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Geheimnisvolle Versuchung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagungen
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel

Über die Autorin

Alix Rickloff schrieb ihren ersten Roman in der vierten Klasse. Dann kam sie allerdings vom Weg ab, studierte nach Beendigung der Schule Europäische Geschichte und Anthropologie und arbeitete im Direktmarketing. 2002 fand sie zurück zu ihrer eigentlichen Bestimmung und entschied sich, Schriftstellerin zu werden.

Auf Alix Rickloffs englischsprachiger Homepage www.alixrickloff.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

 

Für Georgia, die einen eigenen wollte

Danksagungen

Mein herzlichster Dank all jenen, die geholfen haben, dieses Buch zur Vollendung zu bringen.

Den verzweifelten Autoren dort draußen und besonders Maggie, die wie immer über sich hinausgegangen ist.

Kevin Lyon und Megan McKeever, die sich das fertige Manuskript vornahmen und es noch besser machten.

Bethan Davies, die mir zu Hilfe kam, als ich von einem Augenblick zum anderen Walisisch brauchte.

Den wunderbaren Mitgliedern des Beau Monde, die da waren, um all meine Fragen zur Epoche des Regency zu beantworten. Alle Fehler oder Anachronismen sind allein die meinen.

Und schließlich meiner grenzenlos geduldigen Familie für all ihre Unterstützung.

Danke. Danke. Danke.

 

Tief in den Cambrian Mountains, Wales
April 1815

Kilronans Tagebuch war wieder aufgetaucht.

Máelodor pochte mit einem knotigen Finger auf den Brief, als er über die Bedeutung dieser jüngsten Nachricht seines Dubliner Kontakts nachdachte. Seit sechs Jahren war er davon ausgegangen, dass das Tagebuch zerstört worden war, konfisziert während desselben Angriffs der Ambas-draoi, bei dem der alte Earl sein Leben verloren hatte und sein Netzwerk aufgelöst und zerstreut worden war.

Von den Neun, die den inneren Kreis gebildet hatten, war nur Máelodor geblieben. Und er war zu einem Leben auf der Flucht gezwungen gewesen, bis Zeit und Zorn vergingen und die Amhas-draoi neue Beute fanden.

Er schnaubte vor Abscheu vor diesen selbsternannten Hütern der Trennung zwischen Magiern und Sterblichen. Unruhestifter, die ihre Nase in alles steckten, war seiner Meinung nach die richtigere Bezeichnung. Glaubten sie etwa, mit ihrem unsinnigen Schlag gegen die Neun eine ganze Bewegung auslöschen zu können? Sie hatten der Hydra den Kopf abgeschlagen, das war alles. Aber die Empörung schwelte weiter. Verbitterung griff um sich, als jede neue Generation von Anderen sich gezwungen sah, ihr Magierblut in einer Welt des Aberglaubens zu verleugnen. Und da es bei der derzeitigen Engstirnigkeit der Menschheit schlicht unmöglich war, voranzukommen, war vielleicht die Zeit gekommen, die Uhren zurückzustellen.

Zurück zu den Verlorenen Zeiten. Zu einer verschwundenen Welt, in der die Magie regierte und Magier und Andere sich mit Leichtigkeit zwischen dem Reich der Sterblichen und dem der Feen bewegten.

Máelodor warf einen Blick zum Fenster, hinter dem die Sonne durch schmutziggraue Wolken sank, um von den hohen schwarzen Bäumen verschluckt zu werden. Doch vor seinem inneren Auge sah er eine völlig andere Szene. Einen König mit goldenem Haar, dessen wie gemeißelt wirkende Gesichtszüge von Ehrgeiz und von Machthunger geprägt waren. Sein von Magierhand geschmiedetes Schwert fuhr zischend durch die Luft, als er seine Anhänger um sein Banner scharte und seinen rechtmäßigen Platz in einer Geschichte suchte, die ihn zum Mythos degradiert hatte.

Ein seltenes Lächeln glitt über Máelodors Lippen. Falls die Amhas-draoi das Tagebuch übersehen hatten, wusste vielleicht auch die Bruderschaft nicht alles. Möglicherweise bestand ja doch noch eine Chance, das Ziel der Neun zu erreichen. Den Traum zu verwirklichen, der sie verbunden hatte, bis er durch Mord zerstört worden war.

Durch Mord und durch Verrat.

Máelodors Gedanken verdüsterten sich von einem Hass, den die Jahre nicht hatten entschärfen können. Ein Mann hatte alles zerstört. Ein Mann hatte sich sein Leben erkauft, indem er die Neun verraten hatte. Sein Tod würde kein leichter sein, falls Máelodor ihn jemals finden sollte.

»Ruf Lazarus!«

Der scharfe Befehl ließ einen jungen Diener zusammenfahren, aber er zögerte nur sekundenlang, bevor er hinauseilte, um den Mann zu finden, dem Máelodor mehr als jedem anderen zutraute, die Aufgabe zu erfüllen, die in seinem Kopf langsam Gestalt annahm.

Mithilfe seines Gehstocks setzte er sich mühsam auf im Bett und legte seine hölzerne Prothese an, bevor er aufstand. Er durfte nicht einmal einen Anschein von Schwäche erwecken. Autorität beruhte ebenso sehr auf Wahrnehmung wie auf Realität.

Langsam humpelte er auf das Fenster zu. Hier, wo die untergehende Sonne ihn vielleicht mit einer Aura der Helligkeit umgeben würde, wollte er seine Audienz abhalten. An diesem Fenster, wo Máelodors Gegenüber fortwährend das Licht in den Augen haben würde, während seine eigenen zerstörten Züge im Schatten bleiben würden.

Máelodor hatte sich soeben auf seinen thronähnlichen Sessel fallen lassen, als die Tür aufging. Ohne Klopfen und ohne Ankündigung. Später würde er sich den Pagen dafür vornehmen. Ein solcher Fehler würde nicht noch einmal vorkommen.

»Ihr habt mich holen lassen?« Lazarus betrat das Zimmer mit der Geschmeidigkeit eines sich heranpirschenden Tigers. Alles an ihm strahlte Selbstverliebtheit und Verachtung aus, von seiner breitbeinigen Haltung bis zu seiner herablassenden Miene, mit der er, eine Braue arrogant erhoben, seinen unheimlichen Blick durchs Zimmer gleiten ließ. Erst danach wandten sich seine Augen Máelodor zu.

Der konnte sich ein zufriedenes Lächeln über diesen lebenden Beweis seiner magischen Kräfte nicht verkneifen. Es hatte Jahre des Scheiterns erfordert und ihn seine Gesundheit gekostet, aber dann hatte er endlich das Unmögliche erreicht: Leben aus Tod hervorzubringen. »Ich habe eine Aufgabe für dich, Lazarus. Du wirst nach Irland fahren, um ein Buch zu holen und es mir zurückzubringen.«

»Wie Ihr wünscht, oh Großartiger.« Der Mann stimmte widerspruchslos zu, wie es sich gehörte; aber er legte auch wie nebenbei in einer kühnen, einschüchternden Geste eine Hand an seinen Schwertknauf.

Máelodor umfasste seinen Stock noch fester, obwohl er ihm bei einem Kampf zwischen ihm und Lazarus nichts nützen würde. Nur Magie hielt diesen Uralten unter seinem Joch, wie sie es auch bei einem noch viel Überlegeneren täte.

Diesmal würde er sich den Sieg nicht nehmen lassen. Dieses Mal, wenn alles wie geplant lief, würde Máelodor aus den Überresten der Verlorenen Zeiten ein neues, glückliches Zeitalter der Anderen schmieden. Und die Leitung des Ganzen würde der legendäre König Artus übernehmen.

1. Kapitel

Kilronan House, Dublin
Mai 1815

Cat kauerte im Gebüsch unter dem Fenster. Zweige stachen sie an Stellen, die besser unangerührt geblieben wären, und ihr Magen kribbelte vor Unruhe. Aber sie zwang sich, tief durchzuatmen und sich zu entspannen, wie Geordie es sie gelehrt hatte. Es brachte nichts, sich aufzuregen. Es würde eine Sache von Minuten sein, hineinzuflitzen und das Ding zu stehlen. Kinderleicht.

Sie zog sich auf das Fensterbrett hinauf und suchte Halt auf dem rutschigen, moosbewachsenen Granit, wandte ihre Aufmerksamkeit dem Fenster zu und schob das dünne Metall ihres Dietrichs zwischen Fensterflügel und Fensterrahmen.

Cat verkniff sich ein verächtliches Naserümpfen, als sich nach einem bisschen Rütteln und einer Drehung ihres Handgelenks löste, was hier für ein Schloss durchging. Dennoch prägte sie sich diesen traurigen Ersatz für Sicherheit im Gedächtnis ein, während sie sich lautlos in das Zimmer hinunterfallen ließ. Vielleicht würde es sich lohnen, in einer anderen Nacht zurückzukehren. Nicht zu bald natürlich. Aber wenn sie eine Kleinigkeit zum Versetzen brauchte, war es gut zu wissen, wo sich vielleicht ein Vorrat leicht einsteckbarer Wertgegenstände finden ließe.

Sie warf einen raschen Blick um sich. Im Dunkeln waren die Möbel nur noch dunklere Umrisse und Buckel, aber der Schreibtisch war leicht genug zu erkennen – ein großer schwarzer Schatten am anderen Ende des Raums, dem Fenster gegen über, durch das sie gerade hereingekommen war. Aber es waren die vielen Bücherregale, die Cat den Atem stocken ließen und ihren Optimismus dämpften.

War sie verrückt? Was hatte sie sich dabei gedacht, als sie sich erboten hatte, an Geordies Stelle herzukommen? Dies hier war ein Auftrag für einen Fachmann, aber nicht für eine Anfängerin, die über mehr Waghalsigkeit als Geschick verfügte. Wie sollte sie ein bestimmtes Buch finden unter den Hunderten, die sich an allen Wänden vom Boden bis zur Decke türmten?

Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, mit leeren Händen heimzugehen und ihr Scheitern zu erklären, verdrängte die Idee aber fast sofort wieder. Geordie brauchte sie. In all den Jahren, in denen sie zusammen gewesen waren, hatte er so wenig von ihr verlangt, dass sie zum Allermindesten diesen einen kleinen Auftrag ausführen konnte.

Von einem niedrigen Tisch in der Nähe nahm sie eine Kerze und murmelte die entsprechenden Worte, um sie anzuzünden. In den vergangenen paar Jahren hatte sie gelernt, selbst das kleine bisschen Haushaltsmagie zu verbergen, das ihr daheim erlaubt gewesen war. Denn Überleben bedeutete, normal zu erscheinen – als einer der nicht magisch begabten Duinedon durchzugehen in einer Welt, in der es Verfolgung und noch Schlimmeres bedeutete, zu den Anderen zu gehören. Aber Cat war zu sehr in Eile, um sich mit der Suche nach Flintstein und Stahl aufzuhalten. Nicht jetzt, wo eine viel größere und anstrengendere Suche vor ihr lag. Da musste eben auch schon mal Magie herhalten.

Die Sinnlosigkeit ihrer Aufgabe wurde jedoch nur noch deutlicher im Licht der kleinen Kerzenflamme. Hatte sie gesagt, Hunderte von Büchern? Es mussten Tausende sein. Und noch mehr lagen auf Tischen herum, türmten sich auf dem Schreibtisch und waren in Ermangelung von Raum sogar in den Ecken aufgestapelt. Noch nie hatte sie so viele Bücher an einem Ort gesehen. Nicht einmal in der Bibliothek ihres Stiefvaters, dem begehrten Symbol seines neu erworbenen Reichtums.

Cat begann bei den Regalen, überflog Titel und Buchrücken und hoffte wider besseres Wissen, dass das verdammte Ding herausspringen und schreien würde: Hier bin ich! Aber sie fand nichts, das auch nur entfernt der Beschreibung des Tagebuches ähnelte, die Geordie ihr gegeben hatte.

Schließlich ging sie zu den Tischen, hob Bücher auf, blätterte sie durch und legte sie enttäuscht wieder zurück. Stirnrunzelnd, die Hände in die Hüften gestemmt, betrachtete sie das bibliophile Übermaß. Aber das brachte sie nicht weiter. Und die Zeit war ihr Feind. Je länger sie blieb, desto größer war das Risiko, entdeckt zu werden. Sie brauchte einen Einsatzplan.

Wenn sie ein Tagebuch hätte, wo würde sie es aufbewahren?

Wo es mühelos zu finden war. Bei der Hand. Leicht zugänglich. Also im Schreibtisch oder darauf wahrscheinlich.

Sie wandte sich den Büchern auf der Schreibtischplatte zu. Eins war aufgeschlagen. Aber es enthielt nur Spalten und in kleiner, sorgfältiger Schrift zu Papier gebrachte Zahlenkolonnen. Sie blätterte Seite um Seite um und sah immer nur sehr wenig Ertrag am Ende, soweit sie das beurteilen konnte.

Sie schob das Buch beiseite und wandte sich dem nächsten auf dem Stapel zu. Und dem übernächsten. Dem dritten und dem vierten.

Schließlich gab sie auf und begann die Schubladen zu durchsuchen. Rechnungsbücher, Quittungen, Korrespondenz. Sie war schon bei der untersten Schublade auf der rechten Seite angelangt, als sie ein Schloss entdeckte. Der Dietrich musste wieder her. Eine geübte Drehung ihres Handgelenks, und das Schloss gab nach. Und … es sah ganz so aus, als hätte sie es geschafft. In der Schublade lag ein Buch. In einer Schublade, die völlig leer war bis auf dieses Buch.

Behutsam nahm sie es heraus und hielt gespannt den Atem an, als sie es auf den Schreibtisch legte.

War es alt?

Seine Ränder waren zerfleddert, der Einband aus geprägtem Leder glatt und abgegriffen. So weit, so gut.

Eine von einem gebrochenen Pfeil durchbohrte Mondsichel aus Blattgold?

Cat betrachtete das Buch in dem schwachen Licht und drehte es von einer Seite auf die andere.

Hier sah sie einen seltsamen, zu einem dunklen Braun verblassten Schnörkel, aber wenn sie die Augen zusammenkniff, ähnelte er der Zeichnung, die Geordie ihr gegeben hatte.

Und nun der letzte Test. Das Familienwappen der Kilronan.

Cat lächelte, denn das war nicht schwer zu erkennen. Ein Vogel, der mit ausgebreiteten Schwingen auf einem krummen Schwert saß, war in eine Ecke des Einbandes geprägt. Fortuna ventus validus. Das Glück ist bei den Starken.

Latein. Eine geradlinige Sprache, deren Geheimnis sie vor langer Zeit erlernt hatte, obwohl Mutter sie immer scharf im Auge behalten hatte, wenn sie nicht mit Handarbeiten oder ihren Halbschwestern beschäftigt war.

Das war’s dann also. Cat konnte die Süße des Erfolgs schon schmecken.

Aus purer Neugierde begann sie in dem Buch zu blättern.

Ihr Herz schlug schneller, ihr Mund wurde trocken, ihre Kehle eng. Das war kein Latein, was sie hier sah. Es war überhaupt keine ihr bekannte Sprache.

Sie verlor sich in den handgeschriebenen Zeilen auf dem Pergament, in den Schleifen und Windungen der verblassten Buchstaben, die zusammengereiht waren wie Perlen an einer Schnur. Sie prüfte ihre Bedeutsamkeit und Form, die leeren Stellen zwischen ihnen, die ihr in den Kopf sprangen wie Steine in einen Teich, kleine Wellen in ihrem Gehirn auslösten und ihr Echo in der stillen Mitte von ihr fanden. Und nach und nach eine Bedeutung aus dem Unverständlichen erwachsen ließen.

Das war es, wozu sie hergeschickt worden war. Sie würde ihren letzten Penny darauf verwetten, dass sie das Buch gefunden hatte.

Cat strahlte und hätte Luftsprünge machen können vor Freude über ihren Erfolg, als sie das Tagebuch an ihre Brust drückte, als hielte sie einen Säugling in den Armen.

»Haben Sie gefunden, was Sie suchten?« Eine tiefe Männerstimme, unterbrochen durch das Klicken einer Pistole, die entsichert wurde.

Cat erstarrte.

Aidan betrachtete die Frau, als ob er eine seltene neue Spezies vor sich hätte.

Eine Femina Exotica.

Rabenschwarzes, locker aufgestecktes Haar, das eine zarte Kinnlinie betonte. Eine kleine, schmale Narbe an einer ihrer Wangen. Große grüne Augen, die aufgerissen waren vor Panik. Und ein Körper, der unter einer engen Jacke und einer nicht weniger eng anliegenden Hose beunruhigend klar erkennbar wurde.

»Legen Sie das Buch hin und treten Sie zurück vom Schreibtisch!«, befahl er ihr.

Ihr Blick huschte zum offenen Fenster.

»Denken Sie nicht mal daran!« Erschöpfung klang in Aidans Stimme mit. Ihm dröhnte der Kopf von einem langen Tag des Gezänks mit Anwälten, Bankiers und vereinzelten Familienmitgliedern, und der Schlaf winkte wie die offenen Arme einer Geliebten. Der einzigen Geliebten, die er seit mehr Monaten gehabt hatte, als er sich erinnern konnte.

Auch das war etwas, was er schleunigst ändern musste, wenn seine Reaktion auf diese Frau unbegreiflicherweise mehr zu sinnlicher Begierde als zu Zorn tendierte.

Sein Blick fiel auf das Buch, das sie noch immer an die Brust drückte. War es Zufall, dass sie statt glitzernder, verlockender Schmuckstücke diese alten Aufzeichnungen stehlen wollte? Aidan hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass es keinen Zufall gab. Aber noch viel beunruhigender war, dass sie den unverständlichen Text des Buchs sogar zu lesen schien, was bisher kein Buchhändler und kein Gelehrter in Dublin fertiggebracht hatte. Und er musste es wissen, denn schließlich hatte er restlos alle aufgesucht.

Die Frau versteifte sich, und ihr Blick fiel über Aidans Schulter auf irgendetwas oder irgendjemand hinter ihm. Ihre Augen weiteten sich, ihre Lippen formten ein erstauntes »Oh«.

Ein Komplize? Ein Diener?

Aidan drehte sich um. Einen Moment nur ließ seine Aufmerksamkeit nach, aber mehr brauchte es nicht, um Chaos ausbrechen zu lassen.

Ein Buch flog auf seinen Kopf zu und traf ihn am Arm, worauf seine Pistole mit einem Knall losging, der Tote hätte erwecken können. Der Rückschlag erschütterte Aidans Schulter, und seine Augen tränten von dem Rauch.

Die Diebin nutzte diesen Moment, um zum Fenster zu rennen, wo sie sich mit zitternden Fingern und stöhnend vor Verzweiflung hochzog und hinauszuspringen versuchte.

Doch Aidan war mit einem Satz bei ihr, packte sie am Fußknöchel und zog die zappelnde, um sich tretende junge Frau wieder herein. »Netter kleiner Trick«, zischte er.

»Sie sind aber drauf reingefallen, nicht?«, fauchte sie. »Das zeigt, was für ein dummer Kerl Sie sind.«

Ein Knie traf Aidan in der Leistengegend und sandte einen fürchterlichen Schmerz durch seinen Unterleib. Er widerstand jedoch dem Impuls, sich zusammenzukrümmen, weil er erkannte, dass er sich jetzt ernsthaft mit ihr auseinandersetzen musste. Sie war eine Frau, aber sie war gefährlich.

Unter völliger Missachtung seiner Erziehung, die es ihm verbot, Frauen zu misshandeln, versetzte Aidan ihr einen Schlag gegen den Kopf, packte sie am Arm und ignorierte ihren Aufschrei und ihre schmerzverzerrten Lippen. Ihren anderen Arm zog er hinter ihren Rücken und hielt ihn unerbittlich fest, während er ihren Tritten auswich und ihre raffinierten Manöver, ihm zu entkommen, eines nach dem anderen durchkreuzte.

»Seien Sie vorsichtig mit Ihren Beleidigungen!«, warnte er und führte seine Gefangene zu einem Stuhl, auf den er sie nicht allzu sanft hinunterdrückte.

»Ich war vorsichtig«, knurrte sie und rieb sich ihre Oberarme. Weiße Linien hatten sich in ihrem ohnehin schon blassen Gesicht eingegraben.

Ohne Hoffnung, noch entkommen zu können, schien sie in sich zusammenzusacken, und was Aidan vorher von ihrem Gesicht hatte erkennen können, verschwamm auf einmal und verblasste. Was er für grüne Augen gehalten hatte, waren in diesem Licht jetzt blaue, aber ein Kerzenflackern genügte, um die vermeintlich blaue Farbe zu Goldbraun wechseln zu lassen. Und obwohl die Frau anfangs schlank gewirkt hatte, wirkte sie mit ihren hochgezogenen Schultern jetzt viel breiter, und auch ihr Gesicht wurde derber, sodass Aidan an seinem ersten Eindruck zweifelte. Entweder hatte er sich geirrt, oder …

Er blinzelte, und das Bild der Frau setzte sich wie Sand in einem Glas.

Ein fith-fath? Nicht wirklich. War er hier sah, war eine subtilere Verwandlung – eine geschickte Manipulation des Bewusstseins, die das Opfer an seinen eigenen Beobachtungen zweifeln ließ. Was natürlich sehr von Vorteil war in dem Beruf, den sie gewählt hatte.

Aidan packte sie unsanft am Kragen und zog sie näher, bis sie Nase an Nase standen, und versuchte, ihre nur allzu gut erkennbaren Rundungen zu ignorieren. Ihr leichter Lavendelduft stand in markantem Gegensatz zu ihrer jungenhaften Kleidung.

»Wer sind Sie? Antworten Sie, oder ich schwöre Ihnen bei Gott, dass Sie morgen früh vor einem Richter stehen werden!«

Sie schluckte, starrte ihn mit großen Augen an und biss sich auf die Lippe, bevor sie sich seinem Griff wieder zu entwinden versuchte. »Ich wurde beauftragt«, stieß sie hervor.

»Wozu beauftragt?«

Sie schüttelte abwehrend den Kopf.

»Ich fragte, wozu Sie beauftragt wurden?«

Sie schwieg verbissen.

»Na schön! Sie lassen mir keine andere Wahl.« Aidan schleppte die sich wehrende Frau, die wütend ihre Absätze in den Teppich grub, zur Tür. »Was ich nicht von Ihnen erfahre, kriegen Ihre Kerkermeister sicherlich aus Ihnen heraus.«

»Warten Sie! Bitte!«

Er verlangsamte seine Schritte. »Haben Sie sich eines Besseren besonnen?«

»Ich … das heißt … diese Männer … sie würden vielleicht …«

Aidan verzog mit voller Absicht keine Miene. »Das ist zweifellos ein Risiko. Die Kerkermeister in Newgate sind nicht gerade für ihre Ritterlichkeit bekannt. Eine Frau allein …« Er zuckte die Schultern.

Sie wurde kreidebleich.

»Also, was meinen Sie? Werden Sie mir Rede und Antwort stehen oder lieber ihnen?«

Wenn Blicke töten könnten, wäre er schon dreimal tot. »Ihnen«, fauchte sie.

Aidan lockerte seinen Griff. »Ich wusste, dass Sie es so sehen würden wie ich. Nun?«

»Ich wurde beauftragt, ein Buch zu suchen. Ein Buch mit rotem Einband und einem merkwürdigen Bild darauf«, sagte sie schnell, aber mit zittriger Stimme.

»Wer hat Sie beauftragt? Wie ist sein Name?«, beharrte Aidan.

»Er sagte, er hieße Smith. Ich sollte das Buch stehlen und es in St. Patrick’s hinterlassen. Das ist alles, was ich weiß. Ehrlich.«

Mit einem unterdrückten Fluch schob Aidan sie wieder auf den Stuhl zurück. Er hatte zwei Möglichkeiten: Er konnte einen Wachtmeister rufen und den Vorfall als ein Beispiel mehr für Dublins zunehmende Kriminalität abschreiben. Oder er sperrte die Frau in einem fensterlosen Zimmer ein, bis es hell wurde und Tageslicht und ein paar Stunden Schlaf ihm vielleicht helfen würden, sich einen Reim auf eine Situation zu machen, die auf mehr als einen simplen Einbruch hinzudeuten schien. Ein quälendes Gefühl des Unbehagens beherrschte ihn und machte die erste Wahl nicht annehmbar.

»Kommen Sie!« Er riss sie wieder auf die Füße und bezog eine grimmige Befriedigung aus ihrem unterdrückten Aufstöhnen, als sie gegen ihn prallte. »Ich habe den perfekten Ort, um Sie heute Nacht hier festzuhalten.«

Am Arm führte er sie zum Küchentrakt hinunter und bog in einen Gang dahinter ein, der immer schmaler und verstaubter wurde, je weiter sie sich entfernten.

»So, da sind wir«, sagte Aidan schließlich und zog eine quietschende Tür auf.

Die Frau duckte sich, um einzutreten, und sah sich prüfend um. Eine Reihe von Regalen, die bis auf einige nicht zusammenpassende Porzellanteile leer waren. Keine Fenster und nur eine Tür.

Sie umklammerte noch immer ihren Oberarm, als sie sich fragend zu Aidan umblickte und er in diesen beunruhigend schönen grünen Augen die Tränen sah, die sie zu unterdrücken versuchte.

»Sie werden hier die Nacht verbringen«, sagte er kühl und ärgerte sich über das Schuldbewusstsein, das ihm die Brust zusammenpresste, als sei er dabei, ein Kätzchen zu misshandeln oder einem Schmetterling die Flügel auszureißen. Er verdrängte den Gedanken jedoch schnell und knurrte: »Genießen Sie die Unterkunft. Sie wird für eine ganze Weile das Sauberste sein, was Ihnen geboten wird, vermute ich.«

Bevor er es sich anders überlegen konnte, schlug er die Tür hinter seiner Gefangenen zu und legte auf der anderen Seite den Riegel vor. Er hatte es jedoch kaum zur Hälfte durch den dunklen Gang geschafft, als ihm plötzlich eine Idee kam, die ihn derart aus der Fassung brachte, dass sein krankes Bein unter ihm nachgab und er wie ein Betrunkener zu der Tür zurücktorkelte.

Eine irre, dumme, lächerliche Idee, die nie im Leben funktionieren würde. Die gar nicht funktionieren konnte. Aber nachdem der Gedanke sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, ließ er sich nicht mehr vertreiben.

Wenn diese Frau die Fähigkeiten der Anderen gut genug beherrschte, um seine Wahrnehmung verfälschen zu können, wer konnte da schon sagen, wozu sie sonst noch fähig war? Aidan war sicher gewesen, dass er nicht nur Interesse, sondern auch Verstehen in ihren Augen gesehen hatte, als sie das Tagebuch seines Vaters durchblätterte. Etwas, das er für unmöglich halten würde, wenn er es nicht selbst mit angesehen hätte. Aber er hatte richtig gesehen. Eine Diebin, die diese Migräne erzeugende, völlig unentzifferbare Schrift entschlüsseln konnte, die all seinen monatelangen Bemühungen um eine Übersetzung widerstanden hatte.

Aidan zog den Riegel an der Tür wieder zurück, spürte das widerstrebende Nachgeben des uralten Metalls, riss die Tür weit auf … und verhielt abrupt den Schritt. Mit einer ganzen Serie derber Flüche entwich der Atem aus seiner Brust. Himmelherrgott Kruzifix noch mal! Femina Exotica hatte ihr Gefieder abgelegt.

Falls es noch Erbarmen gab auf dieser Welt, sollten die Götter auf der Stelle einen Blitz herunterschicken, um sie in Asche zu verwandeln!

Die Wunde an Cats Arm pochte mit jedem ihrer Herzschläge, während sie nervös mit ihrem Hemd herumhantierte, um ihre Nacktheit zu bedecken. Als sie um den Blitzschlag betete, der der demütigenden Tortur des schockierten Blicks des Mannes ein Ende setzen würde. Seine Flüche klangen ihr noch in den Ohren wie ein Grabgeläut.

Aber es tat sich nichts. Die Götter hörten ihre Bitten nicht. Sie war verloren.

Der Mann fand fast sofort die Fassung wieder. Sein Blick glitt von ihrem blutdurchtränkten Hemd, das jetzt mehr oder weniger ihre Brust bedeckte, zu der brennenden Wunde an ihrem Oberarm, wo die Kugel aus seiner Pistole sie gestreift hatte.

»Sie sind verletzt.«

Seine Feststellung des Offensichtlichen riss Cat aus ihrer Benommenheit. Blitzschnell zog sie das Hemd über, als könnte sie ihn damit vergessen lassen, was ihm gerade noch so offen ins Gesicht gestarrt hatte. Hätte sie ihre fünf Sinne beisammengehabt, wäre sie zu der offenen Tür gestürzt, als er dort gestanden und sie angegafft hatte. Aber diese Chance war ihr entgangen, und inzwischen war er in den Raum gekommen. Seine langgliedrige, hochgewachsene Gestalt blockierte ihr den Fluchtweg, und seine braunen Augen hielten sie wie eine Speerspitze an Ort und Stelle fest.

»Es ist nur ein Kratzer«, sagte sie.

»Ich habe Männer schon an geringfügigeren Wunden erkranken sehen.« Er kniete sich neben sie und löste ihre verkrampfte Hand von ihrem Arm. Sein Duft, eine Mischung aus Pimentöl und Tabak, kitzelte sie in der Nase. »Lassen Sie mal sehen.«

Wollte er so erreichen, dass sie unaufmerksam wurde? Und wenn ja, was dann? Sie versteifte sich in seinem Griff. »Ich bin keines Mannes Hure.«

Seine Augen funkelten. »Fügen Sie nicht noch Dummheit Ihrer Liste der Verfehlungen hinzu!«

Hitze stieg ihr in die Wangen, und ein Gefühl der Demütigung begann die Oberhand über ihre Panik zu gewinnen.

»Haben Sie einen Namen?«, fragte er mit einer widerwilligen Freundlichkeit in seinem Ton.

»Aye.«

Eine lange Pause folgte, die von einem freudlosen Lachen von ihm unterbrochen wurde. »Und wie ist dieser Name, wenn ich fragen darf?«

Wieder errötete sie und spielte mit dem Gedanken, ihm einen falschen Namen anzugeben. Aber das hätte wahrscheinlich wenig Sinn gehabt. »Ich heiße Cat.« Langsam ließ sie ihren Blick über sein strenges Profil gleiten. Augen, die unter schweren Lidern lagen. Eine lange, schmale Nase. Ein markantes, willensstarkes Kinn. Der Mann hätte nicht aristokratischer aussehen können, wenn er eine in Marmor gemeißelte römische Skulptur gewesen wäre. Cat biss sich auf die Lippe und berichtigte sich widerstrebend. »Miss Catriona O’Connell.«

Ein besorgtes Murmeln folgte ihrer Antwort, als er vorsichtig den Streifschuss untersuchte und ein stechender Schmerz durch ihren Arm bis in ihre Finger hinunterschoss. »Sie ist nicht tief, die Wunde. Eine gründliche Reinigung, und Sie werden im Nu wieder auf Diebestour gehen können, Miss O’Connell.«

Die kühle Belustigung in seinem Ton erzürnte sie mehr, als barsche Worte es gekonnt hätten. Was erdreistete er sich? Wer war er, um sie so verächtlich zu behandeln? Hatte er auch nur eine Ahnung, wie es war, immer den Druck von Verzweiflung und Sinnlosigkeit im Rücken zu spüren? Ständig angespannt zu sein? Nervös? Immer auf der Hut vor der einen Sekunde, in der nachlassende Wachsamkeit eine Katastrophe nach sich ziehen könnte?

Wie in seinem Arbeitszimmer.

Cat sprang auf. Der Zorn gab ihr den Mut dazu. »Was kümmert es Sie, ob ich lebe oder sterbe?«, fauchte sie. »Was bedeutet Ihnen schon einer weniger von meiner Art auf dieser Welt?« Furcht, Verlegenheit und Verzweiflung krampften ihr den Magen zusammen.

Ohne sich von ihrem Verhalten aus der Ruhe bringen zu lassen, richtete der Mann sich auf und blieb mit einem tief empfundenen Seufzer vor ihr stehen.

Zum ersten Mal bemerkte Cat die Schatten unter seinen unergründlichen Augen, seine hohlen Wangen und die Bartstoppeln, die sein eckiges Kinn verdunkelten, sowie die roten Tintenflecken an den Fingern seiner linken Hand.

Er rieb sich den Nacken, als dächte er über eine gewichtige Entscheidung nach, und plötzlich erhellte der Anflug eines Lächelns seine dunklen Augen. Oder war es nur der Widerschein der erlöschenden Kerze?

»Sie haben die Situation soweit ganz gut erfasst«, erwiderte er, »obwohl ich hinzufügen muss, dass Ihre Art und die meine vielleicht gar nicht mal so unterschiedlich sind, wenn mich mein Gefühl nicht trügt.«

Lazarus lehnte an der Reling des Postschiffes. Die aufspritzende Gischt schlug ihm wie Nadeln ins Gesicht, während der Seewind ihn beharkte wie eisige Krallen, seine Lungen schier gefrieren ließ und ihm die Haut vereiste. Trotzdem blieb er an Deck, weil er den beengten, überfüllten Frachtraum und die misstrauischen, halb verängstigten Blicke der anderen Passagiere hasste. Sie spürten irgendwie die Wahrheit über ihn, auch wenn sie diese Wahrheit nicht verstanden. Welcher vernünftige Mensch könnte auch etwas verstehen, das über jegliches Begriffsvermögen hinausging?

Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Das schiere Böse.

Jemand räusperte sich hinter ihm. »Der Käpt’n lässt Ihnen sagen, wenn der Wind so bleibt, werden wir in der Morgendämmerung im Hafen sein.«

So schnell? Lazarus erinnerte sich schwach, die Überfahrt von Wales nach Irland in Tagen gezählt zu haben, nicht in Stunden. Aber das war ja auch in einem anderen Leben gewesen. In einer anderen Existenz. Er nickte kurz, ohne sich zu dem Seemann umzudrehen, und hörte dessen unterdrückten Fluch und davoneilende Schritte. Er würde morgen in Dublin sein, wie befohlen das Buch bei Quigley abholen und sich innerhalb von vierzehn Tagen auf den Rückweg zu Máelodor machen.

Als sein Blick über den Horizont glitt, über den schmalen Streifen dunkler Nacht vor dem noch schwärzeren Wasser der Irischen See, meinte er, schon die engen Straßen und Gässchen der irischen Hauptstadt und die Biegung des Liffey sehen zu können. Doch das war eine Illusion. Eine Erinnerung. Das Dublin, das er gekannt hatte, gab es schon lange nicht mehr. Mit der Zeit hatte es sich von einer schmucklosen Festung zu einer ebenso großartigen und lichterfüllten Metropole wie jede andere europäische Stadt gewandelt.

Auch die Männer, die er einst gekannt hatte, waren nicht mehr. Wilim. Grifid. Seine Waffenbrüder, seine Kameraden. Sie waren alle tot. Nichts als ein paar verstaubte Knochen waren von ihnen geblieben, ein paar Fetzen Stoff und verrostete Rüstungen vielleicht.

Mehr hatte Máelodor auch nicht gebraucht.

2. Kapitel

Die Bibliothek enthielt kaum mehr als den Schreibtisch, ein paar bequeme Sessel und eine Lawine von Büchern, die Reste der Sammlungen aus Belfoyle und aus Kilronan House. Überbleibsel aus zahllosen Auktionen und Privatverkäufen, die entweder zu esoterisch oder unbedeutend waren, um den beständigen Strom von Käufern zu interessieren, die nach dem Tod seines Vaters ins Haus gekommen waren. Es hatte Aidan wehgetan, die anderen zu verkaufen und die lebenslange Leidenschaft seines Vaters auf Pfunde und Pennys reduzieren zu müssen. Aber gerade diese blinde Leidenschaft war es gewesen, was die Finanzen der Familie in diese Zwangslage gebracht hatte. Es hatte keine andere Möglichkeit gegeben, als die Bücher zu verkaufen. Alles »Belanglose« war gewissermaßen zu Freiwild geworden.

Cat O’Connells gescheiter Blick schien überall zugleich zu sein, als sie mit zögernden Schritten durch das Zimmer ging und die leeren Wände ohne die auserlesenen Kunstwerke, die sie einst geschmückt hatten, registrierte. Den von seinem kostbarsten Zierrat leer geräumten Kaminsims und all die anderen Stellen im Zimmer, an denen einst wertvolle Familienerbstücke gestanden hatten. Der Rest von Kilronan House sah nicht viel anders aus. Auch er war ein trauriger Zeuge all dessen, was verloren worden war.

Aidan deutete auf einen Sessel am Kamin. »Nehmen Sie Platz, Miss O’Connell!«

»Cat passt schon.«

Sie hatte recht. Cat passte zu dieser Frau, die sich mit einer katzenhaften Anmut bewegte, die durch diese verdammten Männerhosen nur noch unterstrichen wurde. Aidan schüttelte den Kopf. Dem Himmel sei Dank, dass Frauen normalerweise Kleider trugen! Männer würden zu brabbelnden Idioten werden, wenn sie Tag für Tag dem Anblick weiblicher Beine ausgesetzt wären. Die männliche Spezies war dieser Art von ununterbrochener Versuchung nicht gewachsen.

Das Erste, was auf Aidans Liste der zu erledigenden Dinge stand, war etwas, womit sich diese langen Beine und dieser wohlgerundete Po verdecken ließen. Ob das allerdings die Lösung war, war fraglich. Diese Frau bräuchte schon einen verdammten Sack, um ihre verführerische Sinnlichkeit zu tarnen. Aber helfen würde es auf jeden Fall.

»Sie sprechen nicht wie die Diebe, die ich bisher gehört habe«, sagte er zu ihr.

Sie versteifte sich und schob das Kinn vor, als sie trotzig seinen Blick erwiderte. »Und mit wie vielen Dieben sprechen Sie, Lord Kilronan?«

»Nun ja, da haben Sie nicht ganz unrecht, aber meine Frage ist damit nicht beantwortet.«

»Sie haben mir keine gestellt.«

Auch diesen kleinen Sieg gestand er ihr mit einer Handbewegung zu. »Dann lassen Sie mich das gleich berichtigen. Wer sind Sie, Miss O’Connell? Und was tun Sie in meiner Bibliothek?«

Für einen Moment lang drückte ihre Miene Unsicherheit aus. Aber dann verhärtete sie sich zu einem Ausdruck grimmiger Entschlossenheit, und aus porzellanener Eleganz traten die frostigen Gesichtszüge der Diebin hervor, die in sein Haus eingebrochen war und gekämpft hatte wie eine Tigerin. Zwei Seiten einer höchst interessanten Münze, dachte Aidan.

»Hören Sie auf, mich Miss O’Connell zu nennen! Das war einmal. Heute bin ich einfach nur noch Cat – oder was immer ich auch sein muss, um zu überleben.«

»Kein aufgebrachter Vater sucht die Straßen nach Ihnen ab? Kein Bruder mit einer Donnerbüchse und einem Priester im Schlepptau ist hinter Ihnen her?«

Sie presste die Lippen zusammen, bis weiße Linien um ihren Mund erschienen. »Niemand.«

»Auch gut.« Aidan zuckte die Schultern und gab seine Neugier, wenn auch widerstrebend, auf. Eine Einbrecherin, die sich hielt wie eine Königin und sich auch so auszudrücken wusste, steckte voller Möglichkeiten. Aber was ihn anging, so hatte er sein Quantum an Geheimnissen bereits erreicht.

»Und was Ihre Bibliothek betrifft«, fuhr sie fort, »so war ich dort, um zu stehlen.« Sie verschränkte ihre Arme. »Werden Sie jetzt also die Wache rufen oder nicht?«

Er verkniff sich die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, und beschränkte sich darauf, mit »Nein« zu antworten.

Sichtlich verwirrt, aber auch erleichtert, setzte sie sich gerader hin. »Wenn Sie also nicht vorhaben, mich nach Newgate zu schicken, kann ich dann gehen?«

»Noch nicht.«

Sie sank wieder zurück auf ihrem Stuhl.

Die Antworten, die er suchte, waren in dem Tagebuch enthalten. So musste es sein. Warum wäre es sonst versteckt gewesen, statt bei den anderen persönlichen Papieren seines Vaters? Und nicht nur versteckt, sondern zudem auch noch geschützt durch eine Sprache, die jeder Gelehrte, den er aufgesucht hatte, als Kauderwelsch bezeichnete? Das Tagebuch enthielt den Schlüssel, um endlich die Wahrheit über den Tod seines Vaters herauszufinden. Vielleicht enthielt es sogar Anhaltspunkte zu dem Verschwinden seines Bruders.

Und er saß der einzigen Person gegenüber, die diese unmögliche Schrift entziffern konnte. Deshalb konnte Newgate warten. Für den Moment gehörte diese hübsche Diebin ihm.

Aidan trommelte mit den Fingern an sein Bein, während er langsam auf dem Teppich auf und ab schritt und sehr bedachtsam seine Worte wählte. »Ich mache Ihnen ein Angebot.«

Sie zupfte an einem losen Fädchen an ihrem Ärmel, ohne ihren misstrauischen Blick von seinem Gesicht zu nehmen. Und dann, im Bruchteil von Sekunden, verblassten ihre jadegrünen Augen zu Grau. Oder war es Blau? Und ihr Haar – war es dunkelbraun oder von einem tiefen, dunklen Rot? Lockte es sich im Nacken oder war sah es nur so aus in diesem Licht?

Aidan schloss die Augen und zählte bis zehn, bevor er einen Gegenzauber flüsterte. »Visousk distagesh.«

Wie immer drehte sich ihm der Magen um und schien bis in seine Kehle hinaufzusteigen, als hätte er zu viel Wein getrunken. Sowie er die Augen jedoch wieder öffnete, hatten ihre verschwommenen Züge sich wieder gefestigt, und sie schien so entgeistert zu sein, dass sie ihn nur offenen Mundes anstarren konnte.

»Wie haben Sie das gemacht? Das hat bisher noch niemand …« Sie presste die Lippen zusammen, und ein trotziger Gesichtsausdruck legte sich über ihre feinen Züge.

»Ich habe einen nix verwendet, um Ihren Zauber zu durchbrechen. Etwas drastisch, aber wirkungsvoll.« Aidan gestattete sich ein kühles, zufriedenes Lächeln. Gerade dieser Zauber war höllisch schwer zu erlernen gewesen, aber er hatte es geschafft. Nicht, dass Vater besonders beeindruckt gewesen wäre. Es brauchte schon mehr, als einen kleineren Zauber zu beherrschen, um Lob von ihm zu ernten. »Aber ich hatte recht.« Aidan hockte sich auf die Schreibtischkante und nutzte die lässige Haltung, um den stärker werdenden Schmerz in seinem Bein zu überspielen. »Wir haben etwas gemeinsam.«

Ihre Lippen blieben zu einer schmalen, unnachgiebigen Linie verzogen. Sie würde ihn um jeden Zentimeter kämpfen lassen. Na schön. Die letzten sechs Jahre hatte er unaufhörlich kämpfen müssen und beherrschte die Kunst, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, wie niemand anderer, den er kannte. »Sie haben von den Anderen gehört?«, fragte er.

Sie machte eine Bewegung mit ihrem Kinn, die alles Mögliche bedeuten könnte.

Ohne sich von ihrem Schweigen beirren zu lassen, fuhr Aidan ruhig fort: »Männer und Frauen, die sowohl das Blut von Magiern wie auch das von Menschen in sich haben. Was ihre Macht angeht, liegen sie zwischen dem mächtigsten Amhas-draoi-Krieger, dem Fischer, dessen Netze immer voll sind oder dem Künstler, dessen Fähigkeit schon nahezu … magisch zu sein scheint. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, unsere Macht. Denn Sie sind eine der Anderen.« Er ließ eine bedeutungsschwere Pause folgen. »Genau wie ich.«

»Dann sind wir also beide Sonderlinge«, murmelte sie. »Das ist gut zu wissen.«

»Einige mögen uns so nennen«, stimmte er ihr zu. »Aber andere bezeichnen uns als Hexen oder Teufel. Als Geschöpfe der Nacht.«

Sie lachte spöttisch. »Narren, die Stroh statt Hirn in ihren Köpfen haben, und einen Magier höchstens dann erkennen würden, wenn er seinen Hut vor ihnen zöge und sich vorstellte.«

Aidan zog eine Augenbraue hoch. »Sie wissen also, wovon ich rede. Gut. Das macht es leichter.« Er lehnte sich zurück und griff nach dem Tagebuch auf der Schreibtischplatte hinter ihm. Nachdem er es wahllos aufgeschlagen hatte, ging er zu Cat hinüber und drückte es ihr in die Hand. »Lesen Sie.«

Sie fuhr zusammen, ließ ihren Blick aber über die Seiten gleiten. »Ich sagte Ihnen doch schon, ich kann es nicht.« Sie versuchte, ihm das Buch zurückzugeben, aber er war schon zur anderen Seite des Schreibtischs zurückgegangen.

»Und die meisten Leute würden Ihnen das auch abnehmen, nicht wahr?«

Sie zuckte die Achseln und blätterte in dem Tagebuch, das jetzt aufgeschlagen auf ihrem Schoß lag.

»Ich bin aber nicht wie die meisten Leute, Miss O’Connell! Ich denke sehr wohl, dass Sie es lesen können. Ich würde sogar wetten, dass Sie so gut wie alles lesen können, was ich Ihnen vorlege.« Er deutete auf die vollen Bücherregale. »Jedes Buch, egal, in welcher Sprache.«

Sie biss sich auf die Lippe, während ihr Blick und ihre Hände über die Seite glitten, als könnte sie die Worte allein durch den Sichtkontakt mit ihnen deuten. Ihre fein gezeichneten Augenbrauen zogen sich zu einem konzentrierten Stirnrunzeln zusammen, während ihre Lippen stumm die Worte formten. Nach einer Weile blickte sie auf. »Es ist nur ein altes Kindermärchen. Eine Fabel. Ich habe sie oft gehört in …« Sie schluckte, was immer sie auch hatte sagen wollen. »In meinem Elternhaus. In meiner Kindheit, meinte ich.«

Eine Woge der Erregung erfasste Aidan, die seine Haut wie statisch aufgeladen prickeln ließ. Um die wilde Hoffnung, die in ihm erwachte, zu beruhigen, atmete er ganz tief und langsam durch. »Ich bin bereit, über Ihren Einbruch hinwegzusehen und Ihnen darüber hinaus noch eine Stellung anzubieten. So würden Sie ein Dach über dem Kopf haben und drei Mahlzeiten am Tag.« Er betrachtete ihren Aufzug und versuchte, sich nicht vorzustellen, was darunter verborgen lag. Was natürlich gar nicht leicht war, nachdem er es bereits gesehen hatte. »Und dazu noch anständige Kleidung.«

Cat errötete. »Und was müsste ich für diese großzügige Unterstützung tun? Sie haben bereits gesagt, dass ich für Ihre hochherrschaftliche Person nicht akzeptabel bin.« Ihr fester Blick blieb unbeirrt auf sein Gesicht gerichtet.

Angesichts ihres biegsamen, schlanken Körpers und der zarten Linien ihres reizenden Gesichts hätte Aidan seine Meinung revidiert, wenn er nicht hätte befürchten müssen, dass das Cat schneller abschrecken würde als alles andere. Sollte er Talente auf dem Gebiet der Fleischeslust benötigen – und nach seiner beunruhigenden Reaktion heute Nacht zu urteilen war es so –, würde er Jack auf einer seiner nächtlichen Vergnügungstouren begleiten. Sein Cousin hatte das Talent, eine bestimmte Sorte Frauen anzuziehen, eine sehr unbekümmerte, charmante Art, die Frauen unwiderstehlich fanden und Männer zu imitieren versuchten.

Auch Aidan hatte einmal dieses Selbstvertrauen und diese charmante Unbekümmertheit besessen.

Aber das schien ein ganzes Leben her zu sein.

Mit einem Mal wie ausgelaugt, frustriert und mutlos, fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht.

»Sie brauchen nichts anderes zu tun, als dieses eine Buch zu übersetzen. Vom Anfang bis zum Ende.«

»Und wenn ich das tue«, erwiderte sie langsam, als ließe sie sich den Vorschlag durch den Kopf gehen, »werden Sie mich nicht wegen Diebstahls anzeigen?«

»Sie haben es erfasst.«

Versonnen strich sie mit der Fingerspitze das verblasste Muster auf dem Ledereinband des Buches nach. Dann blickte sie plötzlich wieder auf und kam ganz ohne Umschweife zur Sache. »Und was soll mich daran hindern, jederzeit zu verschwinden, wenn ich will? Oder wollen Sie mich in meinem Zimmer an einen Schreibtisch ketten?«

»Nein, natürlich nicht. Sie werden sich innerhalb des Hauses und des Gartens frei bewegen können. Ich werde mich darauf verlassen, dass Ihr Ehrgefühl Sie daran hindert, fortzugehen.«

Sie schnaubte verächtlich, als hätte er ihr gerade die Bestätigung für seine Naivität gegeben. Aber was konnte er schon anderes tun? Er war schließlich kein Kerkermeister. Er hatte ihr das Angebot gemacht und es versüßt, so gut er konnte. Entweder würde sie ihn beim Wort nehmen oder nicht.

»Nun?« Aidan versuchte, die gespannte Erwartung aus seiner Stimme fernzuhalten, denn es war besser, wenn Cat nichts von seiner Verzweiflung ahnte. Seit ihm die Idee gekommen war, hatte sie sich so tief in ihm verwurzelt, dass ein Nein ihm den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

Noch einmal senkte sie den Blick auf das geschlossene Buch auf ihrem Schoß und überlegte, bevor sie langsam wieder aufschaute.

Diesmal brauchte Aidan nicht zu Magie zu greifen. Cats Blick war von Entschlossenheit geprägt, und ihre jadegrünen Augen glitzerten. »Ich muss verrückt sein, aber wir haben eine Abmachung, Kilronan.«

Cat lag auf dem Bett und beobachtete den Tanz der Flammen im Kamin, kämpfte gegen den Schlaf an und wartete, bis die letzten Geräusche, die sie noch hörte, wie das Knacken einer Bodendiele und der Ruf des Nachtwächters, der die Stunde ausrief, nach und nach verstummten.

Wenn dieser Kilronan sich einbildete, er könnte sie mit ein paar armseligen Klamotten und einem warmen Feuer kaufen, hatte er sich schwer getäuscht. Sie war keine Bettlerin, die auf der Straße saß und dankbar jeden Bissen annahm, der ihr zugeworfen wurde. Sie und Geordie verdienten gar nicht schlecht. Und wenn es auch nicht mit dem Luxus zu vergleichen war, den sie verloren hatte, war es doch weder das Elend des Arbeitshauses noch das beengte Leben in einem winzigen Zimmerchen wie während der ersten Monate, in denen sie allein gelebt hatte.

Und was Geordie anging, so war er bestimmt schon sehr beunruhigt über ihr langes Ausbleiben. Sie musste zu ihm zurück und ihm gestehen, dass sie den Auftrag vermasselt hatte. Als endlich alles still wurde im Haus, stand sie auf, zog ihre Jacke und Hose glatt und schlüpfte in ihre Stiefel. Einen Moment lang rieb sie sich nervös die Hände, bevor sie einen tiefen, beruhigenden Atemzug tat.

Und das verräterische Klicken eines Schlüssels im Schloss hörte.

Sie erstarrte, weil sie begriff, dass weder Schreien noch Klopfen Kilronan dazu bewegen würden, sie herauszulassen.

Verdammt!

Jetzt saß sie wirklich und wahrhaftig in der Falle.

Ein Lichtschein und von gedämpftem Lachen unterbrochenes Flüstern weckten Aidan. War Jack schon wieder zurück? Oder hatte er länger geschlafen, als er glaubte? Es kam ihm so vor, als wären erst Minuten vergangen, seit sein Kopf das Kissen berührt hatte.

»Bist du wach, alter Junge?« Bei der von säuerlichem Alkoholgeruch begleiteten Frage drehte sich Aidan der leere Magen um.

Sekundenlang überlegte er, ob er sich schlafend stellen sollte, weil sein Peiniger dann vielleicht aufgeben und sich ins Bett verziehen würde. Aber dann erschien ein glühendes Rot hinter seinen Augenlidern, gefolgt von einer Hitze, die genügte, um ihm die Nasenhaare zu verbrennen, als sein Cousin nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt eine Kerze schwenkte. Wenn er nicht reagierte, brachte dieser bezechte Narr es fertig, ihn in Brand zu setzen.

Und so öffnete er die Augen. »Inzwischen schon. Was willst du?«

Jacks schwankendes Gesicht vor seinen Augen verzog sich zu einem trunkenen Lächeln. »Ich hab dich vermisst heut Nacht. Barbara Osborne war da. Sie hat nach dir gefragt.«

»Hat sie das?«

»Wenn du nicht aufpasst, Aido, wirst du deine Chance bei ihr verlieren. Ganz zu schweigen von der verlockenden Mitgift, Alter.«

Aidan zog sich die Decken über den Kopf. Jacks Gequassel, wenn er nüchtern war, war schlimm genug. War er dazu auch noch betrunken, war es mehr, als er ertragen konnte. »Das spielt alles keine Rolle mehr, wenn Sir Humphrey seine Einwilligung nicht gibt. Er denkt, ich sei nur hinter ihrem Geld her.«

»Und? Bist du das denn nicht?« Aidan hörte Jacks Stimme nur noch gedämpft, aber ein Entrinnen gab es trotzdem nicht vor ihr. »Mit einem bisschen von deiner früheren … Überredungskunst könnten die Einwände ihres Vaters schnell Geschichte sein.«

»Ich soll ihren guten Ruf ruinieren, meinst du?«

»Ich ziehe es vor, es als Einführung in die sie erwartenden Freuden zu bezeichnen.«

Aidan schnaubte und erstickte fast unter den schweren Decken. »Warum führen wir schon wieder diese Unterhaltung?«, murmelte er und tauchte lange genug auf, um seinen Cousin mit einem giftigen Blick zu messen.

Jack zuckte die Achseln. »Ich bin noch nicht müde.« Das Thema wechselnd, fuhr er fort: »Ich hörte, dass du heute Abend ein bisschen Aufregung hier hattest. Wie schade, dass ich sie verpasst habe.« Mit glasigen Augen und einem einfältigen Lächeln im Gesicht strahlte er Aidan an. »Eine Frau war hier, und wie ich hörte, ist sie das noch immer.« Als könnte Cat sich unter den Decken verstecken, ließ Jack prüfend seinen Blick über das Bett gleiten.

Aidan bewegte sich voller Unbehagen bei der Erinnerung an seinen letzten, sehr anschaulichen Traum und blinzelte, um das Bild zweier verführerischer grüner Augen und eines katzenhaft geschmeidigen Körpers zu verdrängen.

Er setzte sich auf, lehnte sich an das Kopfteil seines Betts und fuhr sich resigniert mit einer Hand durchs Haar, weil er wusste, dass er seinen angetrunkenen Cousin nicht eher loswerden würde, bis er Farbe bekannte. »Da ich Miss O’Connell für Übersetzungsarbeiten eingestellt habe, hielt ich es für das Beste, sie vorläufig im Haus zu halten.«

»Für Übersetzungsarbeiten. Gute Idee.« Jack wackelte anerkennend mit den Augenbrauen. »Die muss ich mir merken.«

Es war, wie mit einem nicht zu bändigenden Schäferhund zu reden. Aidan wünschte zum tausendsten Mal, er hätte nicht dem verrückten Impuls nachgegeben, seinen Cousin nach Kilronan House einzuladen. Das war vor zwei Jahren gewesen, in denen Jack es geschafft hatte, aus einem vierzehntägigen Besuch einen permanenten Domizilwechsel zu machen.

Jetzt straffte er sich. »Na schön. Bis morgen früh dann, Aido«, sagte er und wandte sich in Richtung Tür – viel zu schnell zufrieden mit dem Unsinn, den er ihm aufgetischt hatte, fand Aidan. Er hatte mehr neugierige Fragen von seinem Cousin erwartet, ein regelrechtes Verhör, gespickt mit Sticheleien und respektlosen Anspielungen, ja, sogar eine trunkene Tirade. Diese schnelle Akzeptanz war völlig untypisch für Jack.

Die Erklärung dafür traf ihn mit der Wucht eines Rückhandschlags. So schnell er konnte, befreite Aidan sich aus den Decken, rannte durch das Zimmer und schlug Jack die Tür vor der Nase zu, bevor er den Raum verlassen konnte. »Miss O’Connell steht unter meinem Schutz. Sie ist tabu für dich, Ende der Geschichte. Hast du das verstanden?«

Jack machte ein finsteres Gesicht und hielt sich die Fingerspitzen, die nahe daran gewesen waren, von der schweren Tür zerquetscht zu werden. »Ich wollte mich nur vorstellen. Ihr ist vermutlich nicht einmal bewusst, dass sie bei zwei der begehrtesten Junggesellen Dublins wohnt.«

»Oh? Hast du Gäste eingeladen?«, konnte Aidan sich nicht verkneifen zu erwidern.

»Touché.« Jacks Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber sein siegessicherer Blick verriet Aidan, dass er sich nicht beirren lassen würde. »Wie ich hörte, hast du die Kleine erwischt, als sie sich mit Douglasschen Erbstücken davonmachen wollte. Da dürfte sie ja wohl kaum eine Sprachstudentin oder so was sein. Komm schon, Aidan, ich bin nicht blöd!«

»Sie ist eine Andere.« So. Das sollte Jack sich erst mal durch den Kopf gehen lassen. »Und tabu, wie ich schon sagte.«

Jack kratzte sich mit den Knöcheln am Kinn, während er diese Neuigkeit verdaute. »Nun, das verändert die Sache natürlich ein wenig. Dann ist sie also eine Andere. Aber jetzt trotzdem mal im Ernst, Aidan -was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Willst du, dass wir in unseren Betten ermordet werden?«

»Sie ist eine Diebin, keine Mörderin. Und im Augenblick ist sie auch das nicht, sondern meine Angestellte.«

»Bist du sicher, dass sie dir nicht eins über den Schädel geben wird?«, fragte Jack, in dessen glasigem Blick nun ein Anflug von Beunruhigung erschien.

»Das ist doch …«, begann Aidan sich zu verteidigen, aber Diskussionen würden die Unterhaltung nur verlängern, und im Moment brauchte er Schlaf dringender als Jacks Verständnis. »Das lass mal meine Sorge sein. Vergiss einfach, dass sie hier ist, Jack.«

Sein Cousin warf ihm einen zweifelnden Blick zu, aber sein spontanes Nicken wirkte ehrlich. »Na schön. Dann überlasse ich sie dir«, sagte er und ging, enttäuscht wie jemand, dem ein Nervenkitzel entgeht, den Gang hinunter. Nach ein paar Schritten drehte er sich jedoch noch einmal um. »Sie muss etwas Besonderes sein, um dich aus deinem Schneckenhaus hervorzuholen«, bemerkte er mit nachdenklichem Blick.

Aidan schloss die Tür. Seine Hand, die den Türknauf hielt, war weiß um die Fingerknöchel, sein gesenkter Kopf lehnte sich an das massive Holz. Von wegen Schneckenhaus.

Gefängnis!

Aber wenn er sich nicht irrte, hielt Cat O’Connell die Schlüssel dazu in der Hand.

3. Kapitel

Aidan schob die verhassten Rechnungsbücher beiseite, um einen Schluck Tee zu trinken, der jedoch schon so kalt war, dass er das Gesicht verzog.

Aus Gewohnheit war er im Morgengrauen aufgestanden und hatte die ersten Tagesstunden mit den labyrinthischen Biegungen und Windungen seiner finanziellen Situation verbracht. Erst im vergangenen Jahr hatte seine Sparsamkeit sich ausgezahlt, und endlich überstiegen seine Einkünfte den Berg seiner ererbten Schulden. Aber nach wie vor betrachtete er das nicht als selbstverständlich. Denn genauso, wie der Reichtum sich vermehrte, konnte er auch wieder schwinden.

Eine vorteilhafte Verbindung mit einer Frau von Stand und Vermögen würde sechs Jahren heftigen Kampfs den letzten Stempel aufdrücken. Und Barbara Osborne passte wunderbar in diese Kategorie hinein. Sir Humphrey erregte sich zwar darüber, dass seine einzige Tochter ihre Chancen wegen eines verarmten Earls wegwarf, dessen Familie seit Generationen den Ruf besaß, nicht ganz bon ton zu sein. Aber ein Titel, egal wie befleckt, war immer noch ein Titel, und ein Baron durfte nicht allzu penibel sein, wenn eine Gräfinnenkrone auf dem Spiel stand.

Andererseits konnte Aidan jedoch auch nicht voraussetzen, dass Barbara ihn favorisierte. Blumen und ein kurzes Briefchen, in dem er sein Bedauern darüber äußerte, am Vorabend anderweitig zu tun gehabt zu haben, würde viel dazu beitragen, ihm auch weiterhin seinen Platz in ihrem Herz zu sichern. Frauen liebten solche Dinge. Sowie er sich dazu entschlossen hatte, zog er ein Blatt feines Briefpapier aus der obersten Schreibtischschublade und fragte sich, an seinem Federhalter kauend, was er dem Gegenstand seiner Verehrung schreiben sollte.

Ein diskretes Hüsteln unterbrach seine Gedanken.

Cat O’Connell stand zaudernd auf der Schwelle. Ihre Haut war blass wie Marmor, glattes schwarzes Haar umrahmte ihr schmales Gesicht, und eine schon fast magere Gestalt vertuschte eine unbeugsame Zähigkeit, die er aus eigener schmerzlicher Erfahrung kannte.

In einem geliehenen Kleid, dessen Oberteil zusammengesteckt worden war, sah Cat aus wie ein Kind, das sich mit den Kleidern seiner Mutter kostümierte. Aber nicht wie irgendein x-beliebiges Kind. Stolz und Selbstvertrauen verrieten sich in jeder Linie ihres schlanken Körpers und funkelten herausfordernd in ihren grünen Augen.

Aidan schob das unbeendete Briefchen beiseite, als könnte er so auch seine ihm unangenehme Reaktion auf ihre Erscheinung von sich schieben. Sein vorübergehendes Unbehagen verbarg er mit einem raschen Blick zur Uhr. »Ich begann mich schon zu fragen, ob Sie es sich anders überlegt hatten.«

Sie hatte seinen Blick zur Uhr gesehen. »Ich habe verschlafen«, erklärte sie widerwillig und in einem Ton, der ihn dazu herausforderte, etwas dazu zu sagen.

Aidan entgingen nicht die leichten Schatten unter ihren großen Augen und die kalkige Nuance ihrer ohnehin schon blassen Haut. Dachte sie etwa, er würde wegen ein paar Minuten Verspätung schimpfen? Er missgönnte niemandem eine traumlose Nacht. Dafür hatte er selbst zu wenige gehabt in all den Jahren. Aber vielleicht konnte er mit Cats Hilfe eine Antwort auf die Fragen finden, die seinen Schlaf seit Langem störten.

Was hat Vater so angestrengt zu verstecken versucht?, fragte er sich mit einem Blick auf das Tagebuch am Rande seines Schreibtischs. Offensichtlich etwas von Bedeutung. Warum sonst wäre Cat wohl hierher geschickt worden, um es zu stehlen? Dafür konnte es nur zwei Gründe geben. Entweder wollte es jemand lesen – oder er wollte verhindern, dass es gelesen wurde. »Haben Sie schon etwas gegessen?«, fragte er.

»Eine Kleinigkeit in der Küche.« Ein spitzbübischer Glanz erhellte ihre Augen. »Die Dienstboten dort haben mit Argusaugen jede meiner Bewegungen verfolgt. Ich glaube, sie dachten, ich würde das Silber stehlen, wenn sie auch nur blinzeln.«

Aidan lachte, was erstaunlich laut klang in diesem Ehrfurcht gebietenden Grab von einem Raum. »Und? Haben Sie es getan?«

Ein Schatten fiel über ihr Gesicht, das Licht in ihren Augen erstarb. »Ich treibe kein doppeltes Spiel mit Ihnen, Kilronan. Und ich breche auch nicht mein Wort.«

War das eine Beschuldigung? Eine verhüllte Anspielung auf ihre verschlossene Tür? Er hatte sie auf frischer Tat ertappt, da konnte sie sich wohl kaum beklagen, wenn es ihm an Vertrauen mangelte. »Sie haben nur versprochen, zu bleiben und mir bei dem Buch zu helfen. Mich währenddessen zu bestehlen oder nicht, hat nie zu unserer Abmachung gehört.«

Sie blinzelte und kaute an ihrer Unterlippe, eine Eigenart, die ihm in den wenigen Stunden ihres Zusammenseins schon vertraut geworden war. Dann griff sie mit einer ungewollt aufreizenden Bewegung in das lose Oberteil ihres grünen Musselinkleids und zog einen Teelöffel hervor, den sie so vor ihn auf den Schreibtisch legte, dass er wie ein Pfeil in seine Richtung zeigte.

»Haben Sie sonst noch was darin? Den Rest des Gedecks? Oder die silberne Teekanne vielleicht sogar?«

Ihre Augen, die sie unter gesenkten Wimpern verbarg, lieferten ihm keinen Hinweis auf ihre Gedanken. »Platz hätte ich dafür, glaube ich. Aber die Antwort ist trotzdem Nein. Da drinnen ist nichts mehr außer mir.«

Wäre er noch der junge Bursche gewesen, der London wie ein einziges Spiel betrachtet hatte, hätte er sie mit frivolen Anspielungen geneckt. Wäre er der undisziplinierte Lebemann gewesen, der mit jugendlichem Überschwang, den sein älteres Ich verachtete und beneidete, von Eroberung zu Eroberung und Bett zu Bett gehüpft war, hätte er sie charmant gebeten, ihre Unschuld zu beweisen.

Seine Haut prickelte, als wäre sie plötzlich zu eng für seine Knochen, und ihm wurde so heiß, dass sich ein dünner Schweißfilm über seine Schultern legte. Die verkrampften Muskeln in seinem wehen Bein pochten im Gleichklang zu dem Pumpen seines Herzens.

Aber er tat nichts von alldem, was er früher vielleicht getan hätte. Er stand nur auf, wobei er sich so alt vorkam wie die Bücher, die ihn umgaben, und klopfte sich die Krümel des Frühstücks von der Hose. Noch immer ohne etwas zu sagen, führte er Cat zu einem Stuhl und überreichte ihr das Tagebuch.

Cat versuchte, nicht an die demütigende Herausgabe des stibitzten Teelöffels in ihrem Oberteil zu denken. Oder an den unerklärlichen Impuls, der sie den Diebstahl hatte gestehen lassen, noch bevor sie überhaupt beschuldigt worden war. Was hatte sie sich dabei gedacht, in ihrem Mieder herumzuhantieren, als grübe sie nach Gold? Hatte sie seine Ehre auf die Probe stellen wollen? Oder er die ihre? Und wer hatte gesiegt?

Es war nur ein winzig kleiner Zwischenfall gewesen, doch aus irgendeinem Grund erhärtete er die Abmachung zwischen ihnen wie ein Vertrag.

»Warum ist es so wichtig, zu wissen, was in dem Buch steht?«, fragte sie. Dass Sie sich dazu herablassen, mit einer Diebin Tauschhandel zu treiben, hing unausgesprochen zwischen ihnen.

Kilronan fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, rötlich braunes Haar, und Cat ertappte sich dabei, wie fasziniert sie von dem gebräunten Gesicht unter den schön geschwungenen Augenbrauen, den scharf blickenden Augen und strengen, kantigen Zügen war. Sein ganzes Verhalten war das eines Mannes, der in ein Leben voller Privilegien und Macht hineingeboren war. Er hielt sich sehr gerade, strahlte eine Menge Selbstvertrauen aus und schien sich richtig wohlzufühlen in seiner Haut.

Etwas, dass Jeremy trotz all seines Reichtums nie hatte erlangen können.

Nur Kilronans schlichter Rock und seine Lederhose, der Zigarillogeruch, der in seinen Kleidern hing, und die Klugheit seiner scharfen Augen deuteten darauf hin, dass dieser Earl etwas anderes sein könnte als der typische, verschwenderische Bonvivant, der seine Tage in gepflegter aristokratischer Langeweile verbrachte. Und seine Nächte zwischen den Beinen seiner neuesten Mätresse.

Ein Schauer der Erregung – oder Vorahnung – durchlief Cat, und ihr war, als schlitterte sie aus einer lediglich gefährlichen Situation in eine Katastrophe.

»Warum? Weil das Buch meinem Vater gehörte«, antwortete er. »Ich fand es unter seinen persönlichen Dingen, nachdem …« Er ging zum Fenster und schob die Gardine beiseite, um einen Blick hinauszuwerfen. Dann wandte er sich ihr wieder zu. »Mein Vater wurde ermordet, Cat. Vor sechs Jahren von den Mitgliedern des Amhas-draoi. Haben Sie von ihnen gehört?«

»Sie sind Soldaten der Kriegerprinzessin Scathach und Hüter der Trennung zwischen Mensch und Magier.« Cat hatte einmal einen Amhas-draoi gesehen, und wenn auch nur aus der Entfernung. Er war ein Hüne von einem Mann gewesen, mit den starken Muskeln eines Kämpfers und einem Blick wie ein Rasiermesser, der ebenso sehr Gewalt wie auch Magie ausstrahlte. »Was hat der verstorbene Earl getan, um den Zorn der Amhas-draoi zu erregen?«

Kilronan durchquerte das Zimmer mit einem seltsam schleppenden Gang, als verliefe ein unsichtbarer Draht von seiner Wirbelsäule in sein Bein. Bei ihrer Frage blieb er jedoch stehen. »Getan?« Er hielt inne, als überlegte er, was die beste Antwort darauf war.

Cat legte fragend den Kopf ein wenig schief, aber Aidan führte den Gedanken nicht zu Ende. Stattdessen zog er einen Zigarillo aus der Tasche und zündete ihn am Kaminfeuer an. Nach einem langen, tiefen Zug daraus warf er ihn achtlos wieder in das Feuer. Als er sich wieder aufrichtete, verlor sich seine Erbitterung, oder jedenfalls bis auf den grimmigen Blick in seinen Augen. »Ich habe alles verloren in der Nacht, in der mein Vater ermordet wurde.«

»Bis auf Ihren Titel. Ihren Besitz, Ihre Einkünfte …«

»Ein schwacher Trost, als ich mitansehen musste, wie meine Familie auseinanderbrach«,

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