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Geist & Leben

Inhalt

Heft 2 | April–Juni 2015

Jahrgang 88 | Nr. 475

Notiz

„Als sie hinblickten“ (Mk 16,4)

Christoph Benke

Nachfolge

Einpacken oder Auspacken? Zur Verehrung textiler Heiligtümer am Beispiel Aachen

Ulrich Lüke

Christliches Leben in der Diaspora. Neutestamentliche Perspektiven

Hildegard Scherer

Nachfolge | Kirche

Das Gedächtnis im Heute feiern. Zur existenziellen Bedeutung liturgischer Anamnese

Stephan Wahle

Renaissance der Beichte? Hintergründe und Perspektiven in der evangelischen Seelsorge

Peter Zimmerling

Nachfolge | Junge Theologie

Pietà auf staubiger Straße. Expedition in die Brüche der eigenen Ordensexistenz

Ruth Stengel SMMP

Reflexion

Topologie der Spiritualität

Karlheinz Ruhstorfer

„Hände weg“ oder „Revolution der zärtlichen Liebe“? Nähe und Distanz in Beziehungen von Seelsorger(inne)n

Hermann Kügler SJ

Geboren aus Gott. Anmerkungen zum Artikel „Mystik und Monismus“ von Saskia Wendel

Andreas Schmidt

„Mensch, lerne tanzen“. Theologische Blicke auf das Phänomen Tanz

Mareike Hartmann

Stile und Dimensionen eucharistischer Frömmigkeit. Jahrestagung der AGTS 2014

Heiko Wulfert

Ist Gott ein Hirngespinst? Fachtagung für Exerzitien- und Geistliche Begleiter(innen)

Gertraud Leitner

Lektüre

Ignatianischer Universalismus. Mystik und Sendung

Michel de Certeau SJ

Buchbesprechungen

Anmerkungen

Notiz

N

Christoph Benke | Wien

geb. 1956, Dr. theol. habil., Priester, Studierendenseelsorger, Schriftleiter von GEIST & LEBEN

c.benke@geistundleben.at

„Als sie hinblickten“ (Mk 16,4)

Die modernen Kommunikationsmittel verändern die Welt, genauer gesagt deren Wahrnehmung. Sie transformieren unseren Alltag. Sogar Gebärde und Gestus bleiben davon nicht unberührt: Viele Menschen blicken während des Gehens nicht mehr nach vorne, sondern schräg nach unten. Die Ursache dieser eigenartigen Körperhaltung ist das Display ihres Smartphones. Dorthin richten sich Blick und Aufmerksamkeit, die umgebende Welt samt Straßenverkehr und Passant(inn)en wird nur mehr aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Gelegentlich führt diese Einschränkung zu Kollisionen. Spätestens dann ist ein Aufblick unumgänglich.

Als sich die Frauen „in aller Frühe“ zum Grab Jesu aufmachten, um den Leichnam Jesu zu salben, dämmerte es (vgl. Mk 16,1–4). Obwohl sie den Weg kannten, mussten sie wohl immer wieder auf den Boden blicken; die Sonne war eben erst aufgegangen (V. 2). Auch die Frauen waren gedanklich fokussiert, nämlich auf eine Sorge: „Wer könnte uns den Stein vom Grab wegwälzen?“ (V. 3) Vorstellbar ist, dass die berechtigte Sorge um den Zugang zum Inneren des Grabes ihre Wahrnehmung einschränkte. Als sie jedoch ankamen und innehielten, löste sich ihre Unruhe auf: „Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war.“ (V. 4) Mit dem genauen Hinschauen beginnt das Lernen dessen, was Ostern bedeutet. Das gilt für die Frauen um Jesus, aber darüber hinaus für jeden Menschen in der Christusnachfolge. Die christliche „Mystik der offenen Augen“ (Johann Baptist Metz) findet sich schon in den Osterevangelien.

In der spirituellen Szene haben gegenwärtig zwei Begriffe Hochkonjunktur: Kontemplation und Achtsamkeit. Dieser Aufschwung bringt notwendigerweise gewisse Unschärfen mit sich. Beide Vollzüge sind religionsübergreifend „anschlussfähig“ und darüber hinaus auch für säkular denkende Menschen einleuchtend, weil sie Entschleunigung verheißen. Jedenfalls intendieren beide eine sorgfältige Wahrnehmung von Wirklichkeit. Der geduldige „Hinblick“ der Kontemplation misstraut dem Ersteindruck und auch noch dem Zweiteindruck. Er lässt Dinge sprechen und legt die Komposition eines Ereignisses geduldig auseinander, um dessen Vielschichtigkeit offenzulegen. Der Versuch einer Zusammenschau der Ebenen (lat. con-templari) sucht, den Gehalt zu bergen. Und wo Achtsamkeit im Sinne von Aufmerksamkeit verstanden und geübt wird, führt dies zu hochaktiver, gespannter Präsenz. Simone Weil sah darin Parallelen zum Gebetsakt.

Jesus geht davon aus, dass der Blick eines Menschen auf die Welt und das Leben getrübt sein kann. Dem stellt er das „helle Auge“ gegenüber, das „dem Körper Licht gibt“ und ihn zur Gänze „erhellt“ (vgl. Lk 11,34–36). Im Tagesgebet der Osternacht betet die Kirche: „Gott, du hast diese Nacht hell gemacht durch den Glanz der Auferstehung unseres Herrn“. Kontemplation und Achtsamkeit, christlich verstanden, üben den Blick. Sie trainieren das genaue, geduldige Hinschauen, um die Welt und das Leben im Licht von Ostern zu sehen. Das „helle Auge“ ist die Bereitschaft, Gott in allen Dingen zu suchen und sprechen zu lassen. Theologisch gesprochen: Durch Schöpfung und Erlösung ist der Wirklichkeit eine Offenbarungsqualität eingeschrieben. Sie hat sakramentale Struktur. Die gesamte Wirklichkeit trägt in sich die Möglichkeit, das gläubige Individuum ebenso wie die Kirche näher mit Gott zu verbinden. Dazu muss man sich aber der Wirklichkeit stellen und „hinblicken“. Damit werden die Welt und das Leben nicht resakralisiert oder ihnen eine fromme Patina aufgezwungen, wo nichts Frommes ist. Dass irgendwo nur Diesseitigkeit herrscht, ist möglich.

Nebenbei bemerkt: Ursprünglich, als es den „Smartphone-Blick“ noch nicht gab, galt der Blick nach unten, zur Erde hin, als monastischer Gestus. Er sollte dem Menschen zur inneren Sammlung verhelfen sowie an die eigene Geschöpflichkeit und somit an die Demut erinnern. Daran ist ersichtlich, wie sich technischer, gesellschaftlicher und kultureller Wandel auf unsere Seh- und Hörgewohnheiten auswirkt. Dies hat wiederum etwas für Spiritualität zu bedeuten – mit ein Grund, warum die spirituelle Szene so vielgestaltig ist, wie sie nun einmal ist. GEIST & LEBEN will Anregungen zum genauen Hinschauen bieten und einer stets notwendigen Unterscheidung der Geister zuarbeiten.

N

Nachfolge

Nachfolge

N

Ulrich Lüke | Aachen

geb. 1951, Priester, Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen

ulrich.lueke@kt.rwth-aachen.de

Einpacken oder Auspacken?

Gedanken zur Verehrung textiler Heiligtümer am Beispiel Aachen

Nicht „alle Jahre wieder“ wie „das Christuskind“, sondern nur alle sieben Jahre wieder kommt die Heiligtumsfahrt auf Aachen und Kornelimünster nieder, „wo wir Menschen sind“.1 125 000 Wallfahrer(innen) haben sich im Jahr 2014 auf den Weg gemacht, um die gezeigten Textilen zu sehen. Und vielen von Ihnen stellt sich die Frage, ob das Auspacken dieser sogenannten Heiligtümer mehr ist als nur eine mittelalterliche Reminiszenz, ob das auch ein Zeichen für unsere Zeit ist.

Die Zahl Sieben gilt als heilige Zahl, auch als magische Zahl. Sie ist eine Primzahl, also eine Zahl, die nur durch sich selbst oder durch eins teilbar ist, und zwar die größte Primzahl unter zehn. Die anderen Primzahlen unter zehn sind die Eins, die Zwei, die Drei, die Fünf und die Sieben. Alle sind sie auch mit religiöser Bedeutung aufgeladen: Die Eins steht für den einen, den einzigen Gott. Die Zwei steht für die zwei Naturen Jesu Christi, die göttliche und die menschliche Natur. Die Drei steht für den einen dreifaltigen Gott, den Vater, den Sohn und den Hl Geist. Die Fünf steht für die Essenz aus den vier Elementen des Mittelalters, als da sind das Wässrige, das Feurige, das Luftige und das Erdige; sie steht auch für die entscheidende Richtung zwischen den vier Himmelsrichtungen. Die Fünf steht als die Quintessenz, für das Essentielle, für das Begriffene. Die Sieben steht für die sieben Tage des Schöpfungswerkes Gottes, das Heptameron. Aber sie steht auch für die sieben Sakramente, die Zeichen der Verbundenheit von Gott und Mensch in der Heilsgeschichte. Auch im Märchen und in der Mythologie spielt die Sieben eine gewichtige Rolle „die sieben Raben“, „die sieben Gaben“, „die sieben Schwaben“, „die sieben Geißlein“, „die sieben mageren und die sieben fetten Jahre“ in der Josefsgeschichte des Alten Testaments. Und schließlich spielt die Sieben mal Sieben, die 49, eine gewichtige Rolle: ihr folgt die Pentekoste, der fünfzigste Tag, für uns im Kirchenjahr das Pfingstfest, an dem sich die Osterzeit durch die Sendung des Hl. Geistes vollendet, an dem die Jünger ihre Sendung in die Welt erfahren.

Es gibt sieben textile Heiligtümer in Aachen, vier im Aachener Dom und drei in der alten Reichsabtei und der heutigen Propsteikirche St. Kornelius. Weil sie ursprünglich alle zusammengehören, sollen sie auch zusammen in den Blick genommen werden. Alle sieben Jahre zeigen die Aachener alle sieben Sachen. Aber warum werden sie so lange vor unseren Augen verborgen? Warum lässt man sie nicht wie die Prachtstücke in einem Museum in einer sicheren Vitrine ganzjährig ausgestellt?

Verdecken – Aufdecken – Entdecken

Auch in einem Museum werden Teile des Bestandes, manchmal sogar besonders wertvolle Teile nur selten gezeigt und oft in wechselnden Konstellationen in anderen Museen präsentiert. Was man immer sehen kann oder zumindest sehen könnte, verliert leicht, selbst wenn es höchst bedeutsam ist, den Nimbus des Besonderen. Das Verhüllen und Enthüllen lässt uns anders, lässt uns erwartungsvoller, aufmerksamer hinschauen, – das ist der bei Männern wie Frauen gleichermaßen nachweisbare Striptease-Effekt.

Vor Jahren wurde vom Künstler Christo der Reichstag in Berlin verhüllt. Millionen Menschen haben sich das als einzigartig empfundene Spektakel angeschaut. Anschließend wurden – auch zur Refinanzierung des Ganzen – Tuchstücke aus dieser Verhüllungsaktion wie profane Reliquien verkauft. Was war das Besondere an diesem Tuch? Es war, wie tausend andere auch, in einer Weberei in Emsdetten im Münsterland hergestellt worden, war also vom Material her nichts Außerordentliches oder Besonderes. Die Verhüllung verbarg das Gewohnte, den Reichstag, den man Abend für Abend auf dem Fernsehschirm sehen konnte und kann. Und es stellten sich gerade mit der Verhüllung Fragen ein: Was wäre, wenn es das Bauwerk nicht gäbe, wenn es 1933 den Reichstagsbrand nicht gegeben hätte und die sich daran anschließenden Ermächtigungsgesetze der Nationalsozialist(inn)en? Was wäre, wenn es heute diesen Ort der demokratisch-politischen Willensbildung, diesen Ort des Parlamentarismus nicht gäbe?

In der Beilage Christ und Welt der Wochenzeitung Die Zeit gibt es eine Kolumne namens Der Atheist, der was vermisst … Da ersehnt jemand etwas, der nicht glaubt (oder das zumindest behauptet oder glauben machen möchte), da vermisst jemand eine Wirklichkeit, die sich anscheinend nur der/dem Glaubenden erschließt, wie z.B. eine Entwicklung zum Besseren, eine letzte ausgleichende Gerechtigkeit, eine umfassende Vergebung, eine letzte Sinndeutung, ein hoffnungsvolles Ziel der Geschichte. Gerade das, was fehlt, ist aber auf besondere Weise da. Etwas ist anwesend im Modus des Vermissens bzw. des Ersehnens.

Lässt man die schnell in den Vordergrund geschobene Frage beiseite, ob diese Heiligtümer wirklich, also im Sinne von historisch belegbar, die Textilien Jesu, Marias, Johannes des Täufers waren oder nicht, ist so viel sicher: Diese Textilien sind Erinnerungsstücke, textile Hinweise auf etwas, wovon die Christ(inn)en behaupten, dass es auch in diesem historischen Sinne der Fall sei. Ein Textil verweist auf den Vorläufer und dem nach biblischem Befund entfernten Verwandten Jesu, auf Johannes den Täufer. Eines verweist auf Maria, seine Mutter. Fünf dieser Textilien verweisen auf Christus selbst. Letztlich verbindet sich das Zeichenhafte der Textilien also nicht mit den Textilien selbst, sondern mit den Personen, denen sie historisch zu Recht oder zu Unrecht zugeordnet werden; sie haben Verweischarakter auf Personen und deren Haltungen und Handlungen.

Das Enthauptungstuch Johannes des Täufers

Das als Enthauptungstuch Johannes des Täufers verehrte Tuch ist ein von allen vier Seiten umsäumtes, rechteckiges Tuch. Es besteht aus feinem Leinendamast. Von der Größe her ist es eher als das Grabtuch des enthaupteten Täufers anzusehen; denn es misst 282,2 mal 131,5 cm. Es ist auch erst seit dem 15. oder gar 16. Jh. als große Tuchreliquie belegt. Sein Aufbewahrungsort ist der Aachener Dom. Die Enthauptung Johannes des Täufers, der in der christlichen Tradition als Vorläufer Jesu gilt, und sein Begräbnis werden in Mk 6,17–29 berichtet. Von einem Begräbnis- oder Enthauptungstuch ist da jedoch nichts zu lesen.

Was wäre, wenn es das, worauf das Enthauptungstuch Johannes des Täufers hinweist oder hinweisen soll, nicht gäbe, nämlich den Menschen im Widerstand gegen die Zügellosigkeit, gegen die Lüge oder gegen die Willkür der Macht? – Der Mensch wäre ohne das ein ganzes Leben einfordernde, existenzielle Bekenntnis zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit. Da riskiert mit Johannes einer Kopf und Kragen für seine religiöse und ethische Überzeugung und wird quasi als gruseliger Partygag zum Schweigen und zur Strecke gebracht. Dazu ist ein Mensch fähig, gottlob nicht nur wie die Selbstmordattentäter zum Unheil anderer, sondern gerade auch zur Wahrung der Wahrheit und zum Heil der Heillosen sein ganzes Leben, seine ganze Existenz in die Waagschale zu werfen und einzusetzen. „Und setztet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ So dichtete Friedrich Schiller in seiner Wallenstein-Trilogie. Oder anders formuliert: Dem Menschen ist sein Leben nichts mehr wert, wenn ihm nicht irgendetwas oder irgendwer mehr wert ist als sein Leben.

Das Kleid Mariens

Werfen wir einen Blick auf das Marienkleid. Es handelt sich dabei um ein aus feinem weißen Leinen gefertigtes Frauengewand nach Art einer Tunika. Es ist aus einem einzigen Leinenstück hergestellt, wobei das Vorderteil über die Schulter hinweg in den hinteren Teil übergeht. Seitlich sind geschlitzte Giren ein- und Ärmel angesetzt. Der Halsausschnitt und zwei Seitenschlitze am unteren Saum sind mit Ornamenten in Mäanderform verziert. Das Kleid misst 153 cm in der Länge und, bei ausgebreiteten Ärmeln, 132 cm in der Breite. Historisch genau datierbar ist es nicht, und eine biblische Belegstelle für ein solches Kleid gibt es auch nicht.

Was wäre, wenn es das, worauf das Kleid Mariens hinweist, nicht gäbe? – Die christliche Ikonographie hat Maria in prächtige Gewänder gekleidet und so ihre Reinheit, ihre Schönheit, ihren Adel, ihre Demut etc. herausgestellt. Auch die als Wallfahrtsbild verehrte Madonna im Aachener Dom, wo unser Kleid aufbewahrt wird, wird so der Kirchenjahreszeit entsprechend den Verwandlungen einer sakralen Haute Couture unterworfen.

Aber dieses Marienkleid ist nicht das prächtige Ausstattungsstück einer künstlerisch wertvollen Marienfigur, sondern ist – so die Behauptung – ein Kleidungsstück der wirklichen Maria, der historischen Frau aus Fleisch und Blut. Dieses Marienkleid verweist auf den für Gott empfänglichen, den mit Gott schwangeren, den im wahrsten Sinne des Wortes gott-vollen Menschen. Was wäre, wenn es die Frau, aus der nach christlicher Lehre Gott in die Welt hinein geboren wird, nicht gäbe? Der Mensch könnte sich im Blick auf all die selbst zu verantwortenden Grässlichkeiten seiner Geschichte vorkommen wie die Ausgeburt der Hölle. Aber Gott kommt durch Maria – menschlich unverständlich und zugleich unverständlich menschlich – wie jeder von uns auf menschliche Weise beim Menschen an. Der christliche Glaube sagt damit aber auch, der Mensch sei prinzipiell offen auf Gott hin, sei begnadet damit, Gott zu empfangen. Er habe, wie an Maria sichtbar wird, die Anlage zur Gottesgeburt in dieser Welt. Maria bringt, darin ist sie uns Vorbild, Gott zur Welt und damit die Welt zu Gott.

Die Windeln Jesu

Eigentlich sind diese Windeln Teil eines größeren Gewandes, das in etwa trapezförmig zurechtgeschnitten worden ist. Es besteht aus einem ungefärbten dunkelbraunen Kamel- oder Ziegenhaar-Wollgewebe, misst 68 mal 94 cm und wird dreifach gefaltet im Aachener Dom aufbewahrt. Die Geburt Jesu wird mit dem Hinweis auf die Windeln, in die er gewickelt worden ist, in Lk 2,10–12 überliefert und uns alljährlich im Evangelium der Weihnacht präsentiert.

Was wäre, wenn es das, worauf die Windeln Jesu hinweisen, nicht gäbe, nicht gegeben hätte? – Ganz elementar weisen diese Windeln hin auf das Kind, als das Gott nach christlicher Lehre in diese Welt kam. Alle monotheistischen Religionen haben so ein Element der Verbindung von Transzendenz und Immanenz, von Gott und Mensch, von Himmel und Erde, ein Element der Erdung des Göttlichen. Die Juden kennen den Bund Gottes mit dem von ihm erwählten Volk Israel durch die Geschichte hindurch. Die Muslime haben den Koran als wortwörtliche, heilige Willensbekundung Gottes und halten ihn in Ehren.

Die Windeln Jesu nun verweisen auf die, wie mir scheint, intensivste Form der Erdung des Göttlichen, auf die Menschwerdung Gottes. Aber was wäre, wenn die Menschwerdung Gottes ein Hirngespinst wäre? Klar, Windeln waren und sind im wahrsten Sinne stinknormal, sind anrüchig. Und so erscheint die Geburt Gottes als Mensch auch manchem Zeitgenossen wie ein windelweiches Ammenmärchen. Aber Christentum ist nicht ohne den Gedanken der Inkarnation zu haben. Ein Gott ganz ohne Erdung, ohne Menschwerdung, ohne Menschennatur, wäre ein völlig abstrakter Gott, ein spekulativer Gott für „großkopferte“ Philosophen, ein Gott, der nicht zu Herzen geht, weil er kein Herz hat, der uns nicht unter die Haut geht, weil er nicht in unserer Haut steckt.

Das Schürztuch Jesu

Mit dem Schürztuch soll Jesus den Jüngern nach der Fußwaschung am Gründonnerstag die Füße abgetrocknet haben. Es ist ein Leinentuch, gewebt ohne Musterung aus starken Leinenfäden. Es misst 230 mal 128 cm an der einen und 95 cm an der anderen Seite. Eine genaue Datierung besitzen wir leider nicht. Die biblische Belegstelle von der Fußwaschung mit dem Hinweis auf das Leinentuch, mit dem sich Jesus zu diesem Zweck umgürtet hat, findet sich bei Joh 13,1–13.

Was fehlte dieser Welt, wenn es das, worauf das Schürztuch Jesu hinweist, wenn es die Fußwaschung, von der der Evangelist Johannes berichtet, nicht gegeben hätte? – Es fehlte das Vorbild eines selbstlosen Dienstes, der die menschengemachten Rangordnungen und Hierarchien, auch die kirchlichen in dieser Welt der Lächerlichkeit preisgibt. Jesus wäscht seinen Jüngern nicht den Kopf, sondern die Füße. Da kümmert sich der, mit dem niemand auf gleichem Fuße verkehren kann, um den Dreck von der untersten Fußsohle seiner Untergebenen und erklärt das zum Maßstab. „Ihr nennt mich Herr und Meister und ihr habt Recht, ich bin es. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr tun, wie ich euch getan habe.“ (Joh 13,13)

Mit dem Fehlen dessen, woran das Schürztuch Jesu erinnert, wäre zudem die enge Verbindung von Abendmahl, also Gottesdienst, und Fußwaschung, also Menschendienst, nicht mehr gegeben. Dass Liturgie und Diakonie zusammengehören, nicht zuletzt darauf verweisen das Schürztuch und seine Verwendung im Kontext des letzten Abendmahles auch noch. Gottesdienst ist immer zweierlei, der Dienst Gottes an den Menschen und der Dienst des Menschen für und vor Gott. Der Menschendienst Gottes und der Gottesdienst des Menschen gehören zusammen.

Das Lendentuch Jesu

Schauen wir uns nun das Lendentuch Jesu an, das er am Kreuz getragen haben soll, um seine Blöße zu bedecken. Es wird im Dom aufbewahrt und besteht aus grobem dreieckigen Leinengewebe, mit bräunlichen, auf Blutspuren hindeutenden Verfärbungen. Es ist ein grobschlächtig aus einer Tunika zugeschnittenes Dreieckstuch. Seine Maße betragen 127,5 mal 151 cm. Von einem Gewand oder allgemeiner von Kleidungsstücken, die Jesus zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung getragen hat, berichten Lk 23,32–35 und Joh 19,23. Von einem speziellen Lendentuch ist allerdings in den Hinrichtungsschilderungen nicht die Rede.

Das Lendentuch war das einzige, was man römischer- wie jüdischerseits bei einer Hinrichtung den Gekreuzigten in der sonstigen Nacktheit und Ausgesetztheit an Intimität noch konzedierte. Es war gewissermaßen der letzte Schamlappen gegen den blanken Voyeurismus und den Sadismus, der seine sexuelle Lust durch die Quälerei und in der Quälerei anderer Menschen erfährt.

Was fehlte dieser Welt, wenn es das, worauf das Lendentuch Jesu hinweist, nicht gäbe oder gegeben hätte? – Es fehlte der Gedanke der Solidarität Gottes mit den Bloßgestellten, mit den Begafften, mit den Ausgezogenen und den Zur-Schau-Gestellten, mit den Entblätterten, mit den bis auf die Haut und bis ins Mark Blamierten, mit den schamlos Entehrten. Es fehlte das Zeichen der Solidarität mit den Menschen, die wie er durch einen Justizskandal, ja einen Justizmord beseitigt wurden und werden in dieser Welt. Im Tod Jesu Christi begibt sich Gott selbst in die tiefsten Niederungen des menschlichen Leidens und Sterbens, weil er leiden kann und den Menschen leiden mag. Hier begegnet uns ein zutiefst sympathischer, d.h. leidensfähiger und mitleidender Gott.

Das Grabtuch Jesu

Das Grabtuch Jesu (Sindon munda) meint das Tuch, in das Jesus gehüllt worden sein soll, als er vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt worden ist. Es ist ein feines, kostbares Leinentuch und misst heute 105 mal 180 cm. Es muss einmal doppelt so lang gewesen sein. Es sind auch Stücke herausgeschnitten worden. Vermutlich stammt das Grabtuch aus dem 1. Jh. v. Chr.

Was fehlte dieser Welt, wenn es das, worauf das Grabtuch Jesu Christi hinweist, wenn es seinen bestialischen Tod nicht gegeben hätte? – Es fehlte der Gedanke einer bis zum Äußersten, einer über die Todesgrenze hinausgehenden Heilsintervention Gottes für den Menschen und diese Welt. Gott macht sich, so sagt der christliche Glaube, angesichts des Leids der Welt keinen schlanken Fuß. Er geht den Weg des Menschen mit, den scheinbaren Holzweg vom Holz der Krippe bis zum Holz des Kreuzes, den Weg vom Geburts- bis zum Todesschrei, den Weg von den Windeln bis zum Leichentuch. Er steht wie wir im Leid und durchsteht mit uns das Leid bis in Sterben und Tod hinein. Er markiert den Weg durch das Sterben, den Weg in den Tod mit den Wegzeichen zum Leben. Er macht auch diesen letzten, uns allen zugemuteten Weg noch zum Lebensweg.

Das Schweißtuch Jesu

Das sog. Sudarium, das Schweißtuch Jesu besteht aus feinster alexandrinischer Muschelseide, aus Byssos. Es ist 352 mal 615 cm groß, sechzehnfach gefaltet, wurde 1860 auf eine Schutzunterlage genäht und 1895 mit einer Schutzdecke verziert. Es stammt spätestens aus dem 1. Jh. unserer Zeitrechnung, überschneidet sich also mit der Lebenszeit Jesu. Vom Schweißtuch Jesu spricht die Heilige Schrift in Joh 20,6–7. Es ist die Rede davon, dass es auf dem Haupt Jesu gelegen, dann aber, nach der Auferstehung Jesu, nicht mehr bei den Leinentüchern, sondern separiert und zusammengebunden an einem eigenen Platz gelegen habe.

Was wäre, wenn es das, worauf das Schweißtuch Jesu hinweist, nicht gegeben hätte oder geben könnte? – Das Schweißtuch markiert im Evangelium den entscheidenden Übergang, es steht für den Schritt aus dem Ende, für das der Tod steht, zu einer Vollendung, für die das Leben steht. Es ist ein Signum, das die Geschichte des Todes Jesu mit der ersten Erfahrung von Auferstehung verbindet, ein verbindendes Zeichen, das auf die Identität und die Kontinuität des Gestorbenen und Auferstandenen hinweist. Ohne das, worauf das Schweißtuch hinweist, fehlte der Gedanke an die Auferstehung Jesu Christi und der Gedanke an die Auferstehung der Ermordeten, der Gemeuchelten, der zu Tode Geschundenen, der Verhungerten, der Verdursteten dieser Welt. Es wäre die endgültige absolute Irreversibilität des zugleich gleichmacherisch gerechten und des zugleich gnadenlos ungerechten Todes. Es gäbe keine ausgleichende endgültige Gerechtigkeit, sondern ausschließlich die Verewigung bleibender Ungerechtigkeit.

So aber hören wir in der ersten Präfation der Totenmesse noch die Worte: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet.“ Und so beten die Katholik(inn)en in jeder Eucharistiefeier nach den auch uns selbst geltenden Wandlungsworten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Durch diesen Blick auf Tod und Auferstehung Jesu Christi wandelt sich auch die persönliche menschliche Unheils- in eine Heils- und Hoffnungsperspektive über den Tod hinaus.

Was bleibt?

Alle diese textilen Heilsutensilien sind kontingent, sind durch die Zufälle und die Willkürakte der Geschichte zu uns gekommen. Sie sind nicht essentiell zur Stützung des christlichen Glaubens in der Welt; das Glauben ginge also auch ohne sie. Und vielleicht erscheint dem einen oder anderen historisch-skeptisch orientierten Menschen diese Art von Frömmigkeit eher hinderlich als förderlich für den eigenen Glauben. Das ist nicht zu bestreiten und darf auch so sein. Aber gibt es nicht ebenso viele legitime, geistgewirkte Zugänge zum Glauben wie es geistvolle gläubige Menschen gibt?

Natürlich kann man sich fragen, ob diese textilen Heiligtümer historisch echt sind. Einige sind uralt, reichen gut belegbar bis in die Zeit Jesu hinein, sie könnten in dem Sinne historisch echt sein und sind es vermutlich doch nicht. Sie können aber, und das ist entscheidend, zum Echtwerden des Glaubens beitragen, zur Echtheit des Glaubens anregen. Sie können uns die unabweisliche Frage nach den ethischen Maßstäben und der existenziellen Entschiedenheit des eigenen Lebens vorlegen. Sie können Wegweiser sein, Wegweiser, die man nicht braucht, wenn man den Weg genau kennt. Aber nicht alle kennen den Weg genau genug.

Etwas, was nur alle sieben Jahre gezeigt wird, ist der ständigen Verfügbarkeit und Sichtbarkeit entzogen. Um es zu sehen, muss man warten und sich innerlich ausrichten können auf den besonderen, vielleicht einmaligen Moment. Dabei wird das, was die Griechen der Antike Chronos nannten, die scheinbar mehr oder weniger gleichförmig und belanglos verstreichende Zeit, zu dem, was dieselben Griechen Kairos nannten, zum günstigen, einmaligen, vielleicht gnadenhaften Moment, in dem sich eine Wende im Glauben und im Leben vollziehen kann.

Die Vereinmaligung des Moments der Sichtbarkeit macht aber zugleich darauf aufmerksam, dass eigentlich jeder Moment im Chronos als genutzter Moment einen Kairos zu irgendetwas darstellt, zur Umkehr aus dem falschen Trott, zum Neubeginn nach dem desaströsen Ende, zur Versöhnung nach dem bitteren Zerwürfnis, zur Hoffnung nach der tödlich lähmenden Angst. Gerade in dieser Zeit, in meiner Zeit, kann auch durch mich die Unheils- zur Heilszeit gewandelt werden. Gott wandelt auch mich, und er wandelt auch durch mich und meinen kleinen Beitrag unsere heillose Zeit in sein zeitloses Heil.

Im Kern: Inkarnation

Im Kern zielen alle diese textilen Erinnerungsstücke auf das christliche Proprium, auf das Alleinstellungsmerkmal des Christlichen, auf die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, auf seinen Dienst der Menschlichkeit, auf sein grausames Leiden und Sterben, auf seine Auferstehung. Die textilen Erinnerungsstücke erinnern an den Kernbestand der christlichen Botschaft und der ist konkret, geschichtlich, menschlich und darin zugleich göttlich, der ist ganz und gar irdisch und darin himmlisch.

Sich für aufgeklärt haltende Menschen neigen dazu, die angeblich noch immer unaufgeklärten, einem Reliquienkult anhängenden Menschen zu belächeln. Karl Rahner, einer der ganz Großen in der Theologie des 20. Jhs., einer, der so abstrakt denken konnte, dass er damit viele junge Theolog(inn)en abhängte, hat aber schon vor vielen Jahrzehnten hellsichtig bemerkt: Auch die großen abstrakten Philosophien, die scheinbar so ganz auf Konkretionen und Handgreifliches oder Augenfälliges verzichten können, sind doch nur abgeblasste Mythologeme. Wir alle brauchen die Anschaulichkeit und den inhaltlichen Mehrwert, den Bedeutungsüberschuss, der in allen Narrationen steckt. Wir alle brauchen das Pack-Ende und das Packende des Konkreten, um zum Abstrakten vorzudringen. Wir alle brauchen die Handreichung des Anschaulichen, um eine Ahnung vom Unanschaulichen zu erhalten. Wir alle brauchen das Sich-Zeigen im Endlichen, um einen Schimmer vom Unendlichen, eine Ahnung von Gott zu erhaschen.

Jetzt sind diese konkreten, geschichtlichen, menschlichen und menschlich allzu menschlichen Erinnerungsstücke für sieben Jahre wieder eingepackt. Wenn wir aber mit der christlichen Botschaft vom geerdeten Himmel, mit unserem Glauben an den Mensch gewordenen Gott an unseren Arbeits- und Ausbildungsplätzen, in ...

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