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Gekauft für den Harem

PROLOG

Du weißt, dass du wie ein Sohn für mich bist, Kasim?“

„Ja, Hoheit.“ Kasim, seines Zeichens Berater und angenommener Sohn des Kalifen Khalid bin Ossaman, neigte respektvoll den Kopf. „Euer Vertrauen ehrt mich zutiefst.“

„Ich würde diese Aufgabe keinem anderen übertragen wollen, Kasim. Prinz Hassan liegt mir am Herzen. Nicht mehr lange, dann ist er im Heiratsalter, und ich muss eine passende Braut für ihn finden. Er hat viele schöne Frauen in seinem Harem, aber sie alle sind nicht geeignet. Hassan soll mein Nachfolger werden, wenn ich sterbe …“ Der Kalif winkte ab, als Kasim protestieren wollte. „Allahs Wille geschehe, mein Sohn. Wir alle müssen diese Erde verlassen, um unseren Platz im Paradies einnehmen zu können, und ich werde den Tod nicht fürchten, wenn meine Zeit gekommen ist – aber ich will meine Nachfolge gesichert wissen. Die Frau, die Hassan zur Braut nimmt, soll außergewöhnlich schön und klug sein, aber auch mutig und unerschrocken, denn sie wird seinen Erben gebären. Hassans Mutter war eine solche Frau, und seine Gattin soll ihr gleichen.“

Kasim sah den Kalifen nachdenklich an. „Gibt es unter Euren Gefolgsleuten von Rang denn keinen mit einer Tochter, die Eure Anforderungen erfüllt? Wenn, so wäre sie zumindest muslimischen Glaubens und in allem geschult, was sie wissen muss, um ihre Pflichten als Hauptfrau des Prinzen zu erfüllen.“

Der Kalif schwieg einen Moment. In seine Augen trat ein kaltes Glitzern, als er Kasim ansah, und er presste den Mund kurz zu einer schmalen Linie zusammen, bevor er weitersprach. „Wenn ich Hassan eine Gattin aus einer der einflussreichen Familien erwähle, mache ich mir alle anderen zu Feinden. Du kennst die Eifersucht der Stammesfürsten zur Genüge, Kasim. Immer wieder zetteln sie Aufstände und Rebellionen an, die wir niederschlagen müssen. Meine eigene Hauptfrau – die, die ich am meisten geliebt habe – stammte aus dem Land, in dem du geboren wurdest, und ich wünsche, dass auch Hassan eine englische Gattin nimmt.“

„Ihr wollt, dass ich eine Sklavin auf den Märkten in Algier kaufe?“ Kasim wiederholte die Forderung des Herrschers, um sicherzugehen, dass er sie genau verstanden hatte.

„So lautet meine Anordnung. Triff eine kluge Wahl, mein Sohn. Der Preis ist bedeutungslos. Ich möchte ein unbezahlbares Juwel für Prinz Hassan.“

Kasim zögerte einen winzigen Moment. „Wie Ihr befehlt, Hoheit.“

Er verneigte sich vor seinem Herrscher und machte fünf Schritte rückwärts, bevor er den Audienzsaal verließ, dann begab er sich stirnrunzelnd in seine Palastgemächer. Der Kalif behandelte ihn mit Respekt, sogar Zuneigung. Er verdankte seine Position einem Herrscher, den er als ebenso brutal wie barmherzig kennengelernt hatte, als ebenso weise wie mitleidlos. Khalid war ein gerechter Regent der Provinz, in der der Sultan ihn als Statthalter eingesetzt hatte, und er gab seinen Feinden kein Pardon. Sich gegen ihn zu erheben und ihn nicht zu besiegen bedeutete den sicheren Tod. Kasim war seit Kurzem zurück von einem Feldzug, bei dem er einen aufständischen Stamm im Norden von Khalids Territorium niedergeworfen hatte. Der Befehl war effizient und ohne unnötiges Blutvergießen ausgeführt worden, aber Kasim wusste, dass den Gefangenen, die die Janitscharen gemacht hatten, eine harte Bestrafung bevorstand. Er konnte nichts tun, um das zu ändern, denn jede Einmischung hätte ihm Unverständnis eingebracht. Grausamkeit gehörte zu seinem Leben in diesem Land – einem Leben, das er aus freiem Willen gewählt hatte –, und er musste sie akzeptieren.

Immerhin würde er sich die Bestrafungen nicht ansehen müssen, denn die Bitte des Kalifen, eine englische Sklavin zu kaufen, war ein Befehl. Es galt, sein Schiff zum Auslaufen klarzumachen und nach Algier zu segeln, um eine Braut für den Prinzen zu erwerben. Eine junge Engländerin von außergewöhnlicher Schönheit und Intelligenz.

Es würde nicht einfach sein, die Richtige zu finden. Die Suche nach einer solchen Frau konnte viele Monate dauern – wenn sie denn überhaupt erfolgreich war.

Kasim verstand die Überlegungen, die hinter dem Auftrag seines Gebieters steckte, sehr wohl. Die Tochter eines Stammesfürsten zu bevorzugen würde ganz sicherlich Neid und Unruhe heraufbeschwören. Gleichwohl gab es etwas an dieser Mission, das ihm überhaupt nicht behagte. Wäre es möglich gewesen, hätte er abgelehnt, sie zu übernehmen, aber er konnte nicht wählen – außer er wollte den Palast verlassen und ein neues Leben anfangen.

Er war hoch aufgestiegen im Dienst des Kalifen und hatte ein beachtliches Vermögen anhäufen können, dennoch verspürte er eine Leere und Rastlosigkeit, ein Verlangen nach etwas, das er nicht benennen konnte. Ein ironisches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Vor Jahren hatte er England unter schwierigen Bedingungen verlassen, und erst nach einer langen Zeit der Bedrängnis war er im Palast des Kalifen gelandet. Er hätte ein Narr sein müssen, sein Leben als geachtetes Mitglied von Khalids Hof aufs Spiel zu setzen.

1. KAPITEL

Was geschieht mit uns? Wo bringen sie uns hin?“

Mitfühlend musterte Lady Harriet, die Tochter des verstorbenen Viscount Sefton-Jones, die junge Frau, die sich verzweifelt an ihrem Arm festhielt. Vor ein paar Wochen hatten Korsaren das Schiff, auf dem sie nach Spanien gereist waren, gekapert und sie und ihre Cousine tagelang im Laderaum gefangen gehalten. Als die Galeasse der Seeräuber kurz darauf im Hafen von Algier festgemacht hatte, waren sie in ein Haus irgendwo in der geschäftigen Innenstadt gebracht worden. Den Männern, die in jener entsetzlichen Nacht mit ihnen in Gefangenschaft geraten waren, hatten die Freibeuter Ketten angelegt. Ihr und Marguerite war dieses Schicksal Gott sei Dank erspart geblieben. In der Unterkunft hatte eine ältere Frau sich um sie gekümmert, ihnen ein Bad bereitet und die Kleidung gegeben, die sie seitdem trugen. Die Sachen waren sauber, aber es fühlte sich ungewohnt an, sie anzuhaben … lange Hosen, die die Knöchel eng umschlossen, und darüber ein Gewand und einen dunklen Schleier, der, wenn sie es richtig verstanden hatte, hidschab genannt wurde und sie von Kopf bis Fuß verhüllte.

„Ich bin nicht sicher, Liebes“, erwiderte Harriet mit gesenkter Stimme. Der Mann, der sie bewachte, hatte ihnen verboten zu sprechen. „Miriam zufolge wurden wir an einen gewissen Ali bin Ahmed verkauft. Aber ich weiß nicht, wohin man uns bringt.“

„Ich habe kein Wort von dem verstanden, was der Piratenkapitän sagte“, flüsterte Marguerite unter Tränen. „Wenn wir doch nur auf dem Schiff geblieben wären, Harriet! Vater und Captain Richardson glaubten, dass sie uns retten, als sie uns und die anderen mit dem Ruderboot fortschickten, aber …“ Ein Zittern durchlief sie, und für einen Moment konnte sie nicht weitersprechen. „Glaubst du, sie wurden getötet?“

Harriet antwortete nicht gleich. Das Letzte, was sie von ihrem Onkel, Sir Harold Henley und dem tapferen jungen Kapitän gesehen hatte, war, dass die beiden in einen erbitterten Kampf mit den Korsaren verwickelt gewesen waren. Es hatte Flaute geherrscht, und der Mann im Ausguck schien geschlafen zu haben, denn mitten in der Nacht war Marguerites Vater in ihre Kajüte gestürmt, hatte sie geweckt und an Deck gescheucht. Während die Seeräuber das Schiff bereits enterten, waren die beiden Frauen zusammen mit anderen Passagieren und einigen Mannschaftsmitgliedern im Beiboot entkommen. Sie hatten gehofft, der Kampf an Bord würde so lange dauern, dass sie die Küste erreichen könnten, doch die Piraten hatten sie verfolgt und eingeholt.

Marguerite war eine Schönheit und würde auf dem Sklavenmarkt einen hohen Preis erzielen. Als attraktiv auf ihre eigene Art konnte auch die um ein paar Jahre ältere Harriet mit dem dunklen Haar und den großen rauchblauen Augen gelten. Ihr Vater, der vor etwas über einem Jahr gestorben war, hatte sie von Kindesbeinen an ermutigt, Sprachen zu lernen, und sie beherrschte Französisch und Spanisch fließend. Griechisch und Arabisch konnte sie lesen, und da sie auch ein paar Brocken Sephardisch sprach, war sie sogar in der Lage gewesen, sich mit Miriam, jener älteren Frau, die sie in Algier beherbergt hatte, zu verständigen.

In der Hoffnung, Marguerite und sich selber freikaufen zu können, hatte Harriet ihrer Cousine bislang nichts von ihren Befürchtungen erzählt. Doch nachdem Miriam auf keinen ihrer Hinweise auf eine mögliche Lösegeldzahlung eingegangen war und nur ablehnend den Kopf geschüttelt hatte, machte Harriet sich Sorgen. Trotzdem war sie nicht willens aufzugeben. Früher oder später würde sie auf jemanden treffen, der ihr zuhörte und nicht so tat, als verstünde er sie nicht – so wie der Piratenkapitän, der ihr Angebot mit einem Hieb quittiert hatte. Die Prellung an ihrer Wange tat immer noch weh, aber einschüchtern ließ sie sich davon nicht.

Sie nahm Marguerites Hand. „Was immer geschieht, wir müssen zusehen, dass wir zusammenbleiben“, sagte sie eindringlich. „Tu einfach immer, was ich tue, und halt dich an mir fest, auch wenn sie uns drohen.“

„Harriet …“ Marguerites Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Wenn du Vater und mich nicht nach Spanien begleitet hättest, wäre ich jetzt ganz allein, und ich könnte es nicht ertragen …“

„Ich lasse nicht zu, dass sie uns trennen.“ Harriet drückte sie an sich. „Ich verspreche dir, ich beschütze dich, solange ich lebe.“

„Ich habe solche Angst …“

Harriet tröstete die Cousine, so gut sie es vermochte – in dem Wissen, dass ihnen unter diesen unbarmherzigen, gewalttätigen Menschen Entsetzliches widerfahren konnte. Als ihr Blick auf den hohen Zaun fiel, der das Lager, in das man sie brachte, umgab, sah sie ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Kasim schlenderte über den Basar, auf dem es von Menschen aus aller Herren Länder wimmelte; das nie nachlassende Geschrei in mindestens einem Dutzend bekannter und unbekannter Sprachen und Dialekte, das auf dem Platz herrschte, tat ihm in den Ohren weh. Seit zwei Monaten nun stattete er dem Markt täglich einen Besuch ab, auf der Suche nach dem besonderen weiblichen Geschöpf, das zu finden ihm der Kalif aufgetragen hatte, doch bislang war ihm keine Frau unter die Augen gekommen, die seinen anspruchsvollen Gebieter zufriedengestellt hätte. Bei den Versteigerungen fanden sich zwar immer Sklavinnen von ungewöhnlicher Schönheit, doch in den vergangenen Wochen hatte er nur eine Engländerin entdeckt, und sie war in anderen Umständen gewesen, was sie als Braut für den Sohn des Kalifen natürlich völlig ungeeignet machte, und verfügte auch nicht über ein angenehmes Äußeres.

„Werden Euer Hoheit bei der heutigen Versteigerung Ali bin Ahmeds anwesend sein?“

Kasim wandte den Kopf in Richtung der Stimme und sah auf das schelmische Gesicht eines Sklavenjungen herunter, der ihn am Ärmel gezupft hatte. Der magere kleine Bursche trug schmuddelige Kleidung und verströmte einen nicht allzu frischen Geruch, dennoch hatte er etwas an sich, das Kasims Herz berührte. Das Leben des Jungen als Ali bin Ahmeds Prügelknabe war sicher nicht leicht.

„Schickt dich dein Gebieter, Yuri?“

„Oh ja, gnädiger Herr, erhabener Hofmeister des erlauchten Kalifen und Befehlshaber seiner Janitscharen. Ali bin Ahmed kam zu Ohren, dass Ihr eine ganz spezielle Sklavin sucht.“

„Es besteht kein Anlass, mich mit all diesen Titeln anzureden.“ Kasim verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln. Der kleine Bursche brachte eine Saite in ihm zum Klingen, beschwor irgendeine Erinnerung herauf, die er nicht recht zu greifen bekam. Aber vielleicht würde er zu einem späteren Zeitpunkt noch darauf kommen. „Ich bin Kasim, ein bescheidener Diener des Kalifen“, belehrte er den Jungen. „Doch sag mir, ob dein Gebieter besondere Frauen im Angebot hat.“

Yuri nickte eifrig. „Eine, gnädiger Herr. Sie ist wunderschön. Leider weint sie ununterbrochen und klammert sich an die andere Frau, die ich Zankteufelin nenne.“ Der Junge verzog angewidert das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass sie für Euch von Interesse ist.“

Kasim unterdrückte ein Lächeln. Der kleine Bursche amüsierte ihn. Sein Mut und seine Beherztheit waren bemerkenswert, und er verfügte über einen bissigen Humor. „Beschreib mir die Frau“, hakte er nach. „Die, die du so schön findest.“

„Sie hat Haar von der Farbe der Sonnenstrahlen – feines Haar, das wie Seide schimmert, und es reicht ihr bis auf die Hüften. Ihre Augen sind blau wie der Sommerhimmel, und ihre Lippen haben die Farbe persischer Rosen. Aber sie hält sich an der Zankteufelin fest und weigert sich, sie loszulassen. Selbst als mein Gebieter ihr mit der Peitsche drohte, ließ sie nicht ab von ihr, und die Zankteufelin starrte meinen Herrn nieder, bis er klein beigab und den beiden erlaubte, zusammenzubleiben.“

„Tatsächlich?“ Der Anflug eines belustigten Lächelns zuckte um Kasims Mundwinkel. „Es wundert mich, dass Ali sie nicht vorher getrennt hat.“

„Die Zankteufelin drohte ihm, sein Gemächt würde verdorren und abfallen, sollte er auch nur in Erwägung ziehen, sie auseinanderzureißen, und sie sagte ihm all das auf Arabisch, obwohl sie und die Schöne beide aus einem Land kommen, das England heißt. Mein Gebieter hat Angst vor ihr, edler Herr. Wahrscheinlich fürchtet er, dass sie ihn verflucht hat.“

„Du meinst, sie ist eine Hexe?“, fragte Kasim fasziniert. Wer war diese Frau, die einen Sklavenhalter in seiner eigenen Sprache verfluchen konnte? Gewiss keine, die er in jenem anderen, früheren Leben gekannt hatte – einem Leben, an das er sich nicht zu erinnern wünschte. „Richte deinem Gebieter aus, dass ich die Versteigerung am heutigen Nachmittag besuchen werde.“

„Selbstverständlich, edler Herr …“ Yuri wollte davoneilen, doch Kasim ergriff ihn beim Arm. Der Knabe sah ihn fragend an, machte indes keinen Versuch, sich loszureißen.

„Wie alt bist du, Yuri? Zehn Jahre … elf?“

„Ich weiß es nicht, Herr. Niemand hat es mir je gesagt.“

„Wo kommst du her?“

Yuri sah ihn verständnislos an. „Ich bin hier geboren, Herr. Meine Mutter war die Sklavin eines Kaufmanns, und er hatte sie von den Korsaren erworben. Als sie an einen anderen Gebieter verkauft wurde, versuchte sie zu fliehen, und keiner sah sie je wieder. Die Frau meines jetzigen Gebieters nahm mich zu sich, und ich wuchs in ihrem Haushalt auf. Mehr weiß ich nicht, und niemand hat meine Mutter je wieder erwähnt.“ Ein sehnsüchtiger Ausdruck stand in seinen Augen, so, als hätte er seine Mutter gerne gekannt.

„Bist du zufrieden, in Alis Diensten zu stehen?“

„Mein Gebieter schlägt mich nicht, außer er ist sehr zornig. Wenn ich merke, dass er wütend wird, verstecke ich mich, bis er wieder bessere Laune hat.“

Kasim nickte. Der Junge lebte ein Leben, das nicht schlechter war als das Tausender anderer in dieser Stadt. Es war seine eigene Schuld, dass er in den vergangenen Wochen eine Schwäche für den kleinen Burschen entwickelt hatte, ganz abgesehen davon, dass er ihn später, bei der Versteigerung, vielleicht kaufen würde. Der Junge konnte ihm dienen, bis er alt genug war, um selbst über sein Schicksal zu entscheiden. Er wäre nicht der erste Sklave, den er freigelassen hatte.

Seine Gedanken wandten sich der Sklavin zu, die der Händler in seinem Lager hatte. Wenn die blonde Frau wirklich eine Engländerin war und so schön, wie Yuri behauptete, wäre seine Suche vielleicht endlich von Erfolg gekrönt, obwohl man die andere Frau wahrscheinlich irgendwie davon überzeugen musste, ihre Gefährtin gehen zu lassen …

„Was soll aus uns werden?“ Marguerite klammerte sich an Harriet, als sie mit den anderen Gefangenen in einen Pferch getrieben wurden. „Ob sie uns gegen Lösegeld freilassen, wie du angeboten hast?“

Harriet drückte ihr die Hand. Seit dem Tag, da man sie gefangen genommen hatte, befand Marguerite sich in einem Zustand der Angst. Die ersten Stunden waren tatsächlich furchterregend gewesen, doch da man sie einigermaßen gut behandelte, glaubte Harriet, dass ihnen nichts geschehen würde, solange sie sich vernünftig verhielten. Sie nahm an, dass zwei Engländerinnen für zu wertvoll erachtet wurden, als dass man ihnen einen Schaden zufügen würde, obwohl sich das ändern mochte, wenn sie einmal verkauft waren. Aber sie weigerte sich, irgendwelchen Ängsten nachzugeben. Sie redete mit dem Sklavenhändler, doch obwohl sie sicher war, dass er sie verstand, schüttelte der Mann nur den Kopf und lehnte es ab, ihre Fragen zu beantworten. Harriet hatte vergeblich versucht, herauszufinden, was aus ihrem Onkel und ihrer Zofe geworden war. Auf ihr Angebot, dass ihre Familie ein hohes Lösegeld für sie zahlen würde, hatte Ali bin Ahmed sie nur angestarrt und einen Unheil verkündenden Laut von sich gegeben.

Sie sprach mit einer anderen Gefangenen im Lager; einer Französin, Francine mit Namen, die man ein paar Tage zuvor ebenfalls von einem Schiff geraubt hatte. Neuigkeiten über Marguerites Vater, Captain Richardson und ihre Zofe brachte Harriet nicht in Erfahrung. Sie konnte nur hoffen, dass die drei noch lebten und in Sicherheit waren.

„Mich bieten sie als Leibsklavin an, weil ich in meinem Alter keinen hohen Preis mehr erziele“, erklärte Francine nüchtern. „Eure Freundin allerdings wird zweifellos irgendein reicher Mann für seinen Harem kaufen und Euch womöglich auch, denn Ihr seid beide jung, ansehnlich und unverheiratet.“

„Aber wir werden doch sicher gegen Lösegeld freikommen?“, fragte Harriet verzagt. „Mein Bruder ist wohlhabend und kann für unsere Freilassung zahlen.“

„Manchmal lassen sich die Sklavenhändler darauf ein.“ Francine nickte. „Aber die meisten nicht. Sie finden es einfacher, die Gefangenen als Sklaven zu verkaufen, als sich auf komplizierte Verhandlungen mit den Ungläubigen einzulassen.“

„Vielleicht geht der Käufer auf das Angebot ein.“ Als sie das Mitleid in den Augen Francines sah, drohte Harriet der Mut zu verlassen. „Irgendjemand muss uns doch helfen …“

„Wenn Euer Bruder seinen Einfluss beim Botschafter Frankreichs geltend macht, wird man Euch möglicherweise retten und zurückbringen, aber dann … es wäre am besten für Euch, wenn man Euch nie findet. Denn wenn Ihr noch lebt, werdet Ihr eine Schande für Eure Familie sein. Natürlich könnt Ihr Eurem Leben selbst ein Ende machen, bevor …“ Zu bekümmert, um fortzufahren, verstummte die Französin. Sie musste nicht mehr sagen; Harriet hatte sie auch so verstanden. Marguerite und sie würden in einen Harem gebracht, um demjenigen zu seinem Vergnügen zur Verfügung zu stehen, der sie kaufte.

Als Marguerite wissen wollte, was die Französin gesagt hatte, schüttelte Harriet nur den Kopf. Die Cousine glaubte noch immer, sie würden gegen Lösegeld freigelassen, doch seit sie in das Lager beim Sklavenmarkt gebracht worden waren, fiel es Harriet sichtlich schwer, den Mut nicht zu verlieren.

„Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, erklärte sie Marguerite. „Deshalb müssen wir zusammenbleiben, koste es, was es wolle. Wenn wir uns nicht trennen lassen, wird man uns vielleicht zusammen verkaufen. Und solange wir zusammen sind, besteht Hoffnung für uns beide.“

„Oh, Harriet …“ Marguerite begann zu schluchzen und klammerte sich an sie. „Ohne dich wäre ich völlig verloren. Lieber hätte ich mich ins Meer gestürzt, als diesen Ungeheuern zu erlauben, mich gefangen zu nehmen.“

„Du darfst nicht verzweifeln, Liebes.“ Harriet legte der Cousine den Arm um die bebenden Schultern. „Ich werde alles tun, um uns freizukaufen. Ach, wenn sie uns doch erlauben würden, Kontakt mit meinem Bruder aufzunehmen …“

„Und Vater … und Captain Richardson?“, fragte Marguerite. „Denkst du, sie fanden den Tod auf dem Schiff? Ich frage mich immer noch, ob es nicht besser gewesen wäre, bei ihnen zu bleiben. Wenn Papa tot ist …“ Sie schluckte schwer. „Lieber möchte ich auch sterben, als die Sklavin eines Barbaren zu sein.“ Sie erschauderte. „Diese Männer machen mir Angst, Harriet. Ich finde es abstoßend, wie sie herumbrüllen, wie sie riechen …“

„Korsaren sind brutal, und sie riechen tatsächlich nicht gut, aber im Har… wenn wir im Haushalt eines wohlhabenden Mannes leben, werden wir nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Soviel ich weiß, sind Türken und Sarazenen gebildet und baden häufig und gern. Vermutlich werden sie eher nach Parfüm duften, als nach Schweiß riechen.“

„Harriet!“ In Marguerites Augen stand das blanke Entsetzen. „Wie kannst du behaupten, sie wären gebildet, wo sie Frauen als Sklaven halten! Das ist böse und unmenschlich, und ich würde eher sterben, als mich zwingen zu lassen … die Scham würde mich umbringen.“

„Ich weiß sehr wohl, dass wir ruiniert wären und uns keine Hoffnung mehr auf eine Heirat in England machen könnten, falls sie uns freilassen würden. Aber es gibt mehr im Leben als eine Ehe. Und wenn unser Käufer ein Ehrenmann ist, wird er gestatten, dass man uns freikauft.“

Marguerite warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Das sagst du nur, um mich zu trösten. Dabei weißt du genau, dass es niemals passieren wird.“

Harriet senkte den Blick. Ihre Hoffnung, freigekauft zu werden, war in der Tat sehr geschrumpft, doch als sie die Angst und Verzweiflung in den Augen ihrer Cousine sah, wurde ihr klar, dass sie nicht aufgeben durfte.

„Ich kann nichts versprechen, Marguerite, aber ich werde nichts unversucht lassen. Wenn mir nur endlich jemand zuhören würde …“

Sie unterbrach sich, als der Sklavenhändler das Lager betrat und mehrere Männer und Frauen aussuchte, die daraufhin fortgebracht wurden. Ihr Herz fing wie wild zu klopfen an, und sie packte Marguerite und drückte sie an sich.

„Ich glaube, sie bringen uns zur Versteigerung. Halt dich an mir fest, Marguerite, und lass mich auf keinen Fall los, egal, was sie sagen.“

Marguerite nickte, das Gesicht aschfahl vor Angst. Sie griff nach Harriets Arm, entschlossen, ihn nicht loszulassen, selbst wenn man ihr drohen sollte wie schon etliche Male zuvor.

„Lass sie gehen“, befahl der Sklavenhändler. „Ich will die Hellhaarige, nicht dich.“

„Wir bleiben zusammen.“ Harriet starrte ihn nieder. In einem Ton abgrundtiefer Verachtung murmelte sie einen Schimpfnamen, den sie vor Jahren einmal in einem Buch aus der Bibliothek ihres Vaters gelesen hatte; einer Sammlung schlüpfriger Geschichten aus Arabien, die als amouröse Abenteuer verkleidet waren und die sie nie hätte anrühren sollen, geschweige denn lesen. Aber die Lektüre war erhellend gewesen, und vielleicht hatte sie sie auf das, was ihr als Frau in einem orientalischen Harem bevorstand, besser vorbereitet.

Der Sklavenhändler wirkte wie vom Donner gerührt, doch gleichzeitig trat ein Anflug widerwilliger Bewunderung in seine Augen.

„Dann geh mit, aber ihr werdet getrennt versteigert.“

„Schnell“, zischte Harriet ihrer Cousine zu, während sie den anderen in einen Korridor folgten. „Hilf mir, unsere Handgelenke zusammenzubinden. Dann müssen sie uns auseinanderschneiden, wenn sie uns trennen wollen.“

„Oh, Harriet …“ Marguerite zitterte vor Angst, als sie Harriet mit schreckgeweiteten Augen ansah. „Was geschieht mit uns, wenn man uns verkauft?“

„Ich werde tun, was ich kann, um dich zu schützen.“ Im Stillen fragte Harriet sich, wer sie beschützen würde. Die Angst saß ihr wie ein riesiger Knoten in der Brust und ließ sie sehnsüchtig wünschen, zu Hause zu sein, in England, bei ihren Hunden und Pferden. Aber sie würde keine Schwäche zeigen. Stolz richtete sie sich auf und reckte entschlossen das Kinn. Wenn sie nur niemals zugestimmt hätte, ihren Onkel nach Spanien zu begleiten! Dann säße sie jetzt auf ihrer Lieblingsstute, könnte den Wind in den Haaren spüren … nein, sie durfte nicht so selbstsüchtig denken. Marguerite würde ohne sie nicht überleben. „Was immer geschieht, ich tue mein Bestes, um dich vor Schaden zu bewahren“, wiederholte sie.

Kasim sah zu, wie die Sklaven einer nach dem anderen das Podest bestiegen und versteigert wurden. Es waren einige Männer darunter, die dem Aussehen nach zu urteilen über enorme Körperkräfte verfügten und hervorragende Janitscharen abgegeben hätten. Aber er war nicht hier, um männliche Sklaven zu kaufen, sondern eine Braut für den Sohn des Kalifen. Ein paar Frauen waren bereits versteigert, doch keine von ihnen hätte sich für Khalids Harem geeignet. Kasim begann sich zu fragen, ob man ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf die Auktion gelockt hatte, doch dann entstand ein Tumult bei der Tür, und zwei Sklavinnen wurden gemeinsam auf das Podest gestoßen.

Gebannt beugte er sich vor, als sein Blick auf die eine der beiden Frauen fiel. Sie war von erlesener Schönheit; ihr blondes Haar fiel ihr in seidigen Wellen den Rücken hinunter, genau, wie Yuri es beschrieben hatte. Sie war blass und wirkte furchtsam, was unter den gegebenen Umständen nicht verwunderte. Kasim hatte am eigenen Leib erfahren, wie es war, von Piraten erbeutet zu werden, und er konnte ihre Angst verstehen. Dann nahm er die andere in Augenschein und runzelte die Stirn. Sie war etwas älter; apart, aber nicht schön im landläufigen Sinne. Ihr Haar hatte die Farbe von Kastanien – ein sattes Dunkelbraun mit einem rötlichen Schimmer. Auch sie war blass, schien ihm aber weniger verängstigt als ihre Gefährtin. Ihre Haltung war stolz, und sie wich der Jüngeren nicht von der Seite. Ein grimmiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er sah, dass die beiden Frauen an den Handgelenken zusammengebunden waren. Yuri hatte die Ältere Zankteufelin genannt. Der Name war passend gewählt.

Ein Wortwechsel entbrannte unter den Bietern. Nicht wenige von ihnen waren an der blonden Schönheit interessiert, aber keiner von ihnen wollte beide Frauen kaufen. Einer der Diener des Sklavenhändlers versuchte, die ältere Frau von dem Podest zu ziehen, woraufhin sie erbittert mit ihm zu streiten begann und er, sichtlich bestürzt von dem, was sie äußerte, von ihr abließ. Kasim stand nicht nahe genug bei dem Podest, um zu verstehen, was sie gesagt hatte, aber gesehen hatte er genug. „Ich biete eintausend Goldstücke für beide Sklavinnen.“

Einen Moment herrschte verblüffte Stille, dann erhob sich eine Stimme aus der Menge, die erklärte, zwölfhundert Goldstücke zahlen zu wollen. Kasim wartete auf weitere Gebote, dann hob er die Hand.

„Fünfzehnhundert Goldstücke.“

Wieder senkte sich Stille über den Saal. Jeder schien gespannt darauf zu warten, was als Nächstes passieren würde.

„Sechzehnhundert.“

„Zweitausend.“ Diesmal gab es niemanden, der Kasim überbot. Es war eine enorme Summe für eine Sklavin – einfach, weil die zweite Frau nicht zählte. Anscheinend weigerte sie sich, von ihrer Gefährtin getrennt zu werden, doch sobald sie im Harem war, würde sie lernen müssen zu gehorchen.

„Zweitausend zum Ersten … zum Zweiten … und zum Dritten. Den Zuschlag erhält der Haushofmeister des Kalifen“, beschied der Sklavenhalter flink. Ehrerbietig beugte er das Knie vor dem Mann, der einen so märchenhaften Preis geboten hatte. „Möge Allah Eure Verbindung segnen und Euch viele Söhne bescheren, hoher Herr.“

„Ich will die Sklavinnen gleich mitnehmen.“

Kasim verließ seinen Platz und erklomm die Stufen zum Podest. Dort angekommen, nahm er die Ware in Augenschein. Aus der Nähe betrachtet, war die Schönheit noch schöner, als er gedacht hatte. Sie brauchte höchstens noch ein paar vorteilhafte Kleider, aber auch so würde Khalid begeistert sein. Kasim runzelte die Stirn, als er ihre Gefährtin musterte. Die ältere Sklavin begegnete seinem Blick, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken; ihre Augen verrieten Klugheit und Neugier. Sie erinnerten ihn an einen von Dunstschleiern überzogenen englischen Himmel, und gänzlich unerwartet tat sein Herz einen Satz. Erinnerungen an sein Elternhaus, an seine Kindheit stiegen in ihm auf; Erinnerungen daran, wie er auf dem Landsitz herumgelaufen war, frei und unbeschwert …

Rasch verdrängte er die Bilder. Dieses Leben gehörte unwiderruflich der Vergangenheit an.

„Ihr seid beide Engländerinnen?“, fragte er die Frauen in seiner Muttersprache. „Ihr habt nichts zu befürchten. Mein Name ist Kasim, ich bin der Berater des Kalifen, und Ihr seid meinem Schutz unterstellt. Ihr habt schlimme Erfahrungen hinter Euch, doch ab jetzt wird man Euch so respektvoll behandeln, wie es sich für Frauen geziemt, die zum Haushalt des Kalifen zählen.“

„Ihr sprecht Englisch?“ Die Schönheit sah ihn erleichtert an. „Werdet Ihr uns gegen Lösegeld freilassen? Der Preis, den Ihr für uns gezahlt habt, wird Euch erstattet und Ihr bekommt eine Belohnung für Eure Mühen, nicht wahr, Harriet?“

„Mein Bruder ist der Viscount Sefton-Jones, wohnhaft in London, der Hauptstadt Englands“, sagte die Ältere. „Meine Cousine spricht die Wahrheit, Sir. Wir wären Euch zu größtem Dank verpflichtet, wenn Ihr uns gegen Lösegeld freilassen würdet. Ich kann Euch versprechen, dass es nicht zu Eurem Nachteil wäre, da ich über ein eigenes Vermögen verfüge und dafür sorgen würde, dass man Eure Preisvorstellungen erfüllt.“

Mit verengten Augen musterte Kasim die Frau, die die Schönheit Harriet genannt hatte. Im Gegensatz zu ihrer Gefährtin schien sie zu wissen, für welch märchenhafte Summe er sie erworben hatte.

Ihre Stimme machte Eindruck auf ihn, und für einen kurzen Moment war er versucht, sich ihre Bitte anzuhören, doch dann unterdrückte er die ungewohnte Anwandlung von Schwäche mit aller Entschlossenheit. Noch einmal eine Frau zu finden, die den Anforderungen des Kalifen entsprach, würde Monate dauern – wenn er sie überhaupt fand.

„Vergebt mir, meine Damen“, erwiderte er, ohne auch nur die Andeutung eines Gefühls zu zeigen. „Ich bin lediglich der Diener des Kalifen. Das Geld, das ich Ali bin Ahmed zahle, gehört meinem hohen Herrn. Es steht mir nicht zu Gebote, Euch gegen Lösegeld freizulassen, aber vielleicht wird der Kalif Euch anhören, denn er ist ein gerechter Herrscher. Kommt jetzt, Ihr habt nichts zu befürchten. Wenn Ihr Euch fügsam verhaltet, wird Euch nichts geschehen.“

Die Schönheit starrte ihn an, dann wandte sie sich zu ihrer Gefährtin um. Tränen quollen ihr aus den Augen. „So tu doch etwas, Harriet! Er darf uns nicht mitnehmen. Bitte, lass nicht zu, dass er uns mitnimmt!“

„Er wird mich genauso wenig anhören wie die anderen.“ Die Frau, die Harriet hieß, musterte ihn voller Verachtung. „Wie die Dinge liegen, haben wir keine andere Wahl, als zu tun, was er sagt, Marguerite. Ängstige dich nicht, Liebes. Vielleicht erweist sich der Kalif als vernünftiger Mann und zeigt Mitleid.“

Kasim neigte schweigend den Kopf. Die Frau hatte etwas Gebieterisches, und er fragte sich, was sie Ali bin Ahmed gesagt hatte. Einen Sklavenhändler in die Schranken zu weisen gelang wahrhaftig kaum einer Frau, doch Kasim glaubte zu verstehen, was an dieser so einschüchternd war. Als Jugendlicher hatte er Frauen wie sie gekannt; Frauen, die sich mit einem Blick oder einem leise gesprochenen Wort Respekt verschafften. Ihre Verachtung verursachte ihm Unbehagen, denn wenn er ehrlich war, hatte er eine Wahl. Er konnte seinem Leben als Vertrauter des Kalifen den Rücken kehren, auch wenn er nicht wirklich frei war. Als er aus den Sklavenquartieren zum Günstling des Kalifen aufgestiegen war, hatte er sein Wort gegeben. Er konnte kommen und gehen, wie es ihm beliebte, doch es war eine Frage der Ehre, dass er sich seinem Gebieter gegenüber loyal verhielt. Der Kalif behandelte ihn wie einen Sohn, überhäufte ihn mit Ehren, und Kasim verdankte ihm seinen hohen Rang und sein Vermögen. Wegen einer Frau, die er nicht kannte, würde er Khalid gegenüber nicht wortbrüchig werden. Dennoch war ihm beklommen zumute, als er die beiden Frauen vom Sklavenmarkt fort zum Hafen führte, wo sein Schiff vor Anker lag.

Er verdrängte die Erinnerung daran, dass er vor langer Zeit selbst in der Welt gelebt hatte, aus der die jungen Frauen kamen. Wäre da nicht der unglückselige Streit mit seinem Vater gewesen, würde er wohl noch immer in England leben – als privilegierter Nichtsnutz, der seine Tage mit nichts anderem zu füllen wusste als dem Glücksspiel und den Auseinandersetzungen über die Frauen, die er mit seinen sogenannten Freunden teilte.

Es war einer dieser Freunde gewesen, dessen Lügen sein Verderben und den Bruch mit seinem Vater herbeigeführt hatten. Danach war Kasim als Freibeuter losgezogen, auf der Suche nach Reichtum und Abenteuern. Leider hatte er sein Schiff in einem Sturm verloren und das zweifelhafte Glück gehabt, mehr tot als lebendig von Korsaren an Bord genommen zu werden. Er war geschlagen und verkauft worden, doch ein gütiges Schicksal hatte ihn an den Hof des Kalifen gebracht, und nachdem er dessen Lieblingssohn vor einer Entführung bewahrt hatte, war er in seine heutige Stellung aufgestiegen.

Seither behandelte Khalid bin Ossaman ihn respektvoll und gerecht. Wäre Kasim der Bitte der Schönheit nachgekommen, hätte er seinen Treueeid dem Kalifen gegenüber gebrochen; trotzdem konnte er sich eines nagenden Schuldgefühls nicht erwehren, als er die Frauen zum Hafen begleitete.

Sein Schiff würde sie nach Konstantinopel bringen – Istanbul, wie die Stadt im gesamten Osmanischen Reich genannt wurde. Sobald die Frauen sicher in seiner Kajüte untergebracht waren, wollte er Ali bin Ahmed aufsuchen, die zweitausend Goldstücke zahlen und, sofern der Sklavenhändler einverstanden war, den kleinen Yuri für sich erwerben. Er würde seine Pflicht tun und irgendwelchen Zweifeln keine Beachtung schenken.

Er hatte einen Auftrag, den er nach bestem Wissen erfüllte. Sollte Khalids Sohn die Schönheit nicht begehrenswert finden, bestand sogar die Möglichkeit, dass der Kalif ihrer Bitte um Freilassung gegen Lösegeld stattgab. Zudem erleichterte es sein Gewissen, als Kasim sich klarmachte, dass den Frauen ein weitaus schlimmeres Geschick drohen würde, wenn der Stammesfürst, der gegen ihn geboten hatte, den Zuschlag erhalten hätte.

Die Ältere wäre geschlagen worden und hätte bei anhaltender Widerspenstigkeit zweifellos einen grausamen Tod gefunden, während die Jüngere angesichts des Schicksals, das ihr dieser Teufel bereitet hätte, vermutlich lieber gestorben wäre. Die beiden hatten Glück gehabt, dass sie von ihm ersteigert worden waren, auch wenn sie im Augenblick noch nicht ermessen konnten, wie knapp sie dem Verhängnis entronnen waren.

Auf dem Weg zum Hafen sah Harriet sich aufmerksam um. Alle Arten von Waren wurden zum Kauf angeboten oder auf Schiffe verladen, und es herrschte ein unglaubliches Durcheinander. Der Mann, der sie ersteigert hatte, eskortierte sie durch das Gewühl von Menschen, Hunden, Eseln und Fuhrwerken, und sie sagte sich, dass es, wenn überhaupt, in diesem Gewimmel möglich sein musste, ihrem Käufer zu entkommen und in der Menge unterzutauchen. Sobald er einen Moment abgelenkt wäre, würde sie Marguerite packen und fliehen, denn alles war besser als ein Leben als Sklavinnen.

„Denkt nicht einmal daran zu fliehen.“ Der Mann packte ihr Handgelenk so plötzlich mit seinem stählernen Griff, dass sie zusammenfuhr. Seine Finger schienen ihre Haut zu versengen. Als sie hochsah, begegnete sie seinem zornigen, Furcht einflößenden Blick und hatte für einen Moment das Gefühl, dass er ihre Gedanken lesen konnte. „Ihr seid Eigentum des Kalifen, und auch wenn er wenig Verwendung für Euch haben dürfte, würde ich Euch verfolgen, bis ich Eure Gefährtin wiederhabe. Bei Euch dagegen könnte ich versucht sein, Euch Eurem Schicksal zu überlassen. Macht Euch klar, was das heißt – an diesem Ort würdet Ihr ohne meinen Schutz nicht lange überleben.“

„Was meint Ihr?“ Harriet hielt die Luft an, als sie die Warnung in seinen Augen las.

„Die Männer hier hätten keine Skrupel, Euch Gewalt anzutun. Vermutlich würden sie über Euch herfallen wie ein Rudel Hunde und sich streiten, wer von ihnen Euch als Nächster haben darf. Ihr wärt eine gebrochene Frau, wenn sie sich an Euch vergangen hätten. Ihr würdet an einer schändlichen Krankheit sterben oder verhungern. Ist es das, was Ihr wollt, für Euch und Eure Gefährtin?“

„Nein …“ Ein Zittern durchlief Harriet. Irgendetwas an ihm erinnerte sie an einen Traum, den sie in ihrer letzten Nacht in England geträumt hatte. Das meiste war ihr entfallen, doch sie erinnerte sich, dass sie in dem Traum einem Mann in die Augen geblickt und entsetzliche Angst gehabt hatte. „Ich will, dass wir beide freikommen. Wir sind Engländerinnen, Frauen von Stand, und stammen aus vornehmen Familien. Wie könnt Ihr es als rechtens erachten, uns zu kaufen, als wären wir Lasttiere? Ihr hattet kein Recht, dieses viele Geld zu bieten. Eine so absurd hohe Summe!“

„Ich wollte erreichen, dass niemand dagegen bietet. Ihr könnt Euch glücklich schätzen, dass meine Börse wohlgefüllt war.“

„Glücklich?“ Harriet starrte ihn an. „Ich betrachte es nicht als Glück, in die Sklaverei verkauft worden zu sein.“

„Hätte ich Euch nicht erworben, wärt Ihr trotzdem versteigert worden – getrennt wahrscheinlich, und an einen Gebieter, der Euch die Kehle aufgeschlitzt hätte, wenn Ihr ungehorsam gewesen wärt.“

„Oh Gott …“ Harriet erschauderte. „Seht Ihr nicht, dass es unrecht ist, freie Frauen zu Sklavinnen zu machen?“

„Ich bin nicht bereit, diese Fragen mit Euch zu erörtern.“ Seine Miene wurde kalt und abweisend. „Ihr seid nicht in England und müsst Euch an die hiesige Kultur anpassen.“

„Ihr könnt eine andere Frau für Euren Harem ersteigern. Warum erlaubt Ihr nicht, dass wir gegen Lösegeld freikommen? Ich zahle Euch das Doppelte dessen, was Ihr gezahlt habt.“

„Es geht nicht. Ich bin beauftragt, meinem Gebieter eine Engländerin von ausgesuchter Schönheit und Klugheit zu beschaffen. Ich habe nicht die Befugnis, Euch freizulassen.“

„Niemand würde es erfahren.“

Ich wüsste es. Es ist eine Frage der Ehre.“

„Welche Ehre liegt darin, zwei Frauen zu versklaven?“

Eine Ader an seiner Kehle begann zu pochen, als hätte sie einen wunden Punkt getroffen. „Im Harem des Kalifen erwarten Euch Luxus und Bequemlichkeit und sogar ein gewisses Maß an Bewegungsfreiheit, sofern Ihr Euch fügsam zeigt. Es steht Euch nicht zu, mehr zu verlangen. Ihr seid Eigentum des Kalifen, und ich werde es mit allen Mitteln zu verhindern wissen, dass Ihr flieht. Man wird Euch gut behandeln, solange Ihr Euch vernünftig benehmt.“

„Ihr hättet die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass wir freikommen. Es wäre sogar zu Eurem Vorteil. Aber Ihr besitzt offenbar nicht so viel Mitgefühl oder Anstand, um uns zu unseren Familien zurückkehren zu lassen. Ihr seid ein Barbar ohne Ehre …“

„Haltet Eure Zunge im Zaum! Meine Geduld ist nicht unendlich, und Ihr bewegt Euch auf Messers Schneide. Werdet Euch darüber klar, dass ich Euch bestrafen könnte, wenn ich es wünschte.“

Das brachte Harriet zum Schweigen. Sie wusste, dass sie es schon etliche Male riskiert hatte, bestraft zu werden. Es war ihr gelungen, den Sklavenhändler einzuschüchtern, doch Flüche und Beleidigungen würden diesem Mann nichts anhaben. Er strahlte etwas Hartes, Gebieterisches aus; etwas, das ihr Schauer den Rücken hinunterjagte, auch wenn sie in den Tiefen seiner Augen Mitgefühl zu lesen glaubte.

Aber sie durfte sich nicht gestatten, schwach zu werden. Ihr Gegenüber war weder nachgiebig, noch war er ein Mann von Ehre. Er war ein Wilder, ein Barbar, und sie verachtete ihn und seinesgleichen.

Die Kajüte, in der man sie untergebracht hatte, war bemerkenswert komfortabel, und Harriet nahm an, dass sie normalerweise den Schiffseigner beherbergte. Der Art und Weise nach zu urteilen, wie man ihn begrüßt hatte, glaubte sie, dass das Schiff dem Mann mit den blauen Augen gehörte.

Doch auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, genügte der Verdacht, um Bitterkeit und Zorn in ihr heraufzubeschwören. Warum brachte er sie nicht nach England? Wenn er sein eigener Herr war, konnte er Marguerite und sie gegen Zahlung eines großzügigen Lösegelds freilassen. Sie würde ihm liebend gern alles ersetzen, was er ausgelegt hatte – und mehr –, auch wenn das bedeuten würde, dass ihr nicht mehr genug von ihrem Vermögen bliebe, um weiterhin Reisen zu machen.

Ein Schauder durchlief sie. Nach allem, was ihr widerfahren war, würde sie England vermutlich nie mehr verlassen wollen. Was hätte sie darum gegeben, wenn Marguerite und sie niemals an Bord jenes Schiffs gegangen wären, das sie nach Spanien bringen sollte.

„Harriet …“ Als sie Marguerite würgen hörte, wirbelte Harriet herum. Die Cousine stand vornübergekrümmt und erbrach sich heftig. „Mir ist so elend“, jammerte sie, als der Anfall vorbei war, „und mein Bauch tut furchtbar weh.“

„Setz dich, Liebes. Sind es die gleichen Beschwerden wie während des Unwetters?“

„Nein, viel schlimmer. Ich glaube, das Essen in dem Lager ist mir nicht bekommen.“

„Leg dich aufs Bett. Ich hole Hilfe.“

Harriet drehte den Türknauf. Sie hatte erwartet, dass die Tür verschlossen sein würde, doch sie ließ sich ohne Weiteres öffnen. Sie trat in den schmalen Durchgang, spähte nach links und nach rechts in der Hoffnung, jemanden zu sehen.

„Hilfe … Bitte helft mir …!“

„Es hat keinen Sinn, nach Hilfe zu rufen. Niemand wird sich auf Eure Seite schlagen, wenn Ihr fliehen wollt.“

Harriet zuckte zusammen, und als sie aufsah, stand der Mann mit den blauen Augen vor ihr. Sie reckte trotzig das Kinn. „Ich bin nicht so dumm anzunehmen, dass es eine Möglichkeit gäbe, von einem Schiff zu entkommen. Ich brauche Hilfe für meine Cousine. Sie ist krank.“

Er musterte sie nachdenklich. „Was fehlt ihr?“

„Sie hat sich erbrochen und klagt über Bauchschmerzen. Ich nehme an, das Essen im Lager war verdorben. Ich selber habe außer dem Brot nichts davon zu mir genommen, doch Marguerite war hungrig und aß von dem Fleisch.“

„Was für Fleisch?“

„Ich weiß es nicht. Sie sagt, es schmeckte fürchterlich.“

„Wahrscheinlich war es stark gewürzt. Eure Gefährtin ist zu wertvoll, als dass man riskieren würde, ihr verdorbene Speisen zu geben.“

„Sie ist meine Cousine, und ich liebe sie. Habt Ihr etwas, das ihre Qualen lindert?“

„Seht in der Seemannstruhe in der Kajüte nach. Irgendwo in meinen Sachen befindet sich eine kleine blaue Flasche. Wenn Ihr drei Tropfen der Flüssigkeit, die sie enthält, mit Wasser mischt, sollte das den Beschwerden abhelfen.“

„Seid Ihr sicher?“

„Die Arznei half mir, als ich vor Jahren an einer ähnlichen Erkrankung litt. Ich habe sie aufbewahrt für den Fall, dass ich sie noch einmal brauche, obwohl ich inzwischen an das scharfe Essen gewöhnt bin … wie Ihr es übrigens auch sein werdet mit der Zeit.“

„Ich habe nicht die Absicht, lange genug in Eurem Land zu bleiben, um mich an irgendetwas zu gewöhnen. Wenn ich Euren Gebieter treffe, werde ich unsere Freilassung verlangen.“

Belustigung flackerte in seinen Augen auf; beinahe so, als müsse er gegen seinen Willen lachen. Doch dann trat wieder die gewohnte Härte in seine Züge. „Ich bezweifle, dass der Kalif überhaupt Notiz von Euch nehmen wird, meine Dame. Und sollte er es tun, wärt Ihr gut beraten, keine Forderungen zu stellen, sonst könnte es sein, dass Ihr Euch an einem Ort wiederfindet, an dem zu sein Ihr Euch niemals gewünscht habt.“

Harriet schoss ihm einen hochmütigen Blick zu, drehte sich um und ging zurück in die Kajüte. Sie hob den Deckel der Seemannskiste, fand die blaue Flasche und kostete einen Tropfen der Flüssigkeit, die sie enthielt. Der Geschmack war durchdringend bitter, so bitter, dass sie sich schüttelte. Aber wenigstens konnte sie sicher sein, dass es kein Gift war. So sorglos ging der Mann mit den blauen Augen nicht um mit dem Eigentum des Kalifen.

Sie bereitete die Medizin und gab ihrer Cousine den Becher. Marguerite schnitt eine Grimasse, nachdem sie ihn ausgetrunken hatte, doch bereits kurz darauf ging es ihr besser, und sie schlief sogar ein.

Marguerite war kraftlos vom vielen Weinen. Als Harriet sie voller Mitgefühl betrachtete, wurde ihr klar, dass das Mädchen furchtbare Angst vor der Zukunft hatte – mit gutem Grund, denn Marguerites Schönheit würde ihr die Gunst des Mannes einbringen, der sie gekauft hatte. Mit etwas Glück stand ihr selbst ein Leben als Dienerin bevor, doch Marguerite würde eine Konkubine werden.

Stirnrunzelnd ging Kasim zurück an Deck. Die Zankteufelin machte ihrem Namen alle Ehre, und er konnte sich jetzt schon denken, dass sie im Harem für Aufregung sorgen würde. Er verspürte Gewissensbisse, wenn er sich klarmachte, dass es in seiner Macht gelegen hätte, die Engländerinnen freizulassen. Es wäre nicht unmöglich gewesen, dem Kalifen eine andere Braut für seinen Sohn mitzubringen oder an den Hof zurückzukehren und zu behaupten, dass die richtige Frau nicht zu finden war.

Für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, nach England zu segeln, doch dann kamen die bitteren Erinnerungen in ihm hoch und hielten ihn davon ab. Er würde nie in die Welt zurückkehren können, die einmal seine gewesen war. Am Hof des Kalifen hatte er seinen Platz gefunden, und sein Leben war angenehm. Er wäre ein Narr, es wegzuwerfen, und das für eine Frau, die er nicht einmal kannte.

2. KAPITEL

Harriet stand über die Koje gebeugt und legte ein feuchtes Tuch auf Marguerites Stirn, als sie hörte, wie jemand in die Kajüte trat. Sie wirbelte herum und sah sich dem Mann gegenüber, der sie gekauft hatte.

„Was wollt Ihr?“, fragte sie in scharfem Ton. Ihr Herz fing an zu rasen. Er hatte zwar behauptet, dass Marguerite und sie für den Kalifen bestimmt waren, doch sein Anblick jagte ihr Angst ein. Was, wenn er beschlossen hatte, Marguerite für sich zu behalten?

„Ich wollte sehen, wie es Eurer Cousine geht.“ Als Kasim ihre ängstliche Miene gewahrte, runzelte er die Stirn. „Ihr habt nichts von mir zu befürchten, meine Dame.“

„Ihr Zustand hat sich wieder verschlechtert. Sie ist schweißgebadet und fiebert.“

„Habt Ihr ihr die Medizin gegeben?“

„Ja. Eine Zeit lang ging es ihr besser, doch dann erbrach sie sich von Neuem.“

Er trat ans Bett und legte Marguerite die Hand an die Wange. „Sie fühlt sich heiß an. Ihr solltet sie mit kaltem Wasser abreiben; man sagt, das senkt das Fieber. Vielleicht hat sie sich irgendwo angesteckt. Wart Ihr auf der Fahrt nach Algier im Laderaum eingesperrt?“

„Ja. Es stank, und die Luft war fürchterlich. Eure Leute haben uns behandelt wie Tiere, Sir.“

Seine Augen verdunkelten sich vor Zorn. „Die Korsaren sind nicht meine Leute“, erwiderte er kurz angebunden. „Und Ihr seid nicht die Einzigen, die unter ihnen zu leiden hatten.

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