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Geküsst wie noch nie

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1. KAPITEL

Was machte sie hier?

Es war wie in einer dieser Komödien, die vor Jahren im Fernsehen gelaufen waren. Ihre Schwester Beth liebte solchen Humor, aber Ann gefiel an den Stücken nur, wie die Schauspieler und Schauspielerinnen genau im richtigen Moment, unmittelbar bevor ein anderer Darsteller auftrat, in Schränken und Nebenzimmern verschwanden. Das mochte Ann, weil es schlau war. Lustig fand sie es nicht.

Schon gar nicht, wenn sie gerade im Kleiderschrank verschwunden war!

Und zwar in letzter Sekunde. Ann hörte bereits die Schritte des Bewohners der Hotelsuite vor der Schlafzimmertür.

Natürlich hätte sie sich unverfroren behaupten können. Ann wünschte, sie hätte es getan. Als der Schlüssel herumgedreht wurde, war Ann jedoch in Panik geraten, und ihr war kein einleuchtender Grund eingefallen, warum sich die Besitzerin des Hotels um acht Uhr abends in der Suite eines Gasts aufhalten sollte.

Andererseits, dachte Ann jetzt, eingezwängt zwischen zwei ziemlich teuer aussehenden Anzügen, wie kann ich mich he­rausreden, wenn er mich in seinem Kleiderschrank findet?

Hätte sie doch nur nicht gleich den Kopf verloren, als Winston Thackery, der Gast, der in dieser Suite wohnte, die Tür aufschloss! Wenn er etwas in der Tasche einer der Anzüge vergessen hatte, was dann? Während er sich vorhin an der Rezeption eintrug, hatte er Ann erzählt, er würde im Hotel zu Abend essen, also hatte er sich wahrscheinlich umgezogen, bevor er nach unten ging. Weil sie wusste, dass er um acht im Restaurant sein würde, war sie ja hier! Sie hatte gedacht, es wäre eine gute Gelegenheit.

Ihr Timing war hundsmiserabel. Wie ihr Versteck. Anns erste Wahl war das Badezimmer gewesen, aber in dem Raum konnte man sich nirgendwo verstecken, und wenn Winston Thackery nun ausgerechnet zurückkam, um dort hineinzugehen …

Jetzt betrat er das Schlafzimmer. Ann sah durch die Lamellen der Schranktür seine eleganten schwarzen Lederschuhe.

Winston Thackery war ein attraktiver Mann, der die Herzen aller Mädchen und Frauen zwischen sechzehn und sechzig höher schlagen ließ. Winston Thackery hatte blaue Augen, eine gerade Nase, einen sinnlichen Mund und ein energisches Kinn. Das etwas zu lange dunkelbraune Haar trug er lässig zurückgekämmt.

An der Rezeption hatte Winston Thackery sie aufmerksam, doch ohne echtes Interesse gemustert, allerdings glaubte Ann nicht, dass er wieder so gleichgültig lächeln würde, falls er den Kleiderschrank öffnete und sie darin fände!

Sie wäre auch nicht allzu glücklich, wenn …

„Mach es dir bequem“, rief Winston Thackery. „Ich muss nur schnell telefonieren.“

„Angela?“, fragte eine Frau mit rauchiger Stimme.

„Natürlich“, erwiderte er trocken.

Er ist nicht allein! fuhr es Ann durch den Kopf.

„Ach, du meine Güte“, sagte die Frau und seufzte. „Angela würde sehr wütend sein, wenn sie wüsste, dass wir beide zusammen hier sind.“

„Beunruhigt dich das etwa?“, spottete er.

„Nicht sonderlich“, antwortete seine Begleiterin gelangweilt.

Winston Thackery lachte leise. „Das dachte ich mir. Es dauert nicht lange. Nimm dir einen Drink aus der Minibar, während du wartest.“

„Okay, Darling. Aber beeil dich. Ich sehne mich nach meinem Abendessen.“

Nun, wenigstens würden sie noch essen gehen! Ann hatte schon befürchtet, sich in eine noch schlimmere Lage als die, in der sie sich jetzt befand, gebracht zu haben. Wenn Winston Thackery diese Frau mit in seine Suite genommen hätte, um … um … Bei dem, was dann im Schlafzimmer vorgegangen wäre, hätte Ann keinesfalls im Schrank bleiben können!

Winston Thackery schloss die Tür hinter sich, durchquerte den Raum und setzte sich mit dem Rücken zu Ann aufs Bett, sodass sie seine breiten Schultern in der schwarzen Smokingjacke in Augenhöhe vor sich hatte. Wenn Ann nicht so gezittert hätte, wäre sie vielleicht imstande gewesen, bewundernd anzuerkennen, dass Winston Thackery der bestaussehende Mann war, den sie je kennengelernt hatte. Da sie sich jedoch darauf konzentrieren musste, nicht vor Angst mit den Zähnen zu klappern, konnte Ann nur hoffen, nicht entdeckt zu werden.

Jetzt bemerkte sie seinen Aktenkoffer. Er stand vor dem Nachttisch. Sie war doch nur in die Suite gekommen, um einen kurzen Blick in den Aktenkoffer zu werfen. Ihre Absicht war gewesen festzustellen, ob stimmte, was sie argwöhnte.

Beth wollte aus einem völlig anderen Grund wissen, was Winston Thackery in diesem Hotel machte, und weil es ein emotionaler Grund war, hatte Ann ihre Schwester für ungeeignet gehalten, die Sache zu übernehmen. Nun war Ann sehr froh, selbst gegangen zu sein. Sie liebte ihre jüngere Schwester, wusste jedoch, dass sich Beth verraten hätte, wenn sie in diese Lage geraten wäre. Und was dann passiert wäre …

„Hallo, Angela“, sagte Winston Thackery, als sein Anruf entgegengenommen wurde. Er lehnte sich zurück und schwang die Beine aufs Bett.

Ohne vorher die Schuhe auszuziehen, dachte Ann erbost. Also wirklich, manche Menschen hatten einfach keinen Respekt vor dem Eigentum anderer. Auch wenn dies ein Hotel war, konnte man doch trotzdem …

„Ja, natürlich bin ich wieder in England“, erklärte Winston Thackery gerade kühl. „Ich weiß sehr wohl, dass die Hochzeit nächste Woche ist. Nein, du brauchst mir keine Einladung zu schicken. Schließlich habe ich eine Schlüsselstellung bei dieser Trauung, da werde ich Datum und Ort schon nicht vergessen! Organisier einfach alles, Angela, und verlass dich darauf, dass ich im richtigen Moment an deiner Seite bin.“

Der Mann heiratete nächste Woche! Ann schaute besorgt zur geschlossenen Schlafzimmertür. „Darling“ war in dem anderen Raum und wartete darauf, dass Winston Thackery sie zum Abendessen ausführte, während er hier am Telefon mit seiner Verlobten über die Hochzeit sprach! Begeistert schien er über die Heirat nicht zu sein. Nicht, dass Ann seine Einstellung dazu sehr überraschte. Sie passte zu dem, was sie, Ann, von ihm hielt. Wie sie solche Männer verabscheute. Männer, die glaubten …

„Na schön.“ Jetzt seufzte er laut. „Mir tut es ebenfalls leid. Ja, du hast recht, meine Haltung nutzt keinem der Beteiligten. Ich liebe dich auch, Angela. Mach’s gut. Wir sehen uns nächste Woche.“ Er legte den Hörer auf und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Mit zusammengekniffenen Augen blickte Winston Thackery vor sich hin, offensichtlich tief in Gedanken versunken … bis er plötzlich zweimal schnell hintereinander niesen musste. Er setzte sich auf. Plötzlich sah er sehr verärgert aus.

Ann war froh über die Ablenkung, denn sie konnte nicht fassen, was sie da gerade von seinem Telefongespräch mitbekommen hatte. Winston Thackery wollte seine Verlobte bis zur Hochzeit nächste Woche nicht sehen. Was war das für ein …?

Langsam stand er auf. Jetzt endete Anns Sicht auf Taillenhöhe. Warum rührte er sich nicht? Warum verließ er nicht das Schlafzimmer? Die Suite. Das Hotel!

Endlich bewegte er sich, doch Anns Erleichterung hielt nicht lange an. Entsetzt beobachtete Ann, wie er sich bückte, den Aktenkoffer hochnahm und den Raum durchquerte. Deshalb hatte sie den Aktenkoffer vorhin nicht gefunden. Winston Thackery musste ihn mitgenommen haben, und dasselbe hatte er nun vor.

Ihr stockte der Atem, als Winston Thackery plötzlich mitten im Zimmer stehen blieb, sich dann halb herumdrehte und einen Schritt auf den Kleiderschrank zumachte. Oh nein. Gleich würde er ihn öffnen, sie hier finden … und dann würde der Teufel los sein!

„Darling?“ Die Frau, die nebenan wartete, klopfte an die Tür. „Wenn wir jetzt nicht nach unten gehen, kommen wir viel zu spät.“

„Komme sofort“, rief Winston Thackery.

Ann glaubte seinen Atem durch die Lamellen der Tür zu spüren, so nah war Winston Thackery jetzt. Er streckte die Hand nach dem Griff aus …

Oh nein! dachte Ann. Was würde sie tun? Was würde sie zu Thackery sagen? Nichts. Wahrscheinlich würde er nach einem Blick auf sie die Geschäftsleitung rufen. Und das war sie! Und wenn Winston Thackery schließlich die Polizei holen würde, hatte sie, Ann, als Erklärung nur anzubieten, dass sie die zweifellos streng vertraulichen Papiere in seinem Aktenkoffer hatte durchsehen wollen. Man würde sie in eine Zelle sperren!

Winston Thackery war ein weltberühmter Unternehmer. Weder er noch die Polizei würden ihr, Ann, glauben, dass sie sich nur für die Unterlagen in dem Aktenkoffer interessierte, die möglicherweise ihre Familie betrafen. Falls es solche Schriftstücke gab. Wovon Ann keineswegs überzeugt war.

Beth war in Panik geraten, als vor zwei Tagen eine Sekretärin angerufen und eine Suite für Winston Thackery reserviert hatte. Für unbestimmte Zeit. Die Frau hatte gesagt, die Aufenthaltsdauer hänge davon ab, wie lange er brauchen würde, das Geschäft abzuschließen, das er in der Gegend tätigen wolle. Und Beth war sicher, dass es sich bei diesem Geschäft um den Erwerb des Hotels handelte!

Sie hatte Winston Thackery auf ihrer Hochzeit mit James vor einem Jahr kennengelernt. Er war ein alter Schulfreund von James. Und Beth erinnerte sich, dass Winston Thackery auf dem Empfang in einem der Gesellschaftsräume gesagt hatte, er sei beeindruckt, wie gut sie und ihre Schwester das Hotel leiteten, und habe vor, selbst ins Hotelgewerbe einzusteigen. Inzwischen hatten sich Beth und Ann mit einem Erweiterungsbau finanziell übernommen und liefen Gefahr, ihr Hotel zu verlieren, wenn sie nicht schnell eine Lösung fanden. Deswegen meinte Beth, dass Winston Thackery hierhergekommen war, um es an sich zu reißen.

Ann fand die Theorie ihrer Schwester nicht allzu überzeugend: Ihr kleines Siebzig-Zimmer-Hotel gehörte nicht zu der Kategorie, für die sich Winston Thackery interessierte. Einmal abgesehen von Beth’ Argument, er würde sich in dem Geschäft nicht auskennen und wollte zunächst Fuß fassen, musste auch berücksichtigt werden, dass sich James und Beth vor einem Monat getrennt hatten und James von den finanziellen Schwierigkeiten seiner Frau wusste. Er könnte die Information an seinen Freund Winston Thackery weitergegeben haben.

Außerdem quälte Beth die Frage, ob Winston Thackery vielleicht irgendetwas über James mögliche Scheidungsabsichten gehört hatte.

Jedenfalls hatte Ann am Ende das Gefühl gehabt, keine andere Wahl zu haben, als sich in Winston Thackerys Suite umzusehen. Sonst hätte Beth es selbst getan, und wenn man ihre Gemütsverfassung seit der Trennung von James bedachte, war das zweifellos keine gute Idee. Ann war der Ansicht, dass Beth und James ihre Eheprobleme lösen konnten, und deshalb wollte Ann nicht, dass ihre Schwester dabei erwischt wurde, wie sie James Freund nachspionierte. Das würde bedeuten, Öl ins Feuer zu gießen.

Seltsam, dass Winston Thackery seinen Aktenkoffer überallhin mitnahm. War Beths Verdacht vielleicht doch nicht unbegründet? Hatte Thackery vor, das Hotel zu kaufen? Nun, wenn er glaubte, er könnte zuschlagen, nur weil Beth und sie im Moment in einer angespannten finanziellen Lage waren, erwartete ihn ein harter Kampf. Dieses Hotel war Anns Lebenswerk.

Jetzt berührte Winston Thackery die Kleiderschranktür. Er würde sie gleich öffnen …

Und dann nieste er wieder. Und noch einmal.

Vorhin an der Rezeption hatte er auch schon geniest. Vielleicht bekam er eine Erkältung. Was den Niesanfall ausgelöst hatte, war Ann ziemlich gleichgültig, sie interessierte nur, dass es Winston Thackery vom Kleiderschrank ablenkte. Er ging zum Toilettentisch und zog ein Kosmetiktuch aus der Schachtel.

Ann beobachtete durch die Lamellen, wie Winston Thackery zur Schlafzimmertür ging und sie öffnete. Er nieste noch einige Male. Jetzt konnte Ann wohlgeformte Beine in Seidenstrümpfen sehen.

„Hast du dich erkältet?“, fragte die Frau besorgt.

„Ich glaube, nicht“, erwiderte Winston Thackery zögernd.

„Die Heuschnupfensaison ist doch schon vorbei“, neckte sie ihn. „Hoffentlich bist du nicht gegen mich allergisch, Darling.“

„Bestimmt nicht“, versicherte er. „Los, gehen wir essen. Wir haben schon genug Zeit von unserem gemeinsamen Abend verloren.“

Ann hörte, wie die beiden die Suite verließen, blieb jedoch in ihrem Versteck, bis sie sicher war, dass Winston Thackery und seine Begleiterin nicht noch einmal zurückkehrten. Dann stieß Ann die Tür auf und fiel fast aus dem Kleiderschrank. Gereizt strich Ann sich das glatte, schulterlange rote Haar mit dem dichten Pony zurück.

Im Nachhinein kam Ann das Ganze so dumm vor. Sie war nur in die Suite gekommen, um zu verhindern, dass sich Beth lächerlich machte, und hatte sich dabei beinahe selbst in die Nesseln gesetzt!

Ganz gleich, warum Winston Thackery in diesem Hotel abgestiegen war, er würde kaum wichtige Geschäftspapiere offen in seiner Suite herumliegen lassen, und selbst wenn er seinen Aktenkoffer hiergelassen und sie, Ann, ihn geöffnet und hineingesehen hätte, wäre das eine strafbare Handlung gewesen. Es war schon schlimm genug, ohne berechtigten Grund die Suite betreten zu haben, aber in Winston Thackerys persönlichen Sachen herumzuschnüffeln war einfach unmöglich, wie Ann jetzt freimütig einräumte.

Da sie sich nun einmal hier aufhielt, konnte sie ebenso gut das Bett aufdecken. Dann brauchte sich Doris, das Zimmermädchen, nicht mehr um die Suite zu kümmern. Sie, Ann, würde ihr sagen, sie habe das schon erledigt, als sie aus einem anderen Grund hier oben war. Sie musste ja nicht erklären, aus welchem!

Während Ann auf einer Seite des großen Doppelbetts die Tagesdecke und das obere Laken zurückschlug, überlegte sie, ob sie auch die andere Hälfte aufdecken sollte. Ann bezweifelte, dass Winston Thackery die Nacht allein verbringen würde. Bei dem Gedanke, wie er mit „Darling“ losgezogen war, nachdem er mit seiner Verlobten telefoniert hatte, wurde Ann wieder wütend. Der Mann war charakterlos!

Hatte Beth vielleicht doch recht? Wenn er in seinem Privatleben unmoralisch war, war er dann nicht auch als Geschäftsmann gewissenlos?

Ann akzeptierte jetzt, dass Winston Thackery möglicherweise aus einem ganz bestimmten Grund hier war, und sie nahm sich vor, ihn herauszubekommen!

„Du hast nichts gesehen, das … nun … den Eindruck vermitteln könnte, dass James ihn geschickt hat?“, fragte Beth. „Wegen der Scheidung?“

Beth, die jüngere der beiden Schwestern, hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit Ann. Wie ihre Mutter war Beth klein, wirkte zerbrechlich und hatte kurzes blondes Haar, während Ann nach dem Vater kam, der ein großer rothaariger Mann war.

Die Schwestern saßen im Wohnzimmer ihrer Privaträume an der Rückseite des Hotels. „Nein, nichts, das habe ich dir doch schon gesagt“, erwiderte Ann gereizt. „Und ich glaube nicht, dass Winston Thackery sich irgendwohin schicken lässt.“ Sie stellte sich seine arrogante Miene vor und vermutete, dass Winston Thackery nur tat, was er wollte. „Außerdem hat dich James erst vor einigen Wochen verlassen, da wird er nicht schon an Scheidung denken.“

Beth blickte nicht überzeugt drein.

„Meinst du im Ernst, Winston Thackery ist deswegen hier? Zuerst hast du geglaubt, er könnte es auf unser Hotel abgesehen haben.“

„Ja, das stimmt“, erwiderte Beth gleichgültig. Sie trug noch immer ihren Ehering. „Ich dachte, wenn Winston Thackery in seiner Suite Informationen über unser Haus hätte, würde das doch bedeuten, dass er vor Kurzem mit James gesprochen hat, und …“

„Jetzt verstehe ich“, unterbrach Ann ihre Schwester müde.

Die beiden konnten sich die Zeit für ein kurzes Gespräch nehmen, weil es an diesem Abend ziemlich ruhig war. Die Gäste hielten sich im Restaurant oder in der Bar auf oder waren ausgegangen. Winston Thackery und „Darling“ saßen im Restaurant, wie Ann festgestellt hatte, als sie vor einigen Minuten nach unten gekommen war.

„James wird sich nicht von dir scheiden lassen, er liebt dich“, erklärte Ann. Sie war überzeugt, dass die Probleme, die ihre Schwester und James hatten, sich lösen ließen. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, und ihre einjährige Ehe war die meiste Zeit glücklich gewesen. „Wenn du wirklich meinst, Winston Thackery könnte in den vergangenen vier Wochen mit James gesprochen haben, dann frag ihn doch einfach. Du kennst ihn doch, oder?“

„Eigentlich nicht.“ Beth schüttelte den Kopf. „Ich habe Winston Thackery nur einmal getroffen, und zwar auf der Hochzeit. James hat zwei Jahre für ihn gearbeitet, und es hat ihm gut gefallen, aber seitdem sieht er ihn selbst auch nur noch selten, weil Winston immer so beschäftigt ist. Warum fragst du ihn nicht, Ann? Du bist immer viel dreister als ich, und …“

„Weil ich den Mann überhaupt nicht kenne! Wie du dich vielleicht erinnerst, war ich nicht auf deiner Hochzeit, weil ich kurz vorher mit einer Blinddarmentzündung auf schnellstem Wege ins Krankenhaus musste.“

„Ich hatte angeboten, die Hochzeit zu verschieben …“

„Sei nicht albern, Beth. Etwas so Wichtiges bläst man nicht ab, nur weil ein Gast nicht kommen kann.“

„Dieser Gast war meine Schwester!“

„Es war richtig, wie geplant zu heiraten. Und ich habe James davon überzeugt.“

„Er hätte nicht auf dich hören sollen.“

„Da ihr offensichtlich doch beide an Scheidung denkt, spielt es wohl keine Rolle mehr, wer oder wer nicht auf eurer Hochzeit erschienen ist! Oh, tut mir leid.“ Ann bereute ihre Worte sofort, als Beth blass wurde. Wie so oft schon hatte Ann zur falschen Zeit das Falsche gesagt! Deshalb war sie mit siebenundzwanzig noch unverheiratet. Kein Mann hielt ihre spitze Zunge lange genug aus, um sich in Ann zu verlieben – das behauptete jedenfalls ihre Mutter, die auch kein Blatt vor den Mund nahm.

„Das Thema ist jetzt unwichtig, Beth“, fuhr Ann vorsichtiger fort. „Winston Thackery ist in unserem Hotel abgestiegen, und wir müssen an zwei Fronten vor ihm auf der Hut sein. Und da ich ihn, anders als du, heute zum ersten Mal gesehen habe, kann ich ihn nicht einfach fragen, was er hier macht!“

Beths Miene hellte sich auf. „Warum nicht? Genau das würdest du normalerweise tun!“

Das stimmte, doch Ann musste zugeben, dass Winston Thackery nicht so war wie die Männer, die sie normalerweise kennenlernte. Vermutlich würde er ihr sagen, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Und ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als sich daran zu halten. Schließlich wollte sie ihn nicht mit der Nase darauf stoßen, dass Beth und sie sich dafür interessierten, warum er hier war. Niemandem wäre geholfen, wenn er sich danach vorsähe.

„Lad ihn zum Abendessen zu uns ein“, schlug Ann vor. „Das musst du tun, weil du ihn kennst und ich nicht“, fügte sie hinzu, als ihre Schwester protestieren wollte. „Er ist James Freund und Gast auf deiner Hochzeit gewesen, und soweit ich weiß, hast du ihn noch nicht einmal begrüßt.“

Beth blickte entsetzt drein.

„Ich verstehe ja, dass du davor zurückschreckst, aber wenn ihn die Frau seines Freundes zum Abendessen einlädt, ist das völlig natürlich, während es ganz schön seltsam aussehen würde, wenn ich das übernähme – eine ihm völlig fremde Frau!“ Außerdem fühlte sich Ann noch immer sehr unbehaglich, weil sie vorhin in seiner Suite gewesen war. Natürlich konnte er das unmöglich wissen, trotzdem wollte sie ihm an diesem Tag lieber nicht mehr gegenübertreten.

„Ich bezweifle, dass er lange bleiben wird …“

„Dann lad ihn gleich für morgen Abend ein“, unterbrach Ann ihre Schwester ungeduldig. Sie stand auf und strich ihren engen schwarzen Rock glatt, der knapp über dem Knie endete. „Ich muss an die Rezeption. Denk darüber nach. Ich halte ein gemeinsames Abendessen für die beste Methode, um herauszufinden, ob Winston Thackery deinen Mann wenigstens irgendwo gesehen hat. Wenn du es wirklich wissen willst.“

Die letzte Bemerkung war ein bisschen gemein, doch irgendjemand musste handeln, sonst würden sie nie erfahren, warum Winston Thackery in der Gegend war, und wie sie, Ann, gerade erläutert hatte, würde er sich sehr wundern, von ihr eingeladen zu werden.

Zu dieser Zeit war an der Rezeption nicht viel los, und Ann nutzte die Ruhe, um etwas von der in einem Hotel unaufhörlich anfallenden Schreibarbeit zu erledigen.

Bis vor zwei Jahren hatten Anns und Beth’ Eltern das Hotel geführt. Nach einem leichten Herzinfarkt war ihrem Vater verordnet worden, es eine Weile langsam anzugehen und Aufregungen zu vermeiden. Ihre Mutter hatte die Gelegenheit ergriffen und ihn nach Spanien in den Vorruhestand geschickt. Das Hotel war zu gleichen Teilen an Ann und Beth gegangen, und nach der Übernahme hatte Ann erkannt, warum die Belastung für ihre Eltern zu groß geworden war. Es war fast ein Vierundzwanzigstundenjob, der wenig Zeit für andere Dinge ließ.

„Guten Abend, Ann. Kommst du eigentlich jemals aus diesem Haus heraus?“

Die Frage gab ihre Gedanken so treffend wieder, dass Ann ungewohnt ernst zu Peter, der auf der anderen Seite des Empfangstisches stand, aufsah.

Niemals zuvor war Ann ein Küchenchef wie Peter über den Weg gelaufen. Seit Peter vor sechs Monaten die Küche übernommen hatte, kamen die Leute für ein Mittag- oder Abendessen von weit her.

Ann wusste, dass es ein Glücksfall war, Peter eingestellt zu haben, und dachte lieber nicht darüber nach, warum dieser talentierte Mann bereit war, für Beth und sie zu arbeiten – sie war einfach nur jeden Tag dafür dankbar. Ohne Peters Können als Küchenchef wären sie in noch größeren finanziellen Schwierigkeiten.

„Nicht so oft, wie ich möchte“, erwiderte Ann ein bisschen wehmütig. Die Ellbogen auf den Rezeptionstresen gestützt, blickte sie zu Peter auf. Er war einer der wenigen Männer, bei denen sie das konnte, auch wenn sie, wie jetzt, Schuhe mit hohen Absätzen trug, denn er war über einen Meter achtzig groß, ein gut aussehender blonder Mann Ende dreißig.

Er schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, du würdest endlich meine Einladung zum Essen annehmen. Laut Dienstplan hast du morgen Abend auch frei …“

Peter hatte Ann, wie er ja auch deutlich machte, schon mehrmals gefragt.

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