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Gehetzt

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Donnerstag
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  1. Freitag
  2. 4
  3. 5
  4. 6
  5. 7
  6. 8
  7. 9
  8. 10
  9. 11
  10. 12
  11. 13
  12. 14
  13. 15
  14. 16
  15. 17
  16. 18
  17. 19
  18. 20
  19. 21
  20. 22
  21. 23
  22. 24
  23. 25
  24. 26
  25. 27
  26. 28
  27. 29
  28. 30
  29. 31
  30. 32
  31. 33
  32. 34
  33. 35
  34. 36
  35. 37
  36. 38
  37. 39
  38. 40
  39. 41
  40. 42
  41. 43
  42. 44
  43. 45
  44. 46
  45. 47
  46. 48
  47. 49
  48. 50
  49. 51
  50. 52
  51. 53
  52. 54
  53. 55
  54. 56
  55. 57
  56. 58
  1. Mittwoch
  2. 59
  3. 60
  1. Über den Autor

1

23:22 Uhr, Knightsbridge, London SW7

Die gertenschlanke Blondine, die neben Oberst Sykow im Fond des schwarzen Londoner Taxis saß, war zwar erst um die dreißig und damit halb so alt wie er, aber er fand sie dafür doppelt so schön wie seine Ehefrau zu ihren besten Zeiten. Als sie in der warmen Juninacht ausstiegen, hielt er ihr die Hand hin.

»Was bist du doch für ein Gentleman«, flötete sie und flocht ihre Finger, die in einem schwarzen Handschuh steckten, in seine Hand.

Sie hieß Hazel und war Schottin. Eine Glasgowerin, hatte sie ihm bei einem Cocktail in der schicken Bar, aus der sie kamen, erklärt. Sykow hatte die Stadt im hohen Norden nie besucht, aber Hazel sprach mit einem Einschlag, der ein bisschen wie ein osteuropäischer Akzent klang und ihm ein Gefühl von Heimat vermittelte.

Er bezahlte den Taxifahrer, ehe er sie zum beleuchteten Eingang des Appartementhauses führte, in dem er wohnte. Sie gingen durch die gläserne Tür und den Flur mit dem glänzenden Marmorfußboden zum Aufzug. Er gab einen Code in das Tastenfeld ein, und die Stahltür des Lifts glitt geräuschlos beiseite.

»Ladies first«, sagte er.

Sie rührte sich nicht, sondern erwiderte: »Wenn wir oben sind, werde ich etwas ganz Besonderes mit dir machen. Aber vorher musst du etwas für mich tun …«

»Und was?«

»Ruf in deiner Botschaft an. Sag, dass du morgen nicht zur Arbeit kommst. Dass du dir einen Tag freinimmst.« Sie lächelte.

»Wieso?«

»Weil ich keine Frau für nur eine Nacht bin.« Ihre Lippen berührten beinahe seinen Mund; in ihrem Atem roch er Champagner und Kirschwasser. »Das heißt, morgen früh bleiben wir lange im Bett. Und dann wirst du mich zu einem sehr teuren Mittagessen ausführen.«

Zuerst hielt er es für einen Scherz. Doch auch als die Lifttür sich zu schließen begann, blieb sie reglos stehen.

Er drückte den Warteknopf. Hazels Eroberung hatte ihn zu viel Mühe gekostet, als dass er es jetzt noch riskiert hätte, von ihr stehen gelassen zu werden. Er zückte sein Handy, rief die Botschaft an und hinterließ auf dem Anrufbeantworter seines Sekretariats eine Nachricht.

Kaum hatte er aufgelegt, küsste sie ihn kurz und sanft, dann trat sie zurück und kicherte trunken. Dass sie ihren Kopf durchgesetzt hatte, freute sie offenbar über alle Maßen.

Ein charmanter Laut war das Kichern schon, räumte er bei sich ein, aber nichts, was ihre gemeinsame Nacht bestimmen sollte. Er hoffte, dass sie nicht zu viel getrunken hatte. Der Sex, den er im Sinn hatte, war weder schnell noch sanft. Tatsächlich war es gut möglich, dass Hazel die Nacht in keiner Weise genießen würde.

Sie traten in den Lift, und er drückte den Knopf mit der Aufschrift Penthouse. Zur Belohnung sah er, wie ein triumphierendes Lächeln um Hazels Lippen zuckte.

Diesen Ausdruck hatte er im Laufe der Jahre bei vielen Frauen gesehen. Privilegien und Macht, das wusste er schon seit Langem, waren die besten Aphrodisiaka. Besonders bei den jungen Frauen.

Das Penthouse stand eigentlich dem Geschäftsträger der Botschaft zu, aber der gegenwärtige Amtsinhaber war ein verheirateter Fußballfanatiker und wohnte mit seiner Familie in der unmittelbaren Nähe von Chelsea. Daher hatte Sykow das große Los gezogen. Als Militärattaché der russischen Botschaft in London stand er im Rang hoch genug, um das ungenutzte Dachgeschossappartement bewohnen zu dürfen.

Er betrachtete sich in der Spiegelwand des Lifts. Die tiefe Narbe auf der rechten Wange - ein Andenken an einen Messerkampf, den er als Junge in einer Moskauer Elektritschka bestanden hatte - ließ ihn neben dieser Schönen umso mehr wie das Biest erscheinen.

Vor drei Tagen hatte er sie in dem Café kennengelernt, in dem er gern zu Mittag speiste und das von der Botschaft aus direkt um die Ecke lag, in den Kensington Palace Gardens. Der Tag war warm gewesen, und sie trug eine dünne weiße Bluse, unter deren fast durchscheinendem Stoff sich - wie er zu seinem Entzücken feststellte - ihre kecken Brüste abzeichneten, da sie keinen BH anhatte. Sie ertappte Sykow dabei, wie er sie anstarrte. Sehr zu seinem Verdruss musste er den Blick abwenden.

Und ohne den Zwischenfall mit dem Handtaschenräuber wäre das alles gewesen. Der bärtige Obdachlose war entweder betrunken oder stand unter Drogen. Er kam in das Café und starrte mit aufgerissenen Augen umher, dann schlurfte er auf Hazel zu und riss ihre Handtasche vom Tisch.

Eigentlich hatte Sykow gar nichts unternommen. Er war zwar Soldat, aber in London nahm er eine Diplomatenstellung ein und hatte sich in alltägliche Auseinandersetzungen wie diese nicht einzumischen, da konnte das Opfer so attraktiv sein, wie es wollte.

Doch plötzlich stolperte der Räuber zur Seite und blieb mit dem Fuß an Sykows Stuhlbein hängen. Dadurch stürzten sie beide zu Boden.

Sykow kämpfte sich hoch - er wollte den ungewaschenen Degenerierten keineswegs überwältigen, sondern vor ihm zurückweichen. Der Obdachlose rappelte sich auf und floh auf die Straße. In seiner Panik ließ er Hazels Handtasche fallen, sodass Sykow sie ihr galant zurückgeben konnte.

Sie war außergewöhnlich dankbar. So dankbar, dass ihr völlig entfallen zu sein schien, dass der Oberst eben noch auf ihre Brüste gestarrt hatte. Sie erzählte, sie mache bei einer Firma in einem nahen Bürogebäude eine Fortbildung zur Buchhalterin. Sie bestand darauf, ihn am nächsten Tag zum Mittagessen einzuladen. Als Dank. Natürlich hatte er zugesagt.

Der Lift wurde langsamer und hielt. Die Tür öffnete sich auf einen schwarz-weiß gekachelten Korridor. Ohne aufgefordert worden zu sein, durchquerte Hazel ihn und trat in das indirekt beleuchtete Empfangszimmer.

Der Oberst verzog gequält das Gesicht, als er ihr folgte und bemerkte, welche tiefen Abdrücke ihre hohen Absätze in dem dicken grauen Teppich hinterließen - tiefe, halbmondförmige Dellen. Einen Augenblick lang überlegte er, ihr zu befehlen, auf der Stelle die Schuhe auszuziehen, doch dann beschloss er, sich lieber später den Spaß zu machen, sie dafür zu bestrafen.

Er beobachtete sie, während sie in stiller Ehrfurcht die Skulpturen auf den Schränkchen und die Ölgemälde an den Wänden betrachtete. Ganz eindeutig hatte sie solchen Reichtum noch nie aus der Nähe gesehen. Jetzt würde sie ihn auf keinen Fall mehr stehen lassen.

Das Lächeln, das sie ihm als Nächstes zuwarf, bestätigte seine Vermutung. Sie zeigte ihm damit, wie sehr es ihr hier gefiel, und das bedeutete seiner Meinung nach, dass sie alles tun würde, um bei ihm bleiben zu dürfen. Nacheinander spähte sie durch die Türen, die zu den einzelnen Zimmern führten. Er fragte sich, wie sie wohl aussehen würde, wenn sie auf dem Rücken läge.

»Warum fangen wir nicht hier an?«, fragte sie.

Zu seiner Freude hatte sie sich das große Schlafzimmer ausgesucht, das mit dem größten Bett. Er folgte ihr hinein und schaltete das Licht an, dann dimmte er es herunter.

Als sie ihre Handtasche auf das Doppelbett warf, bemerkte er, wie sie einen Blick auf die gerahmte Fotografie seiner Tochter warf, die an der Wand hing. Katarina war seine einzige Tochter. Ihm kam der Gedanke, dass sie ungefähr im gleichen Alter sein musste wie diese junge Schottin, die er mitgenommen hatte, um sie zu vögeln. Er empfand einen leichten Wonneschauer, weil ihm dadurch bestätigt wurde, dass in dem alten Hund noch immer Leben war.

Er konnte sich nicht mehr zurückhalten, trat hinter Hazel, schlang die Arme um ihre schlanke Taille und begann, ihr unbeholfen die Jacke aufzuknöpfen. Sie keuchte, als er grob ihre Brüste drückte - vor Lust? Oder vor Schmerz? Es war ihm eigentlich egal. Er zog ihr den Rock über die Hüften, schob die Hand in ihren Slip und zwischen ihre Schenkel.

Als sie sich zu ihm herumdrehte, hob er die Hand, um sie an ihrem kurz geschnittenen Haar zu packen und auf die Knie zu zwingen … Aber Hazel hatte ihren eigenen Willen und löste sich von ihm.

»Warte«, sagte sie.

Der Oberst zitterte vor Verlangen. Sie kickte ihre Schuhe von den Füßen, schüttelte die Jacke ab und schlüpfte aus Rock, Bluse und BH.

»Was ist denn das Besondere, das du mit mir machen möchtest?«, fragte er. Dabei blickte er ihr nicht mehr ins Gesicht.

Sie trat näher und begann, seine schwarze Seidenkrawatte zu lösen. »Ich möchte etwas mit dir spielen.«

»Was denn?«

Sie lächelte, und ihre braunen Augen glitzerten dunkel. »Ein Fesselspiel …«

Der Puls des Obersts beschleunigte sich. »Du magst es, wenn der Mann das Sagen hat, was?«

»Nein, eher umgekehrt …«

Er riss die Augen auf. Sie wollte ihn festbinden?

»Das kann nicht dein Ernst sein«, sagte er.

»Es ist mir todernst.«

Die Vorstellung war natürlich absurd, doch sie war eindeutig anderer Meinung. Sie kniete sich vor ihn, zog ihm Hose und Unterhose bis zu den Knöcheln herunter und drückte ihn dann nach hinten, bis er sich auf die Bettkante setzte.

»Vertrau mir«, sagte sie. »An diese Nacht wirst du dich für den Rest deines Lebens erinnern.«

Am liebsten hätte er sie geschlagen. Sie am Boden festgehalten und mit Gewalt genommen. Sie für ihre Frechheit bestraft.

Doch als sie begann, mit der Zunge die Innenseite seines Schenkels zu bearbeiten, entschied er, dass es nichts schaden konnte, ihrem Vorschlag zuzustimmen. Sie hob die Hand und schloss die Faust um ihn. Sie trug noch immer ihre Lederhandschuhe. Er stöhnte vor Wonne.

»Danach kannst du mit mir alles machen, was du willst«, versprach sie. »Alles.«

Damit war es entschieden, sie sah es ihm an den Augen an.

»Leg dich auf den Rücken«, befahl sie.

Er tat, was sie wollte, blickte zu dem roten Betthimmel aus Samt mit den goldenen Fransen hoch und fragte sich, ob es eigentlich möglich wäre, dort oben einen Spiegel anzubringen.

»Aber womit willst du mich fesseln?«, fragte er.

Er hätte ihr sagen können, dass in der verschlossenen untersten Schublade seines Nachttischs Stahlhandschellen und ein Knebel lagen. Zusammen mit Viagra, Rohypnol, mehreren Tütchen Kokain von pharmakologischer Reinheit und einer geladenen Pistole. Doch Hazel schien genau zu wissen, was sie tat, und er war gespannt, wohin ihre Fantasie sie als Nächstes führen würde.

Sie öffnete ihre Handtasche und nahm eine zusammengeknüllte schwarze Nylonstrumpfhose heraus. Sie biss hinein und zerteilte das weiche dunkle Material mit ihren harten weißen Zähnen in zwei Hälften.

Sie setzte sich auf seine nackte Brust und machte aus dem einen Bein ihrer Strumpfhose eine Schlinge, die sie um sein rechtes Handgelenk legte und am Bettpfosten festband. Mit der zweiten Hälfte fesselte sie seine linke Hand. Er bemerkte, dass sie an der Innenseite ihres linken Handgelenks eine Tätowierung in Form einer kleinen grünen Rose hatte.

Er versuchte, sich loszureißen. Er tat nur so. Um ihr zu gefallen. Aus persönlicher Erfahrung wusste er, dass eine Fantasie nur dann funktionierte, wenn sie real erschien.

Gleichzeitig spürte er, dass die Knoten auf jeden Fall halten würden.

Fasziniert von Hazels Hingabe, Zielstrebigkeit und Geschwindigkeit sah er zu, wie sie seine Schuhe nahm und die Schnürsenkel herauszog. Sie schien völlig in ihre Arbeit vertieft zu sein und wirkte überhaupt nicht mehr betrunken.

Auf allen vieren kroch sie zum Fußende und begann mit der Arbeit an seinen Füßen. Sykow musste den Hals recken, um über die Kuppe seines Bauches blicken zu können. Er war gespannt, wie sie von hinten aussah. Perfekt, lautete die Antwort. Wie sagten die Amerikaner gleich? Ach ja … wie ein Pfirsich

Doch gleichzeitig entging ihm nicht - und es kam ihm merkwürdig vor, dass er es bisher nicht bemerkt hatte -, dass ihre Arme, Beine und ihr Rücken nicht nur schlank, sondern auch muskulös und voller Spannkraft waren.

Egal, dachte er. Gut, dass sie gesund war. Für das, was er mit ihr vorhatte, musste sie widerstandsfähig und fit sein.

Er fluchte, als ihm der Schmerz durch den rechten Fuß schoss. »Nicht so fest«, sagte er.

»Halt die Fresse.«

»Was?« Er versuchte, den Fuß zurückzuziehen. Es gelang ihm nicht.

»Du sollst die Fresse halten, du dämlicher alter Sack.«

Was soll denn das?, dachte er. Gehört das zum Spiel? Er fand es nicht komisch. Sie ging zu weit.

»Sprich nicht in diesem Ton mit mir«, mahnte er.

Mehr Schmerzen. Diesmal in seinem linken Bein. Sie hatte das Fußgelenk ans Ende des Bettes gebunden und zog den Schnürsenkel richtig fest.

»Mach mich los!«, befahl er. »Sofort.«

Er zerrte an seinen Füßen, um sie zu befreien. Sie waren genauso sicher fixiert wie seine Handgelenke. Hilflos sah er zu, wie sie vom Bett stieg. Dann knüllte sie seine Boxershorts zusammen und stopfte sie ihm grob in den Mund.

Er versuchte, die Unterhose auszuspucken. Hazel schob sie wieder zurück. Sie bewegte sich sehr flink, hielt seinen Mund zu, wickelte seine Krawatte einmal, zweimal um sein Genick, dann zog sie sie straff und band sie fest.

Seine Zunge war festgeklemmt. Er versuchte zu brüllen. Doch mehr als ein Stöhnen brachte er nicht hervor.

Wer zum Teufel ist das? Wie bringe ich sie dazu aufzuhören?

Er bäumte sich auf, um sich zu befreien. Er knallte ihr das Knie in die Rippen. Dafür schlug sie ihn fest ins Gesicht.

Er erstarrte.

»Mach das noch einmal«, sagte sie, ließ eine Messerklinge vor ihm aufblitzen und drückte die Spitze in das weiche Fleisch an seinem rechten Nasenloch, »und ich schneide dir deinen widerlichen Zinken ab.«

Er spürte, wie seine Genitalien durch die plötzliche Angst zusammenschrumpften. Nicht die rasiermesserscharfe Klinge war es, die das bewirkte. Auch nicht die Drohung.

Sondern die Tatsache, dass Hazel Russisch gesprochen hatte.

2

23:31 Uhr, Little Venice, London W9

Während die Hecklichter des schwarzen Londoner Taxis in der Nacht verschwanden, ergriff Danny Shanklin Anna-Marias Hand und drückte sie fest, dann schlug er mit ihr den Weg durch den Park ein.

Seit über einem Jahr hatten sie einander nicht mehr gesehen, und er bezweifelte, dass auch nur ein einziger Tag davon vergangen war, ohne dass er sich gefragt hatte, was sie gerade unternahm, mit wem und ob sie auch an ihn dachte.

Es tat ihm gut, sie so nah bei sich zu wissen, so nah, dass er das Parfüm riechen konnte, das er ihr zum Geburtstag aus Washington geschickt hatte, nah genug, um ihr leises Atmen zu hören. Doch er wollte ihr noch näher sein.

»Danke für das Essen«, sagte sie.

»Ich bin froh, dass du Zeit hattest.«

Er hatte sie erst am Morgen angerufen, sein erster Anruf nach der Landung in Heathrow. Er hatte gehofft, sie könnte und wollte alle anderen etwaigen Verabredungen absagen und nur mit ihm ausgehen. Er hatte Glück gehabt.

Genau dieses Gefühl gab sie ihm stets: Glück zu haben. Glück, sie zu kennen. Glück, dass sie sich noch immer mit ihm abgab, obwohl sie so viel über ihn wusste. Glück, in seinem meist brutalen und komplizierten Leben jemanden zu haben, der so schön und bezaubernd war wie sie.

»Bleibst du über Nacht?«, fragte er.

»Möchtest du das denn?«

»Was denkst du wohl?«

Sie gab nicht nach. »Denken und wissen sind zwei Paar Schuhe.«

»Okay«, sagte er. »Ja. Ich möchte das.«

Sie lächelte ihn an, lehnte sich an ihn und legte ihren Arm um seine Hüfte. Sobald er mit ihr zusammen war, fragte er sich, wie er je hatte weggehen können, und wusste gleichzeitig, dass er wieder gehen würde. Und nicht nur ein Mal. Bis er eines Tages zurückkäme und sie nicht mehr auf ihn wartete.

»Du wirst es nicht bereuen«, sagte er, blieb stehen und zog sie an sich. »Das kann ich dir versprechen.«

Sie stöhnte leise, als er sie küsste. Er spürte, wie ihr ein Schauer durch den ganzen Körper jagte.

»Dann bleibe ich«, flüsterte sie.

Motorengeräusche drangen zu ihnen. Der Wagen wurde langsamer und fiel irgendwo in der Nähe in den Leerlauf. Danny und Anna-Maria drehten sich gemeinsam um und blickten durch den Park in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Ein einsamer, metallicgrauer Range Rover hatte auf gleicher Höhe wie sie auf der dunklen Straße am Rand des Parks gehalten. Sie erkannten den Umriss eines massigen Mannes, der sich über das Lenkrad beugte. Sein Gesicht lag tief im Schatten, sodass sich unmöglich sagen ließ, ob er in ihre Richtung schaute.

»Kennst du den?«, fragte Anna-Maria.

»Nein.« Danny ließ ihn nicht aus den Augen.

»Du klingst aber nicht, als wärst du dir sicher …«

Das war er auch nicht. Wenn er wegen eines Auftrags nach London kam, konnte er sich da nie sicher sein. Der Motor heulte auf, und der Wagen entfernte sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Danny prägte sich das Nummernschild ein, als er an ihnen vorbeifuhr.

»Ich nehme an, du bist zum Urlaub in der Stadt«, sagte Anna-Maria.

»Nein.«

Danny wusste natürlich, dass sie ihn aufzog, doch er sah auch die Besorgnis in ihren Augen. Als sie weitergingen, hakte sie sich bei ihm ein.

»Noch ein Grund mehr, die Nacht so sehr zu genießen, wie es nur geht«, sagte sie.

Er dachte daran zurück, wie sie sich vor knapp drei Stunden vor der U-Bahn-Station Covent Garden getroffen hatten. Als er sie gesehen hatte, war sein erster Gedanke gewesen, dass sie offenbar gar nicht älter wurde. Und wie jedes Mal, wenn sie einander nach einer längeren Trennung trafen, hatte er das Gefühl gehabt, sie zum ersten Mal zu sehen. Zusammen mit dem Sturm des Verlangens stellte sich auch immer ein Schuldgefühl ein, obwohl er keine Ehefrau mehr hatte und keine feste Freundin.

»Weißt du noch, wie wir hier unsere letzte Zigarette geraucht haben?«, fragte Anna-Maria, als sie an einer Parkbank aus Holz vorbeikamen.

Sie waren in eine Reihe kunstvoller Gärten eingebogen und folgten jetzt einem Kiesweg, der sich zwischen den Blumenbeeten hindurchschlängelte. Danny nickte. Anderthalb Jahre war es her. Er fühlte sich gut damit, das Rauchen aufgegeben zu haben. Er wachte nachts nicht mehr schweißgebadet auf und musste keine Vorstellungen von eiternden Lungenflügeln mehr vertreiben. Keine Albträume mehr, seine Tochter Lexie beim Rauchen zu erwischen und sich sagen lassen zu müssen, sie dürfe das, denn wenn er, ihr Daddy, rauche, dann müsse das in Ordnung sein.

Trotzdem sehnte er sich noch immer nach den selbstsüchtigen kleinen Augenblicken, in denen es nur ihn und die Zigarette gab, in denen er zu irgendeinem Horizont blickte und sein restliches Leben Pause hatte.

»Vermisst du es?«, fragte Anna-Maria.

»Nein.«

Danny log ihr zuliebe. Sie hatte vorgeschlagen, mit dem Rauchen aufzuhören, und sie hatten es gemeinsam durchgestanden. Die vielen Monate lang, die sie voneinander getrennt verbracht hatten, waren sie dem Entschluss treu geblieben. Diesen Teil von ihm betrachtete Anna-Maria als etwas, das nur ihr gehörte.

Sie blieben vor einem schweren Gittertor stehen, das in den mit Stacheldraht gesicherten Absperrzaun eingelassen war. Auf beiden Seiten davon standen hohe Fichten und schirmten das helle Mondlicht ab. Egal. Danny war so oft nach Einbruch der Dunkelheit hierhergekommen - entweder fest im Griff der Schlaflosigkeit oder auf der Flucht vor einem bösen Traum -, dass er den schweren Schließmechanismus des Tores mittlerweile bedienen konnte, ohne hinzusehen.

Auf der anderen Seite erwartete sie eine Reihe von Hausbooten, die entlang des Regent's Canal ankerten. Die meisten waren permanent bewohnt, und an Deck sah man Fahrräder, Liegestühle und Hängekörbe. Hinter den beschlagenen Bullaugen brannte Licht. Während Danny und Anna-Maria an ihnen vorbeigingen, hörten sie Fetzen von Fernsehsendungen und gedämpften Gesprächen.

Dannys Boot war das letzte in der Reihe. Der stählerne Rumpf war schwarz lackiert, und am Heck stand in bauchigen Goldbuchstaben der Name Pogonsi. Obwohl das Boot offiziell auf eine schweizerische Holdinggesellschaft registriert war, gehörte die zwanzig Meter lange umgebaute Kohlenschute in Wirklichkeit Danny.

Das Boot war für ihn ein Zuhause, wenn er nicht zu Hause war. Er hatte es von Tony Strinatti geerbt, einem längst toten alten Freund und Kollegen.

Danny trat auf das kleine Achterdeck. Er half Anna-Maria an Bord und schloss die Lukentür auf. Sie stiegen die ausgetretenen Holzstufen zur Hauptkabine hinunter. Er hatte das Bett frisch bezogen, und in der hohen geschliffenen Glasvase auf dem Mahagonitisch standen Blumen. Nicht weil er gewusst hatte, dass Anna-Maria mit ihm käme, denn er war sich dessen nicht sicher gewesen. Aber Danny hatte schon genug schlimme Dinge gesehen und umgab sich deshalb mit den kleinen Annehmlichkeiten des Lebens, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte.

Er nahm eine halb geleerte Flasche Jack Daniel's vom Kühlschrank, die Whiskeysorte, die sie am liebsten trank. Er selbst trank gar nichts mehr. Er hatte aufhören müssen. Hätte er nicht aufgehört, wäre er heute wahrscheinlich nicht hier.

»Möchtest du einen?«, fragte er.

»Ich möchte dich …«

Er lächelte und spürte, wie seine Wangen prickelten. Sie lächelte ebenfalls und genoss ohne Zweifel die Wirkung, die sie auf ihn ausübte. Kopfschüttelnd drehte er sich zum Kühlschrank um und nahm eine Colaflasche heraus.

In einem hohen Glas mixte ihr Danny einen JD mit Coke, Zitrone und Eis. Sich schenkte er pure Cola ein und leerte das Glas in einem Zug zur Hälfte. Er litt noch immer unter dem Jetlag. Er brauchte eine Stärkung. Die Reise von seinem Wohnsitz auf der Amerikanischen Jungferninsel Saint Croix nach England war der übliche krampferzeugende, dreiundzwanzig Stunden lange Albtraum mit Umsteigen am Flughafen JFK in New York gewesen.

Während er trank, beobachtete er Anna-Maria, wie sie langsam durch den Raum ging und mit den Fingern über die Regale fuhr, die jeden Quadratzentimeter Wandfläche der Kabine einnahmen. Zum größten Teil waren sie mit alten CDs und Schallplatten vollgestopft. Alben von Bob Dylan und Townes Van Zandt. Lieder, die eine Geschichte erzählten. Von der Sorte, die einen aus dem eigenen in das Leben eines anderen Mannes versetzten.

»Es ist gut, wieder hier zu sein«, sagte sie und reichte Danny ein Album von Shawn Mullins, das er ihr vor drei Jahren vorgespielt hatte, als er sie zum ersten Mal hierher mitgenommen hatte.

Er legte die CD in die alte Anlage ein, die zu ersetzen er nie die Zeit fand, entzündete eine Öllampe und schaltete die grelle elektrische Beleuchtung an der Decke aus. Als er bemerkte, dass Anna-Maria ihn in dem flackernden goldenen Licht betrachtete, fragte er sich, was in ihrem Kopf vorging.

Manchmal konnte er überhaupt nicht begreifen, was eine kultivierte Stadtfrau an einem Kerl wie ihm fand. Normalerweise sah sie aus, als wäre sie gerade einer Chanel-Reklame entstiegen, und er, als käme er aus einer heruntergekommenen Kneipe an der Westküste.

Auf Saint Croix trug er normalerweise ausgeblichene T-Shirts und zerrissene Bermudashorts. Sein Kinn bedeckte dann ein Dreitagebart, den abzurasieren er zu faul war, während das struppige blonde Haar ihm in den Nacken hing.

Doch für die geschäftliche Besprechung, wegen der er nach London gekommen war, hatte er sich herausgeputzt. Deshalb stand er jetzt in Jackett, schwarzem T-Shirt und Jeans vor Anna-Maria, und sein Haar war kurz und ordentlich geschnitten.

Sie nahm seine Hände, betrachtete sein gebräuntes, wettergegerbtes Gesicht und schaute ihm schließlich tief in die dunkelbraunen Augen.

»Mein Gott, habe ich dich vermisst«, sagte sie.

Sie sagte es auf Französisch, ihrer Muttersprache, wie sie es gelegentlich tat, wenn sie allein waren, etwas, was Danny ermutigte. Er beherrschte die Sprache bereits fließend. Darin hatte er Glück - er lernte Sprachen sehr leicht. Er wusste aber auch, dass man sich immer verbessern, neue Wendungen und feinere Nuancen lernen konnte. Kleine Dinge, die möglicherweise eines Tages den großen Unterschied ausmachten.

Er blickte in Anna-Marias stechend grüne Augen. Sie war eine schöne Frau, zu interessant, um nur hübsch genannt zu werden. Sie fuhr sich mit den schlanken Fingern durch das kurze rabenschwarze Haar und lächelte, als er sie an sich zog, durch die dünnen Seidenvorhänge schob und auf sein Bett legte.

3

23:46 Uhr, Knightsbridge, London SW7

An das Bett gefesselt sah Oberst Sykow zu, wie die blonde Frau ihren Slip herunterzog und in seine Toilettenschüssel urinierte. Dieses Dreckstück, dachte er.

Er wollte sie umbringen. Er war angeschmiert worden. Sie hatte es darauf angelegt. Das sah er jetzt deutlich. Von Anfang an. Diese Frau - diese Hure - hatte ihn bezirzt, und jetzt saß er in der Falle.

Noch immer schmeckte er das Blut von ihrem Schlag ins Gesicht. Er atmete rasselnd, weil ihm der Schleim in die Luftröhre lief, und nur seine jahrelange Ausbildung verhinderte, dass er in Panik geriet - nein, nicht nur seine Ausbildung, auch seine Wut und sein Rachedurst.

Wer immer sie war, was immer sie wollte, gottverdammt noch mal, er hätte ihr gern mit bloßen Händen die Kehle zerfetzt.

Aber was wollte sie von ihm? Das wusste er noch immer nicht. Der antiken französischen Uhr an der Schlafzimmerwand nach zu urteilen, hatte sie ihn nun genau fünfzehn Minuten in ihrer Gewalt. Während der ganzen Zeit hatte sie ihn keines Blickes mehr gewürdigt.

Er sah zu, wie sie vom Sitz aufstand und sich schamlos mit einem Stück Toilettenpapier sauber wischte. Sie nahm einen Schluck von seinem Mundwasser und spuckte es ins Waschbecken. Erst jetzt, als sie ins Schlafzimmer zurückkam und ihre Handtasche vom Bett nahm, richtete sie den Blick auf ihn. Sie starrte ihn an und schüttelte langsam den Kopf. Was denn? Was willst du, du verrücktes Miststück?

Sie nahm ein Handy aus ihrer Handtasche und wählte eine Nummer. Den Oberst überlief es kalt, als sie - auf Russisch - eine Ziffernfolge laut aussprach: den Zugangscode für den Lift, den sie sich gemerkt hatte, als er ihn in das Tastenfeld eingegeben hatte.

Also arbeitet sie nicht allein, dachte er. Es kommt noch jemand. Noch jemand, der Russisch spricht. Jemand, der weiß, wo man uns findet.

Er verfluchte seine Dummheit. Kein Wunder, dass ihr Dialekt für ihn etwas Osteuropäisches gehabt hatte: Sie kam tatsächlich von dort.

Er dachte an den winzigen Alarmknopf in der Gipsrose an der Wand neben seinem Bett. Er dachte an die geladene Pistole in der Nachttischschublade. Beides konnte er nicht erreichen.

Sykow versicherte sich selbst, dass er überleben würde. Hinter ihm stand die geballte Macht seines Landes. Er war Soldat. Er würde das hier durchstehen, und dann …

Mein Gott, dachte er, als ihm sein Anruf einfiel. Der Anruf in der Botschaft, auf dem »Hazel«, bestanden hatte. Niemand erwartete ihn morgen in der Botschaft. In den nächsten sechsunddreißig Stunden würde ihn niemand vermissen.

Sie zog sich im Stehen an. Dann zog sie seine Brieftasche aus seiner Tasche und ging den Inhalt durch. Ohne etwas herauszunehmen, warf sie sie beiseite.

Also soll ich nicht ausgeraubt werden, folgerte er, doch das tröstete ihn nicht, sondern verstärkte seine Furcht.

Wer kommt? Was werden sie mit mir anstellen?

»Hazel«, begann, seine Nachttischschubladen zu durchwühlen.

Sucht sie nach etwas Bestimmtem?

Er hörte, wie ein Schloss knackte, dann wurde das Schubfach aufgezogen.

»Eine Samozaryadnyj Pistolet Serdjukova«, sagte Hazel auf Russisch, wog die Waffe in der Hand und zog das zweireihige Magazin heraus. »Panzerbrechende 9x21-Millimeter-Munition.«

Sie setzte sich auf die Bettkante und stieß den kalten Lauf der Waffe fest in die Geschlechtsteile des Obersts. Er stöhnte vor Schmerz auf.

»Weißt du, wenn ich dir damit in dein Arschloch schieße«, sagte sie, »reißt es dir die Schädeldecke weg.«

Eine Welle des Entsetzens durchfuhr den Oberst. Nicht etwa weil er glaubte, dass sie den Abzug drücken würde, sondern weil sie so viel über die Waffe wusste. Für ihn gab es keinen Zweifel mehr: Sie war Profi. Militär oder Geheimdienst.

Aber für wen arbeitete sie? Das war die Frage, von der alle anderen Fragen nun abhingen. Für Russland? Ging es darum? Hatte sie mit irgendeiner Spionageabwehroperation zu tun? Verdächtigte man ihn, sein Land zu verraten?

Oder war sie eine Terroristin? Eine Söldnerin für irgendeinen ausländischen multinationalen Konzern? Oder eine Agentin? Im Dienste eines der vielen Feinde Russlands? Plante sie, mit seiner Hilfe Russland auf irgendeine Weise zu bedrohen oder zu unterwandern?

Oberst Sykow hielt den Atem an. Durch die offen stehende Schlafzimmertür hatte er gerade das leise, aber vertraute Summen und Klicken gehört, mit dem der Lift am Empfangszimmer des Penthouses stehen blieb.

Ein Klappern, Stiefelschritte.

»Du tust besser, was sie sagen«, riet Hazel ihm.

Als Erster trat der bärtige Räuber aus dem Café durch die Schlafzimmertür - der, der vor drei Tagen über Sykows Stuhlbein gestolpert war. Heute trug er saubere, neutrale Sportkleidung, als käme er vom Laufen, und hatte das schwarze Haar glatt zurückgekämmt. Er sah den Oberst gleichgültig an, dann rollte er wortlos einen großen Zeltboden aus Plastik auf dem Schlafzimmerteppich aus.

Sykow traten die Tränen in die Augen, als er sich überlegte, wozu der Zeltboden dienen sollte: zum Auffangen von Flüssigkeiten - Urin, Kot, Blut. Damit die Sauerei nicht zu schlimm wurde.

Zwei andere Männer kamen herein. Der eine war Mitte vierzig, groß und kräftig. Er hatte einen blonden, fast weißen Haarschopf mit spitz zulaufenden Koteletten. Er trug einen eleganten dunklen Anzug, als käme er gerade aus einem exklusiven Nachtclub; an seinem Handgelenk hing eine schwere goldene Armbanduhr.

Sein Begleiter war älter, vielleicht sechzig, und hatte schütteres graues Haar. Er war unrasiert, groß und außerordentlich dünn. Er trug eine Nickelbrille und einen blauen Regenmantel, der ihm zu weit war. Schweigend stellte er einen schwarzen Aktenkoffer auf das Bett und begann, unmelodiös zu summen, als wäre er allein im Raum.

Oberst Sykow kannte keinen von ihnen. Das galt jedoch nicht für die Gerätschaften, die der Bebrillte aus den Schaumstofffächern des Koffers nahm: Tupfer und eine gefüllte Spritze. Als der Mann mit dem Zeigefinger gegen die Spritze tippte, stiegen kleine Bläschen in Spiralen nach oben. Eine Ader direkt über der linken Augenhöhle des Mannes begann, langsam zu pulsieren - wie die Kehle einer Eidechse beim Sonnenbad.

»Also?«, fragte die Frau auf Russisch. Sie hatte den jüngeren, blonden Mann angesprochen.

Seine krumme Nase und sein schmales Gesicht verliehen ihm ein raubtierhaftes, falkengleiches Aussehen. Seit er in den Raum gekommen war, hatte er die eisblauen Augen nicht mehr von Sykow genommen. Er hatte nicht einmal geblinzelt.

»Das ist er«, sagte er ebenfalls auf Russisch. »Das ist der Mann, der mein Leben verpfuscht hat.«

Der Kerl kennt mich?, dachte der Oberst. Er zermarterte sich das Hirn, versuchte, sich zu erinnern, wo er ihn schon einmal gesehen haben könnte.

Doch er kam zu keinem Ergebnis. Der Kerl musste einen Fehler begangen haben. Denn diese Augen … dieses Gesicht … sie hatten etwas an sich … eine Fähigkeit zu Brutalität, die … Wer dem einmal begegnet ist, dachte der Oberst, der vergisst ihn nie wieder.

»Ruf an«, sagte der Mann.

Das blonde Mädchen ging mit seinem Handy ins Bad. Der Mann mit der Brille drückte einen winzigen Strahl farbloser Flüssigkeit aus der Kanüle in die Luft. Wie Regentropfen trommelnd landete er auf der Plastikplane.

»Ich empfange ein klares Bild«, sagte das Mädchen.

Der falkengesichtige Mann schnipste mit den Fingern nach dem Bärtigen. Gemeinsam hoben sie Sykow an und schoben den knisternden Zeltboden unter ihn. Dann drückten sie ihn auf die Matratze, während der Bebrillte sich neben ihn kauerte und sein Handgelenk packte.

Der Oberst atmete rasch und flach durch die Nasenlöcher. Schweiß prickelte auf seiner Haut. Er wand sich, als der Mann mit der Brille ihm die Injektion gab. Was spritzt er mir da?, brüllte eine Stimme in Sykows Kopf.

Er wimmerte. Er konnte es nicht unterdrücken. Aus der Nähe sah er, dass das Weiße in den wässrig braunen Augen des Bebrillten einen deutlichen Gelbton zeigte und von geplatzten Äderchen durchzogen war.

Sykow drehte sich der Magen um. Galle stieg ihm in die Kehle.

Der Falkengesichtige packte ihn fest am Kinn und drehte seinen Kopf herum, damit er ihm ins Gesicht sehen konnte.

»Ihnen ist soeben ein SP-17-Hybrid injiziert worden«, sagte er in klarem, gemessenem Ton. Er sah aus wie eine Schlange, die im nächsten Augenblick zustoßen würde. »Ich bin sicher, Sie wissen, was das bedeutet.«

Sykow nickte heftig. Plötzlich war er ganz darauf versessen, alles zu tun, um dem Falkengesichtigen zu gefallen. Und SP-17 kannte er selbstverständlich ganz genau: Es war ein Wahrheitsserum, erheblich wirksamer als das verbreitete Natriumpentothal. Entwickelt worden war es eigens für den russischen Auslandsgeheimdienst SWR, die Sluschba Wneschnej Raswedki.

Aber was hatte das zu bedeuten? Dass der Mann zur SWR gehörte? Und das Mädchen auch? Verdächtigte man ihn, Sykow, des Landesverrats? Waren sie deshalb hier?

»Das Präparat ist für seine Wirksamkeit bekannt.« Die hellen, wachsamen Augen des falkengesichtigen Mannes blinzelten nie. »Aber Sie sind ein außergewöhnlicher Patient. In Ihrer Laufbahn werden Sie Gelegenheit gefunden haben, viele Wahrheitsseren anzuwenden. Möglicherweise vermindert Ihr Wissen die Wirksamkeit der Injektion. Sie könnten versuchen, dagegen anzukämpfen, und hätten vielleicht sogar Erfolg. Deshalb habe ich mich entschieden, Ihnen einen zusätzlichen Anreiz zu geben, in dem Umfang mitzuwirken, auf dem ich bestehen muss …«

Die Gedanken des Obersts überschlugen sich. Sobald die Substanz wirkte, würde sie seine Hemmungen beseitigen und ihm die Zunge lösen. Sie würde ihn in den Zustand eines Menschen mit Albträumen versetzen, eine Hölle des Verfolgungswahns, der Verwirrung und der Angst. Er würde zu reden beginnen und nicht mehr aufhören können. Er bezweifelte, dass er lange dagegen ankämpfen konnte.

Aber was spielte das für eine Rolle? Wenn diese Leute wirklich von der SWR waren - wenn sie deshalb Zugriff auf die Substanz hatten -, dann hatte er nichts zu befürchten. Er war kein Verräter. Er hatte nichts Unrechtes getan.

Trotz flackerte in seinen Augen auf. Sollten sie doch fragen, was sie wissen wollten. Danach würden sie ihn freilassen müssen.

Dann würde er herausfinden, wer ihm diese Tiere auf den Hals gehetzt hatte - und anschließend mit dem oder den Betreffenden abrechnen.

Der Mann mit dem Falkengesicht schnipste wieder mit den Fingern, und das Mädchen kam aus dem Bad und gab ihm das Handy.

»Los«, sprach er hinein, dann drehte er das Display so, dass Sykow es sehen konnte.

Zuerst begriff der Oberst gar nicht, was er sah; das Bild setzte sich aus körnigen grauen und grünen Flecken zusammen. Ein Nachtsichtgerät, begriff er. Ein untersetzter Mann starrte ihn an, ausdruckslos, unbeteiligt. Seine Augen hatten die Farbe eines ausgeschalteten Computermonitors. Er stand im Schatten einer grauen Ziegelmauer.

In Sykows Magengrube breitete sich ein flaues Gefühl aus. Diese Ziegelmauer hatte etwas Vertrautes. Etwas, das ihn mit Entsetzen erfüllte. Der Mann drehte die Kamera von seinem Gesicht weg und zeigte den Haupteingang des Gebäudes.

Sykow versuchte verzweifelt, sich loszureißen.

Seine Tochter. Wie konnten sie es wagen? In diesem Gebäude war Katarinas Moskauer Wohnung. Der Oberst brüllte durch seinen Knebel. Heiße Tränen der Wut rannen ihm die Wangen hinunter.

Ob sie von der SWR waren oder nicht, diese Dreckschweine würden sich noch wünschen, sie wären niemals geboren worden!

Freitag

4

0:43 Uhr, Little Venice, London W9

Danny und Anna-Maria duschten nacheinander. Dann nahm sie auf der Armlehne seines abgewetzten Ledersessels Platz und frottierte sich die Haare, während er ihr Kaffee einschenkte, schwarz mit Zucker, genau wie sie ihn mochte.

Wieder auf dem Bett, rollte sie ihn auf den Rücken und küsste sich an seinem Körper hinunter, wie sie es immer tat, wenn sie ihn eine Weile lang nicht gesehen hatte. Er seufzte, während ihre weichen Lippen die vertraute, langsame Reise begannen, immer den Weg entlang, den seine Narben wiesen. Ihre Berührung war wie ein lindernder Balsam.

Von seinen schlimmsten Wunden - den beiden Fingern, denen die Kuppen fehlten, und der breiten Narbe auf seinem rechten Oberschenkel - hielt sie sich fern, weil sie wusste, dass er sich dort nicht gern berühren ließ.

Er hatte ihr erzählt, er habe sich die Hand verstümmelt, als er als kleiner Junge durch eine Glastür gefallen sei. Auch was die Narbe auf seinem Oberschenkel anging, hatte er sie belogen und behauptet, sie sei ein Andenken an einen Surfunfall; er habe sich an einem Riff vor Saint Croix verletzt.

»Ich verstehe nur nicht, weshalb du sie nicht wegmachen lässt«, sagte sie, während sie die Narbe betrachtete. »Erst vergangene Woche habe ich einen plastischen Chirurgen aus der Harley Street kennengelernt, und er …«

»Nein.«

Er antwortete schroffer als beabsichtigt, aber er hatte das alles schon so oft gehört. Von ihr und auch von anderen. Ihm war es egal, ob die Narbe hässlich aussah oder manchmal schmerzte.

»Stirb nicht«, hatte der Mann gesagt, der sie ihm vor sieben Jahren zugefügt hatte. »Stirb nicht. Ich brauche dich noch.«

Er hatte Danny gebraucht - damit er zusah.

Danny spürte, wie sich seine Stimmung verfinsterte. Er kehrte Anna-Maria den Rücken zu. Er wollte sie nicht sehen. Und er wollte nicht, dass sie ihn sah. Also vergrub er sein Gesicht in den zerknüllten Laken und atmete ihren Duft so tief ein, wie es ging.

Sei hier, sagte er sich. Denk nur an sie, denk an sie, und denk an jetzt. Versuch einfach, an sie und an jetzt zu denken.

Anna-Maria sagte nichts. Sie wartete, bis sich sein Atmen beruhigt hatte. Mit den Fingern fuhr sie ihm sanft über den Nacken, hin und her, immer wieder. Dann drückte sie fester zwischen die Masse aus verknoteten Muskeln, die zu seinen Schultern hinunterführten. Bis er sich schließlich entspannte.

»Wo bist du diesmal gewesen?«, fragte sie.

Ihm war klar, dass sie wissen wollte, weshalb er sie so lange nicht mehr angerufen hatte. »Afrika«, sagte er.

Um genau zu sein, in der Demokratischen Republik Kongo. Er hatte dort zwei Monate des vergangenen Vierteljahres als Berater für eine Sicherheitsfirma gearbeitet.

Anna-Maria bearbeitete weiter seine Schultern. »Weißt du, ich wünschte, ich könnte sie kennenlernen«, sagte sie.

Als sich Danny auf die Seite drehte und hochblickte, bemerkte er, dass sie Sallys Fotografie an der Wand betrachtete. Sally sah darauf wunderschön aus, sie lächelte in der Sonne. Sally, über die Danny Anna-Maria belogen hatte; er hatte ihr gesagt, sie sei bei einem Autounfall umgekommen. Als dieses Foto aufgenommen wurde, hatte bereits ein Kind in ihr zu wachsen begonnen. Ein Sohn namens Jonathan, der jetzt ebenfalls tot war.

Sally war die einzige Frau, in die sich Danny jemals wirklich verliebt hatte, die einzige Frau, von der er geglaubt hatte, er könnte sie jemals wirklich lieben. Manchmal hatte er das Gefühl, er hätte sich in dem Jahr, in dem sie und Jonathan gestorben waren, zum letzten Mal wirklich lebendig gefühlt. Lebendig in dem Sinne, dass er nach vorn geblickt und nicht nur von der Vergangenheit geträumt hatte.

»Glaubst du, du wirst irgendwann noch einmal mit einer Frau zusammenleben?«, fragte Anna-Maria. Diese Frage hatte sie ihm bereits kurz nach ihrem Kennenlernen gestellt. Seine Antwort war immer gleich.

»Nein, nicht bei meinem Beruf.«

Er hatte ihr gesagt, wovon er lebte. Genug jedenfalls, um ihre Neugier zu befriedigen, ohne sich oder sie dabei in Gefahr zu bringen. Er hatte gesagt, dass er früher für die US-Regierung gearbeitet habe, heute aber nicht mehr für sie tätig sei. Er hatte ihr gesagt, dass er heute selbstständig sei und Menschen helfe. Dass er sie aus schlimmen Situationen befreie und versuche, sie vor weiteren Verletzungen zu bewahren.

»Was ist mit dir?«, fragte er. »Du bist immer noch bei ihm, oder? Du hast ihn doch noch immer nicht verlassen?«

Ihren Mann. Er sprach über ihren Ehemann, mit dem sie seit vierzehn Jahren verheiratet war.

»Er liebt mich noch immer«, sagte sie. »Nicht körperlich, ich weiß. Aber mit seinem Herzen. Und auf diese Art bedeutet er mir wohl auch noch immer etwas.«

Und trotzdem sind wir beide hier, dachte Danny. Er empfand einen Stich der Eifersucht. Ihn abzustreiten hatte genauso wenig Sinn, wie so zu tun, als hätte er irgendwelche Rechte.

Sie sprachen noch eine ganze Weile. Darüber, dass sie sich bald wieder treffen würden. Und darüber, ob sie ein ganzes Wochenende miteinander verbringen sollten - in dem gleichen ruhigen Landhotel, das sie schon vor zwei Jahren besucht hatten. Sie hatten so oft so viele Pläne gemacht, und wie wenige davon wurden je in die Tat umgesetzt. Danny wusste, dass es immer an ihm lag.

Ihre Stimme wurde leiser, die Pausen zwischen ihren Sätzen länger. Schließlich war sie eingeschlafen.

Er starrte wieder Sallys Foto an. Wieder spürte er es - wie alles, was er je geliebt hatte, in Fetzen gerissen und zermalmt wurde. Er griff nach seinem Jackett und zog ein anderes Foto aus der Innentasche.

Das Bild zeigte ein kleines Mädchen, das auf einem Spielplatz schaukelte. Sie lachte. Ihr langes blondes Haar war ausgebreitet und flatterte im Wind. In einer Ecke des Fotos konnte man Danny gerade eben erkennen. Er hatte sie an diesem Tag immer höher gestoßen, sich aber stets bereitgehalten, sie aufzufangen, wenn sie fiel.

Lexie. Seine Tochter Alexandra. Seine kleine Prinzessin. Noch immer dachte er so von ihr, obwohl er wusste, wie sehr sie ihn verabscheute. Lexie. Seine einzige lebende Angehörige, sein kostbares kleines Mädchen, das nun fast schon eine Frau war.

Er legte das Foto weg. Anna-Maria wusste nichts von seiner Tochter. Danny hatte vor langer Zeit entschieden, nie wieder zuzulassen, dass die Komplikationen in seinem Leben Lexie beeinträchtigten.

Er zog den Vorhang zurück und blickte aus dem großen ovalen Bullauge. Der Vollmond stand am klaren Sternenhimmel und warf Lichtdiamanten auf die glasige Kanaloberfläche.

Sally und Jonathan waren nun über sieben Jahre tot. Früher einmal hatte er sich nichts anderes gewünscht, als sich zu ihnen zu gesellen. Die Zeit des Zorns und der Verwirrung hatte angehalten, bis er wieder einen Grund fand, leben zu wollen.

Er versuchte, sich auf Lexie zu konzentrieren und sich auszumalen, wie ihr Verhältnis sich eines Tages wieder besserte. Dass er sie im Stich gelassen hatte, würde er sich nie vergeben können.

Bilder von Sally und Jonathan, wie sie am Ende gewesen waren, erschienen vor seinem inneren Auge. Er kämpfte gegen die Panik an, die sich in seiner Brust breitmachte. Er versuchte, nicht an das zu denken, was geschehen war - oder daran, wie viel er verloren hatte.

Aber bald, das wusste er, würde der Albtraum zu ihm kommen. Der gleiche Albtraum, den er jede Nacht hatte. Ein Albtraum, der überhaupt kein Albtraum war. Ein Albtraum, der eine Erinnerung zeigte. Eine Erinnerung, die mit einem Waldspaziergang begann und mit Blut im Schnee endete.

Mit finsteren und entschlossenen Augen starrte er in die Nacht. Alte Augen in einem jungen Gesicht. Wachsame Augen, denen nichts entging.

Er wusste, dass die Welt von Wölfen wimmelte. Gute Hirten waren selten und weit verstreut.

5

1:53 Uhr, Knightsbridge, London SW7

Wieder erbrach sich Oberst Sykow auf die Kunststoffplane. Die Frau riss seine Kiefer auseinander und wischte ihm den Mund mit den Fingern ab, die nun in Plastikhandschuhen steckten. Er versuchte, sie zu beißen und sich loszureißen. Jemand schlug ihm hart auf den Schädel.

Im Kopf des Obersts jagte ein Gedanke den anderen. So schnell, zu schnell, um sie zu fassen, wirbelten sie wie Blätter im Sturm: Was ist los? Warum sind sie hier? Wer sind die Schweine? Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?

Sykow hatte jedes Zeitgefühl verloren. Rücken und Beine waren starr verkrampft. Die Decke und die Wände schrumpften und dehnten sich dann wieder aus, schwammen von links nach rechts. An den Innenseiten seiner Beine lief der warme Urin hinunter.

»Adrenalin«, sagte eine Männerstimme. Sie dröhnte und hallte, als brüllte der Mann in einer Höhle.

Jemand packte Sykow beim Schopf. Ein harter Plastikknebel wurde ihm in den Mund gestoßen und drückte die Zunge fest, damit er sie sich nicht abbeißen konnte. Schmerz schoss ihm durch den Nacken, gefolgt von Klarheit. Eiskaltes Wasser lief ihm über das Gesicht.

Der Mann mit den niemals blinzelnden Augen und dem Falkengesicht kam näher. Als er sich vorbeugte, versuchte Sykow, sich erneut loszureißen. Die Plastikplane unter ihm knisterte, als er noch fester hinuntergedrückt wurde. Eine kräftige Faust packte ihn bei der Kehle.

Hör auf, dagegen anzukämpfen, schrie eine Stimme in ihm. Vergiss nicht: Du hast nichts zu verbergen.

»Jetzt werde ich Sie noch einmal fragen«, sagte der Mann mit dem Falkengesicht. »Und wenn Sie wieder lügen - wenn Ihre Antworten einander irgendwie widersprechen -, dann wird Ihre Tochter zuerst vergewaltigt, dann verstümmelt und schließlich getötet, während Sie zusehen. Dass sie zusehen, dafür werde ich sorgen, indem ich Ihre Lider persönlich festhefte.«

Dieser psychopathische, durchgedrehte Irre … Er sagte die Wahrheit - in dieser Hinsicht bestand für Sykow kein Zweifel. Ich gebe euch, was ihr wollt!, hätte er am liebsten geschrien, aber nur ein Gurgeln durchdrang den blutgetränkten Knebel.

»Ursprünglich wollten wir Sie nur entführen, Oberst«, sagte der Falkengesichtige. »Was Sie wussten, war nicht wichtig. Ihr Rang und Ihre Stellung in der russischen Botschaft hätten uns genügt.«

Der Mann lächelte. Er lächelte wirklich. Es war ein gieriges Lächeln, ein Lächeln aus Hunger, der befriedigt werden wollte.

»Aber als ich mir das Dossier ansah, das meine Leute über Sie zusammengestellt hatten«, fuhr er fort, »fiel mein Blick auf Ihr Foto, und ich entdeckte das hier …« Sykow erstarrte, als der Mann fast zärtlich die tiefe Narbe in seinem Gesicht nachzog. »Und da begriff ich, dass wir uns schon einmal begegnet sind …«

Wieder versuchte Sykow verzweifelt, sich an diesen Mann zu erinnern. Und wieder scheiterte er. Andere Erinnerungen kamen in ihm hoch: der längst tote Junge, dem er die Narbe zu verdanken hatte; seine Tochter als kleines Mädchen, wie sie in seinen Armen kicherte; der Mann vor ihrer Wohnung, der auf den Befehl wartete, sie …

Noch mehr eiskaltes Wasser ergoss sich über sein Gesicht. Der Falkengesichtige sah ihn höhnisch an.

»Sie werden sich schon noch an mich erinnern«, sagte er. »Mein Kollege hier wird dafür sorgen.«

Metall klirrte.

Sykow blickte angestrengt nach links. Der Bebrillte nahm ein Operationsbesteck aus Edelstahl aus dem Arztkoffer. Er legte die einzelnen Instrumente sorgfältig neben dem Kopf des Obersts auf die Matratze.

Sykow versuchte, sich wieder zu befreien, aber die Männer, die ihn festhielten, verstärkten nur ihren Griff. Die Dimensionen des Raumes gerieten wieder ins Schwanken. Der Betthimmel schmolz wie Wachs. Zischender Atem erfüllte die Ohren Sykows.

Die Wirkung des Adrenalins ließ nach, und das SP-17-Hybrid übernahm wieder die Kontrolle. Sykow kniff die Augen fest zu, als kaleidoskopartige Bilder vor ihm platzten wie Flakwölkchen. Er betete darum, das Bewusstsein zu verlieren.

Er verlor es nicht.

»Denken Sie wieder an 1990.« Die Stimme des falkengesichtigen Mannes fraß sich tief in den Schädel des Obersts. »An die Biopräparat-Waffenforschungsanlage, die Sie am 29. April 1990 widerrechtlich mit einem anonymen bewaffneten Kommando stürmten.«

Schlagartig wurde es ihm klar. Ungläubig riss der Oberst die Augen auf. Was? Aber wie kann dieser Mann davon wissen …

Der Falkengesichtige grinste zu ihm hinunter.

»In dieser Nacht haben Sie meine Karriere vernichtet«, sagte er. »Wegen dieser Demütigung bin ich heute bei Ihnen. Aber wichtiger ist, was Sie gestohlen haben. Erzählen Sie mir davon, Oberst. Davon, was Sie gestohlen haben. Und wohin Sie es gebracht haben.«

Nein, dachte Sykow. Alles, nur das nicht …

Denn wie konnte es sein? Was Sykow in der Anlage wollte … was er mitgenommen hatte … Seine bloße Existenz war geheim gewesen, ein Staatsgeheimnis. Nicht einmal die SWR konnte davon etwas wissen. Und niemand - niemand außer Sykows sechs Offizierskameraden, deren Loyalität außer Frage stand - konnte wissen, dass Sykow überhaupt je in solch einen Raub verwickelt gewesen war.

Plötzlich verstand Sykow: Diese Leute gehörten nicht zur SWR. Sie hatten nichts mit einer Regierungsbehörde zu tun. Wahrscheinlich arbeiteten sie nicht einmal für Russland. Wer zum Teufel also waren sie? Was planten sie?

Der Oberst keuchte. Das Wahrheitsserum hatte eine weitere Erinnerung hochgeholt. Eine Erinnerung von vor über zwanzig Jahren. Daran, wo er den Falkengesichtigen schon einmal gesehen hatte.

Das Bild eines fanatischen jungen Offiziers erschien in fotografischer Klarheit vor seinen Augen. Ein entwaffneter, gedemütigter junger Offizier, der vor der Biopräparat-Anlage auf dem kalten, feuchten Beton kniete, in Handschellen - wie der Rest der Wachmannschaft. Der Mann drehte sich um und beobachtete Sykow, wie er in den Lastwagen ohne militärische Kennzeichen stieg und … die Sturmhaube hob, um zu niesen.

Mein Gott, dachte der Oberst. Wäre das möglich? Kann dieser Mann tatsächlich einen Blick auf mein Gesicht erhascht haben? Auf meine Narbe? Vor so langer Zeit?

Der Oberst spürte, wie die Hände, die ihn hielten, fester zupackten und ihn auf die Matratze drückten. Der Mann mit der Brille kam näher und starrte Sykow in die Augen. Mit seinem zusammengepressten Mund sah er aus wie eine hungrige Ratte. In seiner Hand blitzte ein Zahn aus Stahl.

Als der Oberst durch seinen Knebel zu schreien begann, klang es wie Gummi, der kreischend über Asphalt reibt. Es war der Laut des näher kommenden Todes.

6

10:51 Uhr, Mayfair, London W1

Der weiße Ford Transit von VT Media, der am Ende einer kleinen Seitenstraße der Piccadilly parkte, hatte falsche Nummernschilder. Für sie waren Phantomeinträge in die angeblich wasserdichten Datenbanken des Straßenverkehrsamtes und der VT Media Inc. eingeschleust worden.

Erledigt hatte die Aufgabe »Kid«, Danny Shanklins ständiger technischer Beistand. In der vergangenen Nacht hatte er beide Systeme gehackt und dafür gesorgt, dass der Transit ordnungsgemäß als Teil des Wartungsfuhrparks von VT geführt wurde und ein Auftrag vermerkt war, der seinen Aufenthalt erklärte - nur für den Fall, dass jemand es überprüfte.

Im fensterlosen Laderaum des Kleinbusses schwitzten Danny und Kid Seite an Seite, zwischen Funkgerät und Kabelsträngen eingezwängt.

London befand sich im Griff einer Hitzewelle. Der Ausgabe der Sun zufolge, die Kid gehörte, sollte es der heißeste Tag des ganzen Jahres werden.

Die Klimaanlage des Transits war ausgefallen. Das Ärgerlichste daran war, dass die Hinterhofwerkstatt, in der Kid eine exorbitante Summe bezahlt hatte, um die Aufschriften anbringen und die Nummernschilder tauschen zu lassen, sie höchstwahrscheinlich kostenlos repariert hätte.

Kids IQ sprengte alle Skalen, doch wenn es um das Alltagsleben ging, zeigte er eine Neigung, die Dinge schleifen zu lassen. Und so hatte er die Klimaanlage nicht reparieren lassen, weil es ihm damals wohl zu umständlich gewesen war, auf den Defekt hinzuweisen. Oder - wenn man bei Kids Südlondoner Ausdrucksweise blieb - weil er »einfach keinen Bock hatte auf die Scheiße«.

Danny schälte den Deckel von dem Starbucks-Kaffeebecher, den Kid ihm gerade gebracht hatte, und nahm einen Schluck. Er verzog gequält das Gesicht. Der Kaffee war lauwarm, übersüßt und abgestanden. Für Kid war Geschmack offenbar kein Kriterium, denn er trank seinen eigenen Becher in einem Zug leer und rülpste laut. Zweimal.

Kid war fünfunddreißig, einen Meter achtundachtzig groß und wog hundert Kilo, aber er hatte ein Babygesicht ohne Falten und ohne Bartstoppeln. Daher kam sein Spitzname.

Er war bei der British Army und beim Government Communications Headquarters gewesen, dem britischen Nachrichtendienst, der sich mit technischen Methoden zur Informationsgewinnung befasst, und hätte durchaus am MIT oder am Imperial College unterrichten können, wäre das sein Wunsch gewesen. Zu Dannys Glück zog er es vor, für ein paar ausgewählte, gut bezahlende Kontakte auf eigene Faust vor Ort zu arbeiten.

Im Moment stank er nach Zigaretten und hatte eine Fahne. Er trug einen blauen Overall von VT Media mit hochgerollten Ärmeln, die seinen schinkengroßen rechten Unterarm mit dem Tattoo GOTT IST EIN PROGRAMMIERER in kunstvollen altdeutschen Buchstaben entblößte.

»Willst du einen?«, fragte er und hielt Danny eine braune Papiertüte hin, die mit Donuts gefüllt war.

»Danke, Kid, ich habe schon gefrühstückt.«

Anna-Maria hatte Danny ein Omelette an Deck serviert, ehe er das Hausboot verließ. Als er nun eine Spur ihres Parfüms an seinem Hemdkragen roch, empfand er einen Stich der Reue und wünschte sich, er wäre noch dort.

Doch das Gefühl verflog genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Wie ein schöner Traum, aus dem er gerade aufgewacht war und der im hellen Tageslicht keinen Sinn mehr ergab.

Kid wühlte in seiner Papiertüte, ehe er einen Donut mit Schokoladenglasur und bunten Zuckerstreuseln nahm und ein gewaltiges Stück davon abbiss.

»Du weißt gar nicht, was dir entgeht, Alter«, sagte er. Von seinen Lippen schneite der Zucker. »Das ist Manna aus dem Himmel des Junkfoods. Ich hätte gedacht, ein Yank wie du hätte 'n Sinn dafür.«

Kids Stimme klang stets gedämpft, als litte er chronisch an Schnupfen. Danny scherzte gern, er hätte einen guten Nachtmoderator im Radio abgegeben, wenn er nicht so sehr damit beschäftigt wäre, sich zugrunde zu richten.

Zum ersten Mal war Danny ihm vor fünf Jahren in Basra begegnet, als sie dort Leibwächter ausbildeten. Damals hatte Kid noch eine Meile in weniger als fünf Minuten rennen und auf der Hantelbank das Doppelte seines eigenen Gewichtes stemmen können - wozu Danny heute nach wie vor in der Lage war.

Aber in den letzten Jahren, in denen Kid im Privatsektor gearbeitet hatte - und zwar vor allem aus dem Laderaum von Überwachungsfahrzeugen wie diesem heraus -, waren seine Muskeln zu Fett geworden. Diese Wandlung wurde von Kid nicht etwa abgelehnt, sondern begrüßt. Sein Aussehen kümmerte ihn kein bisschen.

»Von der Arbeit, die ich mache, könnte mich das meiste entweder das Leben kosten oder in den Knast bringen«, hatte er einmal zu Danny gesagt. »Das gehört natürlich mit zum Reiz, klar. Aber bis dahin kann ich das Leben doch auch in vollen Zügen genießen, oder? Mich besinnungslos saufen, fressen, spielen und ficken. Denn keiner von uns weiß doch, wo unsere Fahrt endet.«

»Weißt du, in neun von zehn Fällen«, sagte er jetzt zu Danny, »würde ich einen guten Donut einer guten Frau vorziehen.«

Danny konnte nicht anders, er musste lächeln. »Vor dem Dilemma stehst du wohl ziemlich oft, was?«

»Das wäre schön, Alter.« Kid biss nachdenklich einen weiteren Mundvoll ab. »Aber vielleicht heißt das auch nur, dass ich in den falschen Clubs rumhänge.«

»Ich weiß überhaupt nicht, wann ich das letzte Mal in einem Nachtclub war«, sagte Danny.

Er sprach die Wahrheit. Seit er nicht mehr trank, machte es immer weniger Sinn, in einen Club zu gehen.

»Na ja, wenn der Job hier vorbei ist, machen wir einen Zug durch die Gemeinde«, entgegnete Kid. »Dann lernst du wenigstens mal das richtige London kennen!«

»Vielleicht.«

Kids Angebot war nett gemeint, aber Danny bezweifelte, dass daraus etwas würde. Danny wusste nicht einmal, wo Kid wohnte. Genauso wenig wusste Kid von Dannys Wohnungen, von Anna-Maria oder auch nur davon, dass Danny einmal ein verheirateter Familienvater gewesen war. Die Arbeit war schuld, sagte sich Danny. Der Umstand, dass es schmutzige Arbeit war. Die meisten Leute, die er kannte, hielten ihr Privatleben streng davon getrennt, unbefleckt und sauber.

Kid schob sich die rechteckige schwarze Lesebrille, die auf seinem unordentlichen Wust aus Dreadlocks saß, auf die Nase. Geistesabwesend fuhr er mit den Fingern über die Tastatur auf seinem Schoß, als wäre sie eine Art exotisches Schoßtier, und seine Augen zuckten kurz über die Reihe von Monitoren auf der anderen Seite.

»Wer also ist der Job?«, fragte er und schaltete die Bildschirme ab. Er sah Danny direkt in die Augen.

Wer. Wer immer es war, den zu beschützen Danny nach London gekommen war. Oder den wiederzubeschaffen. Denn so ziemlich immer ging es um eines von beidem.

»Hat man noch nicht gesagt.«

»Wer ist man?«

Man. Der Klient. Die Einzelperson oder die Organisation, die für Dannys Arbeit und für das Team, das er hinzuzog, zahlen würde.

»Ich warte noch immer auf Informationen.«

Kid verzog überrascht das Gesicht. Er wusste, dass der Klient schon vor fünf Tagen Dannys Dienste angefragt hatte, denn Danny hatte ihn unverzüglich kontaktiert und in Bereitschaft versetzt.

Dass sich der Klient noch immer nicht identifiziert oder Danny genauer in die Natur des Auftrags eingeweiht hatte, war - gelinde gesagt - ungewöhnlich. Normalerweise hätte Danny mittlerweile kniehoch in Dossiers gestanden, um zu analysieren, wie er am besten das Ergebnis erzielte, das der Klient verlangte.

»Was ist mit Crane?«, fragte Kid.

Crane war Dannys Einsatzvermittler. Früher hätte man ihn Dannys Führungsoffizier genannt, aber diese Bezeichnung war aus der Mode gekommen. Crane war es, der Danny Aufträge verschaffte. Und wie üblich war die Anfrage von Dannys Diensten für diesen speziellen Auftrag über Crane gekommen.

»Er weiß nur, dass der Klient von einer Gewährsperson bei einer US-Regierungsbehörde an ihn verwiesen worden ist.«

Kid verzog das Gesicht vor unverhohlener Verachtung. Selbst vor dem WikiLeaks-Skandal hatte er genug streng geheime Akten und Dateien gekannt, um Regierungsbehörden aller Art mit gesundem Zynismus zu begegnen.

»D

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