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Geld, Gier und Zerstörung

Über den Autor

Bob Swarup arbeitet als Investor und ist Vordenker auf dem Gebiet der Finanzmärkte, Kapitalanlagen und Regulierungen. 1977 wurde er in Indien geboren und studierte in England. Er besitzt einen M.A. der Universität Cambridge, zwei Masterabschlüsse und einen Doktortitel in Kosmologie des Imperial College London. Er hat Kapitalanlagen in Finanzinstitutionen verwaltet und ist ein vielfach ausgezeichneter Journalist. Des Weiteren war er beratender Redakteur von Qfinance, das führende Web-Portal für Finanzen und Wirtschaft. Er lebt in London.

BOB SWARUP

Geld, Gier und
Zerstörung

WIE WIR SEIT JAHRHUNDERTEN
IMMER WIEDER UNSEREN
WOHLSTAND VERNICHTEN

Übersetzung aus dem Englischen
von Dr. Jürgen Neubauer

Für Radhika – für ihre Liebe,
ihre Geduld und dafür,
dass sie mit der Geburt unseres ersten Kindes wartete,
bis dieses Buch das Licht der Welt erblickt hatte.

Inhalt

  1. TEIL 1
    Déjà vu
    1. 1. Geld und Wahn
    2. 2. Die Anatomie des Grüffelo: Ein Gleichnis aus dem Alten Rom
    3. 3. Wenn nichts gleich bleibt: Die Neudefinition der Ökonomie
    4. 4. Ego und Euphorie: Ein japanisches Intermezzo
  2. TEIL 2
    Der Mensch: Der Vulkan im Herzen
    1. 5. Der Weg nach Newnham: Die Grenzen der Vernunft
    2. 6. Der Tempel des Janus: Zeit, Gedächtnis und Ungewissheit
    3. 7. Das Narrenschiff: Ein persönliches Intermezzo
    4. 8. Der rasende Mob: Massen, Bestätigung und Vertrauen
  3. TEIL 3
    Geld: Der Katalysator
    1. 9. Mensch und Geld: Der Sturm auf die Bank
    2. 10. Leben nach der Verschuldung: Kredit und Währung
    3. 11. Alles was glänzt: Der Tulpenwahn
  4. TEIL 4
    Komplexität: Die Alchemie der Krise
    1. 12. Allgemeingültige Wahrheiten: Ein Ausflug zu den Paradigmen
    2. 13. Gleich und Gleich: Die Ökologie des Kapitalismus
    3. 14. Eine Tragödie der kleinen Entscheidungen: Die Weltwirtschaftskrise
  5. TEIL 5
    Der Schleier wird gelüftet
    1. 15. Euros nach Athen: Eine Tragikomödie
    2. 16. Alpha und Omega: Zwei Jahrtausende der Krise
    3. 17. Unter Blinden ist der Einäugige König: Antworten auf die Krise
  6. Dank
  7. Anmerkungen
  8. Literatur
  9. Register

TEIL 1
Déjà vu

KAPITEL 1
Geld und Wahn

Wenn, wie unter den Wilden, die Erinnerung nicht bewahrt wird, bleibt der Mensch auf ewig in seiner Kindheit stehen. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

GEORGE SANTAYANA (1863–1952)

Wiederkehrender Spekulationswahn und die damit einhergehenden finanziellen Verwüstungen sind fester Bestandteil des Systems.

J. K. GALBRAITH (1908–2006)

Atmen Sie tief ein.

Spüren Sie, wie die Luft durch Ihre Nase streicht und Ihre Luftröhre durchströmt. Ihre Lungen weiten sich, Ihr Zwerchfell dehnt sich nach unten aus und Ihre Bauchdecke wölbt sich nach vorn. In der Lunge gehen Abermillionen von Sauerstoffmolekülen aus der Atemluft in Ihren Blutkreislauf über und treten auf den vorüberströmenden roten Blutkörperchen ihre Reise durch Ihren Körper an. Unterwegs liefern sie den Brennstoff für Abermillionen Zellkraftwerke, wo die Rohstoffe aus Ihrer letzten Mahlzeit verbrannt und unaufhörlich all die Wachstums- und Teilungsprozesse angetrieben werden, die wir als Leben bezeichnen. Wenn Sie die Augen schließen und sich auf Ihre Atmung konzentrieren, können Sie ein beinahe euphorisches Gefühl erleben.

Die Sache hat jedoch einen Haken.

Das Hochgefühl hält nur ein paar Augenblicke lang vor und wiederholt sich pro Minute ein gutes Dutzend Mal, während Sie aus- und wieder einatmen. Was Sie auch tun, Sie können diesen Zustand nicht festhalten. Das wäre auch nicht ratsam.

Halten Sie nun die Luft an.

Der Sauerstoff, der durch Ihren Körper fließt, wird zunächst durch Kohlendioxid ersetzt, dem Abfallprodukt der vielen Millionen Verbrennungsreaktionen in Ihrem Körper. Aber wenn Sie nicht ausatmen, ist die Luft in Ihrer Lunge bald gesättigt, und das Kohlendioxid bleibt in Ihrem Blut. Gleichzeitig verbrennt Ihr Körper die letzten Reste des Sauerstoffs, und der Gehalt dieses wertvollen Gases in Ihrem Blut sinkt immer weiter.

Nach gut einer Minute reicht die Sauerstoffversorgung nicht mehr aus, und Ihr Puls beschleunigt sich. Ihre Haut rötet sich und Ihr Blutdruck steigt. Das ursprüngliche Hochgefühl weicht einem Rasen in der Brust, Ihre Muskeln zucken, weil der Sauerstoffmangel ein bedrohliches Ausmaß erreicht.

Wenn Sie die Atmung weiter unterdrücken, spüren Sie bald einen leichten Kopfschmerz. Sie fühlen sich müde, Ihre Reaktionen verlangsamen sich und Ihr Urteil ist getrübt. Bis plötzlich die Verwirrung einem neuen Gefühl der Euphorie weicht – wobei dies kein Moment der Erleuchtung ist, sondern die narkotisierende Wirkung des Kohlendioxidüberschusses und Sauerstoffmangels im Gehirn. Ihr Körper schreit nach Luft, er zuckt und wehrt sich entschlossener denn je gegen Ihre bewusste Kontrolle.

Wenn Sie Ihren natürlichen Atemreiz weiter unterdrücken, schwindet die Euphorie wieder. Ist das ein Schwindelgefühl, das Sie jetzt spüren? Schwer zu sagen. Sie hören alles gedämpft, Ihre Augen sehen die Welt zunehmend düster. Wenn Sie weiterhin die Kontrolle behalten, beginnt Ihr Körper zu zittern.

Und dann, nach drei oder vier Minuten, werden Sie glücklicherweise ohnmächtig, und Ihr Körper nimmt die Atmung von selbst wieder auf. Ihr bewusstes Experiment wird abgebrochen, ehe es bleibende Schäden anrichten kann.

Wenn Sie wieder zu sich gekommen sind, dürfen Sie sich beglückwünschen: Sie haben soeben am eigenen Leib erlebt, wie eine Finanzkrise funktioniert.

Das Prinzip ist dasselbe, nur dass es nicht um Sauerstoff geht, sondern um Geld. Es ist das gleiche uralte Drama, nur auf unterschiedlichen Bühnen. In beiden Fällen geht es um Entscheidungen, mit denen wir unsere Umwelt kontrollieren wollen, und um deren Konsequenzen. Das Auf und Ab ist so natürlich und lebenswichtig für die Wirtschaft wie die Atmung für den menschlichen Körper. Wenn man es unterbricht, wehren sich beide Systeme gegen den unnatürlichen Zustand. Wenn wir aus Hybris versuchen, unsere Umwelt zu sehr zu beherrschen, stellt sich unweigerlich dasselbe Ergebnis ein. Dafür bietet die Geschichte eine Vielzahl von Beispielen.

DER MYTHOS DER NORMALITÄT

Die Hypothekenkrise und die nachfolgende Kreditklemme, die im Juli 2007 begann, sind nur das jüngste Beispiel dafür, welchen Schaden eine Finanzkrise anrichten kann.

Das Ganze begann relativ harmlos mit der Zahlungsunfähigkeit zweier Hedgefonds, die der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns gehörten. Die Fonds funktionierten nach einem einfachen Prinzip: Man nehme billiges Geld auf, kaufe damit sogenannte forderungsbesicherte Wertpapiere, die mehr Zinsen abwerfen, als der Kredit kostet (dank ihrer Spezialisierung auf Anleihen, die sich damals immer größerer Beliebtheit erfreuten und als Ramschhypotheken bezeichnet wurden), und leihe sich so lange Geld, bis die Erträge attraktiv genug sind, um für Investoren interessant zu werden. Das schien zu funktionieren, bis irgendjemand dahinterkam, dass die Hypotheken nicht das Papier wert waren, auf dem sie gedruckt wurden, und die Fonds, die auf diesen Hypotheken ein undurchschaubares Finanzkonstrukt errichtet hatten, noch viel weniger.

Ich werde den Ablauf der Finanzkrise hier nicht im Einzelnen nachvollziehen – andere haben genug Energie auf deren Obduktion verwendet. An einige Dinge erinnere ich mich allerdings noch sehr eindrücklich. Die Pressemitteilung, mit der Bear Stearns die schmerzhafte Wahrheit verkündete, endete mit der üblichen Großspurigkeit, die bald zum traurigen Refrain werden sollte: »Im Sinne unserer stolzen Unternehmensgeschichte bleibt es auch weiterhin unser oberstes Ziel, Ihr Vertrauen jeden Tag aufs Neue zu rechtfertigen. Bitte wenden Sie sich jederzeit an uns, wenn wir Ihnen helfen können.«

Ende Juli 2007 hatten beide Fonds Konkurs angemeldet, und ein dritter, der 850 Millionen Dollar schwere Bear-Stearns-Fonds ABS stand vor dem Zusammenbruch, auch wenn die Bank dies in schrillen Tönen leugnete. Doch unter Insidern wurde längst gewitzelt, das Bankkürzel »BS« stehe für Bullshit.

Drei Monate später nahm der Schneeball weiter an Fahrt auf. Anlagen, die eben noch in den Himmel gelobt wurden, erschienen plötzlich als unsicher. Ein Freund kaufte Wertpapiere von einer Investmentbank, deren Name hier nicht genannt werden soll – es handelte sich um ein Papier, das durch eine Mischung aus wunderbaren Zahlenspielereien und Taschenspielertricks erstaunliche Erträge bei vernachlässigbarem Risiko anbot. Er musste lediglich darauf wetten, dass im gesamten Verlauf der kommenden fünf Jahre die 25 größten Banken der Welt ihre Verpflichtungen bedienen würden, und schon hätte sich sein Einsatz verdoppelt.1 Es zeigte sich schnell, dass das Geschäft weit weniger sicher war als angenommen und dass sein realer Zinssatz von 0,62 Prozent ein schwacher Dank war für den Versuch, die rasch ansteigende Flut einzudämmen.2

In den kommenden Jahren verloren viele Menschen gutes Geld, weil sie sich bückten, um ein paar Pfennige von der Straße aufzulesen, ohne dabei auf den heranrasenden Verkehr zu achten.

Gleichzeitig standen wir täglich um unsere Bloomberg-Bildschirme herum und fragten uns, wie lange die Happy Hour wohl noch andauern würde. Das Gespenst der Wirtschaftskrise ging um.

Am 1. Dezember 2007 befand sich die Wirtschaft der Vereinigten Staaten offiziell in der Rezession. Angesichts der Ereignisse der vorhergehenden Monate war das nicht weiter verwunderlich, doch nur wenige ahnten, wie schmerzhaft die Lage noch werden würde.

Sechs Monate später, im Mai 2008, fand im Londoner Hatton Gardens eine Konferenz mit dem harmlosen Titel »Liquiditätsrisiken und deren Eingrenzung« statt. In seiner Begrüßungsansprache verkündete der Leiter der britischen Finanzabteilung von Lehman Brothers vollmundig, seine Bank werde niemals dieselben Fehler begehen wie Bear Stearns. Nach der Rubelkrise des Jahres 1998 habe man seine Lektionen gelernt und kenne die Gefahren der Zahlungsunfähigkeit. Er und sein Team seien bestens auf Situationen wie diese vorbereitet, und auf einen Tastendruck stünden Milliarden bereit.

Im September desselben Jahres war Lehman pleite. Das Geld hatte offenbar doch nicht ausgereicht.

Innerhalb kürzester Zeit machte in der Finanzwelt ein neuer Witz die Runde. Ein Milliardärssöhnchen ist in den Wilden Westen vernarrt und wünscht sich zu seinem achten Geburtstag ein Pferd. Sein Vater schenkt ihm einen ganzen Reitstall mit prächtigen Hengsten. Im nächsten Jahr wünscht sich der Knabe einen Wildwestfilm, und sein Vater kauft ihm jeden Western, der je gedreht wurde. Im Jahr darauf wünscht sich der Sprössling eine Cowboy-Ausrüstung, und sein Vater kauft ihm Lehman.

Lehman war nicht die einzige Bank, die an ihrer eigenen Arroganz zerschellte. Chuck Prince, früherer Vorstandsvorsitzender der Citigroup, verdankt seinen Aufstieg in den Pantheon der Großmäuler dem folgenden weisen Spruch: »Wenn die Musik der Liquidität aufhört zu spielen, dann wird es kompliziert. Aber solange die Musik spielt, muss man tanzen. Wir tanzen noch.«3

Wir tanzten alle noch. Ende 2008 aß ich mit dem damaligen Chefökonom einer großen Bank zu Mittag. Die Krise war auf dem Höhepunkt, die Zentralbanken pumpten aus allen Rohren Geld in die Banken, um die Austrocknung der Weltwirtschaft zu verhindern.

Der Mann erzählte mir, zwei Jahre zuvor habe er seinem Chef gegenüber die Sorge geäußert, dass alles schlimm enden werde. Der Boss habe daraufhin den Leiter der Handelsabteilung einbestellt, der ihm versicherte, er sei auf alle Eventualitäten vorbereitet. Wenn der Moment gekommen sei, werde er einfach den Hahn zudrehen und alle Aktivitäten einstellen. »Ich bin Wirtschaftswissenschaftler«, erwiderte mein Bekannter. »Ich könnte Ihnen nicht sagen, wann dieser Moment gekommen ist. Ich weiß nur, dass es sehr schmerzhaft wird, wenn er kommt.«*

Der Leiter der Handelsabteilung war verwirrt. Er konnte doch nicht einfach den Handel einstellen, nur weil sich ein Kollege Sorgen machte. Wie sollte man denn in so einer Situation Geld verdienen? Aber er hatte eine Idee. Er würde seine Teams anweisen, ihre Positionen genau im Auge zu behalten und sich darauf vorzubereiten, notfalls von einem Moment auf den anderen alles abzustoßen. Wenn etwas schiefging, kämen sie mit überschaubaren Verlusten aus der Sache heraus. Mein Bekannter stimmte zu und fühlte sich erleichtert.

Einige Monate später nahm er an einem Essen in der Schweiz teil. Es war eine alljährliche nichtöffentliche Runde der Chefökonomen aller Großbanken. Während sie um den Tisch herumsaßen und über die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation sprachen, hatte mein Bekannter plötzlich eine erschreckende Erkenntnis. Jeder der Anwesenden hatte seiner Bank dieselbe Anweisung gegeben. Jede Bank lauerte nur darauf, beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten aus dem Markt zu flüchten. Wenn einer ein paar vorsichtige Schritte in Richtung Ausgang machte, würden alle in Panik aufspringen. Und da keine Tür unendlich breit ist, zumal nicht in der Finanzwelt, würde das Ganze unweigerlich in einem Massaker enden. Niemand würde sich einfach hindurchmogeln können.

Als die Zahl der Pleiten zunahm und die Hypothekenkrise um sich griff, begannen die Schuldzuweisungen. Die Banken waren schuld, weil sie in unverantwortlicher Weise Geld verliehen hatten. Die Zentralbanken waren schuld, weil sie die Zinsen so weit gesenkt hatten. Die Politiker waren schuld, weil sie das Ticken der finanziellen Zeitbomben in den Vorstädten überhört hatten.

Alle waren schuld, und alle sehnten sich zurück nach der Zeit, in der das Wachstum der Finanzmärkte selbstverständlich schien und das Geld in Strömen floss. Mit anderen Worten wollten sie wieder zurück zum Normalzustand.

Aber genau das ist das Problem. Das ist nicht normal. Schnelles Geld ist nicht normal.

Normal ist vielmehr ein labiles Finanzsystem, das sich durch Auf- und Abschwünge auszeichnet. Geld ist dabei nur ein anderes Wort für den Tanz unserer Emotionen – Optimismus, Überheblichkeit, Gier, Angst und Kapitulation – um das Goldene Kalb des Vertrauens.

Normal ist eine komplexe Welt, in der Geld eng mit Emotionen zusammenhängt und wir uns in riesige, instinktgesteuerte Herden verwandeln, die blind ins Unbekannte rennen, den Blick starr auf einen imaginären Horizont gerichtet. Und wenn wir straucheln, rappeln wir uns wieder auf, klopfen den Staub ab und laufen weiter der Herde hinterher.

Im Nachhinein wurde eine ganze Reihe von Erklärungen für die Krise vorgebracht, angefangen von unzureichender interner Kontrolle der Banken über mangelnde Transparenz bis hin zu fehlender staatlicher Aufsicht. Aber inmitten des Schocks, der Untersuchungsausschüsse und munteren Schuldzuweisungen war die größte Überraschung der Krise, dass sie alle Beteiligten derart überraschte.

DAS RAD DREHT SICH

Von der englischen Kinderbuchautorin Julia Donaldson stammt ein beliebtes Kinderbuch mit dem Titel Der Grüffelo. Eine Maus muss einen finsteren Wald durchqueren und schützt sich unterwegs vor verschiedenen Feinden, indem sie ein Monster erfindet, das sie angeblich besuchen will. In immer neuen grässlichen Einzelheiten – schrecklichen Klauen, riesigen Hauern, giftigen Warzen, hervortretenden Augen – erfindet sie sich ein furchteinflößendes Fabelwesen, den Grüffelo. Wie groß ist ihr Schrecken, als sie schließlich dem leibhaftigen Grüffelo gegenübersteht!

Krisen sind nichts Neues. Seit Jahrhunderten wiederholen sie sich mit beängstigender Regelmäßigkeit – einigen Schätzungen zufolge kam es allein in Westeuropa in den vergangenen vier Jahrhunderten durchschnittlich alle zehn Jahre zu einer Krise. Interessanterweise stehen diese Krisen in engem Zusammenhang mit Reformen der Finanzaufsicht, die in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten ebenfalls etwa alle zehn Jahre durchgeführt wurden – eine Sisyphus’sche Tragikomödie, in der die Lösung für die eine Krise unweigerlich schon wieder die nächste heraufzubeschwören scheint.

Die Geschichte ist so eindrucksvoll wie erbarmungslos. Vor der Finanzkrise des Jahres 2007 hatten wir die Dotcom-Krise des Jahres 2000, als sich das rasante Internetwachstum als Luftschloss entpuppte; die Rubelkrise und die LTCM-Pleite des Jahres 1998, die bewies, dass zwei Wirtschaftsnobelpreisträger noch keinen rentablen Hedgefonds machen; die asiatische Finanzkrise des Jahres 1997, die mit einer vollständigen finanziellen und politischen Umstrukturierung der asiatischen Tigerstaaten endete; die Implosion der japanischen Wirtschaft im Jahr 1990, die dem Begriff »verlorenes Jahrzehnt« zum Eingang in das Finanzlexikon verhalf und die inzwischen ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, ohne dass ein Ende in Sicht wäre; und schließlich als fernes Echo der legendäre Kurseinbruch der Wall Street Ende 1987, der sich als Schwarzer Montag ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Zwischen den beiden Weltkriegen befand sich die entwickelte Welt zwei Jahrzehnte lang mehr oder weniger in einer Dauerkrise, deren besondere Tiefpunkte die lange Weltwirtschaftskrise und die deutsche Hyperinflation der Jahre 1922–23 waren. Wenn wir weiter zurückblicken, stoßen wir auf die Panik des Jahres 1907, die einen französischen Bankier zu der Bemerkung provozierte, die Vereinigten Staaten seien ein »großes Finanzärgernis«, und die Gründung der amerikanischen Notenbank zur Folge hatte; die dauernden Börsenkrisen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die mit der Regelmäßigkeit von Schaltjahren eintraten; die Beinahe-Pleite der Barings-Bank im Jahr 1890 und die damit einhergehende Wirtschaftskrise in Südamerika; die internationale Panik des Jahres 1873, die die erste Weltwirtschaftskrise auslöste;4 die dauernden Bank- und Eisenbahnpaniken der 1830er-, 1840er- und 1850er-Jahre, die auf den ersten großen Boom eines Schwellenlandes – der Vereinigten Staaten – folgten; die lateinamerikanische Blase des Jahres 1825, in der sogar das fiktive Land Poyais Staatsanleihen ausgab; die britische Schuldenkrise des Jahres 1772, die zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten beitrug; die Mississippi- und die Südseeblase der Jahre 1719–20, in denen die Franzosen die Lust am Papiergeld verloren und die Bank von England an den Rand des Bankrotts brachte; nicht zu vergessen die legendäre Tulpenmanie des Jahres 1637.

Das ist nur ein kurzer Überblick über die bekanntesten Krisen. In Wirklichkeit waren es viel mehr. Man erinnere sich nur an das fatale mittelalterliche Experiment der Chinesen mit dem Papiergeld oder die ein Jahrhundert währende Rezession des europäischen Mittelalters. Und aus antiken Texten wissen wir, dass schon die alten Griechen und Römer Bankenrettungen kannten.

Trotz dieser reichhaltigen Vorgeschichte wissen wir erstaunlich wenig über Krisen. Oberflächlich betrachtet sind sie ungemein vielfältig. Jedes Land kann seine eigenen Geschichten erzählen, und keine scheint wie die andere zu klingen. Jede vermeintliche Gemeinsamkeit hat ihre Ausnahmen. Krisen ereigneten sich in der Antike, im Mittelalter und der Neuzeit; unter Demokratien, Diktaturen und Monarchien; vor der Erfindung der Zentralbank und nachher; unter dem Goldstandard und nach der Einführung des Papiergelds; in komplexen internationalen Systemen und kleinen isolierten Gemeinschaften; unter dem Laissez-faire-Kapitalismus und unter staatlicher Lenkung; und in verschiedenen Anlageformen, von Aktien über Immobilien bis hin zu Tulpen und Rotbarben.

Alles, was man zu einer Wirtschaftskrise braucht, sind Menschen und ein Zahlungsmittel – mit anderen Worten Geld.

Eine andere Gemeinsamkeit ist, dass die Weisen der Zeit – Sterngucker, Schamanen, Wesire, Höflinge und Wirtschaftswissenschaftler – regelmäßig sämtliche Warnsignale übersehen, die im Nachhinein nur allzu offensichtlich erscheinen. Im Rückblick gibt es keinen Mangel an Erklärungen und Lösungen, aber auch hier herrscht die Vielfalt: Obwohl alle Deuter die ewige Wahrheit für sich beanspruchen, finden sie keinen gemeinsamen Nenner.

Bald wiederholt sich das Spiel, und die Reden und Maßnahmen, mit denen die vergangene Krise umfassend erklärt und beigelegt wurde, erweisen sich einmal mehr als wirkungslos. So viel wir heute auch wissen mögen, daran hat sich nichts geändert. Die heutige Masse an Wirtschaftsdaten verrät uns lediglich, dass wir nicht genug wissen, um die Frage nach dem »Warum« zu beantworten – von der haarigeren Frage nach dem »Wann wieder« ganz zu schweigen. Dass wir trotzdem unbeirrt weiterwursteln, spricht für unseren hartnäckigen Optimismus und unser unverwüstliches Ego.

Finanzkrisen sind für uns das, was für unsere Vorfahren Naturkatastrophen waren. Dank ihrer Unberechenbarkeit und ihrer katastrophalen Folgen, die Gesellschaften an den Rand des Abgrunds bringen können, sind sie geheimnisvoll und Gegenstand einer morbiden Faszination. Vor einigen Jahrtausenden war die Ursache irgendein launischer Gott im immer größer werdenden Pantheon, und die Lösung bestand in immer neuen Kulten zur Besänftigung jedes einzelnen. Unsere modernen Götter werden aus unseren Wirtschafts- und Finanztheorien geboren, und die Kulte werden ersetzt durch wuchernde bürokratische Apparate und Aufsichtsbehörden. Aber die tatsächlichen Ursachen haben auch wir noch nicht gefunden.

Wie in früheren Jahrtausenden wechseln die Götter. Sie tragen immer neue Namen und agieren mit immer neuen Methoden. Frische Götter treten auf und fordern alte heraus, und just in dem Moment, in dem wir glauben, dass wir die richtigen Opfer gefunden haben, tritt ein ganzer Götterhimmel ab und ein neuer tritt an seine Stelle. Wenn wir bis heute keine Antworten gefunden haben, dann auch deshalb, weil wir den Blickwinkel zu sehr verengen und uns in den Einzelheiten der jeweils letzten Krise verlieren. Die Ursachen aller früheren, gegenwärtigen und künftigen Krisen finden sich vielmehr im Konflikt zwischen unserer einfachen menschlichen Natur und den von uns geschaffenen komplexen Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Die psychischen Gesetze, nach denen wir ticken, sind seit Jahrtausenden dieselben, und unser Herdentrieb bringt auf natürliche Weise immer neue Spekulationsblasen hervor. Auch dass die Krise mit derart verheerenden Folgen einhergeht, hat seine Ursache in der menschlichen Psyche, genauer dem Vertrauensverlust und dem Selbsterhaltungstrieb.

In seinem belesenen Werk Eine kurze Geschichte der Spekulation beobachtete schon John Kenneth Galbraith: »Die Umstände, die einen wiederholten Rückfall in Spekulationswahn bewirken, haben sich seit der Tulpenmanie der Jahre 1636–37 nicht wesentlich verändert.« Er hat Recht: Bis heute lieben wir es, Geld zu verdienen und Status zu erwerben. Wenn wir uns die Geschichte des endlosen Ringelspiels aus Optimismus, Überheblichkeit, Gier, Angst und Kapitulation ansehen, können wir unsere menschlichen Schwächen verstehen und vielleicht sogar die eine oder andere Lektion lernen, die uns in der nächsten Runde hilft.

Galbraith täuscht sich lediglich in der Datierung. Moderne Darstellungen der Finanzkrisen beginnen im Jahr 1636, doch das beschriebene Verhalten ist erheblich älter.

Dieses Buch wurde unter anderem inspiriert durch den beiläufigen Hinweis auf den ersten bekannten Staatsbankrott, den ich in einem Buch mit dem Titel Auslandsanleihen: Eine Autopsie aus dem Jahr 1933 fand. Autor war ein gewisser Max Winkler, ein umtriebiger jüdischer Einwanderer aus Rumänien, der am City College von New York Wirtschaftswissenschaften unterrichtete, die Auslandsabteilung von Moody’s leitete und im Jahr 1929 im elften Stock der New Yorker Börse eine Maklerfirma gründete. Vier Jahre später, im Januar 1933, stand Winkler vor dem Banken- und Währungsausschuss des amerikanischen Senats, sortierte die Trümmer der Weltwirtschaftskrise und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Als Präsident der Amerikanischen Vereinigung von Besitzern ausländischer Anleihen, einer arg gebeutelten Truppe, hatte er aus der ersten Reihe verfolgt, wie ein Land nach dem anderen die Rückzahlung seiner Schulden einstellte.

Winkler verfolgt die Geschichte des Staatsbankrotts bis ins Jahr 377 vor Christus zurück. Damals stellten zehn hochverschuldete griechische Stadtstaaten die Zahlungen an den Apollotempel von Delos ein. Dies war keineswegs ein Einzelfall, wie Winkler entdeckte. Aus jüngeren Beschreibungen geht hervor, dass Rezessionen ein verbreitetes Phänomen waren, Redner der Antike immer wieder ihrem Ärger über die aufkeimende Zunft der Geldverleiher und die wiederkehrenden und ansteckenden Krisen Luft machten. Am Anfang einer Rezession stand oft das wechselnde Kriegsglück in den Auseinandersetzungen von Staaten wie Athen und Sparta, doch das war lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Gemeinsam war allen Krisen der Kredit, der Überschwang und ein auf Vertrauen aufgebautes Finanzwesen. Rund 25 Jahrhunderte später wiederholt sich nun das Drama des griechischen Staatsbankrotts.

Plus ça change …

DAS STARRE ES UND DAS FLEXIBLE ICH

Als Menschen sind wir überzeugt, dass alles, was uns passiert, einmalig und noch nie da gewesen ist. Deshalb ist die historische Einordnung der gegenwärtigen Ereignisse umso wichtiger. Die vielen Finanzkrisen der vergangenen drei Jahrtausende helfen uns zu verstehen, warum Krisen mit solcher Regelmäßigkeit auftreten und warum wir nichts aus ihnen lernen.

Wenn wir uns mit den Torheiten der Vergangenheit beschäftigen, dann nicht aus Schadenfreude. Spekulationsblasen und die darauf folgenden Finanzkrisen haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Und die Wirtschaft wiederum existiert nicht in einem abgeschlossenen Raum, sondern sie hat gesellschaftliche, politische und zunehmend auch internationale Dimensionen. Daher hinterlassen Krisen dauerhafte Spuren in Staaten, Regierungen und Gesellschaften. Sie verschärfen Spannungen, legen strukturelle Schwächen frei und bewirken dramatische Paradigmenwechsel. Die Geschichte des Römischen Reichs ist auch eine Geschichte des Umgangs mit Finanzproblemen, und die gesellschaftlichen Missstände, die 1789 die Französische Revolution auslösten, waren unter anderem das Resultat eines Jahrhunderts der finanziellen Dummheiten. Kein anderes wiederkehrendes Ereignis spiegelt die intellektuelle Selbstverliebtheit des Menschen besser wider als Finanzkrisen.

Trotz ihrer vermeintlichen Vielfalt haben alle Finanzkrisen nämlich einen gemeinsamen Nenner: die menschliche Natur. So rational wir Menschen gern wären, in der Praxis lassen wir uns in unseren Entscheidungen weniger durch unsere Vernunft als durch unsere Erfahrungen, Emotionen und Umwelt leiten. Diese verwenden wir als Heuristiken, mit deren Hilfe wir schnellere Entscheidungen treffen können, die jedoch unsere Wahrnehmung unbewusst auf vielfältige Weise verzerren; diese Verzerrungen schlagen in einer Krise voll durch. Nehmen wir als einfaches Beispiel einen Gang zum Abendessen. Sie haben zwei Restaurants zur Auswahl, das eine ist leer, im anderen sitzen schon ein paar Gäste. Sie gehen automatisch davon aus, dass das zweite Lokal besser sein muss, und entscheiden sich für dieses. Um zu diesem Urteil zu kommen, sehen Sie sich keine Speisekarten an, nehmen keine Prüfung der Gerichte vor und kümmern sich nicht um das Ambiente. Damit würden Sie zwar Kriterien für eine vernunftgeleitete Entscheidung sammeln, doch das wäre reine Zeitverschwendung, und wenn Sie so vorgingen, hätten Sie wenig vom Abend. Stattdessen vertrauen Sie Ihren Mitmenschen und schließen sich der Herde an.

Wie eine Gans im Formationsflug bewegt sich zwar jeder für sich, aber nie allein. Wenn einer die Richtung ändert, hat das Auswirkungen auf die Nachbarn. Das Verhalten des Einzelnen ist mit dem aller anderen verzahnt und setzt sich durch den ganzen Schwarm fort, bis plötzlich die gesamte Formation die Richtung ändert und sich aus der ursprünglichen zufälligen Bewegung einiger weniger eine neue Ordnung ergibt.

Auch andere Wahrnehmungsverzerrungen kommen ins Spiel. Beispielsweise ist uns das Heute wichtiger als die ferne Zukunft. Einem jungen Elternpaar ist mehr daran gelegen, heute ein Haus zu kaufen und die Ausbildung der Kinder zu bezahlen, als für das Alter zu sparen. Ein Drogenabhängiger denkt nur an den Schuss, den er sich in ein paar Sekunden setzt, und nicht an den viel schlimmeren Kater in ein paar Stunden. Geld, das wir heute mitnehmen können, ist viel verlockender als das, was wir nächstes Jahr bekommen könnten, auch wenn wir dann mehr bekämen. Die Menschheitsgeschichte ist ein Monument der menschlichen Kurzsichtigkeit, die das Dringende immer dem Wichtigen vorzieht.

Das Leben ist zu kurz für Vernunft, weshalb unsere Kurzsichtigkeit auch ihre Vorteile hat. Wenn Unternehmer tatsächlich rational handeln würden, dann würden sie nie ein Unternehmen gründen. Jede ehrliche Risikokalkulation müsste zu dem Schluss kommen, dass es einfach zu viele Unsicherheitsfaktoren gibt. Die meisten Unternehmensgründungen scheitern, doch das hindert uns nicht daran, es immer wieder zu probieren. Der Sprung ins Risiko, der unbeirrbare Blick auf das Hier und Jetzt, die Fähigkeit, andere von unserer Vision zu überzeugen – mit diesen Eigenschaften haben wir Weltreiche gegründet, Erfindungen gemacht, Volkswirtschaften aufgebaut und den Schritt aus der Höhle des einsamen Jägers und Sammlers zu unserer modernen Gesellschaft gemacht. Wie schon Bernard Shaw wusste, setzt der Fortschritt Unvernunft voraus.

Die erwähnten Situationen haben eines gemeinsam: Sie sind von Menschen gemacht. Ein Finanzmarkt ist keine statische Größe, sondern ein Überbegriff für die Handlungen zahlloser menschlicher Akteure, die durch Hoffnung, Gier oder Angst motiviert werden. Wie schon John Gay in The Beggar’s Opera betonte, ist der Mensch das geselligste aller Raubtiere. Wir fressen einander, aber wir laufen einander auch hinterher. Unsere kollektiven Emotionen und die daraus resultierenden Handlungen befinden sich in einem ständigen Auf und Ab und schaffen die Blüten und Krisen, die wir als Konjunkturzyklen bezeichnen.

Die psychischen Faktoren sind in sämtlichen der wiederkehrenden Spekulationsblasen und Paniken dieselben, egal ob im Griechenland des vierten vorchristlichen Jahrhunderts oder im Griechenland des 21. Jahrhunderts. Dass uns jede dieser Krisen auf dem falschen Fuß erwischt, zeigt nur, wie ungern wir über die Äußerlichkeiten hinausblicken und wie kurz unser Gedächtnis ist. Könnten wir die Krisen verhindern? Nicht, wenn wir uns in den Details jeder einzelnen verlieren – den Unmengen von Daten, die zahllose Bücher füllen, uns aber erstaunlich wenig über Ursachen, Vorhersage und Vermeidung von Krisen verraten. Es gibt kein einfaches Frühwarnsystem. Um Krisen vorherzusehen, müssen wir den Faktor Mensch einbeziehen und verstehen, wie er sich zum Geld verhält.

Geld ist nur ein Mittel, eine vorübergehende Wertanlage. Es ist ein abstraktes Rechen-, Tausch- und Zahlungsinstrument. Unser Problem ist, dass wir die Gegenwart festhalten wollen und übersehen, dass sie sich in Vergangenheit verwandelt. Geld verkörpert diese Tatsache. Wir horten es in dem Glauben, dass es seinen Wert behält, doch die Welt tut alles, um uns zu zeigen, dass wir uns irren, sei es durch Entwertung, Inflation, Verstaatlichung, Eroberung, Zerstörung oder Enteignung. Geld ist Glaubenssache, genau wie die Religion. In dieser ungewissen Welt bietet es einen vermeintlichen Anker, und genau das macht es so attraktiv. Darin gleichen sich der mittelalterliche Kaufmann, der seine Goldmünzen zählt, und die moderne Börsenhändlerin, die die Nachkommastellen ihres Vermögens addiert. Wir haben uns in den vergangenen Jahrtausenden nicht verändert.

Das Konstrukt des Geldes eint und trennt uns. Indem es uns einen gemeinsamen Bezugspunkt bietet, eint es uns über gesellschaftliche, geografische und sprachliche Grenzen hinweg. Die Münze verbindet alles, mit jedem Geschäft hält sie selbst eine zerrissene oder expandierende Gesellschaft zusammen. Doch Geld unterstreicht auch die Ungleichheit zwischen uns und vergrößert sie, indem es unserer angeborenen Konkurrenznatur einen einfachen Vergleichsmaßstab gibt. Gesellschaftliche Harmonie und Stabilität sind untrennbar verknüpft mit unserer Wahrnehmung des Geldes.

BOOM UND BUST

Unsere Psyche neigt zum ständigen Auf und Ab. Und wenn man Geld dazugibt, ist die Krisenmischung fertig. Die beiden schaukeln einander auf und verstärken unsere angeborenen Wahrnehmungsverzerrungen, bis sie die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft in Schwingungen versetzt haben. Das Selbstvertrauen wächst mit dem Status, den das Geld verleiht. Spekulationserfolge nähren den Überschwang und die Illusion, Erfolge dem eigenen Können zu verdanken. Mit diesem positiven Selbstverstärkungseffekt – dem Boom – wächst auch das Ego aller Beteiligten, auch wenn dies mit den steigenden Kursen immer verdächtiger wird.

Gleichzeitig erlebt auch das Geld einen Boom. Spekulation braucht Nahrung. Wenn wir als Anleger die Preise für Waren, Immobilien, Lebensmittel, Gold, Aktien, Anleihen und so weiter in die Höhe treiben, dürfen wir uns reich fühlen. Diese nebulöse Wertschöpfung bedeutet, dass wir mehr Geld aufnehmen und in neue Anlagen stecken können, was zu einer Schuldenexplosion führt. Nun beginnt ein Wettlauf, der gewährleisten soll, dass alle verdienen, ob durch Geldverleih oder Geldanlage. Wenn das Geld nicht ausreicht, dann schaffen wir eben neues – die Finanzgeschichte ist voller Erfindungen wie Wechsel, Anleihen, Papiergeld und Derivate.

Das Phänomen ist nur zu verständlich. Die Spekulation vernebelt unsere Vernunft. Unser Ego lässt die Vorstellung nicht zu, dass es sich bei unserem Erfolg womöglich um bloßes Glück handelt, stattdessen halten wir große Stücke auf unser Können, unser Wissen oder unsere Intuition. Während eines Booms herrscht kein Mangel an Orakeln und Einpeitschern, sei es John Law im 18. Jahrhundert, Irving Fisher vor der Weltwirtschaftskrise oder Michael Milken während des Schrottanleihen-Booms der 1980er-Jahre. Mit jeder Kurssteigerung steigt auch der Marktwert unserer Gurus, bis wir alle Finanzexperten geworden sind. Doch der Boden unter unseren Füßen beginnt zu beben.

Klugheit und Dummheit sind oft nur zwei Seiten derselben Medaille. Wenn die Spekulationsblase platzt, sind unweigerlich alle überrascht. Die Auslöser sind stets harmlos, auch wenn sie im Rückblick unübersehbar erscheinen. Irgendwo in der komplexen Finanzkette reißt ein Glied, eine politische Entscheidung führt zu einer Vertrauenskrise, neue Investitionsmöglichkeiten versprechen noch größere Gewinne und verlangen unsere begrenzte Aufmerksamkeit, das System wird durch die Druckerpresse oder durch Entwertung mit Geld geflutet, und wir müssen einmal mehr lernen, was das Gresham’sche Gesetz bedeutet.5

Sosehr sich die Krisen äußerlich auch unterscheiden mögen, im Kern geht es immer um Vertrauen. Wir müssen Vertrauen haben, um unser Geld auf die Bank zu tragen, und die Bank benötigt Vertrauen, um uns Kredite zu geben, mit denen wir das kaufen, was unser Vertrauen weckt. Doch das Vertrauen ist wie ein Schwert, das in der Euphorie gewetzt wird, bis es unsere Illusionen und Träume durchschneidet und unsere niederen menschlichen Motive und Ängste freilegt.

In der Krise treten diese Motive in den Vordergrund. Da unser Gedächtnis in Finanzdingen extrem kurz ist, lernen wir nichts aus zurückliegenden Krisen und suchen lieber nach Schuldigen. Wenn das Ausmaß des Schadens erkennbar wird, machen Vorwürfe von Betrug und Täuschung die Runde. In unserer Selbstgerechtigkeit, mit der wir uns selbst von allen Vorwürfen ausnehmen, fordern wir ein Verbot von Auswüchsen und eine Bestrafung der Spekulation. Wir hoffen, dass die Politik sich um alles kümmern wird, und träumen von einer Utopie, in der die Wirtschaft keinen Konjunkturzyklen mehr unterliegt.

Aber Hoffnung ist keine Strategie. Es fehlt an Einsicht, und der Katzenjammer nach dem Krach trägt nur dazu bei, unser Finanzgedächtnis zu verkürzen. Der Gegenstand der Spekulationsblase – Aktien, Tulpen, Derivate, Hypotheken und so weiter – wird analysiert, verteufelt und schließlich durch staatliche Aufsicht rehabilitiert. Doch die Menschen, die diese Anlageformen boomen ließen, und die gesellschaftlichen Anreize, die sie antrieben, werden nie erwähnt.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass ein enger Zusammenhang zwischen Krisen und staatlicher Regulierung besteht. Aber wenn man das Schwert in die Scheide steckt, wird es nicht weniger scharf – es entsteht lediglich die Illusion, dass es unschädlich gemacht wurde. Solange wir uns nicht den tatsächlichen Ursachen zuwenden, werden sich Krisen und Regulierungsmaßnahmen abwechseln wie Nacht und Tag.

Krisen sind Teil des Systems, und die Vorstellung vom effizienten Markt – der zentrale Glaubenssatz des modernen Finanzwesens – ist eine Lüge. Die Tatsache, dass Krisen derart regelmäßig aufeinanderfolgen und dass wir derart regelmäßig außerstande sind, sie zu verhindern, lässt den Schluss zu, dass Märkte an sich instabil sind. Die menschlichen Akteure zu ignorieren bedeutet, den Motor zu leugnen, der den gesamten Mechanismus antreibt. Wie ein Betrunkener, der nach einer durchzechten Nacht nach Hause torkelt, stolpern wir von einer Krise in die nächste.

Auf anderen Gebieten erzielt die Menschheit stetige Fortschritte, doch in der Wirtschaft wiederholt sich dasselbe Muster seit den Staatspleiten im antiken Griechenland und Rom über den Tulpenwahn des 17. Jahrhunderts bis zu unseren modernen Erfahrungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

DIE ENTDECKUNG DER KOMPLEXITÄT

Die Welt ist heute stärker vernetzt und komplexer denn je. Man muss gar nicht weit blicken, um zu erkennen, wie schnell sie sich entwickelt hat, vor allem in der jüngsten Vergangenheit.

Geschätzte Entwicklung des weltweiten Bruttoinlandsprodukts in den vergangenen zwei Jahrtausenden, in internationalen Dollar des Jahres 1990. (Quelle: Angus Maddison, Universität Groningen, Niederlande; Grafik: Camdor Global)

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wuchs die Welt nach der Malthus’schen Dynamik, das heißt, das Wirtschaftswachstum war an das Bevölkerungswachstum gekoppelt und entwickelte sich linear. Gemeinschaften begegneten einander häufiger, erforschten neue Weltregionen und handelten mit ferneren Ländern. Die Produktivität wuchs linear, hin und wieder gab es technische Durchbrüche (zum Beispiel die Erfindung des Schießpulvers), doch die Entwicklung verlief langsam. Die Welt war geteilt in Arm und Reich. Die Mittelschicht war klein und beschränkte sich vor allem auf Händler und einige städtische Adelige. Die Landwirtschaft war der wichtigste Beruf und der Motor für das globale Wachstum, und sie expandierte vor allem deshalb, weil es immer mehr Münder zu füttern gab.

Bei den Krisen dieser Zeit handelte es sich überwiegend um die Finanzkrisen von Weltreichen und Ländern, die bei der Verfolgung ihrer Interessen zu viel Geld aufnahmen oder ausgaben. Wenn das Geld knapp wurde, streckten sie es, indem sie den Gold- und Silbergehalt ihrer Münzen reduzierten – so sahen damals Abwertung und Inflation aus. Auf diese Weise verspielten sie allerdings auch ihre Glaubwürdigkeit. Aufstände, Invasionen und Morde schwächten das System, ehe es allzu groß und komplex werden konnte. Die Zunft der Geldverleiher war klein und die Verschuldung hielt sich in Grenzen.

Es gab allerdings auch Ausnahmen. Eine davon war das Römische Weltreich, das eine ungewöhnlich komplexe Wirtschaft hervorbrachte – so komplex, dass sie bis heute in unserer Sprache und unseren Gesetzen nachwirkt. Dieses System hatte jedoch seinen Preis in Form von wiederholten Auseinandersetzungen zwischen Gläubigern und Schuldnern, zahlreichen Finanzkrisen und einem Staat, der bei dem Versuch, Stabilität herzustellen, so groß und übermächtig wurde, dass er schließlich implodierte und ein schwarzes Finanzloch hinterließ.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts setzte jedoch eine Veränderung ein. Die Industrielle Revolution und die mit ihr einhergehenden technischen Neuerungen entfesselten einen beispiellosen Produktivitätszuwachs und ein bis dahin unvorstellbares Wirtschaftswachstum. Das Wachstum entkoppelte sich weitgehend von der Bevölkerungsentwicklung und wurde vom immer schnelleren technischen Fortschritt angetrieben.

Mit dem anhaltenden exponentiellen Wirtschaftswachstum nahm auch die Komplexität der Gesellschaft zu. Die Nachfrage und die Zahl der menschlichen Interaktionen wuchsen Hand in Hand, und in Reaktion darauf floss Geld in das System. So entstand ein positiver Selbstverstärkungseffekt. Die Aussicht auf größeren Status und einen Anteil am künftigen Wachstum bewog Menschen, immer mehr Kapital zu investieren. Wer kein Kapital hatte, wandte sich an einen der neuen Vermittler und nahm eine Hypothek auf die Zukunft auf. Dadurch wuchs die Geldmenge im System. Erträge hingen nicht mehr vom Ort ab, sondern von der Zeit: Indem man künftige Gewinne vieler Menschen in die Gegenwart holte, finanzierte man das Wachstum von heute und war morgen schon viel reicher.

Um das Geld herum entstand eine eigene Finanzbranche. Indem sie Geld aufnahm und wiederholt an andere weiterverlieh, stärkte sie die Verbindungen innerhalb des Netzwerks. Vertrauen wurde zur Ware, und die Verteilung wurde effizienter. In der Folge verteilte sich das Geld auf eine sehr viel größere Gruppe von Menschen, die alles daransetzten, ihren persönlichen Einfluss (und damit ihren Status) innerhalb dieses komplexen Netzwerks auszubauen, indem sie ihr Geld dahin verschoben, wo sie das Wachstum erwarteten.

Auch die Natur der Finanzkrisen änderte sich. Ein Vertrauensverlust hatte nun weiterreichende Folgen. Verschuldung wurde zum integralen Bestandteil des Netzwerks. Der Ausfall eines Beteiligten betraf daher mehr Menschen und über längere Zeit. Das Phänomen der Ansteckung war geboren. Während die Herden in diesem neuen Ökosystem umherstreiften und nach immer neueren Gelegenheiten suchten, entstanden ausgeprägtere Konjunkturzyklen.

In den letzten Jahrhunderten treten Rezessionen und Krisen immer häufiger auf, mit immer drastischeren Auswirkungen. Beides hängt mit der zunehmenden Komplexität und den immer effizienteren Mechanismen der Weitergabe zusammen. Zu den Geldentwertungen und Staatspleiten früherer Tage gesellen sich heute die Pleiten und Umstrukturierungen kleinerer Akteure und Einzelpersonen, die den Versprechungen aus Boomzeiten hinterherlaufen.

Diese Veränderung lässt sich mit dem Wandel vom Ochsenkarren zum Auto vergleichen. Mit dem Auto kommt man schneller ans Ziel, aber es hat plötzlich auch viel mehr Teile, die unerwartet kaputtgehen können. Diesen Kompromiss gehen wir jedoch ein, weil wir die Vorteile nicht missen wollen.

GLORREICHE HALUNKEN

Da Krisen ihre Ursache in menschlichen Exzessen haben, ist es leicht, Krisen grundsätzlich als schlecht anzusehen. Aber das wäre zu einfach. In der Menschheitsgeschichte hingen Fortschritt und Wachstum immer mit der Möglichkeit zusammen, Fehler zu machen. Spekulation und billiges Geld können zwar Blasen verursachen, wenn sie nicht kontrolliert werden. Doch die Bereitschaft, unvernünftige Risiken einzugehen, hat in der Vergangenheit oft entscheidende Fortschritte bewirkt.

Es war ein Spekulant, der eines Tages die Milch zu lange stehen ließ und den Käse entdeckte, und der Schimmelkäse wurde vermutlich von einem noch größeren Narren erfunden. Der Aufstieg des Internets provozierte die berüchtigte Dotcom-Blase, doch diese Blase finanzierte gleichzeitig den Paradigmenwechsel in der globalen Kommunikation und sozialen Interaktion, der unsere Welt zunehmend definiert.

Umgekehrt kann jeder Bremsversuch fatale Folgen haben. Das Mittelalter lässt sich als Dauerwirtschaftskrise verstehen, denn das christliche Verbot des Geldverleihs und die damit fehlende Spekulation ließen die Wirtschaft nur im Schneckentempo wachsen. Der Legende nach kehrte der Mongolenherrscher Tamerlan nach seinem Raubzug durch Asien an der Grenze zu Osteuropa um, weil ihm der Kontinent für weitere Plünderungen zu arm und kläglich erschien. China, das mit Rechengeld experimentierte, wie wir es heute kennen, erzeugte damals ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig errichteten die Chinesen ein legendäres Weltreich, erfanden das Schießpulver und das Papier und entdeckten ganz nebenbei unbekannte finanzielle Phänomene wie die Hyperinflation. Erst als in Italien gierige Familien wie die Medici Geld verliehen, das sie gar nicht hatten – eine betrügerische, aber notwendige Spekulation –, begann die Renaissance und mit ihr der Aufstieg der europäischen Kultur. Die Liste der Beispiele ist schier endlos lang. Die Südseeblase des 18. Jahrhunderts hing mit zwei Dingen zusammen: Zum einen brauchten die Staaten einen funktionierenden Anleihemarkt, um ihre Geschäfte zu finanzieren, und zum anderen wurde die Aktiengesellschaft als Unternehmensform immer beliebter und finanziert bis heute die Träume zahlloser Unternehmer (und einiger Hochstapler).

Obwohl alle Krisen dieselben gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursprünge haben, können sie ganz unterschiedlich verlaufen. Einige Krisen wie der Börsenkrach des Jahres 1987 oder die Tulpenmanie lassen die wirtschaftlichen Aktivitäten nur kurz abflauen und hinterlassen kaum Schäden. Andere schlagen tiefere Wunden. Fast das gesamte 15. Jahrhundert hindurch wirkten verheerende inflationäre Kräfte, und die Krise des Jahres 1929 hat sich als Weltwirtschaftskrise ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Krisen haben tiefe Wurzeln. Entscheidend ist der Verschuldungsgrad. Ist er so hoch, dass die Entschuldung monumentale Anstrengungen erfordert, dann können Jahre oder Jahrzehnte vergehen, ehe so etwas wie Normalität wiederhergestellt ist.

Die Planung und das Management der verschiedenen gesellschaftlichen Aspekte erfordern eine langfristige Perspektive. Aber in der Praxis steht der Zeithorizont der Verantwortlichen in keinem Verhältnis zur Komplexität des Systems. Kleine Entscheidungen, die wir heute treffen, können morgen große Auswirkungen haben, wenn die Akteure in der Wirtschaft auf sie und die durch sie geschaffenen Anreize reagieren. Das Gruppenverhalten verändert sich und das System wird komplexer. Einige Veränderungen blähen bestehende Spekulationsblasen weiter auf oder lassen neue entstehen. Und diese Blasen erreichen irgendwann einen kritischen Punkt, an dem die Emotionen umschlagen und aus Vertrauen Misstrauen wird.

An diesen kritischen Punkten, an denen die verborgenen Ungleichgewichte sichtbar werden, können Maßnahmen, die die Komplexität der Situation unterschätzen, trotz bester Absichten großen Schaden anrichten. Die kleinen Entscheidungen summieren sich und lassen die Herde anschwellen, obwohl sie zu klein bleibt, um bei einem neuerlichen Aufschwung strukturelle Schwächen zu korrigieren. In aufeinanderfolgenden kleinen Krisen wird die Unwucht immer größer, und was andernfalls vielleicht eine Rezession geblieben wäre, verwandelt sich in eine ausgewachsene Krise, die die gesamte Wirtschaft und sogar die Gesellschaft bedroht.

Eine Wirtschaftskrise ist daher letztlich eine Katastrophe der kleinen Entscheidungen. Blasen entstehen in den Köpfen der Beteiligten, werden genährt durch die Anreize der Umwelt und reifen in der Komplexität der Wirtschaft heran. Diese Faktoren bestimmen schließlich auch, welchen Verlauf die Krise nimmt.

Da wir Menschen sind und offenbar eine Vorliebe für den Kapitalismus haben, können wir eine Ansteckung vielleicht nicht verhindern. Trotzdem sollten wir lernen, mit Krisen umzugehen und deren wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Auswirkungen zu minimieren. Wie zu Beginn des Kapitels beschrieben, ist das Auf und Ab der Wirtschaft so natürlich wie das Ein- und Ausatmen des Menschen. Es unterdrücken zu wollen könnte den Erstickungstod provozieren, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Eine nüchterne Wahrnehmung der Anzeichen, die eine Spekulationsblase ankündigen, könnte jedoch helfen, unseren Überschwang zu dämpfen und zu verhindern, dass die Spekulation das gesamte System beeinträchtigt. Dies dürfte zwar schwieriger sein, als wir uns das wünschen würden, doch die Zeichen des irrationalen Überschwangs sind unmissverständlich. Wenn alle Welt zunehmend überzeugt ist, dass es nur aufwärtsgehen kann, dann ist der Moment gekommen, sie behutsam auf den Boden zurückzuholen.

Wir können das Thema Krisenbewältigung gar nicht ernst genug nehmen. Eine Wirtschaftskrise, die zu lange schwelt, bedeutet nicht nur eine Gefahr für die Wirtschaft selbst, sondern auch für die Politik und die Gesellschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg leisteten die Europäer mit ihrem Beharren auf Reparationszahlungen dem Aufstieg der Nationalsozialisten Vorschub. Der Goldwahn der Spanier im 16. und 17. Jahrhundert führte die Nation in den Bankrott. Chinas Experimente mit flexiblen Wechselkursen Ende der 1930er-Jahre führten zur Hyperinflation und zum Aufstieg des Großen Vorsitzenden Mao. Die Lektionen der Geschichte und die menschlichen Gesetze dahinter sind klar; wir müssen sie nur erkennen.

Im Alltag bemühen wir oft die Metapher des Strömens und Fließens, wir sprechen vom Geldfluss, dem Ideenstrom, dem Gedankenfluss, dem Fluss der Worte auf dem Papier. Es ist die unbewusste Einsicht in die Tatsache, dass wir in einer dynamischen Welt leben und dass Leben Veränderung bedeutet.

Dieses Buch ist eine Geschichte der Finanzspekulation und ihrer Folgen. Es beschreibt und analysiert, wie wir ständig durch neue Anlagemöglichkeiten in Versuchung geführt werden; wie sich eine Illusion durchsetzt und der Einzelne von der Masseneuphorie erfasst wird; wie der vermeintlich endlose und alle beglückende Boom durch immer neues Geld angefacht wird; wie des Kaisers neue Kleider auf unerwartete Weise enthüllt werden; wie Anleger versuchen, ihr Geld und ihr Ego zu retten, und es unweigerlich zum Krach kommt; und warum schließlich unser Gedächtnis so kurz ist, dass wir gezwungen sind, unaufhörlich in demselben Kreis zu laufen, ohne je eine kritische Bewertung unseres Scheiterns vorzunehmen.

Kurzum, es ist die Geschichte dessen, was uns zu Menschen macht.

KAPITEL 2
Die Anatomie des Grüffelo:
Ein Gleichnis aus dem Alten Rom

Vergangene Ereignisse werfen ein Licht auf künftige; die Welt bleibt immer dieselbe; was ist und sein wird, das war auch schon früher; dasselbe kehrt immer wieder, nur unter neuem Namen und in neuem Kleide; nicht jeder erkennt dies, nur wer weise ist und es sorgfältig bedenkt.

FRANCESCO GUICCIARDINI (1483–1540)

All die Verwirrungen, Konfusionen und Probleme in Amerika rühren nicht aus den Schwächen der Verfassung oder des Staates noch aus einem Mangel an Ehre oder Tugend, sondern allein aus der Unkenntnis über die Natur des Geldes, des Kredits und des Umlaufs.

JOHN ADAMS (1735–1826)

Im Jahr 33 n. Chr. ließ Pontius Pilatus, fünfter Statthalter der fernen römischen Provinz Judäa, einen gewissen Jesus von Nazareth ans Kreuz schlagen. Möglicherweise erwähnte Pilatus das Ereignis in einem seiner regelmäßigen Schreiben an Kaiser Tiberius, in denen er über die Steuereinnahmen und die Stimmung im Volk berichtete. Auf jeden Fall erwähnte sie der Geschichtsschreiber Tacitus 83 Jahre später in seinen Annales, in denen er sich im Vorübergehen auch über die »Chrestianos« ausließ.

Ansonsten machte diese Hinrichtung keinerlei Eindruck auf die Welt der Antike. Im 2 300 Kilometer entfernten Rom war Kaiser Tiberius damit beschäftigt, seinen Freund Sextus Marius vom tarpejischen Felsen zu stürzen. Er und der Rest des Reichs hatten alle Hände voll damit zu tun, die bis dahin schwerste Finanzkrise des Weltreichs zu bewältigen.

EIN WIRTSCHAFTSREICH

Das Jahr begann wie jedes andere für das aufstrebende Römische Reich. Römische Legionen hatten weite Teile Europas erobert, die Grenzen des Reichs erstreckten sich von Spanien im Westen bis nach Syrien im Osten und von der Donau im Norden bis nach Ägypten und Libyen im Süden. Aus fernen Provinzen strömten die Menschen in die Hauptstadt auf der Suche nach Wohlstand und Status. Trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen mit Völkern, die so hinterwäldlerisch waren, sich gegen die Römische Herrschaft zu wehren, herrschte weithin Frieden, und die Pax Romana wurde zu einem Mythos, nach dem noch viele nachfolgende Generationen streben sollten.

Lange vor der modernen Globalisierung gab es schon damals ein dichtes Netzwerk von Wirtschaft und Handel, das auf einem komplexen Sumpf aus Banken und Krediten errichtet war. Rom war die wirtschaftliche und kulturelle Hauptstadt des gesamten Mittelmeerraums, es war die Stadt, in die alle Straßen führten. Nirgends war dies sichtbarer als an der Via Sacra, der Hauptstraße der Weltstadt, die sich von den Tempeln am Kapitolshügel durch das Forum mit seinen Geldverleihern und Händlern wand und schließlich am Kolosseum endete, wo römische Bürger ihre Nachmittage mit Gladiatorenkämpfen oder Theaterstücken zubrachten.

Die Via Sacra war die teuerste Einkaufsstraße der antiken Welt, die Fifth Avenue oder Champs-Élysées ihrer Zeit. Hier konnte man sich einen Sklaven kaufen, der etwa das Jahresgehalt eines Legionärs kostete, und wem das zu teuer war, der konnte sich hier einen schönen Nachmittag mit einer Prostituierten machen. Man konnte sein mühsam verdientes Geld beim Glücksspiel in einem der Hinterhöfe riskieren oder es einem der vielen Geldverleiher rund um das Forum anvertrauen. Händler hielten indische Gewürze oder ägyptische Skarabäen feil. Kleine Imbissstuben reihten sich aneinander und lockten die Passanten mit Weinen aus Spanien, Schinken aus Germanien und Olivenölen aus Norditalien. Und wer nicht kaufen wollte, konnte einfach die Straße entlangflanieren und das architektonische Erbe vergangener Generationen bewundern, von den Triumphbögen über Götterstatuen bis hin zum prächtigen Pantheon.

In einem Gewirr von Nebenstraßen fanden sich Händler für Kunden, die sich die Waren der Via Sacra nicht leisten wollten oder konnten. Wie ein Abbild der römischen Gesellschaft verästelten sich die Gassen immer weiter, und einige von ihnen endeten schließlich am Tiber-Hafen und dem Monte Testaccio, dem künftigen achten Hügel Roms und einem Zeugnis für die Weltherrschaft des römischen Handels. Auf den Monte Testaccio warfen die Hafenarbeiter die gebrauchten Amphoren; hier landeten schließlich geschätzte 53 Millionen dieser tönernen Transportgefäße und bildeten einen Hügel von 45 Meter Höhe und einem Kilometer Durchmesser.1 Der grasbewachsene Hügel ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für die arbeitende Bevölkerung Roms, und viele der Besucher ahnen nicht, dass sie auf einem antiken Scherbenhaufen wandeln, wenn sie tagsüber am Fuß des Hügels die Zutaten für ihr Picknick einkaufen oder abends dort eine der Kneipen besuchen.

Die Via Sacra war ein wahrer Schmelztiegel des Reichs. Rund um diese Handelsader herum wucherte ein Finanzbezirk, der Römer aller Schichten bediente. Versteckt in den Märkten hatten die Geldwechsler ihre bancus, lange Theken, denen wir unsere Begriffe »Bank« und »Bankier« verdanken. Hier wurden ausländische Münzen gewogen, auf ihre Reinheit geprüft und in goldene Aurei, silberne Denare und bronzene Sesterzen umgetauscht.

Eine Stufe darüber waren die argentarii, Silberhändler und professionelle Geldverleiher, die Einlagen entgegennahmen und Kredite vergaben. Auf Auktionen liehen sie den Käufern Geld und kassierten im Namen der Verkäufer. Im Laufe der Zeit traten daneben auch andere Typen von Bankiers auf, die verschiedene Aspekte von Geldverleihern und Silberhändlern vereinten.

Am anderen Ende der Skala standen schließlich die Finanziers. Ähnlich wie die Handelsbanken des 19. Jahrhunderts oder die Kapitalgesellschaften von heute handelte es sich um Finanzunternehmer, die sich an größeren Unternehmungen und Spekulationen beteiligten. Sie verliehen Geld an Städte und Herrscher, bewarben sich mit großen Unternehmen um öffentliche Aufträge, trieben im Namen Roms Steuern ein und beherrschten den Bergbau und die Schifffahrt.

Diese unterschiedlichen Finanzunternehmer spannten ein komplexes Finanznetzwerk über das gesamte Römische Reich. Dieses Netzwerk hielt die Gesellschaft zusammen und lieferte die Nahrung für das wirtschaftliche Wachstum. Wichtiger noch, es stellte das Vertrauen her, das für den Erfolg der römischen Wirtschaft entscheidend war.

AUF SCHULDEN ERBAUT

Das moderne Bankwesen zeichnet sich durch minimale Rücklagen aus, das heißt, die Einlagen werden wiederholt verliehen und nur ein kleiner Teil bleibt als Reserve in der Bank. Durch Kredite werden große Mengen Geld in Umlauf gebracht und die Wirtschaft erhält das Kapital, das sie für ihr Wachstum benötigt. Dabei gehen die Banken ein doppeltes Risiko ein, denn sie treffen zwei Grundannahmen: erstens, dass die Gewinne aus dem Geldverleih größer sind als die möglichen Verluste und dass sie über die Rückzahlung der verliehenen Einlagen hinaus Erträge erzielen. Und zweitens, dass nicht alle Kunden gleichzeitig ihre Einlagen zurückverlangen. Banken halten nur geringe Mengen an Bargeld vor, um ihre Tagesgeschäfte abzuwickeln. Der Rest ist in längerfristigen Krediten gebunden, die sich nicht kurzfristig einfordern lassen und die bei einer ungeordneten Liquidierung nur einen Bruchteil ihres Werts einbringen würden. Daher ist Vertrauen das A und O des Geldgeschäfts: Wenn die Kunden darauf vertrauen, dass sie ihr Geld bei Bedarf jederzeit abheben können, dann werden sie vermutlich nicht alle auf einmal zur Bank laufen und ihre Einlagen zurückverlangen.

Die Vorstellung einer auf Schulden beruhenden und durch Vertrauen gestützten Wirtschaft ist allerdings keine neue Erfindung. Das Wort »Kredit« kommt vom lateinischen Verb credere, »vertrauen« oder »glauben«, und die meisten Gesellschaften der Antike hatten ihre Erfahrungen mit dem Ge- und Missbrauch von Krediten gemacht.

Von Griechenland über Kleinasien nach Ägypten nutzten viele Tempel ihren privilegierten gesellschaftlichen Status und machten lukrative Geschäfte, indem sie Einlagen entgegennahmen, Kredite vergaben und Währungen tauschten. Kredit ist eine wichtige Voraussetzung für den Handel und vielleicht sogar noch älter als das Zahlungsmittel Geld. Alte Gesetzestexte wie der Kodex Hammurabi aus dem 18. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung regeln den Umgang mit Schulden und Schuldnern bis ins Detail. Die Verbreitung der Kredite lässt sich an der Häufigkeit ablesen, mit der antike Redner wie Isokrates oder Demosthenes gegen Geldverleiher wettern. Andere historische Dokumente zeigen, dass zu den Errungenschaften der Griechen nicht nur die Demokratie, sondern auch das Konkursverfahren gehört.2

Es waren jedoch die Römer, die den Kredit zum festen Bestandteil des Wirtschaftsgebäudes erhoben. Die römischen Gesetze unterschieden zwischen dem Geld, das einem Bankier für eine gewisse Zeit überlassen wurde und auf Wunsch ausbezahlt werden musste (mutuus), in der Regel mit Zinsen, und dem Geld, das ihnen ausdrücklich nur zur Verwahrung übergeben wurde, oft in einem versiegelten Sack (depositum). Ersteres konnte die Bank nach Belieben verleihen, letzteres war tabu. Diese Unterscheidung hat sich bis in die Gegenwart erhalten, Richter der Vereinigten Staaten berücksichtigten sie noch Ende des 19. Jahrhunderts in ihren Gerichtsurteilen. Unbewusst treffen wir diese Unterscheidung bis heute, wenn wir Geld aufs Konto legen und Wertsachen ins Schließfach.3

Kredit war entscheidend für den Ausbau und Erhalt der römischen Vorherrschaft. Rom war eines der ersten Weltreiche, in dem Handel und Macht derart eng verzahnt waren. Wie Cicero in einer seiner Reden anmerkte: »Ganz Gallien ist voller Händler, von denen fast alle römische Bürger sind. Kein Gallier macht Geschäfte ohne die Hilfe eines Römers.«

Angesichts der Größe des Römischen Reichs erforderte der zunehmende Handel eine ausgedehnte Infrastruktur und ein gut organisiertes Finanzwesen. Davon zeugen die zahllosen Überreste von Aquädukten, Straßen und Schiffswracks in Europa und Nordafrika. Mithilfe des Handels dehnte Rom seinen Einfluss, seine Gesetze und seine Kultur auf den gesamten Mittelmeerraum aus und einte Tausende Kilometer voneinander entfernt lebende Menschen zu einer gemeinsamen Gesellschaft. Solange alle davon profitierten, hatte niemand einen Grund, an der Pax Romana zu rütteln.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatte die Stadt Rom mehr als eine Million Einwohner – eine Zahl, die London als größte Stadt der Welt erst Anfang des 19. Jahrhunderts wieder erreichte. Aber auch eine wachsende Zahl von Städten in Italien und im gesamten Reich fragten Weizen, Olivenöl und Luxusgüter nach.

Händler nahmen Kredite auf und hinterlegten Weizen und getrocknete Früchte als Sicherheiten. Verträge über künftige Lieferungen – eine Vorform dessen, was wir heute als Finanzderivate bezeichnen – waren eine Versicherung gegen Ernteausfälle und die Unwägbarkeiten des internationalen Handels.4 Bankiers gaben die Garantien, die es den Händlern ermöglichten, mit ihren Schiffen die ungewisse Fahrt zu fernen Ufern zu wagen.

Berühmte Römer wie der Politiker Cicero, der Philosoph Seneca oder der Cäsar-Mörder Brutus konkurrierten darum, das Schmiermittel für die wachsende römische Wirtschaft bereitzustellen, und machten damit hübsche Gewinne. Senatoren, Ritter und reiche Bürger versammelten sich auf dem Forum, um mit Schuldscheinen und Anteilen an Reedereien zu handeln, ihr Geld bei publicani5 zu hinterlegen oder Kredite für den Kauf von Land aufzunehmen, ein weiteres allzeit beliebtes Spekulationsobjekt der Römer.

Finanzspekulation war die schnellste Möglichkeit, um die glitschigen Stufen der römischen Gesellschaft zu erklimmen oder sich oben zu halten. Wie viele antike Gesellschaften war Rom hierarchisch organisiert. Ganz oben standen die privilegierten Senatoren, ursprünglich Vertreter des Adels, der die Republik gegründet hatte und seit Jahrhunderten beherrschte. Darunter standen die Ritter, ehrgeizige Angehörige des Kleinadels, die die Blüte des Römischen Reichs nutzten, um große Vermögen und Besitztümer anzuhäufen. Dem folgten die nachgeordneten Eliten, zum Beispiel Provinzadelige und die ärmeren Schichten der Römischen Gesellschaft, und ganz unten standen die Freigelassenen und die Sklaven.

Diese Hierarchie war jedoch bemerkenswert offen, und wer Geld verdiente oder verlor, konnte leicht auf- beziehungsweise absteigen. Der erste Römische Kaiser Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) schrieb schließlich die Rolle des Geldes bei der Bestimmung des gesellschaftlichen Status fest. Ein Senator benötigte ein Vermögen von mindestens 250 000 Denar (was etwa 1 100 Jahresgehältern eines Legionärs entsprach), ein Ritter von 100 000 Denar.

Welche Rolle Handel und Finanzen beim gesellschaftlichen Aufstieg spielten, lässt sich an zwei Beispielen demonstrieren. Der Vater des Dichters Horaz war zunächst Sklave gewesen, dann Freigelassener und schließlich professioneller Bankier. Mit seinem Vermögen erwarb er ein beachtliches Portfolio von Immobilien und ermöglichte seinem Sohn die beste Ausbildung, die man damals für Geld bekommen konnte. Horaz stieg schließlich zum Ritter auf, wurde einer der berühmtesten römischen Dichter und besang den Beitrag seines Vaters:

… wofern ich (um einmal

mein eigen Lob zu singen) bieder bin

und meinen Freunden wert: so war daran

mein Vater ganz allein die Ursach; der,

wiewohl von einem magern Gütchen spärlich lebend,

mich nicht an unserm Ort zu Flavius,

dem Rechenmeister, in die Schule schickte,

wohin doch große Hauptmanns-Jungen nicht

zu vornehm waren mit der Rechentafel und

dem Markensack am linken Arm zu traben,

die edle Wissenschaft, wieviel Prozent

von soviel Kapital des Monats fällt,

zu lernen: sondern mich, so jung ich war,

nach Rom zu führen herzhaft sich entschloß,

um dort so gut mich zu erziehen als

ein Ritter oder Ratsherr seine Söhne

erziehen lassen kann; so daß, wer mich

in dieser großen Stadt, so wohl gekleidet,

mit Sklaven hinter mir, daherziehn sah,

nichts anders dachte, als das alles werde

aus altem Ahnengut auf mich verwendet …

So lang ich meine Sinnen habe, soll

ein solcher Vater niemals mich gereuen;

noch werd’ ich, wie die meisten die sich nicht

mit hochgebornen Ahnherrn brüsten können,

versichern, daß es meine Schuld nicht sei.

(Satiren 1,6.70–92)

Noch bemerkenswerter war die Geschichte der Familie von Vespasian, einem der großen Kaiser der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts. Sein Großvater Titus Flavius Petro war einer der ersten bekannten professionellen Bankiers, der zu Zeiten von Julius Cäsar das gesamte Spektrum der Finanzdienstleistungen von Auktionen über Geldwechsel bis Einlagen anbot. Auf dieser Grundlage erwarb sein Vater Titus Flavius Sabinus ein gewaltiges Vermögen. Er begann als privater Steuereintreiber in der Provinz Asia und vermittelte schließlich Kredite an verschiedene Stämme im Römischen Reich. Zu seinen besten Kunden gehörten die Schweizer, weshalb ihm die Ehre zuteilwird, der erste Schweizer Privatbankier der Geschichte zu sein. Dank der Unternehmungen seines Vaters stieg Vespasian erst zum Ritter, dann zum Senator und schließlich zum Kaiser auf; die Lust seiner Vorfahren am Geldverdienen kam ihm dabei nicht abhanden.6

DIE ARCHITEKTUR DER KRISE

Im Jahr 33 n. Chr. waren viele Senatoren und Ritter nicht abgeneigt, mit Handels- und Finanzgeschäften oder der Steuerpacht Geld zu verdienen. Es war eine Möglichkeit, ihr Vermögen zu mehren und sich einen guten Platz am Tisch der Politik zu sichern. Außerdem sahen sie dies als ihren gerechten Anteil an den Früchten des wachsenden Reichs. Diese wenigen Tausend Männer und ihre Familien beherrschten die Wirtschaft des Imperiums und sollten in seiner weiteren Geschichte eine zentrale Rolle spielen.

Der Optimismus und die gesellschaftliche Mobilität verdankte sich vor allem einem Mann: dem ersten römischen Kaiser Augustus. Octavian, wie er bei Geburt hieß, war ein kleinwüchsiger, stiller Mann, dem zwar das Charisma seines Großonkels Julius Cäsar abging, der dafür aber mehr politisches Gespür mitbrachte. Noch unter dem Namen Octavian manövrierte er sich rücksichtslos durch den blutigen Bürgerkrieg, der nach Cäsars Ermordung losbrach, und ging am Ende als unangefochtener Sieger hervor. Unter dem Namen Augustus wählte er eine freundlichere Maske als gütiger Kaiser und Vater der Nation. Seine chamäleonhaften Fähigkeiten in der Politik kommen auch in seinen letzten Worten zum Ausdruck: »Habe ich meine Rolle gut gespielt? Dann klatscht Beifall, denn das Spiel ist aus!«

Doch der Weg dahin war nicht einfach. Im Jahr 30 vor unserer Zeitrechnung stürzte sich Mark Anton, einst Cäsars Vertrauter und Octavians Mitherrscher, im von Octavians Truppen umzingelten Alexandria in sein Schwert (allerdings nicht, ohne zuvor ein letztes Glas Wein getrunken zu haben). Nach seinem Tod soll sich die ägyptische Pharaonin Kleopatra eine Natter an die Brust gedrückt haben, weil sie lieber sterben wollte, als in einem Triumphzug durch Rom zur Schau gestellt zu werden.

Damit waren zwar die kriegerischen Auseinandersetzungen beendet, doch Octavian stand vor gewaltigen Herausforderungen. Nach dieser letzten Episode in einem Jahrhundert der Bürgerkriege war Rom verarmt und geschwächt. Hohe Steuern, ein schwächelnder Handel, schmerzhafte Preissteigerungen bei den Grundnahrungsmitteln und zahlreiche Schulden- und Liquiditätskrisen hatten die Wirtschaft gebeutelt.

Rom und seine Unternehmer benötigten Stabilität, um sich zu erholen. Diese stellte Octavian her, indem er die ältesten Söhne Cäsars, Mark Antons und Kleopatras aufspüren und ermorden ließ. Damit hatte er die letzten politischen Gefahren beseitigt. Das hätte an sich schon ausgereicht, der römische Handel hätte Europa von allein zurückerobert und neue Handelsrouten erschlossen. Doch Octavian war ungeduldig. Außerdem erinnerte er sich daran, dass gesellschaftliche Spannungen zwischen Gläubigern und Schuldnern für die politischen Unruhen des zurückliegenden Jahrhunderts mitverantwortlich gewesen waren.

Das war die Schattenseite des komplexen Wirtschaftssystems, das über zahlreiche Generationen hinweg entstanden war. Das Geld durchdrang die gesamte römische Gesellschaft. Der politische Aufstieg und das wirtschaftliche Wachstum Roms hatten zudem die gesellschaftliche Ungleichheit vergrößert, denn reiche Landbesitzer erwarben riesige Latifundien, während eine große Zahl von Bürgern verarmte und nicht in der Lage war, mit den billigen Arbeitskräften zu konkurrieren, die in Form von Sklaven aus den fernen Provinzen in die Stadt strömten. Der Aufstieg der Ritter als neue Unternehmerschicht ließ die Schere nur noch weiter auseinanderklaffen und führte zunehmend zu gesellschaftlichen Spannungen. Das System der Steuerpacht, also der Verkauf des Rechts zur Steuereintreibung an Privatleute, war zwar lukrativ, doch es wurde oft missbraucht. Es war ein einmaliges System. Um stabile Einnahmen zu gewährleisten, versteigerte der Staat das Recht auf Steuereintreibung in bestimmten Regionen. Unternehmen boten und zahlten die erwarteten Einnahmen per Vorkasse. Dann trieben sie die Steuern von der Bevölkerung ein, wobei sie das Risiko der Steuerausfälle trugen. Natürlich ging es ihnen dabei darum, ihre eigenen Gewinne zu maximieren, weshalb sie ein großes Interesse daran hatten, möglichst mehr einzutreiben, als sie dem römischen Staat bezahlt hatten.

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