung und bat höflich, von einem Unwürdigen ein winzig kleines Geschenk anzunehmen. Es würde vor dem Bühnenausgang auf mich warten. Kopfschüttelnd legte ich die Nachricht zur Seite. Üblicherweise wurden kleine Aufmerksamkeiten direkt nach der Vorstellung überbracht oder auf die Bühne geworfen, aber nicht großartig angekündigt. Ich trank mit den Kollegen ein Gläschen Champagner auf unseren Erfolg und vergaß den Brief. Es dauerte eine Weile, bis ich die Csárdásfürstin abgelegt, mich wieder in Mimi Varelli verwandelt hatte und das Theater über den Bühnenausgang verließ. Getarnt mit dunkler Diven-Brille beabsichtigte ich wie jeden Abend die paar Meter zum Taxistand zu laufen, um etwas frische Luft zu schnappen. Doch es schüttete wie aus einer Regenmaschine und ich wollte schon kehrtmachen, als jemand mit einem Schirm aus dem Dunkel auftauchte. Überrascht schrak ich zusammen, erkannte dann aber unseren jungen Saaldiener aus dem Theater. »Ich begleite Sie zum Wagen, gnädige Frau«, sagte er höflich. Ich wandte ein, dass ich zwar keinen bestellt hätte, er aber genau zur richtigen Zeit käme, und ließ mich gut beschirmt zur Straße führen. Statt eines Taxis erwartete mich jedoch eine weiße Stretchlimousine. »Bitte«, sagte mein Begleiter, und noch bevor ich etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür. In einem Meer aus blassrosa Rosen saß Igor und strahlte mich aus leuchtend blauen Augen an. Mit seinem blonden Haar, den ergrauten Schläfen und dem hellen Anzug hatte er eine verblüffende Ähnlichkeit mit Peter Ustinov in Mord im Orient-Express. Allerdings ohne Schnurrbart. Ich habe mich auf Anhieb in ihn verliebt.

»Wenn ich nicht bald den Wodka trinken und das Brot essen darf, werde ich grantig.«

Die Stimme von Margot, meiner Cousine, drängt sich in meine schmerzhaften Erinnerungen.

»Die Zeremonie ist gleich zu Ende«, flüstere ich ihr zu.

»Mir ist kalt«, setzt sie mürrisch nach.

Ich spüre weder Hunger noch Kälte, fühle mich einfach nur hundeelend und bin kurz davor, mich zu Igor ins Grab zu stürzen. Aber Margot könnte recht haben, für April scheint es ungewöhnlich kalt zu sein: Ein schneidender Wind treibt vereinzelte Schneeflocken vor sich her. Sibirisch sozusagen. Igor hätte das scheußliche Wetter gefallen. Er hätte sogar gewollt, dass am Tag seiner Beerdigung schwere dunkle Wolken die Szenerie verdüstern. Dass der Himmel weint, wenn Igor Komarow uns verlässt. Er hätte darauf bestanden, dass sämtliche Schleusen aufgedreht werden. Und zur dramatischen Verstärkung des russisch-orthodoxen Bestattungsrituals hätte er auch noch Donner und Blitz bestellt, als eine Art überirdischen Applaus. Seine russische Seele hatte keine Angst vor Kitsch. »Der Mensch braucht rosarote Träume wie der Künstler das Publikum und den Applaus«, hat er immer gesagt, wenn ich mit einer allzu schwülstigen Inszenierung haderte. Logisch, dass Igor seine »letzte Vorstellung« genau geplant hat. Wie alles in seinem Leben. Er glaubte nicht an Schicksal oder Zufälle. »Das ist mein Leben, und ich bestimme, wo es langgeht«, war sein Motto. Er hatte für alles einen Plan. Für seine Geschäfte und auch für meine Eroberung. Und in den letzten Jahren für die Villa, die wir zusammen in ein privates Seniorenheim umgestaltet haben. Keines, in dem alte Menschen mit Pillen ruhiggestellt und Demenzkranke ans Bett gefesselt werden. Wir wollten ein würdiges Zuhause für uns Oldies schaffen, in dem mündige Bewohner sich selbst um ihre Räume kümmern, miteinander kochen und waschen, aber in Krankheitsfällen auch versorgt werden. Ihm schwebte ein Haus vor, in dem die Bewohner ihre Ideen frei äußern, Haus und Garten mitgestalten können und nicht zur Tatenlosigkeit verdammt sind. Ein Heim, das von jedem als Zuhause und nicht als letzte Station vor dem Tod empfunden wird. Ein bewundernswertes Vorhaben, bei dem ich ihn nur zu gerne unterstützt habe. Nach jahrzehntelangen Theatertourneen in kollegialer Gesellschaft war es für mich undenkbar, im Alter allein oder nur zu zweit zu leben. Igor und mich verband nicht nur unsere Liebe, sondern auch der gemeinsame Plan für die Seniorenvilla. Dass uns der Tod einen dicken Strich durch die Rechnung machen könnte, damit haben wir beide nicht gerechnet.

Die Sängerin stimmt ein Duett mit dem Popen an. Auf Russisch, versteht sich. Keine andere Sprache ist so voller Melancholie, Trauer und Wehmut. Und wer bisher noch keine Tränen vergossen hat, der tut es spätestens jetzt. Ich habe seit Igors Tod vor drei Tagen ununterbrochen geweint, kaum eine Stunde geschlafen und mit dem Schicksal gehadert. Hinzu kommt noch die Sorge, was nun aus mir und meinen Freunden wird. Wie geht es mit dem Seniorenstift weiter? Mit welchen Mitteln soll ich Igors Vermächtnis erfüllen?

»Tolle Show!«, flüstert der Fotograf eines Boulevardblatts, der mich aus Karrierezeiten kennt.

Er hält sein Objektiv direkt auf den Popen, der nun eine große weiße Kerze am Grab entzündet und anschließend das goldene Weihrauchgefäß in rhythmischen Bewegungen schwenkt. Gemäß dem Ritual wird er nach einem letzten Gebet um das Grab laufen, begleitet vom würzigen Duft des verbrennenden Harzes. Nach orthodoxem Brauch soll die Flamme während der Umrundung verlöschen, erst dann hat uns Igor verlassen.

»Geht’s schon los? Ich kann nichts sehen. Schiebt mich mal jemand an die Bühne.« Das war Rollstuhl-Rudi, unser Stuntman in Rente. Ironischerweise ist Rudi nicht durch einen missglückten Stunt im Rollstuhl gelandet, sondern verdankt seine schwerwiegende Rückradverletzung einem rasenden Ferrari. Seitdem fürchtet er sich vor »fliegenden Autos«, geht nie ohne Helm aus dem Haus und hat ein sarkastisches Verhältnis zum Sterben. Er hält Gevatter Tod für einen absoluten Stümper, der seinen Job nicht versteht. Ich bin ganz seiner Meinung, sonst hätte er Igor niemals so abrupt aus dem Leben gerissen.

Murmelnd läuft der Pope die zweite Runde um das offene Grab. Wirkungsvoll flattert sein langer schwarzer Mantel im Wind. Betörende Weihrauchwolken hüllen uns ein. Doch die Flamme der Kerze flackert nur leicht.

Der Pope erhöht das Tempo. Schneeflocken wirbeln auseinander. Die Kerze brennt weiter. Runde drei. Das Murmeln wird lauter, ungeduldiger, beinahe zornig.

Igor will nicht gehen, denke ich und einige Sekunden später, nach einem letzten Aufflackern, verlöscht die Kerze. Ein feiner, zarter Rauchfaden wirbelt nach oben und tanzt mit den Schneeflocken davon. Igor ist gegangen.

Nun doch aufschluchzend angle ich ein Tütchen mit Schwarzer Erde aus der Manteltasche. »Das ist Heimaterde aus Odessa«, sagte Igor, als er mir an seinem Fünfundsiebzigsten Geburtstag vor einem Jahr das Tütchen überreichte und unbedingt mit mir über seine Beerdigung sprechen wollte. »Die musst du auf meinen Sarg streuen.« Ich taumele nach vorne, um ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Wie soll ich das Leben ohne ihn aushalten? Wie die Tage ohne seine Fröhlichkeit überstehen? Wie die Nächte, ohne seine Nähe, seine Liebe. Plötzlich höre ich ihn lachen: »Verschwende deine Zeit nicht mit Grübeln, meine süße Mimi, verschwende sie an das Leben«. Das hat er immer gesagt, wenn ich mal wieder zu viel nachdachte.

Eine opulente Trauerfeier war nicht geplant, ich wollte keine Gäste empfangen und endlose Beileidsbekundungen entgegennehmen. Ich wollte mich in mein Zimmer zurückziehen und trauern. Aber nun findet doch eine kleine Feier statt, es hat sich einfach so ergeben. Wegschicken wäre unhöflich gewesen, wo Igor doch so gerne Gäste hatte. Ungefähr sechzig Menschen versammeln sich nach der Bestattung in der Seniorenvilla. Die zehn Bewohner, das Personal und Igors Geschäftskunden. Wobei Letztere den größten Teil der Trauergemeinde ausmachen, obwohl ich sie alle nicht kenne.

Nachdem ich die Trauergesellschaft wie in Trance in den Salon geführt habe, begebe ich mich in die herrschaftliche Küche. Sie liegt im Souterrain, neben den Lagerräumen für Kaviar und Wodka. Mit diesen beiden Luxusgütern hat Igor im großen Stil gehandelt und vom Gewinn die rosa Villa am See unterhalten.

Trotz der halben Kellerhöhe kommt durch die nach Osten ausgerichtete Fensterreihe genug Licht in die Küche. Der Wirtschaftsraum verfügt über einen schönen alten schwarz-weißen Kachelbußboden und eine weniger schöne wackelige Einbauküche, die noch aus den späten Sechzigerjahren stammt, als Igor die Villa mit seiner damaligen Frau gekauft hat. Es existierte auch noch ein nostalgischer Herd, Baujahr 1915, dem Entstehungsjahr der Villa, der mit Holz beheizt werden kann. Inzwischen sieht jeder Halbblinde, dass eine Renovierung längst überfällig ist. Das einzige einwandfrei funktionierende Gerät ist der mächtige Gastronomie-Kühlschrank, den er gegen drei große Dosen echten Belugakaviar eingetauscht hat.

Igors liebte es, seine Gäste mit Luxusgütern zu verköstigen. Also frage ich unsere gertenschlanke bayrische Köchin, die er nicht zuletzt wegen ihres russischen Vornamens eingestellt hat: »Was meinen Sie, Tatjana, sollen wir Kaviar und Wodka servieren?«

»Frau Mimi!« Sie starrt mich entsetzt an. »In Anbetracht der Lage finde ich das unökonomisch …«

Sie hat nicht ganz unrecht, es grenzt an Snobismus. Der Kaviar-Vorrat ist auf fünf Ein-Kilo-Dosen geschrumpft. Dennoch stellen sie ein Vermögen dar, das wir dringend für die Unterhaltskosten der Seniorenvilla benötigen. Davon abgesehen bröckelt der Putz, der Außenanstrich ist überfällig und die Dachreparatur kann auch nicht länger aufgeschoben werden. Zudem sind die Wasserleitungen marode. Möchte man abends in ein Vollbad steigen, muss man morgens den Hahn aufdrehen. Nicht zu vergessen der Treppenlift. Er wurde nach Igors Hüftoperation eingebaut, da er beim Treppensteigen Probleme hatte. Dummerweise hat Igor ihn nur zum Hochfahren benutzt. Abwärts wollte er Laufen üben, um bis zu unserer Hochzeit wieder fit zu sein. Bei einer dieser »Übungen« ist er dann mit dem Stock abgerutscht und zu Tode gestürzt. Dass ich für dieses Ungetüm auch noch bezahlen muss, betrachte ich als Farce. Aber all das zählt nicht, denn Igors Trauerfeier soll ein würdiger Abschied sein und ihm gerecht werden. Es ist das Letzte, was ich für ihn tun kann.

»Ich denke, er würde es wollen«, sage ich zu Tatjana.

Sie antwortet nicht, öffnet stattdessen den Kühlschrank und dreht sich nach kurzer Inspektion wieder zu mir. »Ich empfehle Pumpernickel-Schnittchen mit scharfer Salami. Das passt ebenso gut zu Wodka. Obwohl ich finde, ein Gläschen Rotwein tät’s auch. Der Monat ist bald rum, dann benötigen wir jeden Cent, um die Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Es ist blanker Irrsinn, die Gesellschaft derart verschwenderisch zu bewirten.«

Aber ich kann Igors beste Geschäftskunden nicht mit Schnittchen und Rotwein abspeisen. »Vielleicht kommen wir auch mit einer Dose Kaviar aus«, entgegne ich, ohne wirklich dran zu glauben, denn sobald der Wodka in Strömen fließt, kommt der Appetit. Da ist eine Dose schneller ausgelöffelt, als die zweite geöffnet.

Eilige Schritte sind zu hören, und gleich darauf betritt Margot die Küche.

»Gibt’s bald Abendessen?«, fragt sie, während ihr Blick durch den Raum wandert und begierig an den Kaviardosen hängen bleibt. »Ich kann testen, ob die Ware noch in Ordnung ist.«

Reine Nächstenliebe ist nicht der Grund für ihr Angebot, eher ihr ständiger Hunger, der noch aus ihrer Zeit als alleinerziehende Mutter stammt. Ein Kind ohne Unterstützung großzuziehen ist kein Zuckerschlecken. Dazu noch für sein Studium zu sparen – ihrer Überzeugung nach war ihr Sohn ein überdurchschnittlich kluges Kind und würde auf jeden Fall studieren – glich einem Kunststück, das sie mit an Geiz grenzender Sparsamkeit geschafft hat. Danny hat Medizin studiert, wurde unser Hausarzt und ist natürlich Margots ganzer Stolz. Fehlt nur noch ein Enkelkind.

Die Tür fliegt auf und Roderich kommt hereinspaziert. »Erscheint« trifft es genauer. Roderich von Haidlbach, fünfundsiebzig Jahre alt, mit Preisen überhäufter Theaterregisseur im Ruhestand, seit Jahrzehnten mein bester Freund, Entdecker, künstlerischer Förderer und ebenfalls Bewohner der Villa. Er hat das Trauergewand abgelegt, trägt nun einen hellgrauen Anzug mit silberner Brokatweste, dazu ein rosa Hemd plus Einstecktuch und graue Cowboystiefel. Auch das Toupet sitzt bei Windstille tadellos. In dieser Aufmachung und einem Zylinder könnte er glaubwürdig Johannes Heesters geben.

»Ah, hier hast du dich verkrochen!« Schnaufend befördert er den unvermeidlichen Seidenschal, ebenfalls in Rosa, in einer fließenden Bewegung über die Schulter. »Mimmiii, die Volksseele trauert. Sie verlangt nach Trost in doppelter Hinsicht. Wodka und meine Rede werden sie aufrichten. Du als lustige Witwe willst doch sicher dabei sein.« Er wedelt mit den Händen. Eine Bewegung, die mich zur Eile antrieben soll.

Von wegen Witwe! Höchstens Beinahe-Witwe. Unsere Heirat war für den Sommer geplant. Genau das könnte zum Problem werden. Ich weiß zwar, dass Igor weder Familie noch Verwandte hatte, aber nicht, wem er die Villa vermachen wollte, oder ob ein Testament existiert. Ihn danach zu fragen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich habe ihn geliebt, liebe ihn immer noch und dachte weder an seinen Tod noch an Erbschaft. Sein Geld war mir egal. »Na los, Teuerste«, treibt Roderich mich erneut an. »Alle ersehnen deinen Auftritt.«

»Roddy, mein Lieber, du verwechselst die Realität mal wieder mit einer Operetteninszenierung«, erinnere ich ihn. »Leider spielen wir nicht mehr Theater. Was ich heute zutiefst bedauere. Dann würde ich nämlich den Ausgang der Geschichte kennen.«

Er breitet die Arme aus, als stünde er an einem Rednerpult. »Ach was, du bist immer noch ein Star! Dein Make-up ist makellos, die Doppellage künstlicher Wimpern verleihen dir einen melancholischen Blick und das kleine Schwarze von Chanel mit den Perlen passt großartig zu deinem rosa schimmernden Blondhaar. Also los, ab mit dir auf die Bühne, man darf sein Publikum nicht warten lassen.«

Seufzend ergebe ich mich. Mein lieber Freund und Weggefährte kann es einfach nicht lassen, die Regie an sich zu reißen. Ich bitte Tatjana, den Kaviar doch zu servieren. Dann ergreife ich das Tablett mit den Gläsern. Margot schnappt sich drei Flaschen Wodka, und gemeinsam folgen wir Roderich, der im Stechschritt voraneilt.

Im Salon herrscht gedämpfte Atmosphäre. Einige Gäste haben sich auf Sofas und Sessel verteilt. Der Rest steht in kleinen Grüppchen zusammen. Allgemeines Gemurmel füllt den Raum, aus einzelnen Gesprächsfetzen entnehme ich, dass die Trauergäste über Igor sprechen.

»Eine prachtvolle Inszenierung in feudaler Umgebung«, flüstert mir Roderich verzückt ins Ohr. »Wirklich angemessen für einen spendablen Mann wie Igor.«

Ja, bei flüchtiger Betrachtung verdient der hallenartige Salon mit dem Jugendstilkamin die Bezeichnung feudal. Die schadhaften Stellen an den Sitzgelegenheiten fallen in der tiefstehenden Nachmittagssonne kaum auf. Auch der abgeblätterte Anstrich von Fenstern, Türen und die angeschmutzten Wände scheinen beabsichtigt. Ganz im angesagten Shabby-Chic-Einrichtungsstil. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor, und auf dem noch ansehnlichen Parkett tanzen die Schatten dreier Kentia-Palmen. Das doppeltürige Flügelfenster zur Terrasse steht halb offen und lenkt den Blick vorbei am langsam erwachenden Garten hinunter zum ruhigen See. Zusammen mit den vorwiegend älteren Menschen wirkt die Szenerie wie ein verstaubtes Gemälde. Doch es ist auch mein Zuhause, in dem ich mit meinem geliebten russischen Kuschelbär glücklich war. Ich sehe uns Arm in Arm auf der Gartenbank die Frühlingssonne genießen, im Sommer bei Grillabenden und im Winter vor dem brennenden Kamin. Nie wieder werde ich seine Nähe spüren, über seine Scherze lachen oder mich einfach nur bei ihm geborgen fühlen. Die traurige Gewissheit raubt mir die Luft zum Atmen.

»Wir trinken auf Igor!«

Roderich drückt mir ein Glas in die Hand und holt mich zurück in die schäbige Gegenwart. Während ich wie paralysiert am Türrahmen lehne, hat er gemeinsam mit Wastl die Gläser gefüllt und an die Gäste verteilt.

Wastl brummt: »Igor Komarow!«, worauf von allen Seiten Nastrovje! ertönt.

Es folgt eine zweite Runde, und erst bei der dritten klopft Roderich mit dem goldenen Siegelring ans Glas. Selbiger untermauert seine »adelige Herkunft«. Dass der Ring vom Flohmarkt stammt, und er das »von« nur eingefügt hat, weiß außer mir niemand. Für seine Rede hat er sich die Stirnseite des Raums ausgesucht, direkt vor dem Kamin, der wirksamste Platz für eine Ansprache. Zumal uns von dort auch Igor aus einem silbernen Rahmen entgegenlacht. »Freunde!«, hebt Roderich mit feierlichem Tenor an. »Wir haben uns hier versammelt, um einen großen Mann zu ehren. Lasst uns ein letztes Glas auf das Wohl unseres Gönners trinken und ihm eine gute Reise wünschen. Er ist an einen anderen Ort vorausgegangen, aber sein Geist und sein Esprit werden immer bei uns sein. Farewell, Igor Komarow!«

Murmelnd wiederholen die Anwesenden den Wunsch und kippen anschließend den Wodka auf ex.

Ich war noch nie besonders trinkfest, weshalb ich nach dem dritten Glas leicht beschickert bin. Womöglich liegt es auch an meinem leeren Magen. Außer einem halben trockenen Toastbrot heute Morgen habe ich nichts gegessen. Trotzdem bin ich nicht mehr ganz so verzweifelt wie noch vorhin am Grab. Wodka scheint doch ein Lebenswässerchen zu sein, wie die Russen es nennen.

Roderichs vernehmbares Räuspern lässt das letzte Flüstern verstummen. »Ich erinnere mich noch sehr genau, als Igor und ich uns zum ersten Mal auf einer Premierenfeier begegneten«, beginnt er. »Ich wusste, dieser rundliche blonde Mann mit der Ausstrahlung eines Bären war Mimis neuer Verehrer und mir allein deshalb sofort sympathisch. Doch er blitzte mich eifersüchtig an und drückte meine Hand so fest, als wollte er mir alle Knochen brechen. Erst als ich ihm meinen damaligen Liebhaber vorstellte und klarmachte, dass ich schwul bin, hat er mich herzlich umarmt und geküsst.« Roderich legt eine kleine dramatische Pause ein und blickt in die Runde.

In Erinnerung an diesen Moment füllen sich meine Augen erneut mit Tränen. Igors Eifersucht fand ich ebenso schmeichelhaft, wie ich von seinen romantischen Komplimenten hingerissen war. Er nannte mich die ›Sonne seines Lebens‹.

Roderich räuspert sich erneut von Rührung ergriffen. »Ab da zählte er mich zu seinen engsten Freunden, denn Mimis Freunde waren auch seine«, fährt er schließlich fort. »Viele der Anwesenden können das sicher bestätigen?«

Neben mir zieht Margot die Nase hoch. Auch sie kann ihre Emotionen nicht mehr zurückhalten und schluchzt hemmungslos.

»Um unsere neue Freundschaft zu besiegeln, lud er mich zu einer Kaviar-Verkostung ein, was allein schon ungewöhnlich genug war«, erzählt Roderich weiter. »Als er mich später durch die unzähligen Zimmer der Villa führte, war ich einfach nur sprachlos. Freunde, ihr wisst, wie schön es hier ist.« Er streckt die Arme vor und breitet sie langsam aus. »Es gibt wohl kaum einen schöneren Ort, um alt zu werden. Und genau das habe ich Igor gesagt, worauf er mich einlud einzuziehen, da die Villa reichlich Platz böte.«

Margot nickt mir mit rotverheulten Augen zu.

Ja, auch sie kann Igors Großzügigkeit nur rühmen. Ich sehe sie noch wie gestern vor mir, als sie mit drei Koffern und fünf Umzugskisten in der Villa ankam. Sie hatte ihren kleinen Zeitungs- und Schreibwarenladen nahe der Münchner Universität schließen und auch aus der dazugehörigen Wohnung ausziehen müssen. Danach war sie in eine winzige Bruchbude am Stadtrand gezogen. Etwas Größeres, geschweige denn Komfortableres, wäre bei ihrer Minirente nicht drin gewesen. Als ich es erfuhr und Igor erzählte, bestand er darauf, dass Margot bei uns einzog. Für eine lächerliche Kostenbeteiligung von 100 Euro. Familie müsse zusammenhalten, sagte er, außerdem gäbe es in der Villa zu viele ungenutzte Zimmer. Damals entstand die Idee, das Haus zu einem Seniorenheim für Freunde und Verwandte umzugestalten.

»Von dem Tag an lud Igor mich regelmäßig ein«, berichtet Roderich weiter. »Nicht nur zu Kaviar und Wodka, nein, er nahm mich zu Boxkämpfen mit, zu denen uns auch Wastl begleitete. Wo bist, alter Spezl?« Suchend hält er Ausschau nach dem Ex-Boxer und winkt ihm dann zu.

Wastl hat sich breitbeinig an einer Wand postiert, als fürchte er, jeden Moment umzukippen. Sebastian Liebknecht, ehemaliger Amateur-Boxchampion, nicht das hellste Licht am Kronleuchter, aber seit zwanzig Jahren ein zuverlässiger Hausmeister und Mädchen für alles, erhebt sein Glas. Über sein knautschiges Gesicht laufen dicke Tränen, und mit sichtbar letzter Beherrschung kippt er den Wodka auf ex. Danach knallt das Glas mit voller Kraft aufs Parkett. »Für Igor!«

Seine Geste animiert zur Nachahmung, und binnen weniger Minuten ist der Fußboden mit Scherben bedeckt. Ich bin sicher, Igor hätte begeistert geklatscht. Aber unsere beiden Putzmädels starren entsetzt auf den Scherbenteppich, dem die Nachmittagssonne ein paar wirkungsvoll-glitzernde Lichtpunkte aufsetzt. Nachdem auch das letzte Glas zu Bruch gegangen ist, beginnen die mir unbekannten Geschäftsfreunde rhythmisch zu klatschen. Sekunden später fängt der erste an zu singen. Das russische Lied klingt dermaßen todtraurig, dass einige Gäste hemmungslos schluchzen, andere wiegen sich langsam im Takt und dann wird plötzlich getanzt. Auf den Glasscherben! Das trockene Knirschen auf dem alten Parkett und die Erkenntnis, den antiken Holzboden vermutlich rausreißen zu müssen, löst bei mir einen Weinkrampf aus.

Pistolen-Penny kommt angestakst und legt tröstend ihren Arm um meine Schultern. »Weine nur, Mimi, wir werden Igor immer in liebevoller Erinnerung behalten und ihn niemals den Tod des Vergessens sterben lassen«, flüstert sie mir zu und seufzt solidarisch.

»Danke, Penny … aber … ich … weine nicht nur … um Igor …«, stammle ich schniefend.

Sie schaut mich verwundert an.

Wortlos deute ich auf den splitterbedeckten Fußboden, der vor wenigen Minuten bis auf ein paar Kaffeeflecken noch ganz passabel aussah.

»Ich könnte meine Pistole holen und die Nummer ganz schnell beenden.« Ihre Augen leuchten begehrlich auf.

Das fehlt mir gerade noch. »Lieb von dir, Penelope, aber das halte ich für höchst gefährlich.«

»Ach komm …«, bettelt sie förmlich. »Nur ein bisschen aus der Hüfte ballern, damit sie erschrecken. Ohne Verletzte. Versprochen! Igor würde es gefallen, wäre er hier, würde er es vermutlich selbst krachen lassen. Du erinnerst dich sicher, dass er ein langjähriges Mitglied in meinem Schützenverein war. Und wir waren beide äußerst treffsicher. Nüchtern und auch noch nach einigen Gläsern Wodka.«

Mit strenger Miene fixiere ich ihre rechte Unterschenkel-Prothese. Das war nämlich weder ein Unfall noch ein Raucherbein. »Treffsicher« wie sie ist, hat sie sich vor fünfzehn Jahren bei einer ausufernden Schützenparty mit einer Schrotflinte ins Knie geschossen. Nach exorbitantem Alkoholgenuss, wie mir Igor berichtete, der es miterlebt hat. Das Bein war nicht mehr zu retten gewesen. »Das war Schicksal!«, verteidigt sie sich wie jedes Mal, wenn das Thema auf ihr Missgeschick kommt. »In einem anderen Leben war ich eine berühmte Seeräuberbraut, hatte ein Holzbein und bekanntermaßen wiederholt sich die Geschichte. Mein Ruf als Scharfschützin ist dennoch legendär. Immerhin bin ich dreifache Schützenkönigin.«

Mein Kopf schmerzt von dem anhaltenden Lärm, meine Beine vom Stehen, und wenn meine Freunde nicht wären, würde ich mich zu Igor ins Grab legen. »Mag sein, Penny, aber mein Bedarf an Schicksalsschlägen ist für die nächsten paar Jahre …«

»Hallooo!« Unvermittelt erscheint ein junger Mann in der offen stehenden Terrassentür. Er trägt einen gut sitzenden dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd mit dunkler Krawatte. Quer über seiner Schulter hängt eine Collegetasche. Ich kann mich nicht erinnern, ihn schon einmal gesehen zu haben, und wundere mich, wieso er durch den Garten kam. Ob er wegen des Lärms vergebens geklingelt und deshalb den Zugang über den Garten gesucht hat? Wastl, unser zuverlässiger Schlosswächter, spurtet sofort auf ihn zu und versperrt ihm breitbeinig den Zutritt. Ein kurzer Wortwechsel, dann zieht der Eindringling einen Brief aus seiner Umhängetasche. Ein Kondolenzschreiben? Was auch immer es ist, er scheint nicht bereit, es sich von Wastl abnehmen zu lassen. Doch der hält ihm die geballte Faust vor der Nase. Der Bote wird blass, überreicht das Kuvert und verschwindet genauso schnell, wie er gekommen war.

Wastl schließt die Fensterflügel, und bringt mir den Brief mit der Botschaft: »Für dich, Frau Mimi, soll ich unbedingt persönlich übergeben tun.«

Umringt von meinen Mitbewohner betrachte ich den Umschlag. Jemand hat mit schwarzer Tinte Mimi Varelli, persönlich draufgeschrieben. Auf der Rückseite lese ich den Absender: Dr. Magnus Kaltenbach, Igors Rechtsanwalt.

»Was Wichtiges?«, fragt Roderich, der nervös an seinem Schal nestelt.

Mich beschleicht eine dunkle Vorahnung, aber um meiner Freunde willen zucke ich die Schultern. »Keine Ahnung. Ich habe nichts angestellt. Ansonsten hatte ich noch nie mit einem Anwalt zu tun. Es kann sich also nur um einen Irrtum handeln. Vielleicht eine Namensverwechslung. Alles schon vorgekommen. Ich werde den Schrieb zurückschicken mit dem Vermerk: Empfänger unbekannt.«

»Eine Verwechslung halte ich für sehr unwahrscheinlich. Mimi Varelli ist ja kein sehr häufiger Name«, bemerkt Margot und zupft mir den Brief aus der Hand. »Lass mal riechen!« Sie schnüffelt an dem Umschlag wie ein Drogenhund der Zollfahndung.

»Kokain?«, fragt Roderich, der in jungen Jahren mit dieser, wie er es nannte, ›Substanz‹ experimentiert hat.

Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu. »Nach was soll Koks denn riechen?«

Er verzieht den Mund. »Nach Geld! Vielleicht hatte Igor einen kleinen Nebenjob und irgendwo liegen ein paar Milliönchen rum, die unsere Probleme mit einem Schlag aus der Welt schaffen. Ohne Moos nix los, heißt es doch.«

Wie kann Roddy nur so herzlos sein und jetzt über schnöden Mammon nachdenken? Margot gibt mir den Brief zurück. »Der Absender ist Kettenraucher, so viel kann ich schon mal sagen.«

Pistolen-Penny zieht eine dicke Nadel aus dem rotbraun gefärbten Haarknoten. »Jetzt mach endlich das Kuvert auf. Die Spannung ist ja unerträglich.«

»Wenn dir einer drohen tut, tu ich dem einen Besuch abstatten«, schnauft Wastl mit geballten Fäusten und einem gefährlichen Funkeln in den braunen Augen.

Ohne Brille sehe ich nichts, also gebe ich Penelope den Brief. »Mach du auf, ich trau mich nicht.«

Entschlossen schlitzt sie den Umschlag auf, zieht den Briefbogen heraus und überfliegt den kurzen Text. »Keine Drohung!« Pistolen-Penny strahlt in die Runde, als habe sie direkt ins Schwarze getroffen und eine Trophäe errungen. »Der Anwalt bittet dich schnellstmöglich zu einem Gespräch in seine Kanzlei, es handle sich um Igors Nachlass!«

Augenblicklich ertönt wildes Jubeln.

»Igor hat ein Testament hinterlegt!«

»Wir sind gerettet!«

»Das muss begossen werden!«

Neue Hoffnung erwacht. Frische Gläser werden besorgt, weitere Wodka-Flaschen geöffnet und die Hochrufe auf Igor verstummen erst, als die letzte Flasche geleert ist.

Nur mich kann nichts trösten. Ich will meinen Igor zurück.

2

Nach der schlimmsten Nacht meines Lebens, mit Albträumen, in denen meine Freunde und ich auf der Straße gesetzt wurden, quäle ich mich am nächsten Morgen mit letzter Kraft aus dem Bett. Im Badezimmer der nächste Schock. Meine Augenlider sind geschwollen, mein Gesicht aufgedunsen und mein Kopf brummt, als hätte ich allein die unzähligen Flaschen Wodka geleert. In dieser Verfassung kann ich unmöglich heute zum Anwalt, wie ich es gestern vollmundig versprochen habe.

Meine resolute Cousine fackelt nicht lange, vereinbart einen Termin für den nächsten Tag und verordnet mir einen Ruhetag mit Erfrischungsmasken.

Einigermaßen erholt, tadellos geschminkt, inklusive traurigem Kunstwimpernblick, im besten Armani-Kostüm und mit den passenden Accessoires, schleppe ich mich zum Anwaltstermin. Offiziell lasse ich beim Frisör die Rosatönung auffrischen. Meine Freunde wollten mich nämlich unbedingt zur Testamentseröffnung begleiten. Diese nervliche Belastung hätte ich jedoch nicht ertragen. Nur Margot weiß Bescheid.

Um zu sparen, fahre ich sogar zum ersten Mal im Leben mit der S-Bahn in die Münchner Innenstadt.

Gegen elf betrete ich nervös die vornehme Kanzlei in der Residenzstraße – die ich eine Stunde später völlig aufgelöst verlasse.

Bevor ich mich auf den Heimweg mache, muss ich mich mit einem Cognac beruhigen, den ich im nächsten Café zu mir nehme.

Als ich einen zweiten ordere, guckt der Kellner etwas schräg, er scheint sich um mein Wohlergehen zu sorgen. Beim dritten Glas erkundigt er sich schließlich, ob ich Hilfe benötige, und mit flüchtigem Blick auf den funkelnden Verlobungsdiamanten, ob er meinen Mann verständigen solle. Nur mit größter Beherrschung schaffe ich es, zu behaupten, dass es mir gut ginge und ich lediglich eine alles verändernde Neuigkeit verdauen müsse.

Angetüddelt trete ich die Heimfahrt im Taxi an. Der Fahrer schnüffelt kurz in den Fond und zieht die Brauen hoch. Ich beruhige ihn mit der Versicherung, lediglich ein Gläschen auf eine überraschende Erbschaft getrunken zu haben. Die frohe Botschaft zaubert ein breites Grinsen in sein feistes Leberkäsegesicht. Vermutlich rechnet er mit einem fürstlichen Trinkgeld – das er auch bekommt.

Inzwischen ist es Mittag. Um diese Zeit sind meine Freunde immer im ebenerdigen Erkerzimmer anzutreffen, wo wir unsere täglichen Mahlzeiten einnehmen. Der Raum liegt nach Osten, hat Morgensonne, einen Fernseher, um Frühstücksmagazine oder Nachrichten anzusehen, und einen praktischen Speiseaufzug in die Küche. Eingerichtet wurde es mit stilvollem Mobiliar aus einer Hotelauflösung. Die Versteigerung war ein glücklicher Zufall, denn kurz vorher hatten Igor und ich beschlossen, die Umgestaltung der Villa in Angriff zu nehmen. Die Anschaffung der Möbel für das Erkerzimmer war unsere erste gemeinsame Aktion. Ich sehe uns noch wie heute um den seltenen venezianischen Spiegel mit filigranen Gravuren bieten. Wie haben wir gezittert, ob wir den Zuschlag für den Kronleuchter aus Murano mit rosé-weißen Rosetten und goldenen Akzenten bekommen. Hartnäckig hat Igor für die beeindruckende Glasbläserarbeit geboten, bis der Leuchter schließlich uns gehörte. Werde ich diesen Raum jemals wieder betreten können, ohne in Tränen auszubrechen? Ich muss mich einen Moment sammeln, bevor ich eintrete.

Wie in den letzten Tagen seit Igors Tod, sitzt die versammelte Seniorenmannschaft seit dem Frühstück apathisch auf denselben angestammten Plätzen. Im Fernsehen läuft irgendein Mittagsmagazin, das kaum jemand beachtet. Einige spielen Mensch ärgere dich nicht, manche sortieren unablässig das Besteck, Herlinde, unsere dauerstrickende Ex-Souffleuse, trennt eine Socke auf und Rollstuhl-Rudi befummelt den Verschluss seines roten Helms.

Roderich beäugt mich kritisch. Er hat mir den »Frisörtermin« ohnehin nicht abgenommen, wo ich mich doch sonst nur in die Hände meiner alten Maskenbildnerin Hanne begebe. »Bei welchem Stümper hast du denn die Haare machen lassen?«, grummelt er. »Der Farbton sieht unverändert aus.«

»Ich war nicht beim Frisör, sondern beim Anwalt«, bekenne ich.

»Hab ich’s doch gewusst.« Er schnappt kurz nach Luft, als sei er beleidigt, erfasst aber gleich darauf die Bedeutung. »Und, wie viel hast du geerbt?«

»Darf ich mich vielleicht vorher noch setzen?«

Wastl schiebt mir den Stuhl neben Margot zurecht. Meine Cousine schnuppert kurz und fragt dann ungerührt: »Fand die Testamentseröffnung in einem Stehausschank statt?«

Ich lege meine Jacke ab und sinke auf den Stuhl. »Ihr werdet auch gleich ein Schnäpschen zur Beruhigung benötigen«, prophezeie ich.

»Sämtlicher Alkohol wurde bei der Trauerfeier vernichtet«, erklärt Rollstuhl-Rudi.

Roderich klatscht lautstark in die Hände. »Freunde! Ruhe, bitte! Mimi ist dran«, ertönt die Regieanweisung, und mit Blick an mich: »Bitte en Detail.«

Ich atme tief ein wie vor einer großen Arie und sprudle dann auf einem Atemzug los. »Alleinerbe ist Sergej Komarow, Igors Bruder, der uns die Villa exklusiv für drei Millionen zum Kauf anbietet, die Anzahlung von einer halben Million wäre in vier Wochen fällig, bei Nichtinteresse müssen wir das Anwesen binnen drei Monaten räumen!«

Die Nachricht löst entsetzte Gesichter aus, und es wird so still, dass man durch die geschlossenen Fenster die Vögel zwitschern hören kann.

Rollstuhl-Rudi fängt sich als Erster. »Gemach, gemach, Freunde. Nichts ist so schlimm, wie es scheint. Wer möchte Schnaps? Ich spendiere was aus meinem privaten Vorrat. Leider nur billiger Fusel gegen Igors Edelgesöff.«

Das Fusel-Angebot wird dankbar angenommen. In derartigen Extremsituationen ist alles egal, Hauptsache, es betäubt. Nachdem jeder drei Schnäpse intus und sich einigermaßen wieder gefangen hat, prasseln Fragen auf mich ein.

»Seit wann hat Igor einen Bruder?«

»Warum war er nicht auf der Beerdigung?«

»Ich habe keine Brüder gesehen. Nicht mal einen halben.«

»Taucht einfach aus dem Nichts auf und will sich unser Zuhause unter den Nagel reißen.«

»Ein ominöser Erbe. Unfassbar.«

»Was machen wir denn jetzt?«

»Wo sollen wir hin, wenn wir hier rausmüssen?«

»Ich will nicht in so ein doofes Altersheim.«

»Mich würden sie in einem Heim ans Bett fesseln und mit einer Überdosis Pillen ruhigstellen«, grinst Rudi unter seinem roten Helm hervor. »Da gehe ich lieber ins Wasser, wie König Ludwig.«

»Ich komme mit«, schließt sich Hanne, meine ehemalige Maskenbildnerin, an. »Mein Steuerberater hat schon vor Jahren gesagt: Sie können es sich nicht leisten, alt zu werden. Rauchen und saufen Sie sich schnellstmöglich ins Grab. Oder Sie landen im Armenhaus.«

Penny nickt zustimmend. »Meine Rede! Niemand kann sich das Altwerden heute noch leisten.« Mit ihrem Einzug hat sie – unter Protest – das Rauchen aufgegeben, hält aber ständig ein Zigarillo in der Hand, um zumindest die Illusion aufrechtzuerhalten.

»Mimi, hast du jemals von diesem ominösen Bruder gehört?«, fragt Roderich. »Es könnte doch auch ein Erbschleicher sein. Ein Schwindler, der auf die Villa scharf ist.«

»Nein, ich hatte keine Ahnung«, seufze ich ratlos. »Igor hat auch nie irgendwelche Verwandtschaft erwähnt, und ich dachte immer, nach dem Tod seiner Frau Irina, vor über zehn Jahren, sei er völlig allein gewesen. Auch das war ein Grund, die Villa zum Seniorenheim umzugestalten. Er wusste, was es heißt, ohne Familie zu sein, und wollte im Alter nicht vereinsamen. Aber der Bruder scheint echt zu sein. Der Anwalt meinte, er befände sich zurzeit nur geschäftlich in Südamerika und sei deshalb nicht zur Beerdigung aufgetaucht. Im Grunde war es keine offizielle Testamentseröffnung, da ich ja nicht erbe. Nur aus alter Freundschaft zu Igor hat er mir das Testament vorgelegt. Es stammt noch aus der Zeit, bevor ich Igor kennengelernt habe. Aber es ist rechtskräftig. Laut Anwalt wollte Igor es nach unserer Vermählung ändern …« Der Gedanke an unser Hochzeit lässt meine Tränen fließen. Bevor ich Igor kennenlernte, wollte ich nie heiraten. Wozu die Bewunderung vieler Männer gegen die Nörgeleien eines Ehemannes austauschen? Aber Igor war kein Nörgler, und ihm zuliebe habe ich meine Aversion gegen die Ehe dann irgendwann aufgegeben. Die Erinnerung an seine Liebe und Zuneigung zerreißt mir das Herz. Ich sinke auf meinem Stuhl zusammen und kann kaum atmen. Roderich ahnt meinen Schmerz und reicht mir ein Taschentuch. Ich putze mir die Nase, straffe die Schultern und verkünde kämpferisch: »So einfach lassen wir uns nicht vertreiben. Ich werde die Villa kaufen. Immerhin war das Seniorenheim Igors Traum. Und unser gemeinsames Projekt. Wir wollten einem Ort schaffen, an dem wir mit euch alt werden und uns gegenseitig unterstützen. Niemand sollte abgeschoben werden, wenn er krank oder gar mittellos wird.«

Verblüffte Gesichter starren mich an. Nur Cousine Margot, als ehemals clevere Geschäftsfrau, reagiert nüchtern: »Seit wann hast du drei Millionen auf der Bank rumliegen?«

»Hab ich nicht! Aber irgendwie werde ich die nötigen Finanzmittel schon auftreiben. Und wer jetzt Lottospielen sagt, fliegt raus.« Ich unterstütze meine Drohung mit einem strengen Blick über die Tischrunde.

»In meinem Sparstrumpf befinden sich fünftausend Euro, die steuere ich zum Kaufpreis bei«, verkündet Roderich generös. »Wer hat die restlichen zwei und ein paar zerquetschte Mios unter der Matratze?« Er mustert die Anwesenden der Reihe nach.

»Für den Anfang würde schon eine halbe Million genügen«, sage ich leise und mehr zu mir selbst. Denn tatsächlich habe ich keine Ahnung, woher ich derart viel Geld nehmen soll. Der größte Teil meiner Ersparnisse steckt in der Renovierung eines der Bäder. Ein paar Tausender sind noch übrig. Leider bekomme ich noch keine Rente.

Minutenlang höre ich nur monotones Gebrummel. Anscheinend zählt jeder seine Spargroschen zusammen. Vor Rührung spüre ich einen dicken Kloß im Hals. Die meisten von uns sind alleinstehend oder haben keine Verwandten in unmittelbarer Nähe. Nicht zuletzt deshalb wurde aus der Truppe eine perfekt funktionierende Patchwork-Familie, die eisern zusammenhält und sich in allen Notsituationen beisteht.

»Zweihundertfünfzigtausend!«, schreit Rudi plötzlich laut.

Wir starren ihn an, als fasle er wirres Zeug.

»So hoch ist die Summe meiner Lebensversicherung, wenn ich über die Wupper gehe«, erklärt er feixend. »Stammt noch aus meiner aktiven Zeit als Stuntman.«

»Nettes Sümmchen«, meldet sich Penny mit glänzenden Augen. »Wie wär’s, wenn wir heiraten? In der Hochzeitsnacht könnte ich dich dann mal eben erschießen. Aus Versehen, versteht sich.«

»So schnell kann hierzulande niemand heiraten«, mischt Margot sich ein. »Wäre höchstens in Las Vegas möglich.«

»Gemach, gemach«, entgegnet Rudi. »Das geht doch viel einfacher. Ich werde die Villengemeinschaft in die Versicherungspolice als meine Erben eintragen lassen, dann meinen Tod vortäuschen, und schon bekommt ihr die Kohle.«

»Nicht schlecht, Rudi, gar nicht schlecht.« Roderich kratzt sich nachdenklich am Kopf, wobei sein Toupet verrutscht, was allgemeines Gekicher auslöst, er aber in der Aufregung nicht bemerkt. »Bleibt nur die Frage …«

Rudi starrt ihn fragend an. »Und die wäre?«

»Woher nehmen wir eine Leiche?«

»Ach was«, winkt Rudi ab. »Wir warten einen stürmischen Tag ab, davon gibt’s im April mehr als genug, und irgendjemand von euch findet beim Spaziergang meinen leeren Rollstuhl. Ihr müsst nur behaupten, dass ich in letzter Zeit dermaßen viel trainiert habe und sich mein Zustand dank der genialen Physiotherapie von Aida so weit gebessert hatte, dass ich ohne Hilfe schwimmen konnte. Das ist glaubwürdig, da ich nicht vollständig gelähmt bin und außerdem mal Ironman war.« Er hebt seinen rechten Arm, schiebt den Pullover hoch und spannt demonstrativ den Bizeps an. »Popeye ist ein armes Tofu-Würstchen gegen mich.«

»Super!« Penny stampft begeistert mit der Beinprothese auf. »Ich bin dabei!«

»Das könnt ihr vergessen«, wendet Oberrealistin Margot ein. »Die Versicherung würde es garantiert als Selbstmord eines depressiven Behinderten auslegen und nicht bezahlen.

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